INHALTVERZEICHNIS
1 Vorbemerkung. 3
2 Geistige Grundlagen und prägende Diskurse. 7
2.1 Diskurse des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. 7
2.1.1 Theorien rassischer Überlegenheit 7
2.1.2 Boden und Lebensraum. 11
2.1.3 Vom Antijudaismus zum Antisemitismus. 15
2.2 Deutsche Diskurse nach 1918 17
2.2.1 Der Erste Weltkrieg. 17
2.2.2 Der Mythos vom Führer 22
3 Nationalsozialismus als handlungsleitende Situationsdefinition. 24
3.1 Traditionelle Elemente. 24
3.1.1 Hitler als Führer. 24
3.1.2 Das neue Reich. 26
3.1.3 Volksgemeinschaft des Blutes. 28
3.2 Antworten auf Fragen der Zeit 29
3.2.1 Antikapitalismus. 29
3.2.2 Gegen Demokratie, Liberalismus und Bürgertum. 31
3.2.3 Gegen Bolschewismus und Klassenkampf. 33
3.2.4 Bindeglied „Erlösungsantisemitismus“ 35
4 Zusammenführung der Ideologie. 37
5 Literaturverzeichnis. 40
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1 Vorbemerkung
„Gemeinnutz vor Eigennutz!“ 1 lautet eine der bekanntesten Parolen, die von der NSDAP verbreitet wurden. Aber auch andere Forderungen der Nationalsozialisten wie der Apell, dass „[…] die Tätigkeit des einzelnen […] nicht gegen die Interessen der Allgemeinheit verstoßen, sondern […] im Rahmen des Gesamten und zum Nutzen aller erfolgen (muss)“ 2 oder die Aufforderung zum „Rücksichtslosen Kampf gegen diejenigen, die durch ihre Tätigkeit das Gemeininteresse schädigen“ 3 haben eine eindeutige Bezugnahme zum Gemeinsinn. Wenn die NSDAP und die nationalsozialistische Bewegung weitergehend untersucht werden, so werden sich immer wieder Bezüge zu dem Begriff Gemeinsinn in seinen beiden Dimensionen finden lassen. Den Einzelnen für das große Ganze zu gewinnen, ist eine immer wieder auftretende Forderung der Nationalsozialisten, welche die Selbstsucht und die daraus resultierende Spaltung der Nation in Klassen, Schichten und Parteien anprangern. Zugleich versuchten die Ideologen der Bewegung einen neuen Sinn zu finden, dem sich der Einzelne verschreiben sollte.
Die Frage, die sich zwangsläufig aus dieser Feststellung heraus aufdrängt, ist welche Verbindung sich zwischen der Ideologie des Nationalsozialismus und Gemeinsinn herstellen lässt. Konkret soll geklärt werden, welcher neue Sinn der Gemeinschaft, oder treffender Volksgemeinschaft, gegeben und wie der Einzelne für das Ganze gewonnen werden sollte. Mit welchen Ideen wollte die nationalsozialistische Ideologie Gemeingeist erzeugen? Wie konnte die NS-Ideologie trotz ihrer Banalität und ihres Irrationalismus eine derart integrierende und dynamische Kraft entwickeln? In der Beantwortung dieser Fragen liegt der Zugang, um zu erkennen, mit welchen Versprechen und Visionen eine radikale Bewegung eine immer breitere Anhängerschaft gewinnen und eine neue politische und soziale Ordnung in Form einer totalitären Diktatur errichten konnte.
Der Nationalsozialismus in seinen Ursprüngen, seiner Herrschaft und seinen Folgen dürfte eines der am meisten beachteten und untersuchten Phänomene der Geschichte sein. Entsprechend existieren unzählige Publikationen von mehr oder minder wissenschaftlichem Anspruch, die ein kaum noch überschaubares Ausmaß angenommen haben. Die Auswahl der
1 Punkt 24 des 25-Punkte-Programms der NSDAP, in: http://www.dhm.de/lemo/html/dokumente/nsdap25, Zugriff am 8. Juli 2008.
