Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
TEIL 1 THEMATISCHE EINFÜHRUNG. 2
1. Definitionen 3
1.1 Was ist Kultur? 3
1.2 Was ist Korruption? 4
2. Hintergründe zur kommentierten Bibliographie 6
3. Die Ursachen von Korruption 8
3.1 Von schwachen Institutionen, wirtschaftlichen Problemen und Kolonialismus. 9
3.1.1 Der soft state 9
3.1.2 Schwache Institutionen und Verfahren 9
3.1.3 Staatliche Einflussnahme auf die Wirtschaft 10
3.1.4 Armut und Ungleichverteilung 11
3.1.5 Kolonialismus 11
3.1.6 Neo-patrimoniale Strukturen. 13
3.2 Kultur und Korruption 15
3.2.1 Sozialkapital und Solidaritätsnetzwerke 16
3.2.2 Gift-giving oder die Tradition des Schenkens. 20
3.2.3 Weitere soziokulturelle Logiken 22
4. Schlussfolgerungen 25
TEIL 2 KOMMENTIERTE BIBLIOGRAPHIE 30
5. Kommentierte Literatur zu den Ursachen von Korruption in Afrika. 31
6. Literatur. 87
7. Anhang 96
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Einleitung
Diese Studie entstand im Auftrag der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Ziel ist es, im Vorfeld einer Analyse zur Rolle kultureller und traditioneller Strukturen bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Korruption in Afrika, die vorhandene Literatur zu erfassen. Nun ist Korruption weder ein afrikanisches Problem: „We cannot over-emphasize the fact that the problem of what is commonly called
‘corruption’ is in no way unique to Africa.” (Bayart; Ellis; Hibou 1999: 8) Noch ist Afrika korrupter einzuschätzen als etwa Asien oder Lateinamerika, wie TREISMAN aufzeigt (vgl. 1999: 43). Er bemerkt sogar:
„Given its poverty and meager experience with democracy, Africa is in fact less corrupt
than would be predicted.” (Treisman 2000: 43)
Das alles relativiert sich aber, wenn man sich die ohnehin schwachen staatlichen Strukturen in Afrika vor Augen führt und sich die ungleich schwerwiegenderen Folgen verdeutlicht, welche die Korruption dort anrichtet. Dass die Bekämpfung von Korruption in den letzten Jahren in der Politik der Entwicklungsorganisationen eine immer wichtigere Rolle einnimmt, erkennt man an der zunehmenden Anzahl von Strategiepapieren und Konferenzen in dieser Hinsicht. Die Frage stellt sich nach der Effektivität der bisher entworfenen Strategien. Um Korruption aber auch nur ansatzweise erfolgreich eindämmen zu können, muss man zunächst einmal ihre Ursachen verstehen. Ein Aspekt dabei ist die Frage, ob die soziokulturellen Faktoren bisher beachtet wurden und welche Bedeutung ihnen beigemessen wurde. Aufgabe dieser Arbeit ist es nicht, die Ursachen von Korruption zu erforschen. Ziel ist es vielmehr, zu sehen was und wieviel bisher über diese Thematik veröffentlicht wurde.
Die Arbeit teilt sich in zwei Teile. Zu Beginn des Teil 1 werden in einem ersten Schritt die Begriffe Kultur und Korruption näher definiert. Im Anschluss an einige Hintergründe zu dieser Studie werden dann die wichtigsten Ursachenblöcke aus der Literatur zusammengefasst. Getrennt davon folgen eine Beschreibung und eine Einschätzung des Verhältnisses von Kultur und Korruption. Der zweite Teil der Arbeit besteht aus der kommentierten Bibliographie zum Thema Ursachen von Korruption in Afrika. Der Anhang enthält eine Tabelle mit einer Übersicht aller kommentierten Texte und der darin aufgeführten Korruptionsursachen.
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1. Definitionen
1.1 Was ist Kultur?
Was verstehen wir unter Kultur? Im Alltag wird der Kulturbegriff häufig auf den Bereich der Kunst reduziert. Dass Kultur jedoch viel mehr umfasst, viel weiter zu begreifen ist, zeigen zahlreiche ethnologische Definitionen. Kultur umfasst alle Bereiche einer Gesellschaft (Wissen, Glaube, Kunst, Moral, Sitte, Brauch), wobei entscheidend ist, dass sie nicht naturgegeben ist, sondern durch den Menschen geformt und verändert wird (vgl. Lentz 2002, Rudolph 1998). Kultur kann daher nicht als statisch betrachtet werden, sondern sie unterliegt einem stetigen Wandlungsprozess. An dieser Stelle soll jedoch keine endgültige Definition von Kultur übernommen werden, da sich Kultur hier auf die in dieser Arbeit untersuchte Literatur über Korruption in Afrika bezieht. In diesen Texten wird Kultur zum einen in den wenigsten Fällen definiert, zum anderen mit anderen Konzepten, wie dem der Tradition, vermischt. Bei der Erforschung der Ursachen von Korruption - und dies beschränkt sich nicht nur auf den afrikanischen Kontinent - werden Tradition und Kultur in aller Regel als ein und dasselbe behandelt. Dann nämlich, wenn es darum geht, frühere vorkoloniale Charakteristika afrikanischer Gesellschaften auf heutige Verhaltensweisen zu projizieren. Die Autoren nehmen mit unterschiedlicher Terminologie darauf Bezug: traditionelle Werte, kulturelle Grundmuster, soziokulturelle Normen, customary norms, primordial sentiments, etc.. Gemeint sind in der Regel soziale Verhaltensweisen und Wertesysteme, wie etwa das Prinzip der gegenseitigen Hilfe (Reziprozität) unter Verwandten und Freunden, Solidaritätsnetzwerke, das obligatorische Geben von Geschenken (gift-giving), die Zurschaustellung von Wohlstand (Ostentation), das Einschalten von Mittelsmännern (Maklern), die hohe Persönlichkeit von Beziehungen sowie in manchen Fällen die etwas spezielleren Phänomene der Zauberei oder des
Tricksters 1 . Eine weitere definitorische Schwierigkeit ist die Tatsache, dass eine generelle Tendenz besteht, Afrika fälschlicherweise als eine kulturelle Einheit zu sehen:
1 Der Trickster ist ein Charakter, der in vielen afrikanischen Märchen und Fabeln in unterschiedlicher
Gestalt vorkommt. Seine Eigenschaften sind List und Schläue, wobei er sich nicht immer an die Regeln
hält (siehe S. 24 dieser Arbeit).
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„As for ‘African culture’, one need only recall the continent’s great diversity of societies,
rule systems, political organizations and linguistic groups to balk at subsuming them under
a single term, though it is undeniable that certain themes recur.” (Sindzingre 1992: 9 2 ) Auf die Problematik einer derartigen begrifflichen und inhaltlichen Fülle und Diffusion wird im Laufe dieser Arbeit genauer eingegangen.
1.2 Was ist Korruption?
Die Korruption ist ein komplexes Phänomen. Nicht nur kann sie aus einer ganzen Reihe von verschiedenen Praktiken bestehen (Bestechung, Veruntreuung, Betrug, Erpressung, Nepotismus). Sie kann in verschiedenen Kontexten auch unterschiedlich stark auftreten und reicht von individuellem Fehlverhalten und nur vereinzelt vorkommenden Fällen, bis hin zu Situationen, in denen sie weit verbreitet und systemisch ist, quasi die Norm darstellt. Ebenso vielfältig wie die Erscheinungsformen der Korruption sind deren Ursachen und Konsequenzen sowie die vorhandenen Studienansätze und Lösungsvorschläge.
Die Problematik, dieses Phänomen zu fassen, spiegelt sich in den unzähligen Versuchen wider, Korruption zu definieren. So kann Korruption beispielsweise aus ökonomischer, politikwissenschaftlicher, kulturanthropologischer, juristischer oder gar aus psychologischer Sicht betrachtet werden. In einer Minimaldefinition wird Korruption häufig dargestellt als „the abuse of public power for private benefit” (Andvig; Fjeldstad 2001: 5). Es gibt allerdings verschiedene Art und Weisen, wie man diesen Missbrauch öffentlicher Macht interpretieren kann:
Der market-centered-Ansatz betrachtet Korruption aus einem ökonomischen Blickwinkel. So gesehen betrachtet ein öffentlicher Amtsinhaber sein Amt als Geschäft, dessen Ertrag er zu steigern versucht (vgl. Kpundeh 1994: 46).
Der public-office-centered-Ansatz erklärt Korruption als von den Prinzipien des öffentlichen Dienstes abweichendes Verhalten. Diese Prinzipien (siehe S. 13f dieser
2 Die Arbeit lag als Word-Dokument (Ausgabe der Verfasserin) vor, weshalb nur ungefähre
Seitenangaben gemacht werden können.
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Arbeit) leiten sich maßgeblich von Max WEBERS Idealtyp einer rational-legalen Bürokratie ab (vgl. Ihekweme 2000: 26, Kpundeh 1994: 42).
Anhänger des public-opinion-centered-Ansatzes stellen in den Mittelpunkt, welche Handlungen in den Augen der Bevölkerung korruptes Verhalten darstellen. Diese Auffassung kann signifikant von den jeweiligen gesetzlichen Definitionen abweichen (vgl. Kpundeh 1994: 46, Theobald 1990: 7).
Der public-interest-centered-Ansatz beschäftigt sich mit der Verletzung des öffentlichen Interesses als ausschlaggebendes Kriterium für Korruption (vgl. Theobald 1990: 5).
Schließlich geht der public-choice-Ansatz davon aus, dass jede politische Entscheidung die Verteilung von politischen und wirtschaftlichen Ressourcen betrifft. Dabei versucht der Einzelne die Chancen zu erhöhen, die ihm das System bietet - daher auch die Bezeichnung post-constitunional opportunism (vgl. Mbaku 2000: 52).
Es existieren ferner mehrere Dichotomien, die das Unterscheiden verschiedener Ebenen von Korruption erleichtern sollen. Die bekanntesten sind private vs. public corruption, parochial vs. market corruption, petty vs. grand corruption und political vs bureaucratic corruption. Diese Einteilungen machen dann Sinn, wenn man einen Bereich gesondert untersuchen will, sie können für sich aber eben nur in Anspruch nehmen, einen Teilbereich der Korruption zu benennen. In vielen Fällen ist es ratsamer, sie als Pole eines Kontinuums anzusehen (vgl. Médard 1986: 120), die durchaus von verschiedenen Ursachen ausgehen können (vgl. Wraith; Simpkins 1963). Die in vielen afrikanischen Staaten zu beobachtende Verquickung von Staat und Wirtschaft sowie die Politisierung der Verwaltung machen die Einteilungen korrupten Verhaltens für die Autoren jedoch schwierig. Da Korruption letztendlich alle gesellschaftlichen Schichten und Bereiche durchdringt, empfiehlt sich hier die Auffassung von CHABAL und DALOZ:
„However interesting a focus on differently identifiable types of illegal activities might be,
it is in our view often misleading as it obscures the fact that they are all part of an
interconnected whole. What is […] significant for us is to establish the link between
[them.]” (Chabal; Daloz 1999: 98)
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Durch den breiten Kontext, in dem Korruption hier behandelt wird - nämlich in Bezug auf ihre Einbettung in gesellschaftliche Normen und Verhaltensweisen - macht die Ausdifferenzierung einzelner korrupter Handlungen wenig Sinn. Korruption wird dementsprechend im Sinne eines Korruptionskomplexes verstanden, wie er von OLIVIER DE SARDAN vorgeschlagen wird:
„From this perspective, the notion of corruption may be broadened into what may be
termed a ’corruption complex’, in other words beyond corruption in the strict sense of the
word, to include nepotism, abuse of power, embezzlement and various forms of
misappropriation, influence-peddling, prevarication, insider trading and abuse of the public
purse, in order to consider what these various practices have in common, what affinities
link them together, and to what extend they enter into the same fabric of customary social
norms and attitudes.” (Olivier de Sardan 1999: 27)
2. Hintergründe zur kommentierten Bibliographie
Korruption ist ein weltweit verbreitetes Problem und dies nicht erst seit ein paar Jahren. Zwar ist das Thema erst seit Anfang der 1990 Jahre - maßgeblich mit dem Entstehen
von Transparency International 3 - auf die Tagesordnungen wirtschaftlicher, politischer und entwicklungspolitischer Organisationen (etwa der OECD) gekommen. Ein Blick in die Literatur zeigt allerdings, dass sich die Wissenschaftler bereits früher mit der Problematik auseinandersetzten.
Schon vor der Unabhängigkeit der afrikanischen Kolonien war Korruption dort Teil der politischen Tagesordnung und Gegenstand mancher Prüfungskommission, wie Robert TIGNOR (1993) aufzeigt. Im Laufe der Geschichte wurde Korruption in der einen oder anderen Form immer wieder angesprochen, wurde jedoch jeweils realpolitischen Interessen oder wissenschaftlichen Paradigmen unterworfen. So fällt das internationale Interesse an der Problematik nicht zufällig mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes zusammen. Zugegebenermaßen gab es vorher schon Bemühungen - gerade von Seiten der USA durch ihren Foreign Corrupt Practices Act von 1977 - nationale und internationale Korruption in den Griff zu bekommen. Die Wirkung solcher nationalen Alleingänge blieb jedoch begrenzt, nicht zuletzt aufgrund mangelnder internationaler
3 Internationale Nichtregierungsorganisation, gegründet 1993, die sich die Bekämpfung von Korruption
zum Ziel gesetzt hat und einen jährlichen Korruptionsindex (CPI - Corruption Perception Index) aller
Länder veröffentlicht.
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Zusammenarbeit. Viel wichtiger wiegt aber die Tatsache, dass Regime im Lichte strategischer Überlegungen gefördert oder bekämpft wurden. Das Maß ihrer Korruptheit war dabei höchstens interessant, wenn es darum ging, sie auf die „richtige“ Seite zu bekommen. Die Ignoranz gegenüber Korruption innerhalb der vielen Entwicklungshilfeorganisationen wurde vielleicht auch von der Überzeugung geleitet, ohne die nötigen Gelder nichts erreichen zu können, wussten doch viele Regierungen geschickt zu manipulieren, um an Entwicklungsgelder für kommen. Gestützt wurde diese Ignoranz lange auch von wissenschaftlicher Seite, als man im Zuge der Modernisierungstheorien davon ausging, Korruption sei auf einen unvollständigen Modernisierungsprozess zurückzuführen. Eine Gegenantwort kam mit dem Aufkommen der Dependenztheorie, die wie alle anderen wirtschaftlichen und politischen Aspekte auch die Korruption in den Kontext der Abhängigkeit Zentrum - Peripherie rückte. Im Zuge dieser Ideen kamen gerade auch marxistische Theorien hervor, die die Korruption als wesentliches Merkmal kapitalistischer Entwicklung plakatierten (vgl. Andvig; Fjeldstad 2001: 39).
Während die Erforschung von Korruption, ihren Ursachen und ihren Folgen in der Vergangenheit hauptsächlich von politikwissenschaftlicher und wirtschaftswissenschaftlicher Seite stattfand, kommen heute zunehmend auch
kulturanthropologische Ansätze zum Einsatz. Neben der bisher starken Fokussierung auf staatliche Institutionen, Machtstrukturen und wirtschaftliche Prozesse werden nun vermehrt die tiefer liegenden sozialen Prozesse und Strukturen betrachtet. Wie der Literaturüberblick zeigt, wurde zu jeder Zeit auf kulturelle oder traditionelle Werte und Strukturen als Ursache von Korruption verwiesen. Eine ernste Auseinandersetzung mit diesen gesellschaftlichen Besonderheiten oder mit dem Konzept Kultur fand bis in die jüngste Zeit jedoch nicht statt.
Der regionale Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf Afrika allgemein, wobei sich diesbedingt durch die Ausrichtung der Literatur - im Wesentlichen auf Afrika südlich der Sahara beschränkt. Einige Texte behandeln das Verhältnis von Kultur und Korruption in einem globalen Kontext und wurden aufgenommen, da Afrika mit einbezogen ist. Die Ergebnisse der Kommentare sind in einer Tabelle am Ende dieser Arbeit zusammengefasst. Dieser knappe Überblick soll die Möglichkeit bieten, jedem Text die wichtigsten Standpunkte zuzuordnen.
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3. Die Ursachen von Korruption
Die zahlreichen Arbeiten über Korruption in Afrika identifizieren eine Vielzahl unterschiedlicher Ursachen, die für die Entstehung dieses Phänomens in Frage kommen. Welche Autoren welche Ursachen favorisieren, kann von mehreren Faktoren abhängen, wie etwa von der fachlichen Ausrichtung, von wissenschaftlichen Paradigmen, vielleicht auch von der eigenen Herkunft. Warum aber suchen wir nach den Ursachen von Korruption? Wie eingangs erwähnt, muss man die Ursachen eines Problems kennen, um es erfolgreich bekämpfen oder eindämmen zu können. Dass Korruption in Afrika ein Problem darstellt, dürfte nicht zu leugnen sein angesichts immenser Summen fehlender öffentlicher Gelder, welche in der Folge nicht nur einen effizient arbeitenden Staatsapparat, sondern auch wirtschaftliche und soziale Entwicklung verhindern. Im Prinzip, so führt MÉDARD an, sei es aber falsch, die Frage nach den Ursachen von Korruption zu stellen, da dies Korruption als Abweichen von der Regel, quasi als Pathologie, darstelle. Die Verhältnisse in Afrika seien aber vielmehr umgekehrt: „If we take normality as what is statistically probable, then we can consider that with the
scale of corruption we generally observe in African countries, it is corruption which is
normal and the absence of corruption which is abnormal. In a continent where corruption
is very widespread, it is not so much corruption which is in need of explanation as the
absence of it.” (Médard 1986: 124)
Insofern hat er nicht unrecht, eine Betrachtung genau dieser Ausnahmefälle in Afrika (zum Beispiel Botswana und Namibia) vorzuschlagen. Und obwohl es Ansätze in diese
Richtung gibt 4 , zeigt die mehrheitliche Ausrichtung der Arbeiten auf jene Länder Afrikas mit der höchsten Korruption (Nigeria, das ehemalige Zaire, Sierra Leone, Ghana) doch eine Orientierung der herkömmlichen Denkart. Ohnehin wäre nur eine Kombination beider Sichtweisen sinnvoll.
Die angefügte Bibliographie gibt einen Einblick in die Fülle der von Wissenschaftlern zusammengetragenen Ursachen von Korruption, so dass es wenig Sinn machen würde, diese alle an dieser Stelle ebenfalls aufzuführen. Es sollen daher hier nur die wichtigsten Ursachenblöcke genannt werden, um sie mit dem Hauptanliegen dieser Arbeit - der Einordnung von kulturellen Strukturen als mögliche Ursache korrupten Verhaltens - in Relation zu setzen. Die unterschiedlichen Ursachen werden zwar getrennt dargestellt,
4 Beispielsweise Charlton, R. (1990): Exploring the Byways of African Political Corruption - Botswana
and Deviant Case Analysis. In: Corruption and Reform, 5: 1-27
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sie sind aber stark miteinander verwoben und bedingen sich zu großen Teilen gegenseitig.
3.1 Von schwachen Institutionen, wirtschaftlichen Problemen und Kolonialismus
3.1.1 Der soft state
Ursprünglich von Gunnar MYRDAL in Bezug auf Asien erdacht, wurde die Idee des soft state schnell auch auf afrikanische Staaten übertragen.
„A soft state is characterized by: (a) high dependence of external assistance - the extent of
development being largely determined and limited by outside opportunities and
constraints; (b) widespread social indiscipline and disobedience to public authority; (c)
overcentralized government, thereby undermining local initiatives and expanding
opportunities for bureaucratic corruption; and (d) rigid bureaucracy unable to adjust to
changing circumstances, persisting with outmoded attitudes and arrangements and relying
heavy-handed enforcement.” (Gould; Mukendi 1989: 434f)
Die Schwäche des Staates hat unter anderem ein geschlossenes politisches System zur Folge, in dem sich der Staat immer weiter von der Bevölkerung distanziert und im Wesentlichen als eine Einkommensquelle angesehen wird, um deren Erlangung und Kontrolle sich die politische Realität hauptsächlich dreht. Das Konzept des soft state ist dann interessant, wenn es - wie im Rahmen dieser Arbeit - um eine zusammenhängende Darstellung staatlicher Defizite geht, ohne sich zu sehr auf die verschiedenen institutionellen Mängel zu fokussieren. Zudem schließt es in diesem Fall ebenso Arbeiten ein, welche in ihrer Ursachenforschung nur Teilbereiche dieses Konzeptes abdecken.
3.1.2 Schwache Institutionen und Verfahren
Sowohl als Ursache als auch als Folge von Korruption in gewisser Weise schon im Konzept des soft state enthalten, verdient dieser Punkt doch eine weitere Erläuterung. Im Mittelpunkt steht dabei die Ineffizienz der Verwaltung vieler afrikanischer Staaten, welche hauptsächlich durch unqualifiziertes Personal, uneffiziente bürokratische Prozeduren sowie durch das Fehlen von Kontrollmechanismen und Verantwortlichkeit verursacht wird. Schwache Institutionen und Verfahren treten ebenfalls im rechtlichen Bereich auf, wo in der Regel die Gesetze zum einen durch ihre koloniale, europäische
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Herkunft und Struktur selten wirklich den gesellschaftlichen Bedürfnissen entsprechen und zum anderen keine konsequente Durchsetzung von Gesetzen herrscht. Erschwerend kommt hinzu, dass die Bevölkerung in der Mehrheit nicht über die notwendige Bildung verfügt, um sich über den Inhalt und die Konsequenzen gesetzlicher Regelungen im Klaren zu sein. Es ist nicht unbedingt nur die Tatsache, dass der Bürger nicht weiß, wann er etwas Ungesetzliches tut. Er kann oft auch nicht beurteilen, welche Rechte er gegenüber dem Staat und seinen Bediensteten hat (vgl. Gould; Mukendi 1989: 440).
3.1.3 Staatliche Einflussnahme auf die Wirtschaft
Mit Beginn der Unabhängigkeit der afrikanischen Kolonien kam dem Staat eine wichtige Rolle zu. Im Staatsapparat liefen alle Fäden zusammen, er war Quelle wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen. Der Staat wurde zum größten Investor und zum Hauptimporteur der für die Entwicklung der Länder so wichtigen Güter und Devisen. Diese Monopolstellung ging einher mit einer Flut von Regulierungen zum Steuern all dieser Prozesse. Die in den Schlüsselpositionen sitzenden Beamten wussten ihre Machtstellung geschickt einzusetzen, um sich zusätzliche Einkommen zu verschaffen (vgl. Gould; Mukendi 1989: 436). Der public-choice-Ansatz sieht eine direkte Verbindung zwischen Korruption und dem Ausmaß staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft. Laut MBAKU ist der einzelne Bürger daran interessiert, Anteil an der staatlichen Macht und den damit verbundenen Ressourcen zu haben. Die Anreize, ihr Einkommen durch korrupte Praktiken zu erhöhen, erhalten die Beamten von den staatlichen Strukturen, also der großen Machtfülle die ihnen eingeräumt wird (vgl. Mbaku 2000: 52f). In Verbindung mit den bereits genannten Punkten (soft state und schwache Institutionen) entsteht das, was MBAKU perverse Anreizstrukturen nennt: „To understand corruption in Africa, it is necessary to remind ourselves of the fact that
Africans are not that different from people in other regions of the world. As a
consequence, Africans respond to market incentives in a manner similar to the way people
in other societies respond to their incentive structures. Thus, the key to understanding the
pervasiveness of corruption is to begin by taking a close look at laws and institutions and
subsequently, the incentive structures that regulate the behaviour of market participants.”
(Mbaku 2000: 36)
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3.1.4 Armut und Ungleichverteilung
Ein weiterer Faktor, welcher generell mit Korruption in Verbindung gebracht wird, ist chronische Armut und eine extreme Ungleichverteilung von Einkommen und Wohlstand. In der Regel wird hierbei auf die Rolle Afrikas als Schlusslicht wirtschaftlicher Entwicklung und auf die starke Konzentration der Haupteinkommen in den Händen einiger Weniger eingegangen (vgl. Mbaku 2000: 48). Obwohl damit immer auf die Lage der Gesamtbevölkerung hingewiesen wird, bezieht sich Armut als Ursache von Korruption stets nur auf die Situation öffentlicher Bediensteter. Zu niedrige und unregelmäßig gezahlte Gehälter, die oft nicht einmal für das Nötigste reichen, geschweige denn die hohe Inflation ausgleichen, zwingen die Beamten zur Suche nach zusätzlichen Einnahmequellen. Es finden sich jedoch auch Argumente, dass viele Beamte bemüht sind, einen luxuriösen Lebensstil zu halten, um sich von den have-nots - den Mittellosen - abzugrenzen. Einen Lebensstil, den sie sich ohne korrupte Praktiken nicht leisten können (vgl. Kpundeh 1994: 56).
