„Inszenierung bedeutet, dass dem Zuschauer Gewalt durch den Einsatz der Kamera, des Schnitts und der Tonebene in einer stilisierten Form dargeboten wird.“ (Hroß 2002, S. 136)
Folgend soll also auf die Bedeutung der technischen Filmmittel für die Gewaltdarstellung im Film näher eingegangen werden.
Die Szene wird mit einer supertotalen Aufnahme eröffnet- der Zuschauer wird dadurch in den Hand-lungsort eingeführt und zwar den zerstörten Teil des muslimischen Viertels. Eine wichtige dramaturgische Funktion spielt hier die obersichtige Position der Kamera: sie leitet langsam den Blick des Zuschauers von oben nach unten, von links nach rechts und bietet einen umfassenden Überblick über die ganze Umgebung. Gleichzeitig lässt die Aufsichtsperspektive die Figuren der Muslimen unten ganz klein im Verhältnis zu dem umgestürzten Umfeld aussehen und vermittelt damit dem Zuschauer den Eindruck für ihre Ohnmacht und Hilflosigkeit. Weiter wechselt die Kameraperspektive: der Kamerablick gleitet von den eigestürzten Wänden der Wohnhäusern zu den Trümmern unten, wo junge und alte Menschen die Ruinen aufzugraben versuchen und die Leichen heraustragen. Es überwiegen die Totalen, die mit Halbtotalen und seltener mit Nahen wechseln. Die offene Bildkomposition und die wackelnde Handkameraaufnahme verleihen der Szene Authentizität und Glaubwürdigkeit. Oft folgt die Kamera die Bewegung der Akteure, d.h. sie orientiert sich nach ihren Handlungen, was bei einer vorgeplanten Bildgestaltung nicht der Fall ist. Somit wird das Gefühl vermittelt, dass die Kamera das reale Geschehen und spontane Verhalten der Figuren dokumentiert, ohne jede Inszenierung und Künstlichkeit. Die handelnden Personen gehen oft aus dem Bildkader heraus oder umgekehrt (frame entrance bzw. frame exit), was die Illusion schafft, dass der gefilmte Raum über den Bildrand hinausgeht. Somit bleibt die Wahrnehmung des Zuschauers nicht nur auf das, was auf dem Bildschirm zu sehen ist, begrenzt. Die so geschaffene Nähe zum Ort und handelnden Personen wird durch die Normalperspektive der Kamera noch verstärkt. „Der Zuschauer erhält durch diese ihm bekannte Normalperspektive den Eindruck, er könne einer der im Geschehen Mitwirkenden sein“ (Schulte-Eversum, K.M. 2007, S. 108) und somit wird die Beziehung des Zuschauers zu den Handlungspersonen und seine emotionale Verwicklung in den Konflikt verstärkt.
Die Farbgestaltung ist auch ein wichtiges Element, dessen Rolle vor allem darin besteht, eine bestimmte Stimmung im jeweiligen Raum zu vermitteln. Da der gesamte Film in schwarzweiß gedreht wurde, geht es auch hier bei dieser Szene hautsächlich um Kontraste zwischen Schwarz und Weiß. Die weiße Bekleidung der Frauen und der meisten Männer (es gibt wesentlich weniger Muslimen, die dunkel angezogen sind)- ein Symbol der Reinheit und Unschuld- steht in scharfem Kontrast zu den schwarzen verrußten Wänden, von denen die Menschen umgeben sind. Dadurch erscheinen die Muslimen in dieser Situation zweifellos als Opfer eines gewalttätigen Aktes. Hier ist auch eines der Hauptprinzipien des Krieges zu erwähnen: daran leiden oft unter anderem viele Unschuldige.
Das Gefühl für das Tragische wird durch die monotone Musik verstärkt. Was der Szene eine besonders starke emotionale Bedeutung gibt, ist die absolute Abwesenheit von Umgebungsgeräusche, von gesprochenem Ton, von Weinen usw. „Bleibt ein Geschehen vollkommen tonlos, wirkt es `tot`„ (Schulte- Eversum, K.M. 2007, S. 138). Durch die Musik und die Kamera wird der Zuschauer in einen Raum eingeführt und in diesem emotional weitergeleitet: im konkreten Fall wird durch die filmischen Mittel die innerliche Befindlichkeit der Figuren übermittelt - man bekommt also das Gefühl, sich an einer Beerdigung zu befinden.
Zusammenfassend kann man zu der Szenenbeschreibung noch hinzufügen: Das ist eine fast 2minütige Szene, ohne klassische Schlacht- oder Kampfelemente, ohne jegliche Dynamik, ohne spezielle Effekte und mit keiner großen visuellen Attraktivität - doch voller Emotionen. Was hat das mit Gewalt zu tun?
