Gliederung
1. Einleitung 4
2. Die Geschichte des Korans in der islamischen Geschichtsschreibung 7
2.1 Die Sammlung des Korans unter dem Propheten 7
2.2 Die umānische Redaktion des Korans 10
2.3 Vor-umānische Kodizes 13
2.4 Zusammenfassung 14
3. Die koranischen Siglen 15
3.1 Einleitungsverse der „chiffrierten“ Suren 17
3.2 Verszählung 19
3.3 Surennamen 21
3.4 Siglen in den vor-umānischen Sammlungen 21
4. Erklärungstheorien zu Ursprung und Bedeutung von Siglen 22
4.1 Die Siglen aus der islamischen Sichtweise 23
4.1.1 Die klassischen Interpretationen der Siglen 23
4.1.2 Die modernistische Deutung der Siglen als „mathematisches Wunder
des Korans“ 24
4.2 Deutungsversuche der Siglen in der westlichen Orientalistik 26
4.2.1 Die Deutungsversuche nach Eduard GOOSSENS 26
4.2.2 Sigle als technische Zeichen für die Länge der Suren nach Hans BAUER 28
4.2.3 Sigle als Abbreviaturen im Zusammenhang mit dem Redaktionsprozess
bei Werner SCHMUCKER 30
5. Schlussfolgerung 32
Literaturverzeichnis 35
3
1. Einleitung
In der islamischen Tradition und zum größten Teil auch in der westlichen Orientalistik geht man davon aus, dass der Koran das authentische Wort des Propheten Mohammed ist. Die Endredaktion des Korans als muaf wurde in der Zeit zwischen 650-656 unter der Regierungszeit des dritten Kalifen Umān Ibn Affān (reg. 644-656) vollzogen und der Text des Korans hat bis heute seine Gestalt kaum verändert. Allerdings stellt der Koran kein leicht zu erschließendes Buch dar. 1 Man denke z. B. nur daran, dass der Text der umānischen Koranausgabe in einem rasm festgelegt war, in dem eine eindeutige Erkennung des Lautes für den Außenstehenden nicht möglich war. Erst auf die Initiative des Umayyaden-Kalifen Abdalmalik ibn Marwān (reg. 687-705) und unter der Leitung des irakischen Statthalters al-aā (reg. 694-714) wurde eine Kommission gebildet, die das konsonantische Textgerüst mit Punkt-, Strich- und anderen zusätzlichen orthographischen Zeichen versehen hat, wodurch die Mehrdeutigkeit des umānischen rasm- Textesbeseitigt werden sollte. 2 Ein anderes zentrales Problem der Koranforschung aber auch der Fiqh-Wissenschaften, ist die Tatsache, dass die Suren des Korans nicht nach einem chronologischen Prinzip angeordnet sind. Selbst die Ordnung der Verse innerhalb der Suren in Bezug auf die Chronologie und auf deren semantischen Inhalt ist nicht immer exakt. So stehen bisweilen einige Verse zusammen, die ursprünglich nicht zusammengehört haben.
Von Anfang an entwickelten sich in der islamischen Welt zahlreiche exegetische Koranwissenschaften, die allesamt die verschiedensten Fragen rund um den Koran zu klären versuchen. Später hat man sie alle mit dem Begriff ulūm al-Qurān bezeichnet. Djalāl ad-Din as-Suyūī (849-911 d.H.) zählt in seinem Werk al-Itqān fī ulūm al-Qurān achtzig solche Wissenschaften auf. Die Hauptthemen der islamischen Koranforschung waren, um nur einige davon aufzuzählen Anlass, Zeit und Ort der Herabsendung der einzelnen Offenbarrungen, deren Sammlung, Grammatik und Syntax des Textes, die Regeln für die Koranrezitation, sprachliche Unnachahmlichkeit des Korantextes, die Abrogation bestimmter Verse, die Prinzipien der juristischen Interpretation des Korans, dessen Themen und die Koranexegese. 3
1 Bobzin, S. 9
2 Hamdan, S. 133-148
3 Krawulsky, S.46
4
Auf dieser Grundlage entstand auch die Wissenschaft von urūf al-fawāti. Damit bezeichnet man die Wissenschaft von den 29 Siglen des Korans, die aus unterschiedlichen Kombinationen von Buchstaben des arabischen Alphabets bestehen. Sie stehen unmittelbar nach der einleitenden Formel basmala, meistens als erster Vers am Anfang der Suren. Nach der herrschenden islamischen Tradition werden diese Siglen als fester Bestandteil des Offenbarungstextes angesehen, die bis auf den Propheten Mohammed zurückzuführen sind. Die Erklärungen dessen, was diese Siglen bedeuten könnten, reichen bis zum ersten Jahrhundert der Hira zurück und sind sehr vielfältig. Demnach waren die Siglen als Abkürzungen für Worte bzw. Phrasen, als arabisches Alphabet oder auch als Zahlenwerte zu interpretieren. At-Tabarī und ar-Razi haben etwa einige Siglen als Teile des Gottesnamens gedeutet: wie z.B. ergab sich aus dem Zusammenschluss der drei Siglen ALR, M und N ar-ramān „der Barmherzige“. 4
In der westlichen Orientalistik bekamen die Siglen den Namen „mysterious letters“, also „geheimnisvolle Buchstaben“. Im Gegensatz zu der islamischen Tradition werden sie durch eine historisch-kritische Forschung auf ihre Bedeutung untersucht. Die Theorien zu diesem Phänomen wurden im Ganzen in zwei Kategorien unterteilt: es gibt einige Theorien, die Siglen auf unterschiedlichste Weise auch als Abkürzungen für die Worte bzw. Wörter-gruppen erklären und andere, die sie als irgendwelche Hilfszeichen oder Markierungen ansehen, die im Laufe der Koranredaktion entstanden sein könnten. 5
Parallel zu der Frage nach Bedeutung und Ursprung der Siglen stellen sich auch andere Streitfragen, die in der Koranforschung bis jetzt nicht geklärt sind. Die zentrale Frage wäre dann, ob die Sammler des umanischen Korans während der Redaktion irgendetwas in den Text aufnahmen, was nicht zum ursprünglichen Offenbarungstext gehört hat, oder im Gegenteil von der ursprünglichen Offenbarung etwas weggelassen wurde. 6 Im Bezug auf die Siglen heißt das, erstens, ob die Siglen bereits schon zu Lebzeiten von Mohammed existieren konnten oder erst später im Laufe der Koranredaktion entstanden sind. Zweitens, stellt sich die Frage was es mit diesen Siglen auf sich haben könnte.
