Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Geschichtswissenschaften
HS: Die Geschichte der Medien in Europa
WS 2005/06
Medien, Macht und Individuum
Zum Verhältnis von Gesellschaft und Fernsehen
in Deutschland seit 1945
eingereicht von:
Christiane Baltes
Geschichte / Skandinavistik M.A.
7. Fachsemester
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 3
2. Medien und ihre Wirkung: Theoretische Überlegungen... 5
3. Die Entwicklung der Mediengesellschaft seit 1945 eine Skizze... 6
3.1 Das Fenster zur Welt ... 6
3.2 Die ,,wohlkomponierte Mitte"... 7
3.3 Kulturkritik und ,,neue Innerlichkeit" ... 8
3.4 Flexibilisierung und Duales System... 9
3.5 Wende zum Wachstum... 9
3.6 Der systematische Medienwandel? ... 10
4. Medien als Informationsvermittler... 10
5. Die Rolle des Fernsehens ... 11
6. Die Einflussmöglichkeiten des Fernsehens auf die Gesellschaft ... 12
6.1 politisch ... 12
6.2 kulturell ... 14
6.3 emotional... 15
6.4 sozial... 16
6.5 Fazit: Kann der Mensch sich wehren? ... 17
7. Der gesellschaftliche Einfluss auf das Fernsehen ... 17
7.1 Einschaltquoten: Der Mensch, das berechenbare Wesen? ... 18
7.2 Staatliche (De-)Regulierungsmaßnahmen: trial and error ... 19
8. Medienkritik ... 20
9. Perspektiven für das zukünftige Verhältnis zwischen Fernsehen und Gesellschaft ... 21
10. Schlussfolgerungen ... 22
Literatur ... 24
Internetressourcen ... 25
3
1. Einleitung
Fernsehen ist die wahre demokratische Bildung; die erste, die jedem offen steht und die
bestimmt ist von dem, was die Leute wollen. Doch was die Leute wollen, kann einem schon
einen Schrecken einjagen.
- Clive Barnes, britisch-amerikanischer Theaterkritiker
In einer Gesellschaft, in der Medialisierung in nahezu allen Lebensbereichen stattfindet, sich
immer rasanter vollzieht und für gesellschaftliche Veränderungen verantwortlich gemacht
wird, ist die Frage nach Ursache und Wirkung medialer Entwicklungen aktueller denn je. Die
gesellschaftliche Entwicklung wird nicht nur von neuen Kommunikationsformen
gekennzeichnet und beeinflusst, sondern sichert auch deren Fortbestand.
Die hier vorliegende Arbeit präsentiert einen solchen Untersuchungsgegenstand mit
Fragestellungen, die jedoch nach medienwissenschaftlicher Einschätzung eigentlich nicht zu
beantworten sind.
1
Es handelt sich um die gesellschaftliche Wirkung der Medien und die
Beeinflussung des Mediengeschehens durch die Gesellschaft. Darunter die Fragen: Wie
finden mediale Beeinflussung und gesellschaftliche Rezeption statt und wie haben sie sich seit
1945 verändert? Welche Einflüsse hat umgekehrt die Gesellschaft auf die Gestaltung des
Medienangebotes? Welche Gründe sind dafür zu erkennen? Was bedeutet der Wandel in der
Medienentwicklung für die Gesellschaft?
Um sich mit einem derart komplexen Thema dennoch im Rahmen einer Hausarbeit
auseinander setzen zu können, handelt es sich im Folgenden um eine stark
zusammenfassende, vereinfachende und selektive Darstellung und Analyse. Die dafür
genutzte Literatur besteht zum einen aus medienhistorischen, überblicksartigen Arbeiten, zum
anderen aus medientheoretischen Handbüchern und mediensoziologischen Untersuchungen
sowie medienphilosophischen Einschätzungen.
Eine rein historische Untersuchung würde die oben aufgeworfenen Fragen nur unzureichend
beantworten. In der verwendeten Literatur finden sich Werke, zu deren Autoren Soziologen,
Historiker, Kommunikationswissenschaftler oder Psychologen gehören. Demzufolge bemüht
sich diese Untersuchung ebenfalls um eine interdisziplinäre Herangehensweise, bei der die
historische Entwicklung der Mediengesellschaft jedoch die Ausgangsbasis für letztendliche
Schlussfolgerungen darstellt. Das methodische Vorgehen der Arbeit geht von einer
Mediengeschichte als Sozialgeschichte aus und versucht, die mediale Produktion und
1
Burkart, Roland: Kommunikationswissenschaft, Wien u. a. 2002, S. 186; Hoffmann, Jochen/Sarcinelli, Ulrich:
Politische Wirkungen der Medien, in: Wilke, Jürgen (Hg.): Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland,
Köln/ Weimar/ Wien, 1999, S. 720.
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Rezeption funktional im Kontext des gesellschaftlichen Lebens zu sehen und
dementsprechend die Entwicklungsstufe dieser Gesellschaft zu bestimmen. Der Fragestellung
entsprechend
werden
dabei
sowohl
institutions-
und
programm-
als
auch
rezeptionsgeschichtliche Aspekte behandelt.
