Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Kurzer Abriss zur Sprachgeschichte Sardiniens 4
3 Übersicht zur dialektalen Gliederung Sardiniens 5
4 Zur Geschichte der Standardisierung 6
4.1 Die Carta de Logu 6
4.2 Emanzipation des Sardischen im 20. Jahrhundert 7
5 Vorgeschichte und Grundlage der Limba Sarda Unificada (LSU) 8
6 Die Limba Sarda Unificada 9
7 Reaktionen und Gegenvorschläge zur LSU 11
8 Synthese 14
9 Literaturverzeichnis 15
1 Einleitung
Sardinien, eine Insel im Mittelmeer, die seit der italienischen Staatsbildung im Jahre 1861 zu Italien gehört. Und doch gehört sie nicht richtig zu Italien, denn die Bewohner Sardiniens betrachten sich zuallererst als Sarden, dann als Italiener. Es herrscht also eine deutliche Identifikation mit der Region vor, die nicht untypisch für Italien ist. Mit dieser Identifikation geht auch die Sprache einher. Etwa 80% der Sarden sprechen heute noch sardisch bzw. eine Varietät oder einen Dialekt des Sardischen. Seit 1999 hat das Sardische auch den Status einer offiziellen Minderheitensprache, Sardinien ist offiziell zweisprachig. Nun ist aber sardisch keine homogene Sprache, sondern unterteilt sich in viele Dialekte. Ein Zitat von Eduardo Blasco Ferrer soll das verdeutlichen: „Se percorrete una diecina di chilometri in direzione nord e arrivate a Teti, vi troverete con un dialetto logudorese, molto meno comprensibile per un Campidanese; se invece deviare per Teti, andate a Ovodda, il tasso di comprensibilità sarà nullo, un Campidanese si troverà in terra straniera.” 1
Diese Arbeit soll zeigen, wie das Projekt einer Standardisierung des Sardischen in Angriff genommen wurde und welche Resultate erzielt worden sind. Dabei wird zuerst kurz die Sprachgeschichte Sardiniens beschrieben werden, gefolgt von einer Übersicht über die dialektale Gliederung des Sardischen. Später wird versucht werden, eine Geschichte der Standardisierungsversuche auf Sardinien zu beschreiben. Im Folgenden wird die Arbeit der Kommission, die im Jahre 1999 mit der Schaffung einer Norm des Sardischen beauftragt war, genauer untersucht. Abschließen wird die Arbeit mit einer Darstellung der Kritik und den daraus gezogenen Konsequenzen für die Limba Sarda Unificada, der normierten sardischen Sprache. Dabei wird vor allem Wert auf die von fachlicher Seite geäußerte Kritik gelegt werden.
1 Blasco Ferrer, Eduardo, La lingua sarda contemporanea, 1994, S. 104.
2 Kurzer Abriss zur Sprachgeschichte Sardiniens
Das Sardische gehört zu den romanischen Sprachen und wird häufig als die archaischste bezeichnet 2 . Es hat sich wie alle romanischen Sprachen aus dem Vulgärlatein entwickelt. Aufgrund verhältnismäßig früher Isolierung der Insel vom Römischen Reich gelangten kaum sprachliche Neuerungen nach Sardinien und so kann man etwa ab dem 11. Jahrhundert von einer eigenen sardischen Sprache reden. Bereits damals gab es zwei dominierende Dialekte, das Altcampidanesische und das Altlogudoresische, deren Unterschiede allerdings relativ gering waren. Durch verschiedene Eroberungen hinterließen viele Sprachen ihre Spuren im Sardischen bzw. trugen erheblich zu der großen dialektalen Vielfalt Sardiniens bei, die wir heute auf der Insel finden. So sind zum Beispiel die nördlichen Dialekte galluresisch und sassaresisch von der Herrschaft der Pisaner zwischen dem 11. und dem 14. Jahrhundert beeinflusst. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts bildete Sardinien einen Teil des spanischen Königreiches, wodurch sich der katalanische Einfluss auf die Dialekte erklärt. Das Katalanische wurde aber vor allem in den Städten gesprochen, während in den ländlichen Gegenden und in den Bergregionen weiter sardisch gesprochen wurde. Mit der Einigung Italiens 1861 gewann das Italienische auf Sardinien immer mehr an Bedeutung. Dieser Einfluss wuchs noch mit der Verbreitung der modernen Medien wie Radio und Fernsehen, ohne dass jedoch das Sardische bzw. seine Dialekte vollständig verdrängt worden wären. Heute kann man von einer Diglossie großer Teile der sardischen Bevölkerung sprechen. Die Präsenz des Sardischen als Schriftsprache beschränkt sich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts fast vollständig auf Verwaltungs- und Rechtsdokumente. Ein bedeutendes Dokument ist die wahrscheinlich 1392 3 von Eleonora di Arborea veröffentlichte Carta de Logu, ein Gesetzestext in sardischer Sprache, auf den später noch genauer eingegangen wird. Anfang des 19. Jahrhunderts lebt das Sardische als Literatursprache kurz auf, diese Welle wird aber von der zunehmenden Italianisierung Sardiniens erdrückt. Von einer echten Emanzipierung des Sardischen kann erst ab den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Rede sein.
