Gliederung
Seitenzahl (en)
1 Einleitung 4-6
2 Die Entfremdung der FDP von der CDU zwischen 1955 und 1966 6
2.1 Die 50er Jahre: Zerwürfnis mit der CDU 6
2.1.1 Richtungsstreit innerhalb der FDP zwischen „entschiedener“ und
„gemäßigter“ Opposition 6-7
2.1.2 Bruch der christliberalen Koalition 7-8
2.1.3 Liberale Oppositionsjahre 1956-1961 8-9
2.2 Die FDP auf Konfrontationskurs mit den Christdemokraten 10
2.2.1 „Mit der CDU, aber ohne Adenauer “ 10
2.2.2 Die FDP in der Spirale eines neuen Parteienspektrums der 60er Jahre 10-11
2.3 Der Reaktionär Erich Mende übernimmt den Parteivorsitz 11
2.3.1 Richtungswechsel: Deutschlandpolitik 11-12
2.3.2 „Liberales Korrektiv“ oder „Dritte Kraft“? 12-13
2.3.3 Austritt der FDP-Minister aus der Koalition 13
3 Die FDP in der parlamentarischen Opposition 1966-1969 14
3.1 Warum scheiterte die sozialliberale Koalition 1966? 14
3.2 Risiken und Chancen der „Mini-Opposition“ 14-15
3.3 Von Erich Mende zu Walter Scheel 15
3.3.1 Der „Schollwer-Plan“ als Zeichen der Neuausrichtung 15
3.3.2 Walter Scheel: Die FDP auf neuen Wegen 15-16
3.3.3 Dahrendorf und der Linksliberalismus 16-17
4 Die erste sozialliberale Koalition in der Geschichte der BRD 17
4.1 SPD/FDP-Bündnisse in den Landesparlamenten 17-18
4.2 Die Bundespräsidentenwahl Heinemanns als Ausdruck
sozialliberaler Koalitionsorientierung 18-19
4.3 Sozialliberale Wahlplattform 19
4.3.1 Deutschlandpolitik als wesentliches Fundament der Koalitionsbildung 19
4.3.2 Divergenzen zwischen Linksliberalismus und Sozialdemokratie 19-20
4.3.3 Über die Möglichkeiten der Regierungsbildung 20
2
4.4 Ergebnis der Bundestagswahl 1969 21
4.4.1 Wahldebakel für die Freidemokraten 21
4.4.2 Die FDP nimmt erneut die Position als „Zünglein an der Waage“ ein 21-22
4.4.3 Scheel und Brandt im Schulterschluss 22
5 Schluss 23-24
6 Literatur- und Quellenverzeichnis 25-26
3
1 Einleitung Relevanzerklärung
Die sozialliberale Koalition 1969 war bisher das einzige Mal in der bundesdeutschen Geschichte, dass sich SPD und FDP auf Bundesebene zusammenfanden, um gemeinsam eine Regierung zu bilden. Damit stellt sie in fast 60 Jahren Bundesrepublik-Geschichte einen absoluten Präzedenzfall dar. Sie zeigt die Möglichkeit und Realisierbarkeit einer solchen Koalition, aber auch die Notwendigkeit günstiger Umstände. Die Voraussetzungen für eine derartige Koalitionsbildung stellen somit einen Betrachtungsschwerpunkt dar, schließlich würden sich daraus Rückschlüsse über andere Parteientwicklungen und vor allem Koalitionsbildungen unter Beteiligung der FDP ziehen lassen. Das 1969 gebildete sozialliberale Bündnis ist also auch für das heutige Parteienspektrum von Interesse.
