Gliederung
I. Einführung
II. Theorien über die Wirkung von Medienkonsum
1. Aggressionsmindernde Theorien
a. Katharsistheorie aa. Ausgangsbasis der Katharsistheorie ab. Die verschiedenen Varianten der Katharsistheorie ac. Wissenschaftlicher Nachweis ad. Fazit
b. Inhibitionstheorie ba. Ausgangsbasis der Inhibitionstheorie bb. Wissenschaftlicher Nachweis der Inhibitionstheorie bc. Fazit
2. Aggressionssteigernde Theorien
a. Erregungstheorien
aa. Frustrations-Aggressions-Theorie
ab. Exitation-Transfer-Theorie
b. Sozial kognitive Lerntheorie
ba. Ausgangsbasis der sozial kognitiven Lerntheorie
bb. Kritische Betrachtung der Untersuchungen Banduras
c. Suggestionsthese
ca. Ausgangsbasis der Suggestionsthese cb. Fallbeispiele cc. Fazit
d. Habitualisierungstheorie da. Ausgangsbasis der Habitualisierungstheorie db. Die vier Arten der Habitualisierung dc. Empirische Nachweise der Habitualisierungstheorie dd. Kritikpunkte
e. Konflikttheorien ea. Ausgangsbasis und Belege eb. Fazit
f. Feedbacktheorien fa. Theorie der reziproken Effekte fb. Theorie der Pseudoereignisse fc. Fazit
g. Fernsehen und Anomietheorie ga. Ausgangsbasis und Belege gb. Kritik
3. These der Wirkungslosigkeit a. Ausgangsbasis und Belege der These b. Kritik
4. Kriminalitätsfurcht
III. Resümee
I. Einführung
Medien sind allgemeine Kommunikationsmittel. Unter Massenmedien versteht man solche Kommunikationsmittel, die sich an eine grosse Anzahl von Menschen richten und häufig vorkommen.
Die Medien werden im wesentlichen in drei Gruppen unterteilt 1 :
1) Druckmedien (z.B. Zeitschriften, Bücher, Comics etc.)
2) Auditive Medien (z.B. Radio, CD etc.)
3) Audiovisuelle Medien (z.B. Fernsehen, Kino, Video etc.)
Ein Schwerpunkt der Medienforschung besteht darin herauszufinden, ob Medienkonsum negative Folgen für den Konsumenten haben kann. Zu diesem Themenkreis liegt mittlerweile eine unüberschaubare Zahl wissenschaftlicher Studien vor. Nach Groebel und Kunczik sind es ca. 5000. 2 Weitgehend beschäftigen sich diese Untersuchungen mit den Auswirkungen von Gewaltdarstellungen.
Man kann zwischen verschiedenen Arten von medialer Gewalt unterscheiden. Zunächst versteht man darunter die Darstellung von psychischer und physischer Aggression. Unter den Begriff Gewaltdarstellung fallen aber auch gewaltlegitimierende Darbietungen, die zwar für sich gesehen nicht gewaltsam sind, jedoch für das Entstehen von Gewalt mitursächlich sein können. Dazu zählen z. B. Negativberichte über Minderheiten. 3
Ferner wird differenziert zwischen realen Gewalthandlungen, worunter man tatsächlich statt-gefundenes aggressives Verhalten versteht, und fiktionaler Gewalt, wo Gewalthandlungen für den Konsumenten in natürlicher (sog. Realfilm) bzw. künstlerischer (z.B. Zeichentrickfilm) Form nachgestellt werden. Auffällig ist, dass sich die Studien fast ausschliesslich auf die
1 1 Schorb, in: Sündenbock Fernsehen ?, 99 f. 2 2 Löschper KrimJ 1998, 242
Effekte von natürlichen fiktionalen Darstellungen beziehen und die Wirkungen realer Gewalt bzw. der Einfluss gewaltlegitimierender Darbietungen kaum analysiert sind. 4
Im besonderen Blickfeld der Wissenschaft befindet sich nach wie vor das Fernsehen als Medium Nummer eins. Fast sämtliche Haushalte in West- und Ostdeutschland verfügen über ein Farbfernsehgerät. 5 Vor allem der negative Einfluss auf Kinder und Jugendliche wird diskutiert, da diese Gruppe in der heutigen Zeit mit dem Fernsehgerät aufwächst. Manche Autoren sehen das Fernsehen bereits als dritten Elternteil an und glauben, dass es grosse Wirkung auf die Erziehung von Kindern und Jugendlichen hat, da die Entwicklung der Persönlichkeit auch hinsichtlich der Aggressivität im überwiegenden Masse bereits im Kindheitsalter festgelegt wird. 6
Der kritische Blick richtet sich aber auch auf andere audiovisuelle Kommunikationsmittel, die häufig von Heranwachsenden benutzt werden wie z.B. Gewalt- und Pornovideos, gewaltverherrlichende Computerspiele und in jüngster Zeit das Internet.
