Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Was ist Romantik? 4
2.1 Schlegels Ästhetik der Frühromantik 5
2.2. Das Schlegelsche Konzept einer progressiven Universalpoesie 7
2.3. Kernbegriffe. 10
2.4. Der Roman als literarische Gattung der Moderne 13
3. Goethes Wilhelm Meister. 14
4. Ende 17
5. Literaturverzeichnis. 18
2
1. Einleitung
Auch wenn SAFRANSKI das Ende der „große[n] Epoche der Romantik“ in den 20er Jahren des
19.Jahrhunderts sieht, 1 ist noch fast zweihundert Jahre später zumindest im alltäglichen Sprachgebrauch eine geradezu inflationäre Verwendung des Begriffes „Romantik“ und der zugehörigen Wortfamilie zu beobachten - was wird nicht alles als „romantisch“ bezeichnet. SAFRANSKI unterscheidet daher mit Recht zwischen Romantik als Epoche und als Geisteshaltung, wobei Letztere für ihn in der Bezeichnung „das Romantische“ benannt ist, das
„in der Epoche der Romantik [seinen] vollkommenen Ausdruck“ gefunden habe. 2 Doch was eigentlich ist Romantik? Eine erschöpfende Antwort auf diese Frage kann auf den folgenden Seiten kaum gelingen. Es soll allerdings der Versuch unternommen werden, ein wenig unter die Oberfläche popularsprachlicher Verwendungen des Begriffs zu gelangen, indem exemplarisch einige Texte der frühen Romantik in Augenschein genommen werden, in denen nach PIKULIK „bereits der gesamte Bestand an Ideen, Tendenzen, Formen, Verfahren
und Motiven begründet wird […], auf dem auch die spätere Romantik beruht.“ 3 Die im Folgenden vorgenommene Auswahl beschränkt sich im Wesentlichen auf theoretische Abhandlungen Friedrich Schlegels, des jüngeren der Gebrüder Schlegel, von denen es bei FROMM heißt: „Wenn man von der deutschen Frühromantik spricht, dann ist man verpflichtet,
zumindest die Namen Friedrich und August Wilhelm von Schlegel […] zu nennen.“ 4 Ausführungen des Letzteren, den man bisweilen ebenso wie seinen Bruder „zu den
theoretischen Köpfen“ der Frühromantik gerechnet hat, 5 können bei den hier vorgenommenen Untersuchungen nur in sehr begrenztem Maße berücksichtigt werden. Aber auch von den zu Rate gezogenen Aufzeichnungen Friedrich Schlegels ist zu sagen, dass es in keiner Weise um eine umfassende Darstellung von dessen komplexer Ästhetik und Philosophie mitsamt den für deren Herausbildung bedeutsamen vielfältigen Einflüssen gehen kann. Lediglich einige beispielhafte Äußerungen sind aufgeführt und erörtert.
Die Schlussteil der Arbeit ansatzweise behandelte Rezeption von Goethes Wilhelm Meister gestattet zusätzliche Einblicke in die ästhetischen Auffassungen Friedrich Schlegels und soll zur Veranschaulichung von dessen Poesiebegriffes einen weiteren Impuls für ein Verständnis (früh)romantischer Kunstanschauung liefern.
1 SAFRANSKI, Rüdiger (2007): Romantik. Eine deutsche Affäre. München. S.233.
2 Ebd.: 12.
3 PIKULIK, Lothar (1992): Frühromantik. Epoche, Werke, Wirkung. München. S.9.
4 FROMM, Eberhard (1997): Deutsche Denker: Friedrich Schlegel - Ästhet der Romantik. In: Berlinische
Monatsschrift, Heft 3. S.68.
5 Vgl. ebd.: 68. Zur Problematik der Beurteilung und Einordnung der Brüder in ihrem Verhältnis zur
Frühromantik vgl. auch GROSSE-BROCKHOFF, Annelen (1981): Das Konzept des Klassischen bei Friedrich und August Wilhelm Schlegel. Köln u.a.. S.15.
