1. Einleitung und Aufgabenstellung
Ziel dieser Arbeit ist es, in Anlehnung an mein Referat vom 08.02.01 mit dem Thema „Unterhaltung im Umbruch – Facetten gegenwärtiger Fernsehkultur am Beispiel der Doku-Soap Big Brother“ noch einmal ausführlicher zu untersuchen und darzulegen, was „Big Brother“ ist bzw. was es ausmacht, welche Regeln ihm zugrunde liegen und worin sein Erfolg begründet ist.
Dabei stehen die Überlegungen im Mittelpunkt, wie ein Sendeformat wie die „Doku- Soap Big Brother“ einen solchen Kult-Status bei Zuschauern und Teilnehmern gleichermaßen erlangen konnte, wie es bisher der Fall war. Inwieweit entscheidet der Zuschauer selbst, was er sehen möchte, inwieweit wird sein Fernsehverhalten von den Medien „diktiert“?
Was bewegt Menschen dazu, für maximal 106 Tage ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt an dem Leben in einem Wohncontainer teilzunehmen? Und was bewegt andere Menschen dazu, sich dieses Leben anzuscha uen bzw. es (ggf. regelmäßig) mitzuverfolgen?
Wie authentisch ist das Dargestellte tatsächlich? Und wenn es nicht authentisch ist: Wie können Menschen sich 106 Tage am Stück verstellen?
Neben den allgemeinen Untersuchungen sollen diese Fragen nachfolgend genauer betrachtet werden, um den Ansatz einer Erklärung für das Phänomen „Big Brother“ zu finden.
2
2. Big Brother
2.1 Geschichte des Reality-TV
Zunächst einmal mag es unter dem Aspekt der Entwicklungsgeschichte des Reality-
TV interessant sein, sich einen Überblick über dessen zeitlichen Verlauf zu
verschaffen. Deshalb seien nachfolgend in chronologischer Reihenfolge die bekanntesten Reality-TV-Serien aufgeführt 1 :
1948, USA, TV für Voyeure: „Candid Camera". TV-Pionier Allen Funt lässt versteckte Kameras auf die Opfer von Scherzsituationen richten. Das Original läuft 42 Jahre lang.
1956, USA: „Queen for a Day". Fünf Frauen erzählen ihre Schicksale. Wer den meisten Applaus erntet, gewinnt eine kitschige Krone. Moderator Jack Bailey ist der Hans Meiser der Fifties.
1973, USA: „An American Family". Dokumentarfilmer Craig Gilbert schießt 300 Stunden Material aus dem Leben der Familie Loud. Sohn Lance feiert sein Coming- out. Zehn Millionen Menschen gucken zu.
1990, Frankreich: „Fort Boyard". Prominente treten zur Schatzsuche in einem verlassenen Inselfort an. Das Konzept wird in 13 Länder exportiert, Günther Jauch blamiert sich dabei für Deutschland. Am 6. August hat ProSieben das Sendeformat für sich wiederentdeckt.
1992, USA: “The Real World". Urahn aller Voyeur-Shows. Sieben Kids teilen sich ein Apartment in New York. Kein Sex, viele Tränen, kein Geld. Einige schaffen es zeitweilig zum Video-Jockey bei MTV.
1999, Niederlande: „Big Brother". Start der weltweit ersten Staffel in Holland. Trotz hitziger öffentlicher Diskussionen wird die Container-Show zum Quotenhit. Der Privatkanal RTL 2 sichert sich die Lizenz für eine deutsche Version. Die „Big Brother- Manie“ beginnt.
1999, Japan: „Susunu Denpa" ("Tu's nicht, Electric Boy!"). Eine leicht sadistisch angelegte Voyeur -Show: Der TV-Komiker Nasubi muss in einem kargen Apartment lediglich mit seinen Gewinnen aus tausenden von Preisausschreiben überleben. Ohne sein Wissen filmen ihn zwei Kameras. Nackt und halb verrückt wird er 15 Monate später entlassen. Inzwischen ist Nasubi in Japan ein Star mit einer Folgesendung in Korea.
2000, USA: „Making the Band". Acht Boys für nur fünf zu besetzende „Stellen“ in der Boyband „O-Town“. Lou Pearlman, Erfinder von N’Sync und Backstreet Boys, ist der Coach der acht.