Die in vielen Texten angesprochene extreme Ungleichverteilung bezieht sich auf die Einkommensverteilung bei staatlichen Gehältern. Wo sich das Einkommen höherer Beamter nur unwesentlich von dem niedriger Beamter unterscheidet, ist kein Anreiz gegeben, sich durch qualifizierte Arbeit und Engagement auszuzeichnen. Zudem kommt es hier zur Abwanderung der besten Arbeitskräfte in den privaten Sektor.
3.1.5 Kolonialismus
„The colonial phase of African history gave rise to major changes which had far reaching
consequences for the nature and extent of corruption.“ (Williams 1991: 33) WILLIAMS geht in seiner Arbeit detailliert auf diese Phase der afrikanischen Geschichte ein, wohl wissend, dass sie nicht pauschal als Erklärung für Korruption herangezogen werden sollte. Seit jeher wurden und werden die Eingriffe der europäischen Kolonialherrschaft stets als Ursache für Afrikas Probleme herangezogen. Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass mit Ankunft der Europäer auf dem afrikanischen Kontinent sämtliche Strukturen grundlegenden Änderungen unterworfen waren. Der Kolonialismus kann so in mehrfacher Hinsicht mit Korruption in Verbindung gebracht werden:
Abgesehen von den wenigen Siedlerkolonien war der Zweck der meisten Kolonien schlicht die Ausbeutung der vorhandenen Rohstoffe. Dies zeigte sich in der
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wirtschaftlichen, politischen und bürokratischen Ausprägung der Kolonialsysteme, deren Instrumentarium zum Beispiel Zwangsarbeit, Besteuerung, Landenteignungen und Militärpflicht einschloss (vgl. Williams 1991: 36). Diese Maßnahmen erforderten einen hohen Verwaltungsaufwand und autoritäres Durchgreifen. Die Folge war eine umfangreiche Verwaltung und die exzessive Regulierung aller Lebensbereiche -Merkmale wie sie auch heute noch den afrikanischen Staaten zugeschrieben werden. Zudem waren Kolonialbeamte durchaus selbst korrupt:
„[…] although the upper levels of the colonial bureaucracy were generally free of bribery
and venality, the same could not be said of the lower reaches of the political system. […]
A few of the more astute observers realised […] that lower-level political corruption
helped to maintain the colonial system itself.” (Tignor 1993: 178) So trugen diese ersten Erfahrungen mit den neuen politischen Strukturen nicht gerade zum Entstehen eines offenen politischen Systems bei, welches durch checks-andbalances in der Lage ist die politische Macht zu kontrollieren. Zwar statteten die Europäer im Prozess der Unabhängigkeit die zukünftigen Staaten mit politischen und juristischen Strukturen aus, wie sie den eigenen im Mutterland entsprachen. Wie bereits angesprochen waren diese Strukturen und gerade die Gesetze jedoch nicht wirklich auf die tatsächliche gesellschaftliche Realität ausgerichtet. Die „Implantierung“ westlicher Normen kollidierte mit bestehenden, alten Werten und führte zu einem Normendualismus sowie zu einer moralischen Desorientierung (vgl. Agbaje 1992: 47). AGBAJE verweist außerdem auf die Tatsache, dass die von den Kolonialmächten forcierten und teilweise sogar konstruierten ethnischen Differenzierungen einen Tribalismus förderten, der in der post-kolonialen Zeit seinerseits zum „major raison d’être, instrument and facilitator of corruption“ wurde (Agbaje 1992: 49). Schließlich verhalf das koloniale System durch den dringenden Bedarf an Vermittlung zwischen Kolonialverwaltung und Bevölkerung der Rolle des Maklers oder Brokers zu herausragender Bedeutung (vgl. Olivier de Sardan 1999: 38). Wie die Tätigkeit dieser Mittelsmänner zur Entstehung von Korruption beitragen kann, wird an anderer Stelle ausführlicher behandelt (siehe S. 23 dieser Arbeit). Nichtsdestotrotz blieben die Kolonialregierungen stets Fremdkörper, die zu hintergehen in der Bevölkerung durchaus geachtet wurde (vgl. Edevbaro 1998: 43f).
Obwohl zu sehen ist, dass einige aus dem Kolonialismus hervorgegangene Strukturen Korruptionsfördernd sind, darf dies wie gesagt nicht zu seiner Pauschalisierung als
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Ursache führen. Denn dazu waren zum einen die kolonialen Einflüsse in den verschiedenen Kolonien nicht immer einheitlich genug. Zum anderen erklärt es kaum die Existenz von Korruption in Ländern, die nicht dauerhaft einer fremden Macht unterworfen waren (beispielsweise Äthiopien, Liberia, Südafrika). Noch viel wichtiger ist aber die Tatsache, dass die Kolonialzeit zwar Hintergrundinformationen zu heutigen Strukturen liefern kann, der Blick in die Vergangenheit jedoch für all diejenigen, die an der Eindämmung von Korruption interessiert sind, nicht allzu hilfreich sein wird: “If the actions of man today were only determined by those of the past, the people of today
will be completely helpless to determine the course of their lives. For how can we modify
the effect if we cannot have any influence over the cause? The past can never be changed.
Consequently, although it may give us some insight, a historical explanation is of no use to
us in our endeavour to combat contemporary pathological phenomena.” (Titi Nwel 1999:
50)
3.1.6 Neo-patrimoniale Strukturen
Dieser Ursachenblock beschäftigt sich mit der Verbindung zwischen (neo-) patrimonialen Strukturen und Korruption. In den Texten über Korruption und deren Ursachen wird nicht immer explizit auf Patrimonialismus eingegangen. Aber auch wenn Autoren etwa von einem hohen Grad an Personalismus in der afrikanischen Politik oder von der Privatisierung der Politik sprechen, passen solche Punkte in diesen Ursachenblock hinein, da sie Teil des folgenden Konzeptes sind. Die Konzeption des Neo-Patrimonialismus geht zurück auf eine Typisierung Max WEBERS, wonach der Patrimonialismus eine Weiterentwicklung und Ausdehnung patriarchalischer Strukturen auf eine größere Herrschaftseinheit (Staat) ist (vgl. Theobald 1990: 20). Der patrimoniale Staat dreht sich im Wesentlichen um die Bedürfnisse der herrschenden Familie. Hauptmerkmal im Gegensatz zum patriarchalischen System ist die Entstehung eines Verwaltungsapparates, wobei jegliche Beziehungen stark personalisiert sind und die Ämter aufgrund familiärer Bande und anderer Loyalitäten vergeben werden.
„The essential point is that patrimonialism signifies a particular type of administration, one
that differs very markedly from its more familiar successor, rational-legal bureaucracy.
The essential features of rational-legal bureaucracy - hierarchy of graded authority, fixed
jurisdictional areas with clear-cut procedures, salaried officials who are recruited and
promoted according to objective qualifications and experience and, above all, the strict
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separation between incumbent and office, between the private and the public spheres -
these are almost entirely absent from patrimonial administration.” (Theobald 1990: 21) Nach WEBERS Vorstellung sind patrimoniale Strukturen ein Merkmal aller vormodernen Staaten. Im Zuge einer Industrialisierung führt der zunehmende Bedarf an administrativer Organisation zu einer Entwicklung der oben beschriebenen modernen Bürokratie. WEBERS Soziologie der Bürokratie stellt jedoch einen Idealtypus dar. Patrimoniale Strukturen sind auch in den industrialisierten Staaten noch weit verbreitet - ihre Präsenz scheint allerdings in den Entwicklungsländern ungleich höher. In Bezug auf die afrikanischen Staaten, erklärt MÉDARD, habe keine endogene Entwicklung vom patrimonialen hin zum modernen Staat stattgefunden. Der moderne Staat wurde von den Kolonialmächten - in seiner autoritärsten Form - dorthin exportiert. Es entstand eine Verbindung zwischen patrimonialer und bürokratischer Logik, weshalb MÉDARD den Begriff des Neo-Patrimonialismus verwendet. Im Gegensatz zum Patrimonialismus ist dieser keine Form traditioneller Herrschaft, sondern ein Produkt der Modernisierung (vgl. Médard 1982: 179, Médard 1986: 125). Was hat Neo-Patrimonialismus nun aber mit Korruption zu tun? Durch die Beschreibung patrimonialer Strukturen wird deutlich, was die Hauptmerkmale der ihnen zugrunde liegenden Beziehungen sind: Loyalitäten, die häufig auf familiären und ethnischen Banden beruhen, sowie der hohe Grad an Personalisierung der Beziehungen schaffen keine optimalen Voraussetzungen für eine moderne Bürokratie, wie sie oben beschrieben wird. Sie bilden vielmehr den Ausgangspunkt für die dem Neo-Patrimonialismus eigene Privatisierung der Politik - ideale Grundlage für die Entstehung von Korruption und Nepotismus.
„The notion of the privatization of public affairs, which is at the core of the concept of neo-
patrimonialism, is common to all the elements we have reviewed [corruption, nepotism,
clientelism, factionalism, ethnicity]. It best expresses the logic of political and
administrative behaviour in Africa. We certainly are aware that these practices are not a
monopoly of African or underdeveloped politics. But they are so widespread that the
whole functioning of the political system is transformed. A difference in quantity generates
a difference in quality.” (Médard 1982: 185)
Eine Verbindung zwischen Neo-Patrimonialismus und Korruption lässt sich außerdem durch die Reduzierung politischer Ressourcen auf rein ökonomische Gesichtspunkte erklären. Wo politische Macht, Wohlstand und Prestige so eng miteinander verbunden sind, ist es wahrscheinlich, dass politische Macht ein Hauptgarant für Wohlstand wird -
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Politik wird zum Geschäft, in dem Beziehungen und Geld die Hauptkriterien sind (vgl. Médard 1982: 182).
Da Korruption per Definition in Bezug zu öffentlichen Normen steht, setzt sie eine Trennung zwischen öffentlicher und privater Sphäre voraus. So kann im Patrimonialismus nicht wirklich von Korruption im heutigen Sinne gesprochen werden. Die Möglichkeit, diese beiden Bereiche zu unterscheiden, kam erst durch den Kontakt mit dem modernen Staat, den die Europäer in Afrika einführten. Obwohl diese Trennung in neo-patrimonialen Staaten manchmal ähnlich undeutlich verläuft, so ist sie doch vorhanden, da sich diese Staaten über universelle Normen legitimieren (vgl. Médard 1982: 180). Hier stellt sich allerdings auch heute noch die Frage, wie internalisiert diese importierten Normen tatsächlich in Afrika sind. Was angesichts universeller Normen als korrupt gilt, muss in einer bestimmten Gesellschaft nicht ebenso angesehen werden.
3.2 Kultur und Korruption
Wie bereits erwähnt, wird Kultur unter verschiedenen Bezeichnungen immer wieder mit Korruption in Verbindung gebracht. Die Durchsicht der im zweiten Teil dieser Arbeit kommentierten Artikel zeigt, dass sich immerhin fast die Hälfte der Texte mit diesem Zusammenhang auseinandersetzt. Diese Auseinandersetzung vollzieht sich in ganz unterschiedlichen Facetten: In vielen Fällen wird das Thema nur kurz angesprochen, oft nur in Teilbereichen als Ursache herangezogen, andere Texte schließen Kultur und Tradition als Ursache kategorisch aus. Nur wenige Texte haben sich der Thematik wirklich in der Hauptsache gewidmet, was eine diesbezügliche Analyse nicht leicht macht. Als bedeutendste Arbeit kann OLIVIER DE SARDANS „A Moral Economy of Corruption in Africa?“ (1999) angesehen werden. Die verschiedenen Logiken, in welche OLIVIER DE SARDAN (später auch in Zusammenarbeit mit BLUNDO) soziales Verhalten einbettet, werden im Folgenden mehrfach eine Rolle spielen. In diesem Kapitel soll nun versucht werden zu klären, in welcher Weise sich die Literatur mit diesem Thema bereits auseinandergesetzt hat und inwieweit soziokulturelle Normen und Strukturen zur Erklärung der Korruption wirklich herangezogen werden können. Zu diesem Zweck werden zunächst die verschiedenen soziokulturellen Faktoren vorgestellt.
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3.2.1 Sozialkapital und Solidaritätsnetzwerke
Dieser Punkt wird in der Literatur am häufigsten genannt. Mit Schlüsselbegriffen wie kinship ties, extended family, familism, communialism, loyalties, social capital und solidarity networks beziehen sich die Autoren auf verschiedene Netzwerke gegenseitiger Hilfe, welche in Afrika weit verbreitet sind und von denen die Familie eines der wichtigsten darstellt. Familie im afrikanischen Sinne ist dabei nicht mit der europäischen Vorstellung von Familie zu vergleichen, die damit in der Regel nur die Kernfamilie meint. In Afrika, wie in vielen anderen Gegenden der Welt, definiert sich
Familie jedoch viel weiter, und schließt dabei die entfernteste Verwandtschaft mit ein 5 . Für HILLEBRAND „ist die Idee der gegenseitigen Hilfe und der Solidarität unter Verwandten“ gar das „zentrale Element des sozialen Normensystems der afrikanischen Gesellschaften“, und weiter identifiziert er die Ursprünge dieser Normen „in den Agrargesellschaften des vorkolonialen Afrika, mit ihrer vordringlich
reproduktionsorientierten Subsistenzwirtschaft“ 6 (Hillebrand 1994: 59). Netzwerke entstehen aber auch durch die Zugehörigkeit zu verschiedenen anderen Gruppen (Ethnie, Kirche, Schule, etc.) und dem Rückgriff auf die daraus hervorgehenden sozialen Beziehungen. Der Einzelne kann demnach nicht als Individuum angesehen werden - wie dies ökonomische Ansätze beispielsweise vorziehen - sondern als Teil einer Gemeinschaft, über die er und sein Verhalten sich definieren. Für jeden Einzelnen ergeben sich aus diesen Beziehungen eine Vielzahl von Möglichkeiten aber auch Verpflichtungen. Die Summe dieser sozialen Beziehungen wird in der Literatur - in Anlehnung an James COLEMAN und Robert PUTNAM - als social capital bezeichnet (vgl. Tanzi 2000, Bouju 2000, Lemarchand 1998). „The existence of social capital links individuals in a network of obligations that both
increases their opportunities and reduces their individual freedom. It puts strong pressures
on individuals to accommodate the needs of friends or relatives and creates a presumption
that they will in turn accommodate the individuals’ needs.” (Tanzi 2000: 93)
5 Eine Einführung in das Thema gibt zum Beispiel Siegel, Brian (1996): Family and Kinship. In: Gordon,
A.; Gordon, D. (Hrsg.): Understanding Contemporary Africa. 2. Aufl., Boulder: 221-47
6 Leonhard HARDING bringt in seiner Arbeit über Tradition in Afrika ebenfalls diesen agrarischen
Kontext zur Sprache, allerdings in einem ganz anderen Licht. So haben vergleichbare
Existenzbedingungen auf verschiedenen Kontinenten zu ähnlichen Lebensweisen, Werten,
Vorstellungen und Riten geführt. Diese Traditionen mögen also so spezifisch afrikanisch gar nicht sein
(vgl. Harding 1998: 10f).
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OLIVIER DE SARDAN stellt dazu fest, dass das Kapital an sozialen Beziehungen in Afrika wesentlich größer ist, als das anderer Kontinente (vgl. 1999: 40). Es ist dieses Sozialkapital, was in den Augen vieler Autoren durch die Größe und Anzahl der Netzwerke einen übermäßig hohen Druck auf den Einzelnen ausübt. Sich dem zu entziehen, würde soziale Schande bedeuten. Eine Verbindung zwischen diesem sozialen Druck und der Entstehung von Korruption kann nun auf unterschiedlichen Wegen hergestellt werden.
Einerseits sind die Forderungen durch die Mitglieder der Netzwerke oft so hoch, dass den Verpflichtungen nachzukommen kaum jemand wirtschaftlich in der Lage ist, ohne sich nach zusätzlichen Einkommen umzusehen. Für Staatsbedienstete können sich solche Zusatzeinkommen durch das Ausnutzen ihrer öffentlichen Position ergeben, was dann auf Korruption hinausliefe. Dieses Argument gerät allerdings in Konflikt mit dem bereits erwähnten und durchaus häufig vertretenen Standpunkt, viele Beamte müssten sich der Korruption verdingen, um ihre basic needs zu decken. Aufgrund der Beschreibungen ist anzunehmen, dass zu den Grundbedürfnissen kaum der Unterhalt sozialer Netzwerke zählt.
Auf andere Weise wirkt sich der soziale Druck aus, wenn es um die Objektivität des Verhaltens im Dienst geht. Hier wird argumentiert, dass der Beamte einen Verwandten oder Freund gegenüber einem Fremden immer bevorzugt behandeln wird (vgl. Tanzi 2000: 91). Dies kann von der Gewährung kleiner Gefallen bis hin zur Beschaffung von Jobs reichen - eine Praxis, die unter der Bezeichnung Nepotismus in den Komplex der Korruption mit einfließt. Dahinter steht nicht selten auch die Begleichung einer Schuld, insofern als sich der Beamte bei seiner Familie zum Beispiel für die Tatsache bedankt, dass er eine höhere Ausbildung genießen durfte.
Korruption kann aber auch durch eine Abwesenheit von sozialem Kapital entstehen: „Woe betide the man who knows no one, either directly or indirectly. He is left with no
solution but bribery, if his means permit. […] Engrained, commodified corruption is, in
this perspective, a mere symptom of the lack of an activatable network, a temporary deficit
in ‘social capital’.” (Olivier de Sardan 1999: 41)
Es ist allerdings fraglich, ob dieser Standpunkt das Konzept des social capital nicht etwas überstrapaziert. Mit einer solchen Argumentation kann Sozialkapital immer als Ursache für Korruption herhalten, egal wie man die Sache dreht und wendet.
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Das Sozialkapital einer Person, beziehungsweise insgesamt betrachtet das einer Gesellschaft, ist ohne Frage ein wesentlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens in afrikanischen Staaten. In einem Kontinent, wo vielfach soziale und wirtschaftliche Unsicherheit herrscht, sind die meisten Menschen mangels Alternativen darauf angewiesen, alle zur Verfügung stehenden Kanäle zu nutzen. Die Fähigkeit, das soziale Kapital auszuschöpfen, ist hauptsächlicher Bestandteil einer afrikanischen Überlebensstrategie, der man Bewunderung zollen sollte. Dass hieraus auch Korruption entstehen kann, ist die Kehrseite der Medaille. Hier stellt sich die Frage, ob sich nicht im Falle einer Verbesserung der wirtschaftlichen Situation die Bedeutung solcher Solidaritätsnetzwerke verringert? Wenn die Mehrheit der Gesellschaft über geregelte Einkommen verfügte, würden dann nicht viele soziale Beziehungen - zumindest solche mit hauptsächlich wirtschaftlichem Hintergrund - obsolet werden? Leider werden sich diese Fragen, angesichts der derzeitigen, wirtschaftlichen Lage der afrikanischen Staaten, wohl nicht in absehbarer Zeit beantworten lassen.
Nun gibt es aber auch Autoren, die die Entstehung von Korruption und anderen kriminellen Machenschaften nicht primär durch die Existenz oder Anwendung soziokultureller Logiken erklären, sondern im Gegenteil, durch individualistische, einem Gemeinschaftssinn entgegen gesetzte Bestrebungen. Dies geschieht zum einen über den Hinweis, afrikanische Gesellschaften seien nicht unbedingt immer so Gemeinschaftsorientiert, wie das oft dargestellt wird:
„African societies are characterized less by their communalism than by the almost frenetic
individualism of those who comprise them. It is certainly the case that African societies
feature strong collective constraints which are enforced by political and judicial
institutions endowed with considerable powers of coercion. Nevertheless, individuals can
and do ceaselessly strive to improve themselves, including in the political arena.” (Bayart;
Ellis; Hibou 1999: 34)
Zum anderen sind es gerade traditionelle und soziokulturelle Strukturen, die durch ihre Manipulierbarkeit immer wieder und überall individuellem Machtstreben zum Opfer fallen. Und es ist wieder BAYART, der diesen Zusammenhang für den afrikanischen Kontinent wie folgt beschreibt:
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„In order to understand ‘governmentality’ 7 in Africa we need to understand the concrete procedures by which social actors simultaneously borrow from a range of discursive
genres, intermix them and, as a result, are able to invent original cultures of the State.“
(Bayart 1993: 249)
Eine derartige Machtstrategie ist es, für die er die Bezeichnung „Politik des Bauches“ 8 verwendet und die gekennzeichnet ist von einem ständigen Drang zur Akkumulation durch die Kapitalisierung sozialer Netzwerke. Diese Art der Politik existiert nicht nur in Afrika und manifestiert sich unter anderem als Korruption (sowohl petty als auch grand corruption). BAYART sieht demzufolge Korruption nicht als Tradition, sondern als Resultat einer Durchmischung vor- und postkolonialer sowie insbesondere kolonialer Praktiken und Institutionen.
Es soll hier noch abschließend erwähnt werden, dass über soziale Beziehungen in Afrika viel geschrieben worden ist und es dementsprechend unterschiedliche Konzepte für deren Beschreibung gibt. Dies bringt wiederum Überschneidung, Widersprüche und Missverständnisse mit sich, wie etwa bei BOUJU (2000), in dessen Text eine Vermischung zwischen dem Konzept des Klientelismus und dem Phänomen sozialer Netzwerke vorkommt. Beide Ideen unterscheiden sich aber ganz grundlegend voneinander: Klientelistische Beziehungen stellen einen reziproken, direkten Austausch unterschiedlicher Ressourcen (zum Beispiel spezielle Gefälligkeiten im Gegenzug für Wahlunterstützung) zwischen zwei Personen unterschiedlicher Position (Patron -Klient) dar (vgl. Médard 1982: 166). Im Gegensatz dazu beinhalten Solidaritätsnetzwerke - gerade solche, die sich auf die Familie stützen -Gruppenbeziehungen auf gleicher Ebene mit einem eher indirekten Austausch (vgl. Médard 1982: 172). Solche Unterscheidungen sind äußerst wichtig, wenn es sich um ein so komplexes und weit verzweigtes Phänomen wie das der Korruption handelt. Die verschiedenen Hintergründe sozialer Beziehungen dürften unterschiedlichen Einfluss auf Verhalten und Motivation der einzelnen Teilnehmer haben - gerade auch in Bezug auf korruptes Verhalten.
7 Unter governmentality versteht BAYART Regieren im Sinne einer Machtausübung durch das
Bestimmen des Verhaltens und des Verhaltensspielraums von Individuen und Gruppen (vgl. 1993:
268).
8 Im Original: La politique du ventre - nach einer Redensart aus Kamerun.
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3.2.2 Gift-giving oder die Tradition des Schenkens
An dieser Stelle wird vermehrt der englische Begriff des gift-giving verwendet, da er erstens mehr Aussagekraft besitzt als das deutsche Schenken und zweitens durch die größtenteils englischsprachige Literatur geläufiger ist. Das gift-giving taucht in Verbindung mit Korruption in einigen Arbeiten auf. Erstaunlicherweise wird in den meisten Fällen auf andere Autoren verwiesen, die eine solche Verbindung herstellen. Schaut man sich die Literatur genauer an, so ist außer der Arbeit von EKPO aus dem Jahre 1979 - welche Korruption in Nigeria gewissermaßen als eine moderne Erweiterung der Tradition des Schenkens betrachtet - keine nennenswerte Arbeit zu diesem Thema erschienen. Alle anderen Autoren, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen, erkennen ein Fortbestehen der Tradition und ihre wichtige Bedeutung in Afrika durchaus an, ziehen aber immer eine Trennlinie zwischen dem Schenken und der Korruption, respektive dem Bestechen als die dem Schenken ähnlichste Form der Korruption (vgl. Wraith; Simpkins 1963, Werlin 1972, Wamalwa 1993). OLIVIER DE SARDAN (1999) zeigt in seiner Arbeit auf, dass auch heute noch zu zahlreichen Gelegenheiten Geschenke erwartet werden - allerdings hat dies mit der „Kolanuss“, welche einst zu vielen Anlässen in Westafrika geschenkt wurde, nicht mehr viel zu tun. Durch die Monetarisierung des Alltags werden Geschenke mittlerweile überwiegend in Form von Geld gemacht. Dies findet besonders häufig im Rahmen von ausschweifenden Festlichkeiten statt, kann aber ebenfalls die Gabe eines Teils des Lohnes an einen Vorgesetzten bedeuten. Das Geschenk kann auch als Dank an einen entgegenkommenden Beamten gedacht sein und es ist durchaus denkbar, eine Gabe im Vorhinein zu vergeben, sozusagen, um die zukünftige Zusammenarbeit zu begünstigen. Sich den Erwartungen des Schenkens zu entziehen, würde im Endeffekt bedeuten, sich den Zorn und die Schande der Gesellschaft zuzuziehen und sich so potentielles Unglück einzuhandeln (vgl. Olivier de Sardan 1999: 38ff).
