1. EINLEITUNG 3
1.1 VORBETRACHTUNG 3
1.2 ZIEL DER ARBEIT 3
1.3 VORGEHEN 3
2. MARTIN LUTHER: LEBEN UND WERK VOR DEM HINTERGRUND SEINER ZEIT. EINE BETRACHTUNG DER JAHRE VON 1514 BIS 1525. 5
2.1 DIE POLITISCHE, KIRCHLICHE UND SOZIALE SITUATION IN DEUTSCHLAND 5
2.2 MARTIN LUTHER ALS REFORMATOR. SEIN LEBEN UND WIRKEN VON 1514 BIS 1525. 7
3. DAS BILDUNGSVERSTÄNDNIS UND -SYSTEM IN DEUTSCHLAND: EIN ÜBERBLICK VOM MITTELALTER BIS ZUR REFORMATION 9
3.1 DIE BILDUNGSSITUATION IM MITTELALTER: VERSTÄNDNIS UND SYSTEM VON
3.2 DIE BILDUNGSSITUATION IM WANDEL: HUMANISMUS
3.3 DIE BILDUNGSSITUATION UM 1520: DER HINTERGRUND DER ENTSTEHUNG VON
LUTHERS PÄDAGOGISCHER SCHRIFT " AN DIE BURGERMEYSTER UND RADHERREN
ALLERLEY STEDTE YNN DEUTSCHEN LANDEN " 13
4. "AN DIE BURGERMEYSTER UND RADHERREN ALLERLEY STEDTE YNN DEUTSCHEN LANDEN" (1524). LUTHERS BILDUNGS- UND ERZIEHUNGSVERSTÄNDNIS 13
4.1 DAS VERSAGEN DER KLÖSTER
4.2 DAS VERSAGEN DER ELTERN 16
DAS GEDEIHEN EINER STADT 17
4.3 DIE NOTWENDIGKEIT
DER
SPRACHEN
ZUM
ERHALT
DES
EVANGELIUMS
4.4 DER NUTZEN FÜR DAS WELTLICHE REGIMENT
4.5 NEUE UNTERRICHTSFÄCHER 20
4.6 DIE BÜCHEREIEN 21
5. LUTHERS ERZIEHUNGSVORSTELLUNG IM RAHMEN SEINER REFORMATORISCHEN ERKENNTNISSE 21
LITERATURVERZEICHNIS 23
2
1. EINLEITUNG
1.1 VORBETRACHTUNG
Mehr als Renaissance und Humanismus hat sich die Reformation in Deutschland ausgewirkt. "Sie hat in alle Lebensgebiete hinein und auf alle Volkskreise ausstrahlen können, sie hat das ganze deutsche Kulturleben, Sprache, Staat, Wissenschaft, aufs stärkste beeinflusst, und nicht zuletzt die Bildung und das Unterrichtswesen, wenigstens im protestantischen Teil Deutschlands." 1 Martin Luther strebte nicht nur eine Erneuerung der Theologie und der Kirche, sondern auch die der Bildung an. Denn nach einem Aufschwung der Schulen und Universitäten im Zuge des Humanismus kam es zum Niedergang des Schulwesens und die Studentenzahlen gehen drastisch zurück. Im Lichte dieser Entwicklung ergreift Luther das Wort und richtet sich in seiner Schrift "An die Burgermeyster und Radherren allerley Stedte ynn Deutschen landen" 1524 an die Kommunalvertreter der Städte.
1.2 ZIEL DER ARBEIT
Ich verfolge das Ziel, anhand Luthers Schrift "An die Burgermeyster und Radherren allerley Stedte ynn Deutschen landen" von 1524 seine Vorstellung von Bildung und Erziehung der Jugendlichen dieser Zeit auszumachen und darzustellen. Dabei ist mir wichtig, seine Gedanken in den Kontext der Zeit einzubetten und aufzuzeigen, was Luthers Hauptgedanken und Hauptanliegen hinsichtlich der Erziehung und Bildung der Jugendlichen sind.
1.3 VORGEHEN
Um meinen Betrachtungen einen Rahmen zu geben möchte ich zu Beginn unter Gliederungspunkt 2 die politischen, kirchlichen und sozialen Besonderheiten der Zeit, in der Luther lebte und wirkte, kurz skizzieren. Dabei orientiere ich mich besonders an Wolf Dieter Hauschilds Ausführungen in seinem Werk "Lehrbuch der Kirchen-und Dogmengeschichte" 2 , aber auch an "Martin Luther. Eine Einführung in sein
1 Reble, A.: Geschichte der Pädagogik. Stuttgart, 1993, 17., durchges. und überarbeitete Aufl., Klett-Cotta, S. 88.
2 Hauschild, Wolf-Dieter: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte. Band 2, Reformation und Neuzeit. Gütersloh, 1999, Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus.
3
Leben und sein Werk" von Bernhard Lohse 3 . Nach den allgemeinen Betrachtungen zu dieser Epoche widme ich mich dem Leben und Wirken Luthers von etwa 1514 bis 1525. Diesen Zeitausschnitt wählte ich in Anlehnung an Lars O. Carstens, weil er die Zeit der Anfänge der Reformation bis zu Luthers Eheschließung markiert. Seine Eheschließung mit Katharina von Bora dient deshalb als Eckpunkt, weil derer beiden Haus "…als Ursprung und Vorbild für eine Erziehung in reformatorischer Verantwortung verstanden werden" 4 muss.
Da das Hauptaugenmerk dieser Arbeit aber auf Luthers Vorstellung eines reformatorischen Bildungswesens liegt, werde ich darauf folgend kurz darstellen, wie das Bildungsverständnis und -system des Mittelalters beschaffen war und welche Folgen bereits das Aufkommen des Humanismus in Deutschland hinsichtlich eines Wandels des Bildungsverständnisses hatte. Diesen Abschnitt habe ich vor allem anhand de Überblickswerke " Geschichte der Pädagogik" von Albert Reble und "Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte" von Notker Hammerstein erarbeitet. Dies soll der Inhalt des dritten Gliederungspunktes sein, in welchem ich am Ende noch kurz auf die Missstände und Fehlentwicklungen des Bildungswesens und damit den Entstehungsgrund von Luthers Schrift eingehe.
Der Gliederungspunkt 4 soll den Hauptteil meiner Arbeit darstellen und befasst sich daher konkret mit Luthers Schrift "An die Burgermeyster und Radherren allerley Stedte ynn Deutschen landen". Für diese Erarbeitung habe ich "D. Martin Luthers Werke" der Weimarer Ausgabe verwendet. Zitate aus diesem Werk habe ich unverändert übernommen. Diesen Abschnitt werde ich beginnen, indem ich den Inhalt dieses Briefes samt seinen Forderungen und Begründungen anhand einer Gliederung, die an die von Jürgen Mahrenholz angelehnt ist, vorstelle. Daraufhin widme ich mich der Schrift unter der Fragestellung: Was macht Luthers Bildungsidee aus?
3 Lohse, Bernhard: Martin Luther. Eine Einführung in sein Leben und sein Werk. München, 1981, C.H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
4 Carstens, Lars O.: Luther als Pädagoge. Aachen, 1999, Shaker Verlag, S. 14.
4
2. MARTIN LUTHER: LEBEN UND WERK VOR DEM HINTERGRUND SEINER ZEIT. EINE BETRACHTUNG DER JAHRE VON 1514 BIS 1525.
Es soll nun kurz skizziert werden, wie die Innen- und Außenpolitik, die kirchlichreligiöse Situation und die Sozialstruktur Deutschlands in diese Epoche, in der der junge Luther lebte, beschaffen war.
