Victor Turners Ritualtheorie als
literaturwissenschaftliches Werkzeug
am Beispiel des Faustbuches von 1587
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 2
2. Aufbau und Methodik 3
3. Faustus als liminales Wesen 4
3.1. Das soziale Drama des Faustus 4
3.2. Faustus in der Liminalität 6
3.3. Faustus in Struktur und Anti-Struktur. 7
4. Die Studenten um Faustus: Communitas 9
5. Darstellungen von Ritualen im Faustbuch 12
5.1. Die Ehe 12
5.2. Die Buße 13
5.3. Die Teufelsbeschwörungen 15
5.4. Der Teufelspakt 16
6. Fazit 17
Literaturverzeichnis 19
Abbildungsverzeichnis 20
1
1. Einleitung
Das erste Erscheinen der Historia von D. Johann Fausten liegt mittlerweile mehr als 400 Jahre zurück und „ist mit der Buchmesse in Frankfurt am Main vom Herbst 1587 datierbar.“ 1 Zu diesem Zeitpunkt war es noch keineswegs absehbar, dass dies die „Geburtsstunde eines der bedeutendsten Themen der Weltliteratur war.“ 2 Zwar gibt es „zuverlässige Auskünfte über den Drucker und Verleger Johann Spies“, 3 jedoch weiß man nicht, „wer (…) das Faustbuch niederschrieb.“ 4
Dieses höchst einflussreiche aber auch rätselhafte Werk ist und war natürlichermaßen Gegenstand zahlreicher literaturwissenschaftlichen Betrachtungen. In der vorliegenden Arbeit soll es noch einmal in den Mittelpunkt gerückt werden, um an ihm ein zunächst andersartig anmutendes Analysekonzept zu erproben: Es wird versucht werden ursprünglich aus der Ethnologie stammende Modelle als literaturwissenschaftliche Werkzeuge anzuwenden. Namentlich die Ritualtheorie des angelsächsischen Wissenschaftlers Victor Turner soll zur Untersuchung des Faustbuches dienen. Was ergibt sich aus solch einer Analyse? Ist es überhaupt möglich sozialwissenschaftliche Modelle auf die Geisteswissenschaften anzuwenden? Der Anthropologe Clifford Geertz hat hierfür einen Begriff geprägt, er nennt es „,blurred genres’ - the destabilizing of traditional boundaries between the social sciences and the humanities.“ 5 Demzufolge wird ein gestiegenes Interesse vermerkt, Literatur in einen größeren sozialen Diskurs zu stellen. 6 Aufgrund dessen kann es also als legitim erachtet werden, an dieser Stelle einmal den Versuch zu wagen, sozialwissenschaftliche Konzepte in die Reihe der Handwerkszeuge des Literaturwissenschaftlers einzugliedern.
1 : Kreutzer, Hans Joachim: Nachwort. In: Füssel, Stephan; Kreutzer, Hans Joachim (Hrsg.): Historia von D. Johann Fausten. Kritische Ausgabe. Stuttgart 1999. [Diese Ausgabe dient im Folgenden als Primärtext und wird mit Faustbuch abgekürzt].
2 Ebd.
3 Auernheimer, Richard; Baron, Frank: Vorwort. In: Auernheimer, Richard; Baron, Frank (Hrsg.): Das Faustbuch von 1587. Provokation und Wirkung. München/Wien 1991.
4 Ebd.
5 Ashley, Kathleen M.: Introduction. In: Ashley, Kathleen M. (Hrsg): Victor Turner and the Construction of Cultural Criticism. Indiana 1990.
6 Vgl.: Ebd. S. 11.
2
2. Aufbau und Methodik
Im Folgenden werden aus Turners Ritualtheorie stammende Konzepte auf die Handlungen des Faustbuches angewendet. Es werden zunächst die verschiedenen Begriffe im Sinne ihrer Bedeutung für die Analyse erläutert. Damit verknüpft wird jeweils die im Faustbuch entdeckte Entsprechung. Die Analyse wird im Wesentlichen darin bestehen, die Handlung des Faustbuches in den Zusammenhang von Turners Konzepten, die der theoretischen Einbettung dienen, zu bringen.
