Für Anikó.
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis iv
Abk ürzungsverzeichnis v
1. Einleitung
2. Begriffsdefinitionen
2.1. Natürliche Ressourcen 6
2.2. Gewaltsamer innerstaatlicher Konflikt und Bürgerkrieg 7
2.3. Ressourcenkonflikt 9
3. Der Einfluss natürlicher Ressourcen auf gewaltsame Konflikte
3.1. Ökonomischer Ansatz nach Collier und Hoeffler 10
3.1.1. Allgemein 10
3.1.2. Empirie 11
3.1.3. Ergebnis 17
3.1.4. Vorteile der Modelle 18
3.1.5. Nachteile der Modelle 18
3.2. Natürliche Ressourcen und gewaltsamer Konflikt 21
4. Mangel oder Überfluss?
4.1. Einleitung 23
4.2. Konfliktfaktor: Ressourcenknappheit 23
4.2.1. Der neo-malthusianische Ansatz 23
4.2.2. Sonderfall Wasserkonflikte? 24
4.2.3. Alternative Ansätze 28
4.3. Konfliktfaktor: Ressourcenüberfluss 29
4.3.1. Einleitung 29
4.3.2. Risikofaktoren aus Ressourcenüberfluss 30
4.3.3. Fazit: Ressourcenüberfluss - ein Fluch? 38
4.4. Zwischenergebnis 38
5. Rolle von natürlichen Ressourcen im gewaltsamen Konflikt
5.1. Einleitung 41
5.2. Rebellenfinanzierung 41
5.2.1. Eigener Abbau und Direktvermarktung 43
5.2.2. Entführungen und Erpressungen 44
5.2.3. Verkauf zukünftiger Abbaurechte 45
i
Inhaltsverzeichnis
5.3. Konfliktdimensionen 47
5.3.1. Konfliktausbruch 47
5.3.2. Konfliktdauer 48
5.3.3. Konfliktintensität 52
5.3.4. Konflikttyp 53
6. Konfliktbegünstigende Kontextfaktoren
6.1. Erklärungsbedürftige Ausnahmen 59
6.2. Die entscheidende Rolle der Kontextbedingungen 60
6.2.1. Ressourcenspezifische Eigenschaften und Bedingungen 61
6.2.2. Endogene Kontextbedingungen 65
6.2.3. Exogene Kontextbedingungen 73
6.3. Zwischenfazit 76
7. Empirischer Vergleich
7.1. Vorüberlegungen 77
7.2. Fallauswahl 77
7.2.1. Warum Afrika südlich der Sahara? 77
7.2.2. DR Kongo: Ressourcenüberfluss und Konflikt 78
7.2.3. Botsuana: Ressourcenüberfluss und kein Konflikt 80
7.3. Ressourcenspezifische Bedingungen 82
7.3.1. Technischer Zugang 82
7.3.2. Illegalität und Anonymität 84
7.3.3. Blockierbarkeit 86
7.4. Vergleich der Kontextfaktoren 87
7.4.1. Geschichte 87
7.4.2. Institutionengefüge 89
7.4.3. Armut 92
7.4.4. Geographie 95
7.4.5. Weltwirtschaft 96
7.4.6. Fremdintervention 99
7.5. Ergebnis der Fallstudie 105
8. Fazit
Literaturverzeichnis I
Anhang XXI
ii
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1 Inner- und Zwischenstaatliche Konflikte hoher Intensität (1945-2007)
Abb. 2 Gewaltsame Konflikte (1945-2007)
Abb. 3 Ressourcentypen nach Abhängigkeitsverhältnis
Abb. 4 Geschätztes Einkommen aus Konfliktressourcen (Auswahl)
Abb. 5 Auswirkung von Ressourceneigenschaften auf den Konflikttyp
Abb. 6 Plünderbarkeit und separatistischer Konflikt
Abb. 7 Profiteure aus natürlichen Ressourcen
Abb. 8 Entwicklung der Kapitalrücklagen Botsuanas
Abb. 9 Pro-Kopf-Einkommen der DR Kongo
Abb. 10 Pro-Kopf-Einkommen Botsuanas
Abb. 11 Coltanpreisentwicklung (1995-2004)
Abb. 12 Rohstoffexporte Ruandas (1995-2000)
Abb. 13 Rohstoffexporte Ugandas (1994-2000)
Abb. 14 Zusammenfassung der Kontextbedingungen
Abb. 15 Ressourcenkonflikte in Afrika
Abb. 16 Kindersterblichkeitsrate je 1000 Kinder 2005
Abb. 17 Trinkswasserversorgung 2006
Abb. 18 Ressourcenverteilung und Rebellengebiete in der DR Kongo
Abb. 19 Verbreitung von AIDS unter Erwachsenen
Abb. 20 Ressourcenvorkommen in Afrika (Auswahl)
Abb. 21 Hochgewaltsame Konflikte 2007
Abb. 22 HDI 2007
Abb. 23 Pro-Kopf-Einkommen basierend auf Kaufkraftparität je Region
Abb. 24 Bevölkerungsentwicklung in der DR Kongo und Bots. (1996-2008)
Abb. 25 Freedom House Index für die DR Kongo und Bots. (1972-2007)
Abb. 26 Entwicklung des Weltmarktpreises für Mineralien, Erze und Metalle
Abb. 27 Entwicklung des Weltmarktpreises für Agrarrohstoffe
iii
Abkürzungsverzeichnis Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung ADFL Alliance des Forces Démocratiques pour la Libération du Congo-Zaïre AIDS Acquired Immune Deficiency Syndrome Anm.. Anmerkung des Autors British Broadcasting Corporation BDP Botswana Democratic Party BMU Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit BIP Bruttoinlandsprodukt BTI Bertelsmann Transformationsindex CDUU Christlich Demokratische Union Deutschlands CH Collier und Hoeffler CIA Central Intelligence Agency CIESINN Center for International Earth Science Information Network CSU Christlich-Soziale Union in Bayern CNNN Cable News Network Coltan Columbit-Tantalit Correlates of War-Project DR Kongo Demokratische Republik Kongo DPDF Ugandan Popular Defense Forces EED Evangelischer Entwicklungsdienst ELN Ejército de Liberación Nacional ETHH Eidgenössische Technische Hochschule Zürich FAO Food and Agriculture Organization HDI Human Development Index HIIK Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung Human Rights Watch HRW IMF International Monetary Fund IPIS International Peace Information Service ISS Institute for Security Studies (EU) LDC Least Developed Country LURD Liberians United for Reconciliation and Democracy
iv
Abkürzungsverzeichnis Mouvement pour la Libération du Congo MLC
Mission ddOrganisation des Nations Uniées au Congo MONUC
Popular Movement for the Liberation of Angola - Party of Labour MPLA NGO Non-Governmental Organization NZZ Neue Zürcher Zeitung OPEC Organization of the Petroleum Exporting Countries Private Military Company PMC PRE Primärressourcenexport PPPP Purchasing Power Parity RCDD Rassemblement Congolais pour la Démocratie (heute: RCD-Goma) RDC-ML Rassemblement Congolais pour la Démocratie - Mouvement de Libération Rwandan Patriotic Army RPA SOMIGL Société Minière des Grands Lacs SWP Stiftung Wissenschaft und Politik UN United Nations UNAIDS Joint United Nations Programme on HIV and AIDS UNCTAD United Nations Conference on Trade and Development UNDPP United Nations Development Programme UNESCO United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization UNITA National Union for the Total Independence of Angola
UNOHRLLS The Office of the High Representative for the Least Developed Countries, Landlocked Developing Countries and Small Island Developing States UNSC United Nations Security Council UPDF Ugandan Peopless Defense Force United States US USGS United States Geological Survey WBGU Wiss. Beirat der Bundesregierung - Globale Umweltveränderungen WHO World Health Organization ZDF Zweites Deutsches Fernsehen
v
1. Einleitung
Das globale Konfliktgeschehen unterliegt einem stetigen Wandel. So haben die heutigen Kriege nur noch wenig gemein mit den Kriegen im clausewitzschen Sinne. Der zwischenstaatliche Konflikt als dominante Form 1 des gewaltsamen Konfliktaustrags wurde nach dem Zweiten Weltkrieg durch innerstaatliche Kriege abgelöst und spielt heute statistisch gesehen kaum noch eine Rolle (s. Abb. 1).