2.1 DIE POLITISCHE, KIRCHLICHE UND SOZIALE SITUATION IN DEUTSCHLAND
Die politische und soziale Struktur dieser Zeit ist besonders gekennzeichnet durch die Ständestruktur und den Dualismus zwischen dem Reich und den Einzelterritorien sowie die machtpolitischen Auseinandersetzung von Kirche und Staat. Das Reich wurde von dem jeweiligen König beziehungsweise Kaiser und dem Reichstag, welcher aus einer Versammlung der Reichsstände bestand, verkörpert. Demnach war es ein "…Miteinander eines zentralen und eines föderalen Elements." 5 Tagte der Reichstag und musste ein Gesetz oder Ähnliches verabschiedet werden, so kam es durch diese Konstellation häufig nur über Kompromisse zu einem Reichstagsbeschluss. Wegen der seit 1495 beschlossenen Reichsreform, welche vorsah, den Ständen mehr Einfluss zu verleihen und auf Grund der "unterentwickelten Finanzkraft des Reiches infolge fehlender oder unzureichender Steuern" 6 , wurde die zentrale Reichsgewalt immer mehr geschwächt. Nicht zuletzt war es dieses Machtverhältnis im Reich, das ermöglichte, dass die Reformation sich so schnell und in diesem Ausmaß verbreiten konnte.
Dazu kam, dass das Kaisertum, welches bis auf eine kurze Unterbrechung von der Habsburgerdynastie dargestellt wurde, grundsätzlich universal orientiert war. Karl V., welcher in den Jahren 1519-1556 das Amt des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation innehatte, brachte die Verbindung zum habsburgischen Erbland Spanien mit in seine Regierungszeit. Da er sich äußerst intensiv der "…Neuerung der spanischen Herrschaftsverhältnisse, einschließlich der
5 Hauschild, Wolf-Dieter: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte. Band 2, Reformation und Neuzeit. Gütersloh, 1999, Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, S. 13.
6 Hauschild, Wolf-Dieter: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte. Band 2, Reformation und Neuzeit.Gütersloh, 1999, Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, S. 13.
5
transatlantischen Kolonialpolitik" 7 widmete, mangelte es an seiner Präsenz im eigenen Reich.
Dazu kam, dass sich das sich im Prozess der Verweltlichung befindliche Papsttum in innen- und außenpolitische Belange europäischer Staaten einmischte. Doch die Verweltlichung war nicht nur dadurch charakterisiert. Neben einer ausufernd prunkvollen Lebens- und Amtsführung der Päpste verfügte die katholische Kirche über ein kompliziertes Kirchenrechts- und Finanzsystem, was diesen Prozess förderte. Auch diese Entwicklung, diese "Politisierung des Papsttums", wie Hauschild es bezeichnet 8 , begünstigte den Erfolg der Reformation sehr, da all dies Kritik an der führenden geistlichen Universalmacht hervorbrachte. Die ständische Struktur des Reiches war sehr prägend für die Mentalität und Lebenssituation der Menschen in dieser Epoche. Diese ständische Ordnung orientierte sich jedoch nicht nur an der weltlichen Macht. Neben der Einteilung in weltliche Schichten, welche vom Adel an der Spitze über Bürger- und Rittertum (und auch andere Schichten) bis zum Bauernstand als Basis aufgebaut war, verlief parallel die Einteilung in geistliche Stände. Es lag sozusagen eine Zweiteilung vor. Der jeweilige Stand entschied über den Grad der Abhängigkeit vom Obersten Stand, über soziale Geltung und politische Mitwirkungskraft, was sich in allen Lebensbereichen widerspiegelte. Da im 16. Jahrhundert in Deutschland hinsichtlich Wirtschaft und Kultur die Städte dominierten, begann von dort aus die reformatorische Bewegung, weil "…die Städte die Bildungs- und Kommunikationszentren waren und die führenden Köpfe der Bewegung stellten." 9
Diese kurz umrissene Ausgangssituation zeigt, welche Besonderheiten die Epoche, in der Luther zum Reformator wurde, ausmachten und deuten zugleich an, dass viele Faktoren an der Entstehung und Verbreitung der Reformation beteiligt waren und sie begünstigten.
7 Hauschild, Wolf-Dieter: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte. Band 2, Reformation und Neuzeit. Gütersloh, 1999, Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, S. 14.
8 Hauschild, Wolf-Dieter: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte. Band 2, Reformation und Neuzeit. Gütersloh, 1999, Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, S. 12.
9 Hauschild, Wolf-Dieter: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte. Band 2, Reformation und Neuzeit. Gütersloh, 1999, Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, S. 18.
6
2.2 MARTIN LUTHER ALS REFORMATOR. SEIN LEBEN UND WIRKEN VON 1514 BIS 1525.
Wann genau das so genannte "Turmerlebnis" Martin Luthers, das heißt seine reformatorische Erkenntnis, stattfand, ist nicht genau datierbar. Bernhard Lohse datiert es auf die Jahre 1514/1515. 10 Auf seine reformatorische Erkenntnis stoß Luther, als er auf der Suche nach Sündenvergebung und Heilsgewißheit war, welche er in der mittelalterlichen Praxis der individuellen Bußeleistung (in Form von Gebeten oder Ablaßzahlungen) nicht finden konnte. "In Röm 1,17 bzw. Gal 3,11 fand er die Antwort auf die Frage nach dem Weg zum Heil: "Der Gerechte wird aus Glauben leben". 11 Von da an war für Luther klar, dass die mittelalterliche Buß- und Ablaßpraxis nicht der richtige Weg zum Heil war. Mit dem Thesenanschlag trat Luther am 31. Oktober 1517 an die Öffentlichkeit und bekundete seine Verwerfung des Ablasshandels. Nachdem die Kirche in Rom die Anschuldigungen, die der in Thüringen eingesetzte Ablassprediger Tetzel 12 und Wimpina 13 gegen Luther vortrugen, vorerst nicht ernst nahm, wurde im Juni 1518 ein Inquisitionsverfahren gegen ihn eingeleitet mit dem Vorwurf der Bestreitung der Papstautorität und des Ablaßwesens. Luthers Verhör vor dem Augsburger Reichstag im Oktober des Jahres 1518 verlief jedoch vorerst ohne Konsequenzen, denn während Luther eine dogmatische Sachdiskussion führen wollte, forderte man von ihm lediglich den Widerruf der Ablaßthesen, welchem er aber nicht Folge leistete. In der Leipziger Disputation mit Johannes Eck bestritt Luther erstmals öffentlich die Lehrautorität des Papstes. Da sich die innen- und außenpolitische Situation im Reich unter Karl V., welcher im Juni 1519 zum Kaiser gewählt wurde, beruhigte, konzentrierte man sich nun umso mehr auf den römischen Prozess. Schon kurz darauf, am 15. Juni 1520, wurde die Bannandrohungsbulle "Exsurge Domine" verabschiedet. Luther reagierte darauf mit der Ablehnung des verlangten Widerrufs seiner so genannten Irrtümer. Nach der Bücherverbrennung von Luthers Werken galt dieser nun offiziell als Ketzer und wurde durch die Bannbulle "Decet pontificem Romanum" exkommuniziert. Im
10 Vgl. Lohse, Bernhard (Hrsg.): Der Durchbruch der reformatorischen Erkenntnis bei Luther. Wege der Forschung. Band CXXIII. Darmstadt, 1968, Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
11 Carstens, Lars O.: Luther als Pädagoge. Aachen, 1999, Shaker Verlag, S. 36.
12 Johann Tetzel war ein Dominikanermönch, welcher in Mainz Ablasshandel betrieb. Vgl. Carstens, Lars O.: Luther als Pädagoge. Aachen, 1999, Shaker Verlag, S. 19.