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2. Was ist Romantik?
„Classisch ist das Gesunde, romantisch das Kranke“, heißt es beim späten Goethe. 6 „Romantisieren“ bedeutet für Novalis, dem „Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen
einen unendlichen Schein“ zu geben 7 - Worte, in denen SAFRANSKI einen Hinweis auf eine „untergründige Beziehung“ der Romantik zur Religion entdeckt. An gleicher Stelle beschreibt er diese als eine der „seit zweihundert Jahren nicht abreißenden Suchbewegungen, die der entzauberten Welt der Säkularisierung etwas entgegensetzen wollen“ und gelangt zu der Überzeugung: „Romantik ist neben vielem, was sie sonst noch ist, auch eine Fortsetzung der
Religion mit ästhetischen Mitteln.“ 8
Auch Heine hat in einem berühmt gewordenen Beitrag die religiöse Dimension der Romantik betont und auf ihre Verbindung zum Christentum hingewiesen, indem er „die romantische Schule“ als „die Wiedererweckung der Poesie des Mittelalters“ bezeichnete, die eine
„Passionsblume“ gewesen sei, dem „Blute Christi entsprossen.“ 9 Diese Poesie unterscheidet er von der „klassischen“ der „Griechen und Römer“, bei denen die „plastische Abbildung“ im Mittelpunkt künstlerischen Interesses gestanden habe, in dem Sinne, dass das Dargestellte auch das Gemeinte war, während die romantische Kunst eine zusätzliche, eine „esoterische Bedeutung“ enthalte. Heine fasst das folgendermaßen zusammen: „Die klassische Kunst hatte nur das Endliche darzustellen […]. Die romantische Kunst hatte das Unendliche und lauter
spiritualistische Beziehungen darzustellen oder vielmehr anzudeuten“. 10 GROSSE-BROCKHOFF hebt hervor, dass „[r]omantisch […] um die Jahrhundertwende zu einem viel bemühten Wort“ geworden war und zunächst „den romanischen Sprachraum mit seinen volkssprachlichen Schöpfungen“ bezeichnete, deren Schauplatz sich „in einer entrückten
fernen Zeit und einer inzwischen versunkenen Welt“ befindet. 11 In der Folge sei „die ganze Welt des christlich abendländischen Mittelalters, das nach den Vorstellungen um 1800 erst mit Beginn der Aufklärung sein Ende gefunden hat“, als „romantisch“ begriffen worden. Adjektive wie „fantastisch“ und „unerhört“ wurden zu Synonymen für „romantisch“, da in den Romanen „erfundene, bisweilen unvorstellbare und unwahrscheinliche Stoffe“ behandelt werden. Friedrich Schlegel habe demnach einen „facettenreichen Sprachgebrauch“
6 Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche.40 Bände in zwei
Abteilungen. Hrsg. von Hendrik Birus u.a. Frankfurt/M. u.a., 1985ff. Zitiert als GFA. Hier GFA I, 13: 239.
7 UERLNGS, Herbert (Hg.) (2000): Theorie der Romantik. Stuttgart. S.51f.
8 SAFRANSKI 2007: 13.
9 Vgl. Heinrich Heine: Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. Hrsg. von Manfred Windfuhr.
Hamburg, 1975ff. Zitiert als DA. Hier HDA 8: 126.