Den thematischen Schwerpunkt bildet der Wandel der Fernsehrezeption und die damit
zusammenhängenden gesellschaftlichen, politischen und medienökonomischen Phänomene.
In dem Zusammenhang wird der Einfluss des Fernsehens auf die Gesellschaft umfangreicher
behandelt als der umgekehrte Fall der gesellschaftlichen Beeinflussung des Fernsehens, was
auf das unterschiedlich ausgeprägte Vorhandensein beider Wirkungsarten und der
dementsprechenden Auseinandersetzung in der Forschungsliteratur zurückzuführen ist. Auch
wenn die Entwicklung des Fernsehens nicht ohne die Wechselwirkungen von Radio und
Presse vorzustellen ist, muss hier auf eine auch diese Medien umfassende Analyse zugunsten
des Umfangs der Arbeit verzichtet werden.
Als theoretische Basis werden zu Beginn einige Überlegungen zur Medienwirkung
vorgestellt: Der Begriff der ,Massenkommunikation' wird vor dem Hintergrund des Sender-
Empfänger-Verhältnisses
definiert
und
die
Dynamik
innerhalb
dieses
Kommunikationsprozesses verdeutlicht, um zum einen die Frage nach der
Verständigungsabsicht der Medienmacher und zum anderen nach der Aktivität oder Passivität
des Zuschauers stellen zu können. Im dritten Kapitel skizziere ich kurz die Mediengeschichte
in Westdeutschland nach 1945 unter besonderer Berücksichtigung kultureller und sozialer
Aspekte, um für das Thema wesentliche Zäsuren und Bedeutungswandel kenntlich zu
machen. Anschließend beschäftigt sich das vierte Kapitel mit den Medien als
Informationsvermittler und geht speziell auf die Rolle des Fernsehens ein. Das fünfte Kapitel
untersucht dann die Einflussmöglichkeiten des Fernsehens auf die Gesellschaft auf
politischer, sozialer, kultureller und emotionaler Ebene. Darauffolgend wird die
gesellschaftliche Partizipation am Fernsehen behandelt, wobei staatliche (De-)
Regulierungsmaßnahmen, die das Programmangebot und die medienökonomische
Entwicklung betreffen, erläutert und im Hinblick auf ihren Zusammenhang zur Gesellschaft
betrachtet werden. Das siebte Kapitel wiederum nennt einige für die Fragestellung relevante
Punkte der aktuellen Medienkritik, um dann im achten Kapitel auf Perspektiven für das
zukünftige Verhältnis zwischen Fernsehen und Gesellschaft hinzuweisen. Das letzte Kapitel
fasst schließlich alle wesentlichen Punkte und Thesen zusammen und formuliert ein kurzes
Fazit zur Fragestellung.
5
2. Medien und ihre Wirkung: Theoretische Überlegungen
Werner Früh und Klaus Schönbach formulierten 1982 mit ihrem dynamisch-transaktionalen
Ansatz ein theoretisches Modell, dem bis heute in der Forschungsagenda der
Wirkungsgeschichte große Bedeutung und Anwendbarkeit zugesprochen wird.
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Es stellt den
Wechselprozess zwischen Medium und Empfänger dar, der durch die aktive Nutzung des
Rezipienten sowie die Wirkung des Mediums gekennzeichnet ist. Dadurch wird nicht mehr
zwischen Ursache bzw. Motiv für die Nutzung und dem Effekt unterschieden, sondern von
einer Kombination beider Faktoren ausgegangen. Außerdem werden Veränderungen der
medialen Wirkung betrachtet und vor dem Hintergrund einer Chronologie kommunikativer
Prozesse determiniert.
3
In den folgenden Kapiteln wird die Vorstellung eines so
beschriebenen transaktionalen Modells aufgegriffen, um mit einer dementsprechenden
Betrachtungs- und Untersuchungsweise Aspekte der Medienwirkung erklären zu können. Zu
dem Begriff der Medienwirkung zählt dabei die Reaktion der Rezipienten auf das Objekt
Fernsehen
mit
bestimmten
Gefühlen,
Wahrnehmungen,
Verhaltensweisen
und
Vorstellungen.
4
Über die Wirkung hinaus soll das Fernsehen auch in seiner Funktion als Teil
der Massenkommunikation betrachtet werden.
5
In diesem Zusammenhang ist von
Massenkommunikation als Prozess auszugehen, bei dem Aussagen öffentlich (ohne begrenzte
Empfängerschaft), indirekt (in räumlicher bzw. zeitlicher Distanz zwischen den
Kommunikationspartnern) und einseitig (ohne Rollenwechsel der Kommunikationspartner)
durch technische Medien an ein disperses Publikum (kleine Gruppen von Menschen, die
Massenmedien nutzen) gesandt werden. Charakteristisch für das Publikum ist darüber hinaus,
dass es inhomogen, unstrukturiert und unorganisiert ist, also keine weiteren direkten
Gemeinsamkeiten aufweist und sich immer wieder neu zusammen setzt.
