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Im 18. und 19. Jahrhundert war die Medizin und damit auch die Ausbildung von Ärzten im Osmanischen Reich tiefgreifenden Veränderungen unterworfen. In diesem Zeitraum spielte sich ein Übergang ab von der klassischen medizinischen Lehre der Osmanen, die sich auf Autoritäten vergangener Jahrhunderte bis hin zur Spätantike berief, zu einer Heilkunde, die von westlich-europäischen Einflüssen, etwa aus Österreich, Deutschland und Frankreich geprägt war.
Diese Veränderungen will die vorliegende Arbeit exemplarisch am Beispiel Istanbuls darstellen. Vorgestellt wird zu diesem Zweck zunächst die medizinische Medrese der Süleymaniye, die bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Ausbildungsstätte für osmanische Ärzte war. Alsdann werden die Einflüsse aus Europa und die vom Osmanischen Staat angestrengten Reformen beschrieben, die nachhaltig auf die Mediziner-Ausbildung und die Ausübung der Heilkunde einwirkten. Am Beispiel der modernen militärmedizinischen Fakultät und des Hamidianischen Kinderkrankenhauses in Istanbul wird die Umsetzung der Reformen verdeutlicht. Besonderes Augenmerk gilt dabei auch der Frage, inwieweit die im 18. und 19. Jahrhundert nachdrücklich vorangetriebene Neuausrichtung in der Medizin ausschließlich fachlichen Entwicklungen Rechnung trug und welche Rolle bei ihrer Umsetzung auch rein politische Erwägungen spielten.
Zunächst werden allerdings einige der Autoren vorgestellt, die mit ihren Lehren und Ansichten die osmanische Medizin lange Zeit prägten.
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II.1 Der Einfluss medizinischer Lehrer aus früheren Jahrhunderten
Als der osmanische Reisende Evliya Çelebi 1682 nach Edirne kam, besuchte er auch die Külliye Beyazids II. Hier befand sich seinerzeit eine Medizin-Schule. Ebendort befindet sich heute ein Museum, das - aufbauend unter anderem auf den Schilderungen Evliyas - einen recht anschaulichen Eindruck von der ärztlichen Kunst im Osmanischen Reich vermittelt. Evliya schreibt davon, dass die Studenten dieser medizinischen Medrese unter anderem von Aristoteles, Platon und Galen sprachen und sich auf deren Lehre
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beriefen. 1 Dies ist nur ein Beleg dafür, wie „alte“ Autoritäten die Medizin des Osmanischen Reiches noch im 17. Jahrhundert prägten. Auch in den folgenden zwei Jahrhunderten waren die Einflüsse von Forschern, die zum Teil in der Antike gelebt hatten, in der Ausbildung und Praxis osmanischer Ärzte noch deutlich erkennbar. Um diese Einflüsse auf die Medizin zumindest schlaglichtartig zu verdeutlichen, sollen im folgenden einige dieser Autoren vorgestellt werden. Die Darstellung ist ausdrücklich beispielhaft und erhebt keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit. Sie ist jedoch notwendig, um den Stand der medizinischen Wissenschaft zu dokumentieren, wie er vor den später in dieser Arbeit geschilderten Reformen vorlag.
II.2'MOªQ³V/ Galen
Galen gilt als letzter bedeutender Autor der griechischen Antike auf dem Gebiet der Medizin. Geboren wurde er im Jahr 129 unserer Zeitrechnung in Pergamon in Kleinasien (dem heutigen Bergama), gestorben ist er 199 Rom. Galen war Anatom und Physiologe ebenso wie praktischer Arzt, Chirurg und Pharmakologe. Er war einer der wichtigsten und einflussreichsten Medizin-Gelehrten seiner Zeit. 2 Islamischen Gelehrtenkreisen wurden Galens Werke bekannt, nachdem sie im 7. bis 9. Jahrhundert ins Arabische übersetzt worden waren. 3 Unter seinen Schriften sind allein 15 Bücher über Anatomie, von denen sechs noch auf Arabisch erhalten sind. Seine Kenntnisse über den Bau des Körpers hat Galen wahrscheinlich zumindest teilweise durch das Sezieren zweier menschlicher Leichen in Ägypten gewonnen. 4
II.3$O5]ªRhazes
Rhazes gilt als einer der wichtigsten Ärzte und Alchimisten der islamischen Welt. Seine Bedeutung ist vergleichbar mit der des Hippokrates. 5 Rhazes wird als der erste bedeutende freidenkende islamische Philosoph bezeichnet. Er lebte von 854 bis 925 bzw. 935. Geboren wurde er in Rayy nahe dem heutigen Teheran. Rhazes war in den
1965, S. 402.
2000, S. 44.
