Kristina Schulz geht bereits einen Schritt weiter und befasst sich in „Wende im Geschlechterverhältnis? Feminismus und Frauenbewegung“ mit der zweiten Frauenbewegung und deren Bezug zu 1968. Nachdem sie diese neue von der Frauenbewegung um 1900 abgegrenzt hat, zeigt sie die weltweit gemeinsamen ideologischen Ursprünge der Bewegung auf, die sie unter anderem im Radical Feminism, dem Werk Simone de Beauvoirs und der neuen Rezeption von Freuds Psychoanalyse durch Jacques Lacan sieht. Abschließend analysiert sie die Verquickung von Frauenbewegung und 1968, wobei sie klar darauf hinweist, dass 1968 für die Frauenbewegung eher als ein symbolisches Bezugsereignis gesehen werden müsse. Zur Beleuchtung des beiderseitigen Einflusses zwischen der Bildenden Kunst und der 1968er-Bewegung kommt es in Jens Kastners Essay „Kunstproposition und Künstlerfaust. Bildende Kunst um 1968“. Hierzu stellt er hauptsächlich das Wirken der Situationistischen Internationalen, aber auch die Arbeit anderer Künstlergruppen und Künstler, dar und kritisiert, dass deren Schaffen oftmals nicht im ´68-Kontext gedeutet wird.
Dass auch die Kirche als „global player“ in 1968 involviert war, zeigt Martina Kaller-Dietrich in „Theologie der Befreiung: Medellín 1968“. Sie untersucht dazu die Bedeutung der Dependenztheorie im Kontext des Nord-Süd-Konflikts und setzt als Rahmen die Konferenz der lateinamerikanischen Bischöfe in Medellín 1968. Auf dieser Grundlage präsentiert sie die „Theologie der Befreiung“ als politische Neuinterpretation des christlichen Erlösungsgedanken und zeigt deren Folgen auf. Der letzte Essay, der einen aspektorientierten Ansatz verfolgt ist „Genozid in Vietnam. 1968 als Schlüsselereignis in der Globalisierung des Holocaustdiskurses” von Berthold Molden. Hierin zeigt Molden, dass der Krieg in Vietnam eine zentrale Rolle für ein globales 1968 gespielt hat. Er setzt bei dem „Vietnam War Crimes Tribunal“, auch bekannt als Russel-Tribunal, dass 1966 zu tagen begann, an. Ziel der dort versammelten Intellektuellen verschiedener Länder war es, auf die Kriegsverbrechen der USA aufmerksam zu machen und diese zu verurteilen. Als Argumentation wurde der Bezug zum Holocaust des Zweiten Weltkriegs und zum Genozidbegriff gesucht. Das Russel-Tribunal, als ein „Beispiel mit schneller, starker und internationaler Öffentlichkeitswirkung“ 1 , fand auch starke Rezeption in post- oder spätkolonialen Länder und kann somit auch in den Dekolonisierungsdiskurs eingeordnet werden. Mit diesen multinationalen Referenzen führt Molden das globale Identifikationspotenzial
1 Molden, Berthold, Genozid in Vietnam. 1968 als Schlüsselereignis in der Globalisierung des Holocaustdiskurses, in: Kastner, Jens, David Mayer [Hgg.], Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive, Wien 2008, S. 92.
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der Völkermordthematik vor Augen und fragt sich sogar, ob die Vietnam-Holocaust-Analogie nicht sogar das Potential zu einer „universalen Referenz“ 2 habe. Die restlichen Aufsätze beschäftigen sich mit den länderspezifischen Charakteristiken von ´68, greifen aber die bereits besprochenen Aspekte teilweise wieder auf. Boris Kanzleiter untersucht „Die affirmative Revolte. 1968 in der Sozialistischen Föderation Jugoslawien (SFRJ)“ und stellt dabei die Besonderheiten des jugoslawischen ´68 heraus, die sich in einer Verschränkung lokaler Eigenarten mit globalen Denkströmungen äußerten. Somit brachten sie eine ganz eigene, „affirmative Revolte“ hervor, die sich nicht gegen die bestehenden Herrschaftsstrukturen stellte, sondern vielmehr deren weitere Entwicklung vorantreiben wollte. Vom blockfreien Jugoslawien geht es weiter in die Tschechoslowakei. Hierzu zeigt Dieter Segert mit „Prag 1968“ die Folgen der sozialistischen Reformbestrebungen im Prager Frühling auf und hinterfragt kritisch die Entstehungshintergründe auf der parteipolitischen Ebene. Dabei sind die zentralen Fragen, warum der Prager Frühling möglich wurde und welche globalgeschichtlichen Verwebungen er mit sich brachte. Dass `68 auch am afrikanischen Kontinent nicht spurlos vorüber gegangen ist, beweist Amadou Lamine Sarr mit „Mai 68 im Senegal. Fortsetzung des Unabhängigkeitsprozesses“ und bringt nochmals die bereits angeschnittene Dekolonisationsthematik in die Diskussion ein. Sie rechnet in ihrem Aufsatz mit der These ab, dass „die Studentenunruhen in Dakar als logische Folge des Pariser ‚Mai 68’ zu interpretieren“ 3 seien und verdeutlicht die Selbstständigkeit der senegalesischen Bewegung, deren Forderung die Auflösung der weiterhin bestehenden Abhängigkeitsstrukturen von der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich war. Der lateinamerikanische Kontinent steht im Fokus David Mayers Beitrag „Vor den bleiernen Jahren der Diktaturen. 1968 in und aus Lateinamerika“, in dem er die Reziprozität zwischen der Kubanischen Revolution, dem `68 in Lateinamerika und den Ereignissen in anderen Weltregionen darstellt. Sein Blick differenziert dabei stets zwischen einem 1968 im „engeren“ und im „weiteren“ Sinne und zieht die Geschehnisse in Mexiko und Argentinien hinzu.