Nach OLIVIER DE SARDAN ist es schwierig abzuwägen, an welcher Stelle das giftgiving aufhört und wo petty corruption beginnt, und so ist für ihn das gift-giving eine
von insgesamt sechs gesellschaftlichen Logiken 9 , die zwar für sich genommen keine
9 In ähnlicher Weise auch 2001 in einer Zusammenarbeit mit Giorgio BLUNDO vorgestellt: La
corruption quotidien en Afrique de l’Ouest. Politique africaine, 83: 8-37
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Korruption darstellen, aber durch ihre Nähe zu korrupten Praktiken leicht in diesen Verdacht geraten. Diese Logiken können durch ihre Anwendung die Ausbreitung und Akzeptanz von Korruption fördern, oder auch nur den Raum bieten, um korruptes Verhalten zu verstecken oder zu rechtfertigen.
„Here […] the borderline between everyday practices is quite thin. The multiplication of
‘gifts’ in every day practice leaves room for the drowning of illicit gifts within the mass.”
(Olivier de Sardan 1999: 40)
Andere Autoren weisen den Versuch der Erklärung von Korruption durch die Tradition des gift-giving wesentlich entschiedener zurück. WAMALWA beispielsweise argumentiert, ein solcher Ansatz würde die Natur des Geschenkes verkennen: „[…] this approach misses the essence of the African tradition in this regard. The essence
of this tradition was its motive: there was no expectation of reward.“ (Wamalwa 1993: 44) Er bezieht sich damit allerdings lediglich auf die Tradition des Beschenkens von Ältesten und Führungspersonen, deren einzige Vergütung oft aus solcherlei Geschenken bestand. Zudem ließe sich diesem Argument der Standpunkt von Marcel MAUSS (1990) entgegensetzen, der in seinem Werk „Die Gabe“ ausführlich über die Funktion des Schenkens schreibt und dem Motiv des Schenkens immer auch ein Motiv der erwarteten Gegengabe beistellt.
Dennoch haben auch andere Autoren das gift-giving gewissermaßen von dem Korruptionsvorwurf freigesprochen - seien es nun WRAITH and SIMPKINS, die schon 1963 diese Tradition im Rückgang begriffen sahen:
„The customary exchange of gifts has affected the general climate of behaviour, but is a
declining force, and cannot be quoted as a defence against the more iniquitous practices of
today […]” (Wraith; Simpkins 1963: 45),
oder WERLIN, der die Grenzen von Traditionen aufzeigt, wenn er im Falle Ghanas 10 bemerkt:
„[…] Ghanaians realize that a gift to a chief means one thing; a gift to a civil servant
another. They also make a distinction between traditional and modern social
requirements.“ (Werlin 1972: 254)
Vielleicht bleibt es schwierig abzuwägen, welche Rolle die Tradition des Schenkens denn nun wirklich spielt bei der Entstehung und Aufrechterhaltung heutiger Korruption. Dabei muss man sich immer wieder die Heterogenität afrikanischer Gesellschaften vor
10 KPUNDEH führt das gleiche Argument für den Fall Sierra Leone an (vgl. 1994: 52)
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Augen führen. Was in der einen Gesellschaft eine solche Bedeutung hat, kann in einem anderen Kontext etwas absolut anderes bedeuten. Es ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass die zuletzt genannten Argumente den Standpunkt OLIVIER DE SARDANS nicht nur bezüglich der Bedeutung des gift-givings für die Korruption schwächen, sondern auch in Hinsicht auf ihre seiner Meinung nach schwierige Trennung. Möglicherweise liegt die Schwierigkeit der Trennung dieser beiden Phänomene lediglich an der Lage des Betrachters, denn WERLIN unterstreicht ja gerade die Fähigkeit der Differenzierung von Seiten der Involvierten. Mitunter können die Worte von Olusegun OBASANJO - gesprochen anlässlich einer Konferenz in Cotonou - ein wenig klärend wirken:
„The gift is usually a token, it is not demanded, the value is usually in the spirit rather than
in the material worth. It is usually done in the open and never in the secret. Where it is
excessive, it becomes an embarrassment and it is returned” (Obasanjo 1994: 26). Er spricht hier mit dem Aspekt der Offenheit einen wichtigen Punkt an, wonach eine Einteilung leichter fallen dürfte. Nichtsdestotrotz muss festgehalten werden, dass unter der Tradition des gift-giving verschiedene Tätigkeiten von den Autoren vermischt wurden. Erstens der Vergleich des Schenkens mit dem Anbieten und Fordern von Bestechungsgeldern - durch den Hinweis auf die Offenheit jedoch entkräftet. Zweitens die Weitergabe eines Teils des Lohnes an den Vorgesetzten - ein Akt, der eher einer Steuer, wenn nicht gar Erpressung gleicht. Drittens das Geschenk, das von Verwandten und Bekannten zu verschiedenen Anlässen erwartet wird und durchaus Korruption fördern kann, wenn Ausmaß und Häufigkeit des Schenkens die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Gebenden übersteigt. Womit sich allerdings die Frage stellt, warum die Korruption das Mittel der Wahl ist, diesem Druck zu begegnen? In jedem Fall wäre eine stärkere Differenzierung des Sachverhaltes notwendig. Insgesamt scheint die Bedeutung des gift-giving aber überbewertet.
3.2.3 Weitere soziokulturelle Logiken
Die bereits beschriebenen Punkte Sozialkapital und gift-giving sind ohne Frage die Hauptbestandteile in einer wie auch immer betrachteten Beziehung zwischen Korruption und Kultur. Für ein umfassendes Bild sind aber noch weitere soziokulturelle Logiken zu beachten, welche im Folgenden vorgestellt werden sollen.
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Zunächst soll die Logik des Verhandelns, wie sie OLIVIER DE SARDAN (1999) verwendet, betrachtet werden. Viele Europäer würden wahrscheinlich das Verhandeln für eine der prägnantesten Verhaltensweisen der Afrikaner halten. Dennoch findet sie in der Literatur zu Korruption relativ wenig Bedeutung. Das bargaining ist für OLIVIER DE SARDAN nicht bloß ein fester Bestandteil der alltäglichen, wirtschaftlichen Transaktionen in afrikanischen Gesellschaften. Durch die Instabilität und Pluralität der Normen sind eben diese Normen selbst ein Teil der Verhandlungen geworden. Dabei werden die verschiedenen Normenregister, bestehend aus vorkolonialem, kolonialem und postkolonialem Recht, je nach Bedarf von den Beteiligten genutzt. Korrupte Praktiken - selbst nichts anderes als zu verhandelnde Transaktionen - profitieren von diesem großen Verhandlungsspielraum (vgl. Olivier de Sardan 1999: 36ff). Eine spezielle Form der Verhandlung kommt durch die Einschaltung von Zwischenhändlern, so genannten Maklern, zustande. Es handelt sich dabei um soziale Akteure, die in der Lage sind, eine Verbindung zwischen unterschiedlichen soziokulturellen Universen herzustellen. Die Tätigkeit des Makelns (brokerage) findet
nicht nur im heutigen Afrika - gerade im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit 11 ein breites Betätigungsfeld, sondern kann auf eine vorkoloniale und koloniale Tradition zurückblicken. Sie bietet die Möglichkeit, korrupte Praktiken hinter alltäglichen Verhaltensweisen zu verbergen:
„The generalised recourse to intermediaries makes it difficult to distinguish and interpret
the practices of corruption by drowning them in common practices.“ (vgl. Olivier de
Sardan 1999: 38)
Von der Vorliebe der Zurschaustellung von Wohlstand ist in den Texten ebenfalls die Rede (vgl. unter anderem Wraith; Simpkins 1963, Eker 1981, Thompson; Potter 1997, Daloz; Heo 1997, Blundo; Olivier De Sardan 2001). Diese moral de l’ostentation oder générosité ostentatoire, wie sie von BLUNDO und OLIVIER DE SARDAN genannt wird, zeigt sich nicht nur in der eigenen Zurschaustellung von Wohlstand nach außen hin, sondern steht wieder eng in Verbindung mit der Verwandtschaft, denn Größe zeigt sich auch in der Verteilung von Gütern an die Familie (vgl. Blundo; Olivier de Sardan 2001: 30). OLIVIER DE SARDAN bindet diese Moral zusammen mit einer ebenfalls
11 Siehe hierzu auch Olivier de Sardan, Jean-Pierre; Bierschenk, Thomas (1993): Les coutiers locaux du
dévellopement. In: APAD, Bulletin 5: 71-6; Bierschenk, Thomas (1998): Lokale Entwicklungsmakler.
In: Entwicklung und Zusammenarbeit, 12: 322-24.
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zu beobachtenden Rivalität in Statusfragen 12 ein in eine Logik der redistributiven Akkumulation, deren Entstehung durch vorkoloniale und koloniale Einflüsse zu erklären ist (vgl. Olivier de Sardan 1999: 43). Eine Verbindung zu Korruption ist dann gegeben, wenn - ähnlich wie bei der Bedienung sozialer Netzwerke - die Erwartungen die vorhandenen finanziellen Mittel übersteigen und der Betreffende ein Zusatzeinkommen durch Korruption sucht. Auch bei diesem Punkt darf der entstehende soziale Druck nicht unterschätzt werden, welcher im Falle einer Nichtbefolgung soziale Ächtung bedeuten kann.
Schließlich sollte der Vollständigkeit halber darauf eingegangen werden, was BAYART, ELLIS und HIBOU unter dem Begriff cultural repertoires in die Diskussion einbringen. Zumindest zwei solcher Repertoires scheinen in Afrika Kriminalität zu untermauern: Zum einen ist dies die weit verbreitete Verwendung des Tricksters in Fabeln und Märchen. Der Trickster zeichnet sich durch List und Kreativität aus - er weiß stets seinen Vorteil aus einer Situation zu ziehen und nutzt dafür zuweilen zweideutige Methoden. Seine „Gaunereien“ bringen ihm dabei oft Bewunderung ein. „Political and economic actors in Africa often demonstrate some of the characteristics of
the Trickster of folk tales.“ (Bayart; Ellis; Hibou 1999: 37) Die Autoren sprechen in diesem Punkt zwar von Kriminalität im Allgemeinen, da sie in ihrem Buch aber die Korruption in das Konzept der Kriminalisierung Afrikas einbeziehen, kann eine mögliche positive Besetzung korrupter Praktiken durch den beschriebenen Sachverhalt nicht ausgeschlossen werden. Ähnliches gilt für das zweite Repertoire - die Dimension des Unsichtbaren - wobei hier das Umfeld mit der Einbeziehung aller sozialen Akteure weiter gesteckt wird. Die Dimension des Unsichtbaren bezeichnet ein Repertoire an unterschiedlichen spirituellen Kräftenwovon die Hexerei eine der wichtigsten ist - die von den Akteuren „kultiviert“ werden, um in allen denkbaren Situationen den eigenen Erfolg zu sichern (vgl. Bayart; Ellis; Hibou 1999: 38). Der Zusammenhang zu kriminellem Verhalten wird insofern deutlich, als auf eine gemeinsame Basis mit anderem sozialen Verhalten verwiesen wird: „[…] from a cultural point of view - and it will be seen in due course that the same is true
from an economic viewpoint - legal and institutional practice is underpinned by the same
12 Ähnlich wie BAYART konstatiert OLIVIER DE SARDAN (1999: 43): „Contrary to various communal
illusions, contemporary African societies are remarkably ‚agonistic’, from a real or symbolic point of
view (cf. sorcery).“
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world-view as practices sometimes described as informal or as those which are clearly
criminal in nature.” (Bayart; Ellis; Hibou 1999: 38) Etwas deutlicher nimmt HILLEBRAND das Motiv der Zauberei auf. Zauberei und Hexerei, die seiner Meinung nach in der Literatur „völlig unterbewertet“ sind, stellen demnach ein gesellschaftliches Disziplinar-Mittel dar:
„Entsprechend der ‘Solidarideologie’ der afrikanischen Gesellschaften ist die Nicht-Respektierung von Solidarverpflichtungen einer der Hauptgründe für Zauberei.“
(Hillebrand 1994: 60)
Zauberei wird hier also als Sanktion gegen gesellschaftsschädliches Verhalten dargestellt und ist somit Teil des bereits erwähnten sozialen Druckes, welcher auf verschiedenen Wegen die Menschen zu korruptem Handeln veranlassen kann. Schwierig zu deuten wird die Rolle der Zauberei allerdings, wenn man SHAWS gegenteiligen Darstellungen zu Westafrika folgt, nach denen Korruption (zumindest grand corruption) von der Bevölkerung als böse Form der Zauberei wahrgenommen werde (vgl. Shaw 1996: 30).
Ein anderes Mittel der sozialen Kontrolle in der Mehrheit afrikanischer Gesellschaften ist die Schande (vgl. Olivier de Sardan 1999: 46). Jemand bringt Schande über sich durch die Bloßstellung anderer Personen - allen voran Familienmitgliedern - durch die Beleidigung einer Person, das Zurückweisen eines Geschenkes oder der Gewährung eines Gefallens, etc..
„On the contrary, slipping a banknote to a civil servant, taking one’s cut to the detriment of
‘clients’, ‘borrowing’ from the cashbox, abusing ‘office’ material, obtaining illegal
favours, none of this generates shame […]” (Olivier de Sardan 1999: 46).
4. Schlussfolgerungen
Wie sind soziokulturelle Hintergründe bei der Entstehung von Korruption zu bewerten?
Die Frage, wie soziokulturelle Hintergründe bei der Entstehung von Korruption zu bewerten sind, wird im wissenschaftlichen Diskurs kontrovers diskutiert. Sie wird genau aus diesem Grund aber auch nicht zufrieden stellend zu beantworten sein. Viele Autoren, die über Korruption in Afrika schreiben und hierbei besonders die Ursachen in Betracht ziehen, lassen das Thema Kultur und Tradition ganz außen vor. In der Regel sind dies Fälle, in denen von einem Versagen der Institutionen oder von individuellem
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Fehlverhalten ausgegangen wird. Nach weiteren Ursachen für diese beiden Faktoren wird generell nicht gesucht und so lassen sich hier kulturelle und traditionelle Hintergründe als indirekte Korruptionsursache eigentlich nicht vollkommen ausschließen.
In der Literatur sind extreme Standpunkte in der Minderheit. Kaum einer spricht sich so deutlich für die Einbeziehung von Kultur als Korruptionsursache aus wie HILLEBRAND:
„Die These ist, daß die Dysfunktionalität des Staates in Afrika auf kulturellen
Grundmustern der afrikanischen Gesellschaften beruht […]“ (Hillebrand 1994: 57). Noch viel weniger Autoren widersprechen dagegen dieser Ansicht in aller Deutlichkeit, wie etwa NINSIN in seiner kapitalismuskritischen Arbeit:
„I am in effect proposing that corruption has nothing to do with the influence of so-called
traditional structures and normative systems of the new nations of the world.” (Ninsin
1984: 35)
Einen Mittelweg versucht OLIVIER DE SARDAN mit seiner moral economy of corruption, in der er von kulturellen Logiken spricht, um eine kulturelle Einbettung von Korruption in der Gesellschaft zu beschreiben. Indem er erklärt, diese Logiken seien in der Lage eine kulturelle Akzeptanz der Korruption herzustellen, verursachten aber nicht selbst Korruption, versucht sich OLIVIER DE SARDAN von beiden Extrempositionen fernzuhalten (vgl. Olivier de Sardan 1999: 44). Dabei zeichnet er die sehr ambivalenten Hintergründe einer Kulturdebatte Afrikas nach: Auf der einen Seite die Gefahr, Afrika als eine kulturelle Einheit zu verstehen - eine Gefahr, die die Autoren durchaus erkennen, der sie aber dennoch nicht entrinnen können (vgl. Williams 1991, Ayittey 1993). Auf der anderen Seite die nicht zu leugnende Existenz gemeinsamer social codes und normative pressures (vgl. Olivier de Sardan 1999: 44). In Bezug auf das gleiche Dilemma führt SINDZINGRE interessanterweise an, dass genau diese Existenz von Gemeinsamkeiten nicht zwangsläufig kulturell begründet werden muss: „[…] isn’t it precisely the existence of such recurrences which constitutes an argument for
origins other than cultural ones, for origins in ecological, demographic, political and
economic conditions common to the societies in question?” (Sindzingre 1992: 9 13 )
13 Die Arbeit lag als Word-Dokument (Ausgabe der Verfasserin) vor, weshalb nur ungefähre
Seitenangaben gemacht werden können.
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Entscheidend für OLIVIER DE SARDAN ist die synkretistische Natur seiner Logikenkeine von ihnen kann als traditionell bezeichnet werden, „none comes from any socalled pre-colonial culture“ (1999: 44). Dies ist der Vorwurf, wie er gewöhnlich gegen die kulturalistische Sichtweise vorgebracht wird: Kultur als zu statisch zu betrachten (vgl. auch Médard 1998: 56). Doch es muss fairerweise festgestellt werden, dass auch Autoren einer kulturalistischen Argumentation, wie etwa HILLEBRAND, Kultur durchaus als Prozess betrachten:
„Es geht hier nicht um die Konstruktion einer statischen ‚afrikanischen Mentalität’, die
lediglich aus vor-modernen Quellen gespeist ist. Prägend für das heutige Afrika mit seinen
hybridisierten Gesellschaften und seinen raschen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen
Wandlungsprozessen […] ist vielmehr ein Nebeneinander und eine Vermischung
verschiedener Normen und Referenzen, eine hybride Identität, die Impulse aus
verschiedenen lebensweltlichen Bereichen erhält und Kooperations- und Loyalitätsnetze
ganz unterschiedlicher Kriterien entstehen läßt. […] Es wäre aber ein Irrtum, die
Bedeutung traditioneller Einflüsse zu unter-, und das Tempo des Wandels zu
überschätzen.“ (Hillebrand 1994: 61)
Liegt der wirkliche Unterschied dieser grundverschiedenen Ansätze beider Autoren im Wesentlichen also lediglich in einer unterschiedlichen Gewichtung der Faktoren Tradition und Moderne im kulturellen Wandlungsprozess? Nicht ganz, denn entscheidend ist immer noch, ob Kultur nun wirklich als Korruptionsursache herangezogen wird oder nicht. HILLEBRAND zeigt, dass dies auch ausgehend von einer aktuellen, nicht statischen Auffassung von Kultur möglich ist. Und obwohl OLIVIER DE SARDAN bemüht ist, keine determinative Kulturtheorie auszustellen, obwohl er stets das postkoloniale Entstehen seiner Logiken betont, obwohl er diese nicht als Korruptionsursache, sondern als deren Kontext darstellt, kann er doch weder vorkoloniale kulturelle Einflüsse leugnen, noch kann er die heutigen, soziokulturellen Logiken von ihrem Beitrag zur derzeitigen Verbreitung von Korruption freisprechen. Bestätigt wird diese Tatsache in seiner späteren Zusammenarbeit mit BLUNDO, bei der ähnliche soziokulturelle Logiken gezielt in bestimmten Bereichen einiger afrikanischer Staaten untersucht werden (vgl. Blundo; Olivier de Sardan 2001). Wir sind also an einem Punkt, an dem wir den Einfluss soziokultureller Hintergründe, vielleicht nicht bei der Entstehung von Korruption, wohl aber bei deren weiteren Verbreitung und gesellschaftlichen Akzeptanz anerkennen müssen. Da durch die gesellschaftliche Banalisation (vgl. Olivier de Sardan 1999: 45) korrupter Praktiken
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jedoch ein Teufelskreis entsteht, der wiederum zur Entstehung neuer Korruption beiträgt - sich so gewissermaßen eine Kultur der Korruption bildet (vgl. Prah 1993)kann man de facto von Teilursachen sprechen. Kultur darf aber auch heute nicht als Momentaufnahme begriffen werden, denn sie ist im ständigen Wandel begriffen. Wie MÉDARD festhält, resultieren heutige Werte mitunter aus einer notwendigen Anpassung an Umstände, welche Korruption lebensnotwendig gemacht haben. Sie muss deswegen nicht unbedingt positiv bewertet sein:
„Elle [la corruption] est devenue simplement une nécessité pour survivre. On doit alors
ajuster ses valeurs à son comportement.“ (Médard 1998: 56) Unter der Prämisse, dass Kultur die Summe früherer und heutiger, beziehungsweise traditioneller und moderner Einflüsse ist, können wir eine Verbindung zwischen Kultur und Korruption annehmen. Entscheidend ist nun aber die Frage, ob diese Entwicklung in irgendeiner Weise Afrika-spezifisch ist.
In der Literatur gibt es einige Autoren, die dieses bestreiten (vgl. Médard 1982: 185, Bouju 2000: 160 und in gewisser Weise Bayart 1993: 268). Um die Worte von BLUNDO und OLIVIER DE SARDAN zu verwenden:
„En termes de simple ‘présence ou absence de traits’, rien ou presque ne distinguerait une
corruption africaine (ou son enchâssement dans la sphère administrative et dans la vie
sociale) d’une corruption européenne. C’est le dosage qui change.“ (Blundo; Olivier de
Sardan 2001: 36)
Wie erklärt sich dann aber das große Ausmaß an Korruption in Afrika? Wie oben erwähnt haben soziokulturelle Strukturen gewiss einen Anteil daran, sie entwickelten und entwickeln sich aber in Verbindung mit einer Vielzahl anderer Faktoren (zum Beispiel koloniale Einflüsse, der starke Gegensatz zwischen traditionellen Strukturen und dem modernen Staat, wirtschaftliche, soziale und politische „Unterentwicklung“, fehlende nationale Einheit, etc.) und sind ebenso auch Folge von Korruption. Eine recht gute Erklärung dieser Zusammenhänge bietet das Konzept des Neo-Patrimonialismus, wie es MÉDARD mehrfach beschrieben hat (vgl. Médard 1982, Médard 1986, Médard 1998). Da die Hauptursachen von Korruption wirtschaftlicher und politischer Natur sind, wären hier positive Veränderungen relativ kurzfristig möglich, immer vorausgesetzt, politischer Wille und finanzielle Ressourcen sind vorhanden. Dies würde einer Änderung der Anreizstrukturen für den Einzelnen entsprechen, wie sie
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beispielsweise auch MBAKU (1996, 2000) vorschlägt (siehe auch S. 10 dieser Arbeit). Von den bisherigen Ausführungen lassen sich drei Schlussfolgerungen ableiten: 1. Soziokulturelle Logiken beziehungsweise Verhaltensweisen können unter bestimmten Umständen Korruption bedingen, sowie Korruption im Gegenzug diese Logiken bedingt. Korruption entsteht in der Hauptsache durch eine Vielzahl anderer Faktoren - Kultur spielt dabei eine reaktive, keine aktive Rolle. Ab einem bestimmten Punkt kann sich allerdings eine Kultur der Korruption verselbständigen, so dass das Ausräumen der anderen Korruptionsverursachenden Faktoren nicht automatisch zu einer Reduzierung von Korruption führen muss. 2. Eine ganz entscheidende Rolle unter den soziokulturellen Logiken spielen auch heute noch Familie und andere Solidaritätsnetzwerke. Da Solidaritätsnetzwerke sich hauptsächlich über die gegenseitige wirtschaftliche Absicherung definieren, halte ich es für wahrscheinlich, dass ihre Bedeutung mit einer Zunahme an allgemeinem Wohlstand und staatlich garantierten Sicherheiten (sozial und rechtlich) nachlässt. Dies gilt trotz der Tatsache, dass der Begriff Familie in Afrika anders - nämlich weiträumiger konnotiert ist als in Europa.
3. Da Kultur einem stetigen Wandel unterzogen ist, der wesentlich von äußeren Umständen bestimmt wird, ist sie durch eine Änderung dieser Faktoren auch zu beeinflussen. Solche Entwicklungen brauchen naturgemäß aber viel Zeit und können eben auch missbräuchlich verwendet werden. Viele Politiker haben dies durch die Manipulation von Kultur und Traditionen oft negativ unter Beweis gestellt.
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5. Kommentierte Literatur zu den Ursachen von Korruption in Afrika
Wraith, Ronald; Simpkins, Edgar (1963): Corruption in Developing Countries. London, 211 S.