Abb. 1: Inner- und zwischenstaatliche Konflikte hoher Intensität (1945-2007) 50
40
30
20
10
0 1945 1950 1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005
Die Anzahl der innerstaatlichen Konflikte verzehnfachte sich bis zum Ende des Kalten Krieges. Eine Erklärung liegt darin, dass die direkte gewaltsame Konfrontation zwischen den Supermächten vermieden und statt dessen auf Nebenkriegsschauplätzen in zermürbenden Stellvertreterkriegen ausgetragen wurde. 2 Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde daher ein signifikanter und dauerhafter Rückgang der Konfliktanzahl erwartet, was jedoch nicht der Fall war (s. Abb. 1). Zudem waren die frühen 90er Jahre geprägt von den Völkermorden in Ex-Jugoslawien, dem Genozid in Ruanda und dem in anarchischer Gewalt und Elend versinkenden Somalia. Die internationale Gemeinschaft versucht besonders seit Mitte der 1990er Jahre durch ‚humanitäre Interventionenn in besonders prekären Konflikten zu deren Deeskalation und zum Schutz der Menschenrechte beizutragen - in vielen Fällen jedoch erfolglos. Edward N. Luttwak setzte diesem ‚Interventionismuss ent- 1 Anm.:Sofern der zwischenstaatliche Konflikt als Idealtyp jemals dominant war.
2 Ehrke 2002: 136.
1
1. Einleitung
gegen, dass man Kriege ihren "natürlichen Gang" 3 gehen lassen sollte, bis entweder eine Seite überlegen gewinnt oder beide Seiten erschöpft sind und somit der Krieg "ausgebrannt" 4 (oder vielmehr ausgeblutet) ist. Doch diese Annahme hat sich als falsch erwiesen, weil viele der heutigen Kriege kein Ende mehr finden. In verschiedenen Konflikten scheint die Gewalt für bestimmte Gruppen profitabler geworden zu sein als der Frieden. Diese „low intensity conflicts“ 5 mit nur sporadischen Gewalteruptionen prägen das heutige Konfliktgeschehen (s. Abb. 2). 6 Für viele Beobachter „ist die Gewalt zu einem blindwütigen, irrationalen und unerklärbaren Phänomen geworden und stellt eine diffuse, vielgestaltige, aber letztlich doch eindeutige Bedrohung dar.“ 7
Abb. 2: Gewaltsame Konflikte (1945-2007) 120
100 80 60 40 20 0 1945 1950 1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005
Ende der 1990er Jahre hat Mary Kaldor das Konzept der ‚Neuen Kriegee eingeführt, 8 welches die neuen Dimensionen des Konfliktaustrags von den bisher bekannten Formen abzugrenzen versuchte. 9 Auch wenn sich der Ansatz der ‚Neuen Kriegee in der Literatur nicht selten in anekdotischer Evidenz erschöpft, haben neuere Untersuchungen 10 diesen grundsätzlichen Gestaltwandel des Gewaltkonflikts seit dem Ende des Kalten Krieges empirisch belegt und sprechen ihm „erhebliche Plausibilität“ 11 zu.
3 Luttwak 1999: 36.
4 Luttwak 1999: 36.
5 Creveld 1998: 42ff, 94ff.
6 Ehrke 2002: 136.
7 Jean/Rufin 1999: 8.
8 Kaldor 1999.
9 s. auch: Kaplan 1994, v. Creveld 1998, Münkler 2002.
10 z.B. Heupel 2004.
11 Heupel 2004: 366.
2
1. Einleitung
Auch wenn die Gewalt in diesen ‚Neuen Kriegenn oft irrational erscheint, so spielen doch immer wieder ökonomische Interessen mit hinein, wodurch zugleich auch der Begriff der ‚Bürgerkriegsökonomienn geprägt wurde. Georg Elwert 12 beschreibt dieses Phänomen an-hand afrikanischer Gesellschaften. So haben sich aufgrund des kolonialen Hintergrunds und schwacher Staatlichkeit „gewaltoffene Räume“ 13 gebildet, in denen sich eigene marktwirtschaftliche Strukturen etabliert haben. Dabei prägte sich eine deregulierte und radikal freie Marktwirtschaft aus, deren Akteure von Handel bis Raub prinzipiell alle Optionen wahrnehmen können. In diesen Gewaltmärkten gehen die privaten Akteure, hinter einem Schleier aus ethnischer, kultureller und religiöser Abgrenzung, 14 ihren wirtschaftlichen Interessen nach. Diese Gewaltmärkte tendieren zu einer Selbststabilisierung, die sich in Form der oben genannten Konflikte mit sporadischer Gewalt niederschlägt.
Jedoch fand die Betrachtung der Konfliktursachen nach dem Kalten Krieg bei den Ökonomen zunächst nicht statt. Die Pionierarbeit in der Ökonomie der Bürgerkriege leisteten vor allem Politikwissenschaftler, Anthropologen, Historiker und Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen, wie der Sammelband „Ökonomie der Bürgerkriege“ 15 veranschaulicht. Jedoch wurde auch hier den ökonomischen Faktoren eine untergeordnete Rolle zugesprochen. 16 Eine erste bedeutsame ökonomische Analyse wurde von der Studiengruppe der Weltbank um Paul Collier vorgelegt. 17 Die Ergebnisse waren - trotz vielfältiger Kritik - bahnbrechend für die quantitative Konfliktforschung. Für das Verständnis der heutigen Bürgerkriege, so die Autoren, seien politische und kulturelle Variablen gegenüber ökonomischen Faktoren sekundär.
Eine ökonomische Betrachtung scheint einen plausiblen Erklärungsansatz für viele heutige Konflikte zu geben. In den meist rebellen-zentrierten Ansätzen wurden die Motivationen der Rebellen untersucht. Dieser Weg eröffnet die Chance, die Rolle von natürlichen Ressourcen in den heutigen Konflikten zu erklären, was die identitäts-basierenden Ansätze kaum vermochten. Diese enge Beziehung zwischen natürlichen Ressourcen und gewaltsamen Konflikten wird in der aktuellen Literatur kaum mehr in Frage gestellt. Problematisch ist jedoch, dass sich die Aussage, natürliche Ressourcen führen zu gewaltsamen
12 Elwert 1997.
13 Elwert 1997.
14 Ellis 2003: 35f, Elbadawi 2000: 246.
15 Jean/Rufin 1999.
16 Elbadawi 2000: 8.
17 Collier/Hoeffler 1998.
3
1. Einleitung
Konflikten, nicht generalisieren lässt. Zu den offensichtlichsten Ausnahmefällen von diesem Ressourcen-Konflikt-Nexus gehört beispielsweise Norwegen, welches über enorme Erdölvorkommen verfügt. In diesem Land scheint ein gewaltsamer innerstaatlicher Konflikt undenkbar und es führte darüber hinaus 2001-2006 die Liste der am weitesten entwickelten Länder 18 an.
Schwerer fallen Erklärungen, wenn der Blick auf Afrika südlich der Sahara gelenkt wird. Diese Gegend eignet sich gut für eine Untersuchung, da es keine Region gibt, in der sich natürliche Ressourcen als Konfliktgegenstand und gewaltsamer Konflikt so häufig überlappen und zahlenmäßig so häufig auftreten. 19 Auch in dieser Region gibt es Länder, die aus dem stereotypischen Muster herausfallen und positive Ausnahmen bilden, die erklärbar sein müssen. Wenn es sich dabei nicht einfach um ‚Glücksfällee handeln soll, müssen bestimmte Kontextbedingungen dafür verantwortlich sein, dass im einen Fall im Zusammenhang mit natürliche Ressourcen ein Konflikt auftritt und im anderen nicht. In dieser Arbeit soll versucht werden, aus der aktuellen Literatur jene Faktoren zu extrahieren, die wichtige Bedingungen in dem Ressourcen-Konflikt-Nexus darstellen. Diese Kontextbedingungen sollten ferner nicht nur in Afrika südlich der Sahara, sondern auch für andere Regionen zutreffen - wobei im Rahmen dieser knappen Arbeit eine umfassende Untersuchung nicht geleistet werden kann. Die aus diesen Grundgedanken hervorgehende These, die dieser Arbeit zugrunde liegt und worauf eine Antwort gefunden werden soll, lässt sich folgendermassen zusammenfassen:
Ein Reichtum an natürlichen Ressourcen in einem Land scheint einen Risikofaktor darzustellen, verursacht aber allein noch keinen gewaltsamen Konflikt. Erst unter verschiedenen bestimmten Kontextbedingungen werden Ressourcen zu einem ‚Fluchh, der Gewaltkonflikte ermöglicht oder mitverursacht.
