Gandhis Erziehung, Bildung und frühe Karriere
Doch was waren die entscheidenden Einflüsse und Ereignisse im Leben Gandhis, die ihn zu dieser „Lichtgestalt Indiens“ werden ließen? Nach eigenem Bekunden begann seine Metamorphose zum „Mahatma“ erst in Südafrika, weder er selbst, noch andere erkannten in ihm bis dahin etwas Besonders 3 . Deshalb stellt sich die Frage, ob nicht schon vor seiner Tätigkeit in Südafrika entscheidende Grundlagen und Einflüsse vorhanden waren, die sein Wesen geprägt und sich später gezeigt haben, als er zum Führer Indiens aufgestiegen war.
So beleuchtet die vorliegende Arbeit hauptsächlich die Zeitspanne seiner Geburt bis zur Abreise nach Südafrika. Gandhis Elternhaus und Kindheit, seine Eheschließung und sein Studium der Rechtswissenschaften in London sollen hier näher beleuchtet werden, wobei versucht wird an Hand von einzelnen Ereignissen und Erlebnissen einen Bezug zu seinem späteren Verhalten als „Mahatma“ herzustellen, so fern dies überhaupt möglich ist. Ziel dieser Arbeit ist es zu untersuchen, ob nicht schon in diesem ersten Lebensabschnitt Grundlagen gelegt und Einflüsse vorhanden waren, die Gandhi entscheidend prägten. Möglicherweise waren die Erlebnisse in Südafrika in bezug auf Rassismus und Unterdrückung dann nur noch der Auslöser. Seine Grundsätze und Überzeugungen könnten aber schon früher in seiner Entwicklung angelegt sein. Dazu bedarf es Bezüge zu seinem späteren Verhalten und Hinweise auf folgende Ereignisse. Jedoch können diese im Rahmen dieser Arbeit nicht näher besprochen werden oder in einen Gesamtzusammenhang gesetzt werden. Im Mittelpunkt steht die Frage, was Gandhi schon als Heranwachsenden und jungen Mann so prägte, das ihn zu dem werden ließ, der er wurde. Eine wesentliche Quelle dieser Untersuchungen bildet seine Autobiographie, in der er teilweise selbst Bezüge zu seiner Entwicklung herstellt. Sein objektives Selbstbild und Selbstbewußtsein bilden eine wertvolle Grundlage für die vorliegende Arbeit. Hieraus lassen sich seine religiösen, sozialen und politischen Einstellungen ableiten. Diese Arbeit ist im wesentlichen chronologisch aufgebaut. Der Hauptteil dieser Arbeit unterteilt sich in vier Abschnitte. So behandelt der erste Abschnitt sein Elternhaus und entscheidende Erlebnisse seiner Kindheit, der zweite Teil seine Ehe. Im folgenden dritten Abschnitt werden seine Jahre in London näher beleuchtet. Der vierte Teil widmet sich seiner Rückkehr als Rechtsanwalt, seiner ersten beruflichen Tätigkeiten und den Gründen für seine Abreise nach Südafrika. Die gewonnenen Erkenntnisse werden am Schluß noch einmal zusammengefaßt.
3 Gold, S. 40
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Gandhis Erziehung, Bildung und frühe Karriere
II. Gandhis Erziehung, Bildung und frühe Karriere
II.1. Elternhaus und Kindheit
Mohandas Karamchand Gandhi wurde als viertes Kind am 2.10.1869 in Porbandar, einem Küstenort auf der Halbinsel Kathiawar geboren. 4 Die geographische Lage spielte in so fern eine Rolle, daß Kathiawar eher abseits des Einfluß- und Interessensgebietes der Briten lag, so daß die dort ansässigen Stadtstaaten weitestgehend autonom regierten und nur in geringem Maße von der britischen Verwaltung geprägt und abhängig waren. 5 Porbandar hatte zu dieser Zeit ca. 70.000 Einwohner und wurde von einem Fürsten regiert. 6 Der junge Gandhi wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf, da sein Vater Karamchand Gandhi als Premierminister Porbandars eine hohe Stellung innehatte. Er war zwar kein gebildeter Mann, doch durch seine Unbestechlichkeit und Unparteilichkeit genoß er einen guten Ruf. 7 Gandhi charakterisierte seinen Vater in seiner Autobiographie als „wahrheitsliebend, tapfer und großmütig, aber von hitzigem Temperament“ 8 , sowie als leidenschaftlichen Mann. Er war nicht außergewöhnlich religiös gebildet, doch seinen Verpflichtungen als Hindu kam er gewissenhaft nach. 9 Gandhis Mutter Putlibai konnte weder lesen, noch schreiben, doch sie war sehr religiös. Sie ging jeden Tag in den Tempel, aß nie ohne vorher gebetet zu haben, hielt Fastenperioden während des Monsuns ein und fastete auch sonst regelmäßig. 10 So erschien Gandhi seine Mutter nahezu heilig 11 , da sie ihre sich selbst auferlegten Gelübde niemals brach.
