Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und unmittelbare Vorgeschichte. 3
2 Die Schlacht von Fontenoy 5
3 Der Vertrag von Verdun. 9
3.1 Die Bücher des Nithard 12
3.2 Die Annales Fuldenses 14
3.3 Die Annales Bertiniani 16
3.4 Die Annales Xantenses. 17
4 Die Auswirkungen des Vertrages. 18
5 Gesamtinterpretation und abschließende Zusammenfassung 19
6 Quellen und Literatur 21
6.1 Quellen 21
6.2 Literatur. 21
2
1 Einleitung und unmittelbare Vorgeschichte
Der Tod Ludwig des Frommen leitete eine neue Phase in der karolingischen Reichsgeschichte ein. Denn mit dem Ableben des Ludwigs am 20.06.840 starb nicht nur ein fränkischer König und Kaiser, sondern auch die Idee der Reichseinheit. Wie bereits sein Vater und Großvater hinterließ er dem Frankenreich eine Schar von Erben, welche alle ihre Ansprüche und Positionen verteidigen wollten. Folglich dem alten fränkischen Erbgesetz Chlodwigs, der den Besitz unter seinen Erben (Söhnen) teilte, wurde auch weiter geteilt. Doch war es bis dahin nur zu kurzweiligen oder gar keinen Teilungen gekommen. Jedoch hatten divisio regnorum und ordinatio imperii Schule gemacht. Aber dennoch waren diese Teilungen nicht das Ende des Frankenreiches gewesen, sondern vielmehr nur eine Teilung der Hausherrschaft der Karolinger. Bei diesen Teilungen entstanden Binnengrenzen, die aber nicht von langer Dauer waren und oftmals mit dem Aussterben der jeweiligen Linie wieder verschwanden. Denn es bestand immer die Option der Wiedergewinnung dieser Gebiete im Sinne der Idee der Reichseinheit. Die Abhängigkeit der mittelalterlichen Herrschaftsverhältnisse vom Grundbesitz führte dazu, dass der Erbgedanke über den Bereich des Privatrechtes hinaus bis in das Erbrecht der Dynastie verfolgt wurde. 1 Von seinen Söhnen entmachtet und gestürzt, erlebte Ludwig der Fromme die inneren Kämpfe um das Reich nur in Gefangenschaft und konnte dann selbst nicht mehr aktiv in die Nachfolgereglungen eingreifen. Seine Söhne hingegen, Lothar voran, horteten die Macht. Lothar ließ sich zum Kaiser machen, da die Bischofsversammlung, welche sich seit 829 ein Aufsichtsrecht über den Kaisertitel zuschrieb, ihm bestätigte, dass der ehemalige Kaiser Ludwig dieses Amt nur unzulänglich verwaltet habe. 2 Aber auch Karl der Kahle und Ludwig der Deutsche wollten sich nicht nur auf ihre Unterkönigtümer beschränken lassen. Lothar wollte nämlich das Reich nach der Ordinatio Imperii von 817 aufteilen, jedoch hätte dies eine territoriale Rückstufung Ludwigs und Karls bedeutet, die sie nicht mehr gewillt waren einzugehen. Lothar konnte sich jedoch mit seiner Politik nicht durchsetzen. Und so kehrte Ludwig der Fromme, nachdem Lothar mit seinen Gefolgsleuten geflohen war, wieder auf seinen Thron zurück. Am 01.03.834 wurde Ludwig der Fromme erneut in die Kirche aufgenommen, mit den Reichsinsignien geschmückt und als Kaiser wieder anerkannt. Lothar hingegen wollte und konnte sich nicht geschlagen geben. Und wohl auf Druck seiner Anhänger brachen offene Kämpfe aus. Die militärische Macht seiner Brüder und seines Vaters jedoch konnte er nicht überwinden. Um schließlich seine
1 Eichler, Hermann: Die Gründung des Ersten Reiches. Ein Beitrag zur Verfassungsgeschichte des 9. und 10. Jahrhunderts. Berlin 1942, S. 7.
