Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis....................................................................................................................... 2
1. Einleitung 3
2. Policy Netzwerke nach Renate Mayntz 3
3. „Doktorat neu“ 4
3.1. Die Reform der Doktoratsstudien an den österreichischen Universitäten 4
3.2. „Doktorat neu“ als Netzwerkansatz 5
4. Diskussion 6
5. Literatur. 8
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1. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit analysiere ich die österreichische Forschungspolitik anhand eines Fallbeispiels mittels des Netzwerkansatzes von Renate Mayntz. Eingangs fasse ich jenen Zugang zur Policy-Analyse kurz zusammen, behandle in der Folge den Reformprozess des Doktoratsstudiums („Doktorat neu“) an den österreichischen Universitäten und versuche diesen dann unter dem Blickpunkt der Netzwerktheorie zu betrachten. Als Basisquelle diente ein Artikel zu den Veränderungen in den forschungspolitischer Strategien Österreichs von Sylvia Kritzinger, Barbara Prainsack und Helga Pülzl, der 2006 in der Österreichischen Zeitschrift für Politikwissenschaft erschienen ist.
2. Policy Netzwerke nach Renate Mayntz
Der Grundannahme von Mayntz’ Netzwerkansatz ist, dass sich die Welt nicht nach hierarchischen Mustern zusammensetzt, sondern aus Netzwerken. Gemeinsam mit anderen WissenschaftlerInnen (wie z.B. Heritier 1993) sieht die Autorin in der Netzwerktheorie „einen zentralen Ausdruck gesellschaftlicher Modernisierung“ (Mayntz 1993, 41) und spielt damit auf die Veränderungen in den politischen Entscheidungsstrukturen an. Es lässt sich eine Tendenz des Zerfalls traditioneller Institutionen, wie hierarchisch organisierten Großunternehmen oder des Nationalstaates, sowie gleichzeitig eine steigende Relevanz von transnationalen ökonomischen oder politischen Netzwerken ausmachen.
Renate Mayntz formuliert so genannte issue networks. Nicht die Organisationsstrukturen und die Stetigkeit von Beziehungen, sondern vielmehr ein gemeinsames Interesse an einem bestimmten Thema und die Verfolgung eines gemeinsamen Ziels sind für die Stabilität eines Netzwerks verantwortlich. Issue networks werden ad hoc durch ein spezifisches Policy-Problem aktiviert, „das kollektives Handeln zu seiner Lösung verlangt„ (Mayntz 1993, 46) und erliegen nach Erreichen des gesetzten Zwecks. Über das Ziel - den Output - muss nicht erst verhandelt werden, es steht im Vorhinein fest; es ist vielmehr die Eintrittsbedingung in das Netzwerk. Charakteristisch für dieses themenbezogene Arbeiten ist weiters, dass nicht alle Akteure des Netzwerkes einbezogen werden müssen, sondern unterschiedliche Mitgliederkonstellationen gebildet werden können. Die Netzwerkteilnehmer stehen nicht notwendigerweise in einem hierarchischen Verhältnis zueinander und setzen sich sowohl aus nationalen, als auch aus inter-oder supranationalen AkteurInnen zusammen.
Solche Netzwerke „funktionieren, weil der Nutzen, der aus dem Finden einer gemeinsamen Lösung erfließt, von den wesentlichen Netzwerk-AkteurInnen als größer eingestuft wird, als das sture Festhalten an der eigenen rational kalkulierten Nutzenmaximierung“
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(Kritzinger, 78). D.h. Netzwerke sind von einer „Verhandlungslogik“ und problemzentrierten Sichtweise bestimmt (vgl. auch Mayntz, 42). Renate Mayntz analysiert in ihren Artikeln (Mayntz 1992 und Mayntz 1993) die Zusammenführung eines gesamtdeutschen Forschungssektors in Zeiten des Mauerfalls. Was liegt also näher, einen genaueren Blick auf die aktuelle österreichische Forschungspolitik im Hinblick auf die europäische Integration zu werfen?
3. „Doktorat neu“
3.1. Die Reform der Doktoratsstudien an den österreichischen Universitäten
Das Feld nationaler Forschungspolitik schließt all jene Bereiche ein, in denen es um die Regulierung von Wissenschaft, Forschung und Innovation geht, unabhängig davon, ob diese Bereiche in privaten oder akademischen Instituten angesiedelt sind. In Zeiten einer voranschreitenden europäischen Integration ist freilich auch dieses Politikfeld einer deutlichen Wandlung unterworfen. Es herrscht allerdings Unklarheit, wie dieser Veränderungsprozess zustande kommen soll. Am Beispiel der Neuregelung des Doktoratstudiums an den österreichischen Universitäten („Doktorat neu“) versuche ich in den folgenden Absätzen mittels des Netzwerkansatzes aufzuzeigen, wie Einflüsse der „Umwelt“ auf das österreichische Forschungssystem herangetragen werden bzw. welche Entscheidungslogiken einem Policy-Wandel unterliegen.
