Der Tanz im Bollywood-Kino
Von Jonas Lobgesang
Eine Hausarbeit zum Seminar ,,Film und Tanz"
Seminar 07.344 "Film und Tanz"
Jonas Lobgesang
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung ... 3
Das Genre Bollywood-Film... 4
Die Wurzeln des Tanzes im Bollywoodfilm... 6
Die historische Entwicklung der ,,song and dance scenes" im indischen Film ... 10
Der Begriff ,,Tanz" ... 13
Der Tanz in seiner narrativen Funktion im Bollywood-Kino ... 15
Filmbeispiel ... 19
Schlusswort ... 23
Quellenverzeichnis ... 24
Literatur ... 24
Zeitungen ... 24
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Einleitung
Als Tom Cruise im Film der letzte Samurai" mit seinen Kriegern in einen letzten,
aussichtslosen Kampf zieht, überlebt er als einziger die gegnerischen
Maschinengewehrsalven. Ein Medaillon- das Geschenk seiner Liebsten - fängt die
tödliche Kugel ab und macht die schon für unmöglich gehaltene Vereinigung des
Liebespaares möglich. So utopisch manch ein Happy -End auch sein mag, so ist
es doch eine essentielle Zutat eines gelungenen massentauglichen und somit
Gewinn einbringenden Hollywoodfilm- Menüs. Der Zuschauer akzeptiert dieses
,,Wunder", er freut sich mit Tom Cruise und verlässt zufrieden den Kinosaal.
Wenn jedoch Shahrukh Khan mit seiner Filmpartnerin im indischen Film Kabhi
Khushi Kabhie Ghum (,,Manchmal Glück, manchmal Trauer, 2001) plötzlich den
etablierten Ort der Handlung verlassen und zunächst am Meeresstrand, dann in
der ägyptischen Wüste in ständig wechselnden Kostümen heiße
Liebesgeständnisse in Gesang und Tanz darstellen, wirkt das auf den an
Hollywoodfilme gewöhnten Zuschauer fremd. Zumal in diesem nicht selten
vorkommenden Fall das tanzende Liebespaar zu diesem Zeitpunkt der Handlung
noch gar nicht zueinander gefunden hat; es findet also ein Vorgriff auf
zukünftiges Geschehen statt.
Die stilistische Eigenart des populären indischen Kinos liegt entgegen der in den
USA und Europa favorisierten narrativen Kontinuität und Stringenz in der
Verknüpfung relativ eigenständiger Höhepunkte
1
. Der Bruch der Handlung, sei
es, wie in diesem Fall in Form eines Vorgriffs auf die spätere Handlung, oder -
und das ist manchmal schwer voneinander zu trennen - in Bild und Ton gefasste
Fantasie eines Filmhelden, wirkt auf den Zuschauer der westlichen Filmkultur
unverständlich, exotisch und irritierend. Auffällig ist, dass die Brüche der
Filmhandlung fast immer und meist ausschließlich in den so genannten ,,song and
dance scenes" passieren. Es sind auch jene ,,song and dance scenes", die nach
Dorothee
Wenner die Kritiker des populären indischen Films am meisten erregen,
anderseits aber ,,genau jenes Genrespezifikum, das für das indische Publikum
neben dem obligatorischen Staraufgebot die Hauptattraktion eines Kinobesuchs
ist"
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Ich werde mich in meiner Arbeit auf den Tanz in den Filmen des so genannten
,,Bollywood-Kinos" konzentrieren. Das ,,Bollywood-Kino" (B- wie Bombay und
1
Vgl. Mathias Uhl, Keval J. Kumar ,,Indischer Film. Eine Einführung", Bielefeld 2004, S.21
2
Dorothee Wenner ,,Das populäre Kino Indiens" in ,,Bollywood - das indische Kino und die Schweiz", Hrsg. A.
Schneider, Zürich 2002, S. 28
4
angelehnt an Hollywood) hat gegenüber den zahlreichen anderen indischen
Produktionsstätten den Vorteil, die medial größte Aufmerksamkeit zu genießen
und den Geschmack aller Inder zu treffen. Die Bollywood Produktionen sind im
übrigen nicht nur auf dem Subkontinent am erfolgreichsten, sondern in weiten
Teilen Asiens und Afrikas beliebter als ihr us-amerikanisches Pendant aus
Hollywood.