Nachdem zu Beginn dieses Kapitels überblicksartig aufgezeigt wurde, welche Brisanz den heutigen innerstaatlichen Gewaltkonflikten innewohnt, wird in den folgenden Kapiteln die Bedeutung von natürlichen Ressourcen in diesem Phänomen theoretisch geklärt. Ressourcenkonflikte sind teilweise zu einem Sammelbegriff verkommen, der vom Diamantenkrieg in Sierra Leone bis zum derzeitigen Irakkrieg alle Konflikte erfasst, die etwas mit natürlichen Ressourcen zu tun haben könnten. Deshalb ist ein Überblick über den aktuellen Forschungsstands zu diesem Thema unerlässlich und wird einen wichtigen Teil dieser Ar-
18 UNDP2008.
19 HIIK 2007: 5, 20.
4
1. Einleitung
beit einnehmen. Vorausgehend sind einige grundlegende Begriffe zu klären, was im nächsten Kapitel vorgenommen wird. Im dritten Kapitel wird zunächst geklärt, ob und in welcher Beziehung natürliche Ressourcen zum Phänomen Bürgerkrieg stehen. Es geht hier um die deutliche empirische Korrelation aus einer rebellenzentrierten Sichtweise als Ausgangspunkt für einen Bürgerkrieg. Die ökonomischen Erklärungsansätze werden hier die Grundlage bilden, weil sie eine plausible Darlegung dieses Phänomens geben können. Als Vorreiter in diesem Zusammenhang der ökonomischen Ansätze werden Paul Collier und Anke Hoeffler dominierend sein. Obwohl die ökonomischen Erklärungsansätze fast nur Ressourcenkonflikte aufgrund von Ressourcenrenten erklären können und somit von einem Überfluss ausgehen, ist die öffentliche Diskussion von der Gefahr aufgrund der Knappheit von natürlichen Ressourcen als Überlebensgrundlage geprägt. Im Zuge von knapper werdenden Ressourcen und den damit einhergehenden Preissteigerungen einerseits und humanitärer Katastrophen andererseits, haben die Ressourcenkonflikte aus Ressourcenmangel Hochkonjunktur. Es zeigt sich, dass es sich hier zunächst um zwei grundlegend verschiedene Typen von Ressourcenkonflikten handelt. Im vierten Kapitel wird somit zu klären sein, was sich hinter diesen beiden Typen verbirgt und welche praktische und theoretische Relevanz von ihnen ausgeht. Diese Festlegung auf einen Typus ist eine wichtige Basis der folgenden Arbeit. Im fünften Kapitel wird die Frage analysiert, welche Rolle natürliche Ressourcen konkret im gewaltsamen Konflikt spielen. Dabei wird es darum gehen, warum und wie natürliche Ressourcen als Rebellenfinanzierung eine herausragende und konfliktentscheidende Funktion haben. Zudem wird aufgezeigt, welche Wechselwirkungen von natürlichen Ressourcen auf die Konfliktdimensionen des Ausbruchs, der Dauer, der Intensität und den Typen von Konflikten ausgehen. Hier geht es insgesamt um die Mechanismen im bzw. zum Ressourcenkonflikt. Im sechsten Kapitel wird nun aus den Erfahrungen und Untersuchungen der Literatur die Kontextbedingungen herausgearbeitet, die wahrscheinlich einen Konflikt begünstigen und entscheidend dafür sind, ob ein Ressourcenkonflikt tatsächlich ausbricht. Ein empirischer Vergleich im letzten Kapitel des Hauptteils wird anhand zweier unterschiedlicher Fallbeispiele versuchen aufzuzeigen, dass die Kontextbedingungen die ausschlaggebenden Faktoren für einen Ressourcenkonflikt, bzw. dessen Abwendung sind.
5
2. Begriffsdefinitionen
Einige Begriffe im Rahmen des Konzeptes der Ressourcenkonflikte werden häufig inflationär verwendet und bedürfen somit zunächst einer Definition und Abgrenzung.
2.1. Natürliche Ressourcen
Wie der Begriff ‚Ressourcenkonfliktt bereits andeutet, nehmen Ressourcen eine besondere Stellung dabei ein. Ressourcen werden allgemein als Hilfsmittel gesehen, ein bestimmtes Ziel zu erreichen - in der Wirtschaft meist um Wachstum und Entwicklung zu generieren. Neben viele Arten von Ressourcen geht es im Konzept der Ressourcenkonflikte insbesondere um natürliche Ressourcen 20 . Im betriebswirtschaftlichen Sinne sind dies Ausgangsmaterialien, die im Fertigungsprozess in die Zwischen- und/oder Endprodukte eingehen oder als Hilfsstoffe verbraucht werden. ‚Natürlichh sind sie deshalb, weil sie natürlichen Ursprungs sind oder - anders ausgedrückt - ein „Geschenk der Natur“ 21 . Hierin liegt auch eine weitere, für die Arbeit relevante, Eigenschaft von natürlichen Ressourcen. Als Geschenk stellen sie per se einen Gewinn dar, grundsätzlich ohne Beitrag in Form von Arbeit. Die natürliche Ressource muss lediglich gefördert werden und bildet bereits in roher Form einen ökonomischen Wert. Dieser Wert hängt allerdings von gesellschaftlichen und ökonomischen Gegebenheiten ab. So bildet das seltene Metall Coltan in unserer Gesellschaft einen wertvollen Rohstoff als Grundlage für viele Formen von Mikroelektronik. In Gesellschaften mit weniger entwickelter Elektroindustrie ist das Interesse an diesem Metall oft nicht vorhanden und hat damit keinen ökonomischen Wert - abgesehen von einer ausländischen Vermarktung.
In Ressourcenkonflikten sind die natürlichen Ressourcen per se nicht entscheidend, sondern die damit verbundenen Charakteristika, die den ökonomischen Wert aufgrund der Knappheit wesentlich mitbestimmen. Die gängigste Unterteilung erfolgt in erneuerbare und nicht-erneuerbare Ressourcen. Erstere sind Ressourcen, die in einem ständigen Fluss der Erneuerung und des Nachwachsens sind, sofern sie nicht übermässig ausgebeutet werden. Dazu zählen Fische, Tropenhölzer, Kaffee, Kakao und ähnliches. Sie sind prinzipiell
20 Anm.: ‚Rohstofff oder auch ‚Primärrohstofff wird besonders im deutschen Sprachraum äquivalent verwendet - beide Begriffe beschreiben unverarbeitete, natürliche Ressourcen.
21 Ross 2003b: 5.
zeitlich unbegrenzt verfügbar. Zu den nicht-erneuerbaren natürlichen Ressourcen zählen solche, die sich zwar im Laufe der Erdgeschichte natürlich gebildet haben und teilweise neu bilden könnten, jedoch nicht in menschheitsgeschichtlich relevanten Zeithorizonten. Hierbei handelt es sich fast ausschließlich um Bodenschätze, wie seltene Metalle oder Mineralien. Doch diese Kategorisierung ist bei der Betrachtung von gewaltsamen Konflikten ungeeignet, da sie nichts über das Konfliktpotential aussagt. Ressourcenkonflikte sind nicht nur auf nicht-erneuerbare Ressourcen beschränkt. Auch erneuerbare Ressourcen
Abb. 3: Ressourcentypen nach Abhängigkeitsverhältnis
können die Wahrscheinlichkeit von gewaltsamen Konflikten erhöhen, 22 wie sich im Laufe dieser Arbeit noch zeigen wird. Somit scheint eine Unterteilung der Ressourcen nach deren Abhängigkeitsverhältnis 23 wesentlich geeigneter (s. Abb. 3).
