Inhalt
1 Einleitung - 4 -
2 Die Notwendigkeit des Lesens - 6 -
2.1 Die Entwicklung des Lesens - 6 -
2.1.1 Die Antike - 7 -
Exkurs: Platons Kritik an der Schriftlichkeit - 9 -
2.1.2 Das Mittelalter - 13 -
2.1.3 Die frühe Neuzeit - 14 -
2.1.4 Vom Barock zur Aufklärung - 18 -
2.1.5 Das 18 Jahrhundert - 18 -
2.1.6 Das 19 Jahrhundert - 21 -
2.1.7 Das 20 Jahrhundert bis 1945 - 24 -
2.2 Lesen Eine Definition - 27 -
2.3 Lesekompetenz - 31 -
2.4 Lesesozialisation - 36 -
2.4.1 Sozialisationsinstanz Familie - 37 -
2.4.2 Sozialisationsinstanz Schule - 39 -
2.4.3 Sozialisationsinstanz der Gleichaltrigengruppe - 42 -
3 Veränderungen des Leseverhaltens in der Mediengesellschaft - 45 -
3.1 Mediale Einflussfaktoren - 45 -
3.1.1 Fotografie - 46 -
3.1.2 Phonografie - 48 -
3.1.3 Telegrafie - 49 -
3.1.4 Film - 50 -
3.1.5 Radio - 53 -
3.1.6 Fernsehen - 55 -
3.1.7 Computer und Internet - 57 -
3.2 Veränderungen des Leseverhaltens durch neue Medien - 61 -
3.2.1 Lesen nach 1945 - 61 -
3.2.2 Notwendigkeit einer Medienkompetenz - 63 -
3.2.3 Lesekompetenz als Teil der Medienkompetenz - 67 -
3.2.4 Lesen aktueller Stand - 70 -
Exkurs: Die Entwicklung der CD-ROM - 75 -
1
3.3 Literarisches Lesen versus Sachlesen - 78 -
3.3.1 Literarisches Lesen - 78 -
3.3.2 Sachlesen - 80 -
3.3.3 Literarisches Lesen versus Sachlesen Ein Blick in die Zukunft - 84 -
3.4 Aktuelle Problematik anhand der Ergebnisse international vergleichender
Studien - 86 -
3.4.1 PISA-Studie - 86 -
3.4.2 IGLU-Studie 2006 - 90 -
3.4.3 JI-MStudie 2007 - 92 -
3.5 Handlungsmöglichkeiten auf die Problematik zu reagieren - 95 -
3.6 Leseförderung - 99 -
4 Die Zukunft des Lesens - 104 -
Exkurs: eBooks Die Zukunft des Publizierens und Lesens - 106 -
5 Fazit - 110 -
6 Literatur III
6.1 Onlinequellen X
6.2 Abbildungen XII
2
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Die Entwicklung des Lesens von der Antike bis zur frühen Neuzeit - 6 -
Abbildung 2: Die Entwicklung des Lesens vom Barock bis zum 20 Jahrhundert - 17 -
Abbildung 3: Technische Innovationen des 19 Jahrhunderts - 22 -
Abbildung 4: kognitionstheoretische Modell des Lesens - 34 -
Abbildung 5: Muybridges Serienaufnahme - 47 -
Abbildung 6: His Master s Voice - 48 -
Abbildung 7: Vom Winde verweht - 52 -
Abbildung 8: Volksempfänger VE 301 - 54 -
Abbildung 9: ENIAC - 58 -
Abbildung 10: Graphik zur Mediennutzung - 59 -
Abbildung 11: Formale Struktur der medialen und multimedialen Angebote - 64 -
Abbildung 12: Die Entwicklung der CD-ROM - 75 -
Abbildung 13: Leseindex nach Altersstufen - 95 -
3
1 Einleitung
Seit das Fernsehen in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in unsere Wohnzim- mer eingedrungen ist, und sich seither immer weitere neue Medien in unseren Alltag integ- riert haben, werden immer wieder Bedenken geäußert, dass der Fernseh- und generell der Medienkonsum das Lesen verdrängt, gar schädliche Wirkung haben kann. Neben Befürch- tungen im Hinblick auf die soziale und emotionale Entwicklung wird heute vor allem die Be- einträchtigung der Sprach- und Lesefertigkeiten von Kindern und Jugendlichen diskutiert.
Lesen und Schreiben zählt wohl zu den grundlegendsten und wichtigsten Fähigkeiten in der heutigen Gesellschaft, da man ohne Lese- und Schreibfähigkeit weder an unserer gesell- schaftlichen und politischen Kultur teilhaben, noch sich eigenständig Kenntnisse und Fähig- keiten für die berufliche Qualifikation oder seine persönliche Lebensgestaltung erwerben kann. In der Bundesrepublik Deutschland gibt es dennoch bei etwa 80 Millionen Einwohnern ungefähr vier Millionen sekundäre Analphabeten 1 .
„Auch als das Buch sich als Medium durchsetzte wurde es von Kritik begleitet, die sich vor allem darauf bezog, dass Lesen schlecht für die geistige Verfassung der Frauen sei. Als das Kino sich als Unterhaltungsstätte durchsetzte, wurde gewarnt, dass die Theater bald schließen würden. Genauso wurde das Radio kritisiert. Zwanzig Jahre später warnte dann Marie Winn in ihrem Bestseller ‚Die Droge im Wohnzimmer‘: Nicht anders als der Alkohol gestattet auch das Fernsehen dem Zuschauer, die wirkliche Welt auszulöschen und in einem angenehmen und passiven psychischen Zustand zu versinken. Darauf folgte die Kritik vor der Einführung des Privatfernsehens und schließlich ging es gegen den Computer. Immer wurde erst mal der Untergang des Abendlandes heraufbeschworen, wenn ein neues Medium sich ausbreitete oder die Grenzen eines alten Mediums erweitert wurden.“ 2
In welchem Maße sich die mangelhafte oder gar fehlende Lesekompetenz in einer unzurei- chenden Fähigkeit, den Umgang mit diversen neuen Medien zu lernen, wiederfindet und wie die Selektion der zahlreichen Medienangebote in einer deutlichen Reizüberflutung stattfindet, ist und bleibt ein Thema, welches wohl nie aktueller war als in unserer, sich ständig wan- delnden Gesellschaft. Die Relation zwischen den Medien und der Mediennutzung ist gerade aufgrund des rasanten medialen Wandels immer wieder neu als wissenschaftliche Problem- stellung zu berücksichtigen und unter Bezugnahme aller relevanten sozial-historischen Ein- flussfaktoren zu analysieren.
