INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung: Magersucht - eine Krankheit auf dem Vormarsch 3
2. Die Krankheit Anorexia nervosa
2.1 Arten von Ess-Störungen 4
2.2 Exkurs: Der Body-Mass-Index 7
2.3 Die Magersüchtigen 8
2.4 Auswirkungen und Folgen der Anorexia nervosa im gesellschaftlichen Kontext 9
2.5 Ursachen der Anorexia nervosa 10
3. Essen und Körper im kulturellen Kontext 11
3.1 Essen und Kultur 11
3.2 Der Körper - zwischen Kultur und Natur 12
3.2.2 Körperbilder 13
3.2.3 Identität, Macht und der Blick der Anderen 15
3.2.4 Medien und Körper 15
4. Anorexia nervosa im Internet 16
4.1 Pro-Ana 16
4.2 Wiederkehrende Elemente in Pro-Ana-Foren 19
5. Öffentliche Reaktionen auf Magersucht 21
5.1 „Zweiundreißig Kilo“ - eine Fotoserie von Yvonne Thein 21
5.2 Modewelt und Magersucht 23
6. Fazit 25
7. Quellenverzeichnis 28
ANHANG
Anhang 1: Beispiel eines Bewerbungsschreibens 31
Anhang 2: Beispiel eines Bewerbungsschreibens 32
Anhang 3: Anas Brief 34
Anhang 4: Anas 10 Gebote 36
2
1. Einleitung: Anorexia nervosa - eine Krankheit auf dem Vormarsch Knapp 870 Millionen Hungernde gab es im Jahr 2007 in 80 Ländern der Welt 1 . Das entspricht ungefähr jedem siebten Menschen. In den westlich geprägten Ländern zeige eine von hundert Personen Symptome einer Ess-Störung 2 . In zahlreichen Ländern der Welt sterben Menschen auf Grund von Nahrungsmittelknappheit. In den westlich geprägten Ländern hat sich seit Ende des 19. Jahrhunderts ein „neues“ Krankheitsbild 3 entwickelt: die Magersucht (Anorexia nervosa). Dabei hungern sich Menschen trotz ausreichend vorhandener Nahrung selbst aus, teilweise zu Tode. „15% aller Magersüchtigen sterben an ihrer Krankheit, Heroinsüchtige haben eine höhere Überlebenschance“, berichtete das Magazin „Der Spiegel“ im September 2006 4 . Anorexia nervosa ist eine Variante der psychsomatischen Ess-Störungen. Als Krankheit beschrieben wurde sie Ende des 19. Jahrhunderts 5 . Seitdem steigt die Zahl der Anorektiker. Die Datenlage zu diesem Thema ist sehr lückenhaft. Der Spiegel berichtete 1985 von einer Verdreifachung der Ess-Gestörten in Deutschland innerhalb eines Jahrzehnts. 6 Es kann davon ausgegangen werden, dass die Zahlen weiterhin steigen. Laut Schätzungen seien 90% der Betroffenen Mädchen oder Frauen 7 . Anorexiekranke unterdrücken ihr Hungergefühl bewusst. Angetrieben sind sie dabei oft von einem tiefen Verlangen, mager zu sein. Selbstaushungerung ist ein paradoxes Phänomen mit morbiden Zügen. In der Vergangenheit tauchten jedoch immer wieder Varianten der bewussten Nahrungsverweigerung auft: Religiöses Fasten, Hungerkünstler oder Hungerstreiks. Heute treffen sich Anorexie-Kranke in Internet-Foren. Neben Selbsthilfegruppen, die versuchen konstruktiv gegen die Krankheit vorzugehen, gibt es auch so genannte Pro-Ana-Seiten 8 . Dort bilden Anorektiker Gemeinschaften und isolieren sich von der Außenwelt. Gemeinsam glorifizieren sie die Krankheit und ernennen sie zum Lifestyle.
Innerhalb eines Jahres, zwischen Februar 2006 und Februar 2007, starben drei Models an den Folgen ihrer Ess-Störung, die ihnen den Lebensunterhalt sicherte: Ana Carolina Reston, Eliana Ramos und ihre Schwester Luisel.
Wie eine solche Krankheit entstehen konnte, welche Ursachen sie hat und warum sie nur in bestimmten gesellschaftlichen Kontexten auftritt wird in der folgenden Arbeit dargestellt.