Dieses Werk stellt eine der ersten ernstzunehmenden Auseinandersetzungen mit dem Phänomen der Korruption in Entwicklungsländern dar. Häufig zitiert und oft etwas einseitig wiedergegeben, ist diese Arbeit in Teilen bis heute noch lesenswert. Interessant ist, dass die Autoren unter dem Begriff „developing countries“ nicht nur das ehemalige British Africa (und hier besonders Nigeria) betrachten, sondern dies in Vergleich setzen mit dem Großbritannien des 19. Jahrhunderts. Unterschieden wird zwischen private und public corruption. Letztere ist nur durch Habgier zu begründen, während die Autoren private Korruption durch gewisse soziale und traditionelle Zwänge erklären und relativieren: „The customary exchange of gifts has effected the general climate of behaviour, but is a declining force, and cannot be quoted as a defence against the more iniquitous practices of today; the love of ostentation is something which a nation with aspirations towards equality and welfare must control and overcome; family obligation is a heavy drain […] and forces many thousands into debt […]” (S. 45). Verglichen mit Großbritannien fanden die Entwicklungen in Afrika in einem kürzeren Zeitraum statt, weshalb verschiedene Strukturen unvollständig ausgebildet sind.
Smith, M. G. (1964): Historical and Cultural Conditions of Political Corruption among the Hausa. In: Comparative Studies in Society and History, 6 (2): 164-94 Die Arbeit zeigt mittels einer detaillierten geschichtlichen Darstellung der Hausa Nordnigerias, welchen externen Einflüssen diese Gesellschaft von 1350 bis 1960 unterworfen war. Trotz dieser prägenden Einwirkungen - hauptsächlich Seitens des Islam und der britischen Kolonialherrschaft - konnten sich traditionelle politische Institutionen und Normen bis zum Ende der Kolonialzeit behaupten. Hierunter waren auch korrupte Praktiken wie Bestechung, das Eintreiben willkürlicher Zusatzsteuern und gift-giving, die zur Aufrechterhaltung einer zentralistischen und patrimonialen Herrschaftsstruktur nötig waren. Die Arbeit erhält durch die vielen historischen Details einen stark deskriptiven Charakter. Auffallend ist, dass SMITH - im Gegensatz zu
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vielen anderen Autoren - Korruption nicht an eine durch den Kolonialismus eingeführte Trennung zwischen privatem und öffentlichem Raum bindet. In den unmittelbaren Nachwehen der Kolonialzeit geschrieben, beschreibt dieser Text die britische Kolonialpolitik äußerst positiv.
Werlin, Herbert H. (1972): The Roots of Corruption - The Ghanaian Enquiry. 14 In: The Journal of Modern African Studies, 10 (2): 247-66 Der Autor beschäftigt sich in dieser Studie mit der auffällig hohen Zahl von Anti-Korruptions-Kommissionen in Ghana und würdigt dies als Zeichen für einen Volkswillen, sich mit den Ursachen dieses Problems auseinanderzusetzen. WERLIN zufolge sind traditionelle Werte (wie etwa Verwandtschaftsloyalität, Großzügigkeit, gift-giving und Respekt vor dem Alter) nicht primär als Ursachen heranzuziehen: „The need to grant favours to relatives and friends […] is not so much a concern for custom as it is a concern for their unemployment and poverty.” (S. 255) Als Ursachen von Korruption kommen viel eher der Widerstand gegen zunächst koloniale Normen, der Einsatz unqualifizierten Personals und ungenügende Kontrollen in Frage.
14 In ähnlicher Fassung ebenso erschienen in Ekpo, Monday U. (Hrsg.)(1979): Bureaucratic Corruption in
Sub-Saharan Africa - Toward a Search for Causes and Consequences. Washington: 381-401
Ekeh, Peter (1975): Colonialism and the Two Publics in Africa - A Theoretical Statement. In: Comparative Studies in Society and History, 17 (1): 91-112 Mit diesem Artikel stellt EKEH sein Konzept der zwei verschiedenen öffentlichen Bereiche vor. Anders als in westlichen Staaten existieren in Afrika primordial und civic public nebeneinander. Erstere nimmt Bezug auf die soziale Umgebung und die damit einhergehenden Verpflichtungen eines Jeden. Dieser Bereich ist einer Moral unterworfen, im Gegensatz zum zweiten Bereich, welcher im Prinzip die staatlichen Institutionen darstellt. Hier werden die Ressourcen akquiriert, die für den Unterhalt der primordial public nötig sind, wodurch es zu Korruption kommt. „The dialectical tensions and confrontations between these two publics consitute the uniqueness of modern African politics.“ (S. 108) Die Entstehung dieser beiden Bereiche hat ihren Ursprung in den Ideologien der Kolonialpolitik, welche später von der afrikanischen
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Bourgeoisie zur Legitimierung ihrer Herrschaft übernommen wurden. Es werden Beispiele aus Nigeria angeführt.
LeVine, Victor T. (1975): Supportive Values of the Culture of Corruption in Ghana. In: Heidenheimer, A.; Johnston, M.; LeVine, V. (Hrsg.) (1999): Political Corruption - A Handbook. 5. Aufl., New Brunswick: 363-73 Dies ist die Kurzfassung einer Studie, in deren Rahmen zwölf Angehörige der ehemaligen politischen Elite unter Nkrumah interviewt wurden. LEVINE stellt das Aufkommen einer Wertestruktur fest, mittels derer korruptes Verhalten rationalisiert und legitimiert wird. Fokus der Arbeit ist weniger die Suche nach Ursachen von Korruption, als die Beschreibung einer sich entwickelnden Kultur der Korruption. Die Erkenntnisse über Verhalten und Motivationen der Befragten lassen jedoch Rückschlüsse zu. So erweist sich die starke Personalisierung der Politik als Nachteil für die Effizienz politischer Institutionen. Eine Hierarchisierung nach sozialer Identifizierung zeigt, dass die Loyalität zum Staat nachrangig ist, während Familie, Freunde und Angehörige der selben Ethnie an erster und zweiter Stelle stehen.
Ekpo, Monday U. (1979): Gift-giving and Bureaucratic Corruption in Nigeria. In: Ders. (Hrsg.): Bureaucratic Corruption in Sub-Saharan Africa - Toward a Search for Causes and Consequences. Washington: 161-87 Der Autor befasst sich mit der Beziehung zwischen Korruption und Tradition in Nigeria. Ohne dabei eine monokausale Erklärung für Korruption im Sinn zu haben, konzentriert sich EKPO in seiner Arbeit auf die Tradition des gift-giving und argumentiert, dass die heutige Korruption eine Fortsetzung dieser Tradition ist. Das Schenken dient als Hauptmechanismus der Einflussnahme in stark hierarchisierten Beziehungen, etwa zwischen Vorgesetzten und Untergebenen in der nigerianischen Bürokratie. Diese Beziehungen, in denen die Praxis des gift-giving von beiden Seiten zur eigenen Vorteilssicherung eingesetzt wird, vergleicht EKPO mit den Beziehungen zwischen traditionellen Herrschern und ihren Untergebenen. Er stellt hier interessanterweise eine Verbindung zu Korruption innerhalb der Verwaltung,
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nicht zwischen Verwaltung und Öffentlichkeit heraus: „The structural gap between traditional rulers and their clients in the precolonial societies, and the gap between superior bureaucrats and their inferiors in the modern context was, and is, bridged by transactions that might be defined as corruption.“ (S. 182f) Das Schenken ist darüber hinaus fester Bestandteil der komplexen sozialen Netzwerke und ein Mittel der Manipulation sozialer und gar kosmischer Strukturen.
Eker, Varda (1981): On the Origins of Corruption - Irregular Incentives in Nigeria. In: The Journal of Modern African Studies, 19 (1): 173-82 EKER geht am Beispiel Nigerias der Frage nach, wieso in den Bürokratien der Entwicklungsländer korruptes Verhalten sowohl öfter als auch offener vorkommt. Als hinreichende Bedingungen für Korruption nennt er den moral code einer Gesellschaft und ihre Organisation von Autorität: „In countries where the moral code is deeply embedded in binding obligations and strong allegiances to kith and kin only, social norms that demand honest dealings with all are quite simply an artificial imposition.” (S. 175) Dabei handelt es sich nicht notwendigerweise nur um Länder der Dritten Welt, sondern um alle Gesellschaften, deren moral code sich auf
primordiale Werte stützt 15 . In solchen Gesellschaften steht die Familie an erster Stelle und schließt Loyalität zum Staat aus. Hinzu kommt, dass Autoritätsstrukturen - basierend auf dem Respekt vor Alter und Status - sich vom ruralen auf den urbanen Bereich übertragen und so objektives Verhalten in und gegenüber der Administration erschwert wird. Schließlich führt EKER an, dass der gesellschaftliche Drang, zu akkumulieren und seinen Status zu präsentieren, jedem noch so „guten“ moralischen Verhalten entgegensteht.
15 Beispiel nach E. C. BANFIELD: ein italienisches Dorf.
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Médard, Jean-François (1982): The Underdeveloped State in Tropical Africa -
Political Clientelism or Neo-Patrimonialism? 16 In: Clapham, C. (Hrsg): Private Patronage and Public Power - Political Clientelism in the Modern State. London: 162-92
Auf der Suche nach einem Erklärungsansatz für politische Systeme in Afrika und die ihnen anhaftende „Politik der Unterentwicklung“ stellt MÉDARD das Konzept des Neo-Patrimonialismus vor. Dieser ist - im Gegensatz zur Idee des Klientelimus - in der Lage, Phänomene wie Korruption und Nepotismus mit einzuschließen. MÉDARD führt an, dass Verwandtschaftsbeziehungen einen sozialen Druck erzeugen, welcher zur Verbreitung von Nepotismus und damit zu einer Verstärkung
von Korruption führt. Da die parochial corruption 17 aber auf kulturellen Werten beruht, kann man nicht von reiner Korruption sprechen - gegenüber dem unpersönlichen, wirtschaftlichen Austausch der market corruption stellt sie eher einen sozialen Austausch dar. Von Korruption kann also erst im neo-patrimonialen Staat gesprochen werden. Ein gewisser Widerspruch taucht auf, wenn einerseits die immer noch große, soziale Bedeutung der Familie hervorgehoben und andererseits die weitgehende Verdrängung der parochial durch die market corruption betont wird. Die Phänomene Klientelismus, Nepotismus und Korruption basieren, ebenso wie der Neo-Patrimonialismus, auf einer Privatisierung öffentlicher Angelegenheiten und sind nicht auf Afrika beschränkt. Allerdings bemerkt MÉDARD: „A difference in quantity generates a difference in quality.“ (S. 185)
16 Ebenfalls erschienen auf Französisch: Médard, J.-F. (1982): L’Etat sous-développé en Afrique noire
- Clientelisme politique ou neo-patrimonialisme? Centre d’Etude d’Afrique noire, Talence, 36 S.
17 In Anlehnung an eine Klassifizierung nach James SCOTT.
Brownsberger, William (1983): Development and Governmental Corruption -Materialism and Political Fragmentation in Nigeria. In: The Journal of Modern African Studies, 24 (2): 215-33
BROWNSBERGER gibt zunächst einen kurzen Überblick über die bis dato erschienene Literatur zu verschiedenen Erklärungsmustern von Korruption (customs, attitudes, and habits, pressures on officials, political environment, ethnicity). Er erklärt im Folgenden, dass Korruption in Nigeria nur zu einem geringen Teil durch
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Tradition zu erklären sei: „[…] the roots of corruption go deeper, to a materialism and a political fragmentation that are the products of a moment in development.“ (S. 215) In dieser Entlastung von Tradition als Korruptionsursache führt BROWNSBERGER interessante Argumente ins Feld, vermischt aber mitunter politische Handlungsebenen. Indem er den nigerianischen Materialismus durch eine Nachahmung des kolonialen Lebensstils und den Bruch traditioneller Loyalitätsstrukturen erklärt, weicht der Autor von gängigen Erklärungsmustern ab. Eine wesentliche Voraussetzung für eine Verbesserung sieht er in der Expansion der Privatwirtschaft.
Hodder-Williams, Richard (1984): An Introduction to the Politics of Tropical Africa. London, 262 S.
Ein kurzes Kapitel dieses Buches ist dem Thema Korruption gewidmet und identifiziert als zwei hauptsächliche Gründe einen in Afrika vorherrschenden extractive view of politics und den sozialen Druck von Seiten der Familie und des Klans. Während auf den ersten Punkt leider nicht weiter eingegangen wird, trifft der Autor in Bezug auf die sozialen Zwänge eine interessante Unterscheidung: „A distinction must […] be drawn between two sets of behaviour, each of which has been defended in terms of traditional values, but both of which are economically irrational. Nepotism distorts a meritocratric system but, at the same time, it serves an important social function; the demand for bribes to perform tasks also distorts a bureaucratic system, but it serves only a personal and selfish interest.” (S. 110) Ebenso sind das Bestechen und das Schenken voneinander zu trennen. Weitere Korruptionsfördernde Umstände sind: der monopolistische Staat, starke Wohlstandsgefälle, eine nur kurze Tradition des öffentlichen Dienstes und fachliche Mängel in der Buchführung.
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Ninsin, Kwame Akon (1984): The Root of Corruption - A Dissenting View. In: Journal of Management Studies, 1: 34-47
Der Text geht auf die Entstehung von Korruption in Ghana ein und lehnt dabei Verweise auf traditionelle Werte, Verpflichtungen und Loyalitäten als unbewiesen und haltlos ab. Stark marxistisch geprägt, argumentiert der Autor, dass Korruption vielmehr eine bestimmte Art und Weise der Produktion darstellt, welche typisch ist für kapitalistische Gesellschaften in einem frühen Stadium. Dabei ist illegale Akkumulation besonders dort anzutreffen, wo die herrschende Klasse nicht selbst Eigentümer des Produktivkapitals ist. NINSIN geht sogar soweit, Korruption als unbewusstes Verhalten einzuordnen, geleitet von dem unabänderlichen Gesetz kapitalistischer Akkumulation, womit er gewissermaßen der herrschenden und mittleren Klasse eine Generalamnestie erteilt.
Adamolekun, Ladipo (1986): Politics and Administration in Nigeria. Ibadan, 203 S.
Der Autor vergleicht die bürokratischen Strukturen der verschiedenen politischen Systeme Nigerias miteinander. Dabei stellt er unter anderem eine Veränderung der Korruption, weg von politischer Patronage und Parteifinanzen, hin zu individueller Korruption fest. Korruption tritt erst wesentlich mit Ende der Kolonialzeit auf und ist nach ADAMOLEKUN auf eine große Toleranz seitens der politischen und administrativen Amtsträger gegenüber der Korruption sowie auf schwache institutionelle Strukturen und Verfahrensweisen zurückzuführen. Leider wird nicht näher auf die möglichen Ursachen dieser toleranten Einstellungen eingegangen, immerhin können hier kulturelle Faktoren nicht ausgeschlossen werden. Der Verweis auf die Integrität des einzelnen Politikers legt hier allerdings eine individualistische Sichtweise nahe.
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Ergas, Zaki (1986): In Search of Development - Some Directions for Further Investigation. In: The Journal of Modern African Studies, 24 (2): 303-33 In seiner Arbeit über Entwicklungshemmnisse in afrikanischen Staaten kommt ERGAS auch auf das Thema Korruption zu sprechen, zieht allerdings keine kulturellen Gründe zu ihrer Erklärung heran. Zwar geht er von der Annahme aus, dass praktisch alle Staaten Afrikas vom Prinzip des Patrimonialismus geprägt sind, egal welcher Art ein Regime ist. Dieser wird aber nur unter bestimmten Umständen krankhaft (kein allein afrikanisches Phänomen), was sich wiederum unter anderem in einer Institutionalisierung von Korruption äußert. Zwei Gründe, warum dies gerade in vielen afrikanischen Staaten der Fall ist, sieht ERGAS in der Unterdrückung von politischer Partizipation und den stark gestiegenen Einnahmemöglichkeiten für die Eliten durch stärkere Ressourcenausbeutung. Für die Pflege patrimonialer Beziehungen und die Zurschaustellung ihres Status benötigen die Eliten große Summen, welche in ärmeren Staaten nur über den Staat und unter Verwendung krimineller Mittel besorgt werden können. In besonders exzessiven Fällen von Bereicherung führt diese Beispielhaftigkeit zu einer noch größeren Ausbreitung von Korruption.
Iyayi, Festus (1986): The Primitive Accumulation of Capital in a Neo-Colony -The Nigerian Case. In: Review of African Political Economy, 35: 27-39 Unter dem von MARX entlehnten Begriff primitive accumulation geht IYAYI der Entwicklung des Kapitalismus in neo-kolonialen Staaten nach und stellt dabei fest, dass mit der Unabhängigkeit zwar die politische Macht übertragen wurde, die zu deren Ausübung notwendigen wirtschaftlichen Ressourcen aber vorenthalten wurden. Weder die politische, noch die entstehende kapitalistische Klasse (welche IYAYI ohne weitere Erläuterung als ein und dasselbe betrachtet) konnte sich so konsolidieren, geschweige denn reproduzieren. Auf der Suche nach Kapital wurde Korruption somit zum Hauptinstrument der Akkumulation.
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Médard, Jean-François (1986): Public Corruption in Africa - A Comparative Perspective. In: Corruption and Reform, 1: 115-31
Mit public corruption schließt MÉDARD - in Abgrenzung zu private corruption jegliche Korruption (politisch und administrativ) ein, in die der Staat involviert ist. Er weist zunächst auf eine paradoxe Situation hin: „In a continent where corruption is very widespread [Africa], it is not so much corruption which is in need of explanation as the absence of it.” (S. 124) Dennoch geht er den Ursachen von Korruption auf den Grund, wovon drei genannt werden: 1. Das Fehlen einer Staatstradition in Afrika sowie die Einführung des patrimonialen Kolonialstaats führte zu einem Normenvakuum, 2. Externe Einflüsse (koloniale Korruption und ausländische Unternehmen) und 3. Schlechte wirtschaftliche Bedingungen. An ganz anderer Stelle geht MÉDARD schließlich noch auf traditionelle Werte ein, wenn er argumentiert, dass sich in Afrika kein nationales öffentliches Interesse gebildet hat. Ein gemeinsames Interesse besteht „nur“ auf einer niedrigeren Ebene: „To prefer the state to the kin is to go against the deepest values of the culture. […] These cultural values are rooted in the tradition.” (S. 116) Die kulturellen Werte stehen in Konflikt mit den importierten Rechtsnormen, welche bisher nicht internalisiert werden konnten.
Diamond, Larry (1987): Class Formation in the Swollen African State. In: The Journal of Modern African Studies, 25 (4): 567-96
Nicht direkt auf Korruption bezogen, ist dies doch ein oft hinzugezogener Aufsatz zu diesem Thema. Hieraus stammt der viel zitierte Satz: „[Grand corruption] is not an aberration, but rather the way the system works in the typical African state.“ (S. 581) DIAMOND will Wege aufzeigen, wie sich eine herrschende Klasse den Staat zu nutze machen kann, um sich zu konsolidieren (zum Beispiel durch politische Korruption). In vielen afrikanischen Staaten fehlen effektive, politische Institutionen und Politik funktioniert mittels hierarchischer Patron-Klienten-Beziehungen, für deren Überleben Korruption notwendig ist. Für falsch hält er jedoch den Schluss vieler Autoren, Korruption, Klientelismus und Machtmissbrauch als inhärente Eigenschaften afrikanischer Staaten auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung zu
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betrachten: „They are inherent in the politics of personalistic or prebendal states, […] but these […] emerge in the absence first of effective institutions to check the abuse of power and to ensure administrative accountability, and second of alternative channels for the accumulation of wealth.” (S. 583) Interessanterweise sieht DIAMOND weniger den Zwang zu korruptem Handeln durch einen sozialen Druck von Seiten der eigenen ethnischen Gruppe. Umgekehrt sichern sich die Akteure durch das Verteilen von Gefälligkeiten eine Unterstützung in der primordial
public 18 , um dann in der civic public eine Toleranz gegenüber Korruption zu erzeugen. Der Text zeigt interessante Ansätze und Einblicke in die Literatur. Beispiele aus Nigeria werden gegeben.
18 Anlehnung an Peter EKEHS Aufteilung des öffentlichen Raumes in zwei Bereiche.
Handwerker, W. Penn (1987): Fiscal Corruption and the Moral Economy of Resource Acquisition. In: Research in Economic Anthropology, 9: 307-53 Anhand des Beispiellandes Liberia stellt HANDWERKER ein theoretisches Modell auf, in dem er das Phänomen Korruption mittels rechnerischer Funktionen darzustellen versucht. Seine Analyse stützt sich dabei auf in Liberia durchgeführte Interviews. Ausgangspunkt ist das Sozialgefüge, welches den Einzelnen bestimmten Zwängen unterwirft (beispielsweise der Respekt vor Anderen und das Wohl der Familie). Es entstehen soziale Netzwerke, die einen ständigen Fluss von Ressourcen beinhalten. Während sich die Beschaffung dieser Ressourcen auf der Mikroebene an moralischen Normen orientiert, können diese auf der Makroebene aufgrund fehlender Loyalität zum Staat verschwimmen, wenn bestimmte Faktoren eintreten. Dies sind die für viele Entwicklungsländer typischen Merkmale des Mangels an Ressourcen und deren Beschaffungsmöglichkeiten. Wo nur wenige gatekeeper über die Verteilung knapper Ressourcen entscheiden, unterliegt deren Verhalten keinen Beschränkungen. Im Umkehrschluss heißt das für HANDWERKER, dass diversifizierte Ressourcenstrukturen die Macht dieser gatekeeper schmälern und diese Konkurrenz zu mehr Verantwortlichkeit führt. Historisch legte gerade der Kolonialstaat mit seinen monopolistischen Strukturen den Grundstein für Korruption. Die Lösung liegt für HANDWERKER in der Entwicklung von Alternativen zur
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Ressourcenbeschaffung durch bessere Bildungschancen der Bevölkerung und wirtschaftlichen Wettbewerb.
Hope, Kempe Ronald (1987): Administrative Corruption and Administrative Reform in Developing States. In: Corruption and Reform, 2: 127-47 Dieser Text beschreibt zunächst Ursachen von Korruption in Entwicklungsländern und behandelt dann die zentrale Bedeutung administrativer Reformen - in den Bereichen Effizienz, Dezentralisierung und öffentlicher Kontrolle - zu ihrer Eindämmung. Für HOPE ist administrative Korruption eine direkte Folge politischer Korruption durch eine zunehmende Politisierung der Verwaltung. Sechs Faktoren, die zu administrativer Korruption beitragen sind: Das generelle Fehlen einer Arbeitsmoral, Armut und extreme Ungleichverteilung, schlechte Beispiele durch die Regierenden, zunehmende Staatsinterventionen, kulturelle Normen sowie in der Regel fehlende politische Alternativen. Zur Erklärung der kulturellen Normen wird bezeichnenderweise gerade Afrika als Beispiel herangezogen, wenn gesagt wird, dass ein hohes Maß an Personalismus die jeweils eigene Familie, Ethnie und Freunde im Vordergrund stehen lässt gegenüber dem Staat. In vielen Entwicklungsländern widerspräche die eingebundene Stellung des Individuums in soziale Gefüge der westlichen Vorstellung eines freien Individuums. Der große Anwendungsbereich dieser Arbeit führt notgedrungen zu Verallgemeinerungen und schmälert damit den Nutzen für eine detailliertere, länderspezifische Verwendung.
MacGaffey, Janet (1987): Entrepreneurs and Parasites - The Struggle for Indigenous Capitalism in Zaire. Cambridge, 241 S.
Dieses Buch geht nicht explizit auf Korruption ein, beschreibt aber korrupte Praktiken wie Bestechung, Betrug und Veruntreuung als Teil einer second economy. Dieser informelle Wirtschaftssektor entstand als Folge repressiver staatlicher Politik und stellt für Viele die einzige Verdienstform dar. Die Korruption, die mit ihm einhergeht, ist daher hauptsächlich durch wirtschaftliche Not zu erklären, gefördert durch schwache staatliche Verwaltung und Kontrolle. Da diese Arbeit Korruption
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nicht zum Hauptthema hat, sind andere Formen und Ursachen von Korruption allerdings nicht auszuschließen. MACGAFFEY verweist jedoch auf die Existenz einer öffentlichen Moral gegenüber korruptem Verhalten, welche sich in der zwingenden Geheimhaltung solcher Praktiken zeige.
Olowu, Dele (1987): Bureaucratic Decay and the Prospects for Regeneration in Nigeria. In: Corruption and Reform, 2: 215-33
Der Artikel zeichnet die Entwicklung des öffentlichen Dienstes in Nigeria nach und sucht nach Gründen, warum dieser trotz einer guten Startphase schon bald verfiel. Obwohl nicht klar definiert, wird Korruption als wesentlicher Teil dieses Prozesses betrachtet, für den vier Ursachenkomplexe hervorgehoben werden. Unter anderem sind dies die Tradition des Schenkens und die Abneigung gegen die koloniale Bürokratie, beide Punkte werden merkwürdigerweise zusammengefasst. Nach OLOWU können sie aber höchstens einzelne Fälle, nicht aber systematische Korruption erklären. Weitere Ursachen sind das schwierige politische Umfeld nach der Unabhängigkeit, zunehmende Staatsinterventionen und kapitalistische Strukturen sowie - besonders hervorgehoben - ineffektive Kontrollinstanzen. Empfehlungen für künftige Reformversuche favorisieren die Dezentralisierung der Verwaltung.
