Sabina Barczyk
1 Anregung zur Untersuchung
Sowohl die unterrichtliche Praxis als auch empirische Studien zum Erwerb deutscher Syntax (Sadownik 1997; Diehl et al. 2000; Barczyk 2006) zeigen, dass die Verbstellungsmuster des Deutschen vielen Sprachlernern zahlreiche Schwierigkeiten bereiten. Diese Erwerbsprobleme äuβern sich v.a. in den normabweichednen Strukturen sowie den von Lernern eingesetzten Vermeidungsstrategien, die als Indikatoren für den Schwierigkeitsgrad der jeweiligen Konstruktion gelten können. 1 Insbesondere im Falle von Sprachen, die durch unterschiediche Wortstellungsregularitäten gekennzeichnet sind, ist mit besonderen Problemen zu rechnen, denn bestimmte syntaktische Strukturen der Zielsprache müssen neu erworben werden. Dies gilt auch für polnischsprachige Lerner, die sich die deutsche Sprache aneignen.
2 Topologische Unterschiede der involvierten Sprachen 2
Die grundlegenden Differenzen zwischen den syntaktischen Systemen des Polnischen und des Deutschen betreffen die Verbstellugsregeln im Satz. In einer reich flektierten Sprache wie Polnisch ist das Verb nicht an bestimmte Positionen im Satz gebunden, so dass grundsätzlich jede beliebige Reihenfolge von Verb und Subjekt zugelassen wird (Polański 2003):
1) Jutro jedziemy do Krakowa. 1a) *Morgen (wir) fahren nach Krakau.
2) Jedziemy jutro do Krakowa. 2a) *(wir) Fahren morgen nach Krakau.
3) Jedziemy do Krakowa jutro. 3a) *(wir) Fahren nach Krakau morgen. 4) Do Krakowa jedziemy jutro. 4a) *Nach Krakau (wir) fahren morgen. Oder seltener: 5a) *Nach Krakau morgen (wir) fahren. 5) Do Krakowa jutro jedziemy.
Bei aller Freiheit der polnischen Satztopologie wird hier jedoch - ähnlich wie in anderen westslawischen Sprachen - die Reihenfolge SVO für Grundwortstellung (kanonische Wortfolge) 3 gehalten. Das Deutsche gehört hingegen zu den Sprachen, wo die Stellung des Finitums durch syntaktische Gesätzmäβigkeiten bestimmt ist. Es wird häufig als V2-Sprachen klassifiziert, da sich das gebeugte Verb, unabhängig von der Position von Subjekt und Objekt, an der zweiten Stelle eines Hauptsatzes befindet. Die obligatorische Verb-Zweit-Stellung des finiten Verbs im Hauptsatz (und in W-Fragen) könnte für die Annahme der Reihenfolge SVO als Grundstruktur des Deutschen sprechen (z.B. Mills 1985). Die Mehrheit der einschlägigen Literatur plädiert allerdings für die Annahme der SOV-Struktur als die Basisstruktur des Deutschen, so z.B. Meisel (1992), Clahsen & Penke (1992), Schmidt (1996). Als Begründung führen die genannten Autoren die V-Endstellung im Nebensatz an, sowie die Tatsache, dass bei allen mehrgliedrigen
1 Ausführlicher zur Bestimmung des Schwierigkeitsgrades einer Konstruktion vgl. z.B. Larsen-Freeman (1975); Diehl
et al. (2000) und auch unter 3.1 und 3.2. im vorliegenden Beitrag.
2 In diesem Abschnitt geht es nicht primär um die detaillierte Darstelllung der syntaktischen Systeme des Deutschen
und des Polnischen, sondern vielmehr um das Aufzeigen relevanter Unterschiede in der Satztopologie beider
Sprachsysteme, die die Effektivität des Deutscherwerbs durch polnische Sprachlerner im Bereich der
Verbstellungsmuster beeinflussen könnten.
3 Sätze in der Grundwortstellung werden bei der nicht kontrastiven Verwendung produziert und sind dadurch
gekennzeichnet, dass sie in möglichst vielen Kontexten akzeptabel sind. Zur Grundwortstellung und
Wortstellungsvarietäten vgl. z.B. Bußmann (2002:268f und :756f).
