Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
1. Einführung 3
2. Tugend 4
2.1. Definition. 4
2.2. Wandel der Tugenden 4
2.2.1. Klassische Kardinalstugenden in der Antike. 4
2.2.2. Christliche Tugenden im Mittelalter. 5
2.2.3. Tugend in der Renaissance. 6
3. Fortuna 6
3.1. Definition. 6
3.2. Emblematik und Bildsemantik. 7
3.3. Geschichtlicher Hintergrund 7
3.3.1. Antike. 7
3.3.2. Mittelalter 8
3.3.3. Renaissance 9
4. Fortuna und Tugend in der Renaissance. 10
5. Bezug zum Lazarillo im Hinblick auf Tugend und Fortuna. 11
5.1. Hinführung zum Thema 11
5.2. Nachweis der These 11
6. Zusammenfassung und Ausblick. 17
6. Literaturverzeichnis 18
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1. Einführung
Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Bedeutungswandel des Tugendbegriffes, der von dem Fortuna- Konzept der Renaissance abhängig ist. Anhand des Picaro- Romans Lazarillo de Tormes lässt sich diese These nachweisen.
Aus dem, in 1554 anonym erschienenem Schelmenroman La vida de Lazarillo de Tormes y de sus fortunas y adversidades, sind drei Editionen bekannt: aus Burgos, Alcalá de Henares und Antwerpen. Er setzt sich von dem höfischen Roman ab und galt als erster Picaro-, oder Schelmenroman. Aufgrund seiner gesellschaftskritischen Sichtweisen des Protagonisten und seinem schelmenhaften und satirischen Verhalten gegenüber Obrigkeiten gelang der Roman kurz nach der Veröffentlichung 1559 auf den Index.
Der Roman La vida de Lazarillo de Tormes y de sus fortunas y adversidades erzählt die Lebensgeschichte des Lazarillos von Geburt an bis zum sesshaft werden. Episodenhaft erzählt er in sieben Kapiteln, in der Ich- Perspektive, von seinen Lehr- und Wanderjahren bei verschiedenen Dienstherren. Seine jeweiligen Herren vermitteln Lazarillo Lehren und Weisheiten, die ihm den rechten Weg weisen sollen, durch die er es schafft sich gegen die Widerwertigkeiten des Lebens zu behaupten. Durch Lazarillos erfolgreichen Überlebenskampf gelingt es ihm vom untersten Stand in eine höhere gesellschaftliche Schicht aufzusteigen, sogar ein offizielles Amt als Stadtherold von Toledo zu bekleiden. Um die aufgestellte These, Der Bedeutungswandel des Tugendbegriffes ist abhängig von dem Fortuna- Konzept der Renaissance. Dies lässt sich anhand des Romans Lazarillo de Tormes aufzeigen, besser nachzuvollziehen werden zunächst die Begriffe Tugend und Fortuna näher erläutert. In diesem Zusammenhang wird die jeweilige Bedeutung, dessen Hintergründe und der damit verbundene Wandel durch die verschiedenen Epochen durchleuchtet. Daraus folgt die Analyse des Zusammenhangs zwischen Tugend und Fortuna in der Renaissance, da sich die These auf diese Verbindung richtet. Anschließend werden Tugend und Fortuna auf den Roman Lazarillo de Tormes übertragen. Zuletzt werden die erarbeiteten Ergebnisse zusammengefasst und daraus folgt die Bestätigung der These.
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2. Tugend
2.1. Definition
Da viele Menschen eine unterschiedliche Vorstellung von Tugend besitzen, gibt es keine konkrete Definition. Zusammenfassend kann man sagen, dass der Begriff Tugend aus dem Griechischen (arete) und aus dem Lateinischen (virtus) stammt. Tugenden sind sittliche Eigenschaften, die als Ziel eine vorbildliche Haltung ansehen und die darin bestehen das Richtige zu tun, wobei dies von der Gemeinschaft definiert wird. Der Begriff ‚Tugend’ bezeichnete in der Antike und im Mittelalter die Fähigkeiten eines Menschen, die er benötigte um ein lobens- und bewundernswertes Leben zu führen. 1 Die Tugendlehre hingegen spricht, „gleichfalls natürlicherweise […], und zwar sowohl von dem Schöpfungshaften Sein, das er bereits mitbringt, wie auch von dem Sein, zu dessen Realisierung er empor gedeihen sollindem er klug, gerecht, tapfer, maßvoll ist“ 2 . Hierbei wird verdeutlicht, dass die Tugenden sowohl angeboren sind als auch erworben werden können.