In einem von Kathleen M. Ashley herausgegebenen Band wird einigen Aufsätzen Platz eingeräumt, in denen tatsächlich Turners Theorien zu Mitteln literarischer Studien gemacht werden. Angewandt werden sie auf so unterschiedliche Werke wie die der Postmoderne, auf Klassiker der amerikanischen Literatur oder aber auch auf antike Texte und sogar auf spätmittelalterliche biblische Schauspiele, dort findet zum Beispiel auch das Künzelsauer Fronleichnamspiel Erwähnung. 7
Dieser Band konnte für diese vorliegende Arbeit als Anschauungsobjekt dienen, wie solche, durch Turners Modelle gestützte, Analysen aussehen könnten. Ich habe mich für diese hier vorliegende Arbeit dazu entschlossen, im Folgenden die Figur des Doktor Faustus und die sich im Faustbuch abspielenden Szenen in den Kontext der turnerschen sozialwissenschaftlichen Theorien zu stellen. Damit werden Anknüpfungspunkte und allenfalls Möglichkeiten für Interpretationsansätze, die durch eine solche Verbindung entstehen und literaturwissenschaftlichen Analysen dienlich sein können, hergestellt und veranschaulicht werden. Dies geschieht, indem der Charakter des Doktor Faustus herausgegriffen wird und sein Zustand innerhalb des Geschehens in der Historia in den Zusammenhang von Turners Konzepten vom Sozialen Drama, von Liminalität, Struktur und Anti-Struktur gebracht wird. Daran schließt sich eine Untersuchung der Gemeinschaft der Studenten um Faustus, indem ihre Art der Sozialbeziehung mit Turners Modell der Communitas verknüpft wird. Ein weiteres Kapitel befasst sich mit Ritualen, die explizit im Faustbuch vorkommen und deren Bedeutung für die Historia. Um dem beschränkten Umfang dieser Arbeit Rechnung zu tragen, wird die Kenntnis des Faustbuches und der Ritualtheorien von Turner zum Verständnis vorausgesetzt.
7 Vgl.: Ashley, Kathleen M. (Hrsg): Victor Turner and the Construction of Cultural Criticism. Indiana 1990.
3
3. Doktor Faustus als liminales Wesen 3.1. Das soziale Drama des Doktor Faustus
Victor Turner entwickelte seine Ritualtheorien zunächst auf der Grundlage von Feldforschungen, die er zwischen Dezember 1950 und Juni 1954 auf dem Gebiet des heutigen Sambia, einem Staat in Zentralafrika, durchführte. In seinem, mittlerweile als Standardwerk der Ethnologie zu betrachtenden, Buch, „The Ritual Process. Structure and Anti-Structure“ von 1969, 8 sind die auch auf dieser Zeit basierenden Analysen festgehalten. Das Werk ist in zwei Teile zu gliedern. Im ersten beschreibt und analysiert Turner konkret die Rituale, die er im Leben der Ndembu, so der Name des afrikanischen Stammes, mit und bei dem der Ethnologe lebte, beobachtete. Im zweiten Teil abstrahiert Turner diese Ergebnisse und überträgt seine ritualtheoretischen Konzepte auf andere Lebenswelten, um deren Allgemeingültigkeit zu untermauern. Seine Beispiele reichen hierbei von der sozialen Umwelt der Hippies bis zu der gesellschaftlichen Struktur eines Franziskanerklosters. Turner begann seine Forschungsarbeiten im damaligen Nordrhodesien im Auftrag des Rhodes-Livingston Institute for Sociological Research. Zur „anfänglichen Zielsetzung des Instituts“, so schreibt es Turner, gehöre es, „‚das Problem der Herstellung dauerhafter und befriedigender Beziehungen zwischen Einheimischen und Nichteinheimischen zu untersuchen’“ und „‚Situationsanalysen, die den Politikern eine bessere Einschätzung der Kräfte, mit denen sie es zu tun hatten’“ zu ermöglichen. 9
Bereits zu Beginn seines Aufenthaltes bei den Ndembu wird Turner allerdings die Wichtigkeit der verschiedenen Rituale, die oft mehrmals am Tag ablaufen, bewusst. Schon bald macht er die Entdeckung, „dass die Entscheidung, ein Ritual auszuführen, sehr oft mit Krisen im Sozialleben der Dorfbewohner zusammenhing.“ Bevor er diese Gedanken in „Das Ritual“ niederlegte, entwickelte er sie bereits ausführlich in seiner 1955 erschienen Dissertation. 10 Dort stellt er auch seine Analysen der Prozesse, die sich ständig vor seinen Augen vollzogen, vor und nennt sie „soziale Dramen“. 11 Nach Victor Turners Analysen dieses „sozialen Dramas“, folgt es einem immer gleichen Ablauf: Auf den Bruch des Hauptakteurs des Dramas mit dem Rest der Gesellschaft folgt eine eskalierende Krise, die wiederum einen Anpassungsprozess zur Folge hat, an dessen Ende entweder die Reintegration in die Gemeinschaft steht oder aber auch die endgültige Anerkennung einer unwiderruflichen
8 Deutsch: Turner, Victor: Das Ritual. Struktur und Anti-Struktur. Frankfurt am Main 1989. [Im Folgenden: Turner, Victor: Das Ritual.].