1 World Food Program [WFP] 2007:8
2 nach Schätzungen von Vandereycken et al. 1990:12
3 vgl. Vandereycken et al 1991:473
4 Großkathöfer 2006
5 vgl. Diezemann 2005: 71ff; und Vandereycken et al 1991: 474ff.. 1873 tragen der Vorsitzende der „Clinical Society“ in London und Leibarzt der Queen Victoria Sir William Withey Gull und der französische Mediziner Ernest Charles Lasèguer die Symptome junger Mädchen, die sich selbst aushungern unter dem Name „Anorexia nervosa“ und „Anorexia Hystérique“ zusammen. Ähnliche Symptome wurden aber auch schon davor beschrieben, oftmals wurden sie allerdings unter dem Begriff Hysterie oder Melancholie beschrieben. Im Vergleich zur englischen und französischen Literatur zum Thema Anorexia nervosa, ist die Anzahl der Publikationen von Deutschen Ärzten im ausgehenden 19. Jahrhundert eher gering.
6 Wollenschläger 2000:6
7 Vandereycken 1990:9
8 Pro-Ana ist abgeleitet von Pro-Anorexia
3
Dazu werden einleitend die unterschiedlichen Varianten von Ess-Störungen und ihre Symptome aufgezeigt. Da Essen unmittelbar mit dem Körper zusammenhängt, sollen im Anschluss daran Ideen unterschiedlicher Körperbilder vorgestellt werden. Auch das Essen selbst wird in einem kulturellen Kontext betrachtet.
Um die Aktualität des Themas zu unterstreichen werden danach Beispiele aus dem kulturellen Umgang mit Ess-Störungen in der heutigen Zeit dargestellt. Betrachtet werden u.a. Online-Communities von Anorexiekranken, die sich Pro-Ana-Foren nennen. Vorgestellt werden auch öffentliche Reaktionen zu diesem Thema. Dazu gehört auch die Foto-Serie „Zweiunddreißg Kilo“ der Fotografin Yvonne Thein. Abschließend sollen (Körper-)politische Reaktionen einzelner EU-Länder auf den Hungertod von Models 9 aufgezeigt werden.
Insgesamt soll so das Phänomen der Ess-Störungen in einen kulturellen Kontext gestellt werden. Zentral ist dabei die Frage nach der Bedeutung von Kultur für das gehäufte Aufkommen von Ess-Störungen in westlich geprägten Ländern.
2. Die Krankheit Anorexia nervosa 2.1 Ess-Störungen
Ess-Störungen gehören in westlichen oder industrialisierten Gesellschaften zu den häufigsten psychosomatischen Erkrankungen 10 . Oft haben sie Suchtcharakter.
Wesentlich für das Krankheitsbild ist ein gestörtes Verhältnis zum Essen und zum eigenen Körper 11 . Ess-Störungen können in unterschiedlichen Formen auftreten. Im Wesentlichen umfasst dieser Begriff drei Krankheitsbilder 12 , die sich hinsichtlich des Erscheinungsbildes und der Psychodynamik unterscheiden: 1. Anorexia nervosa - Magersucht 2. Bulimia nervosa - Ess-Brech-Sucht 3. Adipositas - Übergewicht
Die Übergänge der unterschiedlichen Erscheinungsformen sind oft fließend. Auch Mischformen treten häufig auf. Ess-Störungen haben „[...] gravierende gesundheitliche, seelische und soziale Folgen“ für die Betroffenen. 13
Im Folgenden wird ein Fokus auf die Anorexia nervosa gesetzt. Die anderen Varianten von Ess-Störung werden dennoch immer wieder auftauchen.
9 Araghi et al. 2007
10 Bundesfachverband für Essstörungen e.V. - Formen von Essstörungen
11 Ebd.
12 DHS 2004
13 Bundesfachverband für Essstörungen e.V. - Formen von Essstörungen
4
Anorexia nervosa heißt aus dem Lateinischen übersetzt „Appetitmangel nervöser Art“ 14 . Vandereycken verweist auf den irreführenden Charakter dieser Übersetzung. Die wenigsten Anorexiekranken leiden unter Appetitmangel, vielmehr handele es sich um eine „[...] bewusste Unterdrückung des Appetits oder des Hungergefühls“ 15 . Wesentlich für eine Diagnose der Anorexia nervosa sind drei Kriterien: 1. Angst vor dem Dickwerden, auch bei zu niedrigem Körpergewicht 2. ein gestörtes Verhältnis zur Körpererscheinung
3. die Weigerung des Betroffenen sich der Körpergröße, des Alters und der Statur entsprechend zu ernähren.