2.2. Wandel der Tugenden
2.2.1. Klassische Kardinalstugenden in der Antike
Ca 400 vor Chr. hatten die Kardinalstugenden von Platon ihren Ursprung. Platon unterscheidet vier Tugenden, von denen gute Taten abhängig sind: Klugheit, Tapferkeit, Gerechtigkeit und Maß. „Die Gerechtigkeit soll in einem harmonischen Verhältnis der anderen drei bestehen.“ 3 Platon unterscheidet drei Grundkräfte des Menschen, die zur Seele gehören: Die Vernunft, das Begehren und das Mutartige. Die Vernunft, aus der die Weisheit (= Klugheit) entspringt, nimmt den höchsten Rang ein. Sie beherrscht das Mutartige und das Begehren. Dadurch kann man sagen, dass “[d]ie Klugheit oder Einsicht […] den Herrscherstand“ 4 einnimmt. Aus der Vernunft entsteht das Mutartige und aus diesem folgt die Tapferkeit. Die Tapferkeit ist die charakteristische Tugend für den Kriegerstand. 5 Aus dem Mutartigem entspringt das Begehren. Auf das Begehren folgt die Mäßigung, die dem
1 vgl. Mittelstraß, Jürgen, Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie 4, S. 344
2 Pieper, Joseph, Das Viergespann, S. 10
3 Pieper, Joseph, Das Viergespann, S. 10
4 Mittelstraß, Jürgen, Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie4, S. 345
5 vgl. Mittelstraß, Jürgen, Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie4, S. 345
6 vgl. Mittelstraß, Jürgen, Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie4, S. 346
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Erwerbsstand zugesprochen wird 6 . Sind Vernunft, Mutartiges und Begehren verwirklicht, so ist der Mensch gerecht. 7 (siehe 7.1.) „Schließlich soll die Gerechtigkeit alle Stände umgreifen und die anderen drei Tugenden koordinieren.“ 8 Die Tugenden wurden durch die Gesellschaft definiert, wobei ein Mann nur durch diese Ansehen und Ruhm erlangen konnte. Das höchste Ziel jeden Individuums war es tugendhaft zu handeln. Platons Kardinalstugenden wertete Aristoteles um 300 vor Chr. neu auf: Er unterscheidet zwischen den moralischen Tugenden und den Tugenden des Denkens. Auf der Basis von Platons Lehren bildeten sich unter anderem zwei philosophische Schulen aus, die sich mit der Lehre der bis dato geltenden Tugenden näher beschäftigten: Die Stoa und die des griechischen Philosophen Epikurs. Die beiden Lehren stehen in Opposition zueinander. Die Stoa hat als höchstes Gut die Tugend, glaubt an göttliche Vorsehung und ist davon überzeugt, die menschliche Seele sei unsterblich. Im Gegensatz dazu sehen die Epikureer ihr höchstes Gut in der Lust, glauben nicht an göttliche Vorsehung und an eine sterbliche Seele. 9
2.2.2. Christliche Tugenden im Mittelalter
Um das 13. Jahrhundert ergänzte der italienische Philosoph und Theologe Thomas von Aquin die klassischen Tugenden mit den Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Diese Tugenden wurden uns von Gott bei der Taufe mitgegeben. Ihre Aufgabe ist es uns den Weg zur ewigen Seligkeit zu weisen. Thomas von Aquin kombiniert also die Kardinalstugenden von Platon mit den christlichen Tugenden, um diese zu vollenden. Vor allem im Mittelalter hatte das Christentum und die Kirche eine besondere Machtstellung in der Gesellschaft. Durch die neuen christlichen Vorstellungen der Menschen mussten auch die bis dahin konservativen Wertevorstellungen aktualisiert werden. Nicht mehr länger definiert nur die Gesellschaft die Tugenden, sondern auch die Kirche wodurch sie noch mehr an Macht gewann. Aufgrund dessen wurden die klassischen Tugenden mit den christlichen erweitert um den frommen Menschen einen neuen Identifikationsrahmen zu verschaffen.
7 vgl. Ethisch urteilen und handeln, http://www.wolfgang-
schumacher.de/forumethik2/Lehrveranstaltungtugend/Seminarsatztugenda.htm
8 Mittelstraß, Jürgen, Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie4, S. 346
9 vgl. Stoizismus und Epikureismus, http://philolex.de/stoiepik.htm
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2.2.3. Tugend in der Renaissance
Wie schon bereits erwähnt bestanden die klassischen und christlichen Tugenden darin, das Richtige zu tun, welches durch den Konsens der Gemeinschaft und der Kirche definiert wurde. Also ist derjenige tugendhaft, der für das Vaterland und die Kirche einsteht. In der Renaissance ist die Tugend nicht mehr so strikt definiert, sondern sie offenbart sich etwas formaler: Verschiedene Lebensformen stellen sich als tugendhaft dar. Die bis dahin geltenden Tugenden verlieren an Bedeutung, wiederum stellen die neuen Wertevorstellungen das Individuum in den Mittelpunkt und beziehen sich auf dessen Handeln in der Welt. Es ist wichtig die Fähigkeit seiner Kräfte auf dem Lebensweg auszubilden und diese zu seinem Vorteil zu nutzen. Der Mensch denkt nicht mehr in sozialen Gefügen, sondern eher egozentrisch. „Nicht auf Willkür und auf Schrankenlosigkeit läuft dieser Individualismus hinaus, sondern die Konsequenz und die Entwicklung auf einen selbst gewählten Weg mit eigener Gesetzlichkeit.“ 10 Der Mensch ist auch dazu fähig durch Schurkerei oder auch durch unmenschliches Verhalten zu agieren. „Von daher bedeutete das Aufgeben der Tugend nicht nur, irrational zu handeln, es bedeutete auch, seinen Status als Mensch aufzugeben und auf die Ebene der Tiere herabzusteigen.“ 11 Der florentinische Staatsphilosoph Machiavelli vertrat die Meinung, dass nicht die Vorbedingungen für ein Lebensschicksal maßgebend sein müssen, sondern auch die freie Kraft sich zu widersetzen und zu überwinden.
3. Fortuna
3.1. Definition
Der Begriff Fortuna stammt ursprünglich aus dem lateinischen und bedeutet Glück, Schicksal und Zufall. Fortuna ist die Glücks-, und Schicksalsgöttin der römischen Mythologie. Fortuna, als „Herrscherin über alle Kreatur“ 12 , ist für das irdische Glück und Geschick der Menschen verantwortlich und wird daher auch Fors Fortuna (lat. Macht des Schicksals) genannt. Sie ist die Verkörperung der Beliebigkeit und des ständigen Umschwunges irdischen Geschehens. Das widersprüchliche Tun der Menschen spiegelt ihr vieldeutiges Wesen wieder.