1 Vgl. Döbert, M./ Hubertus, P.: Ihr Kreuz ist die Schrift. Analphabetismus und Alphabetisierung in Deutschland. http://www.alphabetisierung.de/fileadmin/files/Dateien/Downloads_Texte/IhrKreuz- gesamt. pdf (10.03.2008).
2 Pfeifer, D. (2007): S. 15ff.
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Die folgende Arbeit soll das Leseverhalten in der Mediengesellschaft und die aus dem um- fangreichen Medienangebot resultierenden Veränderungen beleuchten. Zu diesem Zweck wird zunächst die Entwicklung des Lesens und Schreibens im geschichtlichen Kontext dar- gelegt. Hier soll in einem kurzen Exkurs auf Platons Medienkritik näher eingegangen werden. Dann wird eine Definition zum Lesen konzipiert. Daraufhin soll die Wichtigkeit einer generel- len Lesekompetenz in unserer heutigen Gesellschaft hervorgehoben werden. Ein zentraler Aspekt ist hier die Lesesozialisation mit ihren Sozialisationsinstanzen, Familie, Schule und Gleichaltrige.
Weiter soll gezeigt werden, welche medialen Einflussfaktoren sich im vergangenen Jahrhun- dert neben dem Printmedium durchgesetzt haben und bis heute mit diesem konkurrieren. Des Weiteren soll gezeigt werden, wie sich das Lesen nach 1945 gewandelt hat. Ein weiterer Punkt beleuchtet, wie wichtig gerade in der heutigen Zeit eine Medienkompetenz ist, um aus der großen Vielfalt an Angeboten zu selektieren. Das Lesen und Schreiben stellt nach wie vor eine grundlegende Fähigkeit dar. Hier soll demonstriert werden, wie sich das Leseverhal- ten in der Mediengesellschaft konkret verändert hat und wie der heutige Stand des Lesens ist. An dieser Stelle soll ein Exkurs zur Entwicklung der CD-ROM aufzeigen, wie mit dieser Technik der Buchmarkt erneut revolutioniert wurde, indem ganze Enzyklopädien und Lexika anfangs durch eine CD-ROM ergänzt wurden und diese mittlerweile sogar ersetzen. Dies zeigt sich am aktuellen Beispiel des Brockhaus-Verlages, der sich aus ökonomischen Grün- den gegen einen weiteren Vertrieb in Buchform entschied. 3
Eine wichtige Unterscheidung ist bei dem Thema Lesen zu treffen – die zwischen dem Lite- rarischen und dem Sachlesen, beziehungsweise dem Informationslesen. Hier soll zudem ein aktueller Überblick entwickelt werden. Im folgenden Punkt sollen zusammenfassend die Er- gebnisse der verschiedenen Internationalen Vergleichsstudien, wie PISA, IGLU und JIM an- hand aktueller Problematiken zur Lesekompetenz aufgezeigt werden. Anschließend soll ge- zeigt werden, welche Möglichkeiten bestehen, die Lesekompetenz zu fördern und die Lese- lust zu steigern. Abschließend soll ein Blick in die Zukunft des Lesens im Hinblick auf Ent- wicklung des eBooks gewagt und somit abschließend die Tendenzen für die Zukunft zu- sammengefasst werden. Die Ergebnisse werden in einer kurzen Schlussbetrachtung gesi- chert.
.
3 Vgl. http://www.brockhaus.de/presse/detail.php?nid=17&id=537 (25.02.2008).
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2 Die Notwendigkeit des Lesens
2.1 Die Entwicklung des Lesens
Abbildung 1: Die Entwicklung des Lesens von der Antike bis zur frühen Neuzeit (nach Schön, E. (2006): S. 2-19.)
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2.1.1 Die Antike
Das Lesen ist, bezogen auf die Geschichte der Menschheit, eine gewissermaßen junge Kompetenz. Man kann, von einigen Vorformen abgesehen, die Anfänge des abendländi- schen Lesens und Schreibens im Gebrauch von Zählsteinen bzw. symbolischen Tonfigür- chen rekonstruieren. Diese waren seit ungefähr 7000 Jahren in Mesopotamien in Gebrauch. Ungefähr 3300 v. Chr. entstand die protosumerische Schrift. Die sumerische Keilschrift war eine Wortschrift, die aus rund 600 Zeichen bestand. Die Zeichen wurden mit spitzen Stiften in weichen Ton geritzt. Bei den überlieferten Schrifttafeln handelt es sich hauptsächlich um Steuerbescheide, Eigentumsverträge sowie staatliche Dokumente. Um 3200-3000 v. Chr. entwickelte sich die teilphonetische Schrift der ägyptischen Hieroglyphen. 4
„Wissenschaftler vermuten, dass sich die ägyptische Schrift aus Verzierungen entwi- ckelte, die auf Vasen und anderen Dingen des täglichen Gebrauchs eingeritzt wurden. Diese stellten dann eine Art visueller Mitteilung für den Leser dar. Von einer eigentli- chen Schrift kann man jedoch erst sprechen, wenn die verwendeten Zeichen eine Um- setzung in Sprachlaute ermöglichen.“ 5
Im Laufe der Jahrtausende erhöhte sich die Zahl der Zeichen von etwa 700 auf ungefähr 5000. Die Hieroglyphen stellten ein vollständiges Schriftsystem dar, die die gesprochene Sprache wiedergeben konnte. Es wurden Texte zur Landwirtschaft, Medizin, Erziehung, wie auch Gebete, Legenden, Rechtstexte und Literatur geschrieben. Die Schrift erlaubte es den alten Ägyptern, ihre Geschichte aufzuzeichnen, Königslisten anzulegen oder von wichtigen Begebenheiten zu berichten. 6
Die nahöstliche bzw. semitische Silbenschrift entstand bei den Phöniziern zwischen 1200- 1000 v. Chr.. Die 22 Buchstaben dieser Silbenschrift kommen bereits in etwa dem indoeuro- päischen Lautsystem gleich. Zwischen dem 9. und dem 8. Jahrhundert v. Chr. wurde diese Schrift von den Griechen übernommen und entsprechend ihres Lautsystems umgewandelt. 7 Das erste vollständig ausgebildete phonetische Alphabet mit 24 Buchstaben, Konsonanten wie auch Vokalen, entsteht. 8
Der Beginn einer literarischen Kultur beziehungsweise literarischen Lesekultur lässt sich um 700 v. Chr. datieren, mit Hesiods um 700 v. Chr. niedergeschriebenen „Werken und Tagen“. Jedoch weicht diese Textart deutlich von unserer aktuellen Vorstellung von einer Eignung