2 So zum Beispiel bei Mensching, Guido, Einführung in die sardische Sprache. 1992, S.13.
3 in ROM:SO:560:LOI: „La Carta de Logu[...] è stata promulgata [...] probabilmente nel 1392 anche se gli
studiosi non escludono la possibilità di una datazione anteriore.” S.126.
3 Übersicht zur dialektalen Gliederung Sardiniens
Ein Hauptproblem der Standardisierung des Sardischen ist seine große diatopische Vielfalt. Vereinfachend kann man sagen, dass es zwei Hauptdialekte und zwei „semi-sardische Varietäten“ 4 gibt. Diese Hauptdialekte sind das Campidanesische im Süden der Insel und das Logudoresische, welches im Zentrum der Insel gesprochen wird. Die beiden kleineren Varietäten sind das Galluresische und das Sassaresische im Norden, welche aber den Charakter des Sardischen, sollte man es als einheitliche Sprache betrachten, nicht vorweisen können. Diese grobe Einteilung findet sich auch im LRL: „…occorrerà dunque separare i diasistemi settentrionali dell’isola dal logudorese e dal campidanese, dato il loro carattere non-sardo...” 5 . Der “nicht-sardische” Charakter der beiden nördlichen Dialekte spiegelt sich zum Beispiel in dem Artikelsystem la/lu/li oder in der Bildung der zweiten Person Singular auf -i wider. Diese Phänomene sind Resultate des pisanischen und genuesischen Superstrats. Während diese beiden Varietäten relativ homogen sind, teilen sich der zentrale und der südliche Dialekt in viele kleine Varietäten. Blasco-Ferrer findet vier Varietäten des Logudoresischen und derer acht des Campidanesischen 6 . Die beiden großen Varietäten lassen sich eher der Westromania zuordnen, sie bilden die zweite Person Singular mit -s, die dritte mit -t, der Plural wird zumeist mit -s gebildet. Die Artikel su/sa werden vom lat. IPSUM/-A abgeleitet. Außerdem zeichnen sie sich durch eine analytische Futurbildung aus (‚haben’ + Präposition a + Infinitiv), so zum Beispiel appu a fueddai = parlerò 7 . Weiterhin ist dem Sardischen als einzige romanische Sprache die Bewahrung des Lautes [k] für die Graphie /c/ vor -e und -i eigen. Besonders ist auch eine Kopierregel, wonach einem Auslautkonsonanten vor einer Sprechpause der vorangehende Vokal angefügt wird, die Epithese: [’ominεsε]. Rund 80% der 1,6 Millionen Sarden, die heute auf der Insel leben, sprechen Sardisch, wobei das Campidanesische die größte Sprecherzahl aufweist. Über die Varietäten des Sardischen hinaus gibt es auf der Insel heute noch zwei nichtsardische Sprachinseln. In Alghero, einer
4 Mensching / Grimaldi, Limba Sarda Unificada. Zu den jüngsten Bestrebungen der Standardisierung des
Sardischen. 2005, S. 61.
5 LRL, 1988. Bd. IV S.892.
6 Blasco Ferrer, Eduardo, Storia linguistica della Sardegna. 1984, S.201.
7 Beispiel entnommen aus: Bolognesi, Roberto, Per un approcio sincronico alla linguistica e alla
standardizzazione del sardo. 1999, S.35.
Arbeit zitieren:
M.A. Martin Piesker, 2005, Zur Standardisierung des Sardischen, München, GRIN Verlag GmbH
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