1 EINLEITUNG:
Wer kennt nicht den Mythos der schönen Helena, deren Entführung einen 10 Jahre währenden Krieg auslöste? Wer kennt nicht die Namen Agamemnons, Achills, Odysseus, Hektors und Paris´? Wer kennt nicht den Mythos um das Trojanische Pferd, mit dessen Hilfe man die einst so stolze Stadt Troja einnahm? Ich möchte mich jedoch nicht mit diesem Mythos befassen, sondern vielmehr mit dem Platz Troja.
Durch die Entdeckung Trojas (?) wurde ein bis heute andauernder Streit der Wissenschaftler ausgelöst, ob Schliemanns Troja dem Homerischen Troja identisch
Schliemann versuchte bis zu seinem Tod die Gegner „seines“ Trojas eines Besseren zu belehren, doch schließlich musste auch er einsehen, sich getäuscht zu haben. Curtius und Boetticher waren die ärgsten Gegner Schliemanns und vertraten die Bunarbaschi–Theorie. Doch auch sie konnten nichts beweisen.
Virchow und Suchhardt waren von der Hisarlik Theorie überzeugt, doch auch diese beiden konnten keine eindeutigen Beweise vorbringen! Einige Leute wieder setzten Troja mit Platons Atlantis gleich.
Mir fällt daher in dieser Arbeit zu, mich mit der Frage „wo liegt Troja wirklich“ zu
2 Schliemann und Troja
Schliemanns Vater erzählte seinem Sohn schon in frühester Jugend vom Trojanischen Krieg, den tapferen Helden, von Paris und Helena... und davon, dass Troja untergegangen sei. Seit damals hatte klein Heinrich nur eines im Sinn: Troja zu finden und auszugraben. Als er zu seinem achten Geburtstag Jerrers Weltgeschichte für Kinder von seinem Vater geschenkt bekam, meinte er: „Vater, du hast dich geirrt! Jerrer muß Troia gesehen haben, er hätte es ja sonst hier nicht abbilden können.“ 1 Viele Biographen Schliemanns meinen auch „daß es sogar eine Abmachung des knapp acht Jahre alten Jungen mit dem Vater gab, er werde einst die Mauern der Priamos–Feste freilegen.“ 2 Vorerst jedoch konnte der mecklenburgische Pastorsohn seinen Wunsch nicht erfüllen, denn er hatte nicht die nötigen Geldmittel. Zuerst schuf er sich – durch seinen ausgeprägten Geschäftssinn – drei Vermögen und dann erfüllte er sich seinen Jugendtraum: Er begann, nach dem Ort Troja zu suchen. Von da an ging sein Name um die Welt und noch heute liegen die Wissenschaftler wegen ihm in ewigen Streitigkeiten, wo denn Troja liege. Eines aber ist gewiss wie der Hobbyarchäologe selbst schrieb: „Ich habe bewiesen, daß sich in fernen, prähistorischen Zeiten über weiter Ebene in Kleinasien eine Zitadelle erhob und daß diese Zitadelle in jeder Hinsicht dem Troja entspricht, das Homer in der „Ilias“ beschreibt.“ 3
1
Siebler, Michael: Troia–Homer–Schliemann. Mythos und Wahrheit. Mainz am Rhein: Philipp von Zabern 1990. 248 S., (Zaberns Bildbände zur Archäologie) ISBN 3-8053-1123-0, S. 99 [in weiterer Folge wird es als Siebler 1 zitiert]
2
ebda. S. 95
3
Joaquim, Nancy: Sophia Schliemann. Eine Frau entdeckt Mykene. München: Herbig Verlagsbuchhandlung 1994. 468S., ISBN 3-7766-1855-8, S. 410
3 Hisarlik oder der Bali Daği bei Bunarbaschi?
3.1 Die zwei in Frage kommenden Orte
Zu Schliemanns Zeiten gab es zwei Orte, wo das sagenumwobene Troja angeblich liegen könnte.
