Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Prostitution - rechtliche und soziale Situation von Prostituierten im 19. Jahrhundert
bis zur Jahrtausendwende. 2
2.1 Prostitution im 19. Jahrhundert 3
2.2 Prostitution ist sittenwidrig 5
2.3 Prostitution und Frauenbild im Wandel 7
3. Das neue Prostitutionsgesetz und seine Auswirkungen 10
3.1 Ziele und Forderungen des neuen ProstG 12
3.2 Auswirkungen des neuen ProstG in der Realität. 14
4. Fazit. 18
5. Literaturverzeichnis. 21
6. Quellenverzeichnis 22
1. Einleitung
„Ich liebe das Leben, den Regen, den Wind. Ich liebe die Musik von Bach, Vivaldi […]. Ich liebe Kinder, meine Kinder. Durch jede ihrer Gesten entdecke ich das Leben. Ich liebe meine Wohnung, ich koche gern für meine Freunde […]. Ich liebe die Wärme meiner Freunde […]. Ich liebe es, hübsch zu sein, so aus Spaß […]. Ich bin also eine Frau wie ihr? Entschuldigen Sie: Ich bin nur eine Prostituierte. Barbara.“ 1
Die Prostitution. Wer kann schon von sich sagen, dass er noch nie von diesem Gewerbe gehört haben will, dass er nicht weiß, was eine Prostituierte ist? Wohl keiner. Doch wie viele Menschen begegnen dem Thema ohne Vorurteile oder negativen Beigeschmack? Auch wohl kaum jemand, obwohl die Ansichten heute bei weitem andere sein werden als noch vor ein- oder zweihundert Jahren. „Prostitution war und ist in unserer Gesellschaft ein tabuisierter, mit Vorurteilen, aber stets auch voyeuristischem Interesse bedachter Bereich.“ 2 Diese Aussage machte der Soziologe W. Bernsdorf noch 1971 im Hinblick auf das Sexualverhalten des Menschen. Aber ist das wirklich auch heute noch so? Was können wir Barbaras Worten über die Situation einer Prostituierten entnehmen? Entsprechen diese auch heute noch, fast 30 Jahre später und sieben Jahre nach Verabschiedung des neuen Prostitutionsgesetzes, der realen Lebenssituation von Prostituierten in Deutschland?
Um diese Fragen im Verlauf dieser Arbeit klären zu können, muss vorab darauf hingewiesen werden, dass das Thema der Prostitution ein zwar seit langen breit diskutiertes aber dennoch spannungsreiches Gebiet ist, in dem verschiedene, sich teilweise widersprechende Ansätze und Meinungen aufeinander treffen und infolgedessen ein eindeutiger, in eine Richtung weisender Ansatz zu diesem Thema kaum zu finden sein wird. 3 Aus diesem Grund wird es im Rahmen dieser Hausarbeit auch kaum möglich sein können, die Prostitution in ihrer Ganzheit bzw. Komplexität darzustellen. Dies gilt sowohl für den geschichtlichen Abriss als auch für die Betrachtung des Zitates im Hinblick auf dessen Realitätsnähe. Ziel dieser Arbeit ist es demnach nicht, eine vollständige Zusammenstellung der Sichtweisen und Definitionen von Prostitution zu erarbeiten und ge-geneinander abzuwägen. Vielmehr bedarf es vorweg diverser Eingrenzungen und Schwerpunktsetzungen, um so zum einen dem Rahmen der Arbeit gerecht zu werden, gleichzeitig aber auch im Hinterkopf zu behalten, dass mit dieser Arbeit nur ein Aspekt eines weiten Spektrums beleuchtet werden kann.
1 Biermann (1980): S.9.
2 Leopold (1997): S.12.
3 Zum Diskurs siehe bspw. Biermann (1980): S.10ff. sowie Leopold (1997): S.7ff.
1
Im Folgenden wird also vor allem die rechtliche Situation von Prostituierten in Deutsch-land in Verbindung mit ihrer sozialen Stellung im Fokus meiner Ausführungen stehen, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf jener Entwicklung hin zum neuen Prostitutionsgesetz und darüber hinaus auf dessen Auswirkungen liegen wird, sodass dem zeitlichen Rahmen eine Spanne vom 19. Jahrhundert bis heute beigemessen wird. Ziel dieser Arbeit soll es also sein, Prostitution als „eine sexuelle Dienstleistung außerhalb der Ehe gegen Entgelt“ 4 im historischen Kontext so darzustellen, dass ein möglicher Wandel im rechtlichen und sozialen Umgang mit diesen Frauen ersichtlich werden kann. Dabei wird auch das gesellschaftliche Frauenbild eine bedeutsame Rolle spielen. Hat ein Wandel im gesellschaftlichen Bild von Prostituierten stattgefunden? Und wenn dem so ist, wie sieht dieser Wandel aus? Inwiefern haben die Gesetzesänderungen in die eine oder andere Richtung dazu beigetragen? Wie also hat sich z.B. das neue Prostitutionsgesetz auf den Umgang der Gesellschaft mit Prostituierten in der Realität ausgewirkt? Kann man Prostitution zu Recht und auch heute noch als eine Lebenswelt am Rand bezeichnen?