2.2. Gewaltsamer innerstaatlicher Konflikt und Bürgerkrieg
Für die Definition gewaltsamer Konflikte greifen die meisten Studien auf die quantitative Definition des CoW-Projekts 24 zurück. 25 Teilweise finden noch mehr oder minder große Modifikationen 26 statt, aber insgesamt gibt es bei der Verwendung der Definition erstaunlich wenig Pluralismus. 27 Der Charme dieses Ansatzes ist zweifellos die Einfachheit und die quantitative Verifizierbarkeit. Allerdings steht allein das entscheidende Element des Schwellenwertes von 1000 Kriegstoten berechtigterweise häufig in der Kritik. Besonders
22 u.a. Lay/Mahmoud 2004.
23 Anm.: Diese Unterteilung ist nur idealtypisch, häufig treten Mischtypen auf.
24 Singer/Small 1994.
25 Sambanis 2004: 814.
26 z.B.: Hegre 2004a: 25 Tote/Jahr; Fearon/Laitin 2003: durchschn. 100/Jahr, aber über 1000 Gesamtdauer; Elbadawi/Sambanis 2000b: min. 1000/Gesamtdauer.
27 Sambanis 2004: 815.
7
2. Begriffsdefinitionen
bei den heutigen Bürgerkriegen sind diese Opferzahlen nur schwer nachweisbar. In den zahlreichen Konflikten sporadischer Gewalthandlungen 28 kommt es zu vielen, meist zivilen Opfern aus indirekter Konfliktfolge, die im Zweifelsfall nicht adäquat erfasst werden können. Eine realistischere Abbildung der Wirklichkeit dürfte mit einer qualitativen Definition wie die des HIIK 29 gewonnen werden.
Auch der meist verwendete Begriff ‚Bürgerkriegg ist sehr unscharf. Er geht im allgemeinen von einer groß angelegten militärischen Auseinandersetzung von Rebellen gegen die eigene nationale Regierung aus. Doch wie bereits oben angedeutet, finden die meisten Konflikte - besonders in Afrika südlich der Sahara - in einem Umfeld von zerfallenen oder gescheiterten Staaten ohne durchsetzungsfähige Zentralmacht statt. 30 Im heutigen Somalia, der DR Kongo oder in Afghanistan kann schwerlich von einem materialen staatlichen Gewaltmonopol die Rede sein. In diesem Kontext ist es fraglich, inwiefern das Rebellenversus-Staat-Konzept überhaupt noch so vertreten werden sollte, wie es die meisten ökonometrischen Studien zu Grundlage haben. Besonders in schwachen oder zerfallenen Staaten stehen sich häufig primär verschiedene Rebellengruppen feindlich gegenüber, nicht Rebellen und Staat. Eine solche Konstellation findet sich möglicherweise im Ost-Kongo, wo der Staatseinfluss de facto nicht vorhanden ist und die Rebellengruppen um Einflussbereiche mit einem umfassenden Gewalteinsatz kämpfen. Statt von Bürgerkrieg sollte somit von ‚gewaltsamen innerstaatlichen Konfliktenn gesprochen werden, um keine falschen Assoziationen zu erzeugen. Da in diesen länderübergreifenden Konfliktkomplexen selbst die Staatsgrenzen fliessend sind, würde der Begriff ‚gewaltsame substaatliche Konfliktee‚ wahrscheinlich am besten das Problem umreißen. In der wissenschaftlichen Literatur - besonders in der englischsprachigen - ist jedoch der Begriff ‚Bürgerkriegg 31 dominant und wird daher aus pragmatischen Gründen in dieser Arbeit analog zu ‚gewaltsamer (innerstaatlicher) Konfliktt verwendet. Dies ist auch darin begründet, dass die theoretischen und empirischen Ausführungen meist auf einer Modifikation der CoW-Definition basieren.
28 HIIK 2007: 1.
29 HIIK 2007: Innenseite des Umschlags.
30 The Fund for Peace 2008.
31 Anm.: Mehr zum Begriff ‚Bürgerkriegg: Sambanis 2004.
8
2. Begriffsdefinitionen
2.3. Ressourcenkonflikt
Ressourcenkonflikte sind eine Subkategorie von Bürgerkriegen, als dessen Konfliktge-genstand natürliche Ressourcen gesehen werden. Der Begriff ist konzeptionell äußerst reduktionistisch und wirkt exklusiv. 32 Jedoch schliesst er nicht aus, dass andere Ursachen und Motive diesen Gegenstand überlagern. 33 Es liegt in der Natur der politischen Mobilisierung, dass ökonomische Motive eher überdeckt werden, um nicht den Verdacht von Gier und Machtstreben zu nähren. So wurde von Journalisten jüngst aufgedeckt, wie der Rebellenführer der RCD-Goma in der DR Kongo eine entscheidende Figur in der Ausbeutung der wertvollen Coltan-Vorkommen in der Region ist, obwohl er sich erbittert gegen die Unterstellung wehrte, dass seine Organisation irgendetwas mit der Ausbeutung zu tun habe. 34 In einem anderen Fall konstatiert ein liberianischer Kriegsherr in einem Bericht:
„grundsätzlich ist Conneh 35 ein Geschäftsmann, nicht ein Soldat oder Politiker. […] Gelegentlich scheint er sich zu erinnern, dass er etwas politisch Relevantes sagen sollte und macht eine kurze spontane Rede über den Kampf für Demokratie und die Freiheit der liberianischen Menschen.“ 36
Solche investigativen Hintergrundberichte sind allerdings eher selten. In den meisten Fällen ist die Diskrepanz zwischen dem nach außen hin vertretenen und dem tatsächlichen Motiv der konfliktführenden Akteure kaum nachweisbar. Das exakte Verhältnis politischer und ökonomischer Motive ist nur schwer zu bestimmen; man kann sich diesem nur über verschiedene Indikatoren und der daraus ergebenden Plausibilität annähern.
32 Le Billon 2007: 178.
33 Ellis 2003: 35f.
34 ZDF 2008.
35 Anm.: Sekou Conneh war ehemaliger Führer der liberianischen Rebellengruppe LURD.
36 Brabazon 2003: 12.
9
3. Der Einfluss natürlicher Ressourcen auf
gewaltsame Konflikte
3.1. Ökonomischer Ansatz nach Collier und Hoeffler
3.1.1. Allgemein
In vergangener Zeit wurde Krieg mehrheitlich als inhärente dysfunktionale Zerrüttung der ‚normalenn sozialen, wirtschaftlichen und politischen Interaktionen hingenommen. 37 Besonders seit Ende der 90er Jahre wird der gewaltsame Konflikt dagegen als sehr wohl rationales und funktionales Ereignis betrachtet. 38 Krieg wird in den ökonomischen Ansätzen, - in Anlehnung an Carl von Clausewitz - als „die Fortsetzung der Wirtschaft mit anderen Mitteln“ beschrieben. 39 Die konfliktunterstützenden Akteure führen nach diesem ökonomischen Kalkül den Krieg, weil sie in diesem Zustand mehr als im Friedenszustand zu gewinnen glauben.
CH haben dieser Theorie 1998 in einer ersten Studie 40 erstmals ein empirisches Fundament gegeben. Ihr Interesse lag darin, diejenigen Zusammenhänge aufzudecken und empirisch zu belegen, die das Risiko eines Bürgerkrieges erhöhen. Abweichend von bisherigen Studien auf diesem Forschungsgebiet versuchten sie ökonomische Theorien und ökonometrische Methoden anzuwenden, um in erster Linie die Auftrittswahrscheinlichkeit und die Dauer von Bürgerkriegen zu errechnen. Jedoch sollte die Studie sozialwissenschaftliche Methoden nicht verdrängen, sondern ergänzen bzw. vervollständigen. Der politikwissenschaftlichen, soziologischen und anthropologischen Forschung fehlte es bis dahin an einer strengen Methodik, so CH, die es erlaube, über Einzelfälle hinaus verallgemeinerbare Aussagen zu treffen. Der Mehrwert auf Seiten der Sozialwissenschaften läge in der Absicherung von Fallstudien gegen Überinterpretation und Generalisierung einzelner Ergebnisse. Die moderne Ökonomie kann somit Einsichten geben, die über fallspezifische Studien hinausgingen.
