Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 3
2 Die Verwaltungsstruktur Frankreichs. 4
2.1 Die Verwaltung im Ancien Régime 4
2.2 Die Verwaltung nach der Französischen Revolution 6
3 Die Namen der Departements. 7
3.1 Definition des Begriffs Ortsname 8
3.2 Die Herkunft der Departementnamen 10
3.2.1 Departementnamen aus Hydronymen 10
3.2.2 Departementnamen aus Gebirgsnamen 11
3.2.3 Andere Benennungsmuster. 12
3.3 Morphologische Besonderheiten der Departementnamen 13
3.3.1 Das Paar haut / bas in Departementnamen 13
3.3.2 Die Artikel der Departementnamen 14
3.4 Die Namen der Departementbewohner 15
3.5 Die Namen der Departements im Jahre 1811 16
4 Die Benennungsmuster der Revolution als Vorbilder. 17
4.1 Namengebung in den französischen Kolonien 17
4.2 Vorbildfunktion für Preußen und Italien. 18
5 Lothringen vs. Lorraine. 20
6 Konklusion 21
7 Bibliographie. 23
2
1 Einleitung
„Nichts ist in Frankreich stetiger als der Wandel“, sagt ein Vorurteil gegenüber den Franzosen. Bestes Beispiel dafür ist die Epoche von der Französischen Revolution bis zum Fall Napoleons. In dieser Zeit änderte Frankreich oft sowohl seine äußere Erscheinung, indem es sich territorial vergrößerte, als auch seine innere Erscheinung, indem das Land seine Verwaltung erneuerte und umstrukturierte. Nach der Revolution sollte von den Strukturen des Ancien Régime nichts mehr übrig bleiben. Das Land wurde komplett neu aufgeteilt. Im Zuge dieser Umgestaltung tauchte eines der grundlegendsten Probleme auf, die neue geschaffene territoriale Einheiten mit sich bringen. Sie mussten benannt werden. Man stand vor der Heraus-forderung, für 83 neue Departements Namen finden zu müssen. Der Prozess und das Ergebnis dieser Namensfindung und -gebung sollen im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen.
Dazu wird zuerst die Verwaltungsstruktur Frankreichs vor und nach der Revolution erläutert. Darauf folgt im Hauptteil eine genaue Untersuchung der Departementnamen und ihrer Herkunft. Dabei wird versucht, Strukturen und Muster in der Namengebung herauszuarbeiten und eventuelle Abweichungen von diesen Mustern zu finden. Vorher wird der Begriff Ortsname kurz definiert. Dann folgt eine morphologische Betrachtung der Departementnamen, bevor die Namengebung in den von Napoleon eroberten Gebieten beleuchtet wird. In einem eigenen Kapitel soll die Vorbildfunktion, die diese Namengebung auf andere europäische Länder hatte, gezeigt und am Beispiel des Doppelnamens Lothringen - Lorraine die Entstehung eines Ortsnamens kurz erläutert werden.
In dieser Arbeit wird vorrangig auf Muster bei der Namengebung eingegangen, Lautentwicklungen bzw. etymologische Betrachtungen zu den Namen der Departements nehmen nur einen sehr geringen Raum ein und sollen nur zur Illustration bestimmter Phänomene dienen.
3
2 Die Verwaltungsstruktur Frankreichs
Denkt man an Frankreich vor der Revolution, so denkt man an eine zentralistisch verwaltete Monarchie. Der König war der Kopf des Staates oder er war, wie Ludwig XIV. sagte, der Staat selbst 1 . Zentrum des Königreiches war der Hof in Versailles und dieser zugleich auch Vorbild für die Adligen des Landes. Sie strebten danach, einen Platz am Hof zu bekommen. Wer sich am Hof behaupten konnte, der konnte sich der Zuneigung durch den König in Form von Pensionen sicher sein 2 . Die damals existierenden Regionen waren hauptsächlich durch die Adligen am Hof vertreten, die Aufmerksamkeit des Königs sicherte ihnen die Existenz. Im Laufe der französischen Revolution wurden die historisch gewachsenen Regionen abgeschafft und durch die Departements ersetzt. Nach zähem Ringen verabschiedete 1790 ein Gesetz, das Frankreich in 83 flächenmäßig relativ gleiche Departements teilte. Damit war das revolutionäre Prinzip der égalité erfüllt, keine Region in Frankreich war besser gestellt als eine andere.
Doch es wäre zu einfach, dieses Bild von der Verwaltung Frankreichs vor und nach der Revolution so stehen zu lassen. Die Realität, die in diesem Kapitel kurz gezeigt werden soll, muss differenzierter betrachtet werden.