Zunächst werden mich die kulturhistorischen Wurzeln des Tanzes im indischen
Kino beschäftigen, darauf folgt die grundsätzliche Frage was ,,Tanz", bzw. Tanz
im Film überhaupt ist, um dann im analytischen Teil meiner Arbeit den Tanz als
besondere Narrationsform im Bollywoodkino zu untersuchen.
Das Genre Bollywood-Film
Den in der Einleitung beschriebenen Effekt der Fremdheit als Reaktion eines
westlichen Zuschauers auf die ,,song and dance scenes" im Bollywoodfilm
weiterverfolgend, möchte ich kurz auf das Begriff des Genres eingehen. Spricht
man über den populären indischen Film oder auch den us-amerikanischem
Mainstram-Film, verwendet man zwar gemeinhin nicht den Begriff ,,Genre",
andererseits ist es meiner Meinung nach durchaus möglich von einem
,,Übergenre" H/Bollywood Mainstream-Film zu sprechen, denn die Struktur
entspricht der des Genres, sie ist nur noch weiter gefasst
3
. Peter Wuss
bezeichnet in seinem Buch ,,Filmanalyse und Psychologie" ,,Genres" als
Filmkategorien mit einem spezifischen Formengut, die auf erprobten
Wirkungsstrategien basieren. Genrefilme bewegen sich in einem abgesteckten
,,Raum", in dem Themen, Personenkonstellationen und Stil in einem Maße
vorgegeben sind, dass der Wiedererkennungswert für den Zuschauer
unverwechselbar ist. Kognitionspsychologisch kann man das Genre mit seinen
Struktur-Funktions-Zusammenhängen
generell als einen Prozess von
Stereotypenbildung vermuten.
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Denn, so Wuss, ,,es handelt sich dabei um
Gestaltungsphänomene, die intertextuelle Reihen homologer Formen aufbauen
und dabei rigide Unterprogramme psychischen Verhaltens festlegen, die in einem
kulturellen Lernprozess entstanden sind."
5
Das Genre gibt immer bestimmte
grobe Abläufe oder Schlüsselstellen des Films vor. Georg Seeßlen bemerkt dazu:
3
siehe Seite 1: Auch D. Wenner spricht von einem ,,Genrespezifikum" des Bollywoodkinos.
4
vgl. Peter Wuss ,,Filmanalyse und Psychologie - Strukturen des Films im Wahrnehmungsprozess", Berlin 1993,
S.317
5
P. Wuss a.a.O., S. 317
5
,,Es [Das Genre] besteht aus einer Anzahl von Grundschichten, aus narrativen
Bausteinen und aus einer Ikonografie: Bilder, auf die alles hinauslaufen muss.
Der Show-down im Western, die endlose Straße im Road Movie oder die
hysterische Massenflucht im Katastrophenfilm."
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Ein Genre ist aber kein starr
konzipiertes Interaktionsmuster, sondern unterliegt kulturhistorisch bedingten
Abweichungen und Veränderungen. Es findet ein ,,Vorgang von
Ausdifferenzierung mit seinem Formen- und Funktionswandel statt, freilich ein
ganz spezifischer und für die Wissenschaft höchst unübersichtlicher."
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Zwei Erkenntnisse zum Begriff ,,Genre" lassen sich nun auf die Thematik Tanz im
Bollywood-Film übertragen. Zum einen existiert offensichtlich der Baustein ,,song
and dance scenes" in der westlichen Filmkultur nur im Musicalfilm, aber in ganz
anderer Form. Die Figuren des indischen Film passen nicht zu den bekannten
Stereotypen und so erklären sich die Schwierigkeiten des westlichen Zuschauers,
das Gesehene einzuordnen und es entsteht beim ihm das Gefühl der Fremdheit.
Darüber hinaus spricht Wuss von einem kulturellen Lernprozess, der stetigen
Veränderungen unterliegt, letztlich aber die narrativen Bausteine sowie die
Ikonografie einer Genrekultur geschaffen hat. Der dem westlichen Publikum
fremde Baustein ,,song and dance scene" ist also aus einer Filmkultur
entstanden, die auf einer im Vergleich zum Westen andersartigen Kultur aufbaut
und sich eigenständig weiterentwickelt hat, bzw. ihre Besonderheiten im Verlauf
der Zeit dieser noch jungen Kunstform Film beibehalten konnte. Den kulturellen
Wurzeln des Tanzes in der indischen Filmkultur will ich mich nun widmen, zuvor
aber noch der Hinweis, dass nicht nur die Gesellschaft und ihre Kultur den Film
geprägt hat, sondern dass gerade in Indien mit einem so kinoverrückten Volk
auch der Film eine beständige Wirkung auf die Gesellschaft ausübt, also ein
dialektische Beziehung vorliegt. Dazu Auszüge aus einen Statement von Daynita
Singh, einer bedeutenden Fotografin Indiens: ,,Das Kino ist unsere zweite, in
manchen Fällen sogar unsere erste Religion. Der Grund, weshalb Hindi als
Sprache in diesem vielsprachigen Land so populär geworden ist, liegt beim Kino.