Um dieses Thema näher zu erläutern, ist es sinnvoll, am Anfang der Arbeit zuerst eine Übersicht über die Geschichte der Offenbarung und ihre Niederschrift zu geben und zwar
4 Schmucker, S.102
5 Massey, S. 473
6 Watt/Welch, S.184
5
im Bezug auf die Ereignisse, die für diese Fragestellung von Bedeutung sein könnten. Im zweiten Teil der Arbeit wird gezeigt, wie die Siglen im Koran aufgeteilt sind und durch welche besonderen Merkmale sie gekennzeichnet sind. Anschließend wird ein allgemeiner Überblick über die Deutungsversuche sowohl seitens der islamischen als auch der westlichen Forschung dargestellt, ohne dass hier eine bestimmte These bevorzugt wird. Denn, wie schon angedeutet wurde, es existiert eine Fülle von Versuchen, dieses Phänomen zu erklären. Trotz aller Bemühungen ist es bis jetzt nicht gelungen der Lösung dieses Rätsels näher zu kommen. Vielmehr spricht man bei allen Versuchen, sei es aus einer islamischen Tradition oder aus der Sicht einer westlichen historisch-kritischen Forschung, von einer Willkür der Erklärungsvorschläge. 7 Das betrifft vor allem viele Deutungen der Zeichen als Abbreviaturen, die sich „im Reiche der unbegrenzten Möglichkeiten“ 8 bewegen. Letztlich wurde die Frage gestellt, ob es überhaupt noch möglich sei, die wahre Bedeutung und den Ursprung der Zeichen zu erschließen. 9
7 Schmucker, S.94
8 Schwally, II S. 70
9 Schmucker, S.90
6
2. Die Geschichte des Korans in der islamischen Geschichtsschreibung
Im Folgenden wird die Sammlungsgeschichte des Korans vom Anfang der Offenbarung bis zur Endredaktion unter dem Kalifen Umān vorwiegend aus der traditionellen islamischen Sicht dargestellt. Trotz einiger ablehnenden Thesen, wie jene des John Wansbrough oder von Patricia Crone und Michael Cook, werden die islamischen Quellen, vor allem in der neuesten westlichen Koranforschung zum größten Teil als normativ akzeptiert und bilden eine unumgängliche Grundlage für die weiteren Forschungen. Laut einiger Meinungen unterscheiden sich die die westliche und islamische Wissenschaft lediglich in den Forschungsmethoden, nicht aber deren Ausgangspunkt und das Endergebnis. 10
2.1 Die Sammlung des Korans unter dem Propheten
Die Geschichte der Offenbarung beginnt etwa im Jahre 610 n. Chr., als Muhammad im Alter von etwa vierzig Jahren sein erstes visionäres Erlebnis hatte. Nicht zum ersten Mal zog er sich während des Monats Ramadan in der Nähe von Mekka in eine Höhle auf dem Berge irā zurück, um das taannu 11 zu verrichten. Währenddessen wurde der Prophet vom Engel Gabriel aufgefordert im Namen des Herrn Folgendes vorzutragen:
1 Trag vor im Namen deines Herrn, der erschaffen hat, 2 den Menschen aus einem Embryo erschaffen hat! 3 Trag vor! Dein höchst edelmütiger Herr ist es ja, 4 der den Gebrauch des Schreibrohrs gelehrt hat 5 den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste. (96: 1-5) 12
Damit gelten allgemein diese fünf Verse der Sure 96 „Der Embryo“ als die ersten Offenbarungsworte, die der Prophet empfing 13 und die Offenbarung als ein ewig gültiges, unmittelbares Gotteswort und der Prophet selbst ist nur ein Übermittler dieser göttlichen Botschaft. 14
Für die Geschichte des Offenbarungstextes ist es von großer Bedeutung, dass der Prophet die ganze Botschaft nicht auf einmal über kürzere Zeiträume empfangen hat. Vielmehr
10 Krawulsky, S.145-146
11 Der genaue Charakter des Wortes ist nicht ganz klar; es bedeutet soviel wie „Gottesdienst“ oder „Andachtsübungen“. Welch/Watt, S.56 f.
12 Im Folgenden werden alle Koranstellen nach der Übersetzung des Korans von R. Paret zitiert.
13 Es gibt aber eine andere Ansicht, nach der als erste Offenbarungsverse in 74. 1-7 zu sehen sind. Welch stellt die Vermutung an, dass es nicht auszuschließen ist, dass die ersten Offenbarungsworte gar nicht erhalten sind. Welch/Watt, S. 55 f.
14 Hamidullah, S.42
7
Quote paper:
Maritana Larbi, 2008, Die geheimnisvollen Buchstaben des Korans, Munich, GRIN Publishing GmbH
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