13 Konrad Wimpina lehrte an der Universität Leipzig Theologie und unterstützte Tetzel bei der Verfassung seiner Thesen gegen Luthers Ablaßthesen. Vgl. Carstens, Lars O.: Luther als Pädagoge. Aachen, 1999, Shaker Verlag, S.
22/23.
7
Sinne des mittelalterlichen Ketzerrechts musste dieser päpstlichen Bannbulle nun die Reichsacht durch den Kaiser folgen. Auf die Bitte des Kurfürsten von Sachsen, Friedrich dem Weisen, welcher immer eine Lutherschutzpolitik verfolgte, entschied Karl V., Luther vor der endgültigen Reichsacht unter Zusicherung freien Geleits noch einmal anzuhören. Zum wiederholten Male wurde beim Wormser Edikt im April 1521 allerdings lediglich Luthers Widerruf gefordert, anstatt eine neuen Verhandlung zu beginnen. Als er dieser Forderung nicht nachkam, verhängte der Kaiser im Sinne der damals geltenden Ordnung über Luther die Reichsacht. Gleichzeitig wurde damit auch Druck und Verbreitung seiner Schriften und Lehre verboten. Als Luther sich auf dem Rückweg befand, ließ Kurfürst Friedrich von Sachsen ihn in einer "Scheinentführung" am 4. Mai 5121 auf die Wartburg bringen. Dort lebte er unter dem Namen Junker Jörg. Zwar waren Luthers Kontakte in dieser Zeit durch seine Isolation stark reduziert, doch durch Briefe fand "…ein intensiver persönlicher und theologischer Austausch mit den Wittenberger Freunden…" 14 statt. Durch den Aufenthalt auf der Wartburg war er zwar sicher, wurde aber an der aktiven Mitwirkung in Wittenberg gehindert. Während seiner Abwesenheit entwickelten sich die Angelegenheiten in Wittenberg nicht wirklich in seinem Sinne. Seine Anhänger verfolgten fast alle ein gemeinsames Ziel, "…nämlich schneller und nachhaltiger die Durchführung bestimmter Reformen" 15 zu verlangen, als es Luther getan hatte. Wegen dieser religiösen Unruhen kehrte Luther im März 1521 nach Wittenberg zurück, wo er sich kritisch mit den Wittenberger Reformern 16 auseinander setzte. In Wittenberg nahm er auch bald das evangelische Predigtamt wieder auf. Im Jahre 1525 begann der Aufstand der Bauern gegen die Obrigkeit. Als sich Luther gegen den Bauernaufstand ausspricht, verlor er viele seiner Anhänger, die ihn noch zuvor als Volkshelden feierten. Trotz all dieser Geschehnisse beschließt Luther 1525, Katharina von Bora zu heiraten.
14 Brecht, Martin: Martin Luther. Zweiter Band. Ordnung und Abgrenzung der Reformation 1521-1532. Stuttgart, 1986, Cawler Verlag, S. 14.
15 Lohse, Bernhard: Martin Luther. Eine Einführung in sein Leben und sein Werk. München, 1981, C.H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, S. 41.
16 Zu den Wittenberger Reformern gehörten u. A. Andreas Karlstadt und Philipp Melanchthon.
8
3. DAS BILDUNGSVERSTÄNDNIS UND -SYSTEM IN DEUTSCHLAND: EIN ÜBERBLICK VOM MITTELALTER BIS ZUR REFORMATION
Im Folgenden wird ein Bild des Erziehungsverständnisses und -wesens im Mittelalter skizziert. Dies erscheint sehr wichtig um deutlich zu machen, gegen welche Elemente der Bildungssituation dieser Epoche sich Luther wendet. Dies soll allerdings nur kurz dargestellt werden und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Nach diesem Unterkapitel folgt eine Darstellung des Wandels dieser Erziehungsauffassung im Zuge der Renaissance und des Humanismus. Auch dies soll nur kurz und ebenfalls ohne Anspruch auf Vollständigkeit skizziert werden um aufzuzeigen, zu welchen Veränderungen es bereits vor Luthers Wirken kam.
3.1 DIE BILDUNGSSITUATION IM MITTELALTER: VERSTÄNDNIS UND SYSTEM VON BILDUNG UND ERZIEHUNG
Die Menschen im Mittelalter wuchsen in einer ständischen Gesellschaft aus, deren soziale Strukturen eindeutig und fest geregelt waren. Ein jeder lebte als Glied in seiner Zunft, in die er hineingeboren wurde. Das Menschenbild dieser Epoche zeichnet sich durch die einheitliche Lebensausrichtung aller aus: die Religion als Grundlage und Orientierungspunkt des gesamten Lebens. Man kann also sagen, dass die Menschen in dieser Epoche sich nicht nur dem politisch, sondern auch dem kirchlichen Universalismus wieder fanden. Wie das alltägliche Leben, so war auch die Bildungsidee des Mittelalters ganz und gar religiös-kirchlich bestimmt, auch wenn es Abstufung hinsichtlich der Bildung verschiedener Stände gab. Erziehen bedeutete im Mittelalter "…den Menschen zu Demut, Glauben und christlicher Vollkommenheit führen und ihm zum tätigen Glied der religiös-kirchlichen Gemeinschaft machen, so dass er Bürger des Gottesreiches wird." 17 Diese Auffassung von Erziehung macht verständlich, weshalb das Schulwesen in dieser Zeit ausschließlich von der Geistlichkeit getragen wird. Zu Beginn entstehen die Schulen auch einzig für den Klerus, um diesem Stand eine Berufsausbildung zu geben. Um diese Ausbildung zu bewerkstelligen, entstehen Kloster-, Dom- und Stiftsschulen. In diesen werden die angehenden Kleriker in den Fächern Lesen, Schreiben, Schriftauslegung, Musik und Liturgie unterrichtet. Da das Lesen und auslegen der Kirchentexte
17 Reble, Albert: Geschichte der Pädagogik. Stuttgart, 1993, 17., durchges. und überarbeitete Aufl., Klett-Cotta, S. 59.
9
Fremdsprachenkenntnisse erforderte, wurden auch diese unterrichtet: Latein bildete die Unterrichtssprache. Auch auf den Ritter- und Bürgerstand breitet sich Schulbildung allmählich aus, da inzwischen "…dem weltlichen Kulturgut mehr Gewicht beigelegt" 18 wurde. Jedoch erzieht man die Jugend in diesem Stand nicht in besonderen Bildungsanstalten, sondern meist am eigenen Hof. Auch die Erziehungs-und Bildungsziele sind unterschiedlich. Dem Ritterstand kam es vor Allem darauf an, die Kinder "…zur feinen ritterlichen Sitte und Waffenkunst" 19 zu erziehen. Die Zöglinge des Bauernstandes jedoch wuchsen meist in ihren Familien in ihre Lebensaufgaben hinein, einen ohne gezielten Unterricht zu erhalten. In den Kloster-, Dom- und Stiftsschulen findet der Unterricht in drei Stufen statt. In der Elementarstufe fand neben Schreib- und Leseunterricht auch Psalterlernen und Schönschreiben seinen Platz. Die septem artes liberales waren die Bausteine der darauf folgenden Mittelstufe. Diese Stufe erinnert an die römischen Grammatikschulen, denn neben der Lektüre klassischer und christlicher lateinischer Autoren wird vor Allem Grammatik und Rhetorik gelehrt. Die Oberstufe war bestimmt durch den Unterricht im exegetischen Arbeiten und des Studierens der Dogmatik. Die für den Unterricht verwendeten Lehrbücher waren meist schon viele Jahrhunderte alt. So studierte man beispielsweise Latein mit Hilfe der Lehrbücher von Donatus oder Priscianus, welche aus dem 4. und 6. Jahrhundert stammte. Diese Schulformen prägten durch das gesamte Mittelalter hinweg sein Schulwesen. Das Aufblühen der Städte im 13. Jahrhundert lässt eine Vielzahl von Pfarrschulen entstehen und an vielen Orten bildet sich ein stadteigenes Schulwesen heraus. Die Stadtschulen beschränken sich allerdings meist auf den Elementarunterricht. Daneben entwickelt sich noch eine andere Schulform: im 14. Jahrhundert kommt es in den großen Handelsstätten zur Gründung so genannter Deutscher Schreib- und Leseschulen. Zuerst rein privater Natur, gaben Männer, die in einem Gewerbe tätig waren, Kindern Schreib- Lese- oder auch Rechenunterricht. Da diese Unterrichtsform aber dem Zweck des zu erlernenden Handwerks galt, verzichtete man hier auf religiöse Unterweisung und gründliche Bildung. Wichtiger als diese Entwicklungen ist allerdings, dass zwischen 1200 und 1500 die Universitäten entstanden. In kurzer
