Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 3
0.1. Die Auseinandersetzung mit dem Thema „Wörter und Sachen“ - 3
„Sachen und Wörter“ im Rahmen der Geschichte der romanischen
Sprachwissenschaft
0.2. Aufgaben- und Fragestellung der vorliegenden Arbeit 4
1. Rudolf Meringer gegen Hugo Schuchardt 5
1.1. Der Gelehrtenstreit 5
1.2. Würdigung der Auseinandersetzungen 6
2. Wörter und Sachen - Rudolf Meringer 7
2.1. Das Leitmotiv der Zeitschrift „Wörter und Sachen“ 7
2.2. Die Position Meringers 8
3. Sachen und Wörter - Hugo Schuchardt 10
3.1. Sachwortgeschichte 10
3.2. Sache´ vor Wort´ 11
3.3. Das Verständnis von Sache´ 12
4. Alte und neue Anwendungsgebiete 13
4.1. Alte Anwendungsgebiete (vor 1945) 13
4.2. Neue Anwendungsgebiete (nach 1945) 15
4.3. Fazit 19
5. Literaturverzeichnis 20
2
0. Einleitung
0.1. Die Auseinandersetzung mit dem Thema „Wörter und Sachen“ - „Sachen und Wörter“ im Rahmen der Geschichte der romanischen Sprachwissenschaft
Die Forschungsrichtung `Wörter und Sachen´ hat nicht nur die Geschichte der romanischen, sondern auch vielerlei anderer Sprachwissenschaften geprägt, bis zum heutigen Zeitpunkt. So wird sie gern bis auf Jacob Grimms Aussage aus dem Jahre 1848 zurückgeführt: „Sprachforschung, der ich anhänge und von der ich ausgehe, hat mich noch nie in der weise befriedigen können, daß ich nicht immer gern von den wörtern zu den sachen gelangt wäre“ (Grimm 1848, XI). Wirklichen E influss auf die wissenschaftliche Diskussion aber begann die Forschungsrichtung letztendlich mit den Arbeiten des Indogermanisten Rudolf Meringer zu entfalten, der sich, ausgehend von der Hausforschung, ungefähr seit 1891 der Sachforschung zuwendete, wobei er sich explizit in der Tradition Jacob Grimms sah (Hüttenbach 1977, 77f.). Sein romanistischer Kollege in Graz, Hugo Schuchardt, Schüler von Friedrich Diez, wendete sich ungefähr zu derselben Zeit ebenfalls der Sachforschung zu. Beide Wissenschaftler müssen gemeinsam als Väter der Forschungsrichtung angesehen werden, sie haben zu gleichen Teilen den Verdienst, die Bedeutung der Sachforschung für die Sprachwissenschaft in der sprachwissenschaftlichen Betrachtung etabliert zu haben. 1
Zunächst als Gegenbewegung zu den strikten Lautgesetzen der Junggrammatiker gegründet, mit dem Ziel, die Sprachbetrachtung um die Wortbedeutung zu erweitern (Meringer e.a., WuS 1 (1909) 1f.), nahm die Forschungsrichtung nicht nur der Lehre der Junggrammatiker recht schnell den Rang als bestimmende Theorie der Sprachwissenschaften ihrer Zeit den Rang ab, sie kann für die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts bis in die zwanziger Jahre desselben hinein als ein die Sprachwissenschaft anleitendes methodisches Prinzip angesehen werden. So kann man gut und gern von einer jahrzehntelangen Blütezeit der Forschungsrichtung sprechen. Das allein rechtfertigte bereits eine Auseinandersetzung mit ihr im Rahmen der Betrachtung und Untersuchung der Geschichte der romanischen Sprachwissenschaft. Ihr Verdienst war es, die Sprachwissenschaft ihrer Zeit aus den Ketten der strikten Anwendung der junggrammatischen Lehre von den Lautgesetzen befreit und die Sprachbetrachtung in synchroner wie auch in diachroner Sichtweise erweitert zu haben, dies darzustellen wird Aufgabe dieser Arbeit sein.
1 „Unter Schuchardts und Meringers Führung ist von Graz die große Wörter- und Sachenbewegung ausgegan-
gen, [...]“ (Grußadresse des Zürcher Rektors Louis Gauchat an die Universität Graz anlässlich ihres hundertjäh-
rigen Bestehens vom 10.05.1927; Abschrift im Besitz des Institutes für vergleichende Sprachwissenschaft, Graz)
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Sicher, möchte man ihrer heutigen Bedeutung nachgehen, kommt man nicht um das Ergebnis herum, dass die Forschungsrichtung `Wörter und Sachen´ als eine „`historisch´ gewordene Erscheinung betrachtet wird, die vor a llem durch ihre Integration in die Kulturraumforschung oder Kulturmorphologie bleibende Bedeutung erlangt hat“ (Schmidt-Wiegand 1992, 22). Dennoch kann eine Anwendung des methodischen Prinzips auch heute noch so manch eine sprachwissenschaftliche Frucht hervorbringen.
