Inhaltsverzeichnis :
1. Einleitung 3
2. Karl der Große: Sein Ausgangspunkt, sein Umfeld 4
2.1. Die fränkische Bildung zu Beginn der Herrschaft
Karls des Großen
2.2. Karls eigene Bildung 6
2.3. Der Königshof 8
3. Der Gelehrtenkreis am Hof des Königs 9
3.1. Der Gelehrtenkreis, die Hofschule und ihre Aufgaben
3.2. Die Gelehrten und Dichter am Hof Karls des Großen 12
4. Schlussbetrachtung 15
5. Literaturnachweis 17
6. Quellenverzeichnis 18
2
1. Einleitung
Die vermutlich herausragendste Persönlichkeit des europäischen Mittelalters dürfte bereits in seinen ersten Jahrhunderten zu finden sein. Die Leistungen Karls des Großen nämlich und besonders sein Ruhm waren eine Messlatte für Herrscher der folgenden Zeiten. Er gilt durchaus als identitätsstiftende Figur für die deutsche Geschichte und mehr noch für die französische. Er ist im Laufe der ihm folgenden Jahrhunderte in der Literatur (namentlich der mittelalterlichen Heldenepik) zum Ideal höfischer Ritterlichkeit, in der Geschichtsschreibung zum idealisierten Herrscher und im Bewusstsein v.a. der französischen Nation zur Identifikationsfigur avanciert. Die Entscheidung, ob die Kultur nun Spiegel der Gesinnung einer Gemeinschaft ist, oder sie direkt und indirekt prägt, muss an dieser Stelle nicht unbedingt getroffen werden. Der Einfluss Karls bis in diesen Bereich wird aber deutlich, wenn man bedenkt, dass Frankreich und Deutschland keine mythische Gestalt besitzen wie die englische Überlieferung mit König Artus. Ob dessen reales Vorbild existierte mag bestreitbar sein, unbestreitbar aber ist, dass die Geschichten zu Artus reine Fiktion sind, er gleichsam aber als vermeintlich reale Figur die Identität der Briten (besonders natürlich der Engländer) entscheidend beeinflusst hat. 1 Sucht man in Deutschland nach analogen „Persönlichkeiten“, begegnen einem zwar Siegfried und Dietrich von Bern 2 , aber deren Einfluss ist, wenn überhaupt vorhanden, auf wenige Orte beschränkt (z.B. Worms als Nibelungenstadt). Der Grund dafür ist, dass Karl der Große in Deutschland und Frankreich jede andere mythische und literarische Figur überblendet. Und er hat den Vorteil, dass er eine wirkliche Figur war, die das Erscheinungsbild Europas nachhaltig beeinflusste. Seine Eroberungspolitik hatte keinen dauerhaften Bestand, das fränkische Reich verlor unter seinen Nachfolgern an Einfluss und Größe. Welche Bedeutung hätte das Papsttum in der Folgezeit gehabt und würde es heute haben, hätte Karls Sohn Ludwig der Fromme dessen Linie weitergeführt? Vermutlich wären die Konflikte zwischen den deutschen Kaisern und den Päpsten im Hochmittelalter zugunsten der weltlichen Macht ausgegangen. Von längerem Bestand und größerer Wirkung waren die Bemühungen Karls des Großen um die Hebung der Bildung im fränkischen Reich. Die Werke vieler antiker Autoren sind heute deshalb noch erhalten, weil sie aufgrund seiner Maßnahmen abgeschrieben wurden oder ebendiese Abschriften später als Grundlage für die Arbeit in Skriptorien herangezogen wurden. Der erste Teil dieser Arbeit ist der Situation der fränkischen Bildung und Kirche vor Karl dem Großen, der Bedeutung des Begriffs „Hof“ und Karls eigener Bildung gewidmet.
1 Angeblich soll Artus’ Grab in der Abtei von Glastonbury gelegen haben. So wie hier ist an vielen Orten
Englands deren historische Bedeutung mit dem Namen Artus’ verbunden und legitimiert.
2 Dietrich von Bern soll sein reales Vorbild in Theoderich dem Großen haben.
3
Zu seiner Zeit und unter seiner Herrschaft ist es gelungen, die antiken Autoren vom Makel des „Heidentums“ zu befreien und ihre Erkenntnisse zur Erziehung und wissenschaftlichen Ausbildung von Christen, insbesondere von Mönchen, zu nutzen. Natürlich blieb die Antike ein heidnisches Zeitalter und deshalb stand die „Jetztzeit“, die Zeit „sub gratia“, in christlicher Tradition geistig und geistlich über der altrömischen Vergangenheit. Die Nutzbarmachung antiker Schriften für das Abendland (der wissenschaftliche Fortschritt der arabischen Welt beruhte z.T. auf der Rezeption dieser Werke) ist nur eines der Elemente, die Karls Handschrift trägt, aber es mag eines der grundlegendsten sein.
Der König und Kaiser allein aber kann nicht allein in großem Umfang tätig werden, denn er ist weder Schreiber, noch Lehrer oder Wissenschaftler. Die richtige Politik in Krieg und Frieden ist sein Aufgabenbereich. Er ist nicht selbst Handelnder. Hinter seinen Beschlüssen und Anweisungen müssen Untergebene stehen, die seinen Willen erfüllen, und sie müssen die richtigen Qualitäten und Fähigkeiten besitzen. Im Bereich der Bildung waren dies die Gelehrten, die der König an sich band. Mit ihnen befasst sich der zweite Teil der Arbeit. So wie sie zwar erst durch ihren novus david 3 im Frankenreich tätig werden konnten und ihr Schaffen sich bündeln konnte, um über die Wirkung des Individuums hinauszugehen, so bedeutend ist doch auch ihr persönliches Lebenswerk. Karl gab das Ziel vor, aber den Weg zur „Reform“ der fränkischen Bildung bereiteten letztlich die Mitglieder im Gelehrtenkreis und Lehrer an der Hofschule.