Daneben kommt es im zeitlichen Verlauf der Krankheit oft zu Störungen im Stoffwechsel- und Hormonhaushalt der Betroffenen 16 .
Häufig auftauchende Symptome sind das Ausbleiben der Menstruation bei Frauen (Amenorrhoe), Hyperaktivität mit einem merkwürdigen Leistungs- und Durchhaltevermögen trotz der Mangel-Ernährung und ein gestörter Umgang mit Nahrungsmitteln im Allgemeinen. Lebensmittel werden so haargenau auf Kaloriengehalt geprüft und Mahlzeiten werden soweit es geht umgangen. Ein strenger Diätplan wird in der Regel eingehalten. Oft treiben Anorektiker zu dem übermäßig viel Sport. Manche greifen auch zu Medikamenten um das Hungergefühl zu unterdrücken, die Fettverbrennung anzukurbeln oder den Körper zu entwässern 17 .
In der „International Classification of Diseases“ (ICD 10) der Weltgesundheitsorganisation wird die Anorexia nervosa wie folgt beschrieben:
„A disorder characterized by deliberate weight loss, induced and sustained by the patient. It occurs most commonly in adolescent girls and young women, but adolescent boys and young men may also be affected, as may children approaching puberty and older women up to the menopause. The disorder is associated with a specific psychopathology whereby a dread of fatness and flabbiness of body contour persists as an intrusive overvalued idea, and the patients impose a low weight threshold on themselves. There is usually undernutrition of varying severity with secondary endocrine and metabolic changes and disturbances of bodily function. The symptoms include restricted dietary choice, excessive exercise, induced vomiting and purgation, and use of appetite suppressants and diuretics.“ 18 .
Die Anorexia nervosa tritt gehäuft während der Adoleszenz auf. Erkrankungen im Erwachsenenalter sind jedoch auch möglich.
Dem Wissenschaftlichen Kuratorium der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen zufolge sind ca. 95% aller sowohl an Anorexia nervosa, als auch an Bulimia Nervosa Erkrankten weiblich (siehe
14 Vandereycken 1990:9
15 Vandereycken 1990:9
16 Vandereycken 1990:11
17 World Health Organization (WHO) ICD 10 2007 WHO ICD 10 2007:F50.0 18
5
Abb.1). Adipositas hingegen tritt nur geringfügig häufiger bei Frauen auf 19 . Das Alter der Erkrankten variiert bei den einzelnen Arten von Ess-Störungen beträchtlich. Die Anorexia nervosa tritt bereits ab einem Alter von 12 Jahren auf. Dabei hat sie ihre Erkrankungsgipfel bei den 14- und 18-Jährigen. Mehr als ein Drittel der Kinder zwischen 7 und 13 Jahren haben bereits erste Diätversuche unternommen 20 . Generell wird eine zunehmende Beschäftigung mit Schlankheit und Figur bei den 7-bis 9-Jährigen beobachtet 21 . Insgesamt leidet 1% aller 15- bis 19-Jährigen an einer Ess-Störung. Eine Erkrankung von über 25-Jährigen ist äußerst selten.
Die Bulimia Nervosa tritt erst ab einem späteren Alter auf. In der Regel erkranken Menschen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Die Ess-Brech-Sucht tritt mehr und mehr auch bei Männern auf. Teilweise entsteht sie im Zusammenhang mit Leistungssport. Zur Teilnahme an bestimmten Wettkämpfen müssen sich Sportler oft an Gewichtsvorgaben einzelner Klassen halten. Einer der bekanntesten Todesfälle durch „Sport-Bulimie“ 22 ist der Ruderer Bahne Rabe. Nach seinem Olympiasieg in Seoul 1988 hungerte er sich zu Tode. Nach zahlreichen Krankenhausaufenthalten starb Rabe am 2. August 2001 im Alter von 37 Jahren an einer Lungenentzündung als Folge seines geschwächten Immunsystems. 23
19 Essstörungen bei Männern: 5-10% Anorexia nervosa; 10- 15% Bulimia nervosa, 50% Adipositas (DHS 2004:50)
20 DHS 2004:34
21 DHS 2004:34
22 siehe auch: Großekathöfer 2006
23 Bis zu 25% aller Sportlerinnen leiden unter Ess-Störungen, ist das Ergebnis einer Studie des Kölner Bundesinstituts für Sportwissenschaft, in: Kurbjuweit 2001. Besonders betroffen seien Turnerinnen, Eiskunstläuferinnen, Ruderinnen, Judo-Kämpferinnenund Skispringer. Fälle unter männlichen Sportlern seien kaum bekannt.