2 Schieffer, Rudolf: Die Karolinger. Köln 2000, S. 133. Dieser Vorgang zeigt den unglaublichen Substanzverlust der monarchischen Autorität keine 20 Jahre nach der Herrschaft Karl des Großen.
3
Herrschaft über Italien zu wahren, unterwarf er sich und durfte dadurch Italien nicht mehr eigenmächtig verlassen. 3 Doch war die innere Schwäche des Frankenreiches auch zu einer äußeren Schwäche geworden. Vor allem die Nordmänner (Dänen und Schweden) fielen immer wieder in das Reich ein. 4 Im Jahre 834 auf dem Höhepunkt der karolingischen Familienfehde steigerte sich ihre Aggressivität von Sommer zu Sommer. Friesland wurde immer wieder Opfer ihrer Raubzüge oder sie fuhren plündernd und verwüstend den Rhein hinauf. Doch hatten die Jahre 829/830 und das Krisenjahr 834 Ludwig dem Frommen nur bewiesen, dass die Reichseinheit nach seinem Tod keinen Bestand mehr haben würde. Die Ansprüche seiner Söhne und ihrer jeweiligen Großen waren zu verschieden gewesen. Im Jahre 839 versuchte er seine Söhne ein letztes Mal territorial zu befriedigen. Er teilte Ludwig zu seinem bayerischen Pflichtgebiet französische Landteile zu. Der junge Karl erhielt auf Bestrebungen seiner Mutter Judith Westfranzien und Lothar wählte Italien. Als Ludwig 840, wie schon oben erwähnt, starb hinterließ er zwar ein nach außen einiger Maßen gefestigtes Reich, das jedoch innerlich stark kränkelte. Das nach nur knapp zwei Jahrzehnten der Herrschaft Karls des Großen die Macht des Kaisers so abgesunken war, hatte viele Ursachen. Ein Problem des Frankenreiches war seine Vielfalt gewesen. Karl der Große hatte es verstanden kulturelle, sprachliche und territoriale Grenzen zu überwinden, indem er den einzelnen Stämmen ihre Identität ließ, sie sogar ermutigte ihre Geschichte zu erkennen. Aber dennoch festigte er seine Herrschaft durch umfangreiche Vergabe von Lehen und verwurzelte dadurch die fränkische Herrschaft in jenen Gebieten. Ebenso überwand man die kulturellen und sprachlichen Grenzen des Westen und des Ostens durch das Gefühl der gemeinsamen fränkischen Abstammung, das mehr wog als jedes Vasallentum. Dieses Gemeinschaftsgefühl wurde jedoch durch die ständige Expansion und damit mit der Eingliederung Bayerns, Thüringens und Sachsens in Ungleichgewicht gebracht. 5 Diese neuen Vasallen, die vor allem Ludwig im Osten zu nutze waren, veränderten die Machtverhältnisse und Konstellationen im Reich. Dadurch konnte er seine Herrschaft über ganz Ostfranzien 6 ausweiten, so dass sein Gebiet ab 839 ein eigenständiger Staatskörper war, der nie mehr richtig im Fränkischen Reich aufging. Ein weiteres Problem war Ludwig der Fromme. Durch seine Schwäche zu regieren bzw. durch seine Unfähigkeit selbst, konnten seine Söhne und der Adel so erstarken. Zwar handelte er in der karolingischen Tradition der Erbteilung, doch war es ihm nicht möglich die
4 Bugge, Alexander: Die Wikinger. Bilder aus der Nordischen Vergangenheit. Lund 1904, S. 28 ff.
5 Mayer, Theodor (hier als Verfasser): Der Vertrag von Verdun 843, in: Mayer, Theodor (Hrsg.) Der Vertrag von Verdun 843. Neun Aufsätze zur Begründung der europäischen Völker -und Staatenwelt. Leipzig 1943, S. 17.
6 Abgesehen von den immer wieder aufflackernden Aufständen bei den Sachsen, die unteranderem auch von Lothar entfacht wurden.