2.1 Die Verwaltung im Ancien Régime
Während der absoluten Monarchie war Frankreich in Provinzen aufgeteilt, die so genannten gouvernements. Diese waren durch die Generalstände vertreten, die im Jahre 1614 zum letzten Mal einberufen wurden. Die Provinzen hatten sehr unterschiedliche Größen und waren meist historisch gewachsen 3 . Es gab 32 Provinzen und ihre Bevölkerungszahlen waren genauso verschieden wie ihre Größe. Nicht alle Provinzen waren abhängig vom König, einige verwalteten sich selbst, hatten sogar eigene Gesetze und Armeen. Diese Armeen handelten zwar im Auftrag des Königs, sie sicherten
1 Anspielung auf den Ausspruch Ludwigs XIV. aus dem Jahre 1655, als er sagte: „L’État,
c’est moi.“
2 Die Situation am Hof in Versailles wurde ausführlich von Norbert Elias in seinem Werk Die
höfische Gesellschaft beschrieben.
3 Dazu die Karte in: Haensch/ Fischer, 1994, S.240.
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zum Beispiel die Postwege, wurden aber von ihren Landfürsten bezahlt. Zu der rechtlichen Situation in den Provinzen vor der Revolution meinte Voltaire: „De poste en poste, on change de jurisprudence en changeant de chevaux.“ 4 Der Zentralismus, den das Ancien Régime in Frankreich ausmacht, geht nicht mit der Gleichheit der Provinzen einher. Vielmehr herrschte, was die Verwaltung anbetraf, ein „Undurchsichtigkeit“ 5 und Unübersichtlichkeit. Den Provinzen wurde schon aufgrund der unterschiedlichen Dauer der Zugehörigkeit zum französischen Staat unterschiedliche Rechte zugestanden. Der Staat hörte bis kurz vor der französischen Revolution nicht auf, sich zu vergrößern. Das letzte Territorium, das Teil von Frankreich werden sollte, war Korsika im Jahre 1768. Bereits unter Ludwig XIV. versuchten zwei Minister, „…die provinziale Verwaltung wieder zu organisieren und zu einer Einheit zu verschmelzen. Der Versuch mißglückte.“ 6 Auch sprachlich kann in Frankreich unter dem Ancien Régime nicht alles als uniform bezeichnet werden. Viele verschiedene Regionalsprachen und Dialekte wurden auf dem Territorium Frankreichs gesprochen. Im Norden wurde Flämisch in den Schulen unterrichtet, obwohl alle offiziellen Dokumente auf Französisch verfasst waren. Diese Situation sollte sich spätestens mit der Schulreform von Jules Ferry im Jahre 1882 ändern 7 . In einem Punkt waren sich die Franzosen allerdings offensichtlich einig. Seit der Aufhebung des Edikts von Nantes (1685) galt der Katholizismus als die Religion der Mehrheit der Franzosen. Die Toleranz, die den Protestanten bis dahin entgegen gebracht worden war, fand in diesem Jahr ein Ende. Die französische Kirche wurde schon immer als „la fille ainée de l’église catholique“ bezeichnet, als die Erstgeborene der katholischen Kirche. Die Namen der Provinzen, die im Ancien Régime existierten, finden sich heute noch in den Namen einiger Regionen 8 und Departements wieder. So gibt es heute immer noch die Regionen Bretagne, Picardie oder Elsaß
4 Voltaire zitiert bei Dayries/ Dayries, 1982, S.7.
5 Hintze, 1989, S.180.
6 Poincaré, 1913, S.31.
7 hierzu Pateau, 1999, S.202: „Vergessen wir nicht, dass Jules Ferry nicht nur für das repu-
blikanische Triptychon der kostenlosen, konfessionslosen und obligatorischen Schule steht;
er verbietet es auch den kleinen Franzosen, ihren Dialekt oder ihre Regionalsprache zu
sprechen.“
8 mit „Region“ ist hier die Verwaltungseinheit gemeint (fr. région), nicht die geographische
Einheit.
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genauso wie das Departement Maine-et-Loire, das teilweise identisch mit der historischen Provinz Maine ist.
2.2 Die Verwaltung nach der französischen Revolution
Die französische Revolution brachte nicht nur eine völlig neue politische Ordnung, schon bald danach wurde auch die gesamte Verwaltung des Landes erneuert. Die Strukturen des Ancien Régime sollten zerstört werden und gleichzeitig die Grundfeste der Revolution beachtet werden. Deshalb beschloss die Nationalversammlung im Jahre 1790 die Aufteilung Frankreichs in 83 Departements. Der Prozess der Entscheidungsfindung dauerte lange, deshalb lässt sich nicht mit Genauigkeit angeben, an welchem Tag das entscheidende Gesetz über die Aufteilung Frankreichs in Departements verabschiedet wurde 9 .
