Inhalt
Einleitung 2
1. Zum Begriff des bürgerlichen Realismus 3
2. Historischer Hintergrund. 4
3. Wissenschaftliche Innovationen. 5
4. Wissenschaft in der Literatur 6
4.1. Möglichkeiten zur Repräsentation 6
4.2. Beispiel Physikalische Briefe. 7
4.3. Beispiel Kosmos 8
5. Zeitgenössische Ansichten zum Verhältnis von Literatur und Wissenschaft 9
5.1. Hans Christian Oerstedt 9
5.2. Wilhelm Bölsche 10
6. Fazit. 11
verwendete Literatur. 12
1
Einleitung
Ich werde in meiner folgenden Arbeit die Position der Wissenschaft in der Literatur des bürgerlichen Realismus näher beleuchten. Dabei beschränke ich mich auf die Darstellung der Naturwissenschaften für das breite Publikum im deutschsprachigen Raum. Wesentlich für meine Darstellung ist der Grundgedanke, der hinter dem Bedarf einer Popularisierung von Wissenschaft steht. Da wissenschaftliche Themen im relevanten Zeitraum im Bereich der Dichtkunst selten oder nur am Rande vorkommen, lasse ich diese außen vor. Der Bestand an Literatur ist recht übersichtlich. Meine Arbeit stützt sich daher hauptsächlich auf Quellenarbeit, sowohl im Bezug auf wissenschaftliche Volksliteratur als auch mit der kritischen Beschäftigung zur selbigen.
Meine Auseinandersetzung fußen auf einem Verständnis zur Begrifflichkeit und im allgemeinen Stand der Wissenschaft zur Zeit. Weiter werden die Möglichkeiten und Arten von Publikationen anhand zweier konkreter Beispiele erörtert.
Im Anhang schließlich das Inhaltsverzeichnis mit Vorwort der Physikalischen Briefe, um einen Überblick zu den im einzelnen behandelten Themen und dem Selbstanspruch zu geben.
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1. Zum Begriff des bürgerlichen Realismus
Die Begrifflichkeit des bürgerlichen Realismus zu erfassen, bedarf einer mehrdimensionalen Betrachtungsweise. Im Allgemeinen wird diese Strömung auf den Zeitraum zwischen 1848 und 1990 festegelegt; einer sozial-ökonomischen Krise, mitsamt Zusammenbruch der tradierten Ständeordnung und den damit verbundenen Rechts- und Sozialordnung, folgend. Der vorindustrielle Begriff des Standes, an den Geburts- und Rechtsstatus geklammert sind, existiert nicht mehr - wir sprechen inzwischen von Klassen. Die Zugehörigkeit zu einer Klasse bestimmt die soziale Position, die damit verbunden Stellung im kapitalistischen Produktionsprozess, Eigentumsverhältnisse und folglich den Lebensstandard. Einen wesentlichen Identifikationsfaktor stellte das Vorhandensein kultureller Gemeinsamkeiten, an erster Stelle das Bildungsniveau, dar. Nur ist Streben nach Wissen besonders in der Hochzeit des sogenannten Bildungsbürgertums nicht vornehmlich von ökonomischer, sondern vor allem von sozialer und politischer Relevanz.
Andreas Huyssen spricht von Bildung als einem Instrument, deren sich die Bourgeoisie bedient, um sich klar vom Proletariat abzuheben und jenen ihre humanitäre Substanz zu 1 . rauben
Die Literatur des Realismus ignoriert, im Gegensatz zur Malerei, die Arbeitswelt der Unterschicht gänzlich. Motive und Strukturen der Poesie entsprechen weitgehend den Idealen des Bürgertums. Zwar schreiben bürgerliche Autoren mit kritischer Distanz zum Bürgertum, dennoch immer wieder nur für selbiges. Ganz anders wie schon gesagt die darstellende Kunst - zumindest die fernab der Salonmalerei. Gustave Gourbet versteht den Realismus als eine möglichst objektive Widergabe der Alltagswelt in der Kunst und andererseits die thematische Konzentration auf die Welt der Arbeit, als eine Form also, die sich zwingend mit sozialkritischen Aspekten auseinanderzusetzen hat 2 . Verwiesen sei hierbei weiterhin an Menzel, Replin und v. Gogh 3 .