4 Vgl. Hörisch, J. (2004): S. 96.
5 Griep, H.-J. (2005): S. 38.
6 Vgl. Griep, H.-J. (2005): S. 41ff.
7 Vgl. Schön, E. (2006): S.2f.
8 Vgl. Hörisch, J. (2004): S. 97.
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zum flüssigen Lesen wie es heute geläufig ist, ab. Der Text ist angefertigt in Großbuchsta- ben, ohne Trennung der einzelnen Wörter. Gelesen und geschrieben wurde dieser Text im Wechsel von links nach rechts und umgekehrt (in Form des „Bustrophedon“ 9 ).
Die Schrift hatte für literarische Zwecke vom späten 8. bis ins 5. Jahrhundert v. Chr. bereits verschiedene Anforderungen. In der Kompositionsphase, zur Vorbereitung und während des mündlichen Vortrags als Gedächtnisstütze sowie zur Thesaurierung, zur Erhaltung des Ge- dankenguts. Man kann dies allerdings noch nicht als Lesekultur aus dem unmittelbar Ge- schriebenen bezeichnen. Die für die griechische Antike typische Rezeptionssituation war der öffentliche Vortrag vor Publikum. 10
„Das Buch hatte an der eigentlichen Rezeptionssituation keinen Anteil. Das gilt bis ins
5. Jahrhundert v.a. für die „Vortragsgattungen“: Epos, Elegie und Iambos sowie chorly- rische und dramatische Gattungen.“ 11
Ausnahmen in Form von nicht mehr zum freien Vortrag geeigneter Literatur gab es bereits im
7. Jahrhundert v. Chr. Als älteste Bibliothek der Weltgeschichte gilt die, um 650 v. Chr. einge-
richtete Sammlung von 5.000-10.000 Tontafeln des Assyrerkönigs Assurbanipanl in Ninive. 12 Der Beginn eines Buchhandels lässt sich allerdings erst um die Wende vom 6. zum 5. Jahr- hundert v. Chr. feststellen. Auf dem Markt konnten Textrollen erworben werden, auch Bücher waren vorhanden. So wurde individuelles Lesen und Gestaltung eines Leseerlebnisses direkt aus dem Buch allmählich üblich.
Mit dem Hellenismus (326-330 v. Chr.) begann sich im 4. und 3. Jahrhundert eine Lesekultur des einzelnen Lesers herauszubilden und damit auch das individuelle Lesen zu verbreiten. Auf einer Grabstelle von der Wende des 5. zum 4. Jahrhunderts lassen sich die ersten Hin- weise auf allein Lesende finden. Auch in entsprechender Andeutung in den Komödien des Aristophane und den Tragödien des Euripides lassen sich entsprechende Hinweise deuten. Noch ist diese Rezeptionsweise in der „legitimen Kultur“ der Zeit nicht anerkannt. Derartige Anspielungen verlieren sich mit der Zeit. Die Rezeptionsweise ist üblich geworden. So weiß man von Aristoteles (384-322), dass er systematisch Bücher sammelte und eine große Pri- vatbibliothek besaß. In der Fülle privater und öffentlicher Bibliotheken wie Alexandria und Pergamon sowie in einem entwickelten Schulwesen lässt sich die Basis der individuellen Lesekultur des Hellenismus bemerken und der Beginn einer kulturellen Tradition feststellen. 13
9 Schön, E. (2006): S. 4.
10 Vgl. ebd.: S. 3f.
11 Ebd.: S. 4.
12 Vgl. Hörisch, J. (2004): S. 117.
13 Vgl. Schön, E. (2006): S. 4f.
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„Die ‚Vereinzelung des Lesers‘ im Hellenismus, die Ablösung des Lesens von der sozialen Situation des Vortrags, des gemeinsamen Rezipierens, ist kultur- geschichtlich und mentalitätsgeschichtlich bedeutsam, denn die Emanzipation des Lesens aus der sozialen Situation, und damit die Emanzipation des Lesers, bedeutet andererseits zugleich die Bindung des Umgangs mit Literatur an ein Buch.“ 14
Die Antike war eine Handschriftenkultur, in der Bücher handschriftlich vervielfältigt wurden und infolgedessen kostspielig waren. Aus diesem Grund konnte nur eine kleine Schicht Ge- bildeter und gleichermaßen Wohlhabender Träger der hellenistischen Lesekultur sein. Indivi- duelles Lesen bedeutete, entgegen des öffentlichen Vortrags, eine Rezeption, die nicht in eine soziale Situation eingebunden und demzufolge auch schwer kontrollierbar war. Wer liest, entzieht sich sozialer Kontrolle. Dies ist eine Erkenntnis, die bis heute Gültigkeit hat und derzeit eine Differenz zum Fernsehen ausmacht. Trotz allem fand das Lesen in der Antike nur selten nach heutiger Vorstellung statt, denn Lesen war auch als individuelles Lesen ein mehr oder weniger artikuliertes lautes Lesen. Für das volle sinnliche Leseerlebnis galt, dass das laute Lesen eine entwickeltere literarische Rezeptionskompetenz darstellt. 15
Exkurs: Platons Kritik an der Schriftlichkeit
Starke Beachtung in der klassischen Philologie und in der Schriftkultur-Forschung fand Pla- tons (428-347 v. Chr.) drastische Behandlung des Themas Schriftlichkeit. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht meist der Schlussteil des Dialogs Phaidros. Hier erörtert er die Bedeu- tung von Schriftlichkeit und Mündlichkeit in der Philosophie. In dem Dialog treffen Sokrates und Phaidros aufeinander und entwickeln die Vor- und Nachteile der Schriftlichkeit. 16 Hier hat Platon ein Schema der Medienkritik entwickelt, dessen Grundlinien auch für die Kritik an Medieninnovationen nach der Schrift immer wieder aktivierbar waren. 17