2 Punkt 10.
3 Punkt 18.
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verwendeten Literatur gestaltete sich auf Grund der Fülle an Material entsprechend schwierig. Um und dieser Schwierigkeit zu begegnen, wurden zuerst die gängigen Standardwerke konsultiert, um die Bestandteile der nationalsozialistischen Ideologie zu bestimmen. Dabei kristallisierte sich schon früh heraus, dass eine Teilung in die geistigen Grundlagen, welche als Ideengeber der Bewegung wirkten, einerseits und deren Wirksamwerden im Nationalsozialismus andererseits, Ziel führend ist.
Für den ersten Teil der Arbeit, der sich mit jenen Diskursen beschäftigt, die als intellektuelle Wurzel betrachtet werden können, war im Besonderen das Werk von George Mosse „Ein Volk, ein Reich, ein Führer. Die völkischen Ursprünge des Nationalsozialismus“ unentbehrlich. Das nunmehr fast 30 Jahre alte Werk vollzieht die Ideengeschichte von den Grundlagen völkischen Denkens im 18. Jahrhundert über die Festigung der Gedanken im Kaiserreich bis hin zur Entwicklung der nationalsozialistischen Ideologie nach. Dabei versucht der Autor die vorherrschenden Diskurse in ihren Inhalten zu erfassen und ihre wirkliche Bedeutung für die Gesellschaft zu bewerten. Desweiteren untersucht er die Umsetzung der Diskurse in Leitbildern und politischen Programmen sowie die schrittweise Etablierung von Organisationen, die sich eben jene zu Eigen gemacht haben. Als Grundlage der NS-Bewegung sieht er Rassismus, Antisemitismus, den Mythos vom Boden und die Ausprägung einer neuen Utopie germanischer Vorherrschaft. Eine ähnliche Struktur weist die Arbeit von Stefan Breuer „Ordnungen der Ungleichheit. Die deutsche Rechte im Widerstreit ihrer Ideen 1871- 1945“ auf. Aber anderes als Mosse bewegt er sich nicht entlang der Geschichte, sondern untersucht einzelne Begriffe, die auch im späteren Nationalsozialismus große Bedeutung erlangen sollte. Längs der Begriffe Boden, Blut, Volk und Nation konstruiert er die Entwicklung vom nationalsozialistischen Bild des Rassestaates. Wie dieser Staat im Inneren strukturiert und wie er nach außen wirken sollte, welche Bedeutung Familie, Kultur und Religion einnehmen sollten, wird ebenfalls abgehandelt. Besonders aufschlussreich ist seine ideengeschichtliche Abhandlung des Antisemitismus, welcher sich vom unterschwelligen Vorurteil bis hin zu einem paranoiden Judenhass entwickelte. Neben den geistigen Grundlagen werden auch die speziell deutschen Diskurse untersucht, die im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg und der Situation nach 1918 stehen. Insbesondere das Kriegserlebnis und das Trauma der Niederlage bildeten den Nährboden für die Ablehnung von Demokratie und auch althergebrachten Werten. Der
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Wunsch nach einem Anführer, der das geschlagene Land zu einer neuen, starken Gemeinschaft führt, lässt sich an diesen Diskursen nachvollziehen.
Für zweiten Teil der Arbeit, der den Nationalsozialismus als handlungsleitende Situationsdefinition charakterisiert, sollen an dieser Stelle zwei Werke im Besonderen benannt sein. Um den Aufbau der Weltanschauung genauer zu charakterisieren, bietet sich das Werk von Thomas Klepsch „Nationalsozialistische Ideologie. Eine Beschreibung ihrer Struktur vor 1933.“ besonders an. Dem Autor gelingt eine Zerlegung der verschiedenen Strömungen der nationalsozialistischen Ideologie auf Basis der Grundlagentexte. Dabei nimmt er eine genaue Trennung zwischen dem eigentlichen Programm der NSDAP und den politischen Vorstellungen, welche Hitler in „Mein Kampf“ und anderen Schriftsätzen zum Ausdruck bringt, vor. Seine Unterteilung in die ökonomischen, innen- und außenpolitischen sowie rassistischen und antisemitischen Ebenen erleichterte die Analyse des Nationalsozialismus erheblich. Allerdings gelingt ihm keine überzeugende Darlegung, warum die Bewegung eine derart integrierende Kraft und Breitenwirkung erlangen konnte. Da die Fragestellung der vorliegenden Arbeit aber nicht nur eine blanke Strukturierung, sondern zwingend eine Analyse der Gemeinsinn stiftenden Elemente des Nationalsozialismus verlangt, musste ein Werk hinzugezogen werden, dass eben genau diese Bestandteile analysiert.