Die vorhergehenden Ausführungen bezeugen sehr deutlich, dass der Forschungsrichtung `Wörter und Sachen´ zweifelsohne und unbestreitbar ein hervorgehobener Platz in der G eschichte der romanischen Sprachwissenschaft des Beginns des 20. Jahrhunderts gebührt.
0.2. Aufgaben- und Fragestellung der vorliegenden Arbeit
Hauptvertreter der Forschungsrichtung `Wörter und Sachen´ waren die beiden bereits erwähnten Sprachwissenschaftler Rudolf Meringer und Hugo Schuchardt. Die Darstellung ihrer A nsätze, aber auch die Gegenüberstellung derselben, soll Aufgabe der vorliegenden Arbeit sein. Um dieses Ziel zu erreichen, muss die Frage beantwortet werden, worin Meringer und Schuchardt selber die Ziele ihrer Arbeiten sahen, wie sie diese Ziele erreichen wollten u nd worin sich ihre Arbeiten unterschieden. Der Titel der vorliegenden Arbeit „Wörter und S achen -Sachen und Wörter“ macht es bereits deutlich, die Meinungen beider Wissenschaftler werden gegenüber zu stellen sein. Unvollständig wäre die vorliegende Arbeit, wenn sie nicht auch den wissenschaftlichen Ertrag der Forschungsrichtung `Wörter und Sachen´ für die g esamte Sprachwissenschaft darzustellen versuchte. Aus diesem Grund sollen auch die Anwendungsgebiete des methodischen Prinzips durch eine Darstellung ihre Würdigung finden. D abei wird deutlich zu machen sein, dass die Entwicklung der Sprachwissenschaft, ausgehend von der Diskussion um das sprachliche Zeichen und seines Verhältnisses zur außersprachlichen Wirklichkeit, die von Ferdinand de Saussure ausgelöst worden ist, den Ausgangspunkt `Sache´ der Forschungsrichtung `Wörter und Sachen´ weitgehend in Frage stellte und stellt. Aus diesem Grund wird die Frage zu beantworten sein, wie sich die Forschungsrichtung `Wörter und Sachen´ nach Saussure in die allgemeine Sprachwissenschaft einordnet.
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1. Rudolf Meringer gegen Hugo Schuchardt
1.1. Der Gelehrtenstreit
Es ist wohl auch dem Gelehrtenstreit zwischen Meringer und Schuchardt, der wohl um 1908/1909 seinen Anfang nahm und in den Folgejahren immer erbitterter geführt wurde, zu verdanken, dass die damals neue Forschungsrichtung `Wörter und Sachen´ zur damaligen Zeit ihr großes Fachpublikum erhielt und bis heute bekannt blieb. Aus diesem Grund soll der Streit zwischen den beiden Sprachwissenschaftlern an d ieser Stelle dargestellt werden, bevor sich die vorliegende Arbeit der Gegenüberstellung der fachlichen Aussagen Meringers und Schuchardts zuwendet. Grund der zum Teil persönlich, ja sogar polemisch geführten Auseinandersetzungen unter den beiden Sprachwissenschaftlern war wohl der Streit darüber, wer sich als wahrer Vertreter der Forschungsrichtung bezeichnen durfte. Auch der Beweggrund der Eitelkeit dürfte hier eine nicht zu unterschätzende motivierende Rolle gespielt haben. Ausgehend von der Hausforschung wandte sich Meringer ab 1891 der Sachforschung zu, die Bezeichnung `Wörter und Sachen´ verwendet er zum ersten Mal als Titel eines Aufsatzes in der Form einer programmatischen Schrift im Jahre 1904 (Meringer 1904, 101 ff.). Wenige Monate später, im Jahr 1905, verwendet Schuchardt seinerseits das erste Mal den Titel `Sachen und Wörter´ für einen Aufsatz, in dem er aber auch deutlich darauf hinweist, dass er weder der Erste noch der Einzige sei, der auf eine zusammenhängende Forschung der Sprache und der S achen hinstrebe, sein Kollege Meringer unternehme das gleiche, die Richtigkeit der Meinung Meringers sei unstrittig (Schuchardt 1905, 620f.). Offensichtlich war demnach im Jahr 1905 noch nichts von einem Streit zwischen den beiden Sprachwissenschaftlern bemerkbar, noch galt eine vornehme gegenseitige Anerkennung unter den beiden. Dies sollte sich aber im Laufe der Zeit ändern und führte zu einer Schrift Schuchardts in Form eines „Fliegenden Blattes“ aus dem Jahr 1908; Inhalt dieser Schrift war ein Briefwechsel Schuchardts mit Meringer bezüglich der Gründung der Zeitschrift „Wörter und Sachen“, im Laufe dessen sich Meringer der Einmischung und Belehrung Schuchardts in polemischen Ton verwehrt und den Titel „Wörter und Sachen“ verteidigt, während Schuchardt darstellt, er sei Meringer g egenüber immer wohlgesonnen gewesen, beide seien unabhängig voneinander zu in wesentlichen Teilen übereinstimmenden Positionen gelangt, Meringer von der Indogermanistik kommend und von den Sachen ausgehend, Schuchardt von der Romanistik kommend und von den Wörtern ausgehend (Hüttenbach 1977, 84). Offensichtlich war der Auslöser der Auseinandersetzungen der Wunsch Schuchardts, an der Zeitschrift „Wörter und Sachen“ beteiligt zu sein, dem Meringer aber nicht entsprach, weil er vermutlich Schuchardts Konkurrenz fürchtete.
