GLIEDERUNG
Einleitung : Die Rhetorik des Aristoteles. 4
1. Geschichtlicher Hintergrund der Entstehung der Rhetorik. 4
2. Ausgangspunkte der aristotelischen Überlegungen. 5
3. Die Rhetorik des Aristoteles 6
4. Vorgehen 7
Teil I: Die Schrift zur Rhetorik des Aristoteles. 8
1. Bestimmung der Rhetorik 8
2. Die Dialektik 8
2.1 Gemeinsamkeiten zwischen Rhetorik und Dialektik 9
2.2 Die Form der Rhetorik 10
3. Gegenstand der Rhetorik. 11
4. Die Redegattungen 11
5. Ethos. 14
6. Pathos 15
6.1 Die Affekte 15
6.2 Das Ethos des Hörers. 15
7. Logos. 16
7.1 Das Enthymen. 17
7.2 Das Wahrscheinliche 17
7.3 Die Meinung (endoxa) 19
7.4 Die Indizien 19
7.5 Das Beispiel (Paradigma) 20
7.6 Die Sentenz als Teil des Entyhmem. 21
7.7 Das Argument. 21
8. Das Verhältnis von ethos, pathos und logos 23
2
Teil II: Analyse der Rhetorik von Aristoteles. 25
1. Rhetorik bei Platon, den Sophisten und Aristoteles 26
2. Voraussetzungen der aristotelischen Rhetorik 27
2.1 Die Rhetorik als techne 28
2.2 Die aristotelische Wissenschaftseinteilung 30
2.3 Praktische Philosophie und apodiktische Wissenschaften 30
2.3.1. Gegenstand der praktischen Philosophie 30
2.3.2 Rhetorik und praktischen Philosophie. 31
3. Analyse der Grundbestimmungen der Rhetorik 31
3. 1 Die Sachbezogenheit der Rhetorik 32
3.2 Ethos 33
3.3 Pathos 33
3.4 Logos. 36
3.5 Zusammenfassung 37
4. Problemstellung: Rhetorik als Methode der politischen Wissenschaften? 38
4.1 Die aristotelische Dialektik 39
4.2 Verwendungsweisen der Dialektik 39
4.3 Wahrscheinlichkeiten und Meinungen. 40
4.4 Zusammenfassung 42
4.5 Die Topoi. 42
4.5.1 Die Rolle der Topoi in der Rhetorik. 43
4.5.2 Zusammenfassung 45
5. Schlussbetrachtung. 47
5.1 Ergebnisse der Analyse. 47
6. Anhang. 49
6.1 Siglenverzeichnis 49
6.2. Literaturverzeichnis. 50
3
Einleitung: Die Rhetorik des Aristoteles
1. Geschichtlicher Hintergrund der Entstehung der Rhetorik
Die Entstehung der antiken Rhetorik ist auf Verhandlungen über
Wiedergutmachungen nach der Zeit der tyrannischen Herrschaft 1 zurückzuführen. Nach deren Beseitigung und der Errichtung der Demokratie 2 wurden Streitigkeiten vor den Gerichten vorgebracht. Dadurch entwickelte sich eine Systematik von Reden und der Berufsstands des Rhetors, der als Kundiger des Gesetzes, Bürger vor Gericht verteidigte.
Die Aufgabe und Ziele der Rhetorik wurde unterschiedlich ausgelegt: Isokrates (* 436 v. Chr., † 338 v. Chr.) eröffnete in Athen die Schule für Redner und wollte durch Reden eine politische und erzieherische Wirkung erzielen; Cicero (*106 v. Chr.; † 43 v. Chr.) römischer Politiker, Anwalt, Philosoph, strebte durch seine Reden literarischen Ruhm, rhetorische Belehrung und politische Wirkung an; Gorgias (*480 v. Chr.; † 380 v. Chr.) ein Hauptvertreter der Sophisten, definierte die Rhetorik als die Herstellerin sowohl der Überredung als auch der Überzeugung. Ähnlich definierte Platon diese im „Phaidros“ als eine „Lenkung der Seelen durch Reden.“ Aristoteles hingegen bestimmte die Rhetorik als die „Fähigkeit, bei jedem Gegenstand das Überzeugende zu erkennen.“ Anders als die Stoiker, für die die Rhetorik lediglich ein Wissen war, gut zu reden. 3
Die wesentliche Struktur und Methode der Rhetorik wurde in der Antike entwickelt 4 und ist in dieser Form bis heute Leitbild.