Die Arbeit von Jouko Jokisalo „Vom Bockmist zur geschichtsmäßigen Kraft. Determinanten und Wirkungen der Heilsversprechen des deutschen Sozialismus. 1933-1939“ untersucht die unbekannte Seite der nationalsozialistischen Ideologie. Denn die üblicherweise betrachteten Kernbestandteile wie Rassismus, Antisemitismus und Expansion wäre niemals in der Lage gewesen, eine derart breite Zustimmung der Bevölkerung für den Nationalsozialismus zu erringen. Der Autor zeigt auf, dass die Überzeugungskraft der Weltanschauung auch maßgeblich von der Fähigkeit abhing, die drängenden Fragen der Zeit zu beantworten und dieser war ohne Zweifel die soziale Frage. So verwundert es kaum, dass die NSDAP eine starke antibürgerliche, antikapitalistische und antiliberale Ausrichtung besaß, die es der Partei ermöglichte die kleinbürgerlichen und proletarischen Schichten anzusprechen. Diese Tatsache unterschied die NSDAP von den anderen völkischen und antisemitischen Gruppierungen, die ihre Weltanschauung aus den gleichen Diskursen bezogen, denen es aber niemals gelang derart breite Kreise zu gewinnen.
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Auch wenn sich die letztlich verwandte Literatur wesentlich umfangreicher ausnahm, so bildeten doch die vier genannten Werke die Grundlage für die Strukturierung der Arbeit und die Beantwortung der eingangs benannten Fragestellung. Allein die Zusammenführung der vier verschiedenen Ansätze unter der Ziel die nationalsozialistische Ideologie in Bezug auf gemeinsinnige Behauptungen und Verweise auf gemeinsinnstiftende Visionen zu untersuchen, rechtfertigt die vorliegende Arbeit.
Im abschließenden Teil der Arbeit erfolgt die Zusammenführung der Ideologie, wobei die Verknüpfung der traditionellen Elemente völkischen Denkens mit den aktuellen Diskursen der Weimarer Republik aufgezeigt werden soll. Das Resultat dieser Überlegungen stellt den Kern nationalsozialistischen Denkens dar, der weiterführend mit drei verschiedenen Kategorien zergliedert wird. Diese entstammen, da im Nationalsozialismus durchaus ein Heilslehre gesehen werden kann, der Überlegung von Franz-Xaver Kaufmann, welcher mit deren Hilfe die Aufgaben und den integrativen Charakter religiöser Überzeugungen untersuchte.
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2 Geistige Grundlagen und prägende Diskurse 2.1 Diskurse des 19. und frühen 20. Jahrhunderts
2.1.1 Theorien rassischer Überlegenheit
In der später ausformulierten Ideologie des Nationalsozialismus schafft gemeinsames Blut einen Konsens a priori und ist demnach die Grundlage der Gemeinschaft des Volkes. 4 Allerdings waren dieses Gedanken nicht neu und die Nationalsozialisten trugen zur Rassenlehre auch wenig bei, was nicht schon um 1900 Verbreitung gefunden hatte. 5 Es scheint demnach lohnenswert, die Frühdenker und Begründer der Lehre von der Ungleichheit der Menschen knapp zu benennen und deren wichtigste Thesen aufzuzeigen.