18 Reble, Albert: Geschichte der Pädagogik. Stuttgart, 1993, 17., durchges. und überarbeitete Aufl., Klett-Cotta, S. 59.
19 Reble, A.: Geschichte der Pädagogik. Stuttgart, 1993, 17., durchges. und überarbeitete Aufl., Klett-Cotta, S. 59.
10
Zeit entwickeln sich Wissenschaften wie spekulative Theologie und Philosophie, das römische weltliche Recht und das Kirchenrecht. 20
3.2 DIE BILDUNGSSITUATION IM WANDEL: HUMANISMUS
Um 1500 kommt es zu einem enormen Wissenszuwachs für die abendländische Menschheit. "In wenigen Jahrzehnten wird […] der ganze Erdball vom Menschengeist ergriffen und damit in gewissem Sinne verfügbar." 21 So kommt es zum Beispiel zur Entdeckung Amerikas, des Seewegs nach Indien und zur ersten Weltumseglung. Durch diese "Öffnung der Welt", welche nun neue Lebensmöglichkeiten eröffnet, kommt es zu einer wirtschaftlichen, politischen und geistigen Erweiterung. Neben den Auswirkungen auf den Handel und die Geldwirtschaft, verändern sich auch politische und soziale Systeme. Der Feudalstaat, welcher alle Menschen in ihrem jeweiligen Stand fest einband, geht ein. Davon profitieren vor Allem die Bürger und die Fürsten, während sich das Ritter- und Bauerntum benachteiligt sieht. Durch das Herauslösen aus den mittelalterlichen Bindungen sind die Menschen dieser Zeit plötzlich freier und darauf angewiesen, sich auf sich selbst zu besinnen und so kommt es zur Entdeckung der Individualität, des Erkennens von sich selbst als eigenständiges Ich. Aus dieser Entdeckung wiederum entsteht ein "…im Mittelalter nicht gekannter Hunger nach Welt" 22 , was eine Hinwendung zum diesseitigen Leben erwachen lässt. Dies wird begleitet von einer aufkommenden Leidenschaft für die Natur.
Im Mittelpunkt der Erziehungs- und Bildungsziele liegt die "Freilegung und Erneuerung des echten antiken Geistes aus den Quellen heraus" 23 , damit soll das Latein des Cicero und das klassische Griechisch wiederbelebt werden. Dementsprechend wurde vor allem das Studieren der Sprachen enorm aufgewertet und erhielt einen hohen Stellenwert in der Bildung der Menschen. "Diese auf dem Renaissance-Boden Italiens formulierten [humanistischen] Ideale […] erstrebten
20 Vgl. Reble, A.: Geschichte der Pädagogik. Stuttgart, 1993, 17., durchges. und überarbeitete Aufl., Klett-Cotta, S. 62.
21 Reble, A.: Geschichte der Pädagogik. Stuttgart, 1993, 17., durchges. und überarbeitete Aufl., Klett-Cotta, S. 68.
22 Vgl. Reble, A.: Geschichte der Pädagogik. Stuttgart, 1993, 17., durchges. und überarbeitete Aufl., Klett-Cotta, S. 74.
23 Reble, A.: Geschichte der Pädagogik. Stuttgart, 1993, 17., durchges. und überarbeitete Aufl., Klett-Cotta, S. 76.
11
ihrerseits eine Verjüngerung, eine Erneuerung und Verbesserung der sozialen, geistigen, politischen und wissenschaftlichen Verhältnisse." 24 In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts hält die aus Italien kommende Gründung von wissenschaftlichen Akademien im Sinne Platons 25 auch in Deutschland Einzug. Diese Entwicklung setzte sich bis 1520 in den deutschen Schulen und Universitäten durch. In den folgenden Jahren kam es zu einer Vielzahl von Universitätsgründungen. Ein Grund für die zügige Durchsetzung all dieser wissenschaftlichen Neuerungen war die neu aufgekommene Buchdruckerkunst. So entstanden zahlreiche neue
Lehrbücher im Sinne des neuen Wissenschaftsverständnisses. Sehr wichtig für das neue, humanistische Bildungsverständnis war die Verdrängung der Scholastik 26 und des mittelalterlichen Latein. Bezeichnend für diese Epoche ist das Erziehungsverständnis, "…den Menschen durch Beispiele, Bilder, Erfahrungen gelebten Lebens und durch den argumentativen Dialog zu vernünftigem Handeln (zu) führen. 27 Der bedeutendste deutsche Humanist war Erasmus von Rotterdam. Allerdings findet man bei ihm eine stärkere Hinwendung zur Theologie, als sie bei den italienischen Humanisten zu verzeichnen war, denn er verfolgte eine Theologie, die sich mit den christlichen Urtexten beschäftigt und gleichzeitig mit dem Geist der Antike verschmilzt. Diese Bildungsauffassung bezeichnet man auch als philologischen Humanismus. 28 Ausschlaggebend für das Erziehungs- und Menschenbild dieser Zeit ist das Ziel, "…freie, selbstbewusste, an der reinen Sprache und Poesie der Antike geläuterte und zur Eloquenz erzogene Persönlichkeit." 29 Diese Entwicklungen waren der Wegbereiter der reformatorischen Theologie und des damit einhergehenden Bildungsverständnisses.
24 Hammerstein, N. (Hrsg.): Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Band I. München, 1996, Beck, S. 57f.
25 In Italien wurde bereits 1474 eine Akademie im platonischen Sinne in Florenz gegründete. Vgl. dazu: Reble, A.: Geschichte der Pädagogik. Stuttgart, 1993, 17., durchges. und überarbeitete Aufl., Klett-Cotta, S. 77.
26 Nach der Theologischen Realenzyklopädie bezeichnet Scholastik einen "…normativen Standard in methodischer, systematischer und doktrineller Hinsicht." Im hier verwendeten Zusammenhang bezieht sich diese
Standardisierung auf das Bildungswesen der mittelalterlichen Schulen. Siehe auch: Theologische
Realenzyklopädie, Band XXX. S. 361 ff.
27 Böhm, Winfied: Geschichte der Pädagogik. Von Platon bis zur Gegenwart. München, 2004, 2. durchgesehene Auflage, S. 47.
28 Vgl. Reble, A.: Geschichte der Pädagogik. Stuttgart, 1993, 17., durchges. und überarbeitete Aufl., Klett-Cotta, S. 78.
