Inhalt
1. Einleitung 3
2. Anfänge und Entwicklung der Jugendsprachforschung 4
2.1 Konzentration auf die Lexik 5
2.2 Merkmale von Jugendsprache auf struktureller Ebene 5
Analysen von Helmut Henne und Wikipedia 5
2.3 Neuere wissenschaftliche Untersuchungen zu Jugendsprache 8
Ein Überblick 8
3. Jugendsprache im Kontext 9
3.1 Die Ethnographie des Sprechens 10
3.2 Elemente der Ausbildung jugendlichen Sprachstils: 10
Bricolage Kontext und Symbole 10
3.3 Die Partikel ey 12
4. Warum sprechen Jugendliche Jugendsprache 13
5. Jugendliche über Jugendsprache. Darstellung und Bewertung 15
5.1 Darstellung 15
5.2 Bewertung 16
6. Fazit 17
6.1 Nachtrag 17
Literatur 18
2
1. Einleitung
„Beim Namen nennen die sich ja heute nicht mehr“, meine Freundin (32 Jahre) schüttelt verständnislos den Kopf, „da heißt es nur noch ‚Digga’. Und dann diese ganze Fäkalsprache...!“ „Aber die gab es bei uns doch auch schon“, kontert eine zweite, „Hauptsache es klang derb.“ „Am peinlichsten war immer, wenn mein Dad versucht hat, Jugendsprache zu sprechen“, mischt sich ein Freund ein, „der hatte irgendwo gehört, dass wir Jugendlichen zu Erwachsenen ‚Gruftis’ sagen, dabei hat das Wort mit dem Alter ja überhaupt nichts zu tun.“ „Das hatte er bestimmt aus einem dieser Jugendsprache-Lexika. Da standen sowieso immer total falsche Sachen drin... “ So oder ähnlich klingen die Kommentare, wenn ich von dem Thema meiner Hausarbeit erzähle. Man schmunzelt über Begriffe, die man von Jugendlichen aufgeschnappt hat, schwelgt in Erinnerungen und staunt noch heute über die täppischen Versuche von Eltern und Lehrern, Jugendsprache zu sprechen. Aber benutzt man bei Gesprächen, wie dem oben zitierten, nicht auch jugendsprachliche Elemente? Oder handelt es sich dann um Umgangssprache, weil die Sprechenden schon erwachsen sind? Was ist Jugendsprache eigentlich? Ist jedes Wort, das ein Jugendlicher äußert, Jugendsprache? Sind es bestimme Ausdrücke oder Tonlagen, die Jugendsprache bestimmen? Können auch Erwachsene Jugendsprache sprechen? Oder wird die Jugendsprache einer Generation automatisch zur Erwachsenensprache, sobald diese Generation volljährig ist? Existiert Jugendsprache überhaupt?
In meiner Hausarbeit gehe ich diesen Fragen anhand älterer und neuerer Forschungsansätze nach. Dazu gebe ich zunächst einen Überblick über Forschungen zum Thema Jugendsprache. Anschließend stelle ich Helmut Hennes Vorschlag, Jugendsprache über die Betrachtung ihrer allgemeinen strukturellen Merkmale sowie ihrer Lexik zu fassen, dar. In Bezug darauf zeige ich am Beispiel des Eintrags über Jugendsprache bei ‘Wikipedia’ welche Popularität Ansätze dieser Art noch heute haben. Im dritten Teil erläutere ich, inwiefern spätere Forschungen diese Herangehensweise kritisieren und welche Ansätze sie stattdessen vorschlagen. Dabei konzentriere ich mich hauptsächlich auf den ethnographischen Ansatz, den Peter Schlobinski, Gaby Kohl und Irmgard Ludewigt in ihrem Buch „Jugendsprache. Fiktion und Wirklichkeit“ (1993) vorstellen. Unter Punkt vier beleuchte ich mögliche Motivationen Jugendlicher, eine eigene Sprache zu sprechen. Ebenso wie bei den Annahmen bezüglich der Merkmale von Jugendsprache wird sich auch hier zeigen, dass die in der Öffentlichkeit verbreiteten
3
Vorstellungen auf vorschnellen Schlüssen beruhen. Den Schluss bildet eine Darstellung des Verständnisses von Jugendsprache aus der Sicht von Jugendlichen selbst.
Alle Zitate sind in der neuen Rechtschreibung wiedergegeben.