Von Teilen der Öffentlichkeit, der Wissenschaft und der Politik werden die Medien für den Anstieg der Jugendkriminalität verantwortlich gemacht. Es wird argumentiert, die ständige Konfrontation der Kinder und Jugendlichen mit medialer Gewalt führe zu einer höheren Gewaltbereitschaft dieser Generation. Diese von der polizeilichen Kriminalstatistik belegte Zunahme jugendlicher Tatverdächtiger bedeutet aber nicht ohne weiteres ein wirkliches Ansteigen der Straftaten, da die Steigerung z.B. auch auf ein geändertes Anzeigeverhalten der Betroffenen zurückzuführen sein kann. 7 Diese Schlussfolgerung lässt sich durch einen Blick auf die Strafverfolgungsstatistik ziehen, nach der es zu einer Abnahme der tatsächlich verurteilten jugendlichen Straftäter bei Gewaltdelikten (Zeitraum 1980 bis 1991) gekommen ist. 8
3 3 Kepplinger/Dahlem, Medieninhalte und Gewaltanwendung, 383 ff.
4 4 a.a.O. 5 5 Schwind § 14 Nr. 14
6 6 Kunczik 1975, 10 m.w.N.; Schneider 1981,631 f. 7 7 Heinz in: Sündenbock Fernsehen ?, 110 ff., 128 ff. 8 8 a.a.O.
II. Theorien über die Wirkung von Medienkonsum
In der Literatur ist sehr umstritten, welche Auswirkungen Medienkonsum haben kann. Die Wissenschaftler haben versucht, Theorien über die verschiedenen Wirkungsvermutungen aufzustellen, die im folgenden näher behandelt werden sollen. Das Hauptaugenmerk soll dabei auf mögliche Einflussmechanismen von Gewaltdarstellungen gelegt werden.
1. Aggressionsmindernde Theorien
a. Katharsistheorie
aa. Ausgangsbasis der Katharsistheorie
Katharsis bedeutet, dass die Ausführung einer Aggression die Wahrscheinlichkeit nachfolgender Aggressionen mindert. 9 Der Katharsistheorie liegt die Annahme zugrunde, die Neigung zur Gewalt sei angeboren. 10 Konrad Lorenz und Sigmund Freud u.a. behaupten, der Aggressionstrieb werde durch eine selbsttätige genetisch angelegte Quelle gespeist, die für eine von spezifischen Umgebungsreizen unabhängige Aufladung sorge. Da der Verwirklichung dieses Triebs, der in der Urzeit Voraussetzung für das menschliche Überleben war, die heutige Wohlstandsgesellschaft entgegensteht, muss er sich ab einem bestimmten Zeitpunkt spontan entladen (sog. Dampfkesselprinzip). 11 Um dies zu verhindern, bleibt nur eine unschädliche Entweichung auf andere Art und Weise.
