Hauptseminar Frauenmystik SS 2002
Die Tugenden als Wegweiser auf dem Weg zur Liebe
Hadewijchs Baumallegorie und ihre Bedeutung im Aufstiegsprozess der Seele zu Gott
3
Inhalt
1. Einleitung 4
2. Die Tugenden als Wegweiser für die imitatio christi 9
3. Die Tugenden der Baumallegorie. 10
4. Die Stufen des Aufstiegs bei Hadewijch 13
4.1 Die Tugenden als Stufentreppe zu Gott 13
4.2 Die Auserwähltheit Hadewijchs bestimmt ihren Weg 14
4.3 Theorie und Praxis im Tugendleben 16
4.4 Die Kraft des Vollkommenen Willens. 18
5. Schlussfolgerungen und Gesamtbetrachtung. 19
6. Literaturverzeichnis 21
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1. Einleitung
Die niederländische Mystikerin Hadewijch berichtet im 12. Jahrhundert in ihrem „Buch der Visionen“ 1 von persönlichen Erlebnissen außerhalb der natürlichen Welt. Oft sind es religiöse Feiertage, an denen sie sich durch göttliches Wirken in andere Sphären versetzt sieht: Sie begegnet Engeln, Heiligen, Christus und Gott. Hadewijch befindet sich meist in einer Mette oder hört eine Messe, manchmal geschieht es aber auch, während sie zu Bette liegt, dass sie, wie sie es meistens schlicht beschreibt, „in den Geist aufgenommen“ 2 wird oder auch, wie ihre „Sinne durch das heftige, ungestüme Gebaren eines grauenerweckenden Geistes nach innen gezogen“ 3 werden. Der Eintritt in ihre Visionen ist begleitet von dem innerlichen Verlangen, „mit Gott im Genießen eins zu sein“. Ihr Wunsch wird manchmal erfüllt. Gott nimmt sie aus dem Geist auf in das höchste Genießen, „einen wunderbaren Zustand, der dem Verstande verschlossen ist“ 4 , wie sie in der 5. Vision berichtet.
Die andere Welt, die Hadewijch im Geist betritt, ihre Begegnung mit Gott, beschreibt sie nicht als Traum, sondern als reales Ereignis. Dem heutigen Leser, der in der Regel nicht über derartige mystische Erfahrungen verfügt, fällt es schwer, diese Visionen als Ausdruck wirklichen Erlebens zu akzeptieren.
Borchert sieht allerdings im mystischen Erleben eine anthropologische Grunderfahrung, die potentiell jedem Menschen zugänglich ist. Er beschreibt Mystik als ein Phänomen, das in allen Kulturen und Religionen existiert und das trotz unterschiedlicher kulturabhängiger Äußerungsformen den gleichen Kern besitzt: „aus Erfahrung wissen, dass alles irgendwie zusammenhängt, dass alles im Ursprung eins ist.“ 5 Für diese Erfahrung, die eine tiefere Wirklichkeit erkennen lässt, eine Einheit, in der alles mit allem zusammenhängt, wurden viele Namen geprägt: „das Absolute, das Sein, Alles-isteins / eins-ist-Alles, die Einheit von allem, der Erschaffende Grund, Brahman“ 6 . Mystik ist auf das Übersinnliche, das Erfassen des Göttlichen, Transzendenten gerichtet. Der
1 Für die Hausarbeit wurde die deutsche Übersetzung von Gerald Hoffmann als Textgrundlage herangezogen. Auf die Wiedergabe der mittelniederländischen Originalzitate wurde verzichtet, da sich die Hausarbeit nicht mit sprachgeschichtlichen Fragestellungen befasst.
2 vgl. Hadewijch: Das Buch der Visionen, 3. Vision, S. 71, Z. 2-3, 4. Vision,S. 73, Z. 6-7.
3 4. Vision, S. 73, Z. 3-5.
4 5. Vision, S. 83, Z. 63-64.