14 Schön, E. (2006): S. 5.
15 Vgl. ebd.: S. 5f.
16 Vgl. Stein, P. (2006): S. 69ff.
17 Vgl. Hörisch, J. (2004): S. 110.
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[274c] SOKRATES: Eine Sage wenigstens habe ich darüber zu erzählen von den Alten,
Platon befindet sich in einer bereits etablierten Schriftkultur, was bedeutet, dass sich der Umgang mit Schrift neben der dominierenden oralen Kommunikation eingebürgert hat. Seit Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. existierten in Athen Elementarschulen, in denen der männliche Nachwuchs das Lesen und Schreiben lernte. Das entsprach ungefähr einem Vier- tel der Gesamtbevölkerung der Stadt. Allerdings ist die Schulbildung allein noch kein Grad- messer für das Maß an Literalität in einer Gesellschaft. Es zeigen sich zudem verschiedene
18 Platon. Hrsg. von Ursula Wolf (2006): S. 602ff.
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Anzeichen, die einen immer selbstverständlicher werdenden Schriftgebrauch bezeugen. Pla- ton war daher in der Lage, den längst eingetretenen Medienwechsel kritisch zu reflektieren. Er problematisiert die neue Konstellation der Medienverhältnisse, eine doppelte Kritik, bei der die erste die Vor- und Nachteile der Literalität behandelt. 19
Die zweite behandelt die (Vor- und) Nachteile der Oralität – wobei die Literalität sowie die Oralität miteinander verknüpft sind:
19 Vgl. Stein, P. (2006): S. 69ff.
20 Platon. Hrsg. von Ursula Wolf (2006): S. 604ff.
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Sokrates kritisiert, dass die Schrift die Vorzüge der oralen Kommunikation nicht völlig erset- zen, sie sogar zerstören kann. Die Schrift schwäche das Gedächtnis, antworte nicht auf un- mittelbare Fragen und richte sich ungefragt an beliebige Adressaten und sei letztlich unernst. Platon lässt Sokrates den Missbrauch der Schrift so drastisch formulieren, um nicht die Vor- teile der Schrift aufzuzeigen, sondern sich der Frage zu widmen, welches Medium sich am besten im Sinne der um Wahrheit bemühten Kommunikation eignet. 22 Zusammenfassend stellt Stein (2006) folgendes fest:
„Platon rettet die Oralität, indem er sie aus dem archaischen Kontext von Poesie und Mythos löst und sie dem Wissen übereignet. Er protestiert gegen die Ent-Oralisierung der Schriftkultur, treibt diese jedoch mit seiner Poesiekritik in die nächste Aporie, in- dem er mit der Favorisierung von Philosophie zugleich einen (logozentrische) Abstrak- tionsprozess in Gang setzt, der die Schriftkultur verstärkt. In diesem von Platons Kritik verkörperten Widerspruch, der angesichts des gegenwärtigen Medienwechsels im 20./ 21. Jahrhundert eine übertragene Bedeutung erlang hat, entfaltet sich die griechisch- hellenistische Schrift- und Lesekultur.“ 23
Nach Platon sind diejenigen, die etwas aufschreiben nur zu „bequem“ das eigene Erinne- rungsvermögen zu trainieren. Wer sich Speichermedien anvertraut, verwechselt das eigentli- che Erlebnis mit seiner Reproduktion. Medien entfernen von den eigentlich seienden Ideen; die toten Schriftzeichen suggerieren nur, sie hätten noch Bezug zu der Bewegung des leben- digen Geistes. Hörisch vergleicht Medienprodukte mit unreifen Kindern, die sich unverant-
21 Platon. Hrsg. von Ursula Wolf (2006): S. 606f.
22 Vgl. Stein, P. (2006): S. 69ff.
23 Ebd.: S. 71.
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wortlich verselbständigen. Platons berühmte Schriftkritik im Phaidros ist wohl nicht die erste, wohl aber die erste wirkungsmächtige Medienkritik unserer Kulturtradition. 24
2.1.2 Das Mittelalter
Im 5., spätestens im 6. Jahrhundert fand die antike Lesekultur ein Ende. Nach dem Verfall des weströmischen Reiches wurden hauptsächlich in den Klöstern die Überreste der Kultur weitergegeben. Von einem Buchhandel, wie er sich zur römischen Kaiserzeit entwickelt hat- te, konnte nun keine Rede mehr sein. 25 In der römischen Kaiserzeit war das Lesen und Schreiben eine weit verbreitete Fähigkeit gewesen, so dass man hier bereits von einer All- tagskompetenz sprechen konnte. Bis ins 12. Jahrhundert war die Fähigkeit des Lesens und Schreibens vornehmlich innerhalb des Standes der Geistlichen und Mönche anzutreffen. Laien, unabhängig ihrer Schicht, und Herrscher waren Analphabeten. Latein war die einzig anerkannte Schriftsprache, daher fand das Lesen- und Schreiben lernen in dieser Sprache statt. Im 12. und 13. Jahrhundert, zur Zeit des Mittelhochdeutschen, traten die europäischen Volkssprachen verbreitet in die Schriftkultur ein. Jedoch wurde erst im 16. Jahrhundert in Deutschland in der Muttersprache das Lesen und Schreiben, ohne gleichzeitiges Lateinler- nen, vermittelt. 26
Die Zahl derer, die generell lesen konnten, wuchs im 14. und 15. Jahrhundert in breitere Schichten hinein: Die wirtschaftliche Entwicklung, vor allem die des Handels, machte für mehr Menschen immerhin eine grundlegende Lese- und Schreibfähigkeit zu einer notwendi- gen Qualifikation. Es entstanden erste städtische Schulen. Ein Übergang wurde geschaffen vom Diktieren und Sich-Vorlesen-Lassen zum Selbst-Schreiben und Lesen. Bereits im 15. Jahrhundert begann die Alphabetisierung sukzessive mit dem Stadt-Land-Gegensatz zu- sammenzufallen. Analphabetismus wurde ein Attribut der Minderwertigkeit, zumindest für die Städter.