In den letzten beiden Jahrhunderten ihrer Herrschaft kam es unter den Merowingern zu einem Rückgang von Bildung und geistiger Kultur im Frankenreich. Die Situation in großen Teilen des Abendlandes war nicht anders, wohingegen die Araber wirtschaftlich und kulturell den Völkern Westeuropas weit überlegen waren 4 . In den Quellen des 6. bis 8. Jahrhunderts und besonders im Fehlen von Quellenmaterial lässt sich der Verfall ablesen. Trotz Gegenbewegungen kam es zum Niedergang von italienischen und besonders fränkischen Schulen. Zwischen den Jahren 600 und 770 trat kein merowingischer oder karolingischer Autor mit (höheren) literarischen Ambitionen auf. Im Übrigen benutzten die Autoren dieser Zeit eine schwer verständliche Mischsprache aus dem damals aktuellen Romanisch und dem Latein der Spätantike. Sicherlich hat es eine gewisse mündliche Kultur gegeben, deren
3 Vgl. MG Poetae Latini aevi Carolini. Bd. I. Herausgegeben von Ernst Dümmler. 1997 (Nachdruck von 1881),
S. 360 f.
4 Ebd. S. 99.
4
Ausmaße man zwar natürlicherweise schwerlich nachweisen kann, aber deren Vorhandensein sich in den damals weitergegebenen Heldenliedern (z.B. das „winiliod“) beweisen lässt. Aber gerade das Christentum ist auf die heilige Schrift angewiesen, ist also eine Buchreligion, die damit in dieser Zeit der mangelnden Schreibtätigkeit und Verschriftung eine gewisse „Barbarisierung“ erfuhr. Das eindrücklichste Beispiel für die Mängel der Zeit ist die Ausbildung Karls des Großen teilweise selbst. Sein Vater Pippin ließ ihn als Knaben nicht im Schreiben unterrichten, was ja auch in späteren Zeiten für einen Regenten nicht zwingend nötig war, um ein Land zu regieren. Karl hingegen empfand das offenbar als Mangel, wie Einhard bemerkte:
Temptabat et scribere tabulasque et codicellos ad hoc in lecto sub cervicalibus circumferre solebat, ut, cum vacuum tempus esset, manum litteris effigiendis adsuesceret... 5
Gerade an diesem Beispiel wird deutlich, dass mit Karl ein neuer Geist und eine neue Idee von Bildung und Wissen im Frankenreich Einzug gehalten hat. 6
Bereits in der Zeit der Merowinger bestand eine starke Verbindung zwischen Kirche und Staatsgewalt. 7 Die logische Konsequenz daraus war, dass der Verfall das fränkische Reich gleichsam wie die fränkische Kirche betraf. Und da zu dieser Zeit bereits die Bildung immer stärker in der Verantwortung der Klöster lag, schwand mit diesen auch die Kirche. 8 Ein Maßstab für diesen Zustand kam bereits im ausgehenden 7. Jahrhundert in Form von angelsächsischen Missionaren ins Land, die sich von den fränkischen Hausmeiern Hilfe bei der Missionierung der heidnischen Germanen erhofften. Allein die Anwesenheit dieser vorbildlichen Mönche ließ die Unfähigkeit der fränkischen Kirche in schwärzesten Farben erscheinen. So zumindest empfand es Bonifatius in einem Brief 9 an Papst Zacharias aus dem Jahr 742. 10
Mit Bonifatius kam es immerhin bereits vor Karl dem Großen zu einer beginnenden Reorganisation der Reichskirche. Er bekam seine Aufträge hierzu von Karlmann und später von Pippin. Durch ihn wurde die Macht des Papstes auf die fränkische Kirche vermehrt und
5 Einhard: Vita Karoli Magni. Ausgabe: Reclam. Stuttgart: 1995 3 , S. 48. „Auch versuchte er sich im Schreiben
und hatte unter seinem Kopfkissen im Bett immer Tafeln und Blätter bereit, um in schlaflosen Stunden seine
Hand im Schreiben zu üben.“ Übersetzung von Evelyn Scherabon Firchow, in: Einhard: Vita Karoli Magni.
S. 49.
6 Wolfram von den Steinen: Der Neubeginn. In: Bernhard Bischoff (Hg.): Das geistige Leben. Düsseldorf:
1967 3 , S. 9 f. (= Wolfgang Braunfels (Hg.), [u.a.]: Karl der Grosse. Persönlichkeit und Nachleben.
Bd. II. Düsseldorf: 1967 3 .)
7 Antje Neubert, Julia Singer: Restituere, Renovare, Reformare. Die karolingischen Reformen. Ein Überblick.
In: http://www.tu-dresden.de/sulcifra/frankreich/ma/spgesch/karolref.htm 03.02.2005, S. 2.
8 Josef Fleckenstein: Die Bildungsreform Karls des Grossen. Als Verwirklichung der Norma Rectitudinis.
Bigge-Ruhr: 1953, S. 8.
9 MG Epistolae selectae. Bd. I. Herausgegeben von Michael Tangl. 1989 (Nachdruck von 1916), S. 82 f.
10 Siehe: Josef Fleckenstein: Die Bildungsreform Karls des Grossen. S. 9.
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Arbeit zitieren:
Toralf Schrader, 2004, Die Bildung am Hof Karls des Großen, München, GRIN Verlag GmbH
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