Dementsprechend wird es im Folgenden also weniger um die von Prostituierten selbst angeführten Ursachen und Gründe gehen, sich zu prostituieren - einzig die Hauptmotivation der Existenzsicherung wird behandelt werden. Auch können weder die verschiedenen Erscheinungsformen der Prostitution noch die regionalen oder länderbezogenen Unterschiede in der Umgangsweise mit diesen Frauen berücksichtigt werden, wenngleich alle diese Aspekte von Bedeutung sind. In dieser Arbeit werde ich mich vorwiegend auf die mehr oder minder freiwillige Prostitution in Deutschland beziehen, sodass weitergehend auch nicht auf die Bereiche Frauen- und Menschenhandel sowie Zwangs-und Kinderprostitution eingegangen werden kann. Überdies werde ich, wenn ich von Prostitution spreche, von der weiblich-heterosexuellen Form ausgehen, obgleich auch andere Formen wie z.B. die männliche Prostitution vorhanden sein werden. 5
2. Prostitution - rechtliche und soziale Situation von Prostituierten im 19. Jahrhundert bis zur Jahrtausendwende
Setzt man sich mit dem Thema und Begriff der Prostitution auseinander, wird manwie bereits erwähnt - feststellen, dass Definitionen, Ansichten und Deutungsversuche
4 Röhr (1972): S.16.
5 Vgl. Röhr (1972): S.16-17.
2
einzelner Autoren zu diesem Thema weit auseinander gehen. Dies wird selbst in der Geschichte der Prostitution deutlich: gibt es einerseits Autoren, die von einem unheimlich langen Bestand dieser Tätigkeit ausgehen, von der Prostitution als „ältestem Gewerbe der Welt“ 6 sprechen, welches bis weit in die Antike zurückreicht, so gibt es auf der anderen Seite auch die Meinung, dass die Begrifflichkeit durch eine Fülle von Veränderungen gekennzeichnet ist, sodass es die Prostitution gar nicht gibt. So weist z.B. die Journalistin, Schriftstellerin und Übersetzerin Pieke Biermann darauf hin, dass es die Prostitution, so wie man sie heute vorfindet, erst seit gut zweihundert Jahren gibt und insofern als Produkt der heutigen Gesellschaft bezeichnet werden muss:
„Prostitution in ihrer heutigen Form ist keineswegs älter als die `anständige´, `richtige´ Arbeit der Frau: die unentlohnte, die unsichtbare, die lautlose Hausarbeit. Erst seit rund zweihundert Jahren werden Frauen so auseinanderdividiert: Die einen schaffen an - die andern schaffen umsonst.“ 7
Diese Aussage Biermanns bildet dabei die Grundlage dafür, dass in meinen Ausführungen der historische Abriss der Prostitution als Vorbedingung des heutigen Entwick-lungsstandes mit dem 19. Jahrhundert einsetzt (da man ohne die Gegebenheiten und Ereignisse dieser Zeitspanne heute sicher eine andere Realität vorfinden würde) und insofern den Anfangspunkt eines geschichtlichen Überblicks der Prostitution bis heute darstellt, in dem neben dem rechtlichten und sozialen Aspekt auch das gesellschaftliche Frauenbild und dessen Wandel eine Rolle spielen wird.
2.1 Prostitution im 19. Jahrhundert
Das 19. Jahrhundert, das Zeitalter der industriellen Revolution, war für viele Menschen in der Stadt und auf dem Land eine Zeit gravierender Veränderungen: Armut, Bevölkerungswachstum, Hungersnöte, sowie ökonomische und gesellschaftliche Umorientierungen vor allem durch einen massiven Zuzug ländlich geprägter Bevölkerungsteile in neu entstandene Industriezentren kennzeichneten diese Zeit, da sie sich auf alle Bereiche des Lebens auszuwirken schienen. Von besonderem Interesse ist dabei im Hinblick auf diese Arbeit das Schicksal junger Mädchen und Frauen aus ländlichen Gegenden, die aufgrund der die Familienexistenz gefährdenden Verhältnisse in einer Zeit rapider Entwicklung neuer Industrien und der Zunahme von Fabrikarbeit gezwungen waren in die Städte zu gehen, um dort Geld zu verdienen - fern von ihrer Familie und ohne sozia-
