A.) Überblick über die Perikope 1.) Paraphrase
Jesus ging nun weg von dort, wo er war, und zog sich in die Umgebung von den Städten Tyrus und Sidon zurück, denn er wollte mal ein wenig Ruhe haben und dort kannte man ihn noch nicht so gut.
Es kam aber eine Frau, die dort wohnte, zu ihm, sie war demnach keine Jüdin. Diese Frau schrie furchtbar laut und unverständlich und sagte: „Habe doch Mitleid mit mir, ich weiß, dass du der Nachkomme Davids bist und zugleich Gottes Sohn! In dem Körper meiner Tochter wohnt ein Dämon, er ist der Grund dafür, dass es ihr sehr schlecht geht.“
Jesus reagierte nicht auf diese Frau, er sagte kein einziges Wort zu ihr. Die Jünger Jesu, die auch bei ihm waren, fühlten sich von der Frau sehr gestört aber sie tat ihnen auch etwas leid. Sie gingen deshalb auf Jesus zu und baten ihn: „Erfüll doch der Frau ihre Bitte, damit sie aufhört uns zu belästigen.“
Jesus sagte aber nur: „Ich bin von meinem Vater nur für das Volk Israel hergeschickt worden für das Volk, das er sich auserwählt hat und zwar für diejenigen unter ihnen, die sich von ihm abgewandt haben und somit nicht für immer in seiner Nähe leben dürfen.“ Aber die Frau kam wieder auf Jesus zu, warf sich vor ihm nieder um ihre Ergebenheit und Verzweiflung auszudrücken und sprach: „Sohn Gottes, hilf mir und mache meine Tochter wieder gesund.“ Aber Jesus antwortete der Frau wieder nur folgendes:
„Es wäre nicht richtig von mir, der ich für das Volk Israel gekommen bin, um sie zu meinem Vater zu führen, dir einer Nichtjüdin, die also nicht zum Volk Israel gehört, zu helfen, bevor ich nicht dem Volk Israel geholfen habe.“ Die Frau entgegnete ihm aber darauf hin:
„Du hast Recht! Aber eine Frau wie ich, freut sich darüber, wenn du ihr aus dem Überfluss des Volkes Israels, wenigstens einen kleinen Teil abgibst und meine Tochter ge-sund machst, denn ich weiß, dass du das kannst.“ Das stimmte Jesus um und er sagte zu ihr:
„Gute Frau, ich habe an deiner Äußerung gemerkt, dass dein Zutrauen mir gegenüber sehr groß ist und du wirklich darauf vertraust, dass ich deine Tochter von dem Dämon befreien kann. Und weil du so stark davon aus gehst, dass ich das tun kann, soll jetzt das geschehen, was du möchtest!“
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Und sofort, in diesem Augenblick wurde die Tochter der Frau von dem Dämon befreit.
2.) Textthema
Jesus macht deutlich, dass er zu aller erst für das Volk Israel gekommen ist, aber dass es letztlich darum geht, dass wir glauben sollen und aus Gnade gerettet werden.
3.) Gliederung I) Jesus zieht sich zurück Vers 21 II) eine Frau fleht Jesus an Vers 22
III) Jünger wollen die Frau los werden Vers 23
IV) Diskussion zwischen Jesus und der Frau Vers 24-27 V) Tochter wird geheilt Vers 28
4.) Historischer Kontext Tyrus:
Tyrus ist der wichtigste Hafen an der phönizischen Küste etwa 40 km südl. von Sidon und 45 km nördl. von Akko. Diese große Handelsstadt besaß zwei Häfen und bezog ihr Frischwasser vom Litani-Fluss, daher beherrschte sie die umgebende Ebene bis Sarepta im Norden. 1
Herodes I baute dort den Haupttempel wieder auf, der noch gestanden haben muss, als Jesus in dieser Gegend war. Es haben auch Menschen aus Tyrus von Jesus gehört und sind zu ihm gekommen. Jesus selbst bezeichnete diese Stadt als heidnisch. 2 Auch im Alten Testament taucht Tyrus auf, Hesekiel weissagt gegen die Hafenstadt (Hes. 26,2) und schreibt ein Klagelied (Hes. 27,1-36) über die in ihr herrschende Ver-dorbenheit. 3 Sidon:
Die Hafenstadt Sidon liegt auf einer Landzunge an der Mittelmeerküste in einer kleinen fruchtbaren Ebene und etwa 35 km von Tyrus entfernt. In dieser Gegend dominierte der Eschmun -Tempel (ägyptische Stadt) und damit der Eschmunkult, dieser wurde wahr-
1 PaulLawrence, „Die Handelsstadt Tyrus“. Der grosse Atlas zur Welt der Bibel. Hrsg. von Alan Mil-
lard, Heinrich von Siebenthal und Johan Walton. (Giessen und Basel: Brunnen Verlag und Innsbruck:
Tyrolia Verlag, 2007), S. 106-107
2 D. J. Wiseman, „Tyrus“. Das große Bibellexikon, Bd. 3. Hrsg. von Helmut Burkhardt, Fritz Grün-
zweig, Fritz Laubach, Gerhard Maier. (Wuppertal: R. Brockhaus Verlag und Gießen: Brunnen Verlag,
1989), S. 1606-1608
3 Lawrence, „Die Handelsstadt Tyrus“. Der grosse Atlas zur Welt der Bibel. S. 106-107
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scheinlich im Asklepios-/Äskulap-Kult (Gott der Heilkunde) fortgeführt, da der griech. Gott der Heilkunst mit dem sidonischen Eschmun identifiziert wurde. Daher ist es sehr bedeutend, dass Jesus die syrophönizische Frau geheilt hat. 4 Syrophönizierin:
Eine Frau, die aus Phönizien stammt, das zur Zeit des Neuen Testamentes Teil der römischen Provinzen und Syrien war. Der Ausdruck Syrophönizierin verbindet das Gebiet Phönizien, zu dem Tyrus und Sidon gehörten und die größte römische Provinz Syrien. Sie ist demnach eine Griechin. Kanaaniterin ist die alte Bezeichnung für dieses Volk . 5 Israel grenzte sich politisch und religiös bewusst von dem Kanaanitertum ab. 6 Deren Religion ist im Grunde genommen einheitlich gewesen, hat aber in jeder Stadt eine abweichende Ausprägung erfahren, die sich besonders in den spezifischen Stadtgottheiten und ihren Funktionen auswirkte. Es gab so etwas wie eine Göttertrias: Der Stadtgott als Beschützer der Stadt, neben ihm seine Gattin oder Gefährtin, die den Kult der fruchtbaren Erde widerspiegelt, sowie einen jungen Gott, der in enger Beziehung zur Muttergottheit steht und mit dem Jahreszyklus der Vegetation verbunden ist. 7
5.) Literarischer Kontext
Die Kapitel 14-17 des Matthäusevangeliums beschreiben das Wirken Jesu in Galiläa und Nachbargebieten. Das zentrale Thema ist der Glaube. Es taucht bei der Speisung der Fünftausend auf, beim sinkenden Petrus, der wegen seines Kleinglaubens beginnt unterzugehen und ebenso bei der Krankheilung in Genezareth, wo Menschen den Saum von Jesu Gewand berühren, um geheilt zu werden.
Zu dem befasst sich das Kapitel 15 zuvor mit Reinheit und Unreinheit, es kommen Pharisäer und Schriftgelehrte aus Jerusalem zu Jesus. Es wird die Frage gestellt, warum sich die Jünger nicht die Hände waschen. Jesus kritisiert den Umgang der Pharisäer mit dem Gesetz Gottes und ihren Satzungen. Jesus stellt fest, dass sie nicht mit ihrem Herzen
4 K. Günther, „Sidon“. Das große Bibellexikon, Bd. 3. Hrsg. von Helmut Burkhardt, Fritz Grünzweig,
Fritz Laubach, Gerhard Maier. (Wuppertal: R. Brockhaus Verlag und Gießen: Brunnen Verlag, 1989), S.
1437-1438
5 J. A. Thompson, „Syrophönizierin“. Das große Bibellexikon, Bd. 3. Hrsg. von Helmut Burkhardt, Fritz
Grünzweig, Fritz Laubach, Gerhard Maier. (Wuppertal: R. Brockhaus Verlag und Gießen: Brunnen Ver-
lag, 1989), S. 1516
6 H. P. Rüger, „Kanaan, Kanaanäer/Kanaaniter“. Das große Bibellexikon, Bd. 2. Hrsg. von Helmut
Burkhardt, Fritz Grünzweig, Fritz Laubach, Gerhard Maier. (Wuppertal: R. Brockhaus Verlag und Gie-
ßen: Brunnen Verlag, 1988), S. 753-756
7 G. Lehner, „Phönizien“. Das große Bibellexikon, Bd. 3. Hrsg. von Helmut Burkhardt, Fritz Grünzweig,
Fritz Laubach, Gerhard Maier. (Wuppertal: R. Brockhaus Verlag und Gießen: Brunnen Verlag, 1989), S.
1208-1212
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dabei sind und er ruft das gesamte Volk zusammen und erklärt ihnen was unrein ist und was nicht. Die Pharisäer nehmen Anstoß an Jesu Worten und Jesus erklärt seinen Jüngern, ihre Rolle mit dem Bezug auf das Gleichnis vom Unkraut und dem Weizen. Jesus hält fest: die bösen Gedanken, die aus dem Herzen kommen, machen den Menschen unrein und nichts anderes. Daraufhin zieht sich Jesus mit seinen Jüngern zurück. Der folgende Abschnitt befasst sich nun so zusagen mit beiden Themen, denn die Handlung spielt auf heidnischem (unreinem) Gebiet und es ist der starke Glaube der Frau, der ihre Tochter gesund macht.