Bislang war das DoktorandInnenprogramm an den österreichischen Universitäten auf eine Mindeststudiendauer von vier Semestern ausgelegt, in denen Seminare und Wahlfächer im Umfang von sechs bis zwölf Semesterstunden 1 zu besuchen sind. Generell kann das österreichische Modell als „loser Rahmen“ (Kritzinger, 80; zit. nach Schratz, 1994, 207) beschrieben werden. Aus finanziellen und organisatorischen Gründen finden die individuellen Forschungsarbeiten nur selten im Rahmen von Forschungsprojekten statt; auch der wissenschaftliche Austausch in Konferenzen gestaltet sich aus selbigen Gründen äußerst schwierig. Eine systematische Finanzierung von DoktorandInnenstellen war in Österreich bisher nicht vorgesehen, was letztlich auch zu längeren Studienzeiten führte, da Studierende zu beruflichen (Neben-) Tätigkeiten gezwungen waren. (vgl. Kritzinger 80). 2003 wurde in Berlin in einer Konferenz der Bildungs- bzw. WissenschaftsministerInnen beschlossen, das Doktoratsstudium europaweit neu zu strukturieren und aufzuwerten, um die überaus unterschiedlich gestalteten DoktorandInnenausbildungen in den EU-Mitgliedsländern zu harmonisieren. Im selben Jahr wurden auch Resolutionen der Europäischen Kommission und des
1 Die Anzahl der vorgeschriebenen Semesterstunden ist von Fakultät zu Fakultät unterschiedlich organisiert.
Siehe hierzu auch http://www.doktorat.at/.
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Europäischen Rats verabschiedet, die den Ausbau des Forscherpotentials in Europa als eine grundlegende Voraussetzung der „European Research Area“ ansehen (vgl. Kritzinger, 81). Im Anschluss an die Verhandlungen in Berlin organisierte das österreichische Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kunst (heute: aufgesplittert in Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung bzw. Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur) im Frühling 2005 in Salzburg ein internationales Seminar 2 , dessen Ergebnis einerseits die Richtlinien zur Ausarbeitung konkreter Maßnahmen zur Umsetzung des „Doktorats neu“ festlegen sollte, anderseits als Grundlage für die weitere europäische Diskussion diente.
Welches konkrete, gemeinsame Ziel wollte also das berufene issue-network verfolgen? Grundsätzlich sollte das „Doktorat neu“ eine bessere Basis für wissenschaftliche Karrieren bieten. Dies umfasst eine Mindeststudiendauer von drei Jahren, die finanziell durch ein Stipendium oder eine Anstellung an der Universität abgesichert werden soll, sowie eine intensivere, team-orientiertere Betreuung, die bisher aufgrund organisatorischer Mängel in Österreich nicht gewährleistet werden konnte (vgl. Kritzinger 81).
3.2. „Doktorat neu“ als Netzwerkansatz
Die zentralen TeilnehmerInnen des hier vorliegenden Policy-Netzwerks umfassten eine Vielzahl an sowohl nationalen, als auch supranationalen AkteurInnen, die allesamt mehr oder weniger miteinander verbunden und a priori nicht-hierarchisch organisiert waren. Hier sind in erster Linie die European University Association (EUA) zu nennen, die den Reformbedarf erstmals formulierte und somit als „Reformmotor“ (Kritzinger, 81) bezeichnet werden kann. Als Hauptanliegen galt vor allem die Entwicklung differenzierter Profile - die Erschaffung von Doktoratsstudien, die nicht nur für den akademischen Markt konzipiert werden, sondern auf die Bedürfnisse verschiedener Märkte zugeschnitten sind. Weiters spielten die nationalen Universitäten, die Österreichische Rektorenkonferenz (ÖRK), der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Förderung (FWF) sowie die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) und letztendlich auch die österreichische Qualitätssicherungsagentur für den tertiären Bildungsbereich (AQA) eine tragende Rolle. Alle AkteurInnen konnten, durch die Einbindung in europäische Vereinigungen, sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene an der Diskussion teilnehmen.
Neben den vernetzten Akteurstrukturen lassen sich einige thematische Schnittpunkte ausmachen, die allesamt nicht direkt von einer zentralen, höheren Stelle vorgeschrieben wurden.
2 Die Veranstaltung wurde gemeinsam mit dem deutschen Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung
und der European University Association (EUA) organisiert. Siehe hierzu auch
http://eu2006.bmbwk.gv.at/bologna.htm.
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Partikularische Interessen wurden im Fall „Doktorat neu“ augenscheinlich zurückgestellt - die „handlungleitenden Wahrheiten“, wie die europäische Integration und Harmonisierung, die Internationalisierung oder die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit wurde von allen NetzwerkteilnehmerInnen angenommen und als höchstes Ziel betrachtet. Auch wenn die Vorstellungen der AkteurInnen über den genauen Reformprozess im Detail deutlich auseinander gingen, konnte die Notwendigkeit einer Gemeinschaftlichkeit erfolgreich auf den Reformbedarf hinweisen und zu einem brauchbaren Ergebnis führen.
