Inhaltsverzeichnis
1. Auf der Suche nach Gold, Gewürzen und Drogen
2. Arzneipflanzen aus Südamerika
2.1 Voraussetzungen und Entdeckungshoffnungen
2.2 neues Wissen durch Botaniker und Ärzte
2.2.1 Martin de la Cruz
2.2.2 Francisco Hernández
2.2.3 Nicolás Monardes
2.2.4 José de Acosta
2.2.5 Thomas Harriot
2.2.6 Der Orden der Jesuiten
2.3 Pflanzen rücken ins Bewusstsein der Europäer
2.3.1 Cochenille
2.3.2 Sarsaparillawurzel
2.3.3 Sassafras
2.3.4 Tabak
2.3.5 Chinarinde
3. Die Sonderrolle des Guajakholzes
3.1 Exkurs: Syphilis - der Schock der Renaissance
3.2 Pflanze und Heilmittel Guajak
3.3 Guajakforschung: Gonzalo Hernández de Oviedo y Valdes und Ruiz Diaz de Isla
3.4 Von Hutten und andere Empfehlungen
3.5 Paracelsus und andere Kritiker
4. Der Stellenwert der Handelsware Guajakholz
4.1 Exkurs: Einblick in die Rolle der oberdeutschen Handelshäuser in der damaligen
Wirtschaftswelt
4.2 Kontroverse Sudhoff - Strieder (1933/34)
4.3 Position Munger (1949)
4.4 aktuelle Positionen: Vöttiner-Pletz und Stein
4.4.1 Vöttiner-Pletz (1990)
4.4.2 Stein (2003)
5. Das moderne Europa auf der Suche nach neuen Heilmitteln
6. Anhang
6.1 Weitere Tabellen und Diagramme
6.2 Quelle: Paracelsus
6.3 weitere Bilder
6.4 Abkürzungen der Archive und Bibliotheken
6.5 Literaturverzeichnis
6.5.1 Quellen
6.5.2 Sekundärliteratur
6.6 Stichwortverzeichnis
2
Danksagung
Für meine Masterarbeit schulde ich vielen Menschen großen Dank. Besonders möchte ich mich bei Herrn Prof. Dr. Reinhard Wendt bedanken, der mit seiner hervorragenden und konstruktiven Betreuung zum Gelingen dieser Arbeit beitrug.
Ein Dankeschön richte ich an all diejenigen, die mich während dieser Arbeit unterstützt haben. Ganz herzlich möchte ich mich bedanken bei meiner Familie und bei meinem Partner, der mich stets bestärkt hat. Sie haben mir die ganze Zeit den Rücken frei gehalten und so den Studienabschluss erst ermöglicht. Daher widme ich ihnen diese Arbeit.
3
1. „Auf der Suche nach Gold, Gewürzen und Drogen“
Hauptaugenmerk der Arbeit ist die historische Darstellung der neuzeitlichen Medizin beeinflusst durch die Neue Welt sowie die Einordnung des Guajakholzes in Bezug auf seinen Stellenwert in der Syphilistherapie und als Handelsware. Die Untersuchung beleuchtet das therapeutische Spektrum des „heiligen Holzes“ sowie Voraussetzungen und Hintergründe für den Wandel der europäischen Medizin.
Schon seit der Antike wurden in Europa exotische Arzneimittel und Gewürze, wie Muskat, Pfeffer, Gewürznelken, Zimt und Ingwer verwendet. Für die höheren Schichten galt deren übermäßiger Gebrauch als Statussymbol; das gesamte Abendland frönte „einer regelrechten Gewürzsucht, der es nahezu sein gesamtes Edelmetall opfert(e)“ 1 . Jene Sucht gepaart mit der Hoffnung auf ein lukratives Geschäft war die treibende Kraft der Entdeckungsfahrten der Spanier und Portugiesen. „Diesen Gewürzhunger mit vermehrten Importen zu günstigeren Preisen 2 zu befriedigen und damit die eigenen Gewinne zu vergrößern, gehörte zu den zentralen Motiven, die europäische Kaufleute oder politische Machthaber veranlassten, nach direkteren Zugriffsmöglichkeiten zu suchen.“ 3 Die gerade in diese Zeit fallende Entwicklung hochseetüchtiger Schiffe und Seeinstrumente stellte ihnen die nötige Grundlage, um diese Überseefahrten zu unternehmen. Menninger schilderte die Aufbruchsvoraussetzungen folgendermaßen, „ein Konglomerat aus ideologischen und wirtschaftlichen Motiven (begründete) Europas Griff nach der außereuropäischen Welt. (…) Die wohl stärkste
Triebfeder war der Hunger nach Edelmetallen, gespeist aus individueller Habgier, aber auch volkswirtschaftlichen Bedürfnissen.“ 4 Neben Gold und Gewürzen suchten die Europäer auch nach neuen Absatzmärkten.
Von der spanischen Krone finanziert brach Christoph Columbus auf und stieß im Oktober 1492 auf einen bis dahin unentdeckten Kontinent, der anfänglich noch für die Ostküste Asiens gehalten wurde. Doch die Hoffnung auf Handelsmöglichkeiten oder in den Neuen Ländern auf bekannte und einträgliche Drogen zu stoßen wurde enttäuscht. „Die begehrten ‚indischen’ Gewürze fanden sich nicht. Aber die Erforschung und Kolonisation des amerikanischen Kontinents brachte zahlreiche bislang unbekannte Arzneidrogen nach Europa.“ 5 Aufgrund der strikten Anweisung der spanischen Krone, möglichst vielseitige Informationen aus den neuen Gebieten zu sammeln, berichtete Columbus und seine Besatzung von neuen Bäumen, Pflanzen und Ölen, „which could be of immense pharmalogical importance; but since they could speak of them only in terms of what could be found in Europe, their information was incurrate and misleading.“ 6
Weitere Triebfeder der Expansion in die Neue Welt war die Suche nach neuen Nahrungs- und Heilmitteln. Neu entdeckte Kulturpflanzen wie Kartoffeln oder Mais wurden im Alten Europa heimisch, beeinflussten die dortigen Küchen und Gewohnheiten und auch Landschaften 7 . Mit der Expansion rückten auch neue Genussartikel - wie Kaffee, Schokolade oder Tabak - ins
1 Braudel 1985 S. 231
2 So konnte man beispielsweise 1522 für 1 ½ Reichsgulden (90 Kreuzer) 463 kg Weizen, 59 kg Rindfleisch, 15 Spanferkel oder 17 kg Karpfen erwerben - aber nur knapp 1 kg Pfeffer, ½ kg Zimt oder 200g Muskatblüte. Das entsprach (…) dem Jahreslohn einer Dienstmagd, während sich die Jahreseinkommen des Schulmeisters auf 3 ¾, des Bäckers auf 12 und des Wundarztes auf 16 Gulden beliefen.
