Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Las Razos de trobar 4
2.1 Autor Datierung und Entstehung 4
2.2 Inhaltsangabe 5
2.3 Textanalyse 9
3 Lo Donatz Proensals 11
3.1 Autor Datierung und Entstehung 11
3.2 Inhaltsangabe 13
3.3 Textanalyse 17
4 Zusammenfassung 18
5 Literaturverzeichnis 20
2
1 Einleitung
Dante Alighieri beginnt sein um 1305 entstandenes sprachwissenschaftliches Traktat De vul-
gari eloquentia mit den Worten Cum neminem ante nos de vulgaris eloquentie doctrina quic-
quam inveniamus tractasse […] 1 und betont so die Neuartigkeit dessen, was folgen wird. Die- sen Anspruch auf Originalität relativiert er jedoch wenig später: […] non solum acquam
nostri ingenii ad tantum poculum aurientes, sed, accipiendo vel compilando ab aliis, potiora
miscentes […] 2 . Dante war in der Tat nicht der erste, der sich vornahm, eine romanische Volkssprache näher zu beschreiben: Es existierten bereits Grammatiken des Okzitanischen
oder Provenzalischen. 3 Das im Süden des heutigen Frankreich beheimatete Okzitanische ist die romanische Sprache,
die am frühesten zu kultureller Blüte gelangte und als erste eine Literatursprache herausbilde-
te. Dante bemerkt im 10. Kapitel des ersten Buches von De vulgari eloquentia: Pro se vero
argumentatur alia, scilicet oc, quod vulgares eloquentes in ea primitus poetati sunt tanquam
in perfectiori dulciorique loquela [...] 4 . Hierbei spielt er auf die stilistisch ausgefeilte Liebes- dichtung der Troubadours an, die bis auf den heutigen Tag berühmt ist. Der erste bekannte
Troubadour ist Guilhèm IX, Herzog von Aquitanien, der von 1071 bis 1127 lebte; er leitete
eine rund zwei Jahrhunderte andauernde Schaffensperiode ein. Diese Art von Dichtung ge-
langte weit über die Grenzen des okzitanischen Sprachgebiets hinaus zu großem Ruhm, galt
bald überall in Westeuropa als Vorbild und wurde vielfach nachgeahmt – zunächst in der Ori-
ginalsprache, später in anderen Sprachen. Der Niedergang der Troubadourlyrik wurde durch
das Verschwinden der okzitanischen Höfe nach der politischen Eingliederung von Südfrank-
reich in das Herrschaftsgebiet der französischen Krone (1229 im Frieden von Meaux) verur-
sacht; als Verwaltungssprache konnte sich das Okzitanische noch länger behaupten, wurde
dann aber immer mehr vom Französischen verdrängt. Die Bedeutung, die es im Mittelalter
hatte, sollte es nie wieder erlangen. 5 Aufgrund der großen Popularität der okzitanischen Dichtung und der damit verbundenen wei-
ten Verbreitung der Sprache zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert wurde es notwenig,
gewisse Standards für diese Sprache festzulegen, die für alle Autoren verbindlich waren; au-
1 Alighieri, Dante: De vulgari eloquentia Introduzione, traduzione e note di Vittorio Coletti, Milano, 4 2000, S. 2. 2 ibidem.
3 „Provenzalisch“, eigentlich nur der Name einer okzitanischen Mundart, ist die ältere Bezeichnung, die sich vor allem auf die in dieser Sprache verfasste Dichtung bezieht. Die Bezeichnung „Okzitanisch“, die eine Einheit- lichkeit der Sprache impliziert, wird heute von Sprachwissenschaftlern bevorzugt verwendet und wird auch in dieser Arbeit im Folgenden gebraucht werden.