Dies kann nach Meinung der Anhänger der Katharsistheorie durch den Konsum von Gewaltfilmen geschehen, da der Aggressionstrieb entweder durch reale Handlungen oder durch die Phantasie ausgelebt wird. Phantasieaggression und aggressives Verhalten sind also gleichwertig. Deshalb ist es möglich, durch das Ansehen filmischer Gewalthandlungen seine innerlich aufgestaute Aggression abzureagieren. 12 Damit wird den massenmedialen Gewaltdarstellungen eine sozialhygienisch bedeutsame Funktion zugeschrieben, die den ungefähr-9 9 Kunczik 1975, 138 f.
10 10 Kepplinger/Dahlem, Medieninhalte und Gewaltanwendung, 387 11 11 Kunczik 1996, 62 f. 12 12 a.a.O., 61
lichen Abfluss des Aggressionstriebes ermöglichen soll, der sich ansonsten in realer Gewalt niederschlagen würde. Andere Autoren teilen diese Ansicht. Sie nehmen aber an, dass der Aggressionstrieb durch Frustrationen und nicht durch eine genetisch angelegte Quelle aktiviert wird. 13
ab. Die verschiedenen Varianten der Katharsistheorie
Insgesamt existieren vier Versionen der Katharsistheorie:
Der erste Form ging davon aus, jede Art der Phantasieaggression habe reinigende Wirkung. 14
In der zweiten Variante wurde behauptet, die triebreduzierende Wirkung trete bei in der Phantasie mitvollzogenen Gewaltakten nur ein, wenn der Betrachter zu diesem Zeitpunkt emotional erregt bzw. verärgert sei. Ohne Verärgerung komme es zu einer Zunahme aggressiver Verhaltenstendenzen und zwar entweder aufgrund von Verstärkerprozessen oder wegen des Abbaus von Aggressionshemmungen. 15
Die dritte Version setzt die Vollendung eines aggressiven Aktes voraus (sog. Tendenz zur Vollendung). Nur bei Beendigung einer aggressiven Handlungskette gegen den Frustrator bestehe kein Bedürfnis mehr nach weiteren Gewalttaten. Um kathartische Effekte zu erzielen, muss deshalb der Urheber des Ärgers geschädigt werden. Ob die Schädigung von der verärgerten Person oder von einem anderen vorgenommen wird, ist unerheblich. Entscheidend ist, dass das beleidigte Individuum die Verletzung des Frustrators sinnlich wahrnimmt. Damit tritt bei im Fernsehen betrachteter Gewalt eine Reduktion der Aggressivität ein, wenn die Leiden des Opfers gezeigt werden und das Opfer zu einer Person Ähnlichkeit aufweist, die den Zuschauer vorher verärgert hat. 16
Die vierte Form wird als These der kognitiven Unterstützung bezeichnet. Danach ist es möglich, mit seiner Phantasietätigkeit aggressive Verhaltenstendenzen zu kontrollieren. Da
13 13 so z.B. Feshbach 14 14 siehe Anm. 12 15 15 Kunczik 1975, 185 f. 16 16 a.a.O., 209 ff.
Personen mit niedriger Intelligenz nicht über die erforderliche Einbildungskraft verfügen, müssen sie durch das Fernsehen bzw. aus anderen Quellen mit Material versorgt werden, das die Phantasie anregt. Durch Gewaltdarstellungen wird die Fähigkeit des Konsumenten seine Aggressivität zu beherrschen kognitiv unterstützt. Das Ansehen gewalttätiger Fernsehsendungen führt deshalb bei aggressiv veranlagten wenig intelligenten Jugendlichen zu einem Abbau der Aggressivität. 17
ac. Wissenschaftlicher Nachweis
Als Nachweis der Katharsistheorie wird immer wieder ein Experiment genannt, dass Seymour Feshbach, der bedeutendste Vertreter der Katharsistheorie, durchgeführt hat, um die zweite Form der Katharsisthese zu beweisen. 18
Die Versuchspersonen waren männliche College-Studenten. Die Hälfte davon wurde durch Beleidigung verärgert. Im Anschluss mussten sie sich einen aggressiven (Boxkampf) und einen gewaltfreien Film (gezeigt wurden die Konsequenzen der Verbreitung eines Gerüchts in einer Fabrik) ansehen. Danach wurde ein Wort-Assoziationstest durchgeführt und die Einstellung der Probanden zum Versuchsleiter durch leichte harmlose Elektroschocks gemessen. Mit Hilfe dieser Aggressionsmasse sollte die Aggressivität der Studenten bestimmt werden.