5 Borchert: Mystik, S. 11.
6 Borchert: Mystik, S. 35.
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Begriff „Mystik“ ist abgeleitet vom griechischen „myô“, das „schließen“ bedeutet. 7 Damit ist der Bezug auf das Augenschließen hergestellt, eine Technik, mit der oft die Versenkung in die Innenwelt eingeleitet wird. Das Mystische ist also etwas, was wir in uns suchen und zu dem wir über die eigene Innenwelt einen Zugang bekommen können. Damit ist Mystik ein unmittelbares, individuelles Erlebnis. In der mystischen Literatur wird von diesen persönlichen Erfahrungen berichtet. Die Texte haben deshalb immer einen Anspruch auf Authentizität, auch wenn sich die Autoren in ihren Berichten ähnlicher Bilderwelten und Darstellungsformen bedienen. Neben Hadewijch finden sich noch viele andere Mystiker und Mystikerinnen, die ihr Erleben in einen christlich-religiösen Kontext stellen. Borchert verweist in diesen Zusammenhang auf das Phänomen der Verliebtheit, das wie die Mystik „in allen Kulturen und Zeiten vorkommt“ 8 , sich jedoch generations- und kulturabhängig äußert. Die mittelalterliche Frauenmystik, zu der Hadewijchs Visionen zählen, ist eine generations-, kultur- und im gewisser Hinsicht auch geschlechtsspezifische Ausdrucksform mystischen Erlebens. Auch Dinzelbacher weist darauf hin, dass die Offenbarungsempfängerinnen des 12. und 13. Jahrhunderts „an ein und demselben kulturspezifischen Fundus an religiösen Themen- und Sprachbildern partizipierten“ 9 . Der Nachweis eines Topos, (das Vorhandenseins eines literarischen Clichés) 10 , kann nicht als ein Symptom für literarische Fiktionalität gewertet werden. Dinzelbacher führt hierzu als Beispiel die Berichterstattung über Verkehrunfälle an, die ob ihrer Häufigkeit und ähnlicher Darstellung deswegen nicht weniger wahr sind. 11
Ein charakteristisches Merkmal, das die westeuropäischen Mystik im 12. und 13. Jahrhundert bestimmt, ist die zentrale Bedeutung der Liebe, der Liebe zu Gott. Man kommt „zu dem Bewusstsein, dass Gott Mensch geworden ist und dass Er Liebe ist.“ 12 Bernhard von Clairvaux (1090-1153) stellt in seinen Interpretationen des Hohen Liedes aus dem Alten Testament die Liebe zu Gott als eine Liebe von Mensch zu Mensch dar. Gott, Jesu ist der Geliebte - der himmlische Bräutigam, und die Seele des Menschen ist
7
Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, S. 3281.
8 Borchert: Mystik, S. 11.
9 Dinzelbacher: Mittelalterliche Frauenmystik, S. 314.
10 im Sinne von E.R. Curtius
11 vgl. Dinzelbacher: Mittelalterliche Frauenmystik, S. 313.
12 Borchert: Mystik, S. 210.
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die liebende Frau - die Braut. Bernhard gilt als der Begründer der Brautmystik. 13 Die Schule von St. Viktor in Paris beschäftigte sich mit dieser neuen Form der Mystik, von der auch Hadewijch maßgeblich beeinflusst wurde. Gedanken der nachchristlichen Mystiker Augustinus (354 - 430) und Dionysius Areopagita (vermutl. 5. Jh.) werden übernommen: Zum Beispiel die Vorstellung, dass die Seele des Menschen im Gegensatz zum Körper zu Gott aufsteigen kann. Richard von St. Viktor (gest. 1173) erforschte den mystischen Aufstiegsprozess zu Gott. 14 Er beschreibt ihn wie schon Augustinus als einen geistigen Stufenweg. Bei Hugo von St. Viktor (gest. 1141) ist der Aufstieg zu Gott ein Treppenweg des Lernens, also ein Bildungsweg wie bei Dionysius. Während für die ersten Stufen auf dem Weg zu Gott bei Hugo das Denken (cogitatio) und die Betrachtung (meditatio) maßgeblich sind (bei Richard ist es die Vernunft), so wird die letzte Stufe, die Gottesschau (contemplatio) nur erreicht, indem der Mensch seine Logik aufgibt und sich auf das Göttliche, unfassbare Eine einlässt 15 . Im christlichen Kontext ist die Vereinigung auf den dreieinigen Gott, Vater, Sohn und heiliger Geist gerichtet, welche an sich schon nicht durch Logik, sondern nur durch Glauben erfasst werden kann. Die Verschmelzung mit dem Einen ist der Höhepunkt, die unio mystica, eine unmittelbare Erfahrung des Göttlichen. Der menschliche Geist gerät außer sich, er entrückt, weil er sich in seiner Verfasstheit nicht mehr wahrnehmen kann. Sein und Denken fallen in dem dreieinigen Gott zusammen. Im Moment der unio werden die Grenzen zwischen der menschlichen Seele und Gott, zwischen Subjekt und Objekt, aufgehoben. Hadewijch stellt fest, dass dies ein Zustand ist „worüber irgendetwas auszusagen man niemals imstande sein wird“ 16 . Offenbar scheint die unio aber ein beglückendes Erlebnis zu sein, denn Hadewijch beschreibt sie als „das höchste Genießen“ 17 .
Die Visionen erweisen sich zunächst als eine Wegbeschreibung, wie Hadewijch ihrem Verlangen, „mit Gott im Genießen eins zu sein“ 18 näher kommt. Der Ausgangspunkt der ersten Vision ist der Wunsch nach einer Vereinigung mit Gott. Die Mystikerin betont, dass sie dafür allerdings „noch nicht genug Mühe“ 19 auf sich genommen, „und
13 vgl. Störmer-Caysa: Entrückte Welten, S. 13.
14 vgl. Borchert: Mystik, S. 212.
15 vgl. Störmer-Caysa: Entrückte Welten, S. 76.
16 13. Vision, S. 151, Z. 257-258.
17 5. Vision, S. 83, Z. 62-63.
18 1. Vision, S. 45, Z. 4-5.
19 1. Vision, S. 45, Z. 8.
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Antje Hellmann, 2003, Die Tugenden als Wegweiser auf dem Weg zur Liebe. Hadewijchs Baumallegorie und ihre Bedeutung im Aufstiegsprozess der Seele zu Gott, München, GRIN Verlag GmbH
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