4 De vulgari eloquentia, S. 26.
5 Zur Geschichte des Okzitanischen vgl. Chichon, Peter: Einführung in die okzitanische Sprache, Bonn, 2 2002.
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ßerdem musste sie Menschen anderer Muttersprache, die okzitanische Dichtung lesen oder
selbst verfassen wollten, erst zugänglich gemacht werden. Vor diesem Hintergrund entstanden
die ersten okzitanischen Grammatiken. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten nur Grammatiken des
Lateinischen existiert; diese allen Westeuropäern vertraute Sprache galt als die einzige, die es
wert war, untersucht und beschrieben zu werden, als Maß aller Dinge. Die allgemein akzep-
tierte Lehre besagte, Grammatik sei etwas einheitliches, für alle Sprachen gültiges und Unter-
schiede zwischen den Sprachen (z. B. das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein eines Ar-
tikels) seien zufällig. Eine wertungsfreie vergleichende Betrachtung von Sprachen existierte
noch nicht, was auch dadurch bedingt war, dass Fremdsprachenkenntnisse nicht sehr verbrei-
tet waren. Auch Griechisch beherrschte fast niemand; griechisches Gedankengut war nur mit-
hilfe von lateinischen Übersetzungen zugänglich. 6 Die frühen okzitanischen Grammatiken – darunter die Razos de trobar und der Donatz proen-
sals, die als erste entstanden und Thema dieser Arbeit sein sollen – sind in einem mehr oder weniger starken Maße von der lateinischen Grammatiktradition beeinflusst, gehen aber auch
vielfach neue Wege, da eine aus dem Vulgärlatein hervorgegangene romanische Volkssprache
nicht in jeder Hinsicht mit dem Schriftlateinischen verglichen und nach demselben Muster
beschrieben werden kann.
2 Las Razos de trobar
2.1 Autor, Datierung und Entstehung 7
Der Autor der Razos de trobar nennt seinen Namen gleich im ersten Satz seines Werks: ieu
Raimonz Vidals 8 . In späteren Werken anderer Autoren, die sich auf seinen Text beziehen, wird er „Raimon Vidal de Besuldu / Bezaudu“ genannt. Dieser Ort heißt heute Besalú und
liegt im Norden von Katalonien und auch der Autor lässt sich, da sein vollständiger Name
bekannt ist, leicht identifizieren: Er ist mit dem Verfasser dreier Verserzählungen in okzitani-
scher Sprache identisch (weitere Texte werden ihm zugeschrieben). Diese Erzählungen lassen
sich nur ungefähr datieren. Man orientiert sich dabei an Erwähnungen von historischen Per-
sonen; die zahlreichen Zitate aus Troubadourtexten, die in Vidals Werken enthalten sind, sind
für die Datierung nicht hilfreich, da der Zeitpunkt ihrer eigenen Entstehung nur selten bekannt
6 vgl. Laugesen, A.T. : Las razos de trobar in: Études romanes dédiées à Andreas Blinkenberg, Kopenhagen,
1963, S. 84-96.
7 Hierzu vgl. Marshall, J.H. (ed.): The Razos de Trobar of Raimon Vidal and associated texts, London, 1972, S.
lxvi-lxxi.
8 Marshall 1972, S. 2.
4
ist. Ähnlich verhält es sich mit Vidals grammatischem Werk, den Razos. Man schätzt, dass es
zwischen 1190 und 1213 entstand, möglicherweise noch vor den drei Verserzählungen (hier-
für spräche, dass der Troubadour Raimon de Miraval in zweien der Erzählungen oftmals zi-
tiert wird, in den Razos aber kein einziges Mal; also waren seine Texte Vidal zu diesem Zeit-
punkt möglicherweise noch nicht bekannt).
An welchem Ort und in was für einer Umgebung die Razos de trobar verfasst wurden, ist un-
bekannt, da das Werk keinen derartigen Hinweis (wie etwa eine Widmung) enthält. Wie aus
seiner Einleitung eindeutig hervorgeht, ist es an Menschen gerichtet, die sich mit okzitani-
scher Dichtung befassen möchten, die zu der damaligen Zeit in Katalonien nur an Höfen ge-
pflegt wurde; das Zielpublikum gehört folglich der aristokratischen Schicht an. Dafür, dass
der Text für katalanische Muttersprachler gedacht ist, sprechen (außer der katalanischen Her-
kunft des Autors) die grammatischen Informationen, die er enthält. So wird das okzitanische
Zwei-Kasus-System sehr ausführlich erläutert, da es in der katalanischen Sprache der damali-
gen Zeit nicht existierte; für französische Leser wäre eine so umfassende Erklärung überflüs-
sig gewesen. Angesprochen sind aber auch okzitanische Muttersprachler, da auch sie die
Sprache nicht immer korrekt verwenden: an vielen Stellen werden Troubadours für ihre Feh-
ler getadelt.
Raimnon Vidals Werk ist die erste okzitanische Grammatik. Es wurde zum Vorbild für späte-
re Grammatiken, u. a. die Doctrina d´Acort von Terramagnino da Pisa und die Regles de Tro-
bar von Jofre de Foixà und begründete somit den katalanischen Zweig der okzitanischen
Grammatiktradition.