Der Begriff „Rhetorik“ Der griechische Begriff „techne rhetorike“ beinhaltet Theorie und Praxis der menschlichen Beredsamkeit. Das heißt nicht nur zu reden, sondern auch wirkungsvoll zu reden und das in politisch-rechtlicher wie auch in privater Belangen. Bis ins 19. Jahrhundert hinein variiert seine Wortbedeutung - von der Fähigkeit des „Gut-Reden-Könnens“ bis hin zu einer rein technischen Methode. Auffällig ist, daß im Laufe der Geschichte die theoretischen Überlegungen vor allem innerhalb der Politik stark an Bedeutung verloren. 5
1 Christian Meier hebt hervor, dass die politische Bedeutung mit dem Abnehmen adliger
Gefolgschaften mit dem Fehlen von Parteien zusammenhängt. Vgl. Demos.; ZfP 25; 1978; S. 26f. 2 J. Schindel untersuchte den Zusammenhang zwischen demokratischen Hochkulturen und
Redetheorien. Er stellte fest, dass die Demokratie als Entstehungsbasis für die Rhetorik ist, nicht im Sinne eines schöpferischen Aktes, sondern aufgrund der Wechselwirkung von Praxis und Theorie, Nützlichkeit und Erfahrung. aus: C. J. Classen/J. Müllenbrock: Die Macht des Wortes; 1992; 3 Vgl. G. Ueding/B. Steinbrink: Grundriss der Rhetorik; 1994; S. 11ff. 4 aus: Ueding, G./Steinbrink, B.: Grundriss der Rhetorik;1994; S. 21ff.
5 Vgl. Robling, F.-H.; aus: Historisches Wörterbuch der Rhetorik; Hrsg: Ueding, G.; 1992; “Beredsamkeit“
4
2. Ausgangspunkte der aristotelischen Überlegungen
Als Aristoteles die Theorie der Rhetorik niederschrieb befand sich die griechische polis inmitten einer Krise. Der Zerfall der Adelsethik führte zu einer der Vergrößerung der Entscheidungsmöglichkeiten der Bürger und begünstigte damit die Ausbildung von Rhetoriklehrern ebenso aber auch die Verbreitung von Demagogen. 6
Bei seinen Überlegungen für eine gerechtere Gestaltung der polis ging er von zwei Grundannahmen aus:
1. Erstens betonte er die Fähigkeit des Menschens zur sprachlichen Verständigung über gemeinsame Werte durch den Besitz von Sprache und logos (gr. zoon logon echon). 7
2. Zweitens nahm er selbstverständlich an, dass der Mensch als ein von Natur aus staatsbildendes Wesen (gr. physei zoon politikon 8 ) ist, der von Natur aus auf die staatliche Gemeinschaft 9 bezogen ist. Insofern verstand er den Staat nicht als ein Kunstprodukt, sondern ein natürliches Gebilde indem der Mensch seine wahre Natur verwirklicht 10 , der in seinem Meinungen und Handelungen immer schon an die gegebenen Sitten, Institutionen und Gesetze einer polis-Gemeinschaft gebunden ist.