3 Wendt 1999 S.207 ff.
4 Menninger 2004 S.99
5 Wulle 1999 S.79
6 Talbot 1976a S.834
7 „Maize is still less highly esteemed in Europe than wheat (…) Potatoes are the leading vegetable in the world.“ (Hamilton 1976a S.876f.)
4
Bewusstsein der Europäer. Bereits im 16. Jahrhundert wurden diese aus Amerika exportiert. Hier bildeten die Amerikareisenden die Schnittstelle zwischen der Alten und der Neuen Welt. 8 Die Absichten der Konquistadoren wandelten sich jedoch mit den Entdeckungen: nicht mehr der Handel stand mehr im Vordergrund, sondern die wirtschaftliche Erschließung der Neuen Welt. 9 Als einer der ersten ahnte Michel de Montaigne 10 die reziproken Folgen der europäischen Expansion, durch die die altbekannte Welt sich plötzlich ins Endlose erweitert hatte. „Diese Entdeckung eines unendlichen Gebietes scheint von großer Bedeutung zu sein. Ich weiß nicht, ob ich dafür stehen kann, dass in Zukunft nicht noch andere dergleichen gemacht werden, so viele größere Persönlichkeiten als wir waren über diese im Irrtum. Ich fürchte fast, dass unsere Augen größer sind als unsere Mägen und unsere Neugierde größer als unsere Fassungskraft. Wir greifen nach allem, aber fassen nur den Wind.“ 11 Auch der zeitgenössische Archäologe Warwick Bray 12 charakterisierte die anfangs nicht abschätzbaren die Folgen der europäischen Expansion in The Meeting of Two Worlds treffend: „The Columbian discovery of the New World gave rise to major biological changes of an extent which had probably never occurred so rapidly before in the history of human populations.“ 13
2. Arzneipflanzen aus Südamerika
„Nachdem die Entdeckung Amerikas weitere botanische Schätze erschlossen hatte, setzte nun die explosionsartige Globalisierung und der interkontinentale Austausch von Nutzpflanzen unter kolonialer Kontrolle ein.“ 14 Die Pflanzenvielfalt Amerikas beeindruckte schon die Konquistadoren „und noch heute verfallen plant hunters dem Zauber der immer noch nicht völlig erforschten und klassifizierten Flora des Doppelkontinents.“ 15 Die ersten Pflanzen Amerikas, die in Europa eintrafen, waren Mais, Tabak, Sonnenblume und die Kartoffel. In der Meinung, den Weg zu den Gewürzinseln gefunden zu haben, zielten die Eroberer darauf, den Gewürzhandel an sich zu ziehen. Da Spezereien nicht nur als Statussymbole und Aphrodisiaka, sondern auch als Heilmittel galten, waren sie neben Händlern und Krämern auch bei Apothekern zu erhalten. „Mit der Doppelbedeutung der exotischen Spezerei als Würz- und Heilmittel ist bereits ein drittes Motiv der europäischen Expansion angeschnitten: die Suche nach Drogen.“ 16 Als Christoph Columbus 17 in der Neuen Welt gelandet war, hielt er auch Ausschau nach bisher unbekannten Arzneien. „Auf Cuba will er Mastixharz entdeckt haben - ein traditionell auf der griechischen Insel Chios gewonnenes und in Europa begehrtes Medikament gegen Magenleiden 18 .“ 19 Die Entdecker des Neuen Kontinents stießen auf zahlreiche Drogen, die bis dahin in der materia medica unbekannt waren. „Wo der Entdecker und Eroberer hinkommt, da folgt bald (…) der Kaufmann, der Missionar, der Arzt und der Drogenhändler.“ 20 beschrieb Paul Diepgen 21 die Tatsache, dass auf der Wunschliste der Auftraggeber der Expeditionen Drogenspezialisten meist gleich nach den Mineralkundigen angeführt wurden. Die
8 Vgl. Menninger 2005 S.121
9 Vgl. Van Dülmen 1982 „It is also obvious that the European made large profits and shaped the land and histories of whole areas of the New World by raising American plants on extensive plantations - tobacco, cocoa, paprika, American cotton - and that he cut and gathered guaiacum, sassafras, and other native products for export across the Atlantic.“(Crosby 1972 S.66)