4
Reichseinheit aus eigenen Kräften zu bewahren. Durch Eroberung hatte Karl der Große sein Reich regiert und vergrößert, nachdem diese dann stagnierte, hielt er das Frankenreich durch seine Autorität und Person zusammen. Alles dieses gelang seinem Enkel Ludwig nicht mehr. Die vielen Aufgaben die an ihn und das Frankenreich gestellt wurden, war er nicht in der Lage zu lösen. Im Süden waren es die Sarazenen, im Osten die Slawen und im Norden die Dänen, Schweden und Norweger, die das Imperium bedrohten. Im Innern war es der Machtkampf seiner Familie, der das Reich auf eine Zerreißprobe stellte. Die dadurch entstandenen Unterkönigtümer waren das Resultat der Schwäche der Zentralgewalt Ludwig des Frommen gewesen. 7 Sein Tod und sein Begräbnis waren dann auch bezeichnend für seine Herrschaft. Keiner seiner drei Söhne war bei der Bestattung in der Metzer Kirche des Familienheiligen Arnulf anwesend. Einzig sein bischöflicher Halbbruder Drogo, der letzte Erzkaplan dieser Kirche, beerdigte ihn neben seiner Mutter Hildegard. Es gab viele Gründe für die Einleitung dieser entgültigen Reichsteilung, die dann nahtlos in den Bruderkrieg überging. Doch muss zum Schluss festgehalten werden, dass es vor allem die Unfähigkeit der fränkischen Oberschicht war in den Dimensionen des Karlsreiches zu denken und in einer stabilen Monarchie die grundlegende Vorraussetzung und Rahmenbedingung für ihre Herrschaft zu sehen. 8 Vor allem die Großen des Frankenreiches haben später ihren Einfluss und Druck auf ihre jeweiligen Herren ausgeübt und schließlich den Teilungsprozess des Reiches entscheidend beschleunigt und beeinflusst. In der Schlacht von Fontenoy wurde dafür die Saat ausgebracht.
2 Die Schlacht von Fontenoy
„Der Frührots erster Strahl das Dunkel der Nacht zerriss, Da wurde Macht gegeben dem Fürsten der Finsternis. Kein Sabbat war’s der graute: gebrochen der Brüder Bund, Mit wildem Hohngelächter frohlockte der Hölle Schlund. Dröhnend aller Enden der Hall der Hörner gellt, Vom Schlachtgeschrei der Gegner erzittert rings das Feld, Zum Todeskampf sind Brüder, sind Neffe und Ohm entbrannt, Frevelnd wider den Vater erhebt der Sohn die Hand.“ 9
7 Mayer, S. 18.
8 Schieffer, S. 138.
9 MGH Poetae II, S. 137. Zitiert nach: Tellenbach, Gerd: Die Entstehung des Deutschen Reiches. München 1946, S. 74.
5
Die Klage dieser Worte, die der fränkische Dichter Angilbert aufschrieb, nachdem er als einziger seiner Schar diese Schlacht überlebt hatte, sind bezeichnend für diese damalige Tragödie. Am 25. Juni 841, also fast ein Jahr nach dem Tod Ludwig des Frommen, kämpften Franken gegen Franken und keine Freundschafts-, keine Blutbande galten noch etwas. In dieser Schlacht kämpften zwei Koalitionen gegeneinander. Auf der einen Seite die vermeintlichen Reichsverweser Ludwig und Karl, auf der anderen Seite die angeblichen Reichsretter Lothar und Pippin II., der eilends versuchte sein Erbe Aquitanien vor Karl zu retten. Mit der Schlacht von Fontenoy starb auch die Idee der Reichseinheit endgültig und leitete damit die letzte Stufe des Auflösungsprozesses des Frankenreiches ein. Denn die Blüte der fränkischen Adelskrieger und damit das eigentliche Reichsheer, welches bis dahin das wichtigste Machtinstrument des Königtums gewesen war, löste sich nach dieser Schlacht auf. 10 Der spätere Geschichtsschreiber Regino von Prüm fasste die entstandene Situation folgender Maßen zusammen: „In diesem Kampfe wurde die Streitmacht der Franken so geschwächt und ihr glorreiches Heldentum so zerstört, dass sie fortan nicht einmal zum Schutz des eigenen Landes ausreichte, geschweige denn zur Ausweitung der Grenzen des Reiches.