„Ein Kriegsfilm ohne die Darstellung von Gewalt ist nicht vorstellbar. Zwar mag keine Gewalttätigkeit gezeigt werden, doch wenn der Schwerpunkt der Darstellung auf den Leiden der Opfer liegt, ist die Gewalt implizit als Ursache für die gezeigte Wirkung vorhanden“ (Mikos 2002, S. 34)
Eine Szene soll nicht unbedingt Schlacht- oder Folterelemente beinhalten um die Gewalt im Krieg zu repräsentieren. Im Film „Die Schlacht um Algier“ ist natürlich eine Szene zu finden, wo die gnadenlosen Folterakten seitens der Franzosen gegenüber den Muslimen zu sehen sind und visuell wirkt sie bestimmt viel stärker auf den Zuschauer als die von mir ausgewählte. Diese Bilder können den Zuschauer entsetzten, sie können ihn momentan psychisch belasten, sogar so stark, dass er den Kopf zur Seite dreht, doch wird er in diesem Fall nicht so stark emotional beansprucht, wie bei der Szene der Explosion. In diesem Zusammenhang lässt sich feststellen, dass im Film „Die Schlacht um Algier“ die Gewalt auf eine unterschiedliche Weise inszeniert wird: im Film kommt nur einmal eine Folterszene vor, wo Brutalität direkt gezeigt wird, es fehlen hier also klassische Gewaltszenen 2 . Das Ziel der oben analysierten Szene der Explosion ist also nicht Spannung zu erzeugen, sondern an erster Stelle den Zuschauer emotional in die Handlung einzuführen- dazu komme ich aber nochmal später in meiner Analyse.
Die oben beschriebene Szene ist eine Schlüsselszene im Film, weil sie ein weiteres Prinzip des Krieges offenbart und zwar: Gewalt führt zu Gegengewalt (vgl. Mikos 2002, S. 33). Bis zu diesem Punkt hatten die Muslimen nur Schießereien gegen einzelne Polizisten unternommen. Nach der Explosion in Kasbah werden sie weiter mit den Waffen ihrer Feinden kämpfen und zwar- mit Bomben. Hier stellen
2 Das ist einerseits darauf zurückzuführen, dass es sich im Film nicht genau um Krieg im klassischen Sinne handelt, sondern eher um einen Aufstand der Muslimen gegen die französischen Kolonialisten, andererseits spielt hier auch der „quasi-
dokumentäre“ Charakter des Filmes eine große Rolle sowie das Streben des Regisseurs, die Geschehnisse möglichst objektiv
ohne jede fiktionale Geschichtsdarstellung wiederzugeben.
3
sich die Fragen: „Wer hat Recht?“, „Wann darf man Gewalt anwenden?“, „Wer ist der Böse, wer der Opfer und wie kann man zwischen den beiden unterscheiden, wenn der Terror aus den beiden Seiten kommt?“
Das Spezifische im Pontecorvos Film ist, dass man die Charakteren keinesfalls eindeutig in Guten und Bösen einteilen kann. Gewalt wird nicht einseitig angewandt, Opfer gibt es in den beiden Lagern, keiner ist ein Feind dem Anderen im wörtlichen Sinne: es gibt hier keine typischen Helden und keine Antagonisten. Weder Ali La Pointe noch Colonel Mathieu- die beiden Hauptpersonen im Film- kann man als positive oder negative Charaktere bezeichnen, weil es an vielen Stellen während des Films klar wird, dass sie vor allem negative Gemeinsamkeiten haben: Offensichtlich wird durch Colonel Mathieu die Rolle und die Bedeutung des Folters im Film betont. Ammar Ali ist aber auch keine Verkörperung der Güte: wenn er den Algerien Hasan El-Blidi trifft, zögert er auch keine Minute und erschießt den letzten, da er die Regel im Kasbah-Viertel nicht folgt und deswegen als Verbrecher bestraft werden soll. Außerdem verändert sich im Laufe des Films keiner der beiden Charaktere, deshalb kann man hier auch nicht um eine „Reise des Helden“ sprechen. Die Handlungen der Beiden sind nur von einem einzigen Ziel provoziert: Ammar Ali verkörpert in sich alle Algerier, die zu dieser Zeit um ihre Freiheit kämpfen und der Colonel sieht im Gewinn des Krieges die Erfüllung seiner amtlichen Pflicht und Funktion. Sie handeln nicht für sich selbst, nicht um individuelle Prinzipien zu verteidigen, sie handeln sogar nicht gezielt gegeneinander. Jeder von ihnen repräsentiert eine größere Gruppe, wobei die Handlungen der beiden Figuren von dem Ziel dieser Gruppe bestimmt werden. Sowohl Ali La Pointe als auch Colonel Mathieu haben also ein Endziel- den Krieg zu gewinnen und ein notwendiges Mittel auf dem Weg dazu ist die Einsetzung von Gewalt: Folter seitens der Französen und Terror seitens der Muslimen. Die Hauptfiguren sind sich der Funktion bewusst, die ihnen durch die Gruppe zugeordnet wird und schämen sich nicht, wenn sie offen über ihre Kriegsmethoden sprechen müssen. 3 Das kann man „ethisch weder als gut noch als böse bezeichnen, weder als gerecht, noch als barbarisch“, weil sie „einfach eine Funktion in einem notwendigen Kampf“ erfüllen (Kiefer 2006, S. 198).
Wie schon erwähnt bemüht der Film eine möglichst ausgewogene Darstellung der beiden Seiten im Krieg um Algier. Doch eine gewisse Sympatisierung mit den Freiheitskämpfern ist sowohl an einzelnen Stellen als auch im Film als Ganzes zu finden. Diese Behauptung lässt sich leicht durch den Vergleich der beiden Bombenszenen im Film bestätigen. In den beiden Szenen passiert dasselbe: Bomben gehen hoch- einmal im muslimischen Viertel und später, als Antwort darauf, im französischen
3 Denke man z.B. an der Szene, wo der verhaftete FLN-Führer El-hadi Djafar vor den Medien über den Kampf um Algier spricht.
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Arbeit zitieren:
Tanya Cherneva, 2008, Wenn keine Grenzen mehr zwischen Gut und Böse zu erkennen sind ..., München, GRIN Verlag GmbH
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