2
Schwierigkeitsgrad deutscher Verbstellungsmuster für polnische Sprachlerner auf Niveaustufe B1
Verbalkomplexen das lexikalische Verb (Partizipien in Auxiliar-Konstruktionen, Infinitive in Verbindung mit Modalverben) am Ende steht. Auch bedeutungstragende infinite Verbalteile (Präfixe) rücken im Deutschen ans Satzende.
Ungeachtet der Unterschiede im Deteil, betonen die beiden Ansätze die Tatsache, dass Verben im Deutschen an bestimmte Positionen im Satz gebunden sind. Diese Gesetzmäβigkeit ist grundlegend für die Beschreibung der Struktur deutscher Sätze, d.h. die Sätze im Deutschen werden formal nach Verbpositionen klassifiziert. 4 Dementsprechend unterscheidet man drei grundsätzliche Satzmuster: Verbzweitsätze (V2-Sätze), Verberstsätze (V1-Sätze) und Verbletztsätze (VL-Sätze, V-End-Sätze), und zugleich drei Positionen, in denen Verben im Satz stehen können. Darüber hinaus gibt es die Positionen links und rechts von diesen Verbpositionen, die mit anderen Satzkonstituenten ausgefüllt werden können.
Aus den oben besprochenen typologischen Unterschieden der deutschen und polnischen Sprache resultiren weitere Differenzen zwischen den syntatkischen Strukturen der beiden Sprachen. Im Deutschen unterliegen die Verbstellungsvarietäten weitgehend syntaktischen Anforderungen. Ein Beispiel dafür: die Hauptsätze mit Verbalklammer, wo die deutsche Syntax eine diskontinuierliche Stellung der Verbalteile verlangt und die semantisch verknüpften Informationen getrennt positioniert (Kaltenbacher 1990). Die Struktur, in denen das Verb in mehreren Teilen über den Satz verteilt wird, und Subjekt wie Objekt auch dazwischen platziert werden, ist für polnische Muttersprachler unbekannt. Die mehrgliedrigen Prädikate werden nämlich im Polnischen kontinuierlich realisiert. Da das Polnische unterschiedliche Verbpositionen im Satz zulässt, erzwingt es auch keine Verb-Subjekt-Inversion im Satz. Die Verb-Endstellung ist ebenso ein strukturelles Merkmal der Nebensätze im Deutschen und findet im Polnischen keine syntaktische Entsprechung. Ein weiteres Differenzmerkmal der beiden Sprachen betrifft den Parameter [+/pro-drop]. Polnisch als eine [+pro-drop]-Sprache erlaubt - im Gegensatz zu Deutsch -Subjektauslassungen (‘Null-Subjekt’ / ‘podmiot domyślny’), sodass pronominale Subjekte in der ersten und zweiten Person in der Regel getilgt werden (Polański 2003):
6) Jutro pojadę/jadę do Krakowa. statt 6a) *Morgen fahre nach Krakau. 7a) Morgen fahre ich nach Krakau. 7) Jutro ja pojadę/jadę do Krakowa.
3 Beschreibung der Untersuchung
Vor dem Hintergrund der oben skizzierten topologischen Differenzen der involvierten Sprachen kann angenommen werden, dass die normkonforme Realisierung deutscher Verbstellungsmuster für polnische Sprachlerner auf Niveau B1 schwierig sein kann. Die Bezeichnugn Niveaustufe B1 bezieht sich auf die Referenzniveaus im Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens (GeR) und bezeichnet den Level der selbstständigen Sprachverwendung (Independent User ). Laut GeR kann sich der Lerner auf Niveaustufe B1:
„einfach und zusammenhängend über vertraute Themen und persönliche Interessengebiete äußern. Kann über Erfahrungen und Ereignisse berichten, Träume, Hoffnungen und Ziele beschreiben und zu
4 Die Annahme, dass die Sätze im Deutschen aus mehreren aufeinander folgenden Bereichen bestehen, die mit
einzelnen Wörtern oder Wortfolgen besetzt sind und als topologische Felder oder auch Stellungsfelder bezeichnet
werden, bildet die Grundlage für die Feldertheorie (z.B. Grewendorf et al. 1987: 215; Sternefeld 2007).