10 Michel Eyquem de Montaigne (1533-1592) Politiker, Philosoph, Begründer der Essayistik
11 Montaigne 1923 S.230 in: Van Dülmen 1982
12 Emer. Prof. für Südamerikan. Archäologie, University College, London.
13 Bray 1993
14 Wendt 1999 S.207 ff.
15 Ewald 1995 S.33
16 Menninger 2004 S.111
17 (1451-1506)
18 Varela, Consuelo (Hg.) (1982) Cristóbal Colón, Textos y documentos completos, Relaciones de viajes, cartas y memoriales, Alianza Editorial, Madrid, S.52
19 Menninger 2005 S.115
20 Diepgen 1949 S.278
21 (1878-1966) Gynäkologe, Wissenschafts- und Medizinhistoriker
5
Heilkundigen, die die Entdeckungsreisen begleiteten, entwickelten sich zu Fachleuten bislang unbekannter Pflanzen und waren sichtlich beeindruckt vom Artenreichtum der amerikanischen Pflanzenwelt, denn „unquestionably no country in the world has afforded so vast a collection of drugs, herbs, and medical plants as America.“ 22
Viele dieser neuartigen Heilmittel wurden rasch in die materia medica eingeführt, was nicht immer bedeutete, dass diese genauso rasch auf dem Markt akzeptiert wurden. Fest steht, dass Kolonialwaren lange Zeit nicht zu den alltäglichen Gebrauchsgütern gehörten. „Tabak, Rohrzucker, Kakao, Vanille oder Farbstoffe galten auf dem europäischen Markt bis ins 18. Jahrhundert und zum Teil bis ins 19. Jahrhundert als Luxusgüter.“ 23 Die Gier nach Gold und Silber blieb jedoch zentrales Motiv der Entdeckungsfahrten, die schließlich in eine aggressive Expansionspolitik führten. „Dann es haben die Spanier von Anfang mit so grossem Begier vvnd Geitz die Ertzgruben an Gold vnnd Silber also gar außgegraben vnnd erschœpffet/ dass man heutigs tags schier kein Kœrnlein mehr darinn findt“ 24
2.1 Voraussetzungen und Entdeckungshoffnungen
Die Entdeckung des unbekannten Kontinents bereicherte die materia medica mit neuen Drogen und nährte die Hoffnung, in der Neuen Welt auf ein universelles Heilmittel zu stoßen. Berichte über die Existenz von Wunderkuren und einer
Panazee 25 nährten einen wachsenden Bedarf an amerikanischen Heilpflanzen in Europa 26 . Jedoch überwog im Alten Europa immer noch die Skepsis an deren Wirksamkeit. 27 Die in Südamerika lebenden Kolonisten halfen sich mit der traditionellen Medizin des Landes - in manchen Fällen weil sie von deren Wirksamkeit überzeugt waren, meist auch nur weil es an europäischen Alternativen mangelte. Die Substitution europäischer Arzneien und die gleichzeitige Suche nach effektiven und auch lukrativen Heilmitteln für die Alte Welt begründeten das botanische Interesse der Konquistadoren. Bis in die 90er Jahre des 16. Jahrhunderts hinein wurden jedoch nur einige wenige amerikanische
Drogen in Europas wichtigsten Heilpflanzenbüchern beschrieben. Dies liegt sicher zum einen an der Langsamkeit, mit der das neue Wissen gesammelt und weitergegeben wurde, zum anderen auch an der
zurückhaltenden Akzeptanz der neuen Heilmittel 28 . Als Beweis für die keimende Akzeptanz einzelner amerikanischer Heilpflanzen lässt sich deren langsam zunehmendes Auftreten in europäischen Büchern ab den 1590er Jahren sehen. In den medizinischen Werken zwischen 1600 und 1800 wurde dennoch gerade die Hälfte der von Monardes beschriebenen Drogen in
22 Munger 1949 S.222
23 Ewald 1995 S.42
24 Harriot 1970d S.136f.
25 „Panazee“ leitet sich von Panakeia ab, der alles heilenden Göttin der Arzneien, die eine Tochter des Asklepios, des bedeutendsten Arztes im archaischen Griechenland, gewesen war.
26 Vgl. Sauer 1976a S.819
27 Vgl.Varey 2000a S.116
28 „The first major English herbal to describe more than one or two medicinal plants from the New World was published in 1597 by John Gerard, a barber-surgeon of London; Thomas Johnson published a posthumous expansion in 1633 (reissued in 1636). Both editions relied heavily on Monardes for American drugs. The first included substantial articles on mechoacan, tobacco, and sassafras, as well as a Caribbean version of mastic. The 1636 edition added articles on guaiacum, sarsaparilla, and minor drugs as balsam of Peru and dragon’s blood, but Johnson was most effusive in praising tobacco.“ (Varey 2000a S.117f.)
6
den medizinischen Büchern der Alten Welt veröffentlicht. Antreibender Motor für die Suche nach neuen Heilmitteln war der Traum eine „Wunderdroge“ zu finden oder auch herzustellen, die alle Krankheiten heilen konnte, einschließlich der Syphilis. Diese Vision versprach einen Funken Hoffnung für die Opfer der grassierenden Epidemien in Europa. Die zahlreichen Veröffentlichungen über die Syphilis und die experimentierfreudigen Heilmethoden zielten auf einen revolutionären Fortschritt der Medizin, der vierhundert Jahre später eine „Panazee“ hervorbrachte, die die Syphilis heilen konnte. Erst mit der Entdeckung des Penicillins war nach jahrhundertelangem Kampf ein Medikament gegen die venerische Krankheit gefunden.
2.2 neues Wissen durch Botaniker und Ärzte
Die europäische Schulmedizin der Renaissance war vom Konzept der Humoralpathologie geprägt. In dieser Vier-Säfte-Lehre 29 , die schon in der Antike von Hippokrates und Galen begründet wurde, liegt der therapeutische Ansatz der zeitgenössischen Medizin. „Jetzt wird das Interesse der europäischen Medizin an den außereuropäischen Gewürzen und den Substanzen Guajakholz, Sarsaparillawurzel und Sassafrasholz verständlich. Ihre purgierende und schweißtreibende Wirkung prädestinieren sie als Mittel für Körperentgiftung uns Regulierung des Säftehaushalts.“ 30 Aus diesem Grund wurde bereits Anfang des 16. Jahrhunderts das schweißtreibende Guajakholz populär. Es wurde nicht nur als Wunderwaffe gegen die in Europa wütende Seuche Syphilis 31 , sondern auch gegen Brust- und Magenleiden, rheumatische Erkrankungen, Wassersucht, Βlasensteine und viele Krankheiten mehr gepriesen. Den gleichen Ruf genossen die ebenfalls schweißtreibende Sarsaparillawurzel und das Sassafrasholz, die in der Neuen Welt entdeckt wurden. 32 Als in der Provinz Venezuela Balsam entdeckt wurde, richtete der spanische König 1531 die Anweisung an den dort amtierenden Gouverneur, dieses wie auch andere „drogas“ nach Europa zu schicken 33
29 Dieses Säfte-Schema beruhte auf der Vorstellung, dass der menschliche Körper aus den vier Kardinalsäften Blut, Schleim (Phlegma), gelber und schwarzer Galle zusammengesetzt sei, die als ein Produkt des Stoffwechsels aus der aufgenommenen Nahrung gedeutet wurden. Diesen Säften wurden wiederum jeweils die Organe Herz, Hirn, Leber und Milz und die Qualitäten Wärme, Kälte, Feuchtigkeit und Trockenheit zugeordnet. (…) Die einzelnen Säfte konnten je nach Temperament - Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker und Melancholiker - natürlicherweise vorherrschen. Unter Berücksichtigung dieser naturgegebenen Besonderheiten bezeichnete ein ausgewogenes Verhältnis der vier Säfte Gesundheit. Krankheiten und Organbeschwerden brachte man dagegen mit einem ins Ungleichgewicht geratenen Säftehaushalts in Verbindung, wobei der medizinkundige Heiler eine entsprechende Therapie zu dessen Regulierung zu verordnen hatte (Schöner, Erich (1964) Das Viererschema in der antiken Humoralpathologie, Franz Steiner-Verlag, Wiesbaden; Jütte 1991 S.42ff).