Da nicht nur die Verfassung und Sozialordnung auf die polis einwirken, sondern auch Wirtschaftskräfte und die Mentalität der Bürger eines existierenden Staates, ist es für die Politik unentbehrlich, ein Hilfsmittel zu haben, mit denen Überzeugungsmittel herausgearbeitet werden können um das Ideal einer politischer Gemeinschaft realisieren: 11
„Man muss eine solche Staatsordnung einführen, zu der sich die Bürger von den bestehenden Verfassungen aus leicht überreden lassen und an der sie von den bestehenden Verfassungen leicht teilnehmen können.“ 12
6 Vgl. Ritter, J.: Philosophisches Wörterbuch; 1969; S. 211
7 Der Hinweis auf die Sprache ist deshalb so aufschlussreich, weil damit die Möglichkeit bloßer Instinktsteuerung und bloßem kognitivem Lernen ausgeschlossen ist, d.h. der Mensch kann sein Dasein durch Kommunikation besser bewältigen. Vgl. Nusser, Karl-Heinz: Studienbrief Ethik; 1998; S. 15ff.; Syntaktische Fragen stellten sich für Aristoteles nicht, da für ihn Sprache noch kein isolierter Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung war. Die moderne Betrachtung der Sprache als relativ autonomes System von Zeichen und Regeln war ihm fremd. Vgl. H. Flashar; Doxographie, 1983; Logik und Sprache; S. 323ff. 8 Vgl. Politik 1253a3
9 Diese ist nach Aristoteles bestimmt als Gemeinschaft der freien Bürger: „Wenn man bei Lebewesen aber die Seele für einen wesentlicheren Teil als den Körper hält, so muss man auch bei Staaten für wesentlichere Bestandteile als die, welche bloß für die Befriedigung des Notdürftigen hinarbeiten, folgende halten: den Krieger- und Richterstand, und dazu den beratenden Stand.“ Vgl. Politik 1291a24
10 Vgl. Nusser, Karl-Heinz: Studienbrief Ethik, Stark Verlag 1998, S. 15f. 11 Vgl. Sprute, J.: Philosophie und Rhetorik bei Platon und Aristoteles; 1992; S.29-45 12 Vgl. Politik, 1289a1-2
5
Damit ist gleichzeitig das Ziel dieser Arbeit formuliert: wie können rhetorisch staatsphilosophische Ziele zum Wohl der Bürger in einer gemäßigten Demokratie, in der der Mittelstand staatstragend ist, umgesetzt werden. 13
3. Die Rhetorik des Aristoteles
Aristoteles versteht Politik als den Ort, an dem die Vervollkommnung von Menschen nur wirksam sein kann, wenn sie nicht nur sprachlich anleitet werden, sondern auch substantiell sprachlich politische Ideale vermittelt bekommen. 14
Diese ethisch-politische Dimension stellt die erste Besonderheit der aristotelischen Rhetorik dar. Demgemäß ist derjenige eher in der Lage das Rechte in der polis zu verwirklichen, der von einer normativ richtigen Theorie der Rhetorik geleitet ist und weiß, wie und mit welchen Mitteln er andere überzeugt kann und wie ethisch-politisch falsche Ratschläge und Argumente erkannt werden können.
„Es ist Aufgabe des Wissenden bei jedem, was er weiß, selbst den Trug zu meiden, und den, der ihm verfällt, entlarven zu können.“ 715
Dazu bedarf es einer Theorie, einer Struktur, die Aristoteles mit seiner Lehre zur Verfügung stellt. Ob der Redner dann erfolgreich überzeugt, kann er nicht garantieren, nur dass er auf eine Rechte Weise argumentiert. Das sich das „Richtige“ durchsetzt, ist für Aristoteles keine Frage der Technik, sondern abhängig von Vielerlei, daß er in seiner Rhetorik zusammenfaßt, ein methodisches Wissen von Ursachen und Gründen des Überzeugens, um Urteile des Rechten besser durchsetzen zu können. 16
Die zweite Besonderheit der aristotelischen Konzeption ist, dass die aufgestellten Argumente nicht nur Sachverstand erkennen lassen, sondern auch den Charakter des Redners, die allgemeinen Meinungen und Gefühle ansprechen und berücksichtigen.
Der Gegenstandsbereich der Rhetorik ist das Wahrscheinliche, Dinge, deren Existenz vom Handeln abhängig sind, ein Bereich also, die sich auch anders verhalten kann 17 . Dieser Bereich des menschlichen Handelns, der nur eine relative Sicherheit und Gewißheit bietet, beinhaltet trotz aller Ungewißheit Wissen.