6
Insgesamt ist zu
beachten, dass die hier formulierten Definitionen sich gegenseitig beeinflussen und
voneinander abhängig sind. Außerdem erweist sich der Kommunikationsbegriff als schwierig,
da Kommunikation im Sinne von Verständigung nur dann statt findet, wenn die Botschaft des
Senders vom Empfänger verstanden wird.
7
Ob dieser Fall im Verhältnis von Fernsehen und
Publikum zutrifft und inwieweit es überhaupt die Absicht der Programmanbieter ist,
2
Saxer, Ulrich: Medien, Rezeption, Geschichte, S. 27-37, in: Klingler, Walter / Roters, Gunnar / Gerhards,
Maria (Hg.): Medienrezeption seit 1945. Forschungsbilanz und Forschungsperspektiven, Baden-Baden 1999, S.
35; Groebel, Jo: Rezipientenaktivitäten im Wandel der Zeit, S. 37-49, in: ebd., S. 40.
3
Früh,
Werner: Realitätsvermittlung durch Massenmeiden. Abbild oder Konstruktion? S.
71-89, in: Schulz, Winfried (Hg.): Medienwirkungen. Einflüsse von Presse, Radio und Fernsehen auf
Individuum und Gesellschaft, Weinheim 1992, S. 75.
4
Burkart, S. 190.
5
Ebd., S. 178.
6
Ebd., S. 169.
7
Ebd., S. 174.
6
verstanden zu werden oder zur Verständigung beizutragen, wird im Laufe der Arbeit noch
geklärt werden
3. Die Entwicklung der Mediengesellschaft seit 1945 eine Skizze
Um sich der Frage nach der Wirkungsmächtigkeit des Fernsehens und der Rolle der
Rezipienten annähern zu können, muss zunächst die Frage nach der Herkunft des Fernsehens
und seiner von der jeweiligen historischen Phase abhängigen Funktion in der Gesellschaft
gestellt werden. Eine eindeutige chronologische Einteilung der Medienentwicklung ist hierbei
nicht möglich, da die Übergänge fließend sind und es in Abhängigkeit der angewandten
Perspektive (technisch, kulturell, rundfunkpolitisch, etc.) zu ganz unterschiedlichen Zäsuren
kommen kann. Im Folgenden sollen besonders die rezeptionshistorisch relevanten Aspekte
dargestellt und im Zusammenhang mit der programmgeschichtlichen Entwicklung des
Fernsehens betrachtet werden. Der Übersichtlichkeit halber wurden die einzelnen Abschnitte
dabei grob nach Jahrzehnten eingeteilt und durch charakteristische Schlagworte
überschrieben.
3.1 Das Fenster zur Welt
Obwohl die Entstehung des Fernsehens bereits in den dreißiger Jahren zu verorten ist, kam es
durch politische und technische Einflüsse erst in den fünfziger Jahren zu dessen Wachstum
und Ausbreitung.
8
Dabei war der Wunsch ausschlaggebend, dem Kino im Kopf wie es
durch das Radio entstanden war - die entsprechenden Bilder entgegenzusetzen oder
hinzuzufügen.
9
Das Fernsehen faszinierte Anfang der fünfziger Jahre noch aufgrund seiner Technik und
weniger wegen des Programms, das inhaltlich sehr einheitlich und zeitlich überschaubar
gestaltet war. Mit einmal wöchentlichen Sendezeiten von zwei Stunden ähnelte das Fernsehen
noch mehr dem Kinoprogramm als einer massenmedialen Institution.
10
Von einer Einführung
des Fernsehens als Massenmedium und einer dadurch erfolgenden Veränderung der gesamten
medialen Struktur, kann erst im letzten Drittel der fünfziger Jahre gesprochen werden. Die
8
Kiefer, Marie-Luise: Tendenzen und Wandlungen in der Presse-, Hörfunk- und
Fernsehrezeption seit 1964, S. 93-107, in: Klingler, Walter / Roters, Gunnar / Gerhards, Maria (Hg.):
Medienrezeption seit 1945. Forschungsbilanz und Forschungsperspektiven, Baden-Baden 1999, S. 95; Schildt,
Axel: Massenmedien im Umbruch der fünfziger Jahre, S. 633-649, in: Wilke, Jürgen (Hg.): Mediengeschichte
der Bundesrepublik Deutschland, Köln/ Weimar/ Wien, 1999, S. 640.
9
Stöber, Rudolf: Mediengeschichte. Die Evolution ,,neuer" Medien von Gutenberg bis Gates. Eine Einführung.
Band 2: Film Rundfunk Multimedia, Wiesbaden 2003, S. 217.
10
Hickethier, Knut: Rezeptionsgeschichte des Fernsehens ein Überblick, S. 129-143, in Klingler, Walter /
Roters, Gunnar / Gerhards, Maria (Hg.): Medienrezeption seit 1945. Forschungsbilanz und
Forschungsperspektiven, Baden-Baden 1999, S. 132.
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