Der erste Ort war der Hügel Bali Daği bei dem Dorf Bunarbaschi (heutiges Pinarbaşi) in der heutigen Türkei am Eingang der Dardanellen gelegen. Diese Theorie wurde von den meisten Wissenschaftlern unterstützt und „Urheber dieser Lokalisierung war der französische Archäologe Jean Baptiste Lechavalier, der 1785 die Gegend mit der Ilias in der Hand erkundet und letztlich den Bali Daği als Ort identifiziert hatte. Der Österreicher Johann Georg Hahn hatte 1864 zuletzt diese Meinung aufgrund seiner Funde bei Ausgrabungen auf dem Bali Daği unterstützt.“ 1 Die zweite Theorie, dass Homers Troja sich am Hisarlik-Hügel (ebenfalls am Eingang zu den Dardenellen nur etwas nördlicher gelegen) befinde, vertrat zur damaligen Zeit nur der amerikanische Konsul Frank Calvert, dem eine Hügelhälfte gehörte. Bei einigen Ausgrabungsversuchen kamen zahlreiche Scherben zum Vorschein, wodurch er seine Vermutung bestätigt glaubte. Es gelang Calvert, Schliemann von seiner Theorie zu überzeugen und von dieser Zeit an setzte sich der Hobbyarchäologe den Kritiken seiner Gegner aus.
3.2 Erster Besuch der beiden Plätze
Schliemann war sich bewusst, dass er Troja am Eingang der Dardanellen zu suchen hatte, da der in der „Ilias“ beschriebene Hellespontes („ . . . bis daß die Achaier fliehn zu den Schiffen zurück und den Hellespontos erreichen“ 2 ) seiner Meinung nach, den Dardanellen zu entsprechen schien.
Zuerst besuchte er den „bekannteren“ Hügel – den Bali Daği und meinte auch, dass hier das vermeintliche Troja zu suchen sei [in dieser Zeit wusste er noch nichts vom Hügel Hisarlik, Anm. d. Verf.]. Schliemann bemerkte später aber über diesen
1
Siebler, Michael: Troia. Geschichte-Grabungen-Kontroversen. Mainz am Rhein: Philipp von Zabern, 1994. 120 S., (Zaberns Bildbände zur Archäologie) ISBN 3-8053-1626-7, S. 23 [in weiterer Folge wird es als Siebler 2 zitiert]
2
Homer: Ilias. München und Zürich: Artemis Verlag, 1989. 9., 980S., ISBN 3-7608-1541-3, Gesang XV, Vers 233, S. 507
Besuch: „Nur schien sie mir [Ebene, Anm. d. Verf.] beim ersten Blick zu lang, Troja lag viel zu weit vom Meer entfernt, wenn Bunarbaschi wirklich innerhalb des Bezirkes der alten Stadt erbaut ist, wie fast alle Archäologen behaupten, welche den Ort besucht haben.“ 1 Außerdem meinte er, in zwei von den vierzig Quellen bei Pinarbaşi, die kalte und warme Quelle entdeckt zu haben, die in der „Ilias“ beschrieben sind. 2 „Eine nämlich entfließt mit warmem Wasser, und wallend hebt sich ein Rauch aus ihr gleichwie aus brennendem Feuer. Aber die andere fließt so kalt wie der Hagel im Sommer oder im Winter der Schnee und Eis von gefrorenem Wasser.“ 3
3.2.1 Für Hisarlik und gegen Bunarbaschi
„Bei seinem ersten Besuch 1868 entscheidet er sich nach einer Geländebegehung für Hisarlik, begnügt sich aber nicht damit, dies nun umständlich zu begründen, sondern will auch im gleichen Atemzug noch den Beweis gegen Bunarbaschi antreten.“ 4 In Frank Calvert fand Schliemann einen Verbündeten und nachdem er die offizielle Grabungserlaubnis, dem sogenannten Ferman, 1870 erhalten hatte, begann er, sich seinen Lebenstraum zu erfüllen.
Andere Wissenschaftler belächelten den nicht-ernst-zunehmenden Hobbyarchäo- logen. Für sie war es gewiss, Hisarlik konnte nicht Troja sein, denn schon in der Geschichte wurde der Bali Daği mit Ilion gleichgesetzt. 5 Schliemann versuchte, seinen Gegnern mit erneuten Ausgrabungen bei Bunarbaschi zu beweisen, dass er im Recht war, denn „zahllose Beschreibungen Homers paßten auf diesen Ort, aber darüber hinaus erschienen vor allem die geographische Lage und die Umgebung von Hissarlik als unwiderlegbare Beweise.“ 6 Außerdem hatte er bei seinen Ausgrabungen am Bali Daği nichts gefunden und da zyklopische Mauern [Trojas Mauern waren angeblich solche, Anm. d. Verf.] nicht
1
Vandenberg, Philipp: Der Schatz des Priamos. Wie Heinrich Schliemann sein Troja erfand. Bergsich Gladbach: Gustav Lübbe Verlag, 1999. 454S., ISBN 3-404-61423-2, S. 158
2
Vgl. Siebler 1: a.a.O, S. 100
3
Homer: a.a.O, Gesang XXII, Vers 149f., S. 751
4
Döhl, Hartmut: Heinrich Schliemann. Mythos und Ärgernis. München und Luzern: Bucher 1981. 144S., ISBN 3-7658-0371-5, S.89
5
Vgl. Döhl: a.a.o, S. 445
6
Joaquim: a.a.O, S. 173
einfach ohne weiteres verschwinden konnten 1 , war das für Schliemann ein Beweis für die Richtigkeit seiner Theorie.