10 Humanismus 2 (Inhalte), http://heihobel.phl.univie.ac.at/per/rh/ellvau/renphil/C578.htm, S.2
11 Skinner, Quentin, Machiavelli zur Einführung, S. 70
12 Kirchner, Gottfried, Fortuna in Dichtung und Emblematik des Barock, S.5
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3.2. Emblematik und Bildsemantik
Um Fortunas Charakterzüge besser kennenzulernen ist es sinnvoll verschiedene Darstellungen dieser Göttin näher zu betrachten. Zunächst kann die Göttin Fortuna als eine Allegorie (künstlerische Versinnbildlichung) gesehen werden. In Frauengestalt personifiziert sie Glück, Schicksal und Zufall. „[...] [S]ie selbst ist - wie ihr Name schon erkennen läßt - das Glück, das in einer bestimmten Situation wirksam wird.“ 13 Zur Zeit der Renaissance fand man diesen Bildtypus vor allem in Emblemen wieder. Die Figur der Fortuna besitzt eine sehr reichhaltige Emblematik (Wissenschaft die sich mit der Deutung von Emblemen beschäftigt) und auch Bildsemantik, da die Figur in vielen verschiedenen Erscheinungsformen auftritt. Das Begriffsfeld ihrer unterschiedlichen Darstellungsweisen ist dennoch meist identisch: Schicksal und Zufall, Glück und Unglück, Erfolg und Mißerfolg. In der Kunst wird Fortuna mit immer wiederkehrenden Attributen dargestellt. Diese sind das Steuerruder, das Füllhorn, die Kugel, das Rad und ihre Blindheit, die durch eine Augenbinde dargestellt wird (siehe 7.2. ). An dieser Stelle wird nicht im Einzelnen auf die Semantik dieser Sinnbilder eingegangen, da diese Vorgehensweise sehr umfangreich wäre und vom Thema der Hausarbeit ablenken würde. Zusammenfassend aber weisen diese Attribute darauf hin, daß Fortuna eine mächtige, aber im Allgemeinen sehr wankelmütige, unbeständige und unberechenbare Göttin ist, die blind und völlig wahllos ihre Gaben wie Schicksal, Glück und Unglück verteilt.
3.3. Geschichtlicher Hintergrund
3.3.1. Antike
Der Begriff Fortuna stammt aus der römischen Mythologie. Die Göttin Fortuna galt als Erstgeborene des mächtigen Gottes Jupiter und war ursprünglich eine Göttin für Frauen, die ihnen bei den Geburten half. 14 Langsam wurde aus der einstigen Fruchtbarkeitsgöttin eine Glücks-, und Schicksalsgöttin, die kultisch verehrt wurde. In der römischen Religion hatte sie einen hohen Stellenwert. In Kultstätten und Orakelheiligtümern wurde die Göttin oft über die Zukunft befragt. 15 Die Römer sahen in der Fortuna keine bösartige Macht, sondern eher eine
13 Lurker, Manfred, Lexikon der Götter und Dämonen, S. 107
14 vgl. Hermstein, Rudolf, Römische Mythologie, S. 126
15 vgl. Antike Religion, http://imperiumromanum/religion/antikereligion/fortuna_01.html
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„potentielle Verbündete“ 16 . Sie galt als gute Göttin, dessen Aufmerksamkeit man besser auf sich und seine Taten lenken sollte. In der Antike war man der Auffassung, dass Fortuna als Personifizierung des gelenkten Zufalls ihre Gaben nicht rein zufällig, sondern bewusst an die Menschen verteilt. 17 Dies bedeutet, dass der Mensch durch Anstrengung die Gunst der Göttin erlangen kann und dafür dementsprechend belohnt wird. Der Mensch der Antike hatte also einen gewissen Einfluss auf sein Schicksal. Nach antiker Vorstellung wurden vor allem Charakterzüge wie Männlichkeit, Tapferkeit, Mut und Tugend reichhaltig belohnt. 18
3.3.2. Mittelalter
Im Mittelalter hat sich das Bild der Fortuna sehr gewandelt. Durch den Einzug des Christentums wurde die klassische Sichtweise der Fortuna fallengelassen. Zu dieser Zeit wurde immens bestritten, dass Fortuna beeinflussbar sei. Ihre Attribute waren nicht länger das Füllhorn, sondern das Rad und ihre Blindheit. Daraus ist zu schließen, dass sie eher als „[..] eine blinde Macht beschrieben [wird] und von daher als völlig wahl- und gefühllos bei der Verleihung ihrer Gaben. Sie wird nicht länger als potentielle Freundin angesehen, sondern einfach als eine mitleidlose Macht“ 19 . Die Göttin Fortuna wurde von den Christen und der Kirche verachtet. Fortuna als eine autonome Macht des Zufälligen war natürlich für Christen und die Kirche eine inakzeptable Vorstellung. Diese waren der festen Überzeugung, dass alles was auf Erden geschieht in Gottes Hand liegt und einem göttlichen Plan entspricht. Durch diesen Glauben war es für sie undenkbar, dass das Glücksrad der blinden Fortuna eine zufällige Wahl trifft. Christen und Kirche fühlten sich durch diese heidnische Göttin bedroht und versuchten ihr die Existenzberechtigung zu untersagen. Die Kirche befürchtete dass die Grundprinzipien des christlichen Glaubens in Frage gestellt werden würden. Die Kirche versuchte dem Fortuna - Problem nicht durch streng theologische Argumente, sondern durch geistige Überlegenheit entgegenzuwirken. Man betitelte Fortuna als heidnische Göttin, Trugbild und als Hirngespinst. „Ihrer Ansicht nach spukt die übliche Glücksvorstellung vor allem in den Köpfen des ungebildeten Volkes.“ 20
16 vgl. Skinner, Quentin, Machiavelli zur Einführung, S. 47
17 vgl. Antike Religion, http://imperiumromanum/religion/antikereligion/fortuna_01.html
18 vgl. Skinner, Quentin, Machiavelli zur Einführung, S. 48
19 vgl. Skinner, Quentin, Machiavelli zur Einführung, S. 4
20 Kirchner, Gottfried, Fortuna in Dichtung und Emblematik des Barock, S. 103
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3.3.3. Renaissance
Die Epoche der Renaissance ist war klare Rückbesinnung auf die Antike und ihrer klassischen Auffassung aller Dinge. Dennoch unterscheidet sich die Renaissance in einigen Grundvorstellungen von der Antike. Nicht länger steht eine himmlische Macht oder die Kirche, sondern der Mensch im Mittelpunkt alles Geschehens und des Universums. Zu dieser Zeit wird auch das Fortuna - Thema wieder aufgewertet. Doch ganz im Gegenteil zur Antike, wird Fortunas unendliche Macht über das Schicksal angezweifelt. In der Renaissance stand der Mensch und sein können im Vordergrund.