29 Reble, A.: Geschichte der Pädagogik. Stuttgart, 1993, 17., durchges. und überarbeitete Aufl., Klett-Cotta, S. 79.
12
3.3 DIE BILDUNGSSITUATION UM 1520: DER HINTERGRUND DER ENTSTEHUNG VON LUTHERS PÄDAGOGISCHER SCHRIFT " AN DIE BURGERMEYSTER UND RADHERREN ALLERLEY STEDTE YNN DEUTSCHEN LANDEN "
Bereits 1518 kam es zu einer Reform der Wittenberger Universität. Durch das Zurückdrängen der Scholastik und das Einbeziehen der alten Sprachen wurde die Universität der Stadt Wittenberg schnell zu einer der modernsten Lehrstätten. Bereits zu Beginn der 1520er Jahre kam es jedoch im ganzen Reich zum allgemeinen Niedergang des Bildungswesens. Die Schüler- und Studentenzahlen gingen nach dem reformatorisch-humanistischen Einbruch in die Universitäten zurück. Grund dafür war nicht zuletzt die Aufhebung der Stifte und Klöster im Zuge der Reformation. Dadurch wurde auch ihr gesamtes klerikales Schulsystem vernichtet. Darüber hinaus kam es auf Grund des aufkommenden deutschen Schrifttums und der durch Luther eingeführten deutschen Unterrichtung auch in religiös-kirchlichen Fragen dazu, dass die lateinische Sprache an Interesse verlor. Ebenso verlor die Bedeutung des Studiums für einen gewinnbringenden Beruf durch das Aufkommen der Laienpriesterschaft ihre Bedeutung. Viele Stifts-, Kloster und auch Lateinschulen gingen daraufhin ein. Selbst viele deutsche Schulen mussten wegen Geldmangels geschlossen werden.
So klagt auch Luther, dass "…allenthalben die Schulen zergehen" 30 und wendet sich 1524 mit seiner pädagogischen Schrift "An die Ratherren aller Städte deutsches Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und erhalten sollen" an die Obrigkeit.
4. "AN DIE BURGERMEYSTER UND RADHERREN ALLERLEY STEDTE YNN DEUTSCHEN (1524). LUTHERS BILDUNGS- LANDEN" UND ERZIEHUNGSVERSTÄNDNIS
Bereits ohne Kenntnis der Schrift lässt sich anhand ihres Titels und mit dem Vorwissen der Bildungssituation der Zeit erkennen, was Luthers Hauptanliegen ist: nicht das Wiedererrichten der Klosterschulen, nicht …, sondern einzig die christliche Erziehung der Jugend an christlichen Schulen liegt ihm am Herzen. Ebenfalls wird auf den ersten Blick deutlich, dass er die Verantwortung für die Umsetzung dieser Forderung in die Hände der Obrigkeit legt.
30 Weimarer Ausgabe 15; 28
13
Diese schulpolitische Schrift verfasst Luther 1524. Um nun Luthers Bildungs- und Erziehungsvorstellung anhand dieser Schrift zu untersuchen, scheint es unabdingbar, zu Beginn den Inhalt kurz wieder zu geben. Um dies übersichtlich zu gestalten, werden die Hauptargumente der ursprünglich nicht gegliederten Schrift zu sechs Abschnitten zusammengefasst. Diese Einteilung der Schrift ist an die von Jürgen Mahrenholz angelehnt. 31 Demzufolge wird sie im Folgenden mittels dieser Einteilung untersucht:
Einleitung: Rechtfertigung des Briefes und Situation der Jugend 1) Das Versagen der Klöster und die Sündhaftigkeit der versäumten Erziehung
2) Das Versagen der Eltern: Ursachen und Folgen der Nicht-Erziehung durch die Eltern
3) Die Notwendigkeit der Sprachen zum erhalt des Evangeliums 4) Die Unterrichtsfächer Geschichte, Musik und Mathematik 5) Die Notwendigkeit guter Bibliotheken
6) Die Aufforderung an die Ratsherren, sich der Jugend anzunehmen
4.1 EINLEITUNG
Luther beginnt sein schulpädagogisches Werk mit der Rechtfertigung, weshalb er diese trotz der über ihn verhängten Reichsacht an die Obrigkeit richtet. Mit dem Verweis auf seine Verpflichtung als Mensch, dem "…Gott den mund auff gethan hatt" 32 , will er trotz seiner Verbannung der Obrigkeit seine Bedenken ans Herz legen. Was er mitzuteilen hat, tut er nicht in seinem Sinne sondern nach dem Sinne Gottes und wer ihn nicht erhört oder seine Reden missachtet, der handle nicht gegen ihn, sonder gegen den Willen Christi. 33
Im weiteren Verlauf kommt Luther auf das Thema seiner Schrift in dem er darauf verweist, dass in Deutschland die Schulen und Klöster untergehen, dass niemand mehr seine Zöglinge zur Schule schicke, weil die Erziehung "…nur auff den bauch gericht sey." 34 Die Menschen sähen keinen Sinn darin, ihre Kinder in eine
31 Vgl. Mahrenholz, Chr. Jürgen: Bürgerrecht auf Bildung. Luther auf schulpolitischem Kurs. Hannover, 1997, Lutherisches Verlagshaus GmbH, S.107.
32 Luther, Martin: An die Burgermeyster und Radherrn allerley Stedte ynn Deutschen landen. Weimar, 1899, 15. Band, S. 27.
33 Vgl. Weimarer Ausgabe 15; 27, 25-31 und Weimarer Ausgabe 15; 28, 1-4.
34 Weimarer Ausgabe 15; 28, 10-11.
14
Bildungsanstalt zu geben und sie unterrichten zu lassen, wenn sie doch am Ende keine Pfaffen, Mönche oder Nonnen sein werden und so hielten sie es für besser, sie so zu lehren, dass sie sich selbst ernähren können. Dieses Erziehungsverständnis, was sich nur auf den Bauch und nicht auf "…der kinder heyl und seligkeyt", klagt Luther an meint, das christlich treue Eltern ihren Kindern im Sinne Gottes auch die Seele versorgen würden. Er fährt fort, indem er betont, dass das Verderben der Jugend, die falsche Erziehung der Kinder, ein Werk des Teufels sei, denn die Klöster seien seine Nester; Klöster, Schulen und Stände seien von ihm eingerichtet, um die Jugend für sich zu gewinnen. 35 Er beklagt weiterhin, dass keiner diese schleichende Gefahr, die vom Teufel und seinem Kampf um die Jugend ausgeht, erkenne." Man furcht sich fur tuercken und kriegen und waffern" 36 , denn diese Gefahr und den möglichen, daraus entstehenden Schaden er- und kennt man. Doch keiner sehe und fürchte das, was der Teufel in den Klöstern und Schulen vorbereite und so klagt er auch darüber, dass Geld in den Krieg gegen die Türken investiert werde, anstatt es dafür zu verwenden, auch nur einen Zögling im christlichen Sinne zu erziehen. Denn "…eyn recht Christen mensch besser ist und mehr nutzs vermag denn alle menschen auf erden." 37 Mit dieser Schilderung der Bildungszustände fordert er die Obrigkeit auf, die Augen für diese Gefahr zu öffnen, sie als wirkliche Gefahr zu erkennen und sich der armen Jugend im Namen und Dienst Gottes anzunehmen.