Für ihn entscheidend war jedoch die Tatsache, dass der Hisarlik zwischen den Flüssen Simoeis im Norden und Skamander im Süden lag, denn in der „Ilias“ stand: „Aber nachdem sie Troja erreicht und die doppelte Strömung, wo des Simóeis Flut sich vereint mit dem Strome Skamandros...“ 2 Würde Troja auf dem Bali Daği liegen, würde die „Ilias“ nicht auf wahren Tatsachen beruhen, denn weder der Simoeis noch der Skamander flossen in der Umgebung von Pinarbaşi. Für Schliemann war jedoch gewiss, dass Homer die Stadt einige Hundert Jahre nach ihrem Untergang gesehen haben musste, wie hätte er die Landschaft sonst so naturgetreu beschreiben können?
Auch als Schliemann die „kalte“ und die „heiße“ Quelle am Bali Daği untersuchte und meinte: „ Alle hatten dieselbe Temperatur, 17,5 Grad Celsius.“ 3 , war das für die restlichen Wissenschaftler noch immer kein Beweis, dass der Hobbyarchäologe Recht hatte.
Ernst Curtius, ein Gegner Schliemanns, bemerkt einmal, „Schliemanns Troja sei keineswegs eine Siedlungsstätte, es sei nichts anderes als eine große Nekropole.“ 4 Weiters meinte er, der „Archäologe“ hatte irgendwelche Mauern aufdecken lassen, die für ihn schon den „Palast des Priamos“ verkörperten. 5 Schliemann versuchte wieder, sich und seine Theorie zu verteidigen und rechtfertigte sich, indem er behauptete:
„Der Hügel Hissarlik hat somit trotz seiner geringen Höhe eine beherrschende Lage. Man überschaut von seinem Gipfel nicht nur die ganze troianische Ebene und das Dumbek–Thal [Simoeis–Tal; Anm. d. Verf.], sondern auch die Küste am Hellespont und diesen selbst in seinem Ausgange; darüber hinaus schweift der Blick weit über das Meer bis zu dem zackigen Pik von Samothrake, und rückwärts gegen Süden sieht man bei klarem Wetter die fernen Gipfel des Idagebirges. Ja, am Abend, wenn die Sonne sinkt, erscheint, wie ein Phantom, weit hinten über
1
Vgl. Siebler 1:a.a.O, S. 103
2
Homer: a.a.O, Gesang V, Vers 774f., S. 185
3
Vandenberg: a.a.O, S. 159
4
Döhl: a.a.O, S. 16
5
Vgl. Siebler 1: a.a.O., S. 102
dem Aegäischen Meer die schattige Pyramide des Athos. Das ist die Szenerie, welche Homer in wundervoller Naturtreue schildert.“ 1 Er rekonstruierte sogar, um seine Gegner eines Bessern zu belehren, den Ablauf des „ersten“ Tages der „Ilias“. Demnach wurde der Raum zwischen der Stadt und dem griechischen Lager zumindest sechs Mal zurückgelegt. 2 Dazu notierte Schliemann: „Die Entfernung von den Höhen von Bunarbaschi bis zum griechischen Lager am Vorgebirge Sigeum beträgt 16 Kilometer, während alle Kämpfe und Hin– und Herzüge in der Iliade zu der Annahme berechtigen, daß die Entfernung von der Stadt bis zum griechischen Lager kaum fünf Kilometer betragen konnte.“ 3 Würde Troja demnach auf den Höhen Bunarbaschis – 40 Kilometer vom griechischen Lager entfernt – liegen, hätte sich Hektor eine gute Strecke von Troja entfernen können, ohne Achilleus zu begegnen. 4 Curtius bespöttelte diese „Anfängertheorie“ nur. Was, wenn das Lager woanders lag und zwar in der Besik-Bucht, südwestlich von Hisarlik? Die Entfernung zum Bali Daği wäre nicht sehr groß gewesen! Schliemann versuchte weiter – vergeblich – nach anderen Argumenten für die „Hisarlik-Theorie“ zu suchen. Ein weiterer Punkt, der für ihn von entscheidender Rolle war, war die Tatsache, „daß sowohl der Hellespont als auch die Ägäis gleich weit und weniger als eineinhalb Kilometer vom Berg entfernt waren.“ 5 Außerdem wäre Troja – läge es auf dem Hügel Hisarlik – in einer großen und schönen Ebene gegründet und von vielen Flüssen bewässert worden. 6 „Ein weiterer Grund, weshalb die Trojaner hier gebaut haben, statt anderswo in der Troas, wie zum Beispiel in Bunarbaschi“, erklärte er, „sie hatten in unmittelbarer Nähe die denkbar besten Baumaterialien.“ 7 Im Jahre 1873 konnte Schliemann dann den – so wie er glaubte – endgültigen Beweis für seine Theorie erbringen: Er glaubte, den großen Turm gefunden zu haben, der in der „Ilias“ beschrieben wird. „Es gab und gibt auf Trojas Baustelle
1
Döhl: a.a.O, S. 133
2
Vgl. Vandenberg: a.a.O, S. 160ff.