10 HDA: 130f.
11 GROSSE-BROCKHOFF 1981: 98.
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vorgefunden, 12 das „Romantische“ sei zum „Leitbegriff“ zumindest seiner „mittleren Schaffenszeit“ geworden. Ein religiöser Unterton schwingt zweifellos auch in seinen Abfassungen dieser Periode mit. Hier scheint sich nicht nur die spätere Konversion zum
Katholizismus bereits anzudeuten, 13 vielmehr entwickelt sich zugleich das Programm einer neu entstehenden Geisteshaltung, in der „das Wunderliche wieder selbstbewusst als das Wunderbare“ auftritt, der abnehmende „Glaube an die Transparenz und Kalkulierbarkeit der
Welt“ seinen Niederschlag findet. 14 Diese neuen Auffassungen, in denen schon Zeitgenossen einen deutlichen Unterschied zur Weimarer Klassik erkennen, artikulieren sich zu einem wesentlichen Teil in den zwischen 1798 und 1800 erschienenen sechs Ausgaben der Athenäums-Fragmente, die als Manifeste der Frühromantik verstanden werden können, zu einer Zeit, da sich der Epochenbegriff „Romantik“ noch lange nicht etabliert hat, viele Jahre vor Heines oben zitierter Schrift aus dem Jahre 1836, die den Begriff der „romantischen
Schule“ populär macht, als deren Begründer vor allem der Kreis um die Schlegels gilt. 15
2.1 Schlegels Ästhetik der Frühromantik
Während SCHANZE die Problematik des Epochenbegriffs „Romantik“ verdeutlicht 16 und auch SCHMITZ-EMANS die „thematische“ und „stilistische Einheitlichkeit“ der Romantik in Frage
stellt, 17 bilden nach HUGEs Auffassung die „ästhetischen und philosophischen Arbeiten der Frühromantik […] eine Einheit“. Trotz höchst unterschiedlicher Verfahrensweisen ihrer Vertreter sei „das gemeinsame Ziel einer umfassenden und mit den Mitteln des Geistes neu zu erringenden Synthesis“ zu erkennen, die „die als problematisch begriffene Zeitsituation
überwinden soll.“ 18
PETER stellt heraus, dass die Bezeichnung „romantisch“ sich um 1800 „noch [auf] alle nachantike Kunst“ bezog und „die Antike allein als klassisch bezeichnet wurde.“ Dabei seien die Romantiker selbst noch weit davon entfernt gewesen, sich als solche zu betrachten. Friedrich Schlegel habe in seinen frühen Arbeiten zunächst versucht, das „Klassische und das Romantische, d.h. die Antike und die Moderne in einer umfassenderen Einheit zu
12 GROSSE-BROCKHOFF 1981: 98. Vgl. auch Friedrich Schlegel: Kritische Ausgabe. 35 Bände in 4 Abteilungen.
Hrsg. v. Ernst Behler. Paderborn u.a. 1958ff. Zitiert als KFSA. Hier KFSA I, 2: LIIf.
13 Allerdings scheint bis heute umstritten, ob Schlegels Konversion als folgerichtige Konsequenz seiner vorange-
gangenen Arbeiten oder als Bruch mit diesen zu verstehen ist; vgl. dazu PETER, Klaus (1978): Friedrich Schlegel. Stuttgart. S.51.