Weiterhin verweist Luther darauf, dass "…Gott der allmächtige hatt fur war uns deutschen ietzt gnediglich daheymen gesucht und ein recht guelden jar auff gericht." 38 Er fordert dazu auf, dieses von Gott empfangene Geschenk nicht zu verschwenden, sondern die goldene Zeit zu nutzen; am Schopf zu packen und sie nicht einfach so ungenutzt vergehen zu lassen. Als Geschenk dieses gülden Jahr sieht Luther, dass aus den nur wenige Jahre zuvor entstandenen Schulen und Universitäten junge gelehrte Männer mit Sprachkenntnis und allen Künsten ausgestattet hervorkamen und eben diese die Jugend unterrichten könnten.
Sein Entsetzen über die Bildung und Erziehung der Jugend in den Klöstern bringt Luther bezeichnend zum Ausdruck indem er schreibt, es sei ihm lieber, "…das keyn Knabe nymer nichts lernte und stum were" 39 , als dass die Kinder weiterhin in den
35 Vgl. Weimarer Ausgabe 15, 29, 12-13 und Weimarer Ausgabe 15; 29, 23-26.
36 Weimarer Ausgabe 15;30, 1-2.
37 Weimarer Ausgabe 15; 30, 8-9.
38 Weimarer Ausgabe 15; 31, 9-11.
39 Weimarer Ausgabe 15; 31, 23-24.
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Klöstern und Schulen mit der bisher bestehenden Lehren erzogen würden. Er fordert, dass diese von ihm so genannten Eselställe und Teufelsschulen 40 entweder vernichtet oder zu christlichen Schulen umgestaltet werden. Wiederum verweist er auf die von Gott geschenkten Gelehrten, die herangezogen wurden und ruft erneut dazu auf, diese Möglichkeit der guten Erziehung der Jugend durch eben diese gelehrten nicht vorbeiziehen zu lassen.
Anschließend will er auf die theologische Dimension seines Anliegens eingehen. Er will deutlich machen, dass die Erziehungsverantwortung und -verwirklichung der Menschen gegenüber der Jugend kein weltliches Anliegen, sondern ein Gebot Gottes; eine von Gott an die Menschen gestellte Aufgabe ist. Um noch stärker hervorzuheben, wie armselig er die momentane Bildungs- und Erziehungssituation einstuft, zieht er Vergleiche zu den Heiden und den Tieren, welche ihre Kinder vernünftiger und umsichtiger erziehen, als es derzeit in Deutschland der Fall ist. 41 Die Sündhaftigkeit dieses Versäumnisses macht Luther wiederum an einem Vergleich fest: "Aber, lieber herrgott, wie gar viel geringer ists, jungfrau oder weiber schenden […], gegen dieser, da die edlen seelen verlassen und geschendet werden, da soliche sunde auch nicht geachtet noch erkennet und nymer gebuesset wird. 42
Die Klöster, die diese Aufgabe ursprünglich übernehmen sollten, haben in Luthers Augen versagt und sind nichts anderes als "Kinderfresser und Verderber" 43
4.1 DAS VERSAGEN DER KLÖSTER
4.2 DAS VERSAGEN DER ELTERN
Als wisse Luther bereits, was ihm die Empfänger seiner Schrift an dieser Stelle sagen möchten, nämlich dass dies doch in die Verantwortung der Eltern fällt, bejaht er dies aber fragt zugleich, was denn geschehen solle, wenn die Eltern dieser Aufgabe nicht gerecht würden. Solle man die Kinder dann fallen lassen? Um zu erklären, weshalb er seine Aufforderung an die Obrigkeit und nicht an die Eltern richtet, verweist Luther auf die Ursachen, welche die Eltern daran hindern, ihre Kinder zu erziehen. Zum einen gäbe es Eltern, dies halten wie die Strauße, nämlich ihre Kinder zwar zur Welt bringen, aber sie dann fallen lassen und nichts für ihre Bildung und Erziehung
40 Vgl. Weimarer Ausgabe 15; 31, 25.
41 Vgl. Weimarer Ausgabe 15; 32, 29-31.
42 Weimarer Ausgabe 15; 33, 13-17.
43 Vgl. Weimarer Ausgabe 15; 33, 25-24.
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tun. Dennoch, so Luther, sollen diese Kinder "…unter uns und bey uns leben in gemeyner stad" 44 und dazu braucht es eine gute Erziehung durch eine andere Instanz, damit nicht die gut erzogene Jugend durch sie vergiftet würde. Zum anderen gibt es wohl Eltern, die ihre Kinder selbst erziehen und bilden wollten, doch sind die meisten von ihnen zu ungeschickt. Denn der größte Teil der Eltern wüsste auf Grund der eigenen, auf den Bauch gerichteten Erziehung nicht, wie man "gut" erzieht. Als dritten Elternkreis benennt Luther jene, die zwar ihre Kinder selbst erziehen und bilden wollten und wohl auch geschickt genug dazu wären, die jedoch weder Raum noch ausreichend Zeit zur Verfügung hätten. Es bliebe ihnen, einen privaten Lehrer für die Kinder zu beschäftigen, doch übersteige dies die finanziellen Möglichkeiten der meisten Eltern und es sei doch nicht zu verantworten, die Jugend aus Armutsgründen fallen zu lassen. Außerdem gäbe es viele Waisen, welche zwar von Vormunden versorgt würden, aber diese kämen der Aufgabe nicht besser nach. darüber hinaus würden die Eheleute, die keine Kinder haben, sich dieser Aufgabe ebenfalls nicht annehmen und so verschreibt Luther diese Aufgabe der Obrigkeit. 45
Das Gedeihen einer Stadt
Im weiteren Verlauf zeigt Luther den Grund auf, weshalb die Obrigkeit und kein anderer die Verantwortung für die Erziehung der Jugend trägt. Sie nämlich, denen das Gedeihen und Wohl der Stadt anvertraut ist, müssen ebenfalls dafür Rechenschaft tragen, dass in ihrem Lande gelehrte, kluge und gute christliche Menschen leben. Dies wäre auch nur in ihrem Sinne, denn "…die kuenden darnach wol schätze und alles gut samlen, hallten und recht brauchen" 46 und somit der Stadt gute Dienste leisten. Scharfe Kritik spricht Luther gegen die Einstellung einiger Ratsherren und Bürgermeister aus, dass es sie nichts angehe, ob für die Regierung nach ihnen gelehrte Menschen ausgebildet werden - sie würden jetzt regieren. Luther verurteilt, dass diese Menschen sich einzig und allein auf ihr Wohl und ihren Nutzen konzentrieren.
4.3 DIE NOTWENDIGKEIT DER SPRACHEN ZUM ERHALT DES EVANGELIUMS
Wiederum, als kenne er bereits die von seinen Adressaten gestellten Fragen, fährt er antwortend auf die Frage fort, weshalb es denn nicht genüge, die Bibel und Gottes