Abschließend sei noch angemerkt, dass die Diskussion „Doktorat neu“ im Allgemeinen eine sehr weich formulierte policy darstellt. Diese Weichheit führte zwar leicht zu einem gemeinsamen Konsens der AkteurInnen, aber auch dazu, dass Konzepte bzw. Positionen sehr unscharf formuliert wurden und somit die Differenz in den Meinungen über Detailfragen überdeckt werden konnte (vgl. Kritzinger, 81).
4. Diskussion
Wie wir in vorliegender Arbeit sehen, bietet der stark akteurszentrierte Netzwerkansatz von Renate Mayntz für die Betrachtung des Fallbeispiels „Doktorat neu“ einen durchaus brauchbaren Analyserahmen. Allerdings treffen wir auch hier auf das Problem eines „Theorie-Defizits“. Generell wird in der Netzwerkanalyse davon ausgegangen, dass diese Interaktionsform vorwiegend in der Politikformulierung und weniger in der konkreten Politikgestaltung oderumsetzung angewandt wird (vgl. Heritier 1993, 435). Der Erkenntnisgewinn wäre vielleicht deutlich zu steigern, würde man den Netzwerkansatz um weitere Ansätze, wie beispielsweise um Foucaults „gouvernance-Verständnis“ erweitern, welches auch den Aspekt der Regierung als Selbstregierung einschließt (siehe dazu Digeser 1992). So könnte man die oben angesprochenen „handlungsleitenden Wahrheiten“ der Doktoratsreform als Form der Machtausübung im Sinne einer Selbstregierung individueller AkteurInnen sichtbarer machen. Weiters lässt sich die Formulierung der langfristigen Basisziele eindeutig von den AkteurInnen der supranationalen Ebene stammend identifizieren; die nationalen NetzwerkmitgliederInnen konnten bestenfalls an der Modifikation dieser Ziele mitwirken. Dieser Umstand lässt letztlich nun doch auf eine gewisse Hierarchie unter den AkteurInnen schließen, die es ja in der klassischen Netzwerktheorie nicht geben sollte. Trotzdem waren auch die nationalen NetzwerkteilnehmerInnen in sämtlichen Phasen des policy-makings in der Doktoratsreformfrage mehr oder weniger beteiligt (vgl. Kritzinger, 89).
Schließlich ist noch zu klären, warum im Fall „Doktorat neu“ alle AkteurInnen bereit waren, im Sinne einer „Verhandlungslogik“ von ihren partikularistischen Interessen abzuweichen. Das lässt sich vermutlich mit dem offensichtlich gemeinschaftlichen, „handlungsleitenden
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Paradigma“ begründen, dass „das Aufbrechen der nationalen Strukturen und das Verfolgen gemeinsamer europäischer Strategien […] als Möglichkeit gesehen [wird], Europa zu bauen und sich vor allem gegenüber den USA zu behaupten“ (Kritzinger, 83).
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5. Literatur
• Digeser, Peter (1992): The Fourth Face of Power. In: The Journal of Politics, Vol 54, No. 4, 977-1007.
• Heritier, Adrienne (1993): Policy-Netzwerkanalyse als Untersuchungsinstrument im europäischen Kontext. Folgerungen aus einer empirischen Studie regulativer Politik. In: Heritier, Adrienne: Policy-Analyse. Kritik und Neuorientierung, Politische Vierjahresschrift, Jg. 34, Sonderheft 24, 432-447.
• Kritzinger, Sylvia et al. (2006): System oder Netzwerk? Veränderungen forschungspolitischer Strategien in Österreich. In: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft, Jg. 35, 75-92.
• Mayntz, Renate (1992): Modernisierung und die Logik von interorganisatorischen Netzwerken. In: Journal für Sozialforschung, Jg. 32, 19-32.
• Mayntz, Renate (1993): Policy-Netzwerke und die Logik von Verhandlungssystemen. In: Heritier, Adrienne: Policy-Analyse. Kritik und Neuorientierung, Politische Vierjahresschrift, Jg. 34, Sonderheft 24, 39-56.
Weitere Quellen
• http://archiv.bmbwk.gv.at/forschung/materialien/gb.xml (06.06.07)
• http://eu2006.bmbwk.gv.at/bologna.htm (06.06.07)
• http://www.doktorat.at/ (06.06.07)
• http://www.oezp.at/oezp/online/06_1_ed.htm (06.06.07)
• http://www.renner-institut.at/download/texte/2006-06-13_Forschungspolitik.pdf (06.06.07)
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Arbeit zitieren:
Gerhard Paleczny, 2007, Anwendung des Netzwerkansatzes von Renate Mayntz auf die österreichische Forschungspolitik am Fallbeispiel „Doktorat neu“ , München, GRIN Verlag GmbH
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