Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 1
2 Was ist ADHS? 2
2.1 ADHS als Störung. 2
2.2 Alternative Sichtweise - ADHS als Wesenszug. 4
2.3 Neurobiologische Grundlagen. 6
2.4 Diagnostik. 7
2.5 Differentialdiagnose und Komorbiditäten. 8
3 Auswirkungen auf die Lebensführung. 13
3.1 Selbstwert. 13
3.2 Partnerschaft und andere zwischenmenschliche Beziehungen. 15
3.3 Erholung, Freizeit und Alltag. 16
3.4 Situation am Arbeitsplatz. 16
4 Therapeutische Interventionen. 18
4.1 Pharmakotherapie. 18
4.2 Psychotherapie. 19
5 Resümee und Ausblick. 22
6 Literatur 23
1 Einleitung
„Das quälende, vernichtende Gefühl, dass ich viel zuviel Zeit mit Kram vertue und das Leben immer aufschiebe und mir irgendwann entweder die Zeit oder die Kraft ausgehen wird. Früher war das Leben voller Verheißungen, jetzt wird es immer enger. Dabei habe ich so viele Wünsche und Impuse und Ideen!
Zwei Pole meiner Persönlichkeit: die Vitale, Ungebärdige, Phantasievolle, Spontane, die Unmögliches fertig bringt - und die Depressive, die sich von allem überfordert fühlt, sehr bescheiden ist, auf expansive Wünsche ganz verzichtet hat, dauernd nur die Liste unerledigter Pflichten im Kopf [...] Völlige Unfähigkeit zur Regelmäßigkeit, obwohl dringender Wunsch und tausend Anläufe!“ (Krause & Krause 2005, 42ff).
Diese Selbstbeschreibung einer von ADHS betroffenen Psychiaterin zeigt die Widersprüche auf, in denen sich Menschen mit ADHS bewegen.
Genauso vielseitig und kontrovers werden die Diskussionen um ADHS häufig geführt. Angefangen bei der Ansicht von ADHS als eine Modediagnose, die sich mit zunehmendem Alter auswachse und eigentlich gar keine klinische Störung sei, sondern eine extreme Ausprägung von völlig „normalen“ Verhaltensweisen, reichen die Meinungen bis hin zu einer Sicht der Störung, die zu einer überhöhten Anzahl an Diagnosen und einem vorschnellen Griff zu Medikamenten führt.
In der Fachliteratur wird zwar eine differenzierte Position angestrebt, in der inzwischen ein Fortbe stehen der Symptomatik im Erwachsenenalter anerkannt wird, dennoch werden häufig nur die Defi zite von Betroffenen herausgestellt, die sich auf die verschiedenen Lebensbereiche auswirken. Außerdem wird die Störung im Kindesalter häufig nicht erkannt. Die Auswirkungen einer unbehan delten ADHS auf den Krankheitsverlauf sind sehr ungünstig.
Aus diesem Grund sollen in dieser Arbeit neben den Defiziten die Ressourcen und Stärken von ADHS-Betroffenen mit Bezug auf das Erwachsenenalter herausgestellt werden, um ein ausgewogeneres Bild sowie Anregungen für eine angemessene Therapie zu erhalten. Dies kann aufgrund des Umfangs des Themas nur überblicksartig geschehen. Dazu wird zunächst dargestellt, worum es sich bei der ADHS handelt und welche Symptome und Komorbiditäten eine wichtige Rolle spielen. Daraufhin werden deren Auswirkungen auf verschiedene Lebensbereiche dargestellt, um im letzten Kapitel Folgerungen für therapeutische Interventionen ziehen zu können.
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2 Was ist ADHS?
2.1 ADHS als Störung
Nachdem die ADHS viele Jahre mit minimaler zerebraler Dysfunktion gleichgesetzt worden war, wurde sie in der ICD-9 (1978) als hyperkinetisches Syndrom des Kindesalters sowie der DSM-III (1980) als Attention Deficit Disorder in häufiger Kombination mit Hyperaktivität zum ersten Mal als eigenständige Störung abgegrenzt (Krause & Krause 2005, 3).
Das Krankheitsbild wurde zunächst bei Kindern beschrieben, wobei die DSM-III die Möglichkeit einer Persistenz der Symptome vorsah („ADD Residual Type“). Doch erst seit Ende der 1990er Jahre hat sich die Diagnose für Erwachsene hierzulande zunehmend etabliert (ebd., 3), obwohl zwischen 30-80% der Kinder mit ADHS persistierende Symptome im Erwachsenenalter zeigen (Steckel 2005, 12; Arolt 2008, 769; Schmidt 2007, 21).