44 Weimarer Ausgabe 15; 34, 5.
45 Vgl. Weimarer Ausgabe 15; 34, 1-25.
46 Weimarer Ausgabe 15; 34, 33-34.
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Wort in deutscher Sprache zu lehren und weshalb man lateinisch, griechisch, hebräisch und noch andere freie Künste lehren müsse. Luthers Antwort: "Gott hat seyne Schrifft nicht umb sonst alleyn ynn die zwo sprachen schreiben lassen, das allte testament ynn die Ebreische, das new ynn die Kriechische." 47 So bedeutet dieser Fakt für Luther, dass auch wir die Sprachen ehren sollen, welche Gott für sein Wort ausgewählt hat. Seine Konsequenz daraus lautet sogar, dass die Menschen das Evangelium ohne die Sprachen nicht erhalten können, denn "Die sprachen sind die scheyden, darynn dis messer des geysts stickt." 48 Außerdem verliere man in den Klöstern, wie sie bisher lehren, nicht nur das Evangelium, sondern würde darüber hinaus sowohl die lateinische als auch die deutsche Sprache verlernen. Luther betont, dass jetzt die Sprache wieder hervorgetreten sind und das Evangelium somit lauter und reiner ist als je zuvor. 49 Damit meint er wohl, dass jetzt, als die Lektüre der christlichen Urtexte und der Evangelien in ihren Ursprachen durch die Sprachausbildung im Zuge der Erneuerung der Bildung gelehrt wurde, ein viel genaueres Verständnis der Schrift und somit auch eine genauere Auslegung möglich ist. Denn im Folgenden beschreibt Luther, dass es in der Vergangenheit, als all diese Sprachkenntnis nicht zur Verfügung stand, es von Augustinus bis Hilarius zu Fehlauslegungen der Schrift kam. Doch man müsse doch jetzt, da den Menschen die Sprachen nun zur Verfügung stehen, sich darum und um die richtige Schriftauslegung bemühen. Besonders für christliche Lehrer sei es von absoluter Notwendigkeit, dem Lateinischen, Griechischen und Hebräischen mächtig zu sein, um wahr lehren zu können und den Text nicht zu verfehlen. Hier nimmt Luther eine Differenzierung vor in dem er sagt, dass ein einfacher Prediger sehr wohl Christus verstehen, lehren und predigen kann, ohne Kenntnis aller Sprachen zu haben. Doch um die Schrift auszulegen und über sie streiten und diskutieren zu können bedarf es doch der Ausbildung in allen drei Sprachen. In diesem Zusammenhang spricht er sich auch gegen die Sophisten aus, weil diese behaupteten, "…Gottis Wort sey von art so finster und rede so seltzam" 50 , doch liege der Grund für diese Aussage doch allein in ihrer Unkenntnis der notwendigen Sprachen. Besonders wenn der Lehrer oder der Prediger über bestimmte Fragen und Themen urteilen will ist das Sprachenstudium der absolut
47 Weimarer Ausgabe 15; 37, 18-20.
48 Weimarer Ausgabe 15; 38, 8-9.
49 Vgl. Weimarer Ausgabe 15; 39, 7.
50 Weimarer Ausgabe 15; 41, 3.
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notwendige Grundbaustein. 51 Auch spricht er sich gegen Glaubensströmungen wie zum Beispiel die Böhmischen Brüder, welche den Geist in den Mittelpunkt stellen und die Sprachen nicht als wichtig erachten. Dem entgegnet Luther, dass keinesfalls unwichtig ist, doch das er ohne die Sprache allein hätte fromm sein und in der Stille beten können. Denn was er tut, nämlich sich mit dem Papst und anderen Strömungen öffentlich auseinander setzen, sei ohne die Kunstfertigkeit der Sprachen unmöglich. Vielmehr als seinen Geist achte der Teufel seine Sprache und Schrift, denn "…meiyn geyst nympt yhm nichts denn mich alleyn. Aber die heyligen schrifft und sprachen machen yhm die wellt zu enge, und thut yhm schaden ynn seym reich." 52 Dies macht deutlich, dass Luther die Macht und Reichweite der Sprache stärker einschätzt als die des Geistes.
4.4 DER NUTZEN FÜR DAS WELTLICHE REGIMENT
Wie schon zuvor erwähnt stellt sich Luther der Frage, wozu eine schulische Bildung von Nöten sei, wenn von vornherein kein geistliches Amt angestrebt wird. Nun greift er diese Thematik wieder auf um deutlich zu machen, weshalb eine gute Bildung und Erziehung auch für einen weltlichen Beruf notwendig ist. Denn weil "…das weltlich regiment eyn goettlich ordnung und stand ist" 53 , sind auch die Diener in diesem Regiment von Gott eingesetzt. "Insofern die von Gott eingesetzte Obrigkeit als sein Werkzeug wirkt, wird die Erziehungs- und Bildungspflicht nicht aus dem theologischkirchlichen Zusammenhang entlassen." 54 Neben Gelehrtheit und Geschicklichkeit sei eine Christliche Unterweisung demzufolge von absoluter Notwendigkeit, um einen solchen Dienst zu erfüllen. Gleich, so Luther, wenn man Schulen nicht um den Willen Gottes gründe, so genüge doch die Begründung, dass man die Jungen dazu erzieht, Land und Menschen geschickt zu leiten und Mädchen dazu, Haus, Kinder und Gesinde wohl zu erziehen und zu leiten. 55 Allein dies sei schon Grund genug, gute Schulen mit gelehrten und geschickten Lehrern zu schaffen. Auch, wenn manche Eltern Sohn oder Tochter gern selbst erziehen und bilden würden, so erreiche diese Bildung längst nicht das Niveau und die Möglichkeiten, die ein Unterricht durch einen züchtigen Lehrmeister oder eine züchtige Lehrmeisterin
51 Vgl. Weimarer Ausgabe 15; 42, 1-6.
52 Weimarer Ausgabe 15; 43, 4-6.
53 Weimarer Ausgabe 15; 44, 11-12.
54 Beutel, Albrecht: Luther Handbuch. Tübingen, 2005, Mohr Siebeck, S. 233.
55 Vgl. Weimarer Ausgabe 15; 44, 29-30.
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erreicht. Denn so könnten sie "…ynn kurzter zeyt gleich der gantzen von anbegynn wesen, leben, rad und anschlege, gelingen und ungelingen" 56 kennenlernen. Luther richtet sich hier gegen ein Lernen durch Erfahrung, wie es die Humanisten anstrebten, denn zum Lernen durch Erfahrung würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen, wobei das Lernen durch einen gelehrten Schulmeister in kurzer Zeit zu viel Erkenntnis führt. Jedoch spricht er sich für das Lernen "mit Luft und Spiel" aus.
4.5 NEUE UNTERRICHTSFÄCHER
"Wenn ich kinder hette und vermöchts, Sie muessten mir nicht alleyne die sprachen und historien hören, sondern auch singen und die musica mit der gantzen mathematika lernen." 57 Hier zieht er einen Vergleich zum Erziehungssystem der Griechen, welche schon vor langer zeit ihre Kinder mit Spiel zu diesen Fertigkeiten erzogen und dadurch geschickte Leute aus ihnen gemacht hätten. Im weiteren Verlauf spricht Luther die Frage an, wer denn seine Kinder bei der täglichen Arbeit im Haus entbehren könnte, da sie doch auch ihre Hauspflichten hätten. Darauf entgegnet Luther, dass es nicht seiner Absicht entspräche, Schulen einzurichten, in denen die Kinder mehrere Jahre unterrichtet werden, ohne im eigenen Haus zu sein. Er ist der Meinung, das man die Jungen und Mädchen ein bis zwei Stunden täglich unterrichten könnte und danach immer noch genug Zeit bleibt, um im Haus mit zu helfen. Darin sieht er keine Überforderung der Kinder, denn sie "…bringen doch sonst wol zehen mal so viel zu mit keulichen schiessen, ball spielen, lauffen oder rammelln." 58 Es mangele einzig und allein an der ernsthaften Erkenntnis, dass die schulische Bildung für die jungen Menschen von großer Notwendigkeit ist. Luthers Forderungen sind letztendlich nicht allein aus der Sorge um die Jugend, sondern auch um den Erhalt der beiden Stände: des weltlichen und des geistlichen. Beide sind in Luthers Augen dem Untergang geweiht, wenn sich niemand der Erziehung und Bildung der Kinder annimmt, um für beide Regimente gelehrte, christliche Menschen zu formen. Er schiebt an dieser Stelle erneut einen Appell an die Ratsherren ein, seine Bedenken und Forderungen ernst zu nehmen und das gülden Jahr; Gottes Geschenk; Gottes dargebotene Hand anzunehmen und zu nutzen.