Zweitens erweckt die SPD/FDP-Koalition den Eindruck der Flexibilität und Offenheit des Parteiengeflechts für verschiedenste Koalitionen. Immerhin gingen diesem Zusammenschluss 20 Jahre CDU-Regierung 1 - größtenteils mit der FDP- voraus. Die parteisystematische Varianz schließt eine Koalition aus Frei- und Sozialdemokraten mit ein, deren Grundlage hier untersucht werden soll. Schließlich bleibt noch die Frage, welche Umstände überhaupt zur Bildung einer Koalition führen. Anhand der sozialliberalen Koalition ist dies für historische Vergleichsanalysen anderer Koalitionsbildungen relevant.
Fragestellung und erste Hypothesen
Die folgende Fragestellung lautet im speziellen: „Die FDP auf dem Weg in die sozialliberale Koalition 1969-machtorientierte Politik oder programmatische Konvergenz zur SPD?“ Mit Blick auf das Selbstverständnis, die Parteiprogrammatik und die Wandlungsfähigkeit im Parteiensystem in den ersten 20 Jahren der Bundesrepublik sollen die Beweggründe der FDP für das Zusammengehen mit der SPD untersucht werden. Welche Ursachen lagen dem Bündnis des langjährigen CDU-Gefährten FDP und der lange als „sozialistisch“ angesehenen SPD zugrunde? Waren die Freidemokraten allein am Machtgewinn interessiert? Immerhin befand sie sich seit 1966 aufgrund ihrer schwindend geringen Quantität in einer Art „parlamentarischer Lethargie“. Oder aber war die Bindung an die SPD eine Flucht nach vorn, um die Existenz der Partei zu schützen? Weitere vier Jahre oppositionelle Ohnmacht hätte die FDP wahrscheinlich nicht „überlebt“. Dafür spricht das knappe Wahlergebnis 1969, mit dem man nur knapp die 5-Prozent-Hürde überquerte. Ist die Koalition letzten Endes sogar anhand
1 Die CDU wird nachfolgend synonym für das Bündnis CDU/CSU verwendet, in notwendigen Ausnahmefällen wird explizit auf die CSU hingewiesen.
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konvergenter Parteiprogrammatiken und einer gemeinsamen soliden Basis von Sozialdemokraten und Liberalen zu erklären? Die Entwicklung der ost- und deutschlandpolitischen Vorstellungen beider Parteien seit Mitte der 50er Jahre spräche dafür. Die scheinbar antagonistischen Entwicklungsmodelle schließen einander nicht aus.
Methodik und Literaturlage
Die Literatur lässt wenig Raum für eigene Spekulationen, sie hantiert mit allgemein übereinstimmenden und daher gefestigten Fakten. Für den Untersuchungszeitraum wird die Entwicklung der FDP möglichst historisch geordnet betrachtet. Auf diese Weise lassen sich Veränderungen und Fort- bzw. Rückschritte eindeutig nachweisen. In einem ersten Schritt wird die Abspaltung der FDP von der CDU beleuchtet. Grundlegende Kriterien sind die innerparteilichen Kontraste zwischen Konservativ-Nationalliberalen und progressiven Reformern sowie die Unvereinbarkeit von christ- und freidemokratischer Deutschland- und Außenpolitik. In einem zweiten Schritt wird die ideologische und programmatische Annäherung der FDP und der SPD genauer untersucht. Dabei wird zu klären sein, ob sich die FDP bewusst in Teilen ihrer Programmatik auf die SPD zubewegte und damit die Annäherung vorsätzlich provozierte oder ob es sich hierbei um eine Randerscheinung des FDP-Kampfes um die eigene Existenz handelt. Schlussendlich steht das Intervall von der Bundespräsidentenwahl im März 1969 und der Wahl Brandts zum Bundeskanzler im Oktober desselben Jahres unter Frage: Wie deutlich zeichnete sich die sozialliberale Koalition bereits vor der Wahl ab? War das Zusammengehen beider Parteien die einzige Möglichkeit der Regierungsbildung trotz oder gerade wegen des schlechten Abschneidens der Freidemokraten?