14 Vgl. SAFRANSKI 2007: 53.
15 PETER 1978: 37.
16 Vgl. SCHANZE, Helmut (Hg.) ( 2 2003): Romantik-Handbuch. Stuttgart. S.33.
17 SCHMITZ-EMANS, Monika ( 2 2007): Einführung in die Literatur der Romantik. Darmstadt. S.7.
18 HUGE, Eberhard (1970): Poesie und Reflexion in der Ästhetik des frühen Friedrich Schlegel. Berlin. S.1.
5
verbinden“, 19 ein Anliegen, das „seit der karolingischen Renaissance“ von Bedeutung war, und das Schlegel bereits 1794 in einem Brief an seinen Bruder formuliert. 20 Sein zwei Jahre später erstmalig in „ausführliche[n] Auszüge[n]“ veröffentlichter Aufsatz Über das Studium der Griechischen Poesie 21 wird in der Forschung als „vielleicht das deutsche Hauptdokument der ›Querelle des anciens et modernes‹“ bezeichnet. 22 War hier unter dem starken Einfluss Winckelmannscher Schriften, auf den EICHNER aufmerksam macht, der „grundsätzliche Gegensatz der Antike und der Moderne“ noch Ausgangspunkt der Arbeit gewesen, so entwickelte sich dieser in der Folgezeit zu einem Versuch, das „Wesen der neueren Literatur
in ihrem Eigenrecht“ zu ergründen. 23 Der Ansatz einer Überwindung des alten Meinungsstreites ist dementsprechend vier Jahre später im Gespräch über die Poesie zu spüren, das im Geiste eines frühromantischen Ideals des gemeinsamen Gedankenaustausches - der „Symphilosophie“ - konzipiert ist und als Veranschaulichung poetischer Auffassungen
der Romantik gesehen werden kann. 24 Im darin enthaltenen Abschnitt „Rede über die Mythologie“ lässt Friedrich Schlegel eine der auftretenden Figuren sagen: „[…] Ihr mueßt es oft im Dichten gefuehlt haben, daß es Euch an einem festen Halt fuer Euer Wirken gebrach, an einem muetterlichen Boden, einem Himmel, einer lebendigen Luft. Aus dem Innern herausarbeiten das alles muß der moderne Dichter, und viele haben es herrlich gethan, aber bis jetzt nur jeder allein, jedes Werk wie eine neue Schöpfung von vorn an aus Nichts. Ich gehe gleich zum Ziel. Es fehlt, behaupte ich, unsrer Poesie an einem Mittelpunkt, wie es die Mythologie fuer die der Alten war, und alles Wesentliche, worin die moderne Dichtkunst der antiken nachsteht, laeßt sich in die Worte zusammenfassen: Wir haben keine Mythologie.“ 25
An gleicher Stelle wird das Hervorbringen einer neuen Mythologie gefordert, die sich im Gegensatz zum antiken Beispiel nicht an „das naechste, lebendigste der sinnlichen Welt“ anschließen dürfe, sondern „aus der tiefsten Tiefe des Geistes“ geschöpft werden müsse. Dieses „kuenstlichste aller Kunstwerke […] soll alle andern umfassen“ als „ein neues Bette und Gefaeß für den alten ewigen Urquell der Poesie“. Von einem „unendlichen Gedicht“ ist in diesem Zusammenhang die Rede, das „die Keime aller andern Gedichte verhuellt.“ Dieses „mystische Gedicht“ gleiche der „hoechste[n] Schoenheit“ und „Ordnung“ eines „Chaos“, das „nur auf die Beruehrung der Liebe“ warte, um sich „zu einer harmonischen Welt zu
19 PETER 1978: 37.
20 WALZEL, Oskar (Hg.) (1890): Friedrich Schlegels Briefe an seinen Bruder August Wilhelm. Berlin. S.170.
21 KFSA I, 1: CLXVII.
22 Ebd.: CLXIII.
23 Friedrich Schlegel: Über Goethes Meister. Gespräch über die Poesie. Mit einer Einleitung hrsg. v. Hans
Eichner. Paderborn u.a. 1985. Zitiert als EICHNER 1985. Hier EICHNER 1985: 33.
24 Vgl. hierzu u.a. PETER 1978: 40. EICHNER spricht von „der Form des Symposiums“, die Schlegel hier gewählt
habe; vgl. EICHNER 1985: 63.
25 August Wilhelm und Friedrich Schlegel (1798-1800): Athenaeum: eine Zeitschrift von August Wilhelm und
Friedrich Schlegel. Hrsg. in zwei Teilen und mit einem Nachwort versehen v. Bernhard Sorg.Dortmund. 1989. Zitiert als Athenaeum. Hier Athenaeum 2: 825. Kremer macht auf Analogien zur Terminologie Schellings an dieser Stelle aufmerksam; vgl. KREMER, Detlef ( 2 2003): Romantik. Berlin. S.110.
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Fritz Hubertus Vaziri, 2008, Im Anfang war die Poesie, München, GRIN Verlag GmbH
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