Gould, David; Mukendi, Tshiabukole (1989): Bureaucratic Corruption in Africa - Causes, Consequences and Remedies. In: International Journal of Public Administration, 12 (3): 427-57
Wie der Titel schon sagt, beschäftigt sich diese Arbeit mit allen Facetten bürokratischer Korruption in Afrika. Beispiele stammen hauptsächlich aus den Ländern Zaire, Nigeria und Sambia. Als mögliche Ursachen halten die Autoren abgesehen von individuellem Fehlverhalten (Habgier) die Folgenden fest: Die Art des Staates (soft state) und seine Einflussnahme auf den Wirtschaftssektor, die Politisierung und Klientelisierung der Verwaltung, soziale und wirtschaftliche Umstände (Armut und Ungleichverteilung), kulturelle Faktoren, organisatorische Schwächen (Überforderung der Verwaltung, schwache Kontrollinstitutionen und
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realitätsfremde Gesetze) sowie ausländische, korrupte Einflüsse. Unter den kulturellen Faktoren verstehen die Autoren traditionelle Normen - etwa die Loyalität zur eigenen ethnischen Gruppe - welche den individualistischen Standards einer modernen Bürokratie entgegenstehen. Zudem erzeugt das weitläufige Verwandtschaftssystem enorme soziokulturelle Zwänge für jeden Einzelnen und es existieren traditionelle Rollenerwartungen, welche öffentlichen Amtsträgern ein objektives Verhalten erschweren. Allerdings merken GOULD und MUKENDI an: „Though these cultural practices are not in themselves causes of corruption, they constitute socio-political conditions which sometimes lead directly or indirectly to the commission of acts of corruption.” (S. 439)
Theobald, Robin (1990): Corruption, Development and Underdevelopment. Durham, 191 S.
Dieses häufig erwähnte Standardwerk bezieht sich gerade auch auf afrikanische Gesellschaften, da THEOBALD zunächst sie im Sinn hatte, bevor er aufgrund der
Universalität des Phänomens Korruption 19 nicht nur alle „unterentwickelten“, sondern auch die „entwickelten“ Staaten mit einbezog. So bietet diese Arbeit eine breite Einführung in Definitionen und Entstehung von Korruption (THEOBALD wählt den public-office-Ansatz) und öffentlichem Dienst, um dann genauer die Verbindung zwischen Korruption und Patrimonialismus zu untersuchen. Dabei spielen traditionelle Verhaltensmuster (d.h. eine hohe Personalisierung sozialer Beziehungen, basierend auf Familie, Freundschaft und Klientelismus) eine große Rolle, sie müssen allerdings in einer breiteren wirtschaftlichen und politischen Perspektive gesehen werden. THEOBALD unternimmt daraufhin einen Exkurs hin zu wirtschaftlichen, politischen und sozialen Zwängen, um letztlich wieder zu schließen: „Here [third world] economic underdevelopment has meant that a materially weak but large public sector is subjected, in the first instance, to the immense pressure that derives from a chronic imbalance between the demand for and supply of public resources. This pressure is considerably augmented by the
19 Es finden dementsprechend keine definitorischen Unterscheidungen etwa zwischen politischer und
bürokratischer Korruption statt.
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persistence of pre-capitalist forms of social exchange such as, kinship, clanship, clientelism and the like which are regularly invoked in transaction with public bureaucracies.” (S. 163) Die Argumentation bis zu diesem Punkt ist nicht immer nachvollziehbar, ebenso wenig wie die Quintessenz des Textes, mit der sich THEOBALD quasi für die Relativität politischer Korruption und die historische Einmaligkeit des modernen westlichen Staates ausspricht.
Ouma, Stephen O.A. (1991): Corruption in Public Policy and its Impact on Development - The Case of Uganda since 1979. In: Public Administration and Development, 11: 473-90
OUMA untersucht das Phänomen Korruption vor dem Hintergrund des politischen Systems Ugandas. Er macht nicht kulturelle, sondern institutionelle, individuelle und politische Faktoren für deren Entstehung verantwortlich. Korruption geht demnach auf Selbstbereicherung (self-aggrandizement), zu niedrige Beamtengehälter und ein exklusives politisches System zurück, welches keine öffentliche
Interessenaggregation zulässt. Dabei ist Korruption gleichzeitig Ursache für als auch Folge von Unterentwicklung und politischer Instabilität. Der Autor gibt ferner fünf kurz- beziehungsweise langfristige Ratschläge zur Eindämmung von Korruption.
Williams, Robert (1991): Political Corruption in Africa. 2. Aufl., Aldershot, 145 S.
WILLIAMS häufig zitiertes Buch behandelt Definitionen, Gründe, Prozesse, Formen und Kontrollmöglichkeiten von Korruption in Afrika. Trotz der Beigabe political im Titel geht es hier hauptsächlich um administrative (bureaucratic) Korruption. Ein großer Teil des dritten Kapitels - welches sich mit den Korruptionsursachen beschäftigt - ist der Kolonialzeit gewidmet, da sie den Beginn jener westlicher Strukturen in Administration und Politik bedeutet, nach denen heute beurteilt wird. Dementsprechend kann WILLIAMS zufolge auch in Bezug auf die vorkoloniale Zeit nicht von Korruption gesprochen werden, da hier keine Trennung zwischen Amt und Person, beziehungsweise zwischen öffentlicher und persönlicher Sphäre bestand:
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„Modern governments have extensive and diverse impacts on their societies but, in ‘traditional’ Africa, the scope for corruption was generally limited to the manipulations of elections for ‘chief’ and to improper influence in the arbitration of disputes.” (S. 33) Des Weiteren fehlten meist die für Korruption nötigen Ressourcen (Geld), Möglichkeiten und Anreize. WILLIAMS beschreibt detailliert, wie die kolonialen Wirtschafts- und Verwaltungssysteme zu einem Korruptionsfördernden Klima führen konnten, beispielsweise durch eine neue und extrem starke Hierarchisierung der Gesellschaften. Vorkoloniale Wertesysteme werden insofern angesprochen, als sie in Verbindung mit neuen Werten zu einem Durcheinander an Normen führen. Ebenso gewinnen Loyalitäten zu Familie und Ethnie erst in Gegenüberstellung zu einem Staat an Bedeutung, der für sich keine Loyalität erzeugen kann. WILLIAMS weist des Öfteren auf die Heterogenität Afrikas hin, ohne dem Problem der Verallgemeinerung selbst aus dem Weg gehen zu können.
Agbaje, Adigun (1992): Culture, Corruption and Development. In: Voices from Africa, 4: 41-52
Ziel dieses Aufsatzes ist, die kulturelle Basis des Zusammenhangs zwischen Korruption und Entwicklung herauszuarbeiten. Zunächst liefert AGBAJE eine Definition von Kultur, um dann die pluralistischen, kommunitären und demokratischen Elemente traditioneller afrikanischer Kultur zu erläutern. Die Wurzeln für Korruption liegen hier klar in der Kolonialherrschaft, die das alte Werte-und Kontrollsystem zerstörte und stattdessen ein fremdes einführte, mit der Folge einer moralischen Desorientierung und eines Wertedualismus. Die politische Kontrolle über den Staat wurde zum Garant für die Kontrolle über Ressourcen. Heute ist Korruption nicht mehr nur ein Problem politischer Eliten und staatlicher Institutionen - die Wurzeln reichen bis in die kulturelle Basis sozialer Institutionen hinein und fußen auf den alltäglichen Verhaltensweisen jedes Einzelnen. Im Kampf gegen die Korruption setzt AGBAJE auf die Wiederbelebung traditioneller afrikanischer Werte, die Einheit der Gesellschaft und die Stärkung von Nichtregierungsorganisationen.
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Sindzingre, Alice (1992): The Use and Abuse of the Notion of »Culture« in Development Studies of Sub-Saharan Africa. In: Griffon, M. (Hrsg.): Economie institutionnelle et agriculture. Actes du XIIIè Séminaire d’Economie rurale,
Montpellier, CIRAD, 24 S. 20
Der Text beschäftigt sich weniger mit Korruption als mit der Frage, wie Kultur sich definiert und inwiefern sie auf andere gesellschaftliche Bereiche einwirkt. SINDZINGRE legt dar, warum die Beachtung kultureller Aspekte bei der Untersuchung von entwicklungsrelevanten Feldern gerade für ökonomische Betrachtungen so wichtig ist, warnt aber gleichzeitig vor einer zu oberflächlichen Betrachtung des Phänomens Kultur. Zu diesem Zweck werden die Möglichkeiten und Grenzen verschiedener Ansätze (Kulturrelativismus, kognitive Anthropologie, Behavioralismus, Rational Choice, mikro-ökonomische Ansätze) gegenübergestellt sowie der Begriff Kultur ausführlich diskutiert. Dabei stellt die Autorin fest, dass die soziokulturelle Dimension erstens für den Einzelnen nicht unüberwindbar ist, dass sie zweitens positiv wie negativ definiert werden kann und drittens die negativen Aspekte (soziale Zwänge, Übergewicht von Religion und Symbolismus, Rentseeking) nicht traditionell verwurzelt sind.
20 Die Arbeit lag als Word-Dokument (Ausgabe der Verfasserin) vor, weshalb nur ungefähre
Seitenangaben gemacht werden können.
Agere, S. T. (1993): Promotion of Good Ethical Standards and Behaviour in Public Services in Africa - The Case of Zimbabwe. In: Rasheed, S.; Olowu, D. (Hrsg.): Ethics and Accountability in African Public Services. Addis Abeba: 147-63
Der Autor subsumiert unter unethischem Verhalten im öffentlichen Dienst zahlreiche Verhaltensweisen, von denen einige auch unter den Begriff der Korruption fallen (zum Beispiel Veruntreuung, Bestechung, Betrug). Die Arbeit bleibt dadurch dementsprechend allgemein. Als Gründe für dieses Fehlverhalten werden das zu starke Anwachsen des öffentlichen Dienstes und in dessen Folge eine gewisse Unkontrollierbarkeit sowie das schlechte Verhalten der politischen Führung identifiziert.
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Ake, Claude (1993): Deeper into Original Sin - The Context of Ethical Crisis in Africa’s Public Services. In: Rasheed, S.; Olowu, D. (Hrsg.): Ethics and Accountability in African Public Services. Addis Abeba: 11-23 Der Autor versucht mit dieser Arbeit, die Themen Ethik und Verantwortlichkeit in Afrika in einen „neuen” Kontext zu setzen. Probleme wie Ineffizienz und Korruption in der Verwaltung werden allzu oft losgelöst vom jeweiligen soziokulturellen Umfeld betrachtet. Ähnlich wie Peter EKEH identifiziert AKE zwei politische Bereiche: Der formell-staatliche Bereich sorgt mit überkommenen (kolonialen) Strukturen für eine Entfremdung von der Bevölkerung, welche sich alternativen informellen Institutionen zuwendet. Während der staatliche Bereich regellos erscheint, richtet sich politisches Verhalten im informellen politischen System nach gesellschaftlichen Werten. „[…] to the extent that the state is not a public realm but an arena of struggle, such behaviour [abuse of office, breaking administrative laws, soliciting bribes] may well be entirely appropriate and rational.“ (S. 16) Diese unterschiedlichen Verhaltensmaßstäbe erklären sich durch eine Divergenz zwischen afrikanischen und westlichen Werten. Wie AKE - etwas verallgemeinerndfeststellt, steht die kommunalistische Vorstellung vieler afrikanischer „Kulturen“ den individualistisch geprägten westlichen Konzepten von Staat, Bürokratie und Markt entgegen. Der Text schließt mit einigen Lösungsansätzen ab.
Amselle, Jean-Loup (1993): La corruption et le clientélisme au Mali et en Europe de l’Est - Quelques points de comparaison. In: Cahiers d’Etudes Africaines, 128: 629-42
AMSELLE geht der Frage nach, ob sich Korruption und Klientelismus in Mali und
Osteuropa durch die Existenz von Einheitspartei und Nomenklatura 21 oder durch sich ähnelnde kulturelle Schemata erklären lässt. Hierfür analysiert er die Art und Weise von Ausbeutung und Redistribution in Mali sowie das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Verwaltung und kommt zu dem Schluss, dass die in afrikanischen Volkswirtschaften vorherrschenden Mechanismen von Leistung, Ausbeutung und
21 Führende Gesellschaftsschicht bzw. Gruppe der politischen Machthaber in der früheren
Sowjetunion.
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Redistribution (deren Ursprung laut Autor in der Religion liegt) von Ökonomen oft nicht wahrgenommen werden. Der Aufsatz beschreibt zwar solche Mechanismen, lässt aber keine explizite Verbindung zu Korruption erkennen. AMSELLE findet allerdings, dass in Mali, wie in Osteuropa, frühere despotische Machtstrukturen durch die herrschenden Klassen aufrechterhalten werden. Für beide Regionen trifft zu: „Même absence de ‘société civile’, même présence absolue de despote et de l’État, même limitation des conflits de classe. Dans les pays de l’Est comme au Mali, et de façon générale en Afrique, les intellectuels se sont engouffrés dans les structures despotiques existantes et ont reproduit les formes anciennes du pouvoir tout en présentant aux yeux de l’extérieur une façade moderniste.“ (S. 639) Einheitspartei und Planwirtschaft haben zu einem Aufleben der vorkolonialen bzw. vorrevolutionären Mechanismen von Ausbeutung und Redistribution geführt.
Ayittey, George B. N. (1993): Africa Betrayed. New York, 412 S. AYITTEY schreibt in diesem Buch viele Missstände Afrikas den Machthabern zu. Unter dem Begriff black neo-colonialism vertritt er die Auffassung, dass Afrikas Misere nicht durch externe Gründe verschuldet wurde, sondern von den afrikanischen Eliten selbst zu verantworten ist. Er gibt unter anderem auch einen Überblick über indigene politische Institutionen. Zum Thema Korruption heißt es, sie sei nicht durch die afrikanische Kultur zu erklären (der Begriff wird hier recht universell vertreten). Korruption und Bestechung seien vielmehr die Folge von durchdringender staatlicher Kontrolle, der Konzentration wirtschaftlicher und politischer Macht, von Einparteien-Systemen und der Unterdrückung der Pressefreiheit. „O-IDEA: Organization, Incentive, Discipline, Efficiency, and Accountability“ (S. 263) sowie eine freie Presse sind die Mindestanforderungen für ein besseres politisches System. Beispiele zur Geschichte politischer Korruption in der Elfenbeinküste, Kenia, Malawi, Nigeria und Zaire werden gegeben.
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Bayart, Jean-François (1993): The State in Africa - The Politics of the Belly. New York, 370 S.
In seiner Analyse der afrikanischen Staaten weicht BAYART von gängigen Konzepten wie Kultur und Ideologie ab und schlägt vielmehr die Untersuchung von
governmentality 22 vor, um den kulturellen Inhalt von Politik ergründen zu können: „In order to understand ‘governmentality’ in Africa we need to understand the concrete procedures by which social actors simultaneously borrow from a range of discursive genres, intermix them and, as a result, are able to invent original cultures
of the State.“ (S. 249) Die „Politik des Bauches“ 23 ist eine solche Machtstrategie, geprägt von einem ständigen Drang zur Akkumulation durch die Kapitalisierung sozialer Netzwerke. Diese Art der Politik existiert nicht nur in Afrika und sie manifestiert sich unter anderem als Korruption (sowohl petty, als auch grand corruption). Korruption ist somit nicht Tradition, sondern entsteht aus einer Mischung vor- und postkolonialer sowie insbesondere kolonialer Praktiken und Institutionen. BAYART versucht fernab von wissenschaftlichen Paradigmen und ethnozentrischen Scheuklappen Afrika in einem anderen Licht zu zeigen und verstrickt sich dabei manchmal in der Komplexität des Themas.
22 Unter governmentality versteht BAYART Strategien, die den Verhaltensspielraum von Individuen
und Gruppen bestimmen (vgl. S. 268).
23 Im Original: La politique du ventre - nach einer Redensart aus Kamerun.
Diamond, Larry (1993): Nigeria’s Perennial Struggle against Corruption -Prospects for the Third Republic. In: Corruption and Reform, 7: 215-25 DIAMOND betrachtet die Lage Nigerias an der Schwelle zur dritten Republik und im Besondern die herausragende Rolle der Korruption im politischen System. Er warnt vor einer alleinigen Fokussierung auf die politische Kultur als Ursache, eine Unterscheidung zwischen primordial und civic public nach EKEH sei mithin nicht mehr zeitgemäß. „There is an entrenched culture of corruption in Nigeria, but it is not the cause of the problem. Corruption has flourished in Nigeria because of perverse incentives that only structural change can remedy.” (S. 220) Die Lösung des Problems sieht der Autor in einer Stärkung des 1979 in die Verfassung aufgenommenen Code of Conduct.
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Holpe, N. (1993): Ethics and Accountability in the Swaziland Civil Service. In: Rasheed, S.; Olowu, D. (Hrsg.): Ethics and Accountability in African Public Services. Addis Abeba: 201-11
Beschrieben wird das zunehmende Problem unethischen Verhaltens in der Verwaltung Swazilands. Dazu zählt auch die Korruption, für die als Ursachen eine zu niedrige Entlohnung sowie nicht wahrgenommene Verantwortung und eine schlechte Vorbildfunktion der Vorgesetzten ausgemacht werden. Es werden zu den verschiedenen unmoralischen Praktiken Überwachungsmechanismen vorgeschlagen. Der Text hat lediglich einführenden Charakter.
LeVine, Victor T. (1993): Administrative Corruption and Democratization in Africa - Aspects of the Theoretic Agenda. In: Corruption and Reform, 7: 271-78
Dieser Aufsatz behandelt einige Aspekte der möglichen Eingrenzung von Korruption durch Demokratisierung. In diesem Zusammenhang wird der Standpunkt vertreten, dass administrative Korruption weder durch Kultur an sich, noch durch politische Kultur verursacht wird. Eine Verbindung existiert hier nur insofern, als Korruption Teil einer politischen Kultur sein kann, wenn bestimmte Verhaltensweisen zur Norm werden. „The question, therefore, becomes not whether corruption is ‘caused’ by any (political) culture, but what is there in a given political culture that provides fertile ground for its growth.” (S. 274) Vor dem Hintergrund knapper politischer Ressourcen und einer Konzentration politischer Macht können klientelistische beziehungsweise patrimoniale Tendenzen, Loyalität zur Familie und eine Tradition des gift-giving einen normativen Raum für Korruption schaffen. In gewisser Weise wird Kultur also schon als Ursache herangezogen, es fehlt jedoch an einer klareren argumentativen Trennung.
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Olowu, Dele (1993a): Roots and Remedies of Governmental Corruption in Africa. In: Corruption and Reform, 7: 227-36
Ziel dieses Textes ist, die Ursachen von Korruption näher zu betrachten, da eine gewisse Unwissenheit in diesem Bereich in der Vergangenheit zum Scheitern vieler Eindämmungsversuche beitrug. OLOWU erläutert ferner die positiven Beiträge der Demokratisierung im Kampf gegen die Korruption. Als Hauptursache identifiziert er die Überzentralisierung des Staates. Weitere sind: die immer noch fremden westlichen Ethikstandards, kulturelle Umstände, Unterbezahlung in der Verwaltung und fehlender politischer Reformwille. Zu den kulturellen Umständen (Tradition des gift-giving, Tendenz zu absolutistischer Herrschaft) heißt es außerdem: „[…] while all of these explanations are useful in understanding the factors that make people prone to corrupt behavior, they do not explain either why people engage in corruption or why there are variations across the countries of Africa.” (S. 229)
Olowu, Dele (1993b): Ethical Violations in Nigeria’s Public Sevices - Patterns, Explanations and Remedies. In: Rasheed, S.; Olowu, D. (Hrsg.): Ethics and Accountability in African Public Services. Addis Abeba: 93-118 In dieser Arbeit stellt OLOWU zunächst vier Erklärungsmuster für Korruption im öffentlichen Dienst vor: Traditionelle afrikanische Verhaltensweisen, die zum Teil
den Anforderungen einer modernen Demokratie entgegenstehen 24 , die Politisierung der Verwaltung, die Größe des öffentlichen Sektors sowie die Art des afrikanischen Staates (d.h. ein System finanzieller Zentralisierung und extensiver Interventionen). Jedoch seien diese konventionellen Erklärungsversuche unzureichend, das Phänomen Korruption in aller Breite zu erfassen: „I intend to argue […] that explanation for the incidence of institutionalized bureaucratic corruption must be sought not necessarily in past cultures and tradition or even the nature of politics but in the past and contemporary policies and institutional weaknesses and how these two impact on the country’s political culture.” (S. 102) Vier solcher policies werden daraufhin untersucht: Überzentralisierung, exzessive Bürokratisierung, Anti-Demokratisierung
24 Er nimmt hierbei Bezug auf die zwei öffentlichen Räume von Peter EKEH.
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und die Demotivierung im öffentlichen Dienst durch Unterbezahlung. OLOWU macht diese Politik für das Fehlen der Grundbedingungen einer modernen Bürokratie verantwortlich, welches wiederum zum Entstehen institutionalisierter Korruption führt. Reformversuche müssen dementsprechend genau in die entgegengesetzte Richtung laufen. Der Autor schlägt mit diesem Aufsatz eine neue, interessante Richtung ein.
Prah, K. K. (1993): Socio-Cultural Dimensions of Ethics and Accountability in African Public Services. In: Rasheed, S.; Olowu, D. (Hrsg.): Ethics and Accountability in African Public Services. Addis Abeba: 49-62 Laut PRAH ist das Aufkommen unmoralischer Praktiken im öffentlichen Diensthierzu zählen unter anderem Korruption, Bestechung, Nepotismus und Patronageim Wesentlichen auf sich verschlechternde wirtschaftliche und soziale Umstände zurückzuführen. Solche Verhaltensweisen sind gerade in jenen Ländern besonders endemisch, wo schlechte wirtschaftliche Verhältnisse und ein politisch geschlossenes System vorherrschen. Zu den soziokulturellen Hintergründen heißt es: „It is not all traditional African values which pose problems in modern organizations of a bureaucratic type. Rather it is the inability to separate modern societal requirements from general traditional social practices which creates the problems […]“ (S. 58). Leider wird auf den letzten Punkt erst in der Schlussfolgerung eingegangen, was sich jedoch insofern relativiert, als der Text nur aus Einleitung und Schlusswort besteht. PRAH betont außerdem den paradoxen Charakter von Korruption. Einerseits existieren zwar ökonomische, politische und kulturelle Bedingungen, welche die Entwicklung von Korruption fördern. Andererseits führen aber korrupte Verhaltensweisen ihrerseits erst recht zum Entstehen einer Kultur der Korruption.
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Riley, Stephen P. (1993): Post-Independence Anti-Corruption Strategies and the Contemporary Effects of Democratization. In: Corruption and Reform, 7: 249-61
Der Autor argumentiert gegen eine pauschale Verwendung von Kultur als Ursache von Korruption. Solche Argumentationen bezüglich politischer Kultur - von denen drei unterschiedliche Versionen vorgestellt werden (EKPO, LEVINE und S.K. TODD) - lenken nicht nur von der Verantwortung der Regierenden und deren Fehlverhalten ab, sie ignorieren auch die Vielfältigkeit korrupter Verhaltensweisen. Da die Ursachen für Korruption auf verschiedenen Ebenen zu suchen sind, plädiert RILEY für Fallstudien zu verschiedenen Typen von Korruption (gelegentliche, individuelle, systematische und systemische Korruption).
Selassie, Girma W. (1993): Organizations for Upholding Administrative Ethics in Africa - The Case of Ethiopia. In: Rasheed, S.; Olowu, D. (Hrsg.): Ethics and Accountability in African Public Services. Addis Abeba: 119-45 Es handelt sich bei dieser Arbeit um einen der wenigen Texte über Korruption in Äthiopien. Auf der Suche nach den Ursachen von Korruption in Äthiopien kommt der Autor zunächst auf Traditionen zu sprechen. Ohne eine längere Phase der Kolonialisierung und mit der relativ späten Transformation hin zu einem modernen Staat, konnten sich feudale Strukturen (beispielsweise bei der Entlohnung von Beamten) lange halten, beziehungsweise sind heute noch immer nicht vollständig obsolet. Als weitere Ursachen werden Armut (in Verbindung mit Unterbezahlung und familiären Verpflichtungen), der Niedergang von law and order durch anhaltenden Bürgerkrieg, politische Instabilität und schnelle Regierungswechsel sowie zu schwache Kontrollinstitutionen erwähnt. Hauptursache ist aber laut SELASSIE die starke Expansion der Bürokratie mit Beginn des sozialistischen Systems. Er untersucht des Weiteren die Effektivität einiger Institutionen zur Korruptionsbekämpfung und gibt Reformansätze vor.