2.1.1 Kriterien nach DSM-IV
Mit der DSM-IV werden nicht mehr alle Aufmerksamkeitsdefizite „hyperaktiv“ genannt; es gibt den „ADHS vorwiegend unaufmerksamen Typus“ und den „ADHS vorwiegend hyperaktiv-impul siver Typus“. Als zusätzliche Kategorie wird der „ADHS Mischtypus“ eingeführt, bei dem sowohl Unaufmerksamkeit als auch Hyperaktivität und Impulsivität vorliegen (Resnick 2004, 21). Wenn in der Arbeit von ADHS gesprochen wird, schließt dies alle Formen ein falls nicht näher bezeichnet. Problematisch für die Diagnose bei Erwachsenen stellt sich dar, dass sich die bestehenden Kriterien der DSM-IV sich vor allem an Schulkindern orientieren, da eine Veränderung der Symptomatik mit zunehmendem Alter eintritt (ebd., 21f + 38). Beispielsweise werden Erwachsene weniger über Aufmerksamkeitsdefizite klagen, da sie Situationen eher vermeiden können, in denen ihre Konzen tration über einen längeren Zeitraum gefordert wird, was ein Schulsetting nicht erlauben würde. Andererseits werden immer mehr Erwachsene vorstellig, die eine ausgeprägte Unaufmerksamkeit, aber keine Hyperaktivität aufweisen (ebd., 22).
Die Kriterien der DSM-IV und ICD-10 sind demnach nicht optimal für Erwachsene (ebd., 108) und spezifische Kriterien für Erwachsene werden notwendig aufgrund des Symptomwandels und deren altersspezifischer Ausprägung (Hesslinger et al. 2004, 13).
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Tab. 1: Symptomwandel bei von ADHS betroffenen Erwachsenen - Auswahl einiger Symptome (nach Krause & Krause 2005, 38-41)
Beachtet häufig Einzelheiten nicht oder macht Mangelnde Konzentration beim Durchlesen schrift-lich Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten, bei fixierter Aufgaben und Arbeitsanweisungen; bei münd der Arbeit oder bei anderen Tätigkeiten licher Auftragserteilung Unfähigkeit, so lange konzen triert zu bleiben, bis die Handlungsanweisung verinnerli cht ist
Hat oft Schwierigkeiten, längere Zeit die Auf Subjektiv langweilige Aufgaben wie Routinearbeiten am merksamkeit bei Aufgaben oder beim Spielen Arbeitsplatz, regelmäßige Arbeitsabläufe oder uninteres aufzurechtzuerhalten sant erscheinende Aufträge lösen eine erhöhte Ablenk barkeit aus und führen damit zum Wechsel der Tätigkeit, wichtige und unwichtige Dinge sind gleichrangig. Führt häufig Anweisungen anderer nicht voll Erwachsene erfassen die Aufgabenstellung nur unvoll ständig durch und kann Schularbeiten, andere ständig und fühlen sich schnell von zu erledigender Ar Arbeiten oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht beit überfordert; weil keine Gliederung der Arbeit vorge zu Ende bringen nommen werden kann, wechseln sie deshalb zu anderer „interessant“ erscheinender Tätigkeit Hat häufig Schwierigkeiten, Aufgaben und Mangelhafter Überblick bei der Organisation von Arbei Aktivitäten zu organisieren ten, Wichtig und Unwichtig werden bei der Planung von Arbeitsabläufen nicht beachtet Vermeidet häufig, hat eine Abneigung gegen Mangelnde Fähigkeit zur Gliederung von Arbeitsabläu oder beschäftigt sich häufig nur widerwillig fen führt zu schnell eintretenden Überforderungsgefüh mit Aufgaben, die länger andauernde geistige len, häufiger Stimmungswechsel verhindert konstante Anstrengungen erfordern Arbeitsleistung, dies bedingt eine oft zu beobachtende Selbstentwertung Zappelt häufig mit Händen oder Füßen oder Erwachsene wippen mit den Füßen, lassen häufig das rutscht auf dem Stuhl herum ganze Bein zittern, trommeln mit den Fingern auf Tisch platten oder Armlehnen von Stühlen, gelegentlich ver knoten sie ihre Beine oder schlingen sie um Stuhlbeine, um die motorische Unruhe zu kontrollieren, sie schlagen beim Sitzen ein Bein unter und haben oft Probleme mit Nägelkauen Steht in der Klasse oder in anderen Erwachsene vermeiden Langstreckenflüge, weil sie die Situationen, in denen Sitzenbleiben erwartet erzwungene körperliche Ruhe nicht ertragen; Restauwird, häufig auf rant-, Theater- und Kinobesuche führen zu großer innerer Anspannung, weil wenig Gelegenheit zu Bewegung existiert