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Schuchardt schreibt im Jahr 1910, er habe die Wortfolge `Sachen und Wörter´ bewusst g ewählt, nicht um Meringer mit seinem `Wörter und Sachen´ zu ärgern, sondern, da seiner Meinung nach die Sach- der Wortgeschichte vorausgehen müsse, während Meringer eben von der Hausforschung komme, was Meringers Herangehensweise begründete (Schuchardt 1910, 257). Hier zeigt sich deutlich, dass es sich bei den Auseinandersetzungen zwischen Schuchardt und Meringer auch um einen Prioritätenstreit handelte, ob nun `Sache´ oder `Wort´ im Vordergrund der sprachwissenschaftlichen Betrachtung im Rahmen der Forschungsrichtung `Wörter und Sachen´ zu stehen habe, ob nun folglich von der `Sache´ oder von dem `Wort´ auszugehen sei.
Den Höhepunkt des Gelehrtenstreits erreicht man 1911/1912, indem Meringer Schuchardt in zum Teil sehr polemischer Weise vorwirft, auf `Wörter und Sachen´ nicht nur ein Anrecht erhoben, sondern sich auch des Plagiates schuldig gemacht zu haben (Meringer 1912, 31 ff.). Dies weist Schuchardt entschieden von sich, verteidigt sein Vorgehen als Verteidigung und Schutz seiner wissenschaftlichen Ehre und beklagt Meringers Egozentrik, die er sogar als „Meringerozentrimus“ bezeichnete (Schuchardt 1911, 4). In dieser Richtung äusserte sich Schuchardt dann nochmals 1912 (Schuchardt 1912, 829f.).
1.2. Würdigung der Auseinandersetzungen
Was ist nun von diesem Gelehrtenstreit zu halten, der sich doch relativ schnell beiderseitig auf die persönliche Ebene verlagerte 2 und besonders auch von Meringer in einem polemischen, unsachlichen Stil 3 geführt wurde? Sicher, die Eitelkeit der beiden Protagonisten spielte wohl eine wichtige Rolle, beide wollten sie in einem möglichst guten Licht erscheinen. Hinzu tritt aber auch der bereits kurz angesprochene Prioritätenstreit, den es in den weiteren Ausführungen darzustellen gilt. Von objektiver Seite wurde dieser Streit nie entschieden. Wilhelm Meyer-Lübke war der Meinung, Meringer und Schuchardt hätten „ungefähr gleichzeitig [...] unabhängig voneinander Wortforschung und Sachforschung verknüpft“ (Meyer-Lübke 1909, 643f.), Leo Weisgerber bezeichnete die Argumentation als „von beiden Seiten [...] festgefahren“ (Weisgerber 1974, 355), Schuchardt habe aber eine entwicklungsfähigere Arbeit geleistet. Das änderte aber nichts daran, dass Meringers Auffassung durch seine Zeitschrift „Wörter und Sachen“ breitere Wirkung entwickeln konnte (Hüttenbach 1977, 85). Einen Verdienst aber hatte dieser Streit, er machte die Zeitgenossen aufmerksam auf die neue Forschungsrichtung `Wörter und Sachen´ (Schmidt-Wiegand 1999, 16).
2 Schuchardt: „Meringer scheint sich nicht darum zu kümmern, ob er mir nicht etwa den Lebensabend vergällt
hat.“ (Schuchardt 1911, 4).
3 Meringer: „[...] und `Sachen und Wörter´ war doch nichts anderes als mein `Wörter und Sachen´, nur umg e-
dreht, aber nicht originell.“ (Meringer 1912, 31).
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Arbeit zitieren:
Thorsten Plath, 2001, Wörter und Sachen - Sachen und Wörter, München, GRIN Verlag GmbH
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