Sein erstes Schuljahr verbrachte Gandhi in Porbandar, bevor die Familie ein Jahr später nach Rajkot übersiedelte. 12 Zu dieser Zeit charakterisierte er sich selbst, als
4 Fischer, S. 11
5 ebenda
6 ebenda
7 ebenda
8 Gandhi, Eine Autobiographie, 4. Auflage, 1984, S. 15.
9 ebenda S. 16
10 Fischer, S. 12
11 Gandhi, S. 16
12 Fischer, S. 12
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mittelmäßigen, scheuen und schüchternen Schüler. 13 Er las meist nur seine Schulbücher und zeigte kein weiteres Interesse an Literatur. Zwei Erlebnisse erschienen jedoch ihm selbst als erwähnenswert, nämlich das Shravana Pitribhakti Nataka, ein Buch über Gehorsam und Achtung gegenüber der Eltern, sowie einem Bühnenstück namens Harishchandra. Beide Werke hinterließen bei ihm einen tiefen Eindruck. 14 Harishchandra wurde zu seinem Idol, denn er bewunderte das Pflichtbewußtsein und die Liebe zur Wahrheit dieses literarischen Charakters. In der Oberschule fand er in dem moslimischen Fürstensohn Mehtab einen Freund. Im Gegensatz zu Gandhi, der klein und schmächtig war, besaß Mehtab eine sportive Konstitution und war furchtlos, wohingegen Gandhi feige und ängstlich war. Der junge Moslem brachte ihn dazu Fleisch zu essen, da sie glaubten, daß die körperliche Überlegenheit der Engländer hauptsächlich darauf beruhen würde, daß diese Fleisch essen. So traf sich Mohandas regelmäßig mit Mehtab, um heimlich Ziegenfleisch zu essen. Doch das schlechte Gewissen seine Eltern zu hintergehen und zu belügen, nagte so stark in ihm, daß er beschloß vom Fleischessen abzulassen, solange seine Eltern noch am Leben waren. 15 Außerdem begann er im Alter von 12 Jahren heimlich zu rauchen. Zusammen mit einem Verwandten sammelte er die Kippen seines Onkels auf und rauchte die Stummel. Schließlich bestahl er sogar seine Eltern und deren Dienerschaft, um sich selbst Zigaretten kaufen zu können. In seiner Autobiographie deutete er dieses Verhalten vor allem dahingehend, daß er versuchte unabhängig von den Eltern zu werden. Das Rauchen war ein Stück weit Rebellion gegen die Älteren. Er war darüber so verzweifelt, daß er mit dem Gedanken spielte, Selbstmord zu begehen. So ließ er von den Zigaretten ab, um nicht mehr stehlen zu müssen. 16
Abgesehen von dieser Auflehnung, war Gandhi jedoch ein äußerst pflichtbewußter Sohn, der die ihm aufgetragenen Aufgaben bereitwillig und gerne erfüllte. Dies zeigte sich besonders beim Tod seines Vaters, der nach mehrjähriger Krankheit 1885 gestorben war. 17 Hier konnte er seinem Ideal Shrivana (s.o.) folgen. Jeden Tag erfüllte er seinen Pflegedienst für den bettlägerigen Vater und verabreichte ihm die
13 Gandhi, S. 17
14 ebenda S. 16f
15 ebenda S. 28ff
16 Fischer, S.13
17 ebenda S. 16
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Medizin. Sein Tagesablauf war neben der Schule von der Krankheit des Vaters bestimmt, doch der Sohn klagte darüber nie und erfüllte seine Pflichten mit Freude. 18 Möglicherweise entstand hier sein Interesse an der Medizin.
Der junge Gandhi war in vielerlei Hinsicht ein normales Kind. Das Auflehnen gegen die Eltern in Form von Rauchen und Fleisch essen, ist nichts weiter, als die gewöhnliche Rebellion gegen die Welt der Erwachsenen, einschließlich der Religion. Auch wenn er kein außergewöhnlich talentierter Schüler war, so war er außerordentlich pflichtbewußt. Erfüllte er seine Pflichten und Erwartungen gegenüber den Eltern und Lehrern nicht, plagte ihn ein äußerst schlechtes Gewissen. Setzte er sich doch mal über Regeln und Konventionen heimlich hinweg , kam er damit selbst nicht zurecht. Außergewöhnlich war er vor allem darin, daß er niemals Lehrer, Mitschüler, Eltern und Freunde anlog. Dieses Gewissen und das Vorbild des aufrichtigen und ehrlichen Vaters haben in Gandhi eine tiefe Liebe zur Wahrheit hervorgerufen. Einem Leitbild, dem er später immer mehr folgen sollte. Auch wenn Gandhi als Kind nicht besonders religiös war, so hat doch seine Mutter einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Hier dürften die Wurzeln für seine späteren Fastenzeiten angelegt sein. Ebenso wie seine Mutter fastete er so lange, bis sein Gelübde erfüllt war. So fastete Gandhi, als die Unruhen zwischen Moslems und Hindus nicht enden wollten und schwor, nicht eher sein Fasten zu beenden, bevor die Auseinandersetzungen aufhörten. 19 Diese Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft, die ihn auszeichnete, beruht u.a. auf den frühen Einflüssen seiner Mutter.
II.2. Gandhis Eheschließung mit Kasturba
Gemäß indischer Sitte wurde Gandhi schon im Alter von dreizehn Jahren verheiratet. 20 Dieses Ereignis erschütterte ihn zutiefst und Zeit seines Lebens prangerte er diese Unsitte an. 21
18 Gandhi, S. 36
19 Schenkel, Gandhi, 1949, S. 327
20 ebenda S. 27
21 ebenda
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Quote paper:
Sebastian Schmid, 2001, Gandhi, Mohandas - Erziehung, Bildung und frühe Karriere, Munich, GRIN Publishing GmbH
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