Im 14. und 15. Jahrhundert wurde auch im Bereich des nicht professionellen Lesens Literatur von der Art, wie sie im Hochmittelalter vorgetragen worden war, immer mehr zum Gegens- tand einer Lesekultur. Die Schicht der literarischen Leser blieb in Deutschland nach wie vor klein. Neben den alten Feudaladel und das Rittertum traten immer mehr Bürger, wie reiche Kaufleute und Handwerker. 27
24 Hörisch, H. (2004): S. 110ff.
25 Vgl. Griep, H.-J. (2005): S. 185.
26 Vgl. Schön, E. (2006): S. 9f.
27 Vgl. ebd.: S. 13f.
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„Oft waren gerade sie es, die die höfische Literatur fortleben ließen, in bürgerlicher Adaption der Stoffe oder indem sie ‚besitzen‘ wollten und deshalb in Handschriften sammelten, was den Rezipienten von ihnen Gegenstand des Hörens gewesen war.“ 28
Dessen ungeachtet konnte man hier noch von keinem literarischen Lesepublikum im heuti- gen Sinne sprechen. Das Bild bestimmte die sehr kleine, aber aktive Gruppe der Gelehrten des Humanismus, oft Juristen, nachdem das Bildungsmonopol der Geistlichkeit durch die neugegründeten Universitäten gebrochen war. Ihre Bildung war nach wie vor lateinisch, ihr Gegenstand, soweit literarisch, waren die antiken Autoren. Laien beschränkten sich, wie auch die lesenden Adligen, zum einen auf Gebrauchsliteratur wie Rechtsbücher oder medizi- nische Literatur, zum anderen auf verbreitete populär-religiöse Lektüre. Deutschsprachige belletristische Literatur war in allen Schichten zunächst nur die Ausnahme. Grundsätzlich kann man sagen, dass Laien bis ins 18. Jahrhundert hinein, neben der religiösen Lektüre, wenn überhaupt, nur gelegentlich auch Belletristik lasen. 29
2.1.3 Die frühe Neuzeit
Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern durch Johann Gutenberg (Gensfleisch) Mitte des 15. Jahrhunderts war die Folge eines immer stärker gewordenen Interesses an Texten. Dies zeigte sich anhand einer zuvor verstärkten Nachfrage bzw. Pro- duktion nach Handschriften in klösterlichen wie in weltlich-kommerziellen Schreibstuben. Von den technischen Aspekten Gutenbergs Erfindung weiß man heute fast nur aus Zeugnissen, die fast 100 Jahre oder sogar später entstanden sind; das meiste muss aus erhaltenen Dru- cken rekonstruiert werden. 30
Ein Hinweis auf die Vermehrung der Schriftkultur ist, im Vergleich zu den Prachthandschrif- ten des 15. Jahrhunderts, eine „Verlotterung“ der Schreibtechnik. Die treibende Kraft der Entwicklung war also weniger die Seite der Produktion, die treibende Kraft war vielmehr die erhebliche Nachfrage der Leser. Diese Nachfrage hatte bereits vorher schon zu technischen Steigerungen der Vervielfältigungsmöglichkeiten geführt. Das Papier, in Asien seit Jahrhun- derten bekannt und über die arabische Welt nach Europa gekommen, wurde ab 1150 in Spanien, ab 1276 in Italien und ab 1390 auch in Deutschland, in Nürnberg, aus Leinenlum- pen hergestellt.
„Die Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern (Typographie) war das Ergebnis einer spätmittelalterlichen Problemlage: Der Bedarf an geschriebenen Texten konnte
28 Ebd.: S. 14.
29 Vgl. Schön, E. (2006): S. 14.
30 Vgl. ebd.: S. 15.
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auch mit den gesteigerten Mitteln der Manuskriptkultur, d.h. mit dem Einsatz arbeitstei- liger, kommerzieller und mit billigerem Papier arbeitender Produktionsmethoden nicht mehr befriedigt werden. Es gab das Lesebedürfnis eines über den klerikalen Bereich erweiterten, pragmatische Orientierung suchenden Publikums, es gab Publikations- wünsche einer gelehrten Öffentlichkeit und es gab Kaufkraft.“ 31
Ein-Blatt-Drucke konnten bereits vor Gutenbergs Erfindung mit dem Holzschnitt bzw. dem Kupferstich in hoher Auflage hergestellt werden und sogar die Erzeugung so genannter Holz- oder Blockbücher war möglich. Ein Nachteil des Holzschnitts war, dass er beim Drucken ab- gerieben werden musste, so dass kein Widerdruck möglich war. Trotzdem schloss Guten- berg unmittelbar an die Technik des Blockdruckes an, bei dem zu seiner Zeit bereits Me- tallstempel mit den einzelnen Buchstaben des Alphabets verwendet wurden. Hier wurden die Buchstaben spiegelbildlich auf der Holzplatte abgebildet, die der Holzschneider dann freizu- stellen hatte, um druckende Buchstaben zu erhalten. Gutenbergs Erfindung war weniger die Druckerpresse als vielmehr das Handgießinstrument zur seriellen Herstellung der Lettern. Beim Holzschnitt war keine Standardisierung möglich; jeder zu druckende Holzschnitt muss- te einzeln hergestellt werden. Holzschnitte und Kupferstiche druckten ganze Seiten, während Gutenbergs Erfindung die Zerlegung der Schrift in kleinere Einheiten, die kombinierbar, wie- der zerlegbar und rekombinierbar sind, ermöglichte. 32
„Im Jahr 1452 begann Gutenberg mit dem Druck der Bibel, dem Buch der Bücher, das zur damaligen Zeit sicherlich sehr gefragt war, kostete eine kunstvoll auf Pergament geschriebene Bibel doch mehr als 1000 Gulden. Nur reiche Fürsten, Klöster oder Uni- versitäten konnten sich eine Bibel leisten.“ 33
Das Publikum des neuen Buchdrucks blieb noch lange Zeit dasselbe wie das der geschrie- benen Bücher. Und die weiteren Kreise, die seit den 1520er Jahren von den Flugschriften der Reformation erreicht wurden, waren nicht als Folge des Buchdrucks alphabetisiert wor- den. Zum einen waren dies soziale Gruppen, die bereits lesen konnten, nur bisher nicht als Publikum von Literatur aufgetreten waren, zum anderen die Gruppen, die nach wie vor dar- auf angewiesen waren, dass ihnen jemand vorlas. 34
Eine Vermehrung der Lesefähigkeit ist insofern anzunehmen, als dass der Protestantismus auch die Etablierung von Schulen förderte. In Städten hieß das vielfach nur ein Einfluss der evangelischen Kirche auf die bestehenden städtischen oder privaten Schulen. Auf dem Land aber waren nur Ansätze vorhanden gewesen, hier beschleunigte die Reformation in der Tat