56 Weimarer Ausgabe 15; 45, 17-18.
57 Weimarer Ausgabe 15; 46, 13-15.
58 Weimarer Ausgabe 15; 47, 5-6.
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4.6 DIE BÜCHEREIEN
Gegen ende seiner Schrift spricht Luther das Problem der Bücher und Büchereien an. Die Notwendigkeit guter Büchereien begründet er nicht nur damit, dass sie den Schüler und Studenten zur Verfügung stehen und ihnen somit das Studieren leichter machen, sondern auch damit, dass durch Bücher Wissen, Sprache und Kunst aufgehoben und nicht verloren gehen kann. An den Bibliotheken der Klöster und Stifte kritisiert Luther, dass sie keine guten Bücher führten, sondern nur unnütze und schädliche Bücher aufbewahrten. 59 Es entspricht nicht Luthers Idee, grundlos Bücher zu sammeln nur der Quantität willen. Seiner Meinung nach "…sollt die heylige schrift beyde auff Lateinisch, Kriechisch, Ebreisch und Deutsch" 60 zum Bestand einer guten Bücherei gehören. Darüber hinaus fordert er die besten Latein-, Griechisch- und Hebräischlehrbücher; Poeten und Oratores, unabhängig davon, ob sie Christen oder Heiden sind. Außerdem Bücher über die septem artis liberalis und allen anderen Künsten, Bücher über das Recht und die Arznei. Darüber hinaus seien Geschichtsbücher und Chroniken als überaus wichtig.
Erneut verweist Luther auf die Gnade die Gott zu dieser Zeit über Deutsches Land bringt und fordert abermals auf, dies nicht vergehen zu lassen, sondern anzunehmen, zu ernten und Schätze zu sammeln. Dazu gehöre es auch, immer wieder andere und neue Bücher entstehen zu lassen, um die Schätze neuen erlernten Wissens und neuer Kenntnisse festzuhalten.
5. ZUSAMMENFASSUNG: LUTHERS ERZIEHUNGS-VORSTELLUNG
Abschließend soll nun anhand seiner zuvor vorgestellten Schrift zusammenfassend dargestellt werden, welche Aspekte für Luthers Verständnis von Erziehung und Bildung charakteristisch sind.
Zu benennen ist eine tragende theologische Säule seiner Erziehungsideen: die so genannte Zwei-Reiche-Lehre. Sie kann als Lebenslehre des Christen in der Welt verstanden werden, welche dessen Position in der Welt, seine Stellung zur Obrigkeit und zu seinen Mitmenschen definiert. In Luthers Verständnis lebt der Mensch also in zwei Reichen: im Reich der Welt und im reich Gottes. "Im ersten Reich regiert er
59 Weimarer Ausgabe 15; 50, 5-10.
60 Weimarer Ausgabe 15; 52, 1.
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[Gott] mittels weltlicher Obrigkeit und im zweiten Reich übt Gott die Herrschaft unmittelbar aus." 61 Diese Feststellung lässt schon erkennen, dass Luther die weltliche Macht als eine von Gott eingesetzte Instanz betrachtet. Demzufolge soll der Mensch diesem Reich gehorsam sein, solange sie nicht "…über geistliche Dinge gebieten wollten" 62 . Was bedeutet dies nun für seine Vorstellung von Pädagogik? Die weltliche von Gott eingesetzte Macht steht für das Reich, indem die Erziehung stattfindet. Aus diesem Grund richtet Luther seine Forderungen an die Obrigkeit und bemüht sich ihnen klar zu machen, dass ihnen als von Gott eingesetzte Obrigkeit diese Aufgabe zugedacht ist
Es lässt sich hier ebenfalls der Aspekt einbringen, dass Luther - abgesehen von geistlichen Berufen - ebenfalls darauf verweist, dass durch eine gute und gründliche Erziehung und Bildung der Jugend gebildete Menschen hervorkommen, die weltliche Berufe und Ämter übernehmen werden. Denn die Obrigkeit könne nicht zulassen, dass lauter "…eyttel rülltzen und knebel regiren" 63 , denn sonst würde die Stadt verdorben wie einst Sodom und Gomorra.
Bezeichnend ist sein Einsatz für das Unterrichten von Sprachen, um vor allem die biblischen Texte in ihrer Urfassung lesen zu können und sie somit in ihrer reinsten Form verstehen zu können, ohne dass eventuelle Fehlübersetzungen eine verfehltes Verständnis zur Folge haben. Wie schon erwähnt betrachtet Luther die Sprachen als "…die scheyden, darynn dis messer des geysts stickt." 64 Besonders hervorzuheben ist meines Erachtens, dass Luther sich für eine Bildung und Erziehung für alle ausspricht: für Jungen und Mädchen und dies abgesehen davon, ob sie danach einen geistigen oder einen weltlichen Beruf ergreifen. Das Heranziehen tüchtiger, gebildeter Menschen zum Dienst Gottes bedeutet bei ihm nicht das Ausbilden einer geistlichen Elite, sondern das Erziehen der Kinder zu vernünftigen Menschen und zum Verständnis eines Lebens als Christ, in christlicher Verantwortung für sich selbst und für seine Nächsten.
Luther ging es also vor allem darum, sich der vergessenen Jugend anzunehmen und sie zu vernünftigen und gelehrten Menschen zu erziehen, damit sie in Demut vor Gott und seinen Geboten ihrem Leben und einem Beruf nachgehen können.
61 Carstens, Lars O.: Luther als Pädagoge. Aachen, 1999, Shaker Verlag, . S.100.
62 Weimarer Ausgabe 6; 73, 24.
63 Weimarer Ausgabe 15, 35,27.
64 Weimarer Ausgabe 15; 38, 8-9.
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LITERATURVERZEICHNIS
· Beutel, Albrecht: Luther Handbuch. Tübingen, 2005, Mohr Siebeck.
· Böhm, Winfied: Geschichte der Pädagogik. Von Platon bis zur Gegenwart. München, 2004, 2. durchgesehene Auflage
· Brecht, Martin: Martin Luther. Zweiter Band. Ordnung und Abgrenzung der Reformation 1521-1532. Stuttgart, 1986, Cawler Verlag.
· Carstens, Lars O.: Luther als Pädagoge. Aachen, 1999, Shaker Verlag.
· Hammerstein, Notker (Hrsg): Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Band I.
15. bis 17. Jahrhundert. Von der Renaissance und der Reformation bis zum Ende der Glaubenskämpfe. München, 1996, Beck.
· Hauschild, Wolf-Dieter: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte. Band 2, Reformation und Neuzeit. Gütersloh, 1999, Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus.
· Lohse, Bernhard (Hrsg.): Der Durchbruch der reformatorischen Erkenntnis bei Luther. Wege der Forschung. Band CXXIII. Darmstadt, 1968, Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
· Lohse, Bernhard: Martin Luther. Eine Einführung in sein Leben und sein Werk. München, 1981, C.H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung.
· Mahrenholz, Jürgen Christian: Bürgerrecht auf Bildung. Luther auf schulpolitischem Kurs. Hannover, 1997, Lutherisches Verlagshaus.
· Reble, Albert: Geschichte der Pädagogik. Stuttgart, 1993, 17., durchges. und überarbeitete Aufl., Klett-Cotta
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M üller, Gerhard (Hrsg): Theologische Realenzyklopädie. Berlin New York, 1999,
Bd. 30 Samuel - Seele, Walter de Gruyter.
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Saskia Tiedemann, 2008, Martin Luthers Vorstellung von Bildung und Erziehung, München, GRIN Verlag GmbH
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