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Shellukindo, W. N.; Baguma, R. (1993): Ethical Standards and Behaviour in African Public Services. In: Rasheed, S.; Olowu, D. (Hrsg.): Ethics and Accountability in African Public Services. Addis Abeba: 25-39 Der Text richtet sich zunächst auf die Grundsätze ethischen Verhaltens im öffentlichen Dienst und welche Umstände in Afrika zu dessen Verfall geführt haben. Korruption wird als wesentlicher Bestandteil dieses Verfalls betrachtet, wobei drei Faktoren umrissen werden: Der politische Faktor (politische Dominanz über die Verwaltung, Einfluss durch politische Korruption, Fehlen von nationaler Einheit und politischer Kultur, ineffektive Regierungsführung bzw. soft state-Strukturen), der wirtschaftliche Faktor (bestehend aus ökonomischen Zwängen, hauptsächlich der Unterbezahlung) sowie der kulturelle Faktor „arising from cultural bonds which tie African societies together.“ (S. 26) Gemeint ist hier der soziale Zwang zur Redistribution bei Androhung von Sanktionen. Die Zusammenstellung der Gründe scheint ein wenig unreflektiert, die Struktur des Textes könnte klarer sein.
Tignor, Robert L. (1993): Political Corruption in Nigeria before Independence. In: The Journal of Modern African Studies, 31 (2): 175-202 Der Artikel beschreibt das Aufkommen von Korruption als Teil der politischen Debatte in Nigeria kurz vor der Unabhängigkeit und die Rolle der britischen Kolonialregierung dabei. Im Zuge des drohenden Machtverlustes diskreditierten britische Kolonialbeamte aufstrebende nigerianische Politiker als korrupt: „They revived their long-standing belief in the inherently corruptible nature of the indigenous polities. Nigerian leaders seized upon British preoccupations.” (S. 202) TIGNOR führt an, dass Korruption zumindest in den unteren Ebenen der Kolonialverwaltung bekannt war und sogar zum Erhalt des Kolonialsystems diente. Zum tatsächlichen Ausmaß und den Ursachen von Korruption bleiben seine Ausführungen ungenau.
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Wamalwa, W. N. (1993): Causes and Consequences of Ethical Crisis in Africa’s Public Services. In: Rasheed, S.; Olowu, D. (Hrsg.): Ethics and Accountability in African Public Services. Addis Abeba: 41-48
In dieser kurzen Abhandlung wird der Mangel an Verantwortlichkeit und Ethik in der afrikanischen Verwaltung im Wesentlichen mit Korruption in Verbindung gebracht, deren Ursachen, Konsequenzen und Eindämmungsmöglichkeiten im Folgenden beschrieben werden. Bei der Suche nach den Ursachen nimmt der Autor Abstand von Erklärungsversuchen, Korruption würde durch eine zu niedrige Bezahlung oder etwa durch die Tradition des gift-giving hervorgerufen. Dabei wird WAMALWA zufolge das Wesen solcher Traditionen nicht berücksichtigt: „The essence of this tradition was its motive: there was no expectation of reward.“ (S. 44) Stattdessen sieht er die Hauptursache in der Art der afrikanischen politischen Systeme und hier besonders in den weit verbreiteten Patron-Klienten-Beziehungen. WAMALWA identifiziert ebenso das Verhalten der ersten führenden Politiker nach der Unabhängigkeit als ausschlaggebend für das Entstehen von Korruption, in beiden Punkten bleibt er aber lediglich an der Oberfläche des Problems.
Yahaya, A. D. (1993): The Economic Crisis, Resource Scarcities and the Decline in Ethical Standards in Public Agencies. In: Rasheed, S.; Olowu, D. (Hrsg.): Ethics and Accountability in African Public Services. Addis Abeba: 63-73 Der Autor dieses Buchkapitels geht in aller Kürze auf die wirtschaftliche Krise Afrikas ein und erläutert, wie diese zu unethischem Verhalten und zu Korruption führt. In der Folge sorgt dieses Verhalten für eine gegenseitige Verstärkung von politischer und bürokratischer Korruption und eine Verewigung derselben. Letztendlich bedeutet dies, dass selbst die Verbesserung der wirtschaftlichen Umstände keine Korruptionsmildernde Wirkung entfalten würde. Die Aussagekraft des Textes bleibt begrenzt, die Einteilung der Korruption in Kategorien geschieht nicht einheitlich.
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Bates, Robert H. (1994): The Impulse to Reform in Africa. In: Widner, J. (Hrsg.): Economic Change and Political Liberalization in Sub-Saharan Africa. Baltimore: 13-28
In diesem Beitrag stellt BATES dar, inwiefern die wirtschaftliche mit der politischen Krise Afrikas zusammenhängt. Dabei ist der entscheidende Faktor die Politik der Intervention, welche viele afrikanische Regierungen verfolgt haben. Weitreichende Eingriffe in die Wirtschaft eines Staates fördern die Entstehung personalistischer und patrimonialer Strukturen sowie Rent-seeking und Korruption in der Politik.
Hillebrand, Ernst (1994): Nachdenken über Zivilgesellschaft und Demokratie in Afrika. In: Internationale Politik und Gesellschaft, 1: 57-71 Bei seiner Analyse der Übertragbarkeit und Zukunftsfähigkeit von Zivilgesellschaft und Demokratie auf beziehungsweise in Afrika nimmt HILLEBRAND zunächst Bezug auf das Versagen staatlicher Institutionen. Dies beruht seiner Meinung nach auf kulturellen Grundmustern der afrikanischen Gesellschaften und nicht auf individuellem Versagen. Korruption als Teil dieses Versagens wird ebenso begründet. Zentrales Element des sozialen Normensystems ist das Prinzip der gegenseitigen Hilfe und Solidarität, an dem auch die Einflüsse der Kolonialzeit nichts Wesentliches geändert haben. HILLEBRAND unterstreicht diesen kulturalistischen Standpunkt, indem er sagt: „Dem schwachen, kaum sanktionsfähigen Staat steht im lebensweltlichen Alltag ein System gegenüber, das nicht nur bürokratisch dysfunktionales Verhalten zu einer zentralen Tugend des Sozialverhaltens macht, sondern in der Einübung und der Erzwingung dieses Verhaltens über ausgesprochen wirksame Methoden [Phänomen der Zauberei] verfügt […]“ (S. 60). Eine Versöhnung von Staat und Alltagskultur ist nur durch eine Traditionalisierung der modernen Verwaltung und eine Modernisierung traditioneller Institutionen zu erreichen.
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Ihonvbere, Julius O. (1994): Nigeria - The Politics of Adjustment and Democracy. New Brunswick, 231 S.
In diesem Buch taucht Korruption als ein Faktor von Unterentwicklung auf. Sie ist die Manifestation grundlegender Widersprüche und Konflikte in Nigeria, die eine stabile wirtschaftliche Entwicklung verhindern. Die Instabilität Nigerias ist auf die Ausbeutung des Staates durch die Bourgeoisie zurückzuführen, welche sich ihrerseits auf die während der Kolonialzeit eingeführten Strukturen gründet.
Jakobeit, Cord (1994): Korruption in Afrika - Erscheinungsformen, Ursachen, Konsequenzen und Gegenstrategien. In: Hofmeier, R. (Hrsg.): Afrika-Jahrbuch 1993. Opladen: 46-56
Kurze Einführung zum Thema Korruption in Afrika, welche die im Untertitel genannten Punkte behandelt. Nach einer Kategorisierung von Korruption in vereinzelt, reguliert und endemisch werden fünf Ursachen festgestellt: soziokulturelle Ursachen (Traditionen) 25 , die Einführung eines fremden politischen Systems, der fehlende Wille zur Gegenwehr, die Unterbezahlung von Staatsbediensteten und das Korruptionsfördernde Verhalten der Industrieländer. Die Reihenfolge kann als Abstufung einer Wertigkeit verstanden werden, dennoch nimmt JAKOBEIT bei der Korruptionsbekämpfung auch die Industrieländer in die Pflicht. Die Argumentation ist durch die Fülle der angesprochenen Punkte stark vereinfacht und allgemein gehalten.
25 Hier nimmt er Bezug auf Goran HYDENS economy of affection.
Kpundeh, Sahr J. (1994): Politics and Corruption in Africa - A Case Study of Sierra Leone. Lanham, 248 S.
Indem KPUNDEH die Aussagen und Definitionen der wichtigsten Autoren detailliert gegenüberstellt, erhält der Leser einen umfangreichen Überblick der bedeutendsten Literatur zu Korruption in Afrika im Allgemeinen und Sierra Leone im Besonderen. Leider wird durch die rein deskriptive Erläuterung die eigene Meinung des Autors generell nicht deutlich. In Bezug auf traditionelle Praktiken und Werte (zum Beispiel
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gift-giving und Nepotismus) äußert er sich zwar insofern als er hier eine signifikante Beziehung zu Korruption bestätigt. Gleichzeitig betont KPUNDEH jedoch die Manipulierbarkeit dieser Praktiken zum persönlichen Nutzen. Ein großer Teil dieses Buches beschreibt eine Erhebung zur Wahrnehmung von Korruption in verschiedenen Bevölkerungsschichten Sierra Leones. Deren wichtigste Ergebnisse sind: die generelle gesellschaftliche Anerkennung von Korruption als Problem und die Unterstützung von Eindämmungsmaßnahmen, eine zunehmende Akzeptanz von Korruption mit abnehmender Bildung sowie eine zu beobachtende Kluft zwischen juristischen und sozialen Maßstäben. KPUNDEH tendiert als Folge dazu, Korruption in Sierra Leone als ein systemisches und strukturelles Problem einzuordnen, dessen Lösungen hauptsächlich auf institutioneller Ebene zu finden sind: „This finding causes serious problems for the ‘cultural relativists’ who argue it is a political issue that simply reflects western misunderstandings of African society.” (S. 150) Er favorisiert den public-office-centered-Ansatz.
Makumbe, John (1994): Bureaucratic Corruption in Zimbabwe - Causes and Magnitude of the Problem. In: Africa Development, 19 (3): 45-60 Unter bureaucratic corruption wird in dieser Arbeit sowohl administrative als auch politische Korruption verstanden. Aufgegriffen wird der Sonderfall Simbabwe. Später als andere Länder Afrikas in die Unabhängigkeit entlassen, zeigte sich auch hier bald das Phänomen Korruption in ähnlichem Ausmaß wie im übrigen Afrika. MAKUMBE widerspricht aber der Auffassung korruptes Verhalten sei hier gesellschaftlich anerkannt und fuße auf sozialen Verhaltensmustern. Er hält dagegen das Streben der Elite nach schnellem Reichtum, die wirtschaftliche Unsicherheit und Schwächen in der Administration (Buchführung, Kontrolle, Supervision, mangelnde Ausbildung) für ausschlaggebend. Dementsprechend beziehen sich die vorgeschlagenen Lösungsansätze auf die institutionelle Ebene. Kurze aber informative Einführung zu Korruption in Simbabwe.
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Sindzingre, Alice (1994): Etat, développement et rationalité en Afrique -Contribution à une analyse de la corruption. Centre d’Etude d’Afrique Noire, Talence, 37 S.
Der Text gibt zunächst einige entwicklungspolitische, ökonomische und politikwissenschaftliche Perspektiven zu Korruption wieder, um zu verdeutlichen, dass in der Vergangenheit die anthropologische Perspektive, und mit ihr die innere Ordnung der afrikanischen Gesellschaften, zu wenig beachtet wurde. Korruptes Verhalten wird hier in eine écologie des représentations (nach D. SPERBER) eingebettet, in der die Akteure in ihrer Rationalität bestimmten Zwängen ihrer
Umgebung unterworfen sind 26 . Die Organisationsform afrikanischer Gesellschaftenmit einer ausgeprägten Struktur von Rechten und Verpflichtungen - macht demnach korruptes Verhalten durchaus rational und definiert maßgeblich die Ausprägung und Wahrnehmung von (staatlichen) Institutionen und Normen.
26 Achtung: Entscheidender Tippfehler im vorangestellten Resumé/Abstract des Textes. Es müsste in
Zeile drei „sous contraintes“ statt „sans contraintes“ heißen.
Theobald, Robin (1994): Lancing the Swollen African State - Will it Alleviate the Problem of Corruption? In: The Journal of Modern African Studies, 32 (4): 701-06
In dieser kurzen Abhandlung versucht THEOBALD sowohl den Gründen von Korruption in Afrika auf den Grund zu gehen als auch Lösungsvorschläge für deren Eindämmung zu finden. Dabei unterscheidet er zwischen petty und grand corruption. Erstere lässt sich erklären durch wirtschaftliche Unterentwicklung und eine ineffiziente Verwaltung. Grand corruption dagegen ist zurückzuführen auf einen Neo-Patrimonialismus, der in Afrika aus verschiedenen Gründen besonders weit verbreitet ist. Wichtigster Punkt für die Eindämmung von Korruption ist für THEOBALD der Aufbau einer lebensfähigen Zivilgesellschaft. Insgesamt ein interessanter, aber notwendigerweise oberflächlicher Überblick über das Thema.
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Reno, William (1995): Corruption and State Politics in Sierra Leone. Cambridge, 229 S.
Am Beispiel Sierra Leones zeigt der Autor, wie sich Korruption aufgrund schwacher staatlicher Institutionen ausbreiten kann. Die Übernahme staatlicher Funktionen in den Bereichen Wirtschaft, Sicherheit und Verwaltung durch ein Netzwerk von Politikern und ihrer Gefolgschaft führte hier zur Entstehung eines Schattenstaates. Die Schwäche der Institutionen, und damit die Wurzeln des Schattenstaates, führt RENO auf die britische Kolonialpolitik der indirect rule zurück. Korruption wird hier - trotz des viel versprechenden Titels - jedoch lediglich implizit behandelt.
Gordon, Donald L. (1996): African Politics. In: Gordon, D.; Gordon, A. (Hrsg.): Understanding Contemporary Africa. 2. Aufl., Boulder: 53-91 In dieser Abhandlung über afrikanische Politik wird Korruption zurückgeführt auf die schlechte wirtschaftliche Lage vieler Staaten. Fehlende Gelder führen zu Unterbezahlung und Ineffizienz in der Verwaltung. Teilweise zeigt sich auch das negative Vorbild vieler Politiker für die Verbreitung korrupter Praktiken in der Bevölkerung verantwortlich.
Kibwana, Kivutha; Wanjala, Smokin; Okech-Owiti (1996): The Anatomy of Corruption in Kenya - Legal, Political and Socio-Economic Perspectives. Centre for Law and Research International, Nairobi, 305 S. Diese umfassende Arbeit über alle Aspekte der Korruption in Kenia ist der Versuch einer interdisziplinären Zusammenarbeit der politischen, ökonomischen, soziologischen und juristischen Wissenschaften. Sie stützt sich maßgeblich auf eine Reihe von durchgeführten Interviews in verschiedenen Teilen der kenianischen Bevölkerung und leitet daraus auch eine Reihe von Ursachen für Korruption ab. In erster Linie sind dies ineffektive Gesetze und das Verhalten der politischen Führung. Korruption scheint in der Wahrnehmung der Bevölkerung wesentlich im Bereich der Regierung vorzukommen und mit einer Ungleichbehandlung vor dem Gesetz einherzugehen. Dennoch sind zwei Drittel der Befragten auch davon überzeugt, dass jeder normale Mensch ebenfalls korrupt ist, wobei die Wahrscheinlichkeit hierfür mit
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abnehmendem Bildungsstand zunimmt. Ebenso werden ethnische Affinitäten nicht ausgeschlossen, traditionelle afrikanische Strukturen werden aber nicht in Betracht gezogen. Die Autoren gehen in einer kurzen Aufzählung zwar auf weitere Ursachen ein - worunter auch „Stereotype African traditions that encourage gifts for services rendered“ (S. 85) fallen. Dies wird jedoch nicht weiter ausgeführt. Leider nimmt das Kapitel über die Ursachen unverhältnismäßig wenig Platz in diesem Buch ein.
Mbaku, John Mukum (1996): Bureaucratic Corruption in Africa - The Futility of Cleanups. In: The Cato Journal, 16 (1): 99-118
Nach einer einführenden Definition zur Korruption werden verschiedene Ursachen derselben erläutert, wie sie andere Wissenschaftler bereits beschrieben haben. Hier kommen vor: familiäre Verpflichtungen, der soft state, politische Dominanz, chronische Armut sowie defekte kulturelle Normen, teilweise im Kontrast zu modernen Normen. MBAKU relativiert diese Ursachen jedoch mit dem Verweis auf die public-choice-Theorie. Er argumentiert, dass bureaucratic corruption in direkter Verbindung steht mit der Kontrolle über die politische Macht und dem Umfang staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft. Korruption entsteht als Produkt in einem bestimmten Umfeld von Regeln. Um das Entstehen korrupten Verhaltens zu verstehen, muss man diese Regeln der sozio-politischen Interaktion zwischen Individuen untersuchen. Eine effektivere Eindämmung von Korruption liegt laut MBAKU darin, die Regeln zu reformieren, statt das Produkt zu ändern.
Osoba, S. O. (1996): Corruption in Nigeria - Historical Perspectives. In: Review of African Political Economy, 69: 371-86.
OSOBA beschreibt die Geschichte der Korruption in Nigeria und identifiziert ihre Wurzeln in den wirtschaftlichen und politischen Strukturen der Kolonialherrschaft. Nach der Unabhängigkeit nutzten die nigerianischen Eliten jene Strukturen in neokolonialer Manier, um ihren bis dahin chronischen Mangel an Ressourcen zu kompensieren. Mit ihrer beispiellosen Bereicherung waren die Machthaber ein schlechtes Vorbild für Teile der Bevölkerung, welche sich ebenfalls korrupte
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Praktiken zunutze machten, um den widrigen Lebensumständen zu entkommen. Von kulturellen Hintergründen im Zusammenhang mit Korruption ist hier nicht die Rede, fast schon auffallend dagegen das vehemente Verfechten der Integrität der Gesellschaft. Erfolg im Kampf gegen Korruption führt für OSOBA über eine Mobilisierung der arbeitenden Bevölkerung in Verbindung mit der Umsetzung wichtiger rechtsstaatlicher Prinzipien.
Shaw, Rosalind (1996): The Politician and the Diviner - Divination and the Consumption of Power in Sierra Leone. In: Journal of Religion in Africa, 26 (1): 30-55.
SHAW geht der Frage nach, warum in Sierra Leone und anderen westafrikanischen Staaten Korruption und politische Herrschaft von der Gesellschaft oft als Formen bösartiger Zauberei dargestellt werden. Diese Art der Herrschaftskritik basiert auf einem moralischen Diskurs, welcher in die Zeit der ersten Kontakte mit den Europäern zurückreicht und wonach exzessive Machtausübung und Bereicherung gesellschaftlich sanktioniert werden. Der Text liefert somit eine Gegendarstellung zu der Auffassung, dass soziale Normen der Förderung von Korruption in afrikanischen Gesellschaften dienen.
Balogun, M. J. (1997): Enduring Clientelism, Governance Reform and Leadership Capacity - A Review of the Democratization Process in Nigeria. In: Journal of Contemporary African Studies, 15 (2): 237-60
Diese Arbeit identifiziert klientelistische Strukturen und Patronage als wesentliche Ursache für den Niedergang von Regierung und Verwaltung in Nigeria und in diesem Zuge für die Entstehung systemischer Korruption. Dies führt BALOGUN auf das Versäumnis seitens der Regierenden zurück, ein nationales Interesse zu schaffen und über die traditionelle Patron-Klienten-Kultur sowie primordiale Werte zu stellen: „The authoritarian tendencies of the traditional society subsequently linked up with the centralizing orientations of the post-colonial bureaucracy to tilt the balance away from civil society to the state.” (S. 244)
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Daloz, Jean-Pascal; Heo, Man-Ho (1997): La corruption en Corée du Sud et au Nigeria - Quelques pistes de recherche comparatives. In: Revue Internationale de Politique Comparée, 4 (2): 361-76
Im Vergleich zwischen Südkorea und Nigeria versuchen die beiden Autoren den Ursachen von Korruption, ihrer heutigen Verankerung in der Gesellschaft und ihren Auswirkungen auf die Entwicklung auf den Grund zu gehen. In beiden Fällen ist die Korruption Mittel zur Aufrechterhaltung klientelistischer und familiärer Beziehungen, welche den Logiken der Redistribution und des sozialen Prestiges folgt. In Nigeria ist dabei der soziale Druck zur Weitergabe von Mitteln und der Zurschaustellung des sozialen Status ungleich höher. Durch Korruption erworbene Mittel werden so größtenteils konsumiert, statt wie in Südkorea investiert. DALOZ und HEO zeigen in relativ groben Zügen eine ähnliche Ursache, jedoch verschiedene Ausprägungen und Folgen von Korruption in zwei unterschiedlichen Kontinenten auf. Mit dem so erklärbaren Unterschied in der wirtschaftlichen Entwicklung beider Länder schränken sie zwar die Aussagekraft modernisierungstheoretischer Ansätze ein, sie können letztendlich aber nicht zu den wirklichen Ursachen für die unterschiedlichen Ausprägungen von Korruption durchdringen.
Mwereke, Thadei (1997): Poverty, Corruption and Disease in Africa South of the Sahara - A Challenge to Catholic Social Teaching. Nairobi, 45 S. In dieser Studie wird die katholische Lehre mit den Kernproblemen des afrikanischen Alltags konfrontiert, wobei auch auf Korruption und deren Ursachen eingegangen wird. Demnach führen Armut und Unterbezahlung zu Korruption. Die Argumentation ist jedoch weder tief greifend noch flüssig und bezieht sich im
Wesentlichen auf nur eine Quelle aus den sechziger Jahren 27 .
27 Wraith; Simpkins (1963)
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Thompson, Bankole; Potter, Gary (1997): Governmental Corruption in Africa -Sierra Leone as a Case Study. A Criminal Justice Perspective. In: Crime, Law and Social Change, 28 (2): 137-54
Bei der Untersuchung von governmental corruption in Sierra Leone stützen die Autoren sich maßgeblich auf Arbeiten von KPUNDEH und auf eigene Erfahrungen einer der Autoren als Mitglied der Judikative des Landes. Als ersten Korruptionsfördernden Faktor identifizieren die Autoren die Modernisierung beziehungsweise das Zusammentreffen von Tradition und Moderne, wobei hier mehrere Punkte subsumiert werden. Nicht nur haben traditionelle Werte (Verwandtschaftsloyalität, Reziprozität, Zurschaustellung von Wohlstand) heute noch eine große Bedeutung, die kulturelle Heterogenität Sierra Leones verhindert auch die Herausbildung einer nationalen Einheit. Diese Modernisierung führte zudem zu einer Entwicklung des Staates als Haupteinnahmequelle sowie zur Ausdehnung staatlicher Einflussnahme. Ein weiterer Faktor der Entstehung von Korruption liegt bei der ineffizienten Durchsetzung der Gesetze auf juristischer wie polizeilicher Seite (lediglich rückwirkende Tätigkeit der Gerichte, Politisierung des Polizeiapparates), erschwert durch einen Normenpluralismus (customary law vs. british oriented general law).
Banégas, Richard (1998): Marchandisation du vote, citoyenneté et consolidation démocratique au Bénin. In: Politique africaine, 69: 75-87 BANÉGAS untersucht die im Benin beobachtbaren Wahlstimmenkäufe und inwiefern noch von einer Demokratisierung gesprochen werden kann. Er konstatiert, dass die demokratische Konsolidierung, ebenso wie eine politische Subjektivierung der Bürger paradoxerweise inmitten klientelistischer Logiken und dem Phänomen
der politique du ventre 28 stattfindet. Was früher als Beschreibung des Geldhungers der Mächtigen diente, ist heute vielmehr ein Synonym für die „Rache“ des kleinen Mannes, welcher sich den neuen politischen Pluralismus zu nutze macht und sich mittels klientelistischer Strukturen ein Teil dieses Geldes zurückholt. Die Politik des
28 Begriff von Jean-François BAYART, der sich hier im Verkauf der eigenen Wahlstimme an
Politiker manifestiert.
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Bauches - quasi Teil einer „Demokratisierung von unten“ - wird zum sozial anerkannten Wert.