„Der weltbejahende Atem dieser Epoche gegenüber mittelalterlichen Befangenheit, die starke
Betonung menschlichen Könnens waren günstige Voraussetzungen für die Aufnahme
Fortunas in den Kreis jener Kräfte, die den Tatendrang des Menschen in die richtigen Bahnen
lenkten und sei irdisches Glück förderten.“ 21
Fortuna gibt dem Menschen Gelegenheiten und Chancen, doch es ist an dem Menschen diese Wahrzunehmen und zu nutzen. Es wird deutlich, dass sich das Verhältnis zwischen Fortuna und Mensch verändert hat. Die Macht das Schicksal zu lenken wird nicht mehr Fortuna, sondern dem Menschen zugesprochen. Somit hat der Mensch Einfluss auf sein Schicksal und ist für sein eigenes Glück selber verantwortlich. „Ein jeder ist seines Glükks und Unglükks eigner Werkmeister“ 22 In diesem Kontext bekommt der Begriff Humanismus eine wichtige Bedeutung. Der Humanismus war eine Gegenbewegung zum christlichen Mittelalter, wo die Kirche noch eine uneingeschränkte Macht darstellte. „Der Humanismus brach mit den mittelalterlichen Vorstellungen einer universalen Einheit von geistlicher und weltlicher Herrschaft und betonte den Wert des Individuums.“ 23 Auch hier wird deutlich, dass keine übernatürliche Macht, wie zum Beispiel Gott oder Fortuna, im Mittelpunkt aller Handlungen steht, sondern das Individuum. Ein Prozess der Ablösung der weltlichen Macht der Kirche wird erkennbar. Diese Macht wird nun dem Individuum zugesprochen. Die Menschen dieser Epoche fühlten sich, durch übernatürliche Kräfte wie Fortuna oder Gott, in ihrer Freiheit bedroht. Sie suchten nach Erklärungen von Ereignissen auf der Erde und nicht mehr länger in der Vorstellung der christlichen Weltordnung. Dieser Prozess der Verweltlichung von religiösen Lebensweisen ist im Allgemeinen als Säkularisierung bekannt.
21 Kirchner, Gottfried, Fortuna in Dichtung und Emblematik des Barock, S. 12
22 Kirchner, Gottfried, Fortuna in Dichtung und Emblematik des Barock, S. 120
23 Die Säkularisierung Europas, http://www.trivar.de/qw/7saekularisierung.php.htm, S. 1
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4. Fortuna und Tugend in der Renaissance
Die Renaissance (französisch: Wiedergeburt) hatte ihren Höhepunkt im 15/ 16 Jahrhundert. Diese Epoche kann als Hinwendung zur Antike verstanden werden, wobei die Entdeckung des Individuums im Mittelpunkt steht. Im Hinblick auf die Begriffe Fortuna und Tugend wird dargestellt, wie sich diese zur Zeit der Renaissance in der Bedeutung veränderten und wie sie in Bezug zueinander stehen. Wie schon bereits in den vorherigen Kapiteln erwähnt, änderten sich in der Renaissance die Grundvorstellungen des Menschen: Die in der Antike weit verbreiteten Klassischen Tugenden von Platon werden aufgelöst, verschwinden jedoch nicht ganz und werden durch neue Wertvorstellungen ersetzt. Antike Wertvorstellungen waren in sozialer Hinsicht für die Gesellschaft von Nutzen, die neuen nehmen eher eine egozentrische Sichtweise ein, das heißt, dass das Individuum und sein Überlebenskampf im Mittelpunkt stehen. Auch das Fortuna Konzept der Antike wird aufgewertet, doch wird nicht mehr der Fortuna die unendlich Macht des Schicksals zugeordnet, sondern ganz dem Menschen. Die Fortuna besitzt eine Art Doppelwesen (Fortuna bifons), das in die positive Seite (Fortuna bona) und in die negative Seite des Glücks (Fortuna mala) aufgeteilt wird. 24 Die Fortuna bona schickt den Menschen in positive Situationen: Da der Mensch in der Renaissance Einfluss auf sein Schicksal hat, kann er durch Tugend und Eigeninitiative die durch Fortuna geschenkte Chance nutzen. 25 Doch wenn Fortuna nicht lächelt, kann keine noch so große Anstrengung auf sich allein gestellt hoffen, die höchsten Ziele zu verwirklichen. 26 Die Fortuna mala schickt den Menschen in negative Lebenssituationen: Durch Tugendhaftigkeit kann er sich seinem Schicksal widersetzen und somit der Fortuna entgegenwirken, denn Fortuna hat kein Einfluss auf die Tugend, da sie diese nicht gegeben hat, sondern aus dem Menschen selbst entspringt. Hierbei wird das Zusammenspiel von Schicksal und menschlichem Verhalten dargestellt. Durch ihr Doppelwesen kann „ niemand […] damit rechnen, dauerhaft von ihr begünstigt zu werden, da […] ihre Laune und ihr Verhalten […] ständig wechseln“ 27 .