13 Vgl. Sprute, J.: Philosophie und Rhetorik bei Platon und Aristoteles; 1992; S.29-45
14 Vgl. in dieser Arbeit, Fußnote 7 15 Vgl. Rhetorik 1357a5ff. 16 Vgl. Eggs, E: Die Rhetorik bei Aristoteles; 1984 17 Vgl. Rhetorik 1357a5ff
6
Die Vorstellung, dass Wahrheit und Stringenz vom untersuchten Gegenstand bestimmt wird, gilt nach Aristoteles für die Rhetorik, da die Argumentation ihrem jeweiligen Gegenstand, Publikum, Redner und Ort angemessen sein muss. 18
Die Besonderheiten der politisch-ethischen Dimensionen innerhalb der aristotelischen Rhetorik nachzuweisen, ist das Ziel dieser Arbeit, d.h. wie Aristoteles die politischethische Zuordnungen bestimmt und realisiert.
4. Vorgehen
Der erste Teil der Arbeit bestimmt das Wesen und den Charakter der aristotelischen Rhetorik. Methodisch wird im ersten Schritt die Rhetorik zu anderen Disziplinen abgegrenzt; im zweiten Schritt erfolgt die Bestimmung des Gegenstands der Rhetorik.
Die Abgrenzung konzentriert sich auf folgende Fragen: Welche Bedeutung hat die Dialektik für die Rhetorik; welche Relevanz haben Ethik und Politik für die Rhetorik; und welche Bedeutung haben die Überzeugungsmittel logos, ethos und pathos 19 .
Die anschließenden Erörterungen der Redegattungen beantwortet die Fragen: Wie kann ein Redner überzeugen und welche Mittel stehen ihm für die öffentliche Rede zur Verfügung? Die technische Eingrenzung erfolgt die Methode des logos, die durch die Überzeugungsmittel, dem Enthymem und dem Beispiel bewiesen wird.
18 In der NE behandelt Aristoteles den Gedanken zwischen Gegenstand und Rede auch auf den Exaktheitsgrad der jeweiligen Wissenschaft: „Darauf zielt „Wir werden uns aber mit demjenigen Grade von Bestimmtheit begnügen müssen, der dem gegebenen Stoffe entspricht. Denn man darf nicht bei allen Fragen die gleiche Präzision verlangen, wie man es ja auch nicht im Handwerklichen tut. Das Edle und Gerechte, das der Gegenstand der politischen Wissenschaft ist, zeigt solche Unterschiede und solche Unbeständigkeit, dass man vermuten könnte, es beruhe nur auf dem Herkommen und nicht auf der Natur. Dieselbe Unbeständigkeit besteht auch im bezug auf die Güter; (...) Da wir nun über solche Dinge und unter solchen Voraussetzungen reden, müssen wir damit zufrieden sein, in groben Umrissen das Richtige anzudeuten; und wenn wir bloß über das zumeist Vorkommende reden und von solchen ausgehen, so werden auch die Schlussfolgerungen dieser Art sein. Auf dieselbe Weise hat nun aber auch der Hörer alles, was wir sagen werden, aufzunehmen. Denn es kennzeichnet den Gebildeten, indem einzelnen Gebiet nur so viel Präzesion zu verlangen, als es die Natur des Gegenstandes zulässt. Andernfalls wäre es, wie wenn man von einem Mathematiker Wahrscheinlichkeitsgründe annehmen und vom Redner zwingende Beweise fordern würde.“ Vgl. NE 1094b11ff. 19 Ethos, logos und pathos stellen die aristotelischen Überzeugungsmittel dar. In dieser Arbeit wird ethos für ethos des Redners, pathos für die Verfassung des Hörers, und Logos als schlussfolgernde Rede des zum Ausdruck kommenden Denkens verwendet. Vgl. Eggs, E.: Die Rhetorik bei Aristoteles; 1984; S. 216ff; Weitere Ausführungen siehe Teil II; Kapitel 7.1. Entyhmem
7
Teil I: Die Schrift zur Rhetorik des Aristoteles
Formal gliedert sich das Werk in drei Bücher: Buch I handelt von der Rede, ihren Formen und Gattungen; Buch II erörtert die Überzeugungsmittel und -wirkungen und Buch III schließt mit der Ausdrucksweise und den Redeteilen.