Edevbaro, Daniel O. (1998): The Political Economy of Corruption and Underdevelopment in Nigeria. Academic Dissertation, Helsinki, 256 S. Mit seiner Dissertation legt EDEVBARO ein recht umfassendes Werk über das Phänomen der Korruption und ihre Konsequenzen für die Unterentwicklung in Nigeria vor. Als Ursachen für Korruption werden zunächst die folgenden angeboten: Die Ablehnung gegen die implantierte Kolonialverwaltung, welche in sich selbst korrupt war, die Konfrontation einer größtenteils ungebildeten Bevölkerung mit geschriebenen Gesetzen, einem Anwachsen des öffentlichen Dienstes mit der Folge von Unterbezahlung, die Tradition des gift-giving sowie ausgedehnte Verwandtschaftsbeziehungen, aus denen soziale Verpflichtungen entstehen. Gerade zu den letzten Punkten bemerkt der Autor zwar: „[…] the contention of this study is that historical conditions and special circumstances explain the rise of corruption much better than cultural practices do. Cultural practices are used for purposes of corruption, rather than being the cause of corruption.” (S. 48) In der folgenden Untersuchung patrimonialer Strukturen als Ausgangspunkt für Korruption tauchen als deren Grundlage jedoch erneut Verwandtschaftsbeziehungen auf. EDEVBARO widerspricht hier einem kausalen Zusammenhang, kann ihn aber nicht so recht entkräften. Ein Manko dieser Arbeit sind die teilweise unzureichenden Quellenangaben.
Lemarchand, René (1998): La face cachée de la décentralisation - Réseaux, clientèles et capital social. In: Blundo, G.; Mongbo, R. (Hrsg.): Décentralisation, pouvoirs locaux et réseaux sociaux. APAD Bulletin, 16: 9-17 In dieser Arbeit über die Dezentralisierung in Afrika wird nur nebenbei auf Korruption eingegangen, und zwar als Merkmal eines nach der Unabhängigkeit entstandenen Neo-Patrimonialismus, der sich in großen Bereichen der Strukturen und Instrumente eines kolonialen despotisme décentralisé bedient. Interessant ist hier,
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dass der Autor korruptes Verhalten mit neu entstandenen vertikalen Klientel-Beziehungen zwischen Mitgliedern des Zentrums und jenen der Peripherie, also des ländlichen Raums in Verbindung setzt. Dies wird abgegrenzt von den horizontalen sozialen Netzwerken, die bei anderen Autoren als Korruptionsfördernd beschrieben werden. LEMARCHAND spricht bei afrikanischen Gesellschaften sogar von einem Defizit an Sozialkapital im Sinne PUTNAMS.
Médard, Jean-François (1998): La crise de l’Etat néo-patrimonial et l’évolution de la corruption en Afrique sub-saharienne. In: Mondes en Développement, 26 (102): 55-67
In diesem Aufsatz wird die Entstehung von Korruption vor dem Hintergrund des Neo-Patrimonialismus beschrieben, mit dem sie eng verwoben ist. MÉDARD wählt einen historischen Ansatz, um die Institutionalisierung von Korruption in Afrika zu erklären. Nach seinen Worten ist dabei nicht abzustreiten, dass Verwandtschaft in Afrika große Bedeutung hat, dass soziale Beziehungen sehr personalisiert sind und sich so ein sozialer Druck aufbaut, der Nepotismus und Korruption fördern kann. Man kann aber nicht von einer traditionellen afrikanischen Kultur sprechen, da Kultur kein gegebenes Produkt darstellt, sondern stets neu geprägt wird. Die Institutionalisierung von Korruption ist nicht notwendigerweise auf Korruptionsfördernde afrikanische Werte zurückzuführen - wenn Korruption zur Überlebensstrategie wird, passen die Menschen ihre Werte mitunter dem Verhalten an.
Rudzindana, A.; Langseth, P.; Gakwandi, A. (1998): Fighting Corruption in Uganda - The Process of Building a National Integrity System. Kampala, 181 S. Kapitel vier dieses Buches gibt Teil eines Reportes der Public Service Review and Reorganisation Commission of Uganda von 1989/90 wieder. Als Ursachen für Korruption im öffentlichen Dienst werden hier hauptsächlich strukturelle und institutionelle Probleme identifiziert, wie etwa staatliche Monopole, ungenügende Kontrollen, zu niedrige Gehälter und umständliche Verfahren. Während auch
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individuelles Fehlverhalten (Habgier) unter den zehn Gründen geführt wird, werden soziokulturelle Hintergründe nicht erwähnt. Ferner beschreibt der Text Konsequenzen und Eindämmungsmöglichkeiten von Korruption.
Bayart, Jean-François; Ellis, Stephen; Hibou, Bèatrice (1999): The Criminalization of the State in Africa. London, 126 S.
Die Autoren gehen von der Annahme aus, dass der Staat in Afrika stärker als bisher zu einem Träger organisierter krimineller Aktivitäten geworden ist, von denen Korruption nur eine Form darstellt. Anliegen ist es, jene historischen Konditionen zu erforschen, die die Prozesse von Staatsbildung und wirtschaftlicher Akkumulation beeinflussen: „The rise in Africa of activities officially classed as criminal is aided by the existence of moral and political codes of behaviour, especially those of ethnicity, kinship and even religion, and of cultural representations, notably of the invisible, of trickery as a social value, of certain prestigious styles of life, even of an
aesthetic […]” (S. 15). So besitzt jedes Individuum ein bestimmtes Sozialkapital 29 , davon ausgehende negative Folgen entwickelten sich aber teilweise erst durch die Politik des Kolonialismus. Ebenso ist eine Korruptionsfördernde Wirkung bei den Prozessen Nationalisierung und wirtschaftliche Liberalisierung zu erkennen, die zu einem großen Teil auch auf die Grundsteine der Kolonialpolitik zurückgehen. HIBOU liefert hier eine kritische Analyse bisheriger IWF-Liberalisierungspolitik. Insgesamt werden viele historische, wirtschaftliche, politische und globale Zusammenhänge betrachtet, die alle kriminellen Handlungen mit einschließen. Gründe für korruptes Handeln (hier am ehesten als grand corruption zu verstehen) finden sich über das ganze Buch verteilt und sind nicht immer auf eine zeitliche Periode reduzierbar, wobei jedoch ein Schwerpunkt auf der Kolonialzeit liegt. Ein Kapitel behandelt gesondert den Fall Südafrika. In Anbetracht der Komplexität des Themas fallen die Schlussfolgerungen allerdings sehr kurz und ungenau aus, wodurch eine wirkliche Verknüpfung der vielen Zusammenhänge fehlt.
29 Social capital in Anlehnung an Robert PUTNAM
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Chabal, Patrick; Daloz, Jean-Pascal (1999): Africa Works - Disorder as Political Instrument. London, 170 S.
In Kapitel sieben „The (Ab)use of Corruption” wollen CHABAL und DALOZ Korruption nicht ausgehend von einer westlichen Sichtweise bürokratischer Ideale betrachten. In einer politischen Ordnung mit einem niedrigen Grad an Institutionalisierung macht auch eine westliche Definition von Korruption wenig Sinn. Die Autoren gehen unter anderem der Frage nach, welche kulturellen, sozialen und psychologischen Grundlagen korrupte Handlungen ermöglichen. In Anlehnung an OLIVIER DE SARDANS moral economy of corruption erklären sie die Entstehung korrupten Verhaltens auf der Basis vorkolonialer Verhaltensmuster. Damit soll keine kulturalistische Interpretation des heutigen Afrikas propagiert werden, sondern vielmehr eben jene Aspekte der moral economy hervorgehoben werden, die sich durch eine erfolgreiche Anpassung bestehender sozialer Verhaltensweisen an die Erfordernisse einer modernen Wirtschaft erklären lassen: „Hence, what we are inclined to label as corruption is in reality a complex of behavioural patterns which are key ingredients of the continent’s modernity.” (S. 101) Im Text wird nicht zwischen verschiedenen Arten von Korruption unterschieden, da sie alle als Teil desselben Phänomens gesehen werden.
Harrison, Graham (1999): Corruption as »Boundary Politics« - The State, Democratisation, and Mozambique’s unstable Liberalisation. In: Third World Quarterly, 20 (3): 537-50
Text über die historische Entwicklung der Korruption in Mosambik mit Schwerpunkt auf externen Gründen. Traditionelle Ursachen werden nicht erwähnt, dafür aber Kolonialismus, Bürgerkrieg, Strukturanpassung, Liberalisierung, niedrige Löhne und die starke Außenorientierung des Landes.
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Heymans, Chris; Lipietz, Barbara (1999): Corruption and Development - Some Perspectives. ISS Monograph Series, 40, Pretoria, 60 S. Abhandlung über die Einwirkungen von (fehlender) Entwicklung auf Korruption und im Gegenzug über die Einflüsse der Korruption auf Entwicklung. Dabei werden in Kürze einige Korruptionsfördernde Umstände identifiziert, welche vorwiegend institutioneller Natur sind: Schwache ethische Verhaltensregeln, geringe Entlohnung, ineffiziente Verwaltung und die Vorbildrolle der politischen Führung. Kulturelle Hintergründe und traditionelle Strukturen spielen hier keine Rolle. Die Autoren verweisen des Weiteren auf einen Zusammenhang zwischen Ressourcenknappheit und Korruption. Der Text ist in einem südafrikanischen Kontext geschrieben.
Kpundeh, Sahr J. (1999): The Fight against Corruption in Sierra Leone. In: Stapenhurst, R.; Kpundeh, S (Hrsg.): Curbing Corruption - Toward a Model for Building National Integrity. Washington: 207-34 Bevor KPUNDEH auf mögliche Schritte zur Bekämpfung von Korruption in Sierra Leone eingeht, erörtert er die Ursachen dieses Phänomens. Dabei stellt er fest, dass korrupte Praktiken zuerst einmal auf Individuen zurückzuführen sind, die Entwicklung von Korruption wird jedoch durch bestimmte systemische Probleme ermöglicht beziehungsweise gefördert. Als solche Probleme - die hauptsächlich auf ethisches Fehlverhalten und institutionelle Mängel anspielen - werden hier genannt: der Mangel an ökonomischer und finanzieller Disziplin von Beamten, an Transparenz und Verantwortlichkeit (zurückzuführen auf undemokratische Strukturen) sowie an politischem Willen und Verpflichtung. Weitere Gründe sind die Politisierung der Verwaltung, politische Patronage, die zunehmende Personalisierung der Politik, niedrige öffentliche Gehälter, der Mangel an einer klaren Aufgabenteilung und Supervision in der Verwaltung und schließlich die zu schwache Durchsetzung der Gesetze.
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Olivier de Sardan, Jean-Pierre (1999): A Moral Economy of Corruption in
Africa? 30 In: The Journal of Modern African Studies, 37 (1): 25-52 OLIVIER DE SARDAN will in seinem Aufsatz Korruption aus Sicht der Beteiligten betrachten. Für ihn ist der (noch andauernde) post-koloniale Prozess der Staatenbildung essentiell für die Entstehung von Korruption und deren kulturelle Einbindung. In sechs Thesen zeigt OLIVIER DE SARDAN zunächst einige generelle Fakten über Korruption in Afrika auf, zum Beispiel dass es in afrikanischen Gesellschaften generell weder eine Ethik des öffentlichen Dienstes, noch die Tradition eines öffentlichen Interesses gibt. Im Anschluss nennt er fünf Verhaltenspraktiken (logics), die tief im sozialen Leben verwurzelt sind und auf diese Weise Korruption beeinflussen können, nicht aber Korruption selbst darstellen: Verhandeln, Schenken, Solidaritäts-Netzwerke, ausbeuterische Machtausübung und redistributive Akkumulation. „[…] these logics, while exerting continuous pressure on social actors, help to accord a cultural acceptability to corruption.“ (S. 44) Diese Praktiken stellen eine Durchmischung dar - keine ist per se traditionell oder vorkolonial. Für OLIVIER DE SARDAN ist Korruption nicht Teil einer afrikanischen Kultur, da es ein solch übergreifendes Wertesystem im Prinzip nicht gibt. Es bestehen aber gewisse Gemeinsamkeiten sozialer Normen, worauf auch die genannten Verhaltenspraktiken beruhen. Die Auflösung der Grenze zwischen legalem und illegalem Handeln wird durch die Faktoren Übermonetisierung des Alltags und soziale Schande gefördert.
30 Eine erste kürzere Version erschien in Politique africaine, 63 (1996): 97-116.
Sedigh, Shahrzad; Muganda, Alex (1999): The Fight against Corruption in Tanzania. In: Stapenhurst, R.; Kpundeh, S (Hrsg.): Curbing Corruption -Toward a Model for Building National Integrity. Washington: 151-177 Dieser Aufsatz über die Möglichkeiten zur Eindämmung von Korruption in Tansania beginnt mit der Suche nach den Ursachen. Zunächst einmal stellen die Autoren klar: „Corruption did not begin with independence from colonial rule, nor, as is sometimes alleged, does it reflect an African propensity for wrongdoing.” (S. 152) Sie verweisen daraufhin auch auf die korrupten Strukturen des Kolonialsystems. Eine
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wesentliche Ausbreitung von Korruption fand allerdings erst gegen Ende der 1960er Jahre statt, was anhand der Art und Weise des eingeführten sozialistischen Systems erklärt wird. Durch eine starke Expansion der Verwaltung und die Verstaatlichung zahlreicher Unternehmen wuchsen die Befugnisse der Beamten und somit die Möglichkeiten des Missbrauchs. Übermäßige staatliche Regulierungen ließen die Menschen nach Möglichkeiten suchen diese zu umgehen. Ein Niedergang der öffentlichen Gehälter aufgrund schlechter wirtschaftlicher Bedingungen sowie mangelnde Supervision taten ihr übriges zu einer systematischen Ausbreitung von Korruption.
Titi Nwel, Pierre; Friedrich-Ebert-Stiftung; GERDDES-Cameroon (1999): Corruption in Cameroon - Study. Jaundé, 212 S.
Diese Studie wurde 1998 in verschiedenen Sektoren des kamerunischen Staates durchgeführt, um Ausmaß, Ursachen und Folgen von Korruption herauszufinden. Dabei relativieren die Autoren die Bedeutung historischer Ursachen: „Explaining corruption by history conveys, in our view, a kind of fatalism: so were our ancestors, so are we and so shall we be.” (S. 51) Relikte der Vergangenheit, wie sie TITI NWEL nennt, sind nur von Bedeutung, wenn sie durch aktuelle Prozesse - etwa von Seiten der Politiker - reaktiviert werden. Der Blick in die Vergangenheit trägt dabei wenig zur Lösung heutiger Probleme bei. Den Umfragen der Studie zufolge sind die Hauptursachen von Korruption zu niedrige Gehälter (ca. 31% der Befragten) und Straffreiheit (35,5%), gefolgt von Habgier und der Unkenntnis der Gesetze. Im weiteren Verlauf der Studie werden die Korruptionsursachen ebenfalls sektorspezifisch (Justiz, Zoll, Versicherungen und Medien) untersucht - mit ähnlichen Ergebnissen. Diese Faktoren werden zwar als Teilursachen respektiert. Im Mittelpunkt sehen die Autoren aber eine unterentwickelte politische und demokratische Kultur als Hauptursache, welche die Benachteiligten - sei es durch Armut oder schlechte Arbeitsbedingungen - ihr Ventil in der Korruption und nicht in der politischen Mobilisierung suchen lässt.
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Bouju, Jacky (2000): Clientélisme, corruption et gouvernance locale à Mopti (Mali). In: Jolivet, M.-J. (Hrsg.): Logiques identitaires, logiques territoriales. Autrepart, 14: 143-63
Untersucht werden in dieser Arbeit die klientelistischen Strukturen und ihre Verbindung zu Korruption in einer malischen Stadt. Der Autor sieht beide
Phänomene als direkte Folge der Konfrontation zwischen kolonialer Herrschaft 31 und lokalen Machtstrukturen, welche sich beide auf unterschiedliche Legitimationen stützen. Weder die Kolonisatoren noch der heutige Staat Mali waren in der Lage, ihre politische Macht auf allen Ebenen zu installieren, und so bilden Klientelnetzwerke bis heute ein unverzichtbares soziales Sicherungsnetz auf der lokalen Ebene. Die Korruption ist dabei eine Form der Verwirklichung klientelistischer Strukturen, die zum Beispiel dann wahrscheinlich wird, wenn es einer Person an capital social fehlt (in Anlehnung an OLIVIER DE SARDAN 1996) oder wenn das Einkommen zu niedrig ist. Die Verbindung zwischen Klientelismus und Korruption wird allerdings nicht deutlich genug dargestellt. BOUJU stellt jedoch fest, „que le clientélisme et la corruption ne sont pas caractéristiques de la culture ou de la société africaine. (S. 160)
31 Koloniale Herrschaft bezieht sich hier nicht ausschließlich auf den französischen Kolonialismus,
sondern auch auf frühere Phasen der politischen Dominierung.
Cremer, Georg (2000): Korruption begrenzen - Praxisfeld Entwicklungspolitik. Freiburg, 179 S.
In seinem Buch widmet CREMER Kapitel drei dem Thema „Zwischenruf: Korruption ist nicht vorwiegend kulturell zu erklären“, welches sich allerdings nicht nur auf Afrika bezieht. Er betrachtet Korruption als universell, da die meisten nichtwestlichen Gesellschaften heute, unabhängig von vorkolonialen Rechtsnormen, „westlich orientierte Rechtssysteme“ besitzen. Die Trennung zwischen legitimem und korruptem Handeln kann in jeder Gesellschaft zwar anders verlaufen und hier können auch kulturelle Faktoren (zum Beispiel die Solidarität zur Familie) eine Rolle spielen. Dennoch kommen Bestechung, Veruntreuung und Klientelismus weltweit in kulturell unterschiedlich geprägten Gesellschaften vor. „Wer nun Korruption
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vorwiegend kulturell erklären wollte, müsste begründen, warum nun ganz unterschiedliche kulturelle Traditionen zu so ähnlichen Phänomenen führen.“ (S. 32) CREMER sieht diese kulturellen Hintergründe also nicht als ausschlaggebend für Korruption an, sie sind aber essentiell für den Erfolg von Bekämpfungsstrategien. Er bietet wichtige Argumente gegen eine kulturalistische Sichtweise, seine Ausführungen zu Institutionen und Normen sind zwar formell richtig, stimmen aber nicht unbedingt mit der Realität in diesen Staaten überein.
Dianor, Ousmane (2000): „Manger l’argent“ - Les dimensions économique et socioculturelle de la corruption en Afrique. In: Blundo, G. (Hrsg.): Monnayer les pouvoirs - Espaces, mécanismes et représentations de la corruption. Nouveaux Cahiers de l’IUED, 9: 157-75
Dieser Text versucht, Korruption in Afrika in dem dazugehörigen kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Kontext zu sehen. Korruption stellt - basierend auf den traditionellen Solidaritätsprinzipien von Gabe und Reziprozität - ein soziales Sicherungsnetz im Falle eintretender Unsicherheiten dar. Die Entnahme öffentlicher Gelder wird moralisch positiv bewertet, wenn sie im Sinne der Gemeinschaft und nach ihren Regeln verteilt wird. Dass sie in Afrika alltäglich geworden ist, liegt an den schlechten wirtschaftlichen Umständen; dass hauptsächlich der Staat das Opfer ist, liegt an seiner Rolle als Hauptarbeitgeber und der ihm immer noch anhaftenden Fremdheit. Die Konfrontation afrikanischer Gesellschaften mit den neuen westlichen Werten hat allerdings durch eine Stärkung des Individuums zu einer Individualisierung korrupter Praktiken geführt. Aus einer Logik der Redistribution wurde so größtenteils eine Logik der Akkumulation. Durch seine Darstellung des homo oeconomicus africanus forciert DIANOR eine kulturalistische Sichtweise, die mit der Definition von Gemeinschaft steht und fällt. Er fügt einige Lösungsvorschläge für den Senegal an.
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Flückinger, Markus (2000): Geschenk und Bestechung - Korruption im afrikanischen Kontext. Bonn, 126 S.
Der Autor verarbeitet seine Erfahrungen als Missionar im damaligen Zaire und versucht, die gewonnen Erkenntnisse über Korruption in einen religiösen Kontext zu setzen. Bei den Ursachen von Korruption werden hier der moralistische, der
funktionalistische (oder revisionistische) und ethnologische 32 Ansatz unterschiedenletzterer wird intensiver betrachtet. FLÜCKINGER ist bemüht, anhand seiner Beobachtungen bei den Bayaka in Zaire eine Trennlinie zwischen schenken und bestechen zu finden und kommt zu dem Ergebnis, dass die große Verbreitung von Bestechung durch das Aufeinanderprallen von animistischer und säkularisierter Weltanschauung zu erklären ist. Korrupte Handlungen entstanden so unter anderem aus den Praktiken der Kolonialverwaltungen, durch die Verbreitung des Geldes, die Individualisierung der Gesellschaft und die familiäre Einbindung eines Jeden. FLÜCKINGER spricht von einer oberflächlichen Anpassung und einem innerlich anhaftenden Animismus. Obwohl er ethnologisch arbeitet, sind Blickwinkel, Herangehensweise und Definitionen sehr offensichtlich geprägt von einer westlichen und christlichen Denkweise - die Ausführungen bleiben unvollständig und teilweise widersprüchlich. Die Arbeit endet mit einigen ethischen Ansätzen zur Überwindung der Geschenkkorruption.
32 Korruption als natürliche Folge der Sitte oder Pflicht des Gebens von Geschenken.
Hibou, Béatrice; Tozy, Mohamed (2000): Une lecture d’anthropologie politique de la corruption au Maroc - Fondement historique d’une prise de liberté avec le droit. In: Revue Tiers Monde, 161: 23-47
HIBOU und TOZY betonen die Notwendigkeit, sowohl das Phänomen Korruption als auch die Versuche es zu bekämpfen, in einem historischen und kulturellen Kontext zu betrachten - Korruption soll hier jedoch nicht kulturell erklärt werden. Da Normen immer ein Produkt innergesellschaftlicher Verhandlungen sind, hängen sie stark davon ab, wie die Voraussetzungen - sprich die Art und Weise der Verhandlung, das politische System oder etwa das ethische Bezugssystem - in einer gegebenen Gesellschaft aussehen. Zu diesem Zweck betrachten die Autoren drei
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unterschiedliche Rechtssysteme Marokkos (traditionelles Gemeinschaftsrecht segmentärer Volksgruppen, islamisches Recht und das positive Recht eines autoritären Regimes) und stellen eine gegenseitige Vermischung fest. Wo ein eigenständiges, neues Rechtssystem noch nicht besteht, wichtige Schranken älteren Rechts durch die politische Zentralgewalt aber zerstört wurden, konnte sich die Korruption zu einem zentralen Element des politischen Systems entwickeln. So stellt die Korruption lediglich eine Art der Verhandlung unter Vielen dar: „[…] une pratique qui vise à rendre la norme compatible avec les intérêts, particuliers ou généraux.” (S.26) Ein falsches Verständnis dieses Phänomens führte zu einer gewissen Naivität in den bisherigen Versuchen der Korruptionsbekämpfung.
Hope, Kempe Ronald (2000): Corruption and Development in Africa. In: Hope, K.; Chikulo, B. (Hrsg): Corruption and Development in Africa - Lessons from Country Case-Studies. Basingstoke: 17-39
Ausgehend von der Feststellung, dass es in den meisten afrikanischen Staaten sowohl an öffentlicher Verantwortlichkeit (public accountability) als auch an einer Ethik des Regierens (ethical leadership) fehlt, identifiziert HOPE sechs Hauptursachen für die pandemische Ausbreitung von Korruption in Afrika. Es sind in dieser Reihenfolge: Die totale Machtausübung durch die regierende Elite in allen Bereichen, die dadurch mögliche Intervention des Staates in alle wirtschaftlichen Belange, die stetig abnehmende Bezahlung öffentlicher Bediensteter, fehlende Rechtssicherheit, schlechte Beispielhaftigkeit der Regierenden und schließlich soziokulturelle Normen. Loyalitäten zu Familie, Ethnie und Freunden beruhen auf einem in Afrika weit verbreiteten Personalismus und spielen im Alltag eine große Rolle. „Such loyalties are at the expense of loyalty to the state for they often require the contravention of rules and regulations to maintain them.” (S. 22) HOPE schließt mit einigen Empfehlungen zur Bekämpfung von Korruption ab, die in Richtung Good Governance, Stärkung der Zivilgesellschaft und stärkere Strafverfolgung weisen.