Ob nun aber Malerei oder Literatur, die Kunst konnte sich ihrer Dialektik nicht entziehen: der Künstler, der sich gegen die Bürgerliche Realität äußert und doch gleichzeitig der bürgerlichen Werte bedarf, da sich die bürgerliche ja als eine kulturelle Gesellschaft versteht.
1 Huyssen (Hrsg.): Die deutsche Literatur in Text und Darstellung. Bürgerlicher Realismus. Stuttgart 1974. S.14
2 in Regel/Schulz: Moderne Kunst. Zugänge zu ihrem Verständnis. Stuttgart 1994. S. 70
3 Es muss doch bemerkt werden, dass die Darstellung von Straßenarbeitern, Kohlebergwerkern und dergleichen
zwar eine revolutionäre Darstellung im Sinne des damaligen Kunstverständnis gewesen sein mag, die Reichweite
der Wirkung solcher Bilder aber sehr begrenzt blieb und der Maler immer noch Maler der Mittelschicht und nicht
gesellschaftskritischer Propagandist war.
3
2. Historischer Hintergrund
„Das Bürgertum ist unstreitig in unseren Tagen im Besitze der überwiegenden materiellen und moralischen Macht. Unsere ganze Zeit trägt einen bürgerlichen Charakter. Die politische Mündigsprechung des Bürgertums durch die erste französische Revolution hat die Pforten der Gegenwart erschlossen. [...] Seitdem drückt das Bürgertum den Universalismus des modernen gesellschaftlichen Lebens aus. Viele nehmen Bürgertum und moderne Gesellschaft für gleichbedeutend.“ 4
Das Jahr 1848 als Anfang des Bürgerlich Realismus festzulegen, möchte ich mit dem Beginn weitreichender sozio-ökonomischen Veränderung eben in diesem Jahr begründen. Die Pariser Februarrevolution weckte die revolutionäre Begeisterung im deutschen Bürgertum, welches sich auch tätlich zusammen mit der Unterschicht gegen die Einschränkung politischer Grundrechte und einer einheitlichen Nationalstaatlichkeit einzusetzen versuchte. Zwar scheiterten die Bewegungen zunächst 5 , es konnte sich unter diesen Umständen aber auch eine völlig neue Art der politischen Öffentlichkeit formieren. Dem bürgerlichen Mittelstand muss eine enorme Gewichtung im Hinblick auf seine wirtschaftliche und auch soziale Stärke im 19. Jahrhundert schließlich und endlich zugestanden werden. Durch die mit dem Wirtschaftswachstum einhergehenden Landflucht stieg der Anteil der Angestellten und Beamten, sowohl in staatlichen als auch nicht nichtstaatlichen Bereichen enorm an. Der Begriff des Bürgers gehört inzwischen stärker aufgefächert: so zählen eben nicht nur eben genannte, sondern auch gehobene Handwerker oder sonst wie Selbstständige zu jener Bevölkerungsgruppe.
Der wirtschaftliche Aufschwung ist bezeichnend für die Zeit zwischen 1850 und 1873 - wir befinden uns mitten in der Industriellen Revolution.
Als wesentlich für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts kann zudem die ständig 6 . Die Droschke zunehmende Mobilität, sowohl im räumlichen als auch sozialen Sinne, gelten wird von der Eisenbahn abgelöst, die Schifffahrt erfährt Fortschritte durch die Dampfturbine -Europa wird für den Einzelnen erschließbarer.