Die Literaturlage ist aufgrund der historischen Distanz umfassend, viele Autoren grenzen den Untersuchungsgegenstand auf bestimmte Kriterien wie zum Beispiel die Zeit der Großen Koalition 1966-1969 oder die deutschlandpolitische Entwicklung der FDP ein. Auffallend ist das Übergewicht zeitnaher Literatur zum Untersuchungszeitraum 1955 bis 1969, die die Gefahr mangelnder Distanz in sich bergen. Zudem stammt einige Literatur von liberalgerichteten Autoren. Erich Mende 2 liefert beispielsweise ein völlig einseitiges Bild der Zusammenhänge. Für eine Gesamtdarstellung der FDP-Entwicklung bis 1969 eignet sich Christof Brauers 3 , der trotz der Spezifikation auf die Deutschlandpolitik der FDP zwischen
2 Mende, Erich: Die FDP. Daten, Fakten, Hintergründe, Stuttgart 1972
3 Brauers, Christof: Liberale Deutschlandpolitik 1949-1969. Positionen der F.D.P. zwischen nationaler und europäischer Orientierung, Münster, Hamburg 1993
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1949 und 1969 insbesondere die divergierenden Strömungen innerhalb der Partei detailliert und umfassend offen legt. Rüdiger Zülch 4 ist im Hinblick auf Selbstverständnis und Positionierung im Parteiensytem der 50er und 60er Jahre unumgänglich und stützt die allgemeine Zwei-Phasen-Theorie der FDP als ein „liberales Korrektiv“ bis 1966 und dem anschließenden Progress zu einem „Zünglein an der Waage“ 5 . Die dafür notwendigen Hintergrundinformationen über die deutschlandpolitische Haltung der jeweiligen FDP-Vorsitzenden Dehler und Mende sowie Schollwer, stellvertretend für die Zeit zwischen 1966 und 1969, liefert Siekmeier. 6 Eine runde, leicht verständliche Zusammenfassung der Ereignisse mit größtenteils wichtigem Hintergrundwissen und Einbindung umfassender Primär- und Sekundärquellen bietet Manfred Görtemakers „Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ 7 .
2 Die Entfremdung der FDP von der CDU zwischen 1955 und 1966
2.1 Die 50er Jahre: Zerwürfnis mit der CDU
2.1.1 Richtungsstreit in der FDP zwischen „entschiedener“ und „gemäßigter“ Opposition
Verschieden gerichtete Strömungen innerhalb einer Partei sensibilisieren diese im Rahmen des vorhandenen Parteienspektrums. Sie behindern die Ausrichtung der Fraktionsführung, erschweren Mehrheitsentscheidungen und erzwingen einen Rechtfertigungszwang gegenüber der Partei-Basis und dem Wähler. 8 Die innere Geschlossenheit einer Partei stellt eine der Prämissen für Glaubwürdigkeit und Autorität dar.