Anfang des 19. Jahrhunderts in der Epoche der Romantik wurde eine bereits vorhandene Lehre, welche zur Klassifizierung von Pflanzen und Lebewesen entwickelt wurde, mit metaphysischen Gedanken über erbliche und unveränderliche innere Werte des Menschen verknüpft. Es entwickelte sich der Glauben, welcher später mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen belegt werden sollte, dass das Äußere ein Abbild der Seele sei. Zugleich wurde ein Zusammenhang zwischen Menschen gleicher geographischer Lage und der entsprechenden gemeinsamen Volksseele hergestellt. 6
Um 1853 formulierte Arthur Graf Gobineau in seinem Werk „Essay über die Ungleichheit der Menschenrassen“ die Theorie, dass die Menschheit in Rassen aufteilbar ist, wobei die weiße bzw. arische Rasse als geschichts- und kulturtragende Kraft benannt wurde. Er begründete damit zugleich die Vorherrschaft des Adels gegenüber der restlichen Bevölkerung, da unterschiedliche Anteile des „arischen Blutes“ vorliegen und die Überlegenheit von Geburt an feststeht. Niedere Rassen, wie Slawen oder Schwarze, können in seiner Vorstellung nur bei Vermischung mit weißem Blut kulturschaffend wirken. Insbesondere in dieser Mischung des Blutes sieht er aber zugleich die Gefahr, dass Gleichheit und damit Mittelmaß über die Menschheit gebracht werden 7 und das Ende der Geschichte durch Mangel an schöpferischer
4 Lenk, Kurt, 1994: Rechts, wo die Mitte ist. Studien zur Ideologie. Rechtsextremismus, Nationalsozialismus, Konservativismus, Baden-Baden, S. 385.
5 Breuer, Stefan, 2001: Ordnungen der Ungleichheit. Die deutsche Rechte im Widerstreit ihrer Ideen 1871 -1945, Darmstadt, S. 48.
6 Mosse, George L., 1979: Ein Volk, ein Reich, ein Führer. Die völkischen Ursprünge des Nationalsozialismus, Königstein, S. 99f.
7 Nolte, Ernst, 1990: Der Faschismus in seiner Epoche. Action française, italienischer Faschismus, München u.a., S. 347f.
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Kraft eingeläutet wird. 8 Seine Theorie enthält erstmals die Mutmaßung, welche die menschliche Geschichte als Geschichte rassischer Ungleichheit interpretiert, wobei die Verschiedenartigkeit des Blutes als zentraler Katalysator allen Handelns wirkt. 9 Soziale Ungleichheit und die Folgen der wachsenden Verelendung konnten so problemlos als unmittelbares Resultat von angeborener und damit unveränderlicher Minderwertigkeit angesehen werden. 10 Seine Sicht war allerdings zu sehr eine Verteidigung nicht mehr existenter aristokratischer Vorherrschaft 11 und als Ganzes zu pessimistisch um weite Verbreitung zu finden, da er den Niedergang der Menschheit bereits als Tatsache ausformuliert hatte. 12 Für spätere Rassentheoretiker wird seine Konstruktion des „arischen Herrenmenschen“ und der Reinheit der Rasse allerdings zu einem wichtigen Anknüpfungspunkt.
Wie auch Gobieau sah der spätere Autor Vacher de Lapouges, welcher die fast vergessene Theorie des französischen Grafen mit dem darwinschen Selektionsmechanismus verband, den Niedergang Europas aufgrund der fehlenden Erneuerung des arischen Blutes voraus. Er griff das christliche Ideal der Nächstenliebe an, welches die Schwachen begünstigt und die Starken in ihrer schaffenden und kämpferischen Aufgabe behindert. 13 In seiner Vorstellung vom Sozialdarwinismus war der Mensch ebenso den Gesetzen der Natur unterworfen wie das niedrigste Tier. So ist ein Kampf zwischen den verschiedenen Rassen im Gange, wobei er nur in einer aktiven Politik zu Förderung der kulturtragenden Teile der Menschheit eine Möglichkeit sieht den Niedergang aufzuhalten. Seine Vorstellungen fanden Eingang in zahlreiche spätere Werke. So fällt es nicht schwer aus den Theorien vom allumfassenden Rassekampf eine Rechtfertigung der weißen Vorherrschaft im Zuge des Kolonialismus zu konstruieren. Noch spätere Autoren postulieren auf gleicher Grundlage den Herrschaftsanspruch der Germanen in Europa als Resultat der höheren Rasse. 14 Zugleich liefert er in seinen Schriften eine Begründung für die Vernichtung der Lebensuntüchtigen der eigenen Rasse, deren Erhalt lediglich eine Schwächung bedeutet. 15