24 DHS 2004:8
6
Adipositas ist generell die am häufigsten auftretende Ess-Störung. Sie gibt es zwar auch im Jugendalter, die häufigsten Erkrankungen allerdings geschehen zwischen 40 und 60 Jahren. Interessant ist auch das differenzierte Auftreten der unterschiedlichen Ess-Störungen in Abhängigkeit von der sozialen Schicht. Anorexia nervosa ist vor allem in der höheren Mittelschicht vertreten, wobei die Bulimia Nervosa eher in der Mittelschicht auftritt. Das Verhältnis der Adipositas Erkrankten von Unter- zu Oberschicht ist 6:1. Dementsprechend ist die Krankheit eher in der Unterschicht vertreten.
So erscheint die Oberschicht mehr oder minder verschont von Ess-Störungen. Das gehäufte Auftreten von Adipositas in der Unterschicht wird häufig auf unausgewogene Ernährung und übermäßigen „Fast-Food-Konsum“ zurückgeführt. Psychische Ursachen spielen jedoch auch eine Rolle. Auf sie soll an dieser Stelle allerdings nicht eingegangen werden. Ob nun ein krankhaft gestörtes Verhältnis zum Essen besteht, ist unter Umständen schwer zu sagen. Einerseits ist dies abhängig von der psychischen Konstitution des Individuums, andererseits aber auch von messbaren Größen, wie etwa dem Verhältnis der Körpergröße zum Gewicht. Beides ist schwer zu bestimmen. So gehört es zum Krankheitsbild Ess-Gestörter, dass sie sich selbst nicht krank fühlen und dementsprechend einem Arzt kaum von einem Leiden berichten 25 . Messbare Größen liefern auch nicht immer eindeutige Ergebnisse. Zentral ist die Größe des Body-Mass-Index (BMI), der im folgenden Abschnitt erläutert wird.
2.2 Exkurs: Der Body-Mass-Index 26
Der Body-Mass-Index (BMI) setzt sich zusammen aus dem Gewicht einer Person dividiert durch das Quadrat ihrer Größe. So gibt er das Gewicht einer Person pro Quadratmeter an. Er ist bei Männern und Frauen, sowie Kindern und Jugendlichen oder Sportlern unterschiedlich zu bewerten. Das wissenschaftliche Kuratorium der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) veröffentlichte in Band 3 der Suchtmedizinischen Reihe die unten stehende Abbildung zur Identifizierung Adipositas-Erkrankter. Die Werte sind angelehnt an die Normen der Weltgesundheitsorganisation. Als normal gilt hierbei ein BMI zwischen 18,5 und 25. Untergewicht liege bei einem BMI unter 18,5 vor, Übergewicht bei einem BMI über 25.
Insgesamt gilt der BMI als umstrittene Maßzahl. Unberücksichtigt bleibt zum Beispiel der Anteil von Fett- zu Muskelmasse. Außerdem wird er meist nicht entsprechend differenziert auf Alter und Geschlecht angewendet. Dennoch wird er als Richtwert auch von internationalen Organisationen angewendet.
Abbildung 2 dient dazu Adipositas-Patienten zu klassifizieren und einzuordnen. Aber auch für Anorektiker scheint der BMI eine große Rolle zu spielen. In zahlreichen Internet-Foren auf denen
25 vgl. Vandereycken 1990:9ff.
26 WHO 2008; zitiert nach: DHS 2004:85
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Arbeit zitieren:
Alexandra Appel, 2008, Verhungern im Überfluss, München, GRIN Verlag GmbH
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