Die Liberalen präsentierten sich wenige Jahre nach Gründung der Bundesrepublik innerlich tief konträr. Damit knüpften sie an die Zeit unter Bismarck und der Weimarer Republik nahtlos an. 9 Der innerparteiliche Machtkampf zweier Flügel war vor allem ein Interessenskampf divergierender Landesverbände. Der rechte, deutschnationale Flügel um Nordrhein- Westfalen, Niedersachsen und Hessen betrachtete die FDP als Sammelbecken aller „rechten“ Kräfte und stand damit dem „gemäßigten“ 10 , an der Mitte zwischen SPD und CDU orientierten Flügel der Länder Hamburg, Bremen und Baden-Württemberg gegenüber. 11
4 Zülch, Rüdiger: Von der FDP zur F.D.P.- Die Dritte Kraft im deutschen Parteiensystem, Bonn 1972
5 Begriff nach: Morgenstern, Andreas: Die FDP in der parlamentarischen Opposition 1966-69.Wandel zu einer „Reformpartei“, Marburg
2004, S. 83
6 Siekmeier, Mathias: Restauration oder Reform? Die FDP in den sechziger Jahren- Deutschland- und Ostpolitik zwischen Wiedervereinigung und Entspannung, Köln 1998
7 Görtemaker, Manfred: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gründung bis zur Gegenwart, Frankfurt am Main 2004, S. 384
8 Rudzio, Wolfgang: Das politische System der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 2003, S. 179-187
9 Mende: Die FDP [Anm. 1], S. 105
10 Brauers: Liberale Deutschlandpolitik [Anm. 2], S. 111
11 Ebda., S. 52-66, hier: 52
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Bis Mitte der 50er Jahre zeichnete sich langsam ein leichter Vorsprung der Adenauerkritiker um den Bundesvorsitzenden Thomas Dehler, den stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Döring und den nordrhein-westfälischen Landesminister für Wiederaufbau, Willi Weyer, ab. Sie wollten- nach dem Oppositionsgang 1956- die FDP als „entschiedene Opposition“ 12 im Parteiensystem profilieren. 13 Ihr scharfer Abgrenzungskurs zur westintegrativen Politik Adenauers fand erstmals bei der Ablehnung der Römischen Verträge zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG und der Europäischen Atomgemeinschaft EURATOM am 05.07.1957 Ausdruck. 14 Auch in der Frage der atomaren Ausrüstung der Bundeswehr bewiesen die Adenauer-Kritiker Haltung. Der Bundeskanzler hatte dieses Vorhaben als „nichts weiter als die Weiterentwicklung der Artillerie“ 15 heruntergespielt und war auf den Widerstand der oppositionellen SPD und FDP gestoßen. 16
Erst nach dem enttäuschenden Bundestagswahlergebnis von 1957 geriet der entschiedene Oppositionskurs Dehlers innerparteilich in die Kritik. Die Stimmen der „gemäßigten“ Kräfte um den stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Erich Mende wurden wieder lauter und gewannen mit der Wahl Mendes zum Bundesvorsitzenden 1960 sogar die Oberhand über den Reformflügel. 17
2.1.2 Bruch der christliberalen Koalition
Die schleichende Abwendung von der CDU ging Hand in Hand mit der Suche nach der eigenen Identität der Partei. Der Bruch der Koalition 1956 kam nicht etwa überraschend, sondern war Konsequenz eines langen Prozesses, immerhin drohte Dehler bereits 1953 damit, das Bündnis an der Saarpolitik Adenauers und seinem Wunsch nach Einführung eines relativen Mehrheitswahlrechts scheitern zu lassen. 18 Obwohl die CDU ihr Vorhaben eines so genannten „Grabenwahlgesetzes“ 19 , das die Existenz der FDP massiv bedrohte und mit dem Adenauer enormen Druck auf die Liberalen ausübte 20 , noch Anfang Februar 1956 aufgab, kam es in Nordrhein-Westfalen am 21. Februar zum Sturz der von einer CDU/FDP-Koalition getragenen Regierung unter Ministerpräsident Karl Arnold durch die FDP und die SPD. 21
12 Ebda., S. 103
13 Ebda., S. 103- 118, hier: 107
14 Ebda., S. 104
15 zitiert nach: Ebda., S. 106
16 Ebda., S. 105-106
17 Ebda., S. 109
18 Dittberner, Jürgen: FDP- Partei der zweiten Wahl, Opladen 1987, S. 35
19 Mende: Die FDP [Anm. 1], S. 89
20 So brachte die CDU/CSU-Fraktion bereits am 14.12.1955 entsprechende Vorschläge in den Wahlrechtsausschuss des Deutschen Bundestages ein. Brauers: Liberale Deutschlandpolitik [Anm. 3], S.89
21 Mende: Die FDP [Anm. 2], S. 103
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Arbeit zitieren:
Sebastian Knecht, 2006, Die FDP auf dem Weg in die sozialliberale Koalition 1969, München, GRIN Verlag GmbH
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