Ausgangspunkt der Überlegungen zur Rhetorik ist die Auseinandersetzung mit Platon Überlegungen zur Rhetorik, der Postulate der Rhetorik formuliert und an die Aristoteles anknüpft und gleichzeitig das Ziel seiner Schrift festlegt: Die Rhetorik als techne zu sichern. 20
1. Bestimmung der Rhetorik als techne
Im ersten Buch der Rhetorik erörtert Aristoteles die Rede zunächst Formen und Gattungen und beginnt sein Werk mit der ersten Definition der Rhetorik:
„Die Theorie 21 der Beredsamkeit ist das korrespondierende Gegenstück 22 zur Dialektik; denn beide beschäftigen sich mit Gegenständen solcher Art, deren Erkenntnis auf eine gewisse Weise allen gemeinsam ist und nicht einer speziellen Wissenschaft. Daher haben auch alle auf irgendeine Weise Anteil an beiden; denn alle bemühen sich bis zu einem gewissen Grade, ein Argument zu prüfen bzw. zu stützen sowie sich zu verteidigen oder anzuklagen.“ 23
Aristoteles grenzt damit seine Konzeption der Rhetorik deutlich zur Dialektik ab.
2. Die Dialektik
Der Begriff Dialektik 24 bezeichnet ein Sich-Unterreden zweier Personen. Als akademische Gesprächskunst hat sie die Aufgabe, Dialoge zu untersuchen und Probleme menschlichen Sprechens zu analysieren. Bedeutend für die Rhetorik ist die Dialektik hinsichtlich ihrer Argumentationslehre. 25
20 Vgl. Sieveke, F. G.: Aristoteles Rhetorik; 1995; S. 314f.
21 Vgl. Rhetorik 1354a 1ff. nach der Übersetzung von Sieveke, F.G.
22 Aristoteles spielt hier auf die Auseinandersetzung mit Platon an. Mit der Formulierung „Gegenstück“ lehnt Aristoteles sich an Platons Bemerkung im Gorgias (465D 7f.) an. Dort hatte Platon die verschiedenen Künste und Scheinkünste in geometrische Proportionen zueinander gesetzt: die Medizin und Gerichtsbarkeit zu deren „Schattenbildern“, der Kochkunst und Rhetorik. Aristoteles greift die Beziehung von Platon auf und setzt sie als Programm gleich zu Beginn seiner Abhandlung. Der Unterschied zu Platon ist in der Zielsetzung begründet: Aristoteles betrachtet das Verhältnis pragmatisch, nicht normativ wie Platon. Dieser führt Rhetorik auf eine Schmeichelkunst zurück, Aristoteles hingegen begründet die Rhetorik als techne, die Platon ihr streitig gemacht hatte. Vgl. Hellwig, A.: Untersuchungen zur Theorie der Rhetorik bei Platon und Aristoteles; 1973; S. 44 23 Vgl. Rhetorik I;1.Kap.;1 24 „dialektos“: die Unterredung
25 Vgl. Robling, F.-J.; Historisches Wörterbuch der Rhetorik; Ueding, G.; 1992; Begriff „Dialektik“
8
2.1 Gemeinsamkeiten zwischen Rhetorik und Dialektik
Die erste Gemeinsamkeit zwischen Rhetorik und Dialektik ist, daß beide keiner Wissenschaft zugehörig und in ihrem Anwendungsbereich unbegrenzt sind. 26 Ausgehend von dem Wahrscheinlichen suchen beide aus dem Vorrat an allgemeinen Meinungen Argumente und prüfen diese auf die Anwendbarkeit zur Verteidigung eines Standpunktes. 27 Bezugspunkt beider ist ein Gegenüber: in der Dialektik der Gesprächspartner, in der Rhetorik der Zuhörer. Aufgabe des Redners ist es, Glaubwürdiges zu erkennen und zu vermitteln. 28 Da es jedoch dem Redner nicht immer gelingt, sein Publikum zu überzeugen, ebenso wie ein Arzt nicht in jedem Fall die Gesundheit seines Patienten wiederherstellen kann, 29 steht nicht das Ergebnis einer Rede im Vordergrund.