24 vgl. Kirchner, Gottfried, Fortuna in Dichtung und Emblematik des Barock, S. 5 - 6
25 vgl. Diesner, Hans - Joachim: Virtu, Fortuna und das Prinzip Hoffnung bei Machiavelli, Nachrichten der
Akademie der Wissenschaften in Göttingen 1. Philologisch-Historische Klasse, S. 179
26 vgl. Skinner, Quentin, Machiavelli zur Einführung, S. 61
27 Diesner, Hans - Joachim: Virtu, Fortuna und das Prinzip Hoffnung bei Machiavelli, Nachrichten der
Akademie der Wissenschaften in Göttingen 1. Philologisch-Historische Klasse, S. 180
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5. Bezug zum Lazarillo im Hinblick auf Tugend und Fortuna
5.1. Hinführung zum Thema
Bisher beschäftigte sich diese Hausarbeit mit den Begriffen Tugend und Fortuna und deren Bedeutung, Hintergrund und Wandel in der Renaissance. Man kann feststellen, dass in dem Schelmenroman Lazarillo de Tormes diese Themenbereiche aufgegriffen werden. Vor allem ist darin die Beziehung zwischen Tugend und Fortuna in der Renaissance ein zentrales Thema. Aufgrund dessen wurde die These, Der Bedeutungswandel des Tugendbegriffes ist abhängig von dem Fortuna- Konzept der Renaissance. Dies lässt sich anhand des Romans Lazarillo de Tormes aufzeigen, aufgestellt. Diese These lässt sich durch die später aufgeführten Beispielen belegen.
5.2. Nachweis der These
Dadurch, dass sich der Lazarillo de Tormes um einen Roman der Renaissance handelt, finden sich, im Handlungsverlauf, sehr häufig Züge des Tugendwandels wieder. Wie schon bereits erwähnt, verändert sich die Tugend zur Zeit der Renaissance in ihrer Bedeutung. Die Tugend löst sich von ihren klassischen und christlichen Wertvorstellungen der Antike und die des Mittelalters ab, dennoch werden diese nicht ganz außer Acht gelassen sondern verändern sich nur in der jeweiligen Bedeutung. Der Mensch wird nicht mehr durch die gesellschaftlichen Normen geführt, sondern bestimmt seine Lebensführung selbst und wird als Zentrum allen Geschehens betrachtet. Auch in dem vorliegenden Roman sieht man diese Ablösung. Der tugendhafte Mensch der Antike konnte zwar einen besseren Stand in der Gesellschaft einnehmen, dennoch profitierte nicht das Individuum, sondern eher der Staat von der Tugendhaftigkeit des Volkes. Im Roman, der die Epoche der Renaissance reflektiert, wurden tugendhafte Menschen von der Gesellschaft eher verspottet, ja gar als Narren bezeichnet. „[…] [A] los señores dél parecen bien, y no quieren ver en sus casas hombres virtuosos, antes los aborrescen y tienen en poco y llaman nescios y que no son personas de negocios ni con quien el señor se puede descuidar.“ 28 Die klassischen Tugenden waren: Maß, Tapferkeit, Gerechtigkeit und Klugheit. Im Bezug auf das Maß, das die Mitte zwischen einem Zuviel und einem Zuwenig ist, verfällt diese Tugend allmählich. In der Antike war die Maßhaltung des Volkes ausschlaggebend für die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Stände. Oft wurde vor allem diese Tugend von der unteren Gesellschaftsschicht, zum Beispiel Bauern, verlangt.
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Wenn dieses nicht eingehalten wurde, geriet die standesgemäße Verteilung der Nahrung ins Schwanken. Für Lazarillo ist es unmöglich das Maß hinsichtlich der Nahrung zu finden, da er zu Anfangs entweder zu wenig oder nachdem er gesellschaftlich aufgestiegen ist zu viel hat. Im übertragenen Sinne kann man sagen, dass Lazarillo innerhalb seines Lebens vom unteren Stand in den Mittelstand aufsteigt. Im Gegensatz zur Antike lehnt sich Lazarillo gegen die Maßhaltung auf. Bei seinem Aufenthalt im Hause des Edelmanns wird deutlich, dass dieser sogar die Maßhaltung verflucht. „¡Maldita tanta medicina y bondad como aquestos mis amos que yo hallo hallan en la hambre!” 29 Nicht nur bei dem Protagonisten sondern auch in seinem gesellschaftlichen Umfeld wird das Maß verspottet. Bei seinem zweiten Herren, dem Pfaffen, wird verdeutlicht, dass selbst Anhänger der Kirche sich gegen die klassischen Tugenden auflehnen. „Mira, mozo, los sacerdotes han de ser muy templados en su comer y beber, y por esto yo no me desmando como otros. Mas el lacerado mentías falsamente, porque en cofradías lobo y bebía más que un saludador.” 30 Es wird also deutlich, daß in der Renaissance die Maßhaltung in jeder gesellschaftlichen Schicht aufgehoben wurde. Auch in der Tapferkeit wird ein Bedeutungswandel der Tugend sichtbar. In der Antike wurde Tapferkeit so ausgelegt, dem Vaterland zu dienen. Die Tapferkeit wurde dem Kriegerstand zugeordnet, dies bedeutete, dass sich oftmals Soldaten für ihr Land einsetzten und auch ihr Leben für ihren Patriotismus opferten. In der Renaissance verschwindet diese Tugend nicht ganz, sondern bekommt einen anderen Charakter, was sich auch im Lazarillo de Tormes widerspiegelt. Um sich in seinem Leben durchzusetzen, muss er Züge der Tapferkeit aufweisen. Nur durch seine Tapferkeit und Schelmerei schafft es Lazarillo sich gegen die Widerwertigkeiten des Lebens zu widersetzen. Zu Beginn fügt er sich, bei seinen ersten drei Herren, seinen schlechten Lebensumständen, jedoch merkt er nach kurzer Zeit, dass er sich auf niemanden, außer sich selbst, verlassen kann um zu überleben. „ […] [P]ues solo soy y pensar como me sepa valer.“ 31 Hier wird deutlich, dass in diesem Kontext Tapferkeit nicht im Sinne von Patriotismus gebraucht wird, sondern zum Vorteil des Individuums. Lazarillo kämpft nicht für sein Vaterland, sondern er kämpft um sein Überleben in der Welt. Selbst in der schwierigsten Lebenssituation gibt er nicht auf, sondern fast allen Mut zusammen um durch List und Klugheit seinem Schicksal zu entgehen. Dem anzuschließen ist die Tugend der Klugheit. Sie