8 Breuer 2001, S. 49f.
9 Lenk 1994, S. 297.
10 Ebd., S. 298f.
11 Klepsch, Thomas, 1990: Nationalsozialistische Ideologie. Eine Beschreibung ihrer Struktur vor 1933, Münster, S. 91.
12 Breuer 2001, S. 49f.
13 Nolte 1990, S. 350.
14 Lenk 1994, S. 298f.
15 Mosse 1979, S. 111.
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Das letzte Werk, um den Überblick über die Rassenlehre bis 1900 zu abzuschließen, ist Houston Stewart Chamberlains „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“. In seinem Werk unternahm er die erste bis ins Detail gehende Deutung der Weltgeschichte auf Basis der Rassenlehre. Aber anders als frühere Autoren kennzeichnet ihn ein grundlegender Optimismus, welcher die Kultur, Kunst und sogar Religion als schöpferisches Werk des germanischen Blutes ansah. Er stellte fest, dass die Züchtung oder auch „Aufartung“ zu einer rein arischen Rasse als Idealbild des Menschen möglich ist und verkettet damit die Mythologie mit der Rassenbiologie. 16 Diese Möglichkeit der Züchtung unterscheidet sich massiv von den vorher genannten Autoren, da auf diesem Grundgedanken die grundsätzlich positive Weltanschauung Chamberlains basiert. 17 Zudem benannte er erstmals den „Juden“ als Feindbild des Menschen kraft seines minderwertigen Blutes in aller Konsequenz und Schärfe. 18 Das göttliche wohnt gewissermaßen in der germanischen Volksseele, während das teuflische dem jüdischen Wesen innewohnt. 19 Auf diese Weise verband er Antisemitismus, Sozialdarwinismus und die Ansätze zu Reinhaltung der Rasse. Entscheidend ist aber, dass er die Germanen als Ganzes, also nicht nur die gegenwärtige Elite, als Herrenrasse definierte. Nationen sind laut Chamberlain lediglich unter der Prämisse gegründet wurden, einen lebendigen Individualismus jedes schöpferisch tätigen, germanischen Herrenmenschen zu ermöglichen. 20 Aus der einerseits wissenschaftsfeindlichen Suche nach einer Weltanschauung mit gleichzeitiger Untermauerung durch halbwissenschaftliche Argumentation, sprach er breite Teile der Eliten an, 21 die für eine weite Verbreitung der Lehren Chamberlains sorgten. 22 Seine Bedeutung für die Ideologie des Nationalsozialismus war entsprechend hoch, 23 auch wenn Hitler ihn in der Phase seiner ideologischen Festigung vermutlich genauso wenig wie andere Autoren gelesen hat. 24
Die oben genannten Autoren 25 bilden selbstverständlich nur einen kleinen Teil der Strömungen, welche sich bis 1900 herausbildeten. Daneben existieren noch zahlreiche andere
16 Lenk 1994, S. 304.
17 Klepsch 1990, S. 94.
18 Nolte 1990, S. 351-354.
19 Mosse 1979, S. 107.
20 Klepsch, 1990, S. 92.
21 Lenk 1994, S. 297.
22 Breuer 2001, S. 71f.
23 Lenk 1994, S. 301. Der Autor spricht vom eigentlichen Übergang zur nationalsozialistischen Weltanschauung.
24 Nolte 1990, S. 345.
25 Gobieaus und Chamberlain werden in allen Werken über die geistigen Grundlagen der nationalsozialistischen Rassenlehre benannt. Lapouge wurde an dieser Stelle als geistiges Bindeglied zwischen beiden Autoren benannt.
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cand. phil. Martin J. Gräßler, 2008, Nationalsozialismus und Gemeinsinn, München, GRIN Verlag GmbH
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