30 Menninger 2005 S.123f.
31 Vgl. Munger 1949
32 Monardes 1989a S.109ff., 117ff.
33 Otte, Enrique (Hg.) (1959) Cedularios de la Monarquía española relativos a la provincial de Venezuela, Band 1, Fundación John Boulton y Fundación Eugenio Mendoza, Caracas, S.63 in: Menninger 2005 S.116
7
2.2.1 Martin de la Cruz
Neuspanien - das heutige Mexiko - wurde als Spaniens Vizekönigreich besonders intensiv auf seine Pflanzenwelt untersucht. Im Jahr 1552 schrieb der aztekische Kräuterarzt Martin de la Cruz die Bilderhandschrift Libellus de medicinalibus indorum herbis in Náhuatl-Sprache, welches später von Juan Badiano, einem Indianer aus Sochimilco, ins Lateinische übersetzt wurde. Der Codex Badianus ist heute Bestandteil der medizinischen und wissenschaftlichen Handschriften-Sammlung der Vatikanischen Bibliothek. 34 Im Jahr 1940 hat Emily Walcott Emmart eine Faksimile-Ausgabe mit ausführlich kommentierter Übersetzung ins Englische und Verzeichnissen der aztekischen, der Drogen- und der Krankheitsnamen herausgegeben.
2.2.2 Francisco Hernández
Anm.d.Verf.) den Gebrauch zahlreicher Drogen, die jedoch immer allein oder in einfachen Rezepten angewendet werden.“ 38 Erstaunlich war für seine Zeitgenossen die Verwendung reiner Heilmittel statt der in Europa üblichen Mischungen verschiedenster Drogen. „Wunden werden mit einfachen Arzneien behandelt oder deren Pulver bedeckt (…) Selten gebrauchen sie zusammengesetzte oder gemischte Arzneien.“ 39
Im Jahr 1580 befahl Philipp II. seinem Arzt Nardo Antonio Recchi, eine Auswahl von Hernández’ Natural History of New Spain herauszugeben. Recchis Manuskript wurde allerdings erst 1615 in Mexico City unter dem Titel Quatro libros De La Naturaleza veröffentlicht 40 .
34 Vgl. Wolters 1999b S.2
35 (1527-1598) König von Spanien, einziger überlebender legitimer Sohn Karls V.
36 (1514/17-1587)
37 Vgl. Menninger 2005 S.116
38 Hein 1984 S.88f.
39 Hein 1984 S.85
40 „The first substantial selection of the writings of Hernández to appear in print was the Quatro libros (Mexico City, 1615)“ (Varey 2000b S.117)
8
2.2.3 Nicolás Monardes
Ein Forscher, der sich besonders um die Einführung amerikanischer Drogen in Europa verdient gemacht hat, war Nicolás Monardes 41 . Der aus Sevilla stammende Arzt hat sich zahlreiche ausländische Heilpflanzen verschafft und diese nicht nur in seinem Privatgarten sondern auch in dem schon 1554 viel gerühmten „Drogenmuseum“ gesammelt 42 . „Seine Kenntnis der amerikanischen Mittel hat er sich durch Nachforschungen bei Leuten erworben, welche aus dem neuen Erdteil zurückkehrten, wozu er in Sevilla, dem Sitz des ‚Rat von Indien’ reichliche Gelegenheit hatte“ 43 Jeden Heimkehrer aus der Neuen Welt befragte er und legte die Ergebnisse in seiner Schrift Dos libros en quel uni quel trada de todas las cosas que se traen de nuestras que sirven al uso de medicina nieder, die in den Jahren 1565 bis 1571 in drei erweiterten Auflagen erschien. Monardes war zwar nicht selbst in Amerika gewesen, er prüfte jedoch die ihm vermittelten Materialien, Rezepte und Indikationen und erweiterte die Angaben mit eigenen Erkenntnissen. In seinen Publikationen widmete er sich besonders den amerikanischen Arzneien. „Den spanischen Erstausgaben folgten in zahlreichen Auflagen verbreitete Übersetzungen, so ins Lateinische, Englische, Italienische.“ 44 Seine Schrift erschien in fünfzig Editionen in verschiedensten Sprachen. Die englische Version von John Frampton, einem Händler aus Dorset, erschien 1577 unter dem Titel Joyfull Newes Out of the Newe Founde Worlde. Framptons Übersetzung machte Monardes zum prominentesten spanischen Arzt seiner Zeit in Europa.
Monardes Interesse an mexikanischen und peruanischen Drogen
gründete jedoch nicht nur in seinem Beruf als Arzt, sondern auch in seinen weiteren Handelsgeschäften 45 . Monardes betrieb einen einträglichen Handel mit Produkten aus dem neuen Kontinent 46 . Er beschrieb Sevilla als großen Pharmaziehandelsplatz, der zu dieser Zeit erfüllt war von Händlern aus Genua, Frankreich, England und Deutschland, und führte zahlreiche importierte Drogen an. Zu Amber bemerkte er beispielsweise: „There is brought muche quantitie of liquid amber to Spaine (...) to perfume in thinges of sweete smelles, wasting it in place of.“ 47 Monardes beschrieb die therapeutische Wirkung einer langen Liste amerikanischer Pflanzen, von denen manche in Europa nur als getrocknete Rinde, Blätter oder Harz bekannt waren -Sarsaparille, Sassafras, Coca, Chinawurzel, Guave, Sonnenblume, Guajakholz und viele mehr. 48 Er veröffentlichte die erste naturgetreue Abbildung einer Tabakpflanze. 1574 berichtete Monardes von einem indianischen Arzt, der auf der Insel Española 49 einen Spanier mit Guajakholz von einer
Geschlechtskrankheit geheilt habe, mit welcher dieser sich bei einer Indianerin infiziert hätte. Weiter beschreibt Monardes Guajakholz auch wirksam gegen Gicht, Blasen- und Nierenleiden, Wassersucht, Asthma, Gelenkschmerzen und Schwellungen und „alle anderen Krankheiten, gegen die unsere Medikamente nicht helfen.“ 50 In dieser Aussage zeigt sich die europäische
41 (~1493-1588)
42 „Monardes was still considered important, but Hernández can be seen profitably in the context of the other Spanish medical writers working and writing in Mexico at much the same time.“ (Varey 2000a S.143)
43 Stünzner 1895 S.3
44 Wulle 1999 S.79
45 vor allem Sklavenhandel, aber auch Handel mit Waren aus der Neuen Welt
46 „According to his own account, he tried on his own patients many of the drugs his contacts brought to the wharves of Seville.“(Varey 2000a S.112)