Ab Vers 29 folgen weitere Heilungen, die ebenfalls den Glauben voraussetzen und genauso die Speisung der Viertausend. Womit um das Thema Glaube praktisch ein Rahmen gezogen wird
6.) Literarische Form
Es handelt sich hier um einen erzählenden Evangelientext. Ein Wunderbericht, dessen Geschehen auf einer Reise erfolgt. Matthäus, der die jüdischen Gemeinden als Adressaten hat, nutzt hier das belehrende Element.
Die gesamte Erzählung ist klar und sorgfältig aufgebaut und auf das letzte Wort hin gesteigert: „ Dir geschehe, wie du willst!“ 8
7.) Gedankengang
Jesus zieht sich zurück und trifft auf eine kanaanäische Frau, die ihn flehend bittet ihre Tochter zu heilen. Die Jünger versuchen das Geschehen zu beschleunigen, indem sie auf Jesus einreden, denn Jesus reagierte nicht auf die Frau und die jünger fühlten sich von ihr sehr belästigt. Nach einem längeren Disput, heilt Jesus schließlich die Tochter der Frau, da sie einen großen Glauben gezeigt hat.
8 H. A. W. Meyer und Ernst Lohmeyer, Das Evangelium des Matthäus, 3. Aufl. Hrsg. von Werner
Schmauch. (Göttingen: Vandehoeck und Ruprecht, 1962). S. 252
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B.) Kommentar
21 „Und Jesus ging von dort weg und zog sich in die Gegenden von Tyrus und Sidon zurück;“
Der Text beginnt damit, dass Jesus sich zurückziehen möchte. Wahrscheinlich braucht er etwas Ruhe, denn ständig wird er von Menschen umlagert, die ihn darum bitten geheilt zu werden. Oft können wir in der Bibel (z.B. Mk 1,35) lesen, dass Jesus sich zurückzieht, um mit seinem Vater zu reden. Jesus hat sehr viel Zeit im Gebet verbracht. Darum kann angenommen werden, dass er sich auch jetzt nach etwas Ruhe gesehnt hat, um mit seinem Vater ungestört reden zu können. Genauso ist möglich, dass Jesus mit seinen Jüngern allein sein möchte, zum Beispiel, um ihnen noch einige Dinge zu erklären, ohne, dass sie ständig von anderen Leuten gestört werden. In der Parallelstelle (Mk 7,24) lesen wir, dass sie in ein Haus gingen und dies niemanden wissen lassen wollten. Es gibt eine Stelle in der Apg. (1,13), wo es heißt: „Und als sie hineingekommen waren, stiegen sie hinauf in den Obersaal, wo sie sich aufzuhalten pflegten…“ Vielleicht war dies jenes Haus in das sie sich auch schon damals mit Jesus zurück ziehen wollten, denn bis in das Gebiet von Tyrus und Sidon waren es zwei Tagesmärsche 9 . Es gibt verschiedene Ansichten darüber, ob Jesus und seine Jünger wirklich schon in dem Gebiet waren, oder nur auf den Weg dorthin. Was bedeuten würde, dass die Frau ihm schon vor der Grenzüberschreitung entgegen kam. 10
Da aber in der Perikope ausdrücklich von Matthäus auf dieses Gebiet hingewiesen wird und dies wahrscheinlich nicht ohne Grund, wird die Annahme, dass Jesus bereits in diesem Gebiet war, auch weiter als Grundlage der Exegese dienen. Aus dem literarischen Kontext erfahren wir, dass sich Jesus im Vorfeld viel mit den Pharisäern und Schriftgelehrten auseinandersetzen musste, daher kann angenommen werden, dass Jesu Rückzug, durch die Konfrontation mit den Jerusalemer Autoritäten motiviert war. 11
Jesus wusste, dass ihm keiner der Juden in dieses heidnische Gebiet folgen würde. 12 Da die Heiden für sie als unrein galten und sie mit ihnen nicht in Kontakt treten wollten.
9 Fritz Rienecker, Das Evangelium des Matthäus, 2. Aufl. Hrsg. von Fritz Rienecker in Verbindung mit
Mitarbeitern. (Wuppertal: Verlag R. Brockhaus). S. 213
10 Theodor Zahn, Das Evangelium des Matthäus, Bd. 1, 4. Aufl. Hrsg. von Theodor Zahn. (Leipzig und
Erlangen: A. Deichertsche Verlagsbuchhandlung Dr. Werner Scholl, 1922). S. 523
11 Joachim Gnilka, Das Matthäusevangelium, 2. Teil. (Freiburg, Basel und Wien: Herder, 1988) S. 29
12 William Barclay, Matthäusevangelium, Bd. 2, 4. Aufl. (Neukirchen und Vluyn: Aussaat Ver-
lag,1989). S. 117
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Arbeit zitieren:
Cornelia Schönfeld, 2007, Exegetische Facharbeit zu Matthäus 15,21-28, München, GRIN Verlag GmbH
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