31 Stein, P. (2006): S. 185.
32 Vgl. Schön, E. (2006): S. 15f.
33 Griep, H.-J. (2005): S. 214.
34 Vgl. Schön, E. (2006): S. 17.
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den Aufbau von Schulen. Die katholischen Regionen blieben hier zunächst zurück, zogen
aber in der Gegenreformation nach. 35
„Die Schulen waren für den Protestantismus Mittel zur Realisierung seiner Grundhal- tung: Der Protestantismus propagierte wegen seines anderen Verhältnisses zur Bibel (‚sola scriptura‘) deren Lektüre; deshalb war sie ja von Luther ins Deutsche übersetzt worden. Als Haltung übertrug sich das auch auf andere religiöse Schriften: auf die re- formatorischen Texte, auf Erbauungs- und Predigtliteratur. Und aufgrund seiner Ar- beitsethik und insofern im Interesse einer verbesserten Ausbildung zu praktischem Gewerbe förderte er über die schulischen Qualifikationen hinaus die Lektüre weltlicher, aber eben ‚nützlicher‘ Literatur. Hier hat eine konfessionell unterschiedliche Einstellung zu Bildung und zu Lektüre ihre Wurzeln, deren Folgen sogar in unserer vermeintlich säkularisierten Gegenwart noch nicht völlig verschwunden sind.“ 36
35 Vgl. ebd.: S. 19.
36 Schön, E. (2006): S. 19.
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Abbildung 2: Die Entwicklung des Lesens vom Barock bis zum 20. Jahrhundert (nach Schön, E. (2006): S. 19- 57.)
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2.1.4 Vom Barock zur Aufklärung
Nach dem Dreißigjährigen Krieg, ab 1648, erreichten sowohl die allgemeine Lesefähigkeit als auch das tatsächliche Leseverhalten nicht so schnell wieder den Stand der Lesefähigkeit um 1600. Die Wiedererstehung eines Publikums vollzog sich nach einem komplett neuen Muster. In Deutschland entstanden zu Beginn des 17. Jahrhunderts die ersten Zeitungen. Die Entstehung eines neuen Lesepublikums nach dem Dreißigjährigen Krieg vollzog sich über dieses neue Medium. Im letzten Drittel des 17.Jahrhundert bestanden bereits 50 bis 60 deutschsprachige Zeitungen nebeneinander und erreichten somit bereits ein breites Publi- kum. Um 1750 dürften es dann bereits 100 bis 120 gewesen sein. 37
„Die Anfänge der modernen Lesekultur hingegen gründen nicht auf dem Buch, son- dern auf der Zeitung. Seit Beginn des 17. Jh. erreicht sie ein breites Publikum und öff- net das Lesen für alle Belange des gesellschaftlichen Lebens. Es gewinnt dadurch ei- ne neue Form: Das Lesen religiöser Texte ist geprägt durch eine wiederholte Lektüre, die Zeitung wird durch ihre Ausrichtung auf Aktualität meist nur einmalig gelesen.“ 38
Die Buchproduktion des 17. und 18. Jahrhunderts blieb gegenüber der Zeitungsproduktion zunächst weit zurück. Während sich das Zeitungslesen bereits in breitere Schichten auswei- tete, war die Buchproduktion des 17. Jahrhunderts überwiegend eine Produktion von Gelehr- ten für Gelehrte. Diese Situation änderte sich erst Mitte des 18. Jahrhunderts, wobei sich hier der Anteil der gelehrten lateinischen Literatur verringerte und ein Zuwachs der deutschen Titel zu beobachten war.
Inhaltlich war die Buchproduktion im 17. Jahrhunderts eine fast ausschließlich gelehrte, mit weit überragender Stellung der Theologie. Poesie spielte nur am Rande eine Rolle. Die we- nigen Titel der Poesie enthalten zudem nicht nur literarische, sondern auch theoretische Tex- te, Poetiken etwa; entsprechend sind sie zunächst ganz oder überwiegend in Latein verfasst, erst 1700 überwiegen auch bei der Poesie die deutschen Titel. 39
2.1.5 Das 18. Jahrhundert
„Die Bedeutung des 18. Jh. für die Geschichte des Lesens hat ihren Grund in epocha- len literatursoziologischen Veränderungen: Es entstand das moderne Publikum. Sozi- algeschichtlicher Hintergrund der literatursoziologischen Veränderungen ist jener viel- schichtiger Prozess, dessen Facetten als ‚Industrielle Revolution‘ oder ‚Entstehung und Aufstieg des modernen Bürgertums‘ benannt werden.“ 40
37 Vgl. Schön, E. (2006): S. 19.
38 Metzler Lexikon Medientheorie - Medienwissenschaft (2003): S. 177.
39 Vgl. Schön, E. (2006): S. 19ff.
40 Ebd.: S. 24.
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In der Geschlechterrollenverteilung gab es klare Zuordnungen: Die Männer lasen – von be- rufsbezogener Lektüre abgesehen – vor allem die Zeitung, Politik- und Sachliteratur, wäh- rend fast ausschließlich Frauen das Publikum der Belletristik-Literatur im 18. Jahrhundert darstellten. Dieses Muster blieb bis ins 19. Jahrhundert erhalten und ist noch heute deutlich erkennbar.
Eine für ganz Europa geltende Tendenz in der Buchproduktion des 18. Jahrhunderts ist zu- nächst der weitere Rückgang der lateinischen Titel zugunsten der nationalsprachlichen. Dies ist ein Anzeichen dafür, dass die Adressaten der steigenden Buchproduktion anteilmäßig immer weniger Gelehrte waren und immer mehr Laien. Daneben ist eine wichtige Tendenz der Rückgang des Anteils der für Laien publizierten kirchlich-theologischen Literatur an der Gesamtproduktion. Die Literaturgeschichte sieht dies zunächst als eine komplementäre Ent- wicklung zu der teilweise explosionsartigen Ausweitung der Belletristik, vor allem der Ro- manproduktion.
Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde nicht nur das Interesse an religiöser Erbauungsliteratur abgelöst vom steigenden Interesse an Belletristik. Hinzu kam ein steigendes Interesse an einer neuen Art von Sachliteratur. Das Interesse der Männer des Bürgertums an berufsbezo- gener Fachliteratur stieg. Neben religiöse Literatur, populärmedizinischen und hauswirt- schaftlichen Ratgebern trat immer mehr Sachliteratur zur allgemeinen Information sowie poli- tische Literatur. Politische Bücher sind zu dieser Zeit historische Werke, ökonomisch- statistische Darstellungen und geographische; die letzten beiden noch überwiegend in der äußeren Form von Reisebeschreibungen. 41
Der Umfang der Werke, deren Besitz durch die Kategorie der Bildung motiviert war, stieg im Laufe des 18. Jahrhunderts an. Der Inhalt dieser Werke veränderte sich bis weit ins 19. Jahr- hundert hinein. Eine Unterscheidung zwischen hoher und trivialer Literatur begann sich zu etablieren. „Diese Dichotomisierung von ‚hoher‘ und ‚trivialer‘ Literatur gegen Ende des 18. Jh. korrespondiert mit sozialen Differenzen.“ 42
Der Roman veränderte sich qualitativ, was eine Zunahme der Romanproduktion im 18. Jahr- hundert nach sich zog. Es entstand eine ganz neue Art von Roman. Der neue Roman bezieht seit der Mitte des 19. Jahrhunderts seine Legitimation aus seiner Funktion als Zweckform zur Aufklärung, zur Belehrung und zur Erbauung. Nachdem er sich etablierte und sein Publikum gefunden hatte, emanzipierte er sich von der Beschränkung auf Aufklärung und trägt nun seine Funktion in sich selbst. Der Leser orientierte sich am Leseerlebnis selbst. „Bei der Lek- 41 Vgl. Schön, E. (2006): S. 28ff.
42 Ebd.: S. 29.
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türe der neuen Romane ist dies v.a. die Erfahrung identifikatorischer, in kompetenter Form sogar empathischer Teilhabe an den fiktionalen Charakteren. Denn dies ist die wesentliche Funktion des neuen Lesens: die phantasiehafte ‚Teilnehmung an anderer ihrem Zustande‘, wie es in der Empfindsamkeits-Definition Kants 1798 heißt.“ 43
„Der historische Begriff der Lesekultur korrespondiert einem bestimmten Begriff des Ästhetischen; seine historisch-faktische Realität ist aber nicht einfach davon abgeleitet: Lesekultur wird erst (historisch) dann und (sozial) dort möglich, wo sich das Lesen – jenseits der Informations- und Qualifizierungsfunktion – auch emanzipiert von seinen exemplarischen Funktionen, von seiner (letztlich moralisch bzw. religiös bestimmten) Beschränkung auf Belehrung und Erbauung. Dies ist aber erst im Laufe der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts der Fall, durchgesetzt vielleicht erst mit der Romantik.“ 44
Die wichtigsten Medien der Aufklärung stellen Zeitungen und Journale dar. Ein wichtiges Mit- tel zur Verbreitung unter einem breiten bürgerlichen Publikum waren die neu entstandenen Lesegesellschaften. Die Entstehung eines modernen Lesepublikums war im 18. Jahrhundert keine „Medienrevolution“. Hintergrund dieser Veränderungen waren keine technischen Inno- vationen, sondern ausschließlich soziale Veränderungen. Es entwickelten sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die ersten Lesegesellschaften aus einem Gemeinschaftsabon- nement von Journalen. Ab 1750 integrierten sich allmählich Lesezirkel in den Alltag, die meh- rere Periodika hielten und zunächst von Haus zu Haus zirkulieren ließen. Eine Umwandlung erfuhren diese Lesezirkel etwa ab 1775, hier entstanden so genannte Lesekabinette. Die Journale wurden nicht mehr mit nach Hause genommen, sondern in explizit dafür eingerich- teten Räumlichkeiten gelesen. „Dies sind die historisch für das bürgerliche Lesen des 18. Jh. signifikant gewordenen ‚Lesegesellschaften‘.“ 45 Der Zweck der Lesekabinette lag nicht in der Lektüre zur Unterhaltung. Die Weiterbildung im Sinne einer als gesellschaftlicher Aufgabe bewusst gewordene Allgemeinbildung stand im Mittelpunkt. Die Funktion der Lesegesell- schaften im 18. Jh. lag nicht bei der Verbreitung von Literatur, sondern darin, dass sie ihren Mitgliedern aktuelle Informationen und aufklärerische Bildung zugänglich machten.
Kinderliteratur gliederte sich im späten 18. Jahrhundert aus der Gesamtliteratur aus. Kinder bilden nun ein eigenes Publikum für Lektüre. „Das stand im Zusammenhang mit dem langfris- tigen Prozess der ‚Entstehung der Kindheit‘, der im 18. Jahrhundert zuerst im Bürgertum zur Etablierung des Moratoriums ‚Kindheit‘ und dann auch der ‚Jugend‘ führte.“ 46 Kinder hatten im Rahmen der Familien zunehmend Freiraum für eigene Lektüre. Es etablierte sich eine
43 Schön, E. (2006): S. 30f.
44 Schön, E. (1995): S. 142.
45 Schön, E. (2006): S. 32.
46 Ebd.: S. 38.
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speziell für sie geschriebene Kinderliteratur, neben der Literatur zur pädagogisch intendierten Belehrung, wie es sie schon seit langem gab. 47
2.1.6 Das 19.Jahrhundert
Die Entwicklung im 19. Jahrhundert begründet sich zum einen in der Durchsetzung der Mas- senproduktion wie zum anderen in den sozialen Unterschieden des Publikums. Die Verände- rungen im 19. Jahrhundert sind im Vergleich zum 18. Jahrhundert eher quantitativer Art. Im Laufe des 19. Jahrhunderts etablierten sich eine Reihe von technischen Innovationen bei der Papier- und Buchproduktion. Dies lässt sich als Ergebnis einer Suche nach billigeren Pro- duktionsmöglichkeiten in Reaktion auf eine gestiegene Nachfrage verstehen. 48 Nachfolgend eine Auflistung der technischen Innovationen des 19. Jahrhunderts:
47 Vgl. ebd.: S. 32ff.
48 Vgl. Schön, E. (2006): S. 39.
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„Das Buch wird durch den technischen Fortschritt der Drucktechniken das erste der modernen Massenmedien. […] Literatur spaltet sich auch in Literatur für die Gebilde- ten, im empathischen Sinne Lesefähigkeiten, und in die Literatur für die Masse, die le- diglich die Kulturtechnik beherrscht. Voraussetzung für das Buch, die Zeitschrift und die Zeitung als Massenmedien ist die in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa er- reichte Vollalphabetisierung.“ 49
Eine zweite große Tendenz in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die soziale Diffe- renzierung des Publikums. Ein Bild sozial getrennter „Klassenkulturen“ ergibt sich für die Zeit nach 1848 bis hin zum 1. Weltkrieg.