47 Monardes, op. cit., note 27 above, fol. 15v in: Huguet-Termes 2001 S.368
48 Sneader 2005 S.33f.
49 heute Haiti
50 Vgl. Wolters 1994 S.145
9
Überschätzung des lignum sanctum. 51 Monardes beschrieb Guajak als das beste Heilmittel gegen die Syphilis und begründete dies unter anderem mit der Herkunft dieser Droge. „Our Lord God [willed that] from whence the evill of the Poxe came, from thence should come the remedy for them.“ 52 Damit vertrat Monardes das in Europa vorherrschende Axiom, dass Heilmittel an den Orten zu suchen wären, von welchen die betreffenden Krankheiten stammen. Obwohl seine Berichte ausschließlich aus zweiter Hand kamen, war es sein Werk, das verschiedene amerikanische Heilmittel in den ersten 150 Jahren nach Columbus’ Entdeckung in Europa bekannt machte. Dennoch blieben diese ersten Augenzeugenberichte, einschließlich derer von Hernández, lange Zeit unveröffentlicht und unbeachtet 53 .
2.2.4 José de Acosta
José de Acosta 54 war ein spanischer Jesuit, Missionar und Gelehrter. Er kam im Alter von 31 Jahren nach Peru und wurde dort Provinzial seines Ordens. Als er 1588 nach Europa zurückkehrte, wurde er Rektor der Universität Salamanca. Seinen Berichten verdankt man frühe Kenntnisse über die Nutzpflanzen Südamerikas. So berichtet Acosta unter anderem über die Kartoffelkultur in Peru und beschreibt dabei auch deren Krankheiten. Sein Werk Historia natural y moral de las Indias wurde 1590 veröffentlicht, also beinahe ein Jahrhundert nachdem Columbus auf den neuen Kontinent stieß. Zu dieser Zeit waren die Römisch Katholische Kirche und die Spanische Krone die mächtigsten Kräfte. Daran liegt es auch, dass die Missionsorden (Franziskaner, Dominikaner und Jesuiten) von enormer Wichtigkeit in der Kolonisation der Neuen Welt waren 55 .
Acostas Buch ist keine Kräutersammlung, sondern eine Zusammenstellung seiner Beobachtungen der Naturgeschichte der Neuen Welt. Es enthält ausgiebige Beschreibungen von Bezoarsteinen, Perubalsam, Kakao und Coca und ebenso kurze Bemerkungen über andere Drogen, wie Tabak, Mechoacan, Guajak und Sarsaparilla. 56 „Im 29. Kapitel seines Werkes erwähnt Acosta eine Reihe von Vegetabilien samt deren Anwendungsgebiete, jedoch ohne diese detailliert zu beschreiben. (…) Des Weiteren führt Acosta die Sarsaparille (…) auf, die es in Peru wohl gebe, von der aber eine noch viel bessere Sorte aus Guayaquil (Ecuador) komme. 57 Die Wurzel der Sarsaparille gewann als Antisyphilitikum derart an Popularität, dass sie das Guajakholz, welches bislang als Mittel der Wahl gegen Syphilis gegolten hat, fast völlig verdrängte.“ 58 Auch über die amerikanischen Hölzer schrieb Acosta - das Brasilienholz sei von
51 „Monardes was not the first to recommend guaiac, a resin exuded from the heartwood of the small West Indian tree known now as Guaiacum officinale L. This was already in wide use against syphilis, then generally believed to have been imported into Spain on the return from the West Indies of those who sailed with Columbus. Infected Spanish colonists on observing that the indigenous population were treating the similar disease of yaws with guaiac promptly concluded it would also cure syphilis. Their view was bolstered by the ability of large doses of guaiac to induce diuresis, expectoration, purgation and profuse sweating. For those familiar with humoral medicine, no better indication of efficacy need have been sought. They even went so far as to recommend the resin for the relief of rheumatism and gout. When guaiac failed to cure syphilis, there were other herbs from the same region they could turn to, such as china root (Smilax china L.) or sarsaparilla (S. aristolochia).“ (Sneader 2005 S.33f.)
52 Monardes in: Varey 2000a S.114
53 „Inasmuch as he never visited the new World, it is ironic that it was his work, not that of firsthand observers such as Cruz, Sahagún, and Hernandez, that was most frequently cited in European descriptions of America drugs before 1650.“ (Varey 2000a S.112)
54 (1539/40-1599)
55 „Acosta’s book was also written at the intersection of the Renaissance revival of the Greco-Latin tradition and the emergence of something unexpected within that tradition. A heretofore unknown but impressive mass of land and an intriguing variety of people.“ (Acosta 2002 S. xvii)
56 Vgl. Varey 2000a S.118
57 Die Sarsaparille wurde schon vor der Ankunft der Spanier bei den Eingeborenen als Heilmittel benutzt und in Europa um die Mitte des 16. Jahrhunderts bekannt.
58 Anagnostou 2000 S.145f.
10
hochroter Farbe und diene zur Herstellung von Tinte, das Guajakholz 59 sei so schwer wie Eisen und versinke somit in Wasser 60 . Da es in der Neuen Welt unzählige aromatische Hölzer gebe, wäre es ihm unmöglich, alle zu berücksichtigen. „Schließlich hebt Acosta den Tabak hervor, der zwar eine gemeine Pflanze sei, jedoch über außergewöhnliche Kräfte (…) verfüge.“ 61 Acosta beendete die Kapitel über pflanzliche Heilmittel mit einer knappen philosophischen Betrachtung, einer kurzen Darstellung seines Weltbildes.
Die Historia natural y moral de las Indias gilt als frühe Natur- und Völkergeschichte aus jesuitischer Sicht. Acostas Werk ist nicht nur eine Sammlung von Wissen, sondern darüber hinaus eine Übermittlung von persönlichen und tradierten Erfahrungen, welche sowohl die antiken Autoritäten als auch die christliche Tradition ihren Hintergrund hat.