“ 11 Für ihn leitete sich die Schwäche des spätkarolingischen Reiches aus dieser Schlacht bzw. aus den Verlusten ab. Doch hatten Ludwig und Karl nicht mit Vorsatz die Entscheidung auf dem Schlachtfeld herbeigesehnt. Im selben Jahr, noch vor der Schlacht von Fontenoy, hatten sie Lothar ein erneutes Mal ersucht seine Forderungen zu überdenken. 12 Gewiss war dies vor allem auf Druck der Edlen geschehen, die einerseits die Machtgrundlage und andererseits die Geschädigten dieser Auseinandersetzungen um das Erbe waren. 13 Durch dieses Wissen, um ihre Situation bestärkt, hatte sich noch zu Lebzeiten Ludwig des Frommen ein neues Selbstbewusstsein im fränkischen Adels entwickelt. Dieses neue Selbstbewusstsein spiegelt sich zum ersten Mal deutlich in der Absetzung Ludwigs als Kaiser 829 wieder und endete, für den Vertrag von Verdun selbst betrachtet, mit dem indirekten Einspruch durch Lothar, dass er nicht seine treuen Untertanen mit dem ihm zugesprochenen Teil des Reiches 14 angemessen entschädigen könnte bzw. die daraus resultierende Aufstellung von 120 Edlen 15 zur Anfertigung einer Beschreibung (descriptio) der fränkischen Landteile. Durch die
10 Schulze, Hans: Vom Reich der Franken zum Land der Deutschen. Berlin 1987, S. 308.
11 Regino von Prüm. Chronik zum Jahre 841, in: Rau, Reinhold: Quellen zur karolingischen Reichsgeschichte. Band I. Darmstadt 1993, S. 272.
12 Nithardi historiarum II, 10, in: Ebenda, S. 425.
13 Nithardi historiarum II, 9, S. 423.
14 Nithardi historiarum IV, 3, S. 453. „Aiebat enim se non esse contentum in eo, quod fratres sui illi mandaverant, quia equa portio non esset, querebaturque insuper suorum, qui se sequuti sunt, causam, quod in praefata parte, quae illi offerebatur, non haberet, unde illis ea quae ammittebant restituere posset.”
6
Arbeit zitieren:
Frank Stüdemann, 2001, Der Vertrag von Verdun 843 und seine zeitgenössischen Quellen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Der Beginn des Hartmannschen Epos "Gregorius" und die Frage:...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 39 Seiten
Die verschiedenen Nachfolgeregelungen Ludwigs des Frommen - Von der Or...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 16 Seiten
Ist der Salzburger Lese-Rechtschreibtest eine geeignete Methode, um ei...
Seminararbeit, 16 Seiten
Frank Stüdemann's Text Der Vertrag von Verdun 843 und seine zeitgenössischen Quellen ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Frank Stüdemann hat den Text Der Vertrag von Verdun 843 und seine zeitgenössischen Quellen veröffentlicht
Frank Stüdemann hat einen neuen Text hochgeladen
Quellen Zur Geschichte Des Fruhen Byzanz (4. - 9. Jahrhundert)
Friedhelm Winkelmann, W. Brandes
Deutsche Geschichte 1 in Quellen und Darstellungen
Frühes und hohes Mittelalter. ...
Wilfried Hartmann
Deutsche Geschichte 2 in Quellen und Darstellungen
Spätmittelalter 1250-1495
Jean-Marie Moeglin, Rainer A. Müller
Grundlagen der mittelalterlichen Kunst
Eine Quellenkunde
Johann Konrad Eberlein, Christine Jakobi-Mirwald
Der Kommentar in Antike Und Mittelalter, Bd. 2: Neue Beitrage Zu Seine...
W. Geerlings, Ch Schulze, Wilhelm Geerlings
Quellen Zur Geschichte Der Rdtebewegung in Deutschland 1918/19. 1. Der...
E. Kolb, R. R]rup
0 Kommentare