3
Sabina Barczyk
Plänen und Ansichten kurze Begründungen oder Erklärungen geben.“
(http://www.goethe.de/z/50/commeuro/303.htm )
3.1 Annahmen und Ziele
Die Überprüfung des Schwierigkeitsgrades der Verbstellungsregeln im deutschen Satz erscheint v.a. im Falle erwachsener Sprachlerner interessant, denn diese verfügen bereits über gute Kenntnisse der muttersprachlichen Syntax. Der Spracherwerb verläuft hier konsekutiv vor dem Hintergrund des Mutterspracherwerbs und es werden gewisse Anhaltspunkte für den Transfer aus der Muttersprache gegeben, der sich entweder positiv oder auch negativ (Interferenz) auf den Lernerfolg auswirken kann. 5
Die obige Annahme sowie die Erfahrungen als ZD-Prüferin bildeten den Ausgangspunkt für eine Studie zur Überprüfung des Schwierigkeitsgrades deutscher Verbstellungsregeln für polnische Sprachlerner auf Niveau B1. Ziel dieser Untersuchung war die Erhebung der Korrektheitsrelationen für einzelne syntaktische Strukturen in lernersprachlichen Äußerungen, um ferner eine Schwierigkeitshierarchie deutscher Verbstellungs-muster für polnische Lerner zu erstellen. Es wird nämlich erhofft, dass der Einblick in die schwierigen und weniger schwierigen syntaktischen Konstruktionen Aussagen über die mehr oder weniger fehleranfälligen Satzkonstruktionen ermöglicht und hilft bestimmte normabweichende Strukturen der Lernersprachen besser zu interpretieren. 6
3.2 Methode der Untersuchung
Für die so formulierten Forschungsziele wurde die Methode der Querschnitterhebung der schriftlichen Lerneräußerungen gewählt. Die auf einem bestimmten Niveau synchron erhobenen Daten liefern wichtige Aussagen über die Korrektheitsrelationen der generierten Konstruktionen und zugleich Evidenz über die von Lernern erreichte formalgrammatische Kompetenz. Sie vermögen also Korrektheitsrangfolgen der jeweiligen Strukturen in Lernersprachen zu ermitteln. Bei der Annahme ”weniger häufig korrekt gleicht schwierig” können mit Querschnittdaten auch Schwierigkeitshierarchien erstellt werden (Larsen-Freeman 1975). Die Lernschwierigkeiten äußern sich allerdings nicht immer in Fehlern: Die empirische Evidenz zeigt nämlich, dass die als schwierig empfundenen Strukturen auch oft vermieden werden, denn die Lerner fühlen sich bei ihrer Realisierung nicht sicher (Diehl et al. 2000; Barczyk 2007). So kann die niedrige Vorkommenshäufigkeit der jeweiligen Struktur auch von einem hohen Schwierigkeitsgrad dieser Struktur für den Lerner zeugen.
5 Empirische Daten zeigen auch, dass unzureichende Kontraste und nicht völlig unterschiedliche Strukturen der
Ausgangs- und Zielsprache Lernschwierigkeiten bereiten können (Rohmann & Aguado 2002: 276).
6 An dieser Stelle bedarf es allerdings der Bemerkung, dass die hier vorgenommene Strategie weniger der
kontrastiven Analyse verpflichtet ist, die auf die Prognose gewisser Fehlertypen abzielt, sondern vielmehr
normabweichende Strukturen u.a. auf Grund der Transfermechanismen zu diagnostizieren und zu beschreiben
versucht.
4
Arbeit zitieren:
Dr. Sabina Barczyk, 2008, Schwierigkeitsgrad deutscher Verbstellungsmuster für polnische Sprachlerner auf Niveaustufe B1, München, GRIN Verlag GmbH
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