2.2.5 Thomas Harriot
Der englische Mathematiker, Naturphilosoph und Astronom Harriot 62 gründete die English School of Algebra. Er unterrichtete unter anderem Navigation
in der Vorbereitungsphase des Siedlungsversuchs in Virginia, an welchem er auch teilnahm. 1588 veröffentlichte er die Schrift
A brief and true report of the new found land of Virginia.
In seiner
Warhafftigen Abconterfaytung der Wilden in America
aus dem Jahre 1603 berichtete Harriot darüber, unter „welcherley
Gestalt sie (die Indianer Anm.d.Verf.) ihre Krancken zu heylen pflegen“
63
Unter anderem beschrieb er den Gebrauch von Tabak als Heilmittel:
„Sie haben auch ein Kraut/ welches die Floridaner Vbauuoc heissen/ die Brasilianer nennen es Petum, die Spanier Tabaco, Dieses Krauts Bletter rechtschaffen getrůcknet/ legen sie auff einen theil einer Rœren/ da sie am weichsten ist/ wann diese Bletter angezůndet/ nemmen sie die Rœren / da sie am engsten ist/ in den Mund/ vnd ziehen also den Rauch dardurch so starck in sich/ dass er
inen zum Munde vnd Naßlœchern widerumb heraußgehet/ vnd also zugleich hæuffig die Flůsse heraus ziehen.“ 64 Auch das Auftreten der Syphilis wurde von Harriot erwähnt, „Zu
den Franzosen sind diese Vœlcker unsonderheit sehr geneyget/ für welche Kranckheit inen die Natur auch sonderliche Artzney gegeben vnnd mitgetheilet hat.“ 65 , genauso wie Harriot die Ausfuhr von Guajakholz zur Behandlung der in Europa wütenden Syphilis beobachtete. „Darumb fůhren die Spanische Kauffleuth (…) aus der Insel Hispaniola Hæut/ Zucker/ die große purgierende Cassien Rœhren/ vñ Frantzosen Holtz dass von den Einwohnern Guaiacan 66
59 (palo de Guayacan, Palo Sancto, Palo de las Indias) Guaiacum officinale L. und Guaiacum sanctum L., Zygophyllaceae. Vgl. Vöttiner-Pletz 1990
60 Acosta 2002 S.222. Das Holz von Guaiacum officinale ist sehr hart und hat ein spezifisches Gewicht bis 1,3 Vgl. Anagnostou 2000 S.145f. ; Wolters 1994 S.248
61 Anagnostou 2000 S.147
62 (1560-1621)
63 Harriot 1970b S. II
64 Harriot 1970b S.II
65 Harriot 1970b S.II
66 „Diß ist ein grosser Bawm/ an grœsse gleich dem Stein Eychbawm/ æstechtug/ hat viel Marck/ ist schwartz vnd hærter weder der Indianisch Bauwm Ebenus genannt/ hat ein dicke Rinden/ Hartzechtig vnd feyßt/ vnd wann das Holtz důrr vnd trucken ist/ fællt es leichtlich ab/ hat geringe vnd harte Bletter/ vnd dottergeele Blumen/ vnd trægt ein ronde vnd harte Frucht/ vnd hat innwendig Steinlein oder Kernlein/ gleich wie die Mespeln. Es wächst dieser Bawm vberflüssig in der Insel S. Dominici. Dessen Brauch vnd Krafft oder Nutz hat man auff solche weiß erkundiget. Es ward ein Spanier vber die massen hefftgi geplagt/ vnnd litte grossen Schmerzen von der Indianischen Seucht oder Kranckheit/ welche er von einem Indianischen Kæbsweib geerbet hatt. Sie wird darumb die Indianische Seucht (welche etlich die Frantzosen heissen) genennt/ dieweil sie durch Unzucht und Unkeuschheit/ so die Spanier mit den Indianischen Weibern haben getrieben/ erstlich geerbet vnnd bekommen haben. Von denen sie nachmals an
11
genennet wird/ aber von den vnsern Lignum Indicum oder Lignum Sanctum, das ist/ Indianisch oder heylig Holtz/ von wegen seiner wunderbarlichen Wirckung vnnd Kræfften. Zu vnserer zeit wirdt solcher Baum allenthalben in Spanien vnd in der Insel Hispaniola auff den Wiesen vnd in den Gärten mit hœchstem fleiß gepflantzet/ von wegen der vberschwenglichen Vnzucht vnd Geylheit/ so sie in denselbigen Landschafften ohn alle Schande vnd Scheuw offentlich pflegen zutreiben. Wie lang aber GOtt der HERR solchem vnzůchtigen vnd vnkeuschen Leben werde zusehen/ kann ein jeder frommer Christ leichtlich vrtheilen and abnemen.“ 67
2.2.6 Der Orden der Jesuiten
Zur Erforschung der Flora und Fauna des Neuen Kontinents trugen insbesondere die Jesuiten bei. Sie übernahmen das heilkundliche Wissen von den Ureinwohnern Amerikas und schrieben es in zahlreichen Büchern nieder. Nach einer ersten Untersuchung der Schätze des Neuen Kontinents gingen die spanischen Kolonien auf in der Verwaltungsroutine der Kolonialbehörden. Daher stammen Berichte über Land und Flora aus dieser Zeit (1600-1767) überwiegend aus der Feder von Ordensbrüdern, welche in der Indianermission tätig waren. „Spanien überließ ihnen weite Teile von Paraguay, wo von 1608-1767 ein Jesuitenstaat bestand.“ 68
Unter den Missionaren waren einige, die sich außer theologischem auch medizinischpharmazeutisches Wissen erworben haben. Fachlich kompetente Apotheker oder qualifizierte Ärzte waren in der Neuen Welt kaum verfügbar, „so gestaltete sich denn auch die Arzneimittelversorgung in den Städten, auf dem dünnbesiedelten Land und besonders in den entlegenen, nicht selten schwer zugänglichen Missionen eher schlecht als recht.“ 69 Die Missionare mussten sich, wenn sie sich den Zugang zur einheimischen Bevölkerung verschaffen wollten, eigenständig das Fachwissen über Amerikanische Heilmethoden, -mittel undverständnis erwerben. Diese Umstände sind verantwortlich dafür, dass unter den Verfassern der ersten botanischen Studien der Neuen Welt viele Missionare zu finden sind. „So enthielt die enzyklopädische Historia natural y moral de las Indias des Jesuiten José de Acosta auch die Beschreibung von etwa 150 Pflanzen der Neuen Welt. Acostas deutscher Ordensbruder Johannes Schreck besorgte zusammen mit dem Apotheker Johannes Faber den Druck des Thesaurus rerum medicarum Novae Hispaniae, der im Wesentlichen von Francisco Hernández stammte (…)“ 70
Der Jesuitenmönch Bernabé Cobo 71 veröffentlichte 1654 ein Buch mit dem Titel Historia der Nuevo Mondo, in welchem er auch die Verwendung einer Vielzahl südamerikanischer Heilpflanzen beschrieb. Von ihm stammt auch eine der frühesten Beschreibungen der Chinarinde. Er brachte im Jahr 1632 das Heilmittel auf einem Besuch mit nach Europa. Der lange Aufenthalt - insgesamt 61 Jahre - in Südamerika und seine Position als Priester und Missionar verschafften ihm die seltene Möglichkeit, altes Wissen der einheimischen Bevölkerung zu erfahren und festzuhalten.