28 Anonym, Lazarillo de Tormes, S. 105- 106
29 Anonym, Lazarillo de Tormes, S. 77
30 Anonym, Lazarillo de Tormes, S. 52
31 Anonym, Lazarillo de Tormes, S. 23
32 Anonym, Lazarillo de Tormes, S. 27
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ist in dem Roman Lazarillo de Tormes zwar wieder zu finden, doch ist auch hier ein Wandel zu sehen. Sie wird nicht länger nur dem Herrscherstand zugesprochen, sondern auch Lazarillo, der dem untersten Stand angehört, verfügt über Klugheit. Seine Klugheit zeigt sich nicht im klassischen Sinne, sondern offenbart sich durch List und Schelmerei um seinem Schicksal zu entrinnen. Somit wird sie zu einem wichtigen Teil seines Überlebenskampfes. Oftmals fühlte sich Lazarillo seinen Herren gegenüber geistig überlegen, selbst wenn diese klug und vorsichtig agierten. „Más, con todo su saber y aviso, le contaminaba de tal suerte, que siempre, o las más veces, me cabía lo más y mejor.” 32 Wie bei seinem ersten Herren, dem Blinden, zu sehen, lässt er keine Gelegenheit aus seinen Bedürfnissen und Zielen nachzukommen. „Usaba poner cabe sí un jarrillo de vino, cuando comíamos, y yo muy de presto le asía y daba un par de besos callados y tornábale a su lugar.” 33 Nachdem der Blinde diesen Betrug aufdeckt, verzweifelt Lazarillo nicht, sondern lässt sich eine neue List einfallen.
„Más turóme poco,que en los tragos conocía la falta y, por reservar su vino a salvo, nunca despúes
desamparaba el jarro, antes lo tenía por el asa asido. […] a sí como yo con una paja larga de centeno
que para aquel menester tenía hecha, la cual, metiéndola en la boca del jarro, chupando el vino lo
dejaba a buenas noches.” 34
Dementsprechend handelt Lazarillo auch bei seinen anderen Herren, überlistet diese indem er seine Klugheit benutzt um zu überleben. Hinsichtlich der Gerechtigkeit finden sich keine Charakterzüge der traditionellen Sichtweise. Da die Gerechtigkeit das Maß, die Tapferkeit und die Klugheit koordiniert und diese einen Bedeutungswandel in der Renaissance durchlebten, ist es evident, dass die Gerechtigkeit ebenfalls einen Wandel durchlief. Nach Platon, war derjenige gerecht, der maßvoll, tapfer und klug war. Nach den Wertevorstellungen der Kardinalstugenden war Lazarillo also nicht gerecht, da er diese entweder verspottete oder nur zu seinen Gunsten verwendete. Er kennt keine Gerechtigkeit anderen gegenüber, sondern nur für sich selbst. Ihm ist es völlig gleichgültig, ob er durch seine List und Schelmerei anderen Menschen Schaden zufügt. Obwohl er selber betrügerisch handelt, sieht er sich nicht als Betrüger, sondern eher die anderen. „No nos maravillemos de un clérigo ni fraile porque el uno hurta de los pobres y el otro de casa para sus devotas y para ayuda de otro tanto [...].” 35 Lazarillo prangert die Betrügereien der Gesellschaft an. „¡Cuántas
33 Anonym, Lazarillo de Tormes, S. 30 - 31
34 Anonym, Lazarillo de Tormes, S. 31
35 Anonym, Lazarillo de Tormes, S. 19
36 Anonym, Lazarillo de Tormes, S. 125
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déstas deben hacer estos burladores entre la inocente gente!“ 36 Lazarillo zählt sich zu dem ‘unschuldigen Volk’, obwohl er alles andere als unschuldig ist. Er hat dementsprechend keinen Sinn für Gerechtigkeit, wichtig ist ihm nur, wie er im Leben besteht. An diesen Beispielen wird deutlich, dass die Kardinalstugenden nur auf den Überlebenskampf des Individuums zielen und ihre ursprüngliche Bedeutung verloren haben. Diese Tugenden richten sich auf das Individuum und stärken den Menschen in seiner Willenskraft, damit er Eigeninitiative ergreift. Der Mensch löst sich damit von der Gesellschaft und beginnt Eigenverantwortung für sich und sein Handeln zu tragen. Der Protagonist des Romans, Lazarillo, versucht durch Schelmerei und List in der Gesellschaft zu überleben. Sein erster Herr, der Blinde, erteilt ihm schon früh Lehren über das Leben. „Yo oro ni plata no te lo puedo dar; mas avisos para vivir muchos te mostraré. Y fue ansí, que, después de Dios, éste me dio la vida y, siendo ciego, me alumbró y adestró en la carrera de vivir.“ 37 Der Blinde lehrte Lazarillo, dass man, um zu Überleben, gar unmenschlich oder wie ein Tier agieren darf. 38 Sein Überlebenskampf zeigt sich auch häufig in seiner Eigeninitiative sich seiner Not zu widersetzen, zum Beispiel bei seinem Aufenthalt beim Edelmann. Dieser dritte Herr verspricht für ihn zu sorgen, nach mehreren ‚leeren Versprechungen’ überlässt sich Lazarillo nicht dem Schicksal, sondern geht selbst hinaus um nicht dem Hungerstod zu erleiden. „Desque vi ser las dos y no venía y la hambre me aquejaba, cierro mi puerta y pongo la llave do mandó y tórnome a mi menester[.] [y] comienzo a pedir pan por las puertas y casas más grandes que me parecía.” 39 Zusammenfassend kann behauptet werden, dass Lazarillos Überlebenskampf durch Schelmerei, unmenschlichem Verhalten und Eigeninitiative verwirklicht wird.