1 vgl. Prokop, Dieter: „Medienmacht und Massenwirkung. Ein geschichtlicher Überblick“, Freiburg im Breisgau, Rombach Verlag, 1995
3
2000, England: „Rough Science". Fünf Wissenschaftler werden auf einer Insel ausgesetzt und müssen aus Vorhandenem diverse Geräte improvisieren, um damit Aufgaben zu erfüllen. Die Quoten zeigen: Selbst hartgesottene Reality-TV-Fans machen nicht alles mit.
Mai 2000, USA: „Voyeursdorm.com". Sechs junge Frauen teilen sich ein Haus in Tampa/Florida und werden dabei von 55 Kameras beobachtet. Die Softporno-Site hat eine Million Hits täglich. Der Betreiber verklagt den amerikanischen „BB“-Sender
CBS wegen Id eendiebstahls.
2001, Deutschland, Endemol: „Girls Camp“. 10 junge Frauen verbringen 8 Wochen auf der Kanareninsel „El Hierro“ und sollen von einem „Boy of the week“, den sie zuvor per Video ausgewählt haben, zu einer romantischen Luxus-Reise verführt werden. Für diejenige, die „schwach“ wird, ist das Spiel vorbei.
2001, Deutschland, Endemol: „Frisör“. Eine bunte Mischung unterschiedlichster Frisöre schneidet 5 x die Woche in einem Frisörsalon in der Kölner City seinen Kunden die Haare. Es wird geklatscht, getratscht, diskutiert und die Kunden erzählen skurrile Geschichten.
2001, Deutschland, Endemol: „Big Diet". Zehn Kandidaten hungern 100 Tage um die Wette. Jede Woche scheidet derjenige aus, der am wenigsten abgenommen hat. Dem Sieger werden die verlorenen Pfunde in Gold aufgewogen. Endemol will dafür
35 Millionen Mark von Sat.1.
4
2.2 Was ist Big Brother
2.2.1 Allgemeine Erklärung
„Big Brother“, was ist das eigentlich? Big Brother ist eine sog. Reality- oder auch Doku-Soap, eine in Serie gezeigte „Seifenoper“. Sie zielt auf Unterhaltung ab, indem sie – grob zusammengefasst – Menschen „live“ beim Verrichten alltäglicher Tätigkeiten dokumentiert. Das Zielpublikum liegt im Schnitt bei einem Alter von ca.
18 – 39 Jahren (rd. 1,7 Mio.). Die Kandidaten, die für eine Staffel ausgewählt
werden, liegen ebenfalls bei einem Durchschnittsalter von 18 – 39 Jahren.
Die männlichen wie weiblichen Zuschauer halten sich bei einem etwaigen 50:50- Verhältnis die Waage. Sie haben zum größten Teil weiterführende Schulen ( 1,04 Mio.) oder die Hauptschule (0,9 Mio.) besucht. Ihr monatliches Einkommen liegt, lt. einer von TV Movie herausgearbeiteten Studie, zwischen DM 2.000,00 und max. DM 3.500,00 netto. 2
Die Zuschauer können mit den Big Brother-Bewohnern über einen Chat in Kontakt treten. Dazu muss der jeweilige Interessent jedoch in einer Vorauswahl acht Spielrunden bestehen, indem er z. B. einen Bewohner am Lachen erkennt, Videoausschnitte zuordnet oder ganz allgemeine Fragen zu Big Brother beantworten kann. Jede Spielrunde läuft über zwei Tage (Wochenenden ausgenommen). Die 99 größten Kenner erhalten per e-Mail ein Kennwort, mit dem sie sich in den Chat einloggen können. 3
Ein Tagesmitschnitt aus dem Container wird täglich - außer Samstags - auf RTL 2 gezeigt. Der Muttersender RTL sendet ergänzend dazu an jedem Samstag für ca. 2 Stunden das wöchentliche „Best of“ aus dem Container-Leben. Zusätzlich gibt es Sonntags bis Freitags, ebenfalls auf RTL 2, jeweils um ca. 1.00 h nachts, das „Big Brother Quiz“. Die Zuschauer sind gefragt, beim Sender anzurufen, um Fragen zu aktuellen Ereignissen aus dem Big Brother-Haus zu beantworten.
Im März 2000 lief Big Brother erstmalig in Deutschland an.