Bei der Einteilung spielten praktische Überlegungen eine große Rolle. Die Departements wurden in mindestens drei und höchstens neun Distrikte unterteilt, von denen jeder wieder in kleinere Kantone zerstückelt wurde. Das Prinzip der „räumlichen Deckungsgleichheit“ 10 bestimmte diese Zerstückelung des Territoriums. Die Hauptstadt des Departements sollte für jeden Einwohner innerhalb eines Tages erreichbar sein, der Hauptort eines jeden Distrikts in einer halben Tagesreise. Diese Größe war die Norm für die Grenzziehung. Es entstanden 83 Departements, die in der National-versammlung repräsentiert waren. Andere Projekte wurden verworfen, zum Beispiel eines von Mirabeau, das die Bildung von hundertzwanzig Departements vorsah, wobei regionale Besonderheiten erhalten bleiben sollten 11 . Das war jedoch nicht mit der Idee der égalité zu vereinbaren, deshalb bevorzugte man den Plan des Abbé Sieyès 12 .
Bei der Namengebung der Departements, die im nächsten Kapitel genau beleuchtet werden soll, spielte eine ganz andere Idee eine Rolle. Die Namen der alten Provinzen verschwanden, „…um den Baum der Feudalität
9 Burg spricht vom15.Februar 1790, Hintze vom 11.November 1789, Auby/ Pontier nennen
den 22. Dezember 1789 als Tag der Abstimmung über das Gesetz und den 8.Januar 1790
als den Tag von dessen Ratifizierung.
10 Burg, 1994, S.39.
11 Vgl. Poincaré, 1913, S.32.
12 Genaueres zum Projekt des Abbé bei: Hintze, 1989, S.180 - 186.
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bis zu den Wurzeln auszurotten…“ 13 . Außerdem wollte man die Identifikation mit der Provinz unterbinden, denn in der Ideologie der Revolution stellte diese das Gegenteil zur Identifikation mit der Republik dar. In der Verwaltung der Departements gab es zwei wichtige Instanzen: den Generalrat und den Präfekten. In den Generalräten war das Volk durch gewählte Personen vertreten. Sie wurden auf sechs Jahre gewählt und hatten genau festgelegte Befugnisse. Das Amt des Präfekten wurde von Napoleon Bonaparte im Jahre 1800 geschaffen. Der Präfekt stand an der Spitze des Departements. In den Jahren nach der Revolution wurde er vom Ersten Konsul ernannt. Er war sozusagen der verlängerte Arm von Paris in der Provinz. Calvet meint dazu: „L’oeuvre de réorganisation, dans tous les domaines, sera un acheminement vers le centralisme despotique.“ 14 Durch diese Reform wurde also in gewisser Weise der Zentralismus wieder hergestellt, den die Revolution versucht hatte abzuschaffen.
Im Laufe der Geschichte schwankte die Zahl der Departements immer wieder. Wurden ursprünglich 83 Departements geschaffen, so existierten im Jahre 1810 aufgrund der Eroberungen Napoleons schon 130. Die Zahl reduzierte sich mit dem Fall Napoleons wieder auf 87, heute gibt es 100 15 . Vier davon sind Übersee-Departements, die restlichen bilden das hexagone. Die Art der Einteilung des Territoriums, die Systeme der Namengebung genauso wie die Festlegung der Größe der Verwaltungseinheiten sollten Vorbild für viele europäische Nationen sein. Deutschland übernahm Muster in der Namengebung, Italien bei der Verwaltung. Darauf wird an späterer Stelle noch detaillierter eingegangen.
3 Die Namen der Departements
Die Motive bei der Namengebung der französischen Departements sind sehr verschieden, wobei ein Motiv deutlich hervorsticht. Ein großer Teil der Departements ist nach Flüssen benannt. Genereller gesagt, bilden Hydronyme die Vorlage für den Großteil der Departementnamen. Damit sind
13 Poincaré, 1913, S.33.
14 Calvet, 1966, S.54.
15 Zahlen entnommen aus: Schmidt/ Doll/ Fekl/ Loewe, 1981 - 1983, S.218 - 219.
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Arbeit zitieren:
M.A. Martin Piesker, 2006, Die Namen der französischen Departements, München, GRIN Verlag GmbH
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