die Italiäner/ von den Italiänern an die Frantzosen/ vnd entlich von den Frantzosen an die Teutschen ist kommen. Diesen obgedachten Spanier heylet sein Diener/ der ein Arzt war in der Insel Hispaniola/ welcher ihm das Wasser so er von der Frucht deß Bawms Guaiacan distiliert hatt/ zutrincken gab/ mit welchem Tranck er in allein gesundt gemacht/ vnd ihn von solchem grossen Schmerzen vnnd Noth entlediget. Durch dieses Exempel seynd viel andere Spanier/ die auch mit dieser Kranckheit behafftet/ entledigt vnd curiert worden. Diese Artzney solcher schrecklichen Kranckheit ist baldt zu Hispali geoffenbaret worden von denen so dahin gefahren. Demnach ist sie durch gantz Spanien vnd alle Nationen/ dahin diese Seuche kommen/ausgespreitet worden.“
67 Harriot 1970d S.136f.
68 Wolters 1999b 4 Die Jesuiten behandelten die Missionsindianer übrigens weit besser, as das die spanischen Großgrundbesitzer taten, mit dem Erfolg, dass nach dem Verbot des Jesuitenordens durch Spanien im Jahre 1767 90% der Guarani aus den Missionen flüchteten und Paraguay ruiniert war.
69 Anagnostou 2004 S.16
70 Wendt 1999 S.211f.; Vgl. Hernández 1651
71 (1582-1657)
12
„José de Acosta, Bernabé Cobo und Ignaz Pfefferkorn 72 hatten es sich zur Aufgabe gemacht, das Phänomen der Neuen Welt zu erfassen und in ihren Historischen Erfahrungsraum zu integrieren. (…) All diese Werke bieten daher ein breites Spektrum an Informationen - nicht nur zur Kirchen-, Missions- und Ordensgeschichte, sondern auch zur Kultur-, Natur- und Wissenschaftsgeschichte sowie speziell zur Pharmazie- und Medizingeschichte.“ 73 Die Jesuiten vollbrachten die herausragende Leistung in den spanischen Kolonien ein funktionierendes Apothekensystem aufzubauen und auch zu erhalten. Dieses funktionstüchtige Versorgungssystem existierte nicht nur in der Neuen Welt, sondern breitete sich bald in Europa aus und bereicherte die materia medica des Alten Europa um viele neue Heilmittel. 74 „So waren es auch die Jesuiten, die die weltberühmte Chinarinde, das älteste Malariamittel, und das Wissen über ihre Heilwirkung nach Europa und schließlich bis nach Fernost brachten. Nicht umsonst kenn man in Europa das Rindenpulver auch unter dem Namen Jesuitenpulver.“ 75 So mancher Missionar entwickelte sich zum hervorragenden Kenner der einheimischen Phytotherapie und hielt sein Wissen für andere Heilkundige schriftlich fest. Ein Experte der einheimischen materia medica war der spanische Jesuit Pedro Montenegro 76 . Er widmete sich insbesondere der Botanik südamerikanischer Drogen und deren Umsetzung in der Heilkunde. Sein umfängliches Wissen publizierte er in seiner materia medica misionera. Dieses Werk genoss in den spanischen Kolonien bald hohes Ansehen und wurde oft vervielfältigt. Einen großen Beitrag zur Erforschung der südamerikanischen materia medica leisteten insbesondere die weit entlegenen Missionsstationen. „Aus dem religiös motivierten Bedürfnis heraus, den Kranken zu helfen, erforschten sie ihre Umgebung nach verfügbaren Heilmitteln und nahmen dabei gerne die fundierten Kenntnisse der Eingeborenen in Anspruch“ 77 Die Jesuiten entwickelten sich zu Experten der Ethnomedizin und -pharmazie. Sie verstanden es meisterlich, die materia medica der Alten Welt mit dem Arzneischatz des Neuen Kontinents zu verbinden. Ihre erworbenen Kentnisse veröffentlichten sie in zahlreichen Schriften und verbreiteten diese über die Jesuitenkollegien. So leistete dieser Orden einen großen Beitrag zum internationalen Pharmaziewissen- und Heilmitteltransfer. Das einmalige Netzwerk der gut ausgestatteten südamerikanischen Apotheken zur Medikamentenversorgung brach mit der Ausweisung des Ordens 78 komplett zusammen. „Doch das Wirken der Jesuiten als Heilkundige und Pharmazeuten, als Mittler zwischen den Kulturen und Bewahrer von ethnomedizinischem Wissen hat bis heute sowohl in Amerika als auch in Europa bleibende Spuren in der Heilkunde hinterlassen.“ 79
2.3 Pflanzen rücken ins Bewusstsein der Europäer
Zu Ende des 16. und Beginn des 17. Jahrhunderts waren von den neuen Heilpflanzen nur Guajakholz, Sassafras, Tabak, mechoacana und tacamahána im europäischen Gebrauch allgemein verbreitet. 80 Viele der aus der Neuen Welt importierten Drogen erzielten nicht die Ergebnisse, für die sie anfänglich gepriesen wurden. Die Ursache hierfür liegt sicherlich auch
72 (1726-1798) deutscher Jesuit, Missionar und Naturforscher, Verfasser der ersten Landesbeschreibung von Sonora in Mexiko