2. Anfänge und Entwicklung der Jugendsprachforschung
„Forschungen zum Thema Jugendsprachen waren und sind ein Spiegelbild der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse, der Meinungen und Haltungen gegenüber der Jugend im jeweiligen historischen Kontext“ (Schlobinski 2002: 15).
Die ersten Auseinandersetzungen mit der speziellen Sprechweise von jungen Menschen konzentrierten sich auf die Ausdrucksweisen von Studenten und damit auf junge, männliche Akademiker. Anfänge einer speziellen, deutschen Studentensprache werden bereits mit dem Beginn des 16. Jahrhunderts datiert, wurden aber in der darauf folgenden Zeit nicht eingehender beleuchtet. Eine im strengen Sinne wissenschaftliche Erforschung der historischen Studentensprache setzte mit den Untersuchungen der hallischen Studentensprache durch Meier (1894) und Kluges „Deutscher Studentensprache“ (1895) gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein. Dabei wurde die Studentensprache als Sondersprache definiert und insbesondere ihr Einfluss auf den gesamtgesellschaftlichen Sprachstil analysiert. Ab den 20er Jahren wurde diese Form der Erforschung studentischer Sprache jedoch nicht in nennenswerter Weise weiterentwickelt (Neuland 2007: 91-93).
Der Beginn der Erforschung jugendlicher Sprechweisen über Geschlecht und Stand hinweg und damit die Erforschung des Phänomens Jugendsprache ist nach Schlobinksi um 1945 zu verorten. Mit dem Aufkommen des Rock ’n’ Roll in den 50er Jahren entwickelte sich ein neues Verständnis von Jugend und jugendlicher Lebensweise, was zu einer Etablierung der so genannten ‚Jugendkultur’ führte. Diese Kultur wurde bald auch Gegenstand verschiedener Wissenschaften. Speziell die Sprachforschung blieb dabei jedoch nicht frei von Wertungen. Erhebungen zum Thema waren in den Anfängen immer in sprach- und ideologiekritische Zusammenhänge eingebunden, wobei als zentraler Aspekt der Sprachverfall durch Jugendsprache akzentuiert wurde (Schlobinski 2002: 16).
4
2.1 Konzentration auf die Lexik
Da Jugendliche lange als am Rande der Gesellschaft stehend betrachtet wurden, wurden ihre Ausdrucksformen als Sondersprache aufgefasst, welche demzufolge auf sondersprachliche Merkmale hin untersucht wurden. Laut Schlobinski und Heins war dies die Forschungsstrategie, die über Jahrzehnte verfolgt wurde und die sich hauptsächlich im Sammeln von Wörtern niederschlug (Schlobinski, Heins 1998: 10). Ein Beispiel, „zu welchen Abstrusitäten eine ideologisch voreingestellte Lexikographie führen kann“, zeigt sich bei der Betrachtung der Synonyme für ‚Mädchen’, die Joachim Stave 1964 veröffentlichte. Unter diesen befanden sich Bezeichnungen wie „Ische, Brieze, Irze, Mosse, Schramma, Kante“ und „Brumme“ (Stave 1964: 195). Schlobinski und Heins kritisieren, dass es sich bei den ersten beiden Wörtern sowie bei ‚Brumme’ um berlinerische Ausdrücke handelt und ‚Schramma’ möglicherweise eine r-vokalisierte maskuline Form von ‚Schramme’ ist. Es fand also keine Einbeziehung des Kontextes in die Bedeutungsanalyse sowie keine regionale und soziale Stratifizierung statt. Nach Schlobinski und Heins wurden Jugendliche pauschal stigmatisiert, indem ihnen der Gebrauch dieser Wörter unreflektiert unterstellt wird (Schlobinski, Heins 1998: 11).