Zur Zeit des Mittelalters waren die christlichen Tugenden und der Glaube an Gott präsent. Die Menschen waren davon überzeugt, dass Gott das Leben jedes Individuums führte und ihr Schicksal bestimmte. Hingegen zeigt der Renaissance- Roman Lazarillo de Tormes, dass jeder Mensch sein Leben selbst bestimmt, und dass man sich gegen sein Schicksal durch eigene Kraft auflehnen kann. Somit kann man sagen, dass sich die Tugendvorstellung des Mittelalters und der Überlebenskampf des Individuums in der Renaissance widersprechen. In dem Roman stehen jedoch der Glaube und die im Überlebenskampf verbundenen Schelmereien auf einer Stufe. „Vime claramente ir a la sepultura, si dios y mi saber no me
37 Anonym, Lazarillo de Tormes, S. 23 - 24
38 vgl. Ricapito, Joseph: ‘Lazarillo de Tormes and Machiavelli: Two facts of renaissance perspective’,
Romanische Forschungen, S. 152
39 Anonym, Lazarillo de Tormes, S. 87
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remediaran“ 40 Dadurch dass Gott den Menschen nicht schelmenhaft handeln lässt, Lazarillo sogar stolz auf sein listiges Handeln ist, stehen seine List und Gott paradox zueinander. Früher hatte Gott die alleinige Macht über das Schicksal der Menschen, diese wurde zur Zeit der Renaissance dem Menschen zugesprochen. Indem Lazarillo die Gottesmacht und seine selbst aufgebrachte Macht nebeneinander stellt, erkennt man darin eine Widersprüchlichkeit. Lazarillo verkörpert den klassischen Schelm. Er erwähnt zwar oftmals Gottes Namen, doch handelt er nicht wie der typische Christ, der zu Gott aufsieht und in schwierigen Situationen auf seine Hilfe hofft. Daran erkennt man eine Art Verspottung dem christlichen Glauben gegenüber. Eher der Glaube an sich selber und die durch Tugend aufgebrachte Kraft dominieren das Individuum, als der Glaube an eine übernatürliche Macht. „In a grace-less and God- less world where only one’s individual will predominates, virtù becomes the key to survival“ 41
Nicht nur die Tugend durchlebte einen Wandel, sondern auch die Fortuna- Vorstellung, die sich im kompletten Roman widerspiegelt. Nachdem die Fortuna im Mittelalter ihre Wirkungskraft verlor, kehrten in der Renaissance antike Wertvorstellungen wieder. Doch wird Fortuna nicht mehr die vollkommene Macht zugesprochen. Nicht mehr himmlische Mächte, Fortuna oder Gott, lenkten die Menschen, sondern er selber, der im Mittelpunkt stand, führte sich durch das Leben. „There is no cosmos, no God, no other framework for his [man’s] life, for then he would be dependent on it. But in fact he is dependent only on himself.” 42 Fortuna gilt nicht mehr länger als mächtige Göttin, sondern repräsentiert von nun an den Zufall, das Glück und Unglück. Wie schon bereits erwähnt, behandelt der Roman die göttliche Kraft eher spöttisch hinsichtlich Lazarillos Verhaltens. Wenn Lazarillo also nicht an Gott glaubt, glaubt er dem entsprechend an den Zufall, also an Fortuna. Fortuna steht für alles Zufällige, was auf der Welt geschieht, wobei die Providentia, göttliche Vorsehung, ganz außer Acht gelassen wird. Dadurch, dass Fortuna ‚blind’ ist, kann sie das Unvorhersehbare nicht lenken, wodurch sie unberechenbar wird.
Um die These noch mal aufzugreifen, besteht ein Zusammenhang zwischen Tugend und Fortuna. Anhand Lazarillos Lebensweg wird deutlich, dass nicht die Vorbedingungen ausschlaggebend sind für ein Lebensschicksal. Der in einem Fluss geborene Lazarillo, der der untersten gesellschaftlichen Schicht angehörte, schaffte es durch Willenskraft in die
40 Anonym, Lazarillo de Tormes, S. 51
41 Ricapito, Joseph: ‘Lazarillo de Tormes and Machiavelli: Two facts of renaissance perspective’, Romanische
Forschungen, S. 169
42 Ricapito, Joseph: ‘Lazarillo de Tormes and Machiavelli: Two facts of renaissance perspective’, Romanische
Forschungen, S. 166
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Mittelschicht aufzusteigen. Lazarillo ist der Auffassung, dass diejenigen mehr Achtung verdienen, die sich ihr Glück selbst erkämpft haben, im Gegensatz zu denjenigen, die das Glück sozusagen durch ihren Stand ‚geerbt’ haben. „[…] [Y] también porque consideren los que heredaron nobles estados cuán poco se les debe, pues fortuna fué con ellos parcial, y cuánto más hicieron los que, siéndoles contraria, con fuerza y mana remando, salieron a buen puerto.” 43 Hieran wird deutlich, dass die Fortuna mala Lazarillo in eine negative Lebenssituation geschickt hat, er es dennoch schaffte sich solchen Bedingungen zu widersetzen. Lazarillo macht Fortuna häufig verantwortlich in welche Situationen er geschickt wird. „Nun mein Glück schleudert mich zum fünften Herren, […]“. 44 Auch hier schickte Fortuna Lazarillo in oft unmenschliche Lebensumstände, doch schaffte er es, durch seinen Überlebenskampf und seine List, dem Tod zu entgehen. „[…] [N]o me pesará que hayan parte y se huelguen con ello todos los que en ella algún gusto hallaren, y vean que vive un hombre con tantas fortunas, peligros y adversidades.” 45 An diesem Zusammenspiel von Tugend und Fortuna wird deutlich, dass der Mensch für sein Leben selber verantwortlich ist. Der Mensch ist der Mittelpunkt des Universums und kann sich sogar gegen höhere Mächte und die Providentia auflehnen. Fortuna bona hingegen, schickt Menschen in positive Situationen. Sie gibt ihnen Chancen und Gelegenheiten, die sie entweder nutzen können oder auch nicht. Bei Lazarillos zweiten Herren, dem Pfaffen, wo es ihm sehr schlecht ergeht, hat er kaum noch Hoffnung. Der Pfaffe verschloss all sein Brot in einer Almer und ließ Lazarillo fast verhungern. Durch Zufall kommt ein Kesselflicker vorüber.