3 Schliemann, Heinrich: Troja und Homer. Porträt eines Enthusiasten. Frankfurt am Main: Insel Taschenbuch 1990. S. 115 4 Vgl. Schliemann: a.a.O, S. 117 5 Joaquim: a.a.O, S. 173 6 Vgl. Siebler 1: a.a.O, S.106 7 Stone, Irving: Der griechische Schatz. Das Leben von Sophia und Heinrich Schliemann. München: Knaur 1976. 476S., ISBN 3-426-00619-7, S. 187
keine erhabenere Lage als diese, und ich vermute daher, daß er Iliums großer Turm war, auf welchen Andromache stieg, weil sie gehört hatte, die Trojaner seien bedrängt und gewaltig sei der Achäer Obermacht.“ 1 , meinte Schliemann zu seinem
Er wusste, ein weiterer Beweis für die Historizität Trojas würde die Auffindung des skäischen Tores sein, des mächtigsten aller Tore von Ilion. Und Schliemann fand, was er suchte! Diese Entdeckung wird von Michael Siebler beschrieben, indem er meint, dass Schliemann neben seinem Haus [Schliemann wohnte während der Ausgrabungsmonate in einer kleinen Hütte am Fuße des Hisarlikhügels, Anm. d. Verf.] in einer Tiefe von neun Metern zwanzig Zentimetern auf eine fünf Meter zwanzig Zentimeter breite Straße stieß, die mit großen Steinplatten gepflastert war.
2
„Das mußte die Rampe zum großen „ Skäischen Tor“ der Ilias sein.“
3
Doch auch jetzt glaubten Curtius und Co. Schliemann nicht. Weiter belächelten sie den „reichen Irren“, der einem Jugendtraum nachjagte. Sie hielten seine Funde nur als reine „Zufallstreffer“ – als Anfängerglück, denn die in der „Ilias“ so reich beschriebenen Schätze des Priamos würde Schliemann gewiss nicht finden. Doch auch hier sollten sich die Wissenschaftler täuschen.
Am 31. Mai oder 7. Juni [hängt davon ab, ob Schliemann den griechischen oder den gregorianischen Kalender benutzte, Anm. d. Verf.] 1873 entdeckte er einen Goldschatz – am Fuße des skäischen Tores: „. . . und stieß beim Weitergraben auf dieser Mauer unmittelbar neben dem Haus des Priamos auf einen großen kupfernen Gegenstand höchst merkwürdiger Form, der um so mehr meine Aufmerksamkeit auf sich zog, als ich hinter demselben Gold zu bemerken glaubte.“ 4 Jetzt endlich glaubte er, jegliche Kritik über „sein“ Troja beseitigt zu haben, doch die Forscherwelt bemerkte bloß, wie es denn möglich sei, dass der Schatz außerhalb der Stadtmauern des heutigen Troja II [Schliemann setzte es mit dem Homerischen gleich, Anm. d. Verf.] gefunden worden wäre? Doch Schliemann fand auch dafür eine Antwort, die eigentlich relativ logisch erscheint. Er meinte:
1
Siebler 1: a.a.O, S. 112
2
Vgl. ebda. S. 119
3
ebda.
4 Vandenberg: a.a.O, S. 271
Quote paper:
Sigrid Vollmann, 2000, Schliemanns Troja - Auseinandersetzung mit dem homerischen Ilion, Munich, GRIN Publishing GmbH
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