Darin liegt das Wesen der Rhetorik begründet: Sie ist ein Vermögen, dynamis, für deren Anwendung die Beherrschung der techne, einer Kunst, entscheidend ist 30 . Aristoteles definiert die Rhetorik aus dem Blickwinkel des Redners, versteht sie aber nicht als eine Überredungstechnik, sondern als eine bestimmte Art und Weise des Erkennens und Untersuchens. 31
„Rhetorik stelle das Vermögen dar, bei jedem Gegenstand das möglicherweise Glaubenerweckende zu erkennen. ... und an jedem vorgegebenen Gegenstand zu untersuchen.“ 32
Es ist nicht Aufgabe der Rhetorik zu lehren, sondern das Überzeugende zu erkennen und die Situation gerecht zu untersuchen. 33
Rhetorik kann sowohl für als auch gegen einen Sachverhalt argumentieren, 34 sich glaubwürdiger oder auch scheinbar glaubwürdiger Argumente bedienen. 35 Die Überzeugung durch scheinbar glaubwürdige Argumente - wie bei den Sophistenberuht auf der Absicht zu täuschen. Da die Täuschung ein menschliches Phänomen ist, bedarf der Mensch geeignete Erkenntnismittel, um diese zu entlarven. Die Rhetorik wie auch die Dialektik sind ein Hilfsmittel für Erkenntnis.
26 Vgl. Rhetorik 1354a1-3
27 Vgl. Ebd. 1355a31-33 28 Vgl. Rhetorik 1355b10-11 29 Vgl. Topik 101b5-10; Übersetz: E. Rolfes
30 Vgl. NE 1112b10-11; Für Aristoteles beschäftigt sich eine techne nicht mit dem telos selbst, sondern nur mit der Überlegung, wie dieses Ziel erreicht werden kann. Vgl. Sieveke, F. G.: Aristoteles Rhetorik; 1995; Fußnote 3; S. 228 31 Vgl. Rhetorik 1355b10; 1355b26; 1355b33 32 Vgl. Ebd. 1355b35f. 33 Vgl. Ebd. 1355b25f. 34 Vgl. Ebd. 1355a33-35 35 Vgl. Rhetorik II, 2 Kap.;12
9
Ihre Gemeinsamkeit beschränkt sich auf dem Finden von Erkenntnis. 36 Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Methode: 37 1. Die Dialektik kann gleichermaßen theoretisch wie praktisch angewandt werden; 38 die Rhetorik hingegen kann theoretisch angewandt werden, ist aber tatsächlich auf den praktischen, ethisch-politischen Bereich beschränkt. 39 2. Die Dialektik behandelt allgemeine Probleme 40 , die Rhetorik hingegen bezieht sich auf konkrete Sachverhalte. 41
3. Die Dialektik besteht aus der Frage-Antwort-Methode; die Rhetorik aus einer zusammenhängenden Rede.
Ihr Hauptunterschied liegt in der Ausrichtung begründet: Die Rhetorik ist auf die publikumswirksame Rede ausgerichtet und unmittelbar auf Dinge ausgerichtet, die die polis berühren. 42
2.2 Die Form der Rhetorik
Aufgrund der strukturellen Gemeinsamkeiten, steht die Rhetorik der Dialektik sehr nahe. Daher bezeichnet Aristoteles die Rhetorik zu Anfang seiner rhetorischen Lehre als Gegenstück zur Dialektik. Als Hilfsdisziplin ist sie ein „Seitenspross der Dialektik und derjenigen Art wissenschaftlicher Untersuchungen, die sich mit den Charakteren beschäftigt und zu Recht politisch genannt wird.“ 43
An einer anderen Stelle heißt es, die Rhetorik habe teils Ähnlichkeit mit der Dialektik, teils mit den sophistischen Argumentationsanweisungen. 44 Die Dialektik und ein bestimmter Teil der politischen Wissenschaft sind nach diesen Stellen für die Rhetorik konstitutiv. Denn für die argumentativen Überzeugungsmittel, welche die Rhetorik erörtert und zur Anwendung bereitstellt, u.a. für den rhetorischen Syllogismus, das sog. Enthymen, greift die Rhetorik auf die Ergebnisse der Dialektik zurück.