4 Riehl in: Andreas Huyssen (Hrsg.): Die deutsche Literatur in Text und Darstellung. Bürgerlicher Realismus.
Stuttgart 1974.S. 29
5 später dann Gründung des Norddeutschen Bund 1866 / Deutschen Reichs 1971
6 Gall: Europa auf dem Weg in die Moderne: 1850-1890. München 1989. S. 111
4
3. Wissenschaftliche Innovationen
Das 19. Jahrhundert ist in sich einem extremen Strukturumbruch unterworfen. Die Lebensgewohnheiten und Standards ändern sich in einer nie da gewesenen
Geschwindigkeit. Die Naturwissenschaften, die erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts eigenständig, d.h. nicht länger als Subdisziplinen der Philosophie, gelehrt werden, erfahren ihre praktische Anwendung und avancieren zu den vornehmlichsten Wissenschaften. Es gelingen bahnbrechende Fortschritte in der praktischen Naturbeherrschung, vorhandenes theoretisches Wissen wird sofort auf seine praktische Relevanz und damit auf wirtschaftliche Verwertbarkeit geprüft, Darwins Abstammungslehre provoziert die christliche Anthropologie, religiöser und wissenstheoretischer Ansatz im Bezug auf das Phänomen des Lebens stehen sich gegenüber, die gesamte christliche Schöpfungsgeschichte verliert ihren Halt und Philosophen nehmen diesen Anlass, die Existenz Gottes anzuzweifeln oder ihn gar für tot zu erklären. Der Mensch ist plötzlich nur noch ein soziales Tier und nicht mehr als ein Zellhaufen. Es entstehen komplett neue Kommunikationswege und somit intensivere
Wissensvernetzungen. Die Expansion von Literatur, Publizistik und Presse lässt zudem eine Verdichtung öffentlicher Kommunikation zu.
Mit der statistischen Mechanik gelang es, die Ergebnisse der Wärmelehre, welche wiederum grundlegend für die Entwicklung von Wärmekraftmaschinen ist, auf der Grundlage der Mechanik zu verstehen und zu interpretieren. Innovationen werden immer unmittelbarer und immer schneller in das Alltagsleben integriert und daher von immer größerer sozialer Bedeutung.
Die Gesamtentwicklung lässt sich im Groben an drei Punkten festmachen: Zum einen expandieren die Gegenstände, die Methoden die Anzahl der Entdeckungen. Zweitens entsteht eine Spezialisierung in gänzlich neue Fächer und Subfächer. Der dritte Punkt ist die 7 . Vereinheitlichung der Wissenschaften zu einem Theorie- und Methodenkomplex Um 1890 stammen nach Berechnungen P. Formans 8 ein Drittel der physikalischen Abhandlungen und 42% der Entdeckungen insgesamt von deutschen Wissenschaftlern. Im Folgenden sollen nur einige kurze Stichworte genannt werden, da Erläuterungen zu weit führen würden. Bereiche der Zahlentheorie, Funktionstheorie und Mengenlehre wurden ausgeweitet beziehungsweise völlig neu gegründet; es werden neue Theoriemodelle in der Physik (Atomistik, kinetische Gastheorie, Hauptsätze der Energieerhaltung, Elektromagnetismus) aufgestellt und neue Disziplinen entwickeln sich (Ökologie, Verhaltensforschung).
Mit Ausblick auf das Bildungsbürgertum lässt sich sagen, dass die Beschäftigung mit der Wissenschaft als solche, nicht mehr einem rein ästhetischen oder philosophischen Genuss dienlich, sondern als ein entscheidender Motor für Fortschritt und Zeitgeist zu sehen ist.
7 beispielsweise Mechanik und Wärmelehre
8 in J. Ben-David: Scientists Role. New York 1971. S. 186-190
5
Besonders dienlich in diesem Zusammenhang sind die Erfindung der Schnellpresse (1870) und der Einsatz von Zellulose bei der Papierherstellung, beides ermöglichte eine Expansion der Buch- und Zeitschriftenproduktion.