„Die Bürgerrechtsbewegung in den USA“ von Albert Scharenberg thematisiert den Kampf der Afroamerikaner für Gleichberechtigung. Die Stationen dieses Beitrags führen den Leser vom „Montgomery Bus Boycott“ über das Wirken Martin L. Kings bis hin zu Malcolm X und dessen Kooperation mit dem afrikanischen Kontinent.
2 Ebd., S. 91.
3 Ebd., S. 130.
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Von der frühen Bürgerrechtsbewegung in den USA geht es zum italienischen 1968, das bis weit in die 1970er Jahre seine Kreise zog. Passend betitelt Dario Azzelini seinen Beitrag mit „Das lange italienische 1968“. Darin schafft er es die Entwicklungen umfassend darzustellen, indem er die Rolle der Parteien und Gewerkschaften, der Arbeiter und Studenten berücksichtigt, die Aktionen der rechtsgerichteten und von der CIA unterstützen Terrornetzwerke Gladio und Propaganda 2 einbezieht und den Bogen bis zum linken Terrorismus der 1970er Jahr spannt.
Der letzte Beitrag „Proletarischer und studentischer Protest unter Franco. 1968 in Spanien“ von Reiner Tosstorff führt dem Leser noch einmal vor Augen wie ähnlich und wie verschieden zugleich 1968 war. Auch er analysiert den Einfluss von Parteien, Gewerkschaften, Arbeitern und Studenten und berücksichtigt den Industrialisierungsschub nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch im Gegensatz zu Italien hatte Spanien unterschiedliche machtstrukturelle Vorraussetzungen. Sodass Tosstorff 1968 als einen Höhepunkt der oppositionellen Strömung gegen das Franco-Regime sieht, dass de facto erst mit dem Tod des Diktators geendet habe.
Anhand dieser Einteilung der Aufsätze lässt sich bereits die Gesamtkonzeption des Bandes erkennen. Er beansprucht alte Forschungsansätze, die 1968 auf Studentenunruhen beschränkten und von einem Generationenkonflikt sprachen, zu überwinden. Auch die (leidige) Diskussion, ob die Bewegung einen Aufbruch der Gesellschaft darstellte oder mehr Werte zerstörte, als geschaffen hat, soll nicht explizit Gegenstand der Untersuchung sein. Stattdessen soll es darum gehen den Fokus auf eine transnationale Ebene zu öffnen und das „ganze Spektrum des Sozialen“ 4 historischmit einer Distanz von mittlerweile 40 Jahren - zu beleuchten. Der zeitliche Rahmen der Betrachtung soll dabei zwischen 1959 (Kubanische Revolution) und 1973 (Ölschock) liegen.
Auch die theoretisch-methodischen Ansätze sind aufgrund der großen thematischen Bandbreite weit gefächert. Eine reine Analyse als Generationenkonflikt reduziere die Bewegung zu sehr auf das Paradigma einer Studentenbewegung und unterschlage den proletarischen Protest. Dies wäre beispielsweise bei der Betrachtung des italienischen ´68 fatal, da dort die Arbeiterbewegung sowohl ´68, als auch in den Nachfolgebewegungen eine zentrale Rolle spielte. 5 Ebenso könne auch die Historische
4 Kastner, Jens, David Mayer, Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive. Zur Einführung, in: Weltwende 1968?, S. 10.
5 Vgl. hierzu beispielsweise Wunderle, Michaela, Die Roten Brigaden, in: Kraushaar, Wolfgang, Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburg 2006, S. 13-61. oder Curcio, Renato, Mit offenem Blick,
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Arbeit zitieren:
Daniel Hitzing, 2008, Rezension zu: Kastner, Jens, David Mayer (Hgg.), Weltwende 1968? Ein Jahr aus globalgeschichtlicher Perspektive (Globalgeschichte und Entwicklungspolitik, Bd. 7), Wien 2008, München, GRIN Verlag GmbH
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