37 Ballentine/Nitzschke 2005.
38 Berdal/Malone 2000.
39 Keen 1998: 11.
40 Collier/Hoeffler 1998.
10
3. Der Einfluss natürlicher Ressourcen auf gewaltsame Konflikte
Somit zielen CH darauf ab, mit dieser Methodik aus den höchst unterschiedlichen Konfliktursachen und -verläufen generalisierbare Züge und Ergebnisse herauszuarbeiten. In einer zweiten großen Studie 2001 41 wurde die Analyse deutlich umfassender und sollte im Auftrag der Weltbank der internationalen Gemeinschaft konkrete Handlungsanweisungen an die Hand geben. Diese Ergebnisse werden hier nur zum Teil einfliessen, weil CH in neueren Studien 42 wesentliche Modifikationen vorgenommen haben, die die bisherigen Ergebnisse teilweise entkräften und den Schwerpunkt verlagern.
3.1.2. Empirie
Als Ausgangspunkt und wichtigstes Element von Bürgerkriegen sind die Akteure zu betrachten, um die Ursachen zu analysieren und - vor allem - die Gründe von Auftreten und Bestehen von Rebellenarmeen zu klären. Dazu hat bereits Jack Hirshleifer 43 auf die drei wesentlichen Kategorien hingewiesen: Präferenzen, Möglichkeiten und Wahrnehmung. CH stellen jedoch heraus, dass Politikwissenschaftler in der Friedens- und Konfliktforschung meist nur die Präferenzen als auslösende Momente in Betracht ziehen. Somit wird eine Rebellion zwangsläufig als politischer Protest wahrgenommen. Auslöser sind demnach atypisch starkes Leid aufgrund von Ungleichheit oder Unterdrückung. Ökonomen können somit in der Empirie eine wesentliche Bereicherung der Forschung sein, da sie sich von Natur aus mehr auf die Möglichkeiten konzentrieren. Bisher gab es wenige Analysen in diese Richtung.
Ein wichtiger Vertreter der Ökonomen, auf den sich CH stützen, ist Herschel I. Grossman. 44 Aus seiner Perspektive werden die Individuen, die im Bürgerkrieg aktiv beteiligt sind, als rationale Akteure im Sinne des Rational-Choice-Ansatzes betrachtet. Die Rebellen haben somit unbewusst eine mikroökonomische Kosten-Nutzen-Rechnung vor Augen. Die angestrebte Rebellion mit dem vorläufigen Ziel einer nationalen Regierungsübernahme oder Sezession ist damit eine rein rationale Option, die darauf basiert, dass der eigene erwartete Nutzen größer sein wird als die Kosten der Unternehmung.
Der Nutzen für die beteiligten Individuen hängt jedoch von der Fähigkeit der angenommenen künftigen Rebellenregierung ab und wie diese befähigt sein wird, ihre Anhänger zu
41 Collier 2001.
42 Collier/Hoeffler/Rohner 2007.
43 Hirshleifer 2001.
44 Grossman 1999.
11
3. Der Einfluss natürlicher Ressourcen auf gewaltsame Konflikte
entlohnen. An dieser Stelle kommt in dem ökonomischen Modell den natürlichen Ressourcen eine Schlüsselposition zu. Die Entlohnung der Rebellen hängt CH zu Folge vor allem davon ab, wie groß der Umfang der besteuerbaren Ressourcen des bekämpften Staates sind. Allerdings werden diese Ressourcen gleichzeitig von der bestehenden Regierung dafür eingesetzt werden können, um die Rebellen zu bekämpfen. Somit steigt gleichzeitig mit einem möglichen höheren Gewinn das Risiko des Scheiterns der Rebellion.
Die Kosten der Rebellion für jeden einzelnen rationalen Akteur ergeben sich aus den Gewinnen, die sie ohne den Bürgerkrieg erzielt hätten, abzüglich der Verluste, die durch die Unterbrechung ihrer normalen wirtschaftlichen Aktivitäten verursacht wurden, den Opportunitätskosten. Die Dauer der Rebellion nimmt somit einen starken Einfluss auf die Kosten, da die Verluste permanent ansteigen.
Daraus folgend würde eine Rebellion ein unternehmerisches Vorhaben sein: Rebellen plündern, um Gewinne zu erzielen. Somit wäre eine Bürgerkriegssituation grundsätzlich nicht von Banditen oder Piraten unterscheidbar 45 - das dominante Motiv wäre Gier. Der rationale Akteur würde nach dem Machiavelli-Theorem von Hirshleifer 46 keine Möglichkeit auslassen, die gewinnversprechend ist. Nach dieser strengen Nutzenmaximierung bedarf es keinerlei politischer Motive - eine Rebellion wäre ein atypischer Umstand, der profitable Möglichkeiten erzeugt.
Diese Perspektive hat allerdings ein wesentliches, inhärentes Problem. Es geht hier immer um den erwarteten Gewinn, der viel mit der Wahrnehmung der komplexen Situation zu tun hat. Da ein Akteur nie über die vollständige Information verfügt, wird er sich immer irren können. Eine Rebellion könnte somit auch dann stattfinden, wenn eine Gewinnsituation überschätzt werden würde, was nicht selten der Fall ist. 47
Für ihre empirische Analyse stützen sich CH auf die Bürgerkriegsdefinition des CoW-Projekts, wodurch sie nutzbare quantitative Daten vorliegen haben, die anhand der Dimension ‚Gewaltanwendungg anstelle von Zielen der Akteure oder Konfliktergebnis kategorisiert werden können. Letztere alternative Kategorisierungen seien primär auf Vermutung und scheinbarer Evidenz basierend, doch wissenschaftlich haltlos. 48 Eine Einordnung anhand der Gewaltintensität ermöglicht eine relativ gute Messbarkeit von Bürgerkriegen. Demnach
45 Grossman 1999: 269.
46 Hirshleifer 2001: 10f.
47 Humphreys 2005: 509.
48 Collier/Hoeffler 2007: 718.
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3. Der Einfluss natürlicher Ressourcen auf gewaltsame Konflikte
definieren CH 49 einen Bürgerkrieg als einen innerstaatlichen Konflikt, in welchem ein Akteur die nationale Regierung darstellt, die gerade an der Macht ist. Zudem müssen die Konfliktparteien befähigt sein, auf der jeweils anderen Seite Opfer zu generieren. Um ein Mindestmaß an Gewalteinwirkung vorauszusetzen, müssen mindestens 1000 Todesopfer im Jahr zu beklagen sein, die in direkter Kampfeinwirkung starben. Darunter zählen demnach keine Opfer, die aufgrund kriegsbedingter Seuchen oder Hungersnöten ums Leben kamen, was neben militärischen Opfern auch die oft weit größeren zivilen mit einschließen würde. Von diesen Opfern müssen mindestens fünf Prozent von organisierten Rebellen getötet worden sein. Diese Hürde soll ausschließen, dass u.a. Genozide, Massaker oder Pogrome mit erfasst werden. CH verwenden für ihre aktuellste Analyse 50 einen erweiterten 51 CoW-Datensatz mit 208 Ländern über einen Zeitraum von 1965 bis 2004. Daraus resultieren 84 ausgebrochene Bürgerkriege.
Bis zu den Studien von CH haben Politikwissenschaftler primär Situationen atypischen Leides als Auslöser für Bürgerkriege herangezogen. Seitens der ökonomischen Betrachtungsweise sind es dagegen Situationen atypischer Gier. Um zu erfassen, welcher Faktor entscheidender ist, versuchen CH nun, diese einzeln zu messen. Im Kern geht es um einen Vergleich zwischen der durch Gier und finanziellen Möglichkeiten motivierten einerseits und der von Leid in Form von ethnisch und religiösen Trennungen, politischer Repression oder sozio-ökonomischer Ungleichheit motivierten Rebellion andererseits.