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Ihekweme, Fabian C. (2000): State-Making, Nation-building and the Civil Society - Nigeria, 1960-1999. Dissertation, Hamburg, 312 S. Der Autor untersucht die Rolle der Korruption bei der Entstehung einer nationalen Einheit und einer Zivilgesellschaft in Nigeria. Während er zunächst die neopatrimoniale Natur der Gesellschaft als Ursache für endemische und systemische Korruption erwähnt, kommen in der späteren Ursachendarstellung andere Faktoren vor. Hauptursache ist hier der koloniale Einfluss, außerdem die Diskrepanz zwischen geschriebenen Gesetzen und einer größtenteils ungebildeten Bevölkerung sowie niedrige Bezahlung und fehlende Kontrolle im öffentlichen Dienst durch sein rasantes Anwachsen. „Minor causes“ sind gift-giving und verwandtschaftliche Verpflichtungen. Die Beschreibung ist sehr deskriptiv, die Auffassung des Autors ist nicht zu erkennen. Der Text wirkt zudem teilweise unstrukturiert, mit fehlerhaften Literaturangaben.
Ihonvbere, Julius O. (2000): Africa and the New World Order. New York, 257 S.
Der Autor ist hier bei der Betrachtung der aktuellen afrikanischen Probleme erneut bemüht, die historischen Hintergründe nicht außer Acht zu lassen (vgl. IHONVBERE 1994). Dabei überträgt er im Wesentlichen seine Erkenntnisse aus Nigeria auf Afrika insgesamt, wenn er den Kolonialismus zumindest als Ausgangspunkt der heutigen Probleme ausmacht. Hierzu zählt auch die Korruption. Obwohl IHONVBERE Afrika in einer Art Opferrolle sieht, spricht er die politischen Machthaber jedoch nicht von aller Schuld frei.
Klopp, Jaqueline (2000): Pilfering the Public - The Problem of Land Grabbing in Contemporary Kenya. In Africa Today, 47 (1): 7-26 Der Artikel geht anhand zahlreicher Beispiele auf die zunehmenden Praktiken illegaler Landgeschäfte in Kenia ein und klassifiziert diese als heute entscheidende Form der Korruption. Die Autorin verweist auf die kolonialen Wurzeln solcher Machenschaften und sieht im Widerstand der Bevölkerung ein Gegenargument zu
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BAYARTS politics of the belly. Sie zeigt damit in Ansätzen, dass korrupte Handlungen nicht gesellschaftlich verankert sind.
Kpundeh, Sahr J. (2000): Controlling Corruption in Sierra Leone - An Assessment of Past Efforts and Suggestions for the Future. In: Hope, K.; Chikulo, B. (Hrsg): Corruption and Development in Africa - Lessons from Country Case-Studies. Basingstoke: 198-217
Der Autor wiederholt in diesem Artikel die Auffassung, Korruption gehe vom Individuum aus und werde lediglich durch systemische Faktoren erleichtert. Ähnlich seiner Arbeit von 1999 erkennt KPUNDEH diese Faktoren in dem Mangel an Transparenz, Verantwortlichkeit und politischem Willen, welche eng verbunden mit fehlenden demokratischen Strukturen, also einer Einbindung der Bevölkerung in politische Prozesse, verbunden sind. Mit der Politisierung der Bürokratie, politischer Patronage, einer zu geringen Entlohnung von Beamten und der mangelnden Durchsetzung von Gesetzen schließt er den Ursachenkreis. Gegenüber früheren Arbeiten gibt er weniger Ursachenfaktoren an, was hier die Vermischung mancher Faktoren zu Folge hat. Neben Reformvorschlägen beschreibt KPUNDEH einige lessons learned.
Mbaku, John Mukum (2000): Bureaucratic and Political Corruption in Africa -The Public Choice Perspective. Malabar, 222 S.
Dieses umfassende Buch gehört zu den Standardwerken über Korruption in Afrika. Aufgeteilt in zwei Bereiche wird zunächst Literatur mit traditionellen Ansätzen zu Korruption und deren Kontrolle beschrieben. Hier führt MBAKU vier Ursachen für Korruption an: Ein soft state, in dem kein nationales Interesse herrscht, Ineffizienz und bürokratische Inkompetenz, chronische Armut und ungleiche
Einkommensverteilung sowie kulturelle Normen (soziale Zwänge, Loyalitäten). Im zweiten Teil dieser Arbeit nimmt der Autor jedoch Abstand von diesen Ansätzen, um sich dem public-choice-Ansatz zu widmen. Nach diesem ökonomischen Konzept wird Korruption als postconstitutional opportunism gesehen. Da alle politischen
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Entscheidungen auch distributive Auswirkungen haben, hängt das Ausmaß von Korruption davon ab, welche Anreizstrukturen in Politik und Wirtschaft existieren: „A country’s incentive structures are determined by its institutional arrangements. Corruption, then, can be viewed as part of the problem of constitutional maintenance.” (S. 52) Schlecht entwickelte Anreizstrukturen gründen sich somit auf institutionelle Arrangements, welche in Afrika oft aus der Kolonialzeit übernommen wurden. Die Lösung liegt für MBAKU dementsprechend in konstitutionellen Reformen hin zu weniger Staat und mehr persönlichen Rechten. Es werden Beispiele gegeben aus Ghana, Nigeria, Zaire und Kamerun.
Olowu, Bamidele (2000): Governmental Reforms and Control of Corruption in Ethiopia. In: Hope, K.; Chikulo, B. (Hrsg): Corruption and Development in Africa - Lessons from Country Case-Studies. Basingstoke: 261-79 Basierend auf Umfragen im öffentlichen Sektor Äthiopiens formuliert der Autor verschiedene Ursachen für die Zunahme von Korruption und unethischem Verhalten in der Verwaltung, die sich hauptsächlich auf der institutionellen Ebene finden. Es ist die Rede von Überzentralisierung und schwerfälligen Verfahren, Politisierung der Verwaltung, von einem archaischen Personalmanagement, zu niedriger Entlohnung, mangelnder Qualität im Bildungssystem, schlecht entwickelten Monitoring- und Kontrollinstitutionen sowie einer fehlenden Einbindung der Bevölkerung in die Maßnahmen der Korruptionsbekämpfung. Mit einigen dieser Maßnahmen beschäftigt sich OLOWU im Anschluss näher.
Osei-Hwedie Bertha Z.; Osei-Hwedie Kwaku (2000): The Political, Economic, and Cultural Bases of Corruption in Africa. In: Hope, K.; Chikulo, B. (Hrsg): Corruption and Development in Africa - Lessons from Country Case-Studies. Basingstoke: 40-56
Dieser Aufsatz erörtert Ursachen und Auswirkungen der Korruption mit Hilfe eines political-economy-approach, bei dem persönliche Moral und Gewinnstreben im Fokus stehen. Die Autoren nehmen eine Dreiteilung in politische, wirtschaftliche und
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soziale Faktoren bei der Entstehung von Korruption vor, was sie an den Beispielen Ghana und Sambia verdeutlichen wollen. Diese Aufteilung verliert sich allerdings im Text wieder, wenn verschiedene Autoren zu unterschiedlichen Ursachen für Korruption herangezogen werden. Unter anderem findet sich hier die von S. HUNTINGTON beschriebene Trennung von öffentlicher und privater Sphäre als Faktor der Modernisierung, die traditionelle Praktiken mit einen Mal als korrupt markiert - außerdem wird auf J. DOUGLAS Argument verwiesen, korruptes Verhalten könne auch auf den Verlust traditioneller und religiöser Werte
zurückzuführen sein 33 . Familiäre und ethnische Loyalitäten werden ebenfalls angesprochen, als Ursache aber relativiert: „[…] kinship systems do not cause corruption. No traditional society encourages and condones corruption and other immoral conduct as a means to help a member.” (S. 46)
33 Ebenfalls beschrieben bei AYEE 2002.
Stasavage, David (2000): Causes and Consequences of Corruption -Mozambique in Transition. In: Doig, A.; Theobald, R. (Hrsg.): Corruption and Democratisation. London: 65- 97
Dieser Artikel basiert auf einer cross-country-Studie, durchgeführt in verschiedenen Bereichen der Administration Mosambiks. STASAVAGE orientiert sich am Principal-Agent-Modell und identifiziert die folgenden - im Wesentlichen institutionellen - Ursachen für Korruption: Weitreichende Befugnisse der Beamten, wirtschaftliche Aktivitäten zu regulieren und zu kontrollieren, deren Wurzeln in der Kolonialzeit und den ersten Jahren der Unabhängigkeit liegen sowie eine veränderte Anreizstruktur durch sinkende Löhne und mangelnde Kontrolle und Bestrafung von korrupten Praktiken. Anhand der Interviews zieht der Autor allerdings noch zwei alternative Erklärungsmöglichkeiten für die zunehmende Korruption in Betracht: Zum einen wird Korruption moralisch immer mehr akzeptiert, zum anderen wird die allgemeine Straffreiheit bei korrupten Praktiken wahrgenommen. Je höher also die Zahl nicht entdeckter korrupter Beamter, desto höher die Wahrscheinlichkeit für bisher „anständige“ Beamte ebenfalls korrupt zu werden. Abgesehen davon wird
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nicht weiter auf individuelle Verhaltensweisen oder soziokulturelle Normen eingegangen.
Szeftel, Morris (2000): Clientelism, Corruption and Catastrophe. In: Review of African Political Economy, 85: 427-41.
Der Text untersucht, inwiefern Klientelismus zur Förderung von Korruption in Afrika beigetragen hat. Der Verweis auf das Wesen afrikanischer Politik in Verbindung mit kulturellen Merkmalen als Ursache für Korruption lehnt SZEFTEL als ahistorisch ab - Politik ist aber immer gegenwärtig. Die von Politikern genutzte traditionelle Symbolik wird dabei allzu häufig als das Wesen der Politik verstanden, dabei bildet sie nur die Oberfläche. Korruption ist für ihn das Produkt anderer struktureller Kräfte: 1. Der Abhängigkeit von staatlicher Macht und öffentlichen Ressourcen als wichtigste Möglichkeiten der Akkumulation und 2. Des Klientelismus als Form der politischen Mobilisierung zur Sicherung dieser Macht. Die Wurzeln klientelistischer Politik wiederum gründen sich auf Entwicklungen in der kolonialen und postkolonialen Zeit. Da sich Politik in afrikanischen Staaten heute faktisch nur noch mit dem Kampf um Zugang zu öffentlichen Mitteln beschäftigt, plädiert SZEFTEL für eine Entkopplung von Klientelismus und Staatsressourcen durch eine Umorientierung der Politik hin zu sozialer Gerechtigkeit und government performance.
Tanzi, Vito (2000): Policies, Institutions and the Dark Side of Economics. Cheltenham, 282 S.
TANZI nimmt in seinem Kapitel „Corruption, governmental activities and markets” Bezug auf das arm’s-length principle 34 , bezieht sich damit aber nicht allein auf Afrika. Die Nichteinhaltung dieses Prinzips kann demnach zu korruptem Verhalten führen. Arm’s-length-relations, also Beziehungen, die eine gewisse Distanz berücksichtigen, sieht TANZI in den nordeuropäischen Gesellschaften verwirklicht,
34 Es besagt, dass persönliche Beziehungen keine Rolle bei wirtschaftlichen Entscheidungen spielen
sollten, in die mehr als eine Partei verwickelt sind.
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während die Gesellschaften vieler Entwicklungsländer - eng verflochten, von gegenseitigen Beziehungen und familiären Banden geprägt - in die andere Richtung
gehen 35 . TANZI vergleicht dies mit dem Begriff des social capital, wie er von James COLEMAN eingeführt wurde: „The existence of social capital is likely to interfere with arm’s-length relationships and, in particular circumstances, to lead to corruption.” (S. 93) In Gesellschaften mit viel sozialem Kapital werden jahrhundertealte, akzeptierte Normen sich oft als die stärkeren Verhaltenskodizes erweisen, im Vergleich zu neueren, meist importierten Regeln. Wo solche Beziehungen zwischen privater und öffentlicher Sphäre eine Rolle spielen, könne nur im juristischen Sinne von einer korrupten Gesellschaft gesprochen werden. Eine solche Sichtweise lasse aber außer Acht, dass diese Beziehungen nur andere soziale und moralische Normen verkörpern.
35 TANZI beruft sich hier auf die vergleichende Studie „Danes are like that“ des indischen
Sozialanthropologen Prakash REDDY.
Treisman, Daniel (2000): The Causes of Corruption - A Cross-National Study.
In: Journal of Public Economics, 76 (3): 399-457 36
Dieser Text beschäftigt sich mit der Frage, warum Korruption in manchen Ländern verbreiteter zu sein scheint als in anderen. TREISMAN arbeitet bei der Ursachensuche rein empirisch, indem er verschiedene soziale, wirtschaftliche und politische Indikatoren mit zwei Korruptionsindizes in Verbindung setzt. Er kommt zu den folgenden Ergebnissen: Staaten mit einer protestantischen Tradition, einer britischen Kolonialvergangenheit (Bezugnahme auf das britische Rechtssystem), besser entwickelten Volkswirtschaften und einem offenen Außenhandel zeigen weniger Korruption, während beispielsweise Föderalismus eher zu mehr Korruption führt. Demokratie führt lediglich auf lange Sicht zu weniger Korruption. Zwar kann TREISMAN Einflüsse durch kulturelle Variablen bedingt durch ihre schwerere Messbarkeit nicht ausschließen. Unterschiede im Ausmaß der Korruption in den
36 Der Text lag als PDF-Datei vor, weshalb die Seitenangaben abweichen.
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verschiedenen Staaten lassen sich jedoch fast gänzlich auf Basis politischer und wirtschaftlicher Faktoren erklären, „suggesting that if corruption is culturally rooted in these countries, this operates via the influence of culture on development, democracy, decentralization, or trade.“ (S. 43)
Andvig, Jens C.; Fjeldstad, Odd-Helge (2001): Corruption - A Review of Contemporary Research. Chr. Michelsen Institute Reports, Bergen, 122 S. Die Autoren legen mit ihrer Arbeit eine umfassende Beschreibung der Literatur über Korruption vor. Neben den gängigen Definitionen geben sie einen Überblick der wichtigsten Forschungsansätze (politikwissenschaftlich, anthropologisch,
ökonomisch, sowie empirische Arbeiten) dieses Phänomens einschließlich ihrer Vor-und Nachteile. Der vorhandene Afrika-Bezug wird deutlich, wenn beispielsweise auf Arbeiten zum Neo-Patrimonialismus in Afrika oder auf OLIVIER DE SARDANS Komplex der Korruption eingegangen wird. Die möglichen Ursachen von Korruption behandeln ANDVIG und FJELDSTAD hauptsächlich in Verbindung mit den Möglichkeiten und Grenzen der oben genannten Ansätze, weshalb dieser Part nur deskriptiven Charakter hat und damit nicht die eigenen Ansicht der Autoren wiedergibt. So wird mit Blick auf soziokulturelle Hintergründe gerade auch die Wichtigkeit kulturanthropologischer Methoden betont, um Korruption kontextabhängig untersuchen zu können. Die in diesem Rahmen angesprochenen Logiken von gift-giving und Solidaritätsnetzwerken sind aber nicht als kulturalistische Erklärungsversuche zu sehen, sondern als Veranschaulichung für die Heterogenität sozialen Verhaltens. Die Arbeit besticht neben der breiten thematischen Übersicht durch ihre objektive Interdisziplinarität.
Blundo, Giorgio; Olivier de Sardan, Jean-Pierre (2001): La corruption quotidienne en Afrique de l’Ouest. In: Politique africaine, 83: 8-37 Dieser Artikel fasst die Ergebnisse einer Studie über die alltägliche petite corruption in Benin, Niger und Senegal zusammen. Die Untersuchung der verschiedensten
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korrupten Praktiken - subsumiert in einem Komplex der Korruption 37 - an unterschiedlichen Orten des öffentlichen Lebens förderte zutage, dass es in den drei Ländern vergleichbare Strukturen einer generalisierten Korruption gibt. Mittels eines konzentrischen Modells beschreiben die Autoren verschiedene Ebenen der Einbettung korrupter Praktiken in soziale, ökonomische und politische Logiken. Diese Logiken (Normenpluralismus, Verpflichtung zur gegenseitigen Hilfe, die Praxis des Makelns, Geschenkaustausch, eine ostentative Moral und die Übermonetarisierung des Alltags) sind nur schwer von korrupten Praktiken zu trennen und können unter bestimmten Umständen - zum Beispiel durch schon vorhandene Korruption oder durch schlechtes Beispielverhalten der Eliten - zur Ausbreitung von Korruption beitragen. Da sich diese Logiken teilweise erst in kolonialer und post-kolonialer Zeit herausbildeten, kann man allerdings nicht von Traditionen sprechen; zumal die meisten keineswegs Afrikaspezifisch sind: „En termes de simple ‘présence ou absence de traits’, rien ou presque ne distinguerait une corruption africaine […] d’une corruption européenne. C’est le dosage qui change.“ (S. 36)
37 Zum „corruption complex“ siehe auch Olivier de Sardan (1999)
Ocheje, Paul D. (2001): Law and Social Change - A Socio-Legal Analysis of Nigeria’s Corrupt Practices and other Related Offences Act, 2000. In: Journal of African Law, 45 (2): 173-195
OCHEJE untersucht Korruption in Nigeria vor dem Hintergrund bisheriger Eindämmungsbemühungen. Bei der Betrachtung verschiedener Anti-Korruptionsgesetze arbeitet er entscheidende Unterschiede zwischen dem Akt des Bestechens und der Praxis des gift-giving heraus. Der Autor macht klar: „The temptation to construct an automatic relationship between Nigerian cultural traditions or to look at corruption only through the prism of culture must be resisted“ (S.188) und entdeckt gar eine entsprechende Passage in den Gesetzen, die eine Manipulation kultureller Praktiken in diese Richtung unterbindet. Die Argumentation der Arbeit stützt sich in der Hauptsache auf OLIVIER DE SARDANS moral economy of corruption. Das Heranziehen von Kultur und
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Tradition zur Erklärung von Korruption sei zudem nicht in der Lage das Verhalten ehrlicher Beamter zu erklären. Aus diesem Grund werden als alternative Ursachen fehlende wirtschaftliche Alternativen, die weitreichenden staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft, der Ölreichtum des Landes, zu niedrige Beamtengehälter und fehlende Kontrolle genannt. OCHEJE identifiziert Korruption als politisches Problem, dessen Kontext in der weiten Kluft zwischen Staat und Gesellschaft gesehen werden kann. Zu deren Überbrückung bietet er einige Vorschläge an.
Ayee, Joseph R. A. (2002): Corruption and the Future of the Public Service in Africa. In: Verfassung und Recht in Übersee, 35 (1): 6-22 Nach der Vorstellung einiger Definitionen von Korruption identifiziert der Aufsatz sechs Hauptgründe für Korruption im öffentlichen Dienst afrikanischer Staaten. Dies sind unter anderem: Die Schwierigkeit der Trennung zwischen Politik und Verwaltung, die Schwäche und Inkohärenz von Reformen sowie der Missbrauch weitreichender Vollmachten durch öffentliche Amtsträger. Eher nachrangig wird angeführt, dass die afrikanischen Gesellschaften durch einen Verlust(!) an traditionellen Werten Korruption fördern. Allerdings bleibt die Argumentation hier ohne weitere Erläuterung: „Individuals and social groups have lost their traditional and religious values and beliefs, and thus their conscience. Consequently, public servants are becoming more corrupt and tolerating corrupt behaviour more.“
(S.14) 38 Die genannten Gründe für Korruption scheinen teilweise sekundärer Natur zu sein, AYEE geht nicht unter die Oberfläche beispielsweise des Amtsmissbrauches. Er schlägt schließlich einige Maßnahmen zur Reduzierung von Korruption in der Verwaltung vor.
38 Er nimmt damit Bezug auf das Autorenduo OSEI-HWEDIE, die sich dabei wiederum auf J.
DOUGLAS beziehen.
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Collier, Michael W. (2002): Explaining Corruption - An Institutional Choice Approach. In: Crime, Law and Social Change, 38 (1): 1-32 Ziel des Autors ist es, eine interdisziplinäre Theorie mittlerer Reichweite zu konzipieren - bestehend aus politischen, ökonomischen und kulturellen Ansätzenum so die Komplexität des Phänomens Korruption und deren Ursachen besser erfassen zu können. Nicht speziell auf Afrika bezogen, enthält dieser Artikel doch einige interessante Äußerungen über das Verhältnis von Korruption und Kultur. Die Basis der Theorie bilden Ansätze der Institutionenanalyse und der sozialen Rollenforschung, zu denen verschiedene Elemente anderer Ansätze hinzugefügt werden. Den kulturellen Aspekt reduziert COLLIER auf das Subsystem der politischen Kultur, welche er in die Formen kollektivistisch, individualistisch und egalitär aufteilt. Merkmale kollektivistischer Kulturen - welche in den Entwicklungsländern und damit auch in Afrika vorkommen - sind zum Beispiel: die Organisation in kleinen Gruppen entlang verwandtschaftlicher, ethnischer, religiöser oder anderer sozialer Beziehungen, informelle wirtschaftliche und soziale Institutionen, Face-to-face-Transaktionen. Durch die Verbindung mit anderen politischen und wirtschaftlichen Koordinaten entwickelt COLLIER ein Modell dreier verschiedener Systemtypen, in dem die kollektivistische Kultur mit Korruption in direkte Beziehung gesetzt wird: „[…] the strong collectivist political cultures in most world developing states will have a tendency to hold states somewhere between metastatic and systemic corruption levels.“ (S. 26) Die gewünschte Interdisziplinarität leidet ein wenig unter der - gerade in kulturellen Fragen erkennbaren - politikwissenschaftlichen Dominanz.
Nwankwo, Arthur A. (2002): Political Economy of Corruption in Nigeria. In: Akani, C. (Hrsg): Corruption in Nigeria - The Niger Delta Experience. Enugu: 7-28
In diesem Beitrag werden zunächst zwei Erklärungsmodelle für Korruption angeführt - die westlich-liberale und die marxistische Perspektive - von denen sich der Autor für die zweite entscheidet. Demnach ist für ihn Korruption nicht bloß ein Problem von Ethik und Moral, sondern resultiert vielmehr aus der kapitalistischen
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Abhängigkeit des neo-kolonialen Staates. Nichtsdestotrotz wird im Anschluss ebenfalls auf Ekehs Konzept der zwei öffentlichen Räume (civic und primordial) eingegangen, mit dem Korruption durch das Fehlen einer öffentlichen Moral und durch primordiale Verpflichtungen erklärt wird. Der Text bleibt damit aber nur an der Oberfläche der Problematik.
Sung, Hung-En (2002): A Convergence Approach to the Analysis of Political Corruption - A Cross-National Study. In: Crime, Law and Social Change, 38: 137-60
Durch die Verbindung zweier Theorien der Kriminalitätsforschung und der Korruptionsforschung entwickelt der Autor einen Makro-Ansatz zur Erforschung jener Strukturen, welche Korruption ermöglichen. Korruption stellt dabei eine Form rationalen Handelns - bestimmt durch äußere Faktoren - dar. Maßgeblich sind dies: Besondere strukturelle Antriebe (wirtschaftliche Härten, kultureller Partikularismus, Tradition politischer Nicht-Verantwortlichkeit), staatliche Monopole und Eingriffe sowie die Präsenz von Kontrollinstitutionen. Im Vergleich mit Transparency International-Daten zu 99 Staaten (darunter 18 afrikanische) zeigt SUNG, dass die Ausprägung dieser Faktoren über Ausmaß und Form der Korruption in einem jeden Land bestimmten. Für ihn ist Korruption „an […] economic and political problem that has its roots in culture and history.” (S. 156) Allerdings sind die wissenschaftlichen Indikatoren für seine Messungen teilweise fraglich. 39
39 So zum Beispiel, wenn er das Ausmaß traditioneller, partikularistischer Interessen mit der
männlichen Selbstmordrate bemisst (vgl. S. 151).
Yoyo, Eskor (2002): Underdevelopment and Corruption in the Niger Delta. In: Akani, Christian (Hrsg): Corruption in Nigeria - The Niger Delta Experience. Enugu: 61-78
YOYO stellt in diesem Beitrag für eine Korruptionskonferenz 35 Thesen auf, in denen er Korruption unmittelbar mit den Prinzipien von Akkumulation, Individualismus und Privateigentum - wie sie der Kapitalismus beinhaltet - in
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Verbindung bringt. Vor diesem Hintergrund ist beispielsweise auch die Bevorzugung der eigenen Verwandtschaft zu sehen, da versucht wird, Wohlstand in der Familie zu halten. In einer wirklich kommunistischen Gesellschaft wären korrupte Praktiken nicht möglich.
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40 Hervorhebung (fett) der in der thematischen Einführung (Teil 1) verwendeten Texte.
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Hannes Hechler, 2003, Die Ursachen der Korruption in Afrika - Eine Frage der Kultur? , München, GRIN Verlag GmbH
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