6 Biermann(1980): S.12.
7 Biermann (1980): S.12.
3
le Bezüge. 8 Während die Familie also vorwiegend auf dem Land blieb, um ihre Existenz zu sichern, wurden die Töchter mit der Hoffung auf eine für sie bessere Zukunft in der Stadt fortgeschickt. Diese verfügten jedoch meistens nur über eine geringe Ausbildung, sodass ihnen in der Stadt häufig nur Tätigkeiten mit wenig Einkommen offen standen. 9 Infolgedessen stieg die Zahl der Prostituierten im ausgehenden 19. Jahrhundert besonders in den großen Städten immens an; nach Schätzungen vieler ExpertInnen soll es zu der Zeit in Deutschland bis zu 200.000 Prostituierte gegeben haben. 10 Die Dunkelziffer wird allerdings deutlich höher gelegen haben, da Prostituierte ihre Tätigkeit schon damals aufgrund der ihr (infolge dieser Beschäftigung) begegnenden gesellschaftlichen Diskriminierung im Geheimen ausübten. 11 Für viele schien es dennoch der einzige Ausweg aus einem elenden Dasein der Perspektivenlosigkeit zu sein oder diente der Aufbesserung ihres sonst zu geringen Einkommens, wie es oft bei Dienstmädchen, Blumenfrauen, Wäscherinnen etc. der Fall war. Prostitution dieser Zeit ist als Armenphänomen begreifbar: meist junge Frauen als „Gelegenheitsprostituierte, die sich neben ihrer `ordentlichen´ Erwerbsarbeit durch Prostitution das Existenzminimum sicherten“ 12 .
Mit der Zunahme von Geschlechtskrankheiten veränderte sich schließlich auch die rechtliche Lage der Prostituierten, da diese per se als besonders gefährdet galten für jegliche Form der Infizierung mit Tripper, Syphilis etc. 13 , obwohl schon zu dieser Zeit Stimmen laut wurden, die dieses Stigma kritisierten, da gerade Prostituierte ein besonders hohes Gesundheitsbewusstsein aufwiesen, weil ihr Körper nun einmal ohne Zweifel ihr Kapital, d.h. ihre Einnahmequelle darstellte. 14 Nichtsdestotrotz wurde vom Gesetzgeber die „Reglementierung der Prostitution, offiziell zum Schutz der Menschen vor Geschlechtskrankheiten und zum Erhalt der Sittlichkeit“ 15 eingeführt, in deren Fokus jedoch weniger eine gesundheitliche Vorsorge, als vielmehr die Kontrolle einer jeden sich prostituierenden Frau in Form von polizeilichen und gesundheitlichen Verordnungen stand. 16 Dieser offensichtliche Versuch der Unterdrückung von Prostituierten durch den Gesetzgeber, dessen Vorschriften Freiheitsbeschränkungen sowohl örtlicher als auch zeitlicher Art umfassten und sich auf Wohnung, Kleidung, soziale Einstufung, Steuern und Benehmen der Prostituierten in der Öffentlichkeit erstreckten, stellte von
8 Vgl. Schulte (1979): S.68.
9 Vgl. Girtler (1988): S.27ff.
10 Vgl. Schmackpfeffer (1989): S.13.
11 Vgl. Leopold (1997): S.7-10.
12 Schmackpfeffer (1989): S.15.
13 Vgl. Leopold u.a. (1997): S.23.
14 Vgl. Prostituiertenprojekt Hydra (1988): S.185-186.
15 Schmackpfeffer (1989): S.25.
16 Mitrovic (2006): S.10-11.
4
Arbeit zitieren:
Christina Busch, 2008, Leben am Rand der Gesellschaft, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Sollten multinationale Unternehmen bereits bei der Rekrutierung von Ex...
BWL - Personal und Organisation
Seminararbeit, 18 Seiten
Repatriierung von Führungskräften
BWL - Personal und Organisation
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
Der deutsche Bundestag in der Mediendemokratie
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Hausarbeit (Hauptseminar), 36 Seiten
Der feministische Kriminalroman
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Inwiefern bilden Frauenkrimis ein Subgenre innerhalb des Kriminalroman...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 17 Seiten
Christina Busch's Text Leben am Rand der Gesellschaft ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Christina Busch hat den Text Leben am Rand der Gesellschaft veröffentlicht
Christina Busch hat einen neuen Text hochgeladen
Basiswissen Sozialpädagogisches Handeln. Lehr-/Fachbuch
für die sozialpädagogische Ers...
Jörg Dieterich
Konzepte sozialpädagogischen Handelns
Ein Leitfaden für soziale Beru...
Karlheinz A. Geißler, Marianne Hege
Didaktische Überlegungen als Grundlage und Orientierungshilfe für sozi...
Eine Einführung
Bernd Sommer
Politisches Handeln und gesellschaftliche Struktur
Politische Soziologie der euro...
Jürgen Hoffmann
Ökonomie und Recht - Historische Entwicklungen in Bayern. 6. Tagung de...
Im Auftrag der Gesellschaft fü...
Christoph Becker, Hans G. Hermann
Biomedizin - Politik - Sozialw...
Jörg Niewöhner, Janina Kehr, Joëlle Vailly
0 Kommentare