„Dabei unterschieden sich die verschiedenen Publika aber nicht scharf durch unter- schiedliche, ihnen jeweils zugeordnete Lektüreobjekte oder gar bereits durch Gattun- gen, sondern mehr durch ihr Selbstbild und das mentalitätsmäßige, auch ideologische Verhältnis, das sie zu Literatur einnahmen.“ 50
Bis heute wird das Bild von „Lesekultur“ von einer vom Bildungsbürgertum entwickelten Vor- stellung von Lesen geprägt. Bildung ist zunächst formal an das Abitur gebunden. Von der Funktion der Bildungsinstitutionen her war bei der Bildung im 19. Jahrhundert der Besitz von Bildungspatenten, vor allem dem Abitur, entscheidend. Diese Bildungspatente beschränkten und garantierten zugleich den Eintritt in bestimmte berufliche Laufbahnen. Der Begriff Lese- kultur ist verbunden mit einem gewissen Niveau. Er schließt Trivialliteratur, wie das Lesen um die Langeweile zu vertreiben, aus. Familien- und Unterhaltungszeitschriften, wie bei- spielsweise die Zeitschrift „Gartenlaube“ und Leihbibliotheksromane fanden ihr Publikum im Bürgertum sowie im Kleinbürgertum. Hier ist das tatsächliche belletristische Lesen verbrei- tet. 51
Die lesegeschichtliche Bewegung des 18. Jahrhunderts (1. Leserevolution) beinhaltet die qualitativen Veränderungen innerhalb einer kleinen Schicht. Diese Veränderungen weiteten sich im letzten Jahrhundertdrittel (2. Leserevolution) auf ein Massenpublikum aus. Einen Gegenpol zum Bildungsbürgertum bildete im 19. Jahrhundert die Kulturbewegung der Arbei- terbewegung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften. „Hintergrund war das sozial- demokratische Konzept von Bildung, das Wilhelm Liebknecht 1872 auf die Formel gebracht hatte: ‚Wissen ist Macht – Macht ist Wissen‘.“ 52 Dieses Konzept stand in der Tradition der Aufklärung. Hier wird Bildung als Voraussetzung zum Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit verstanden. Bildung macht in diesem Sinne frei und un- abhängig.
49 Schanze, H. (2001): S. 253.
50 Schön, E. (2006): S: 43.
51 Vgl. ebd.: S. 44ff.
52 Ebd.: S: 52.
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„Eine Widersprüchlichkeit lag freilich darin, dass die durch literarische Bildung zu errei- chende Freiheit, die die Weimarer Klassik und ihre Umsetzung im Bildungskonzept Humboldts an die Stelle des z.T: sehr konkret, auch politisch gemeinten Freiheitsbeg- riffs der Aufklärung gesetzt hatte, eine bloß geistige Freiheit des Einzelnen sein soll- te.“ 53
Zudem steht die Formel „Wissen ist Macht“ für die konkrete Funktion der bürgerlichen Bil- dung. Das Abitur als Bildungspatent ist Zugangsvoraussetzung wie auch Zugangsgarantie für öffentlich kontrollierte Ämter, für eine Beamtenlaufbahn und damit für einen eventuellen sozialen Aufstieg. 54
2.1.7 Das 20. Jahrhundert bis 1945
„Die mit dem 19. Jahrhundert verbundene Form [der Lesekultur] zeigt Auflösungser- scheinungen schon vor 1900; sie endet in den 20er Jahren: der 1. Weltkrieg, die sozia- len Veränderungen in der Folge der Inflation und die Umstrukturierungen der staatli- chen und wirtschaftlichen Organisation […] setzen in ihrer Summe einen Einschnitt; die Verbreitung von Film und Rundfunk kommt dazu.“ 55
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Buchproduktion durch verschiedene Ein- flussfaktoren, wie Wirtschaftskrise, Inflation sowie die beiden Weltkriege, geprägt. Etwa zwei Drittel der Erwachsenenbevölkerung konnte zu diesem Zeitpunkt so gut lesen, dass sie tat- sächlich zumindest ab und an auch zu Unterhaltungsliteratur griff. Dies lässt sich ungefähr mit der heutigen Lesesituation vergleichen. Zwischen der Jahrhundertwende und dem 1. Weltkrieg erlebt die Geschichte des Lesens einen quantitativen Höhepunkt. Ein Grund hierfür liegt in dem technisch-industriellen Phänomen der Massenproduktion, die Preise sanken aufgrund steigender Produktionszahlen. Es etablierte sich eine „Unterhaltungsindustrie“ wie es sie vorher nie gegeben hatte. Es wurden Prachtbände für das Bildungsbürgertum, Klassi- kerausgaben bis hin zu Kioskheftchen und Zeitschriften mit belletristischem Inhalt produziert und gelesen. Kurz nach 1900 etablierten sich Importe aus der amerikanischen Unterhal- tungsindustrie in Form von Kiosk-Romanheftchen wie beispielsweise Buffalo Bill, etc. 56
Des Weiteren war neben der Verbilligung des Lesestoffs, dieser nun auch in öffentlichen Leihbibliotheken zu erhalten. Damit war die wichtigste Voraussetzung gegeben, dass die ökonomischen Schwellen für die Beschaffung von Lesestoff an Bedeutung verlieren konnten und für alle frei zur Verfügung standen. Diese Entwicklung der Unterhaltungsindustrie war noch eine reine „Lektüre-Industrie“. Sie standen in keinster Konkurrenz zu Rundfunk, Kino und Fernsehen. Die Druckmedien Buch, Heft, Zeitschrift und Zeitung standen noch im Vor-
53 Schön, E. (2006): S. 52.
54 Vgl. ebd.: S. 52.
55 Schön, E. (1995): S. 142.
56 Vgl. Schön, E. (2006): S. 53f.
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Daniela Schmitt, 2008, Veränderung des Leseverhaltens in der Mediengesellschaft, Munich, GRIN Publishing GmbH
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