2.2 Inhaltsangabe
Der Text beginnt mit einer ausführlichen Einleitung, in der der Autor in das Thema einführt
und erklärt, welche Ziele er mit seinem Werk verfolgt. Gleich im ersten Satz begründet er, aus
welcher Motivation heraus er seinen Text verfasst: Per so qar ieu raimonz uidals ai uist et
conegut qe pauc domes sabon ni an saubuda la dreicha maniera de trobar, uoill eu far aqest
libre […] 9 . Thema seines Werkes werden also die Dichtkunst und die Dichtersprache sein – wie im Übrigen auch schon aus dem Titel deutlich wird –, da nur wenige Menschen diese
Kunst richtig beherrschen. Der Autor wird sich in aller Ausführlichkeit zu diesem Thema äu-
ßern, um Missverständnisse zu vermeiden, ist sich aber darüber bewusst, dass auch er nicht
9 Stengel, Edmund (ed.): Die beiden ältesten provenzalischen Grammatiken Lo Donatz proensals und Las Rasos
de trobar nebst einem provenzalisch-italienischen Glossar von neuem getreu nach den HSS herausgegeben,
Marburg, 1878, S. 67.
5
allwissend ist. Er verteidigt sich schon im Voraus gegen spätere Kritiker und verbietet, ir-
gendetwas an seinem Text zu ändern: Per qieu uos dig qe en neguna ren, pos basta ni benista,
non deuon ren ostar ni mais metre 10 . Mit Dichtung kommt jeder Mensch in Berührung, sei es als Hörer oder als Verfasser: Totas genz cristianas iusieuas e sarazinas […] clergue, borgues,
uilans, paucs e granz meton totz iorns lor entendiment en trobar et en chantar o qen uolon
trobar o qen uolon entendre […] 11 ; Dichtung ist ein Mittel, um Ereignisse zu verarbeiten und im Gedächtnis zu bewahren: Tuit li mal el ben del mont son mes en remembransa per troba-
dors 12 . Oft haben Menschen nicht genug Urteilsvermögen, um die Qualität der Dichtung zu bewerten, die vorgetragen wird und dies ist sowohl für die Dichter selbst als auch für die Hö-
rer von Nachteil, da auf diese Weise niemand etwas lernt: Et enaisi son enganat li trobador et
li auzidor nan lo blasme, car una de las maiors ualors del mont es qui sap lauzar so qe fa a
lauzar et blasmar so qe fai a blasmar 13 . Dieses Urteilsvermögen ist nicht angeboren, kann aber erlernt werden und das vorliegende Buch wird dabei helfen: Ni non crezas que neguns
hom naia istat maistres ni perfag, car tant es cars et fins le sabers […] So conoissera totz
homs prims et entendenz qe ben esgard aqest libre 14 ; nach seiner Lektüre wird jeder kluge Mensch in der Lage sein, tadellose Dichtung zu verfassen : toz homs qi lentendra ni aia bon
cor de trobar poira far ses chantars ses tota uergoigna 15 .
Die von Natur aus schönsten Sprachen (der Autor spricht von parladura naturals et drecha),
die sich am besten für das Verfassen von Dichtung eignen, sind die parladura francesca und
die lenga limosina. Unter der letzteren Bezeichnung wird die Sprache der südfranzösischen
Gebiete verstanden: [la parladura] de lemosi e de proenza e daluergna e de caersun. […]
totas estats terras […] et totas lor uezinas et totas cellas qe son entre ellas. Die französische Sprache ist am besten für Romane und Pastoralen geeignet und die limosinische, bzw. okzita-
nische für Verse, Kanzonen und seruentes. 16 Hierbei gilt es zu beachten, dass alle Wörter, die im Okzitanischen anders lauten als in anderen Sprachen, echte okzitanische Wörter sind, auch
wenn sie in anderen Sprachen sehr ähnlich lauten können (als Beispiel werden porta, pan und
uin genannt) 17 . Um Dichtung richtig beurteilen oder selbst dichten zu können, ist es nötig,
10 Stengel 1878, S. 68.
11 ibidem.
12 ibidem.
13 Stengel 1878, S. 69.
14 ibidem.
15 ibidem.
16 Stengel 1878, S. 70. Die vorangehenden Zitate aus dem Text stammen von derselben Seite. 17 Stengel 1878, S. 70f.
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Arbeit zitieren:
Berit Brüning, 2008, Frühe romanische Grammatiken, München, GRIN Verlag GmbH
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