(...) Der Film formt unsere Vorstellungen von Schönheit, Liebe und von den
Beziehungen zwischen Menschen. Ich denke nicht, dass das Kino irgendwo sonst
auf dieser Welt eine so große Bedeutung hat wie in Indien."
8
6
Georg Seeßlen ,,Das audiovisuelle Lebkuchenherz" in ,,Die Tageszeitung" 16. März 2006, S.13
7
P. Wuss a.a.O., S. 313
8
Daynita Singh zitiert in ,,Bollywood - das indische Kino und die Schweiz", S. 78
6
Die Wurzeln des Tanzes im Bollywoodfilm
Mündliche Überlieferungen hatten in Indien seit je eine weit aus größere
Bedeutung als das geschriebene Wort. So erfuhren auch die beiden großen
epischen Dichtungen der indischen Kultur, Mahabharata und Ramayana, die
vermutlich aus Mitte des ersten Jahrtausend vor Chr. stammen, über die Zeit
hinweg immer wieder Veränderungen:
,,Auf Grund der oralen Tradierung gibt es zahlreiche Versionen der großen
indischen Epen in verschiedenen lokalen Sprachen und Dialekten, die zusammen
einen panindischen Metatext bilden."
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Die in ihnen enthaltene Fülle von
Geschichten sind laut Amrit Gangar bis heute so tief in der indischen Kultur
verwurzelt, dass gerade in Nordiniden nahezu jeder Hindu von ihnen weiß. Sonja
Majumder zitiert Esselborn zur Thematik der beiden Epen wie folgt: ,, Inhaltlich
betrachtet gehen alle thematischen Motive des Hindi-Kinos wie Hass, Konflikt,
Liebe, Verrat, Rache und Pflichterfüllung (,,Dharma) auf die Epen zurück
(Esselborn 2002:13)"
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Zunächst war es das Theater, später das Kino, das die
Geschichten aufnahm und sie auf die Bühne brachte. Dabei wurden entweder
dieselben Geschichten erzählt oder auf sie Bezug genommen. Entsprechend
äußert der in den 70er und 80er Jahren sehr erfolgreiche Regiesseur Manmohan
Desai, alle seine Filme seien vom Mahabharata inspiriert.
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Einen besonderen Einfluss auf das indische Kino hatte nach Mathias Uhl und
Keval J. Kumar der Narrationsstil beider Werke. Sie attestieren dem Bollywood-
Kino eine narrativ- strukturelle Vielfalt, die im Rahmen einer übergreifenden
Story verschiedene Elemente zu integrieren vermag. Diese Narrationsstruktur
fußt, so Uhl/ Kumar, auf dem großen Reichtum an Unterhandlungen, zyklischen
Einschüben und kausal nur sehr entfernt in Verbindung stehenden Ereignissen
innerhalb der beiden Epen Mahabharata und Ramayana.
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Die literarische
Stringenz, wie wir sie beispielsweise aus westlichen Märchen kennen, ist in
beiden Epen nicht vorhanden.
An dieser Stelle möchte ich kurz auf Maya Deren eingehen, die sich zum
Narrationsstil im westlichen Film äußert. M. Deren war eine der wichtigsten
9
Amrit Gangar ,,Mythos , Metapher, Masala. Kulturgeschichtliche Aspekte des Bollywood-Films in ,,Bollywood
- das indische Kino und die Schweiz" a.a.O., S. 40
10
Magisterarbeit von Sonja Majumder,,Der Hindi-Film der 90er Jahre als Spiegel der
poltiischen und wirtschaftlichen Umstände seiner Zeit untersucht anhand der Filme ,,Hum
Aapke Hain Koun...!", ,,Dilwale Dulhania Le Jaenge" und Kuch Kuch Hota Hai", Hamburg
2003, S.14
11
vgl. S. Majumdar a.a.O., S.14
12
vgl. Uhl/ Kumar a.a.O., S.22
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