Man könnte soweit gehen zu sagen das Auge gehöre gleichermaßen zur Aufklärung, im Sinne der Observation, und zur Romantik in Verbindung von Gefühl und Vision. So sind beide Epochen im Menschen auf ewig unvermischt und ungetrennt. Demnach könnten die Augen eine Art Epochen-Zwiespalt, die Frage nach Wissenschaft oder gefühlsbetonter Traumwelt, symbolisieren. Wie in dem vorangegangenen Beispiel scheinen beide Augenpaare miteinander vernetzt zu sein. Es muss einen Ort geben auf den die realen Wahrnehmungen einwirken und aus dem die Visionen entspringen, dieser Ort ist die Seele. Die Seele ist der Ort im Menschen, der den Charakter beinhaltet. Dazu zählt das Gute und Böse im Menschen, die Moral so wie seine Ängste, seine Psychosen, sein Wahnsinn.
Viele dieser Wesenszüge und Ängste die in unserer Seele „abgespeichert“ sind, beruhen auf äußerer Wahrnehmung, hier macht sich also die Vernetzung von Auge und Seele bemerkbar. So hat zum Beispiel Nathanael seit seiner Begegnung mit Coppelius eine Phobie vor seiner Person, die soweit führt, dass er Coppola für eben diesen hält. Man kann bereits von einer Psychose sprechen, die durch eine Wahrnehmung Zugang zur Seele erhielt.
Natürlich lässt Hoffmann auch den Umkehrschluss zu, nämlich den, dass ebenfalls Dinge den Weg durch unsere Augen aus unserer Seele heraus finden. Er greift damit den Volksmund „Die Augen sind ein Spiegel der Seele“ auf („Was See-Was Spiegel“). Deutlich wird dies an den Stellen an denen Hoffmann den Seelenzustand einer Person in den Augen wiederspiegeln lässt („blutdürstige Kampflust im brennenden Auge“). Eben diese Eigenschaft der Augen, als Spiegel der Seele, lässt zu dass der Leser schnell Rückschlüsse über Olimpia ziehen kann. Denn über sie als Puppe und seelenloses Wesen schreibt Nathanael: „[…] und überhaupt hatten ihre Augen etwas starres, beinahe möchte ich sagen ohne Sehkraft […]“. Obwohl der Automat äußerlich perfekt erscheint, bemerkt Nathanael sofort die fehlende Vernetzung von Auge und Seele.
Mit der Idee das Auge beeinflusse die Seele greift Hoffmann einen u.a. im christlichen Glauben verbreiteten Gedanken auf. Besonders im Verhältnis von Nathanael und Coppola läßt sich im Bezug auf die Augen eine unverkennbare Färbung christlicher Glaubenswelt erkennen. Coppola kann in Hoffmanns Erzählung als „die böse Macht“ angesehen werden. Es wird also der romantische Gedanke von übernatürlichen Kräften, die auf den Menschen einwirken aufgegriffen. Diese böse Macht hat es zum Ziel, Einfluss auf die Seele Nathanaels zu erlangen. Dies gelingt ihr letzten Endes auch indem sie Nathanael von Olimpia abhängig macht und Clara vergessen lässt. Der Zugang über Nathanaels Seele erfolgt über die Augen, indem Nathanael, dessen Wahrnehmung durch ein Fernglas verstärkt wird, von der Schönheit Olimpias in den Bann gezogen wird. Ähnliche Vorstellungen gibt es auch im christlichen Glauben in dem das Auge der Überträger oder der Zugang z.B. für die Fleischeslust oder generell Sünde ist, die ebenfalls wie bei Nathanael todbringend ist. Mit dem Eintritt des Todes hat dann das Böse sein Ziel erreicht.
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Die Idee, der Beherrschung fremder Seelen über die Augen, die als Hauptmotiv des Sandmanns gelten kann, macht Hoffmann am Anfang des Buches gleich einer Vorahnung deutlich. Hierzu benutzt er die Geschichte des Sandmanns, in der er alte mythologische Gedankenstrukturen einbaut. In einer Vielzahl von Naturreligionen galt die Ansicht als verbreitet, man könne die Stärker der Gegner in sich aufnehmen indem man beispielsweise ihr Herz äße. Dieses Prinzip praktiziert der Sandmann, jedoch mit dem Anspruch die Seele der Opfer zu erlangen, indem er die Augen verfüttert. Paradoxer Weise gelingt es dem fiktionalen Sandmann in der Tat Macht über die Seelen der Kinder zu erlangen. Denn nur der Gedanke an das Herauspicken der Augen sät Angst und Schrecken in die Seelen der Kinder. Diese drei wesentlichen Punkte, die Augen als Sehorgan und die inneren Augen und damit verbunden der Gegensatz von Aufklärung und Romantik und die Augen als Bindeglied zur Seele machen die hauptsächliche Symbolik in diesem Buch aus. Um diese Hauptthematik herum baut Hoffmann eine Unmenge Unterthemen auf, die ihren Ausdruck in vielen anderen Bildern finden, die um das Motiv Auge gesponnen sind. Nicht erwähnt wurden z.B. die Ableitungen der Namen Coppola und Coppelius von dem Wort Auge, da der Versuch jene kleinen Unterthemen in einen Gesamtkontext zu setzen den Rahmen der Fragestellung sprengen würde.
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Sebastian Gräbe, 2002, Hoffmann, E.T.A - Der Sandmann - Das Motiv der Augen, München, GRIN Verlag GmbH
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