Dabei zeigte sich, dass die Versuchspersonen, die beleidigt worden waren und die den Boxkampf gesehen hatten, wesentlich weniger aggressive Wortaneinanderreihungen aufwiesen und dem Versuchsleiter wesentlich weniger leichte Elektroschocks zufügten als die Studenten, denen der gewaltfreie Film vorgeführt worden war. Dieses Ergebnis verkehrte sich ins Gegenteil, wenn die Personen vor dem Filmkonsum nicht frustriert worden waren.
Daraus folgerte Feshbach, mediale Gewalt habe für verärgerte Zuschauer reinigende, für nicht verärgerte aber stimulierende Wirkung in Hinsicht auf die Aggressionsbereitschaft.
Kritisch lässt sich zu dem Experiment anmerken, dass ein zentrales Element für das Auftreten kathartischer Effekte die Aufmerksamkeit der Versuchspersonen im Hinblick auf den Film
17 17 Kunczik 1996, 67 18 18 Kunczik 1996, 63 f; 1975, 182 ff.
von Feshbach nicht kontrolliert wurde. Ebenso verhält es sich mit der Verärgerung der Probanden.
Zudem ist es schwierig in einem künstlichen Laborexperiment eine Frustration der Versuchspersonen herbeizuführen, da diese das ganze als zum Versuchsablauf gehörend ansehen und deshalb eine Beleidigung des Versuchsleiters nicht unbedingt als solche auffassen.
Ferner besteht die Möglichkeit, dass die Studenten den Boxkampf gar nicht als violenten Film sondern als reines Sportereignis aufgefasst haben bzw. der angeblich gewaltlose Film von ihnen durchaus als bedrohlich beurteilt worden ist. Deshalb kann es zu einer Aggressivitätssteigerung durch den als gewaltlos eingestuften Film gekommen sein, die Feshbach irrtümlich als reinigende Wirkung des Boxkampfes angesehen hat.
Auch ist zweifelhaft, ob die Aggressionsmasse geeignet waren einen Aggressivitätsanstieg bei den Rezipienten zu messen.
Damit sind kathartische Effekte, wie Feshbach annimmt, durch diese Untersuchung sicherlich nicht nachgewiesen worden.
ad. Fazit
Insgesamt lässt sich sagen, dass die überwiegende Mehrheit der Forscher das Ansehen von gewalttätigen Fernsehsendungen mittlerweile als eher schädlich einstuft (z.B. Lerntheorie (s.u.)) und schon der Existenz eines Aggressionstriebes ablehnend gegenübersteht. 19 Deshalb gilt die Katharsisthese in all ihren Variationen heute als empirisch widerlegt. 20 Inzwischen ist auch Feshbach selbst von seiner Theorie weitgehend abgerückt. 21 Vor allem erscheint es merkwürdig, für die Werbung ohne weiteres eine Beeinflussung des Konsumenten anzunehmen. Gleichzeitig soll dies aber nicht in negativer Weise, sondern nur auf sozialhygienische Art für aggressive Filme gelten. Die Absurdität wird noch deutlicher, wenn
19 19 Kunczik 1975, 206 f.
20 20 Löschper KrimJ 1998, 242 (249), Kunczik, Gewaltdarstellungen in den Medien, 128 21 21 Kunczik, a.a.O.
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Dr. jur. Gerhard Schober, 2001, Theorien über die Wirkung von Medienkonsum, München, GRIN Verlag GmbH
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