Der Zweck der Rhetorik ist die Überzeugung, wobei es sich nicht um beliebige Überzeugungen oder Meinungen handelt, sondern um solche, die auf irgendeine
36 Der Grund beruht auf dem allgemeinen Charakter des dialektischen Schlussverfahrens: Das dialektische Schließen wie das rhetorische Argumentieren ist immer an andere Mitmenschen gerichtet und von daher von dessen Bestimmung abhängig. Vgl. Sieveke, F. G.: Aristoteles Rhetorik; 1995; S.226. Siehe auch diese Arbeit: Teil II; Kapitel 2.1.Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Dialektik und Rhetorik
37 „Beide (Rhetorik und Dialektik) sind in gleicher Weise mit im Gegensatz Stehenden beschäftigt. Die zur Behandlung stehenden Sachverhalte verhalten sich jedoch nicht in gleicher Weise, sondern .. sind immer das besser zu beweisende.“ 38 Vgl. Topik 104b1-17 39 Vgl. Rhetorik 1355b26-27 40 Vgl. Topik 105 b19ff 41 Vgl. Rhetorik 1356a25-27
42 Vgl. Hellwig, A.; Untersuchungen zur Theorie der Rhetorik bei Platon und Aristoteles; 1973; S. 43ff. 43 Vgl. Rhetorik 1356a25-27 44 Vgl. Ebd. 1359b9-12
10
Weise den Endzweck der politischen Wissenschaft befördern, da die Rhetorik ja Hilfsdisziplin dieser sein soll. 45
Es zeigt sich, dass die Rhetorik nicht isoliert betrachtet werden kann.
3. Gegenstand der Rhetorik
Die Rhetorik kann prinzipiell jedes Thema behandeln. 46 Ausgegrenzt sind wissenschaftliche Diskurse, da die Rede allgemein verständlich sein soll.
„Je mehr jemand nun aber die ... Rhetorik nicht als Fähigkeit, sondern als Wissenschaft auszubilden versucht, desto mehr wird man unvermerkt ihre eigentliche Natur gerade dadurch vernichten, dass man durch Überschreiten ihres Gebietes sie zu Wissenschaften von irgendwelchen bestimmten Inhalten ausbildet, statt von Worten allein.“ 47 So sind die Gegenstände der rhetorischen Beratung diejenigen Angelegenheiten, für die keine systematische Wissenschaft zuständig ist. 48
Ihre Gegenstände sind Dinge, „über die wir uns beraten,“ 49 Dinge, die unentschieden sind und über die argumentiert wird, um zu einem Urteil zu gelangen. Diese liegen im Bereich des menschlichen Handelns, der nicht exakt wissenschaftlich messbar ist und im Wahrscheinlichen liegt, 50 das die Möglichkeit des Andersseins in sich birgt.
Da der Bereich des „Wahrscheinlichen“ sehr weitläufig ist und zahlreiche Ausprägungen des Andersseins zulässt, ist auch die konkrete Ausprägung der Rhetorik entsprechend vielfältig. Aristoteles kategorisiert diese Ausprägungen in seiner Abhandlung über die „Redegattungen.“
4. Die Redegattungen
Aristoteles unterscheidet drei Arten von Redegattungen, 51 denen jeweils ein unterschiedlicher Gegenstandsbereich obliegt:
1. die politische Beratungsrede 52 bezieht sich auf ethische und politische Verhältnisse, deren „Beeinflussung in unserer Macht stehen“. Sie behandelt nur Mögliches und solches, das auf uns zurückgeführt werden kann und dessen
45 Vgl. Eggs, E.: Die Rhetorik bei Aristoteles; 1984; S. 56ff.
46 Vgl. Ebd. 1355b25-27 47 Vgl. Ebd. I; Kap; 4 48 Vgl. Ebd. 1357a 1-2 49 Vgl. Ebd. 1357a2 50 Vgl. Ebd. 1357a25-27 51 Vgl. Rhetorik I, Kap. 2-3 52 Vgl. Ebd. I, Kap. 4-8
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Mag Brigitte Vrochte, 2001, Rhetorik und Politik bei Aristoteles , München, GRIN Verlag GmbH
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