3.1.2.1. Motivation (Gier)
Rebellen sind hier vor allem an der Gewinnmaximierung im Sinne des ‚homo oeconomicuss interessiert, aber auch angewiesen. Besonders bei der Rebellenrekrutierung kommt dies deutlich zum Ausdruck. In einem unternehmerischen Denken werden die Anhänger einer Rebellengruppe als Arbeitnehmer betrachtet, die bezahlt werden wollen. Diese Entlohnung der Rebellenorganisation läuft meist über die Erpressung von Primärrohstoffex-porten, Spenden durch Diaspora oder die finanzielle Unterstützung von dritten Staaten ab. Diese Bezahlungen müssen in Relation zu den Opportunitätskosten der Einzelnen gesehen werden und somit kleiner sein, als die zu erwartenden Gewinne. Die Rekrutierung ist stark an die Rahmenbedingungen des Arbeitsmarktes gekoppelt, vertreten durch Bildung,
49 Collier 1998: 567, Collier/Hoeffler/Rohner 2007: 9.
50 Collier/Hoeffler 2007.
51 Anm.: Basierend auf Gleditsch et al 2002 und Gleditsch 2004.
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3. Der Einfluss natürlicher Ressourcen auf gewaltsame Konflikte
Bevölkerungs- und wirtschaftliches Wachstum. Als Vertreter wählen CH die wirtschaftliche Wachstumsrate pro Kopf und den Anteil junger Männer. Nicht zu unterschätzen ist darüber hinaus das Vorhandensein einer Anschubfinanzierung, die sie von unterstützenden dritten Staaten oder der Diaspora erhalten können. Hierbei spielt aber auch eine Rolle, inwiefern bereits in der Vergangenheit Rebellionen stattfanden. Diese möglicherweise noch bestehende Präsenz von akkumuliertem physischen, menschlichen und organisatorischen Kapital kann für eine Initialisierung genutzt werden. Hierdurch liegen oft bereits Waffen, Soldaten und Organisationsstrukturen vor. Die Initialkosten für eine Rebellion sind somit geringer und die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Rebellion erhöht sich.
Rebellen im Sinne von CH sind von anderen kriminellen Gruppen in Umfang des potentiellen Gewalteinsatzes zu unterscheiden. Bei kriminellen Gruppen geht es vor allem um die Erpressung des urbanen Kommerzes, während Rebellen auf die Produktion und den Transport von Primärrohstoffen abzielen, was vor allem peripher in den ländlichen Gegenden stattfindet. Das ändert den Einsatz an Gewalt und Verteidigung grundlegend. Im städtischen Bereich werden z.B. Kommissare und Polizei eingesetzt, während bei Primärrohstoffen meist zu groß angelegter Gewalt in Form von Militär gegriffen wird. Somit brauchen die Rebellenorganisationen eine ausreichende Größe (meist 500-5.000 Rebellen; in Angola aber sogar bis zu 60.000), 52 um einer regulären Armee wesentlichen Schaden zufügen zu können. Folglich bedarf es einer industrielleren Struktur und größerer Organisation als bei einer kommerziellen Erpressung.
3.1.2.2. Motivation (Leid)
Im Gegensatz zu dem Gier-Motiv sind nicht die finanziellen Möglichkeiten und Gewinnerwartungen die auslösende Motivation für einen Bürgerkrieg, sondern der Wille, als stark und objektiv empfundenes Leid zu mindern. Leid ist prinzipiell kaum objektivierbar, weil es ein universelles Phänomen ist und darüber hinaus nicht selten in einem strategischen Kalkül als Deckmantel 53 für das eigentlichen Interesse fungiert. Dennoch haben CH versucht, Leid quantitativ messbar zu machen.
Die besonders außerhalb der Wissenschaft oft herangezogene Ursache für Bürgerkrieg ist als erstes Kriterium der ethnische und religiöse Hass. Bekanntestes Beispiel hierfür ist der Bosnienkonflikt. CH versuchen diesen über die Fraktionalisierung einer Bevölkerung zu
52 Anm.: Auflistung der Größe von Rebellenorganisationen in Bürgerkriegen unter Collier et al 2003: 55.
53 Anm.: Analog der ‚ethnischen Konfliktee, wie im ersten Kapitel beschrieben wurde.
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3. Der Einfluss natürlicher Ressourcen auf gewaltsame Konflikte
erfassen. Je stärker fraktionalisiert, desto größer der potentielle innergesellschaftliche Hass. Basierend auf dem Konzept von Joan-Maria Esteban und Debraj Ray 54 hat sich gezeigt, dass eine ethnische Polarisation als extreme Fraktionalisierung der ausschlaggebende Faktor für einen gewaltsamen Konflikt ist.
Ein weiteres Kriterium ist die Unterdrückung einer gesellschaftlichen Gruppe durch die eigene Regierung. Diese politische Repression lässt sich anhand des Regimetypus und den verschiedenen Indizes recht gut erfassen. CH habe hierfür die Autokratie-Skala des PolityIII-Datensatzes 55 und auch die Werte der politischen Offenheit des Freedom House-Datensatzes 56 als relativ solide Ergebnisse herangezogen. Hier haben CH festgestellt, dass es eine erwartungsgemäß starke Evidenz zwischen Bürgerkriegs- und Friedensepisoden gibt. In Friedenszeiten war die Repression deutlich unter der Hälfte des Mittelwertes. Jedoch ist dieser Zusammenhang nicht linear. Denn ab einer bestimmten Intensität der Repression kann Bürgerkrieg auch wiederum verhindert werden. 57
Als drittes Kriterium kann eine dominante ethnische Gruppe oder Gewinnerkoalition eine andere ausschließen und somit Leid bzw. Hass erzeugen. Festgestellt wurde diese Dominanz dann, wenn die größte Gruppe der Gesellschaft zwischen 45 und 90% der Gesamtbevölkerung darstellt. Eine Signifikanz dieses Faktors in Bürgerkriegszeiten gegenüber Friedenszeiten konnte allerdings kaum festgestellt werden, weil diese Werte nahezu identisch sind.
Ein letztes wesentliches Merkmal für Leid als Motivation ist die ökonomische Ungleichheit. Gerade da die Mehrheit aller Bürgerkriege in verarmten Ländern stattfinden, wird diese häufig mit gewaltsamen Konflikten in Verbindung gebracht. 58 Die dahinter liegende Motivation wäre eine ökonomische Umverteilung zugunsten der sozio-ökonomisch benachteiligten Bevölkerung. Aus Sicht der Wohlhabenderen wäre ein Sezessionskonflikt einer reicheren Region ein Mittel, eine drohende Umverteilung zu verhindern. Aber empirisch lässt sich feststellen, dass die wenigsten Rebellionen von Armen ausgelöst wurden, mit dem Ziel, eine gerechtere Gesellschaft zu erreichen. 59 CH haben diese Ungleichheit in Verbin-
54 Esteban/Ray1994.
55 Jaggers/Gurr, 1995.
56 Freedom House 2008.
57 Hegre et al. 2001.
58 Sen 1997.
59 Anderson 1999: 9.
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3. Der Einfluss natürlicher Ressourcen auf gewaltsame Konflikte
dung mit Bürgerkrieg mit dem Gini-Koeffizienten der Einkommensverteilung des unteren zum oberen Fünftel verglichen und kamen zu einem ähnlichen Ergebnis. So ist die Einkommensverteilung minimal ungleicher in Bürgerkriegs- gegenüber Friedensepisoden.
Ein nicht zu unterschätzendes Problem ist, dass ein Konflikt Leid verursacht und somit Leid als scheinbaren Auslöser erscheinen lassen kann. Um jedoch dieses verzerrende Endogenitätsproblem bei der Messung zu vermeiden, mussten die Faktoren in beiden betrachteten Fünf-Jahres-Episoden auftreten.
CH kommen im Vergleich beider Dimensionen zunächst zu dem Schluss, dass Leid als Motivation nicht das Auftreten gewaltsame Konflikte erklären kann, sondern nur Gier.
3.1.2.3. Möglichkeit
Man muss CH insgesamt sehr zugute halten, dass sie ihr Konzept sehr transparent gehalten haben, auf konstruktive Kritik stets reagierten und ihr Modell weiter verbesserten. So haben verschiedene Autoren angeführt, 60 dass auch außergewöhnlich günstige Umstände
- atypische Möglichkeiten - einen Bürgerkrieg eröffnen können, die grundsätzlich nichts mit den beiden Motivation zu tun hat. In ihrer jüngsten Studie zu diesem Thema geht die Leid-Dimension begrifflich in den atypischen Motivationen und die Gier konsequenterweise in den atypischen Möglichkeiten auf.