73 Anagnostou 2000 S.236f.
74 Die amerikanische Materia medica vertraten u.a. Copaivabalsam, Perubalsam, Tolubalsam, Kakao, Mechoacanna, Jalape, Tacamahac, Brechwurzel, Pareira brava, Guajakholz (Guaiacum officinale L. und G. sanctum L.), Giftwurzel, Sassafrasholz, Tabak, Quinoa, Sarsaparille und Kondorfett. (Vgl. Anagnostou 2004 S.17)
75 Anagnostou 2001 S.241
76 (1663-1728)
77 Anagnostou 2001 S.257
78 Das Jesuitenverbot gilt als einzigartiger Vorgang in der katholischen Kirchengeschichte, bei dem der Papst Clemens XIV. im Jahr 1773 den Jesuiten-Orden aufhob und somit dem Papsttum eine wichtige Stütze raubte. In späteren Jahren kemen noch weitere Verbote des Ordens in mehreren anderen Ländern hinzu. In der Schweizer Verfassung beispielsweise gab es bis 1973 ein Jesuitenverbot.
79 Anagnostou 2001 S.259
80 Vgl. Talbot 1976a S.837
13
darin, dass die Pflanzenteile, Wurzeln und Rinden meist weit entfernt von den Häfen, an denen sie zu Schiff kamen, geerntet wurden. Oft wurden sie zum falschen Zeitpunkt geerntet, ungenügend getrocknet, schlecht verpackt über lange Strecken der Hitze und Feuchtigkeit des Landes und später zu Schiff sie der rauen See ausgesetzt. Dennoch riss der Import in den Alten Kontinent nicht ab. „Pierre Chaunu has shown that between 1568 and 1619 at least 209 tons of canafistula (about two and a half million doses), 670 tons of sarsaparilla (about seven and a half million doses), and 930 tons of guaiacum (two and a half million doses) were brought into the port of Seville. 81 “ Noch Ende des 18. Jahrhunderts tauchten auf den Importlisten Hamburgs oder Bremens Guajak (Pockholz), Sarsaparille, Sassafras und Chinarinde - aus Spanien, Portugal, Großbritannien oder Frankreich bezogen - regelmäßig auf. 82 Unter den vielen Arzneimitteln war allerdings kein Präparat, das in Europa für vergleichbare Furore sorgte, wie das Guajakholz 83 . Als wahres Glück für die Medizin gilt die Entdeckung der Chinarinde in Peru, die im 17. Jahrhundert in Europa bekannt wurde und ab diesem Zeitpunkt auch in Arzneibüchern erscheint. Mit ihr hatte die Medizin ein erfolgreiches Medikament, gegen die auch in Europa verbreitete Malaria, gewonnen 84 . Jedoch erst seit den 1950er Jahren gedachte man in Spanien der großen Zeit der spanischen Naturforschung. Die Kolumbier pflegen heute das Andenken an Mutis und in Mexiko wurden seit 1946 kommentierte Auflagen der Werke von de la Cruz, Oviedo, Sahagún, Hernández und Monardes herausgeben. „Damit sind die Leistungen dieser großen Naturforscher der spanischen Kolonialzeit endlich umfassend gewürdigt worden.“ 85
2.3.1 Cochenille
Im Zuge der Entdeckung der Neuen Welt samt ihrer Flora und Fauna gelangten zahlreiche Rohstoffe in das Alte Europa, von denen heute nur noch relativ wenige zum Bestand der europäischen materia medica oder Nutzpflanzen zählen. Zu diesen gehört unter anderem Cochenille, die seit beinahe 500 Jahren als Färbemittel genutzt wird. Der rote Farbstoff spielt heute in der Medizin eine eher untergeordnete Rolle, trotz der vielen ihr zugeschriebenen Heilwirkungen.
Bei den Azteken wurde die im Náhuatl nocheztli genannte Cochenille 86 zur Verbesserung der Mundhygiene und zur Heilung von Wunden verwendet. Auch Hernández berichtete über die Cochenille. Er schrieb ihr, neben ihrer roten Färbewirkung, Eigenschaften als Herz-, Kopfschmerz- und Magentherapeutikum zu. Ebenfalls beschrieb er ihre Nützlichkeit in der Wundbehandlung und Zahnreinigung. Thomas Harriot erwähnte die Cochenille fälschlicherweise in seinem Siedlungsbericht: „Metaquesaunnauk ist eine schœne Frucht/ hat fast die Figur vnd grœsse vnserer Byren/ aber innwendig vnd auswendig sehr rot. Sie wächst an einem gesteudt/ welchs Blætter gar dick sind/ vnd voll stachelter Spitzen. Etliche die in India gewesen sind/ vnnd die kœstliche Farb/Cochinilla genannt/ haben sehen wachsen/ die sagen/ ihr gewæchs sey dieser Metaquesunnauck gleich: Obs aber die rechte Cochinilla sey/ kann ich nicht für gewiß sagen/ sintemal/ wie ich verstanden hab/ gemeldte Cochinilla/ nicht an der Frucht/ sondern an deren Blættern wæchst.“ 87
Um 1700 war die Cochenille bereits in zahlreichen Arzneitaxen aufgeführt, jedoch schwelte bis ins 18. Jahrhundert die Diskussion, ob sie nun ein tierisches oder pflanzliches Produkt sei. Man
81 Chaunu 1956 S. 1022, 1023, 1025,1027; Huguet-Termes 2001 S.368
82 Vgl. die Importlisten bzw. Diagramme zu Sarsaparille, Sassafras und Guajak im fortlaufenden Text.
83 Lignum guaiaci, Lignum sanctum
84 „Nicht von ungefähr bemühten sich die Niederländer im 19.Jahrhundert, die Pflanze auf Java heimisch zu machen. Bis ins frühe 20.Jahrhundert blieb sie dank ihres Wirkstoffes Chinin das einzige effektive Therapeutikum gegen diese Krankheit.“ (Menninger 2004 S.115f.)
85 Wolters 1999b 4
86 Die Cochenille ist der zerriebene getrocknete Körper weiblicher Nopalschildläuse (Dactylopius coccus Costa) , stammt ursprünglich aus Mexiko und lebt auf dem Feigenbaum (Opuntia