2.2 Merkmale von Jugendsprache auf struktureller Ebene
Analysen von Helmut Henne und ‘Wikipedia’
Über den beschriebenen Ansatz hinaus gibt es in der Forschung die Tendenz, jugendsprachliche Ausdrücke unter bestimmte strukturelle Merkmale zu subsumieren. Einer der bekanntesten Vertreter dieser Herangehensweise ist Helmut Henne. In seinem Buch „Jugend und ihre Sprache. Darstellung, Materialien, Kritik“ (1986), schreibt er, dass Jugendsprache eine vorausgesetzte Standardsprache schöpferisch abwandelt, „stereotypisiert“ und „spezifische Formen ihres sprachlichen Spiels“ (Henne 1986: 208) pflegt. Seiner Ansicht nach ist Jugendsprache also keine homogene Varietät des Deutschen, sondern ein „spielerisches Sekundärgefüge“ (ebd.: 208). Seine These stützt er auf eine Fragebogenuntersuchung, die 1982 in 23 Klassen der Jahrgangsstufen acht bis elf durchgeführt wurde (ebd.: 64-65). Henne fand heraus, dass Jugendsprache zu dieser Zeit folgende strukturelle Merkmale aufwies:
5
1. Grüße, Anreden und Partnerbezeichnungen (Tussi);
2. griffige Namen und Sprüche (Mach’n Abgnang);
3. flotte Redensarten und stereotype Floskeln (ganz cool bleiben);
4. metaphorische zumeist hyperbolische Sprechweisen (Obermacker = Direktor);
5. Repliken mit Entzückungs- und Verdammungswörtern (saugeil);
6. Prosodische Sprachspielereien, Lautverkürzungen und Lautschwächungen sowie graphostilistische Mittel (wAhnsinnig);
7. Lautwörterkommunikation (bäh, würg)
8. Wortbildung: Neuwörter, Neubedeutung; Neubildung (ätzend, Macke);
9. Worterweiterung: Präfix- und Suffixbildung, Kurzwörter (abfahren, Schleimi) (ebd.: 208-209).
Zusammen ergeben diese „Sprechformen“ einen Sprachstil, den Henne „sprachlichen Jugendton“ nennt (ebd.: 208).
Vergleichbar mit Hennes Ausführungen beschreibt die populärwissenschaftliche Internet-Enzyklopädie ‘Wikipedia’ Jugendsprache auch heute noch als eine Sprache, die durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet ist, welche sich von Generation zu Generation unterscheiden. Merkmale, die Jugendsprache im Deutschen Sprachraum heute bestimmen sind nach ‘Wikipedia’:
1. Vulgarismen Unter Vulgarismen sind derbe oder ordinäre Wörter zu verstehen, die in Kontexten verwendet werden, in welche diese Wörter nicht passen.
2. Wortneuschöpfungen Als Beispiele für Wortneuschöpfungen nennt ‘Wikipedia’: ‚Wumme’ (= Schusswaffe), ‚cool’ (= schön, angenehm, erstrebenswert, toll, super), ‚geil’, ‚fett’ (= super, atemberaubend) und ‚alken’ (= sich betrinken).
3. Amalgamierungen Amalgamierungen sind verkürzte Wörter wie beispielsweise ‚Perso’ statt ‚Personalausweis’ und ‚fonen’ statt ‚telefonieren’.
4. Entlehnungen Entlehnt werden Wörter vor allem aus dem Englischen. So sagen Jugendliche beispielsweise statt ‚langweilig’ auch ‚boring’.
6
Quote paper:
Berit Eichler, 2008, Jugendsprache , Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Die Jugendspracheforschung in Deutschland - ein Forschungsüberblick
Termpaper, 26 Pages
Jugendsprache im Deutschunterricht
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 24 Pages
Einführung in die Hermeneutik unter Berücksichtigung des Hermeneutikko...
German Studies - Miscellaneous
Scholary Paper (Seminar), 13 Pages
Jugendsprache - ein Resultat der Medien?
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 18 Pages
Strukturen der heutigen Jugendsprache. Eine soziolinguistische Untersu...
Examination Thesis, 79 Pages
Traditionelle Briefe im Vergleich zu modernen E-Mails
German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Termpaper, 21 Pages
Die Kriegervereine als größte Massenorganisation im Kaiserreich - Schn...
History Europe - Germany - 1848, Empire, Imperialism
Scholary Paper (Seminar), 20 Pages
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 35 Pages
Die sogenannte Zweite Industrielle Revolution in Deutschland
History Europe - Other Countries - Modern Times, Absolutism, Industrialization
Scholary Paper (Seminar), 17 Pages
Das Fremdwort in der Jugendsprache
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 28 Pages
Gemeinsamer Unterricht - Integration von Menschen mit Behinderung in d...
Termpaper, 20 Pages
Diskursanalyse zu den Text-Bild-Beziehungen des Anschlags am 11.09.200...
Termpaper, 22 Pages
Der Wandel der deutschen Tanzkultur
Ethnology / Cultural Anthropology
Scholary Paper (Seminar), 18 Pages
Berit Eichler's text Jugendsprache is now available as a printed book
Berit Eichler has published the text Jugendsprache
Berit Eichler has uploaded a new text
0 comments