4. Wissenschaft in der Literatur
4.1. Möglichkeiten zur Repräsentation
9 und richtet sich vorwiegend gegen die Die Kunst des Realismus ist vor allem die der Prosa
Absolutsetzung der romantischen und verklärten Subjektivität. Sie fordert Objektivität, reale Bezüge, Authentizität eingebettet in Erzählungen des Alltags. Hier greift die eingangs erwähnte Dialektik: Immerhin handelte es sich um Literatur für die Zielgruppe des Bürgers, sie sollte nicht Träger revolutionärer Ideen sein, dazu fehlte es an Radikalität. Das Individuum in seiner Vielschichtigkeit steht noch immer im Zentrum des Geschehens, nur der meist anzutreffende Konflikt zwischen Individualität und entfremdeter Welt lässt eine Kritik an politischen, sozialen oder ökonomischen Umständen möglich werden. Wissenschaftliche Erkenntnisse tauchen nur bedingt am Rande einiger Romane oder Novellen auf, einen Erklärungsansatz bieten die Komplexität der Einzeldisziplinen und deren spezieller Kommunikationsstrukturen. Somit besteht eine Notwendigkeit zur Popularisierung wissenschaftlicher Neuerungen, um dem Zeitgenossen die Gelegenheit zu schaffen, dem bürgerlichen Bildungsideal zu entsprechen, zumal vor allem die Natur als Gegenstand der Wissenschaft immer unanschaulicher, d.h. dem Laien immer fremder zu werden scheint. Notwendig war also ein Vehikel der kommunikativen Überbrückung, eine Art der Repräsentation der Wissenschaft. Eine Möglichkeit bietet sich über die wissenschaftlichen Institutionen direkt, meist in Form von Vortragsreihen. Eine direkte und simple Darreichung 10 . Der an von wissenschaftlichen Neuerungen ist wohl der unmittelbare Anwendungseffekt dieser Stelle interessanteste Weg ist der der literarischen Popularisierung. Eine größere Auflage von Wissenschaftstexten erfolgte seltener als Einzeltext oder als vereinzelte Zusammenfassung, sondern vielmehr als veranschaulichte Darstellung von abstrakten, Disziplin gebundenen Wissens, zum Teil unterstützt durch Kupferstiche oder Schnitte. Als maßgebend für diese Kategorie nennt Hagen Justus Liebigs Chemische Briefe, die 1842 erstmals in der Augsburger Allgemeinen Zeitung erscheinen 11 . Überhaupt wurde die Sonderform des Romans, nämlich eben der Briefroman, für die populärwissenschaftliche Darstellung gern genutzt.
Eine weitere Möglichkeit war der Versuch von Zusammenfassungen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse in Annahme eines geordneten Zusammenhangs; zu finden bei Alexander von Humboldt mit Kosmos.
9 eben der des Romans und der Novelle
10 besonders in technischen Bereichen
11 Hagen in McInnes/Plumpe: Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur
Gegenwart. München 1996. S. 215
6
Im Weiteren erschienen Schriften über die Wirkung der Naturwissenschaften im sozialen System, wie Friedrich Engels’ Dialektik der Natur und Artikel im ohnehin schon äußerst populären Zeitschriftenformat.
Die Natur: Zeitung zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse für Leser aller Stände 12 gilt dabei als umfangsreichste und langlebigste Zeitschrift. Hierbei scheint mir der Zusatz, dass es sich um eine Zeitschrift für Leser aller Stände handele, besonders erwähnenswert, da es sich bei diesem Format um ein zweifellos anspruchsvolles handelt, welches Alphabetisierung und ein gewisses Vorwissen voraussetzt und somit doch eindeutig die unteren Bevölkerungsschichten ausschließt 13 .
Die Zeitschrift als solche kann wohl als das typische Medium wissenschaftlicher Popularisierung jener Zeit gesehen werden. Durch selbige werden Aufsätze, Rezensionen über Neuerscheinungen und Anleitungen für die wissenschaftliche Praxis an den Mann gebracht. Sie erscheinen in der Regel periodisch und problematisieren auch den Vermittlungsprozess und somit ihre eigentliche Aufgabe. Einige Zeitschriften stellen ermöglichen eine direkte Kommunikation mit dem Leser über bestimmte Rubriken und schaffen dem Laien dadurch eine scheinbare Nähe zur Wissenschaft.
4.2. Beispiel Physikalische Briefe
Leonhard Euler und Dr. Johann Müller weisen ebenfalls zu Beginn ihrer, 1848 erschienenen Physikalischen Briefe auf die Zielgruppe, nämlich „Gebildete aller Stände“ hin. Dieser Hinweis erscheint wie ein Farce, wenn man die bereits schon einmal genannten Kriterien für Bildung beachtet. An dieser Stelle zeigt sich sehr wohl der anscheinende Wille, einen selbst gestellten Bildungsauftrag erfüllen zu wollen, der jedoch von vornherein offensichtlich die untere Klasse nicht erreichen werden. Die Briefe sind in Form eines Briefromans gefasst, komponiert für eine (fiktive) deutsche Prinzessin. Der Anspruch wird im Vorwort erklärt:
„Wenige Schriften haben wohl in neuerer Zeit so viel dazu beigetragen, richtige Vorstellungen über Chemie zu verbreiten, ihre wissenschaftliche und praktische Bedeutung auch beim Laien klar zu machen, das Interesse für diese Wissenschaft zu wecken, und ein tieferes Studium derselbigen vorzubereiten, als Liebigs Chemische Briefe. [...] Einer ersten 14 , verschmäht es nicht, in seinen Briefen an eine Mathematiker und Physiker seiner Zeit
deutsche Prinzessin mit klaren Zügen die wichtigsten Lehren der Physik auch für den Laien verständlich zu zeichnen.“ 15
Es wird recht gut deutlich, dass es sich trotz der doch sehr differenzierten Darstellungen im Einzelnen um eine Art physikalisches Handbuch für den Bildungsbürger, um diesem gepflegte Konversation ermöglichen, handelt. Der von Euler verfasste Text entspringt nicht im
12 gegründet 1852 in Halle, Hrsg. Otto Ule, Karl Müller; bis 1902
andere: Aus der Heimat, Der Naturforscher
13 Zwar sind 1870 rund 70 % der Bevölkerung als Alphabetisiert zu bezeichnen, wie genau diese Angabe in Hinsicht
auf den Grad der Qualifikation in der Unterschicht zu erschließen ist, bleibt fraglich.
14 Euler selbst ist gemeint
15 Müller in Müller/Euler: Physikalische Briefe. Stuttgart 1848. (im Vorwort, ohne Seitenzahl)
7
eigentlichen Sinn dem bürgerlichen Realismus, sondern wurde bereits Mitte des 18. Jahrhunderts verfasst. Das Buch ist in drei Teile gegliedert, wobei der dritte dann doch Müller im Zuge der Aktualisierung zuzuschreiben ist.
Anders als es der Titel vermuten lassen würde, streift Euler weit in die Gebiete der Biologie, der Geographie, der Meteorologie und der Sprachbetrachtung 16 . Eine Kopie des Inhaltsverzeichnis’ der Physikalischen Briefe ist im Anhang zu finden. Die Maßgeblichkeit für die Beliebtheit solcher Briefe, die einen relativ guten Überblick ermöglichen aber dennoch nicht zu streng wissenschaftlich formuliert sind, ist im rapiden Zuwachs an Wissen zu suchen. Wie sehr solche Abhandlungen auf Gegenliebe stießen, lassen Strömungen der darstellenden Kunst um die Jahrhundertwende erkennen. So ließ sich Georges Seurat von eben populärwissenschaftlichen Abhandlungen zu den Spektralfarben zur pointilistischen Malerei inspirieren.
4.3. Beispiel Kosmos
„Ohne den Heimatlichen Boden zu verlassen, sollen wir nicht bloß Erfahren können, wie die Erdrinde in den entferntesten Zonen gestalten ist, welche Tier- und Pflanzenformen sie beleben; es soll uns auch ein bild verschafft werden, das wenigstens einen Teil der Eindrücke lebendig wiedergibt, welche der Mensch in jeglicher Zone von der Außenwelt empfängt. Dieser Anforderung zu genügen, diesem Bedürfnis einer Art geistiger Freuden, welche das Altertum nicht kannte, arbeitet die neuere Zeit; die Arbeit gelingt, weil die Vervollkommnung der Bewegungsmittel auf Meer und Land die Welt zugänglicher, ihre einzelnen Teile in ihrer 17 Jener Forderung Oerstedts versucht Alexander von weitesten Ferne vergleichbarer macht.“
Humboldt in seiner, vom Positivismus merklich geprägten, Publikation Kosmos gerecht zu werden. Sein Entwurf einer physischen Weltbeschreibung basiert auf die an der Berliner Singakademie 1927/28 abgehaltenen Kosmosvorträge. Bis 1845 18 nahmen diese ihre schriftliche Form an und waren zehn Jahre später bereits in mindestens sieben Sprachen übersetzt. Zwar waren die erschienenen fünf Bände inzwischen wissenschaftlich längst überholt, dennoch erreichten sie ein breites Publikum. Bemerkenswert scheint Humboldts Streben um eine allgemeine Darstellung des damaligen Bildes der Erde und des Alls. Er legt sich also keinesfalls, wie beispielsweise Liebig oder Euler/Müller auf einen Wissenschaftszweig fest, sondern versucht generelle Kausalitäten wiederzugeben. Seinen Wunsch nach einer umfassenden Darstellungen formuliert er folgendermaßen: „Ich habe in diesem Buch erstrebt: eine denkende Betrachtung der durch die Empirie gegebenen Erscheinungen, die Zusammenstellung des Entwicklungsfähigen zu einem Neuartigen. [...] Klarheit und Lebendigkeit der Sprache in der objektiven Darstellung der
16 Dazu sei vermerkt, dass die Texte ja auch zu einer Zeit verfasst wurde, da Wissenschaften noch einer klareren
Differenzierung bedurften und weitreichend ineinander griffen.
17 Kosmos in Oerstedt: Dichtkunst und Religion. Leipzig 1850. S. 28 (verweist auf Kosmos, Bd. 2; S.71)
18 bezugnehmend auf den ersten Band
8
Erscheinungen wie in dem Reflex der äußeren natur auf das geistige Leben im Kosmos.“ 19 Seine Darstellung ist dabei nicht linear, sondern vielmehr ein Netz aus Texten, Subtexten, Tabellen und Illustrationen. Die Text sind fortlaufend, größtenteils unter Verwendung lateinischer und griechischer Begriffe - meist ohne Übersetzung. Diese Art der Strukturierung fungiert somit sogleich als intellektuelles Raster in Hinsicht auf den Rezipienten.
5. Zeitgenössische Ansichten zum Verhältnis von Literatur und Wissenschaft
5.1. Hans Christian Oerstedt 20
„Es kann also der Naturwissenschaft nicht zum Vorwurf gereichen, wenn sie einigen Stoff vernichtet, welcher bisher von den Dichtern benutzt wurde“ 21 Dieses Zitat Oerstedts lässt an seiner Grundlegenden Haltung keinen Zweifel: Literaten sollen in ihren Werken eine große Menge an naturwissenschaftlichen Kenntnissen verwerten und nicht die alten, einverleibten Irrtümer, wie Aberglaube und dergleichen folgen. Dichtkunst dürfe kein Prachtstück aus der poetischen Rüstkammer darstellen 22 , sondern müsse sich auf die realen Gegebenheiten beziehen und dürfe auf keinen Fall nur auf die Reduzierung einer Dichterstimmung hinauslaufen.
Er verweist auf die Intelligenz des Rezipienten und damit zugleich auf die Wirkungslosigkeit bzw. Lächerlichkeit von Mystizismen in der Dichtkunst. Oerstedt vertritt die Meinung, dass der gebotene Realismus nicht etwa die Themenvielfalt einschränke sondern , im Gegenteil, einen neuen Reichtum an selbiger bietet.
„Die ganze Natur, so wie sich unseren Sinnen darstellt, steht dem Dichter frei zu Gebote [...] Da es der Herrlichkeit der Wissenschaft geziemt, sich durch ihr eigenes Wesen zu behaupten, ward hier bis auf Weiteres vorausgesetzt, dass sie nur dadurch, dass sie Einheit verleiht, nicht aber dadurch, dass sie der Dichterwelt selbst etwas schenkt, reichen Ersatz gab für das, was sie ihr raubte; aber jetzt können wir die Aufmerksamkeit auch darauf hinleiten, dass die Wissenschaft der Dichterwelt für dass, was sie ihr vernichtet, wirklich reiche Entschädigung 23 Kunst und Wissenschaft schließen sich seiner Meinung nach also nicht aus, zu bieten hat.“
sie sollen sich sogar einander bedingen; Literatur müsse wahr sein, müsse Erkenntnis sein. Er geht sogar so weit, zu sagen, dass das eine ohne das andere nicht möglich sei 24 .
19 A. v. Humboldt : Kosmos. Der Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. 1862 Stuttgart. Bd.5, S.5
20 Oerstedt selbst war kein Poet im eigentlichen Sinne, sondern eher Naturphilosoph. Er entdeckte 1819 den
Elektromagnetismus. (andere Schreibweise: Oersted)
21 Oerstedt: Dichtkunst und Religion. Leipzig 1850. S.5
22 Oerstedt in ebd., S. 5
23 Oerstedt in ebd., S. 15 ff.
24 Oerstedt in /Plumpe: Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart.
München 1996. S. 225
9
5.2. Wilhelm Bölsche 25
„..der Realismus hat gar kein Interesse daran, allenthalben mit der Prätention des durchaus „Neuen“ aufzutreten. Seine wesentlichste Mission ist, zu zeigen, dass Wissenschaft und Poesie keine principiellen Gegner zu sein brauchen. [...] Nur allein das Metaphysische muss uns fernbleiben.“ 26
Bölsches Meinung ähnelt grundsätzlich der Oerstedts, er äußert sich jedoch detaillierter und nimmt zu konkreten Sachverhalten eine klare Position ein. So soll seiner Meinung nach die neue Literatur weit entfernt sein von sozialen und politischen Desastern. Die Gesellschaft solle nicht weiterhin in der Poesie einen Trostspender suchen, sich nicht länger profanisierten Idealen hingeben 27 sondern Darstellungen mit realistischer Schärfe heranziehen. Bölsche fordert einen absoluten Realismus, denn nur so könne beispielsweise die Tragödie wahrhaft dramatisch sein. Er sieht in der Naturwissenschaft die gesamte Basis des modernen Denkens und daher hält er eine Anpassung der Denkweisen an neueste Resultate der Forschung für das Einfachste und auch das Notwendigste. 28
25 Wilhelm Bösche gilt wohl als einer wichtigsten Gestalten des deutschen Naturalismus, bezeichnete sich selbst
aber zum Zeitpunkt der Freigabe des zitierten Textes als Realist.
26 Bölsche: Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. Tübingen 1976. S. 50
27 ebd., S. 51 ff.
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6. Fazit
Die Literatur des bürgerlichen Realismus schlägt eine Brücke zwischen den zwei Extremen Romantik und Naturalismus. Schriftstellerei im Dienste der Bürger soll zum Einen Unterhaltung liefern und zum Anderen Wissenschaft publizieren. In der Dichtung dieser Zeit, zumindest auf deutschem Gebiet, taucht die Wissenschaft als solche jedoch, oder vielleicht auch verständlicherweise, nicht als zentrales Thema auf. Popularität erfahren neue Ansätze oder Entdeckungen im wesentlichen in populärwissenschaftlichen Büchern oder Zeitschriften. Dabei richten sich die Verfasser an eine bestimmte Zielgruppe: an die bürgerliche Mittelschicht. Eine Notwendigkeit besteht, einerseits um dem wissenschaftlichen Laien zu informieren und ihm Mitsprachemöglichkeiten beim derzeit so modernen Thema der Naturwissenschaften zu geben, zum anderen, nicht 29 . ganz selbstlos, um die Zielgruppe in der Industrie mit potentiellen Finanziers zu erreichen Erstere schließt auch einen gewissen künstlerischen Anspruch mit ein, sollten doch die Darstellungen nicht nur wissenschaftlichen sondern auch ästhetischen Aspekten genügen. Den Autoren wird quasi eine doppelte Qualifikation abverlangt. In wie weit die Literatur des bürgerlichen Realismus tatsächlich ihrem eigenen Anspruch gerecht werden kann, sei einmal dahingestellt. So nennt Nietzsche die Realisten selbstverliebt und unfähig, wirklich realistisch zu sein, da sie sich von ihrer Herkunft, Vergangenheit und Bildung nicht tatsächlich lösen könnten 30 . In der Tat beschränkten sich Literaten auf ihre eigen Schicht, blendeten die unter ihnen stehende gänzlich aus und entschärften ihre Publikationen somit in ihrer politischen Wirkung. Eine gewisse Dekadenz kann man angesichts der Themen ebenfalls nicht verleugnen. So wurden eben die gesellschaftlichen Umstände auf das Heftigste kritisiert, derer es für das eigene literarische Schaffen bedurfte. Dennoch bildete der bürgerliche Realismus das Fundament für eine absolut kritische Literatur der Jahrhundertwende und darüber hinaus. In jedem Falle erfährt die wissenschaftliche Volksliteratur einen vorher ungekannten Zuspruch, der dem Fortschrittsglaube und der rasanten Abfolge von wissenschaftlichen Neuerungen geschuldet ist.
28 ebd., S. 5
29 Demokratisierung und Kommerzialisierung wirken hier direkt aufeinander
30 Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft. Frankfurt a.M. 1982. S.84 ff
11
verwendete Literatur
Ben-David: Scientists Role. New York 1971
Bölsche: Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. Tübingen 1976. Daum: Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert. München 1998. Engels: Dialektik der Natur. Berlin 1975. Gall: Europa auf dem Weg in die Moderne: 1850-1890. München 1989. Görnitz: Quanten sind anders. Berlin 1999.
A. v. Humboldt : Kosmos. Der Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Stuttgart 1862.
Huyssen (Hrsg.): Die deutsche Literatur in Text und Darstellung. Bürgerlicher Realismus. Stuttgart 1974.
McInnes/Plumpe (Hrsg.): Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. München 1996. Bd.6. Martini (Hrsg.): Deutsche Literatur im bürgerlichen Realismus. o. O. 1974 Müller/Euler: Physikalische Briefe. Stuttgart 1848 Nipperdey: Deutsche Geschichte. München 1990.Bd.1 Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft. Frankfurt a. M. 1982 Oerstedt: Dichtkunst und Religion. Leipzig 1850.
12
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Anke Duensing, 2002, Literatur des bürgerlichen Realismus und die Naturwissenschaften, München, GRIN Verlag GmbH
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