„Pues estando en tal aflición, […] y sin saber darme consejo, viéndome ir de mal en peor, un día que el
cuitado, ruin y lacerado de mi amo había ido fuera del lugar, llegóse acaso a mi puerta un calderero, el
cual yo creo que fue ángel enviado a mí por la mano de Dios en aquel hábito” 46
Der Bezug zu Gott ist wieder spöttisch zu betrachten. Folglich wurde der Kesselflicker nicht durch göttliche Vorsehung zu Lazarillo geschickt, sondern diese Gelegenheit wird dem reinen Zufall zugesprochen. Da Fortuna den Zufall personifiziert, ist es deutlich zu erkennen, dass an dieser Stelle Fortuna bona agierte. Lazarillo fügte sich nicht seinem Schicksal, sondern ergriff die Chance, die ihm Fortuna ermöglicht hat, um nicht zu verhungern. Bei der Ergreifung der Gelegenheit spielt seine Klugheit und Schelmenhaftigkeit eine große Rolle. .
43 Anonym, Lazarillo de Tormes, S. 11
44 Anonym, Leben und Wandel Lazaril von Tormes, S. 79
45 Anonym, Lazarillo de Tormes, S. 9
46 Anonym, Lazarillo de Tormes, S. 54 - 55
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6. Zusammenfassung und Ausblick
Der Wandel der Tugenden konnten gut an verschiedenen Stellen des Romans aufgezeigt werden. Auch das neu aufgewertete Fortuna- Konzept durchläuft den gesamten Roman, wobei das Verhältnis der beiden im Vordergrund steht. Lazarillo wird von dem Zufall in Situationen geschickt, es ist dem Menschen überlassen, was er daraus macht. Zusammenfassend kann man sagen, dass Fortuna und Tugend in Abhängigkeit zueinander stehen um dem Menschen zum Glück zu verhelfen. Durch die vorhergehende Analyse wurde die These, Der Bedeutungswandel des Tugendbegriffes ist abhängig von dem Fortuna-Konzept der Renaissance. Dies lässt sich anhand des Romans Lazarillo de Tormes aufzeigen, bestätigt.
Bis in die heutige Zeit hat die Tugend weiterhin einen Bedeutungswandel durchlaufen. Ziel der Betrachtung sind nicht mehr die Kardinalstugenden, sondern die so genannten Sekundärtugenden, die sich durch Fleiß, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit oder Treue auszeichnen. Interessant wäre es auch zu untersuchen inwiefern sich das Fortuna- Konzept im Hinblick auf diese neuen Tugenden in der heutigen Zeit verhält. Dies könnte ein Anschluss an weitere Untersuchungen sein.
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6. Literaturverzeichnis
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Anonym, Sestendrup, Manfred (Hgg.), Leben und Wandel Lazaril von Tormes, Stuttgart, 1979 Antike Religion, http://imperiumromanum/religion/antikereligion/fortuna_01.htm, 13.03.2005 Die Säkularisierung Europas, http://www.trivar.de/qw/7seakularisierung.php.htm, 17.03.2005 Diesner, Hans-Joachim, „Virtú, Fortuna und das Prinzip der Hoffnung bei Machiavelli“, in Nachrichten der
Akademie der Wissenschaften in Göttingen 1. philologisch-historische Klasse, Nr. 5, 1993, S. 177 - 188 Ethisch urteilen und handeln, http://www.wolfgang-
schumacher.de/forumethik2/Lehrveranstaltungtugend/Seminarsatztugenda.htm, 13.03.2005 Hermstein, Rudolf, Römische Mythologie, Wiesbaden, 1969
Humanismus 2 (Inhalte), http://heihobel.phl.univie.ac.at/per/rh/ellvau/renphil/C578.htm, 13.03.2005 Kirchner, Gottfried, Fortuna in Dichtung und Emblematik des Barock, Stuttgart, 1970 Lurker, Manfred, Lexikon der Götter und Dämonen, Stuttgart, 1984 Mittelstraß, Jürgen, Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie 4, Stuttgart, 1996 Pieper, Joseph, Das Viergespann, München, 1964
Ricapito, Joseph, „Lazarillo de Tormes and Machiavelli: Two facts of renaissance perspective“, in Schalk, Fritz,
Romanische Forschungen, Frankfurt am Main, 1971, S. 151- 172 Skinner, Quentin, Machiavelli zur Einführung, Hamburg, 2 1990 Stoizismus und Epikureismus, http://philolex.de/stoiepik.htm, 13.03.2005
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Arbeit zitieren:
Janine Leandro, 2004, Tugend und Fortuna im Lazarillo de Tormes, München, GRIN Verlag GmbH
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