War die erste Staffel noch 100 Tage lang, so wurden die zweite und die dritte bereits auf 106 Tage ausgedehnt. Die derzeit dritte Staffel läuft noch bis zum 12. Mai 2001.
2 vgl. TV Movie 9/2000, S. 39
3 vgl. TV Movie 26/2000, S. 270
5
2.2.2 Vom Reality-TV zur Reality-Soap (Big Brother)
Reality-TV zeichnet sich durch echte Amateuraufnahmen bzw. durch das Nachspielen von Realität oder Alltagsdokumentationen aus. Mit Hilfe schlechter technischer Mittel soll eine Authentizität (Echtheit) der Aufnahmen vermittelt werden.
Einschaltquoten belegen, dass die Zuschauerwünsche nach Authentizität stetig steigen. Zu Bestzeiten erzielte Big Brother eine Zuschauerza hl von ca. 8 Mio. 4 So ist es nicht verwunderlich, dass das Genre der „Doku-Soap“, - einer Mischung aus klassischem Dokumentationsfilm und fiktionaler Genre-Soap-Opera - aufkam.
Die Idee, die hinter dem Reality-TV steckt, ist die, dass ein Regisseur oder Sender keine direkte Eingriffsmöglichkeit in das Leben der Akteure hat. Auf diese Art soll dem Zuschauer vermittelt werden, dass es sich um die Darstellung des „echten, des wahren“ Lebens handelt, frei nach dem Motto: Das Leben schreibt die besten Geschichten.“ Ziel ist es, über die per Kamera gezeigten Emotionen und „Alltäglichkeiten“, unterstützt durch einen gewissen Voyeurismus seitens des Publikums, eine Identifikation des Rezipienten mit dem Gesehenen zu erwirken. Aber was ist heutzutage eigentlich unter „Voyeurismus“ zu verstehen? 5
Voyeurismus, von französisch: Voyeur = Zuschauer, stellt im ursprünglichen Sinne ein übersteigertes Interesse an der heimlichen Beobachtung nackter Körper bzw. sexueller Vorgänge dar. (Nicht zu verwechseln mit der von Sigmund Freud akzeptierten „Schaulust“, die normaler Bestandteil menschlichen Sexualverhaltens ist.) Gemäß dieser Definition bezieht der Voyeur seine geschlechtliche Befriedigung ausschließlich aus der Beobachtung, die er eventuell durch Selbstbefriedigung unterstützt. Durch das Verbotene/Heimliche seines Tuns gewinnt er meist einen zusätzlichen Reiz. Aus Mangel an Selbstbewusstsein oder aus sonstigen seelischen Blockaden heraus wird der eigene Sexualkontakt vermieden bzw. bleibt ihm vorenthalten.
Voyeurismus i st demnach ein Ersatzverhalten für etwas auf anderem Wege nicht Auslebbares.
Im neueren Sprachgebrauch wird die Schaulust auch im Zusammenhang mit Menschen in Extremsituationen (wie [Verkehrs-] Unfällen, gefährlichen körperlichen Betätigungen als Ziel einer Wette, Survival-Trips auf einsamen Inseln oder in Wohn- Containern u. ä.) als Voyeurismus bezeichnet.
Tatsächlich sind dezent-voyeuristische Verhaltensweisen bei fast jedem Menschen zu beobachten, so dass nicht zwangsläufig von einer seelischen Erkrankung gesprochen werden kann. Hinzu kommt, dass viele Menschen in Ermangelung einer Partnerschaft ein zeitweise verstärktes voyeuristisches Interesse entwickeln, das durch Film, Fernsehen, Internet, Magazine und einschlägiger Literatur bedient und auch forciert wird.
4 vgl. TV Movie, Nr. 7/2001, 24.03. – 06.04., S. 28
5 vgl. „Voyeurismus, ein Artikel aus Encarta Enzyklopädie“ => http://encarta.msn.de/
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Tanja Stojanovic, 2001, Unterhaltung im Umbruch - Facetten gegenwärtiger Fernsehkultur am Beispiel der Doku-Soap Big Brother, Munich, GRIN Publishing GmbH
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Fehler.
Genaugenommen ist Big Brother keine Doku-Soap, sondern eine Reality Show. Und man sollte es genau nehmen!
lg Vivien
on Thursday, November 23, 2006-