Läuft häufig herum oder klettert exzessiv in Erwachsene lieben Berufe mit der Möglichkeit sich zu Situationen, in denen dies unpassend ist (bei bewegen; sie sind häufig in Außendienstpositionen mit Jugendlichen oder Erwachsenen kann dies auf welchselnden Gesprächspartnern oder Orten zu finden, ein subjektives Unruhegefühl beschränkt sie verzichten ungern auf ihr Handy, sie brauchen viele bleiben) Reizquellen, sie möchten sich durch Außenreize stimu lieren
Kann nur schwer warten, bis er / sie an der Die andauernde innere Spannung äußert sich in Unge Reihe ist duld gegenüber der Langsamkeit anderer, betroffene Mütter leiden unter der langsamen Auffassungsgabe ihrer Kinder bei den Hausaufgaben; Schlangestehen oder Stau beim Autofahren führen zu aggressiven Verhaltensweisen
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2.1.2 Wender-Utah-Kriterien
Auf das Fehlen erwachsenenspezifischer Kriterien reagierte Wender 1995 mit der Wender-Utah-Rating-Scale (WURS). Die Wender-Utah Kriterien wurden hauptsächlich zu Forschungszwecken entwickelt. Damit eine ADHS-Diagnose nach diesen Kriterien erfolgen kann, müssen sowohl eine Aufmerksamkeitsschwäche als auch Hyperaktivität vorhanden sein (Resnick 2004, 89). Darüber hinaus müssen zwei der folgenden fünf Merkmale vorhanden sein: Affektlabilität (welche in den Kriterien der DSM-IV keine Berücksichtigung findet), desorganisiertes Verhalten, Störung der Affektkontrolle, Impulsivität und emotionale Übererregbarkeit (Krause & Krause 2005, 41). Somit betreffen drei von Sieben Wender-Utah-Kriterien den Bereich der Gefühle (Hesslinger et al. 2004, 76).
Die Schätzungen für die Prävalenz für ADHS bei Erwachsenen liegen zwischen 1-10% (Resnick 2004, 27; Wender et al. 2001, zit. n. Krause & Krause 2005, 1). Es handelt sich dabei i. d. R. um Schätzungen aus der Anzahl von betroffenen Kindern, da ein Erstauftreten der ADHS bei Erwach senen nicht plausibel ist.
2.2 Alternative Sichtweise - ADHS als Wesenszug
Die genannten Kriterien müssen jedoch nicht als Symptome einer Störung angesehen werden, sondern können auch als „ein durch natürlich Anpassung entstandener Wesenszug“ (Hartmann 1997, 37) gesehen werden. Um dies zu verdeutlichen, vergleicht Thom Hartmann die Eigenschaften von ADHS-Betroffenen mit Jägern („Hunter“), welche in prähistorischen Umweltbedingungen sehr von Vorteil waren, mit den in unserer Gesellschaft eher geforderten Fähigkeiten von „Farmern“. So beschreibt er die Ablenkbarkeit von Menschen mit ADHS als „Scannen“ (Hartmann 2003, 27), was den Umstand betont, dass ADHS-Patienten allem ihre Aufmerksamkeit schenken anstatt die Konzentration auf einen oder wenige bestimmte Punkte zu richten. Das Scannen hilft, auch kleine Bewegungen am Rande des Gesichtsfeldes wahrzunehmen und einzuschätzen. Impulsivität hat für Hartmann die positiven Kehrseiten, unmittelbare Entscheidungen zu treffen und einem Entde ckungsdrang nachzugehen. Er führt an, dass diese Eigenschaften auch Grundlage für weltverän dernde Erfindungen sind. Außerdem kann sich eine erhöhte Risikobereitschaft durchaus positiv äußern (ebd., 27ff).
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Tab. 2: Gegenüberstellung ADHS-Symptome / Hunter-Eigenschaften (nach Hartmann 1997, 37)
Nach diesem Modell müssten die Hunter lediglich in einer Umgebung mit für sie förderlichen Bedingungen leben, um ihre Fähigkeiten einsetzen und außergewöhnliche Leistungen erbringen zu können (Hartmann 2003, 78). Dieser Gedanke kann sehr förderlich für das Selbstwertempfinden von Menschen mit ADHS sein, da er eine Erklärung liefert, warum man sich als „anders“ empfindet.
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Arbeit zitieren:
Martina Schroll, 2008, Ressourcen und Defizite von Erwachsenen mit ADHS, München, GRIN Verlag GmbH
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