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Wissenschaften der alten Griechen ausgebildet und sah die Medizin als einen Teil der Philosophie an. 6
Tätig war Rhazes sowohl als praktischer Mediziner und Lehrer wie auch als Wissenschaftler. In der Literatur wird seine gute wissenschaftliche Arbeitsweise hervorgehoben. Demnach hat Rhazes seinerzeit in der Medizin einen empirischen Ansatz neu eingeführt. 7
In seinen Abhandlungen setzte er sich zum Beispiel mit der Therapie von Harnblasen-und Nierensteinen auseinander. Sehr bekannt wurde auch ein Aufsatz von ihm über Pocken und Masern. 8
II.4 ,EQ6ªQAvicenna
Avicenna wurde 980 in $IVKDQDEHL%XNKU geboren und starb 1037 in +DPDGQ Als
Quellen über sein Leben dienen vor allem Avicennas Autobiographie sowie die Aufzeichnungen seines Freundes und Sekretärs. Demnach galt er als außergewöhnlich intelligent, war Autodidakt in Naturwissenschaften und Medizin und ließ angeblich schon als 16-Jähriger berühmte Ärzte unter seiner Anleitung arbeiten. Zeitweise bekleidete Avicenna politische Ämter, größtenteils verdiente er seinen Lebensunterhalt aber durch ärztliche Tätigkeit.
Avicenna folgte dem enzyklopädischen Konzept der Wissenschaften aus dem alten Griechenland, wonach Philosophie und Naturwissenschaften eine Einheit bilden. Er verfasste nicht nur medizinische und philosophische Werke, sondern auch Schriften aus Chemie, Physik, Astronomie und Mathematik. Sein Werk ist nur unvollständig erhalten. 9
Große Bedeutung maß Avicenna dem Herz und seinen Blutgefäßen bei: In einer Abhandlung über die Gefäße beschrieb er zum Beispiel Untersuchungsmethoden, Lage der Blutgefäße, Möglichkeiten der Blutentnahme, die dafür notwendige Sterilisation und Verbandstechnik.
Das bedeutendste heilkundliche Werk, das ,EQ 6ªQ verfasste, ist der Kanon der
Medizin (.Q³QILCO®LEE). Darin stellt er das gesamte medizinische Wissen seiner Zeit
u.a. Leiden, 1995, S. 474.
Leiden, 1971, S. 941.
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zusammen und reichert es an mit eigenen Beobachtungen. Der .Q³Q galt über sieben
Jahrhunderte als Grundlage medizinischer Lehre und Praxis. 10 In späteren Jahrhunderten setzten sich zum Beispiel da Vinci oder Paracelsus mit Avicennas Ansichten auseinander. 11 Sein medizinischer Kanon bestand aus fünf Büchern. Im ersten beschrieb er allgemein den menschlichen Körper, Krankheit, Gesundheit, und Behandlungsmethoden. Das zweite Buch enthält eine Pharmakologie der Pflanzen, im dritten geht es um Pathologie. Abhandlungen über Fieber, Symptome und Diagnostik, Chirurgie, Tumoren, Wunden, Frakturen, Bisse, Gifte sind im vierten Teil enthalten, während sich das fünfte Buch mit der Herstellung von Arzneimitteln befasst. Außerdem verfasste Avicenna mehrere kleinere Werke zu spezielleren Themen, die wegen ihres geringen Umfangs weitere Verbreitung fanden als der Kanon. Seine Schriften wurden häufig übersetzt, wenn auch oftmals nur in Auszügen. 12
II.5 ,EQDO1DIªV
Nur wenig ist über die Biographie von ,EQ DO1DIªV bekannt, der im 13. Jahrhundert
lebte. Geboren wurde er in oder nahe Damaskus, wo er Medizin studierte. 13 Die wichtigste Entdeckung des Medizin-Gelehrten ist der kleine oder Lungen-Kreislauf. In diesem Punkt widersprach er gänzlich den Ansichten von Galen und ,EQ 6ªQ und
nahm zugleich bereits die Entdeckung von William Harvey, der im 17. Jahrhundert lebte, vorweg. Allerdings wurde dieses Forschungsergebnis von ,EQ DO1DIªV von
späteren Autoren in der arabisch-islamischen Welt fast völlig ignoriert. Mitte des 16. Jahrhunderts tauchte seine Theorie dann zunächst in Europa auf. Ein medizinischer Autor, der 1553 in Wien den kleinen Kreislauf beschreibt, hatte offenbar Kenntnis von ,EQDO1DIªVC Schrift zu ebendiesem Thema. Vergleiche der Texte legen dies nahe. 14
Arbeit zitieren:
Nicolas A. Zeitler, 2005, Mediziner-Ausbildung im Osmanischen Reich des 18. und 19. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag GmbH
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