9 Turner, Victor: Das Ritual.
10 Turner, Victor: Schism and Continuity in an African Society: A Study of Ndembu Village Life. Manchester 1957.
11 Ebd.: S. 91-94.
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Trennung. Turners Forschungsschwerpunkt lag nun auf dem Anpassungsprozess, der nicht nur politischen (in Form von zum Beispiel Rebellion oder Krieg), legalen oder rechtlichen (zum Beispiel als Gerichtsverfahren) Charakter haben könne, sondern eben gerade auch (und dort lag Turners Hauptaugenmerk) in der Form eines rituellen Prozesses von Statten gehen. 12 Es wird nun veranschaulicht, dass sich auch die Figur des Doktor Faustus in Turners Modell des Sozialen Dramas einordnen lässt. Im weiteren Verlauf wird gezeigt, dass sie sich während der Handlung der Historia inmitten eines Anpassungsprozesses, wie er Teil von Turners Sozialem Drama ist, befindet. Wie es nun zu diesem Sozialen Drama kommt, warum Faustus mit dem Rest der Gesellschaft bricht, ist zunächst schwer in der Historia auszumachen. Am Anfang gestaltet sich Faustus` Lebenslauf noch sehr viel versprechend: Als Spross Gottselige(r) und Christliche(r) Leut, Bauwern (…) zu Rod bey Weinmar, wird er von seinem Vetter / der zu Wittenberg sesshaft / ein Burger / vnd wol vermogens gewest / (…)
aufferzogen. 13 Dieser Vetter nun lässt ihn gar in die Schul gehen und Theologiam studieren. 14 Unscharf bleibt vorerst, was genau Faustus dazu bewegt, sich vom christlichen Glauben abzuwenden, nachdem er bereits Doctor Theologiae ist, ein Weltmensch zu werden und der Zauberey zu verfallen. 15 Zur Beschreibung, wie es zum Bruch kommt, findet hier die Erklärung Erwähnung, dass Faustus zur bosen Gesellschaft gerahten ist, in der er Bücher findet, in denen Namen der Beschwerung vnd Zauberey mogen genennet werden. 16 Diese Bücher gefallen ihm anscheinend so sehr, dass er speculiert vnd studiert Nacht vnd Tag darinnen. 17 Warum Doktor Faustus sich so sehr von unchristlichen Lehren, schwarzer Magie, Beschwerung vnd Zauberey angezogen fühlt, 18 bleibt in der Historia vage: Zum einen hat er zwar einen gantz gelernigen vnd geschwinden, doch daneben (…) auch einen thummen, vnsinnigen vnnd hoffertigen Kopff. 19 Zum anderen begründet die Historia das stete Streben des Doktors mit einem Sprichwort: Was zum Teuffel will, das laßt sich nicht auffhalten, noch jm wehren. 20 Ein weiterer Hinweis findet sich allerdings noch einmal in seiner mit eigenem Blute verfassten Teufelsverschreibung:
Nach dem ich mir furgenommen die Elementa zu speculieren / vnd aber auß den Gaaben / so mir von oben herab bescheret / vnd gnedig mitgetheilt worden / solche Geschickligkeit in meinem Kopf nicht befinde / vnnd solches von den Menschen nicht erlehrnen mag / So
12 Vgl.: Turner, Victor: Das Ritual.
13 Faustbuch. S. 13.
14 Faustbuch. S. 13.
15 Ebd. S. 14 ff.
16 Ebd. S. 14 ff.
17 Ebd.
18 Ebd.
19 Ebd.
20 Ebd.
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Arbeit zitieren:
Magister Artium Julian Philipp Schlüter, 2004, Victor Turners Ritualtheorie als literaturwissenschaftliches Werkzeug am Beispiel des Faustbuches von 1587 , München, GRIN Verlag GmbH
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