In diesem Möglichkeiten-Ansatz vertreten CH die prägnante These: Wo eine Rebellion als möglich, bzw. realisierbar erscheint, wird diese auch stattfinden. 61 Eine Klasse von Möglichkeiten sind jene, die aus atypisch niedrigen Kosten für eine Rebellion bestehen. Betroffen sind dabei Erstens die Rekrutierung, in der es - wie oben beschrieben - primär um die Rekrutenbezahlung und die daraus resultierenden Kosten geht, die im Verhältnis zu den Opportunitätskosten stehen. Zweitens spielen Kosten von konfliktspezifischem Kapital eine Rolle, was insbesondere die Organisationsfähigkeit betrifft, da sich über einen längeren Zeitraum die organisatorische Kohäsion auflöst und Waffen über die Zeit an Wert verlieren. Drittens ist eine atypisch schlechte Verteidigungsposition der Regierung ein ausschlaggebender Faktor. Auch geographische Bedingungen sind dabei nicht zu vernachlässigen. So haben Rebellen grundsätzlich einen Vorteil in bergigem und bewaldetem Gelände zum Schutz. In Ländern mit geringerer Bevölkerungsdichte und kleinerem Urbanisie-
60 Fearon2005, Weinstein 2005.
61 Collier/Hoeffler/Rohner 2007: 4.
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3. Der Einfluss natürlicher Ressourcen auf gewaltsame Konflikte
rungsgrad finden häufiger Bürgerkriegsausbrüche statt, da offenbar die politische Organisierbarkeit erleichtert wird. Als bedeutsamer Faktor spielt hier auch die soziale Kohäsion eine Rolle, da ethnische und religiöse Diversität die Organisationsfähigkeit reduziert. 62 Rebellen bevorzugen folglich organisatorische Homogenität.
Als zweite Klasse ziehen CH atypische Möglichkeiten der Finanzierung in Betracht. Als erste und bedeutsamste Finanzierungsquelle ist hier der Raub natürlicher Ressourcen zu nennen, als zweites die Diaspora, wobei Staatsangehörige im Exil die eigene Bevölkerungsgruppe finanziell unterstützen. 63 Als dritte Möglichkeit werden feindliche Regierungen und deren Bereitschaft genannt, die militärische Opposition eines anderen Landes zu unterstützen, was besonders im Kalten Krieg bei Stellvertreterkriegen sehr ausgeprägt war.
3.1.3. Ergebnis
In einem eher traditionellen Fokus auf die Konfliktursachen im Bürgerkrieg spielt die Motivation der Rebellen die entscheidende Rolle. In ihren ersten beiden quantitativen Studien 64 haben CH die beiden Dimensionen der Motivation - Gier und Leid - untersucht und miteinander verglichen, um zu klären, welche einflussreicher auf das Bürgerkriegsrisiko ist. Dabei hat sich deutlich gezeigt, dass die Raubmotivation eine deutlich stärkere Rolle spielt
- die Leidfaktoren waren durchweg insignifikant. Dennoch räumen die Autoren ein, dass sie Leid nicht als Faktor ausschließen möchten, sondern nur sagen können, dass sie bisher keine bestätigenden Variablen für Leid gefunden haben.
In ihrer dritten umfassenden Revision griffen CH diese neue Dimension der ‚Möglichkeitenn auf. Sie ist in weiten Teilen eine Ergänzung des Giermotivs, jedoch im Sinne der Möglichkeit. Es ist für CH wichtig hervorzuheben, dass die Kernresultate ihrer vorherigen Studien erhalten bleiben. 65
Unter einer ökonomischen Betrachtungsweise hätte eine Rebellion zudem starke Handlungsprobleme 66 , wenn Leid einen Bürgerkrieg auslösen würden: das Trittbrettfahrerproblem, das Koordinationsproblem und das Zeitkonsistenzproblem. Ein Trittbrettfahrerproblem deshalb, weil die Beseitigung des Leides (z.B. Sturz der verantwortlichen Regierung) kein
62 Easterly/Levine 1997.
63 Collier/Hoeffler 2004: 568.
64 Collier 1998, Collier/Hoeffler 2004.
65 Collier/Hoeffler/Rohner 2007: 13ff.
66 Collier 2000: 98f.
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3. Der Einfluss natürlicher Ressourcen auf gewaltsame Konflikte
exklusives Problem ist, von dem das Individuum direkt profitiert und es somit rational ist, von anderen den Bürgerkrieg austragen zu lassen. Wenn dagegen die Rebellion von Gier motiviert ist, dann wird der einzelne Rebell davon profitieren und das Trittbrettfahrerproblem entfällt weitestgehend. Ein Koordinationsproblem tritt bei einer leidmotivierten Rebellion auf, weil nur eine starke Rebellenarmee eine Chance hat, gegen eine Regierungsarmee vorzugehen. In der Aufbauphase ist aber die Gefahr der Individuen extrem hoch und nur wenige sind bereit, sich zu beteiligen. Bei einer Giermotivation ist nicht das vordergründige Ziel, die nationale Regierung zu stürzen, sondern bereits im Verlauf der Rebellion Gewinne anzueignen. Nicht zuletzt ist eine Initiierung eines Bürgerkriegs aufgrund von Leid einem Zeitkonsistenzproblem unterworfen, da sich der Beteiligte nicht sicher sein kann, ob am Ende tatsächlich das Problem beseitigt wird oder ob es nur eine leere Versprechung eines Rebellenführers ist. Bei dem giermotivierten Rebellen ist das Versprechen ihres Anführers nicht so wichtig, weil sie sich die Gewinne zeitnah während des Konfliktverlaufs aneignen.
3.1.4. Vorteile der Modelle
CH haben der Diskussion um eine der Hauptbedrohungen der kollektiven Sicherheit in einer sehr systematischen Herangehensweise analysiert und suchten nach harten Fakten, um die eigentlichen Ursachen hinter einer möglichen Fassade aus Machtkalkül und Legitimierung aufzudecken. Die Debatte um die Möglichkeitsstruktur wurde bereits vor CH geführt, jedoch nie so klar empirisch auf den Bürgerkrieg hin untersucht 67 . Einen wissenschaftlichen Durchbruch haben sie mit ihrer quantitativen Methode zunächst dadurch erreicht, dass die Ergebnisse nicht ignoriert werden können und eine neue Forschungsrichtung bei der Konfliktursachenforschung eröffnet hat. Besonders wurden viele Variablen, die bisher als bedeutend galten, entkräftet und andere entdeckt, die bisher als weniger bedeutend erachtet wurden.
3.1.5. Nachteile der Modelle
Nichtsdestotrotz ist die Kritik enorm, da sie mit dem Ansatz, ein hochkomplexes Phänomen nicht individuell zu betrachten, sondern zu generalisieren und in ein einheitliches Modell zu pressen versuchen. Beeindruckend ist, dass sich CH vieler Kritikpunkte während der Jahre angenommen haben und das Modell schrittweise modifizierten. Doch es gibt
67 Fearon 2005: 485.
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3. Der Einfluss natürlicher Ressourcen auf gewaltsame Konflikte
zahlreiche grundsätzliche und spezielle Kritikpunkte an dem Modell, welche teilweise zurecht hinterfragt werden.
Eine grundlegende Kritik betrifft bereits die Annahmen, die CH ihrer Studien zugrunde legen und die gesamte Vorgehensweise in Frage stellen. So ist ‚Bürgerkriegg, wie oben bereits umfassend besprochen, ein eher ungenauer und staatszentrierter Begriff, da hiermit meist eine zielgerichtete Auseinandersetzung mit der Staatsmacht assoziiert wird, was bereits im Blick auf die verschiedenen zerfallenen Staaten ungeeignet erscheint. 68 Ihre Definition geht explizit von einem starken Staat als eine Konfliktpartei aus, 69 was jedoch in der Realität nicht unbedingt die Regel ist. Es wird dabei eine ganze Reihe von Konflikten mit großer Reichweite und Intensität ausgeschlossen, bei denen es sich nicht um nationale Macht als Konfliktgegenstand handelt, sondern möglicherweise um die individuelle Bereicherung oder eine regionale Vorherrschaft zwischen zwei Rebellengruppen. Eine allgemeinere Bezeichnung wie ‚innerstaatliche Kriegee dürften unverfänglicher und zutreffender bei der Mannigfaltigkeit ihrer Realtypen sein. Aber auch die insgesamt streng quantitative Vorgehensweise von CH ist nicht unumstritten, weil die „politischen, historischen und sozialen Dimensionen bewaffneter Konflikte auf einen Datenkranz reduziert werden, der in die Kosten-Nutzen-Analyse der prospektiven Rebellen eingeht“ 70 . Diese Simplifizierung eines derart hochkomplexen Phänomens wie die Ursachen für das Ausbrechen von Bürgerkriege allgemein ist häufig problematisch und trifft meist für quantitative Studien zu. Es wird hier ein hochdynamisches Problem wie Bürgerkriege, deren Rahmenbedingungen sich permanent wandeln, in ein statisches Modell gezwängt. Zudem wird in diesem speziellen Fall ein Zeitraum von über 50 Jahren mit sehr unterschiedlichen Ausprägungen 71 von Bürgerkrieg vereinheitlicht, was nicht ganz unproblematisch ist.
CH haben zur möglichst guten Vergleichbarkeit streng darauf geachtet, dass alle erforderlichen Werte zu den Konflikten vorlagen. Im Gegensatz zu anderen Ansätzen interpolierten sie die fehlenden Werte nicht, sondern entfernten den jeweiligen Konflikt aus der Datenbank. Prinzipiell unterstreicht diese Vorgehensweise die wissenschaftliche Schärfe der Untersuchung. Gleichsam besteht die Gefahr, dass die Gruppe der Konflikte, denen es an verifizierbaren Daten mangelt (z.B. viele undurchsichtige Konflikte in Zentralafrika), unter-
68 Ehrke2002: 137.
69 Collier/Hoeffler 2007: 714.
70 Ehrke 2002: 145.
71 s. Kapitel 1.
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3. Der Einfluss natürlicher Ressourcen auf gewaltsame Konflikte
repräsentiert sind und die Ergebnisse verzerren könnten. Weiterhin hat, wie oben besprochen, eine Erfassung der Konflikte anhand der jeweiligen Opferzahlen als Schwellenwert das Problem, dass viele Konflikte nicht erfasst werden, die wenig Opfer aus Kampfhandlungen aufweisen, aber dennoch als gewaltsamer Konflikt gezählt werden sollten. Dazu zählen besonders die eingangs beschriebenen ‚Kriege niedriger Intensitätt. Deren Opfer sind hier nicht selten auf Seiten der Zivilbevölkerung, besonders aufgrund von Langzeitfolgen. In den wenigsten afrikanischen Bürgerkriegen ist relativ sicher bekannt, wie groß die Zahl der Opfer in der Zivilbevölkerung tatsächlich ist. In den scheinbar anarchischen Konfliktsituationen Afrikas - wie beispielsweise Somalia - ist nicht mehr erfassbar, welche Opfer in Folge von Kampfhandlungen und welche Kriminalität und anderen Intentionen zum Opfer fielen. Aus diesem Dilemma scheint es nur den Ausweg zu geben, Konflikte primär anhand der qualitativ erfassten Intensität dieser zu untersuchenden Gruppe zuzu-ordnen 72 oder zumindest anhand solcher Daten eine Gegenprüfung der Ergebnisse vorzunehmen und bei gravierenden Unterschieden die Differenzen hinterfragen. Zudem haben absolute Opferzahlen den gravierenden Nachteil, dass sie nicht in Relation zu der Bevölkerungsgröße und Landesgröße erfasst werden, aber die Konflikterfassung sehr wohl noch an Nationalstaaten orientiert ist.
Neben der Definition und Datenerfassung ist die Annahme einer einheitlichen Akteursebene realitätsfern. In Bürgerkriegen wird es zumindest eine Zweiteilung 73 in Form einer topdown-Gewalt der militärischen Führer und einer bottom-up-Gewalt der einfachen Kämpfer vorhanden ist. Gleichzeit variiert das ökonomische Motiv abhängig vom angewendeten Akteurstyp. Darüber hinaus gehen CH rebellenzentriert 74 vor, wodurch der Staat als Akteur in der Frage nach der Konfliktursache weitestgehend ausgeklammert wird und ein staatenbegünstigender Bias vorliegen könnte.
Doch auch wenn der ökonomische Erklärungsansatz von CH häufig kritisiert wurde, hat er die Friedens- und Konfliktforschung essentiell beeinflusst, indem die Aufmerksamkeit auf das Motiv der Bereicherung gelenkt wurde. Dadurch ist die Gefahr eines allzu leichtfertigen Reduktionismus der Konfliktursachen groß, weil die Rolle der Missstände in Konflikten entproblematisiert wird. 75 Das komplexe Phänomen ‚Bürgerkriegg wird somit quasi-mono-
72 Anm.:wie HIIK 2007.
73 Keen 2000: 21f.
74 Ballentine/Nitzschke 2005: 4.
75 Ehrke 2002: 163.
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3. Der Einfluss natürlicher Ressourcen auf gewaltsame Konflikte
kausal. Alle anderen Motive drohen dadurch zu reiner Ideologie zu verkommen und delegitimieren damit soziale Auseinandersetzungen, die mit hohem Gewaltniveau geführt werden. Doch zur Verteidigung von CH in Bezug auf den Simplifizierungsvorwurf muss jedoch hervorgehoben werden, dass sie nie den Anspruch einer vollständigen Erklärung hatten, sondern einen Beitrag leisten, um Grundmuster für den Ausbruch von Bürgerkriegen aus dem komplexen Geflecht zu isolieren. Das in der Realität Konflikte aus paradoxen und irrationalen Gründen ausbrechen können ist damit nicht ausgeschlossen. Wenn beispielsweise manche Rebellenführer in Zentralafrika häufig unter Drogeneinfluss 76 stehen, dann kann dieser Hinweis als Indiz gewertet werden, dass Entscheidungen nicht immer im Sinne eines idealtypischen ‚homo oeconomicuss getroffen werden.
CH haben in Folge ihrer Studien einen Boom an quantitativen Studien ausgelöst. In ihrer neuesten Studie sind CH auf viele Kritikpunkte eingegangen und haben sie entkräftet. Jedoch gibt es einige Studien, die meist anhand der gleichen Datenbasis wie CH vorgehen, jedoch höchst unterschiedliche Ergebnisse aufweisen. 77
3.2. Natürliche Ressourcen und gewaltsamer Konflikt
CH haben erstmals die zentrale Bedeutung von natürlichen Ressourcen im Bürgerkrieg empirisch belegt. In der Finanzierung nehmen sie sogar eine Schlüsselposition ein, weil natürliche Ressourcen die Gewinne abwerfen, die erst groß angelegte Gewalt über eine gewisse Dauer ermöglichen. CH vermuten drei Wege, warum natürliche Ressourcen eine wesentliche Rolle in Bürgerkriegen spielen könnten. Erstens - wie bereits mehrfach angedeutet - ermöglichen Gewinne aus natürlichen Ressourcen eine Rebellion eskalieren und manifestieren zu können, wie die bekannten Fälle Angola und Sierra Leone veranschaulichen. Ein zweiter Grund ist, dass die Rebellen bereits während oder unmittelbar nach dem Konflikt motiviert sind, Ressourcengewinne zu erbeuten, was in diesem Fall mehr auf der Giermotivation beruhen würde. Ein dritter Weg ist, dass in ressourcenreichen Ländern die Regierung seltener Steuern einnimmt 78 und somit distanzierter von der Bevölkerung und möglicherweise unverantwortlicher gegenüber dieser ist, was Leid generieren könnte und somit auch diese Dimension bedient. Über diese Erklärungsversuche von CH hinaus ist jedoch festzustellen, dass gewaltsame Konflikte auf substaatlicher Ebene primär in jenen
76 Anm.: Anonymer Bericht eines UN-Mitarbeiters.
77 s. Anhang: XYZ ‚Abweichende Ergebnisse alternativer Untersuchungen gegenüber CHH
78 Anm.: Dieser Zusammenhang wird unter ‚4.4.4.2 Regierungsuntätigkeitt näher ausgeführt.
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3. Der Einfluss natürlicher Ressourcen auf gewaltsame Konflikte
Regionen stattfinden, wo natürliche Ressourcen abgebaut werden. 79 Das würde ebenfalls ein Indiz dafür sein, wie eng natürliche Ressourcen mit gewaltsamen Konflikten verknüpft sind. Die Mechanismen zwischen natürlichen Ressourcen und gewaltsamen Konflikten wird im fünften Kapitel genauer untersucht.
79 Lujala et al 2005.
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M.A. Julian-G. Albert, 2008, Ressourcenkonflikte und die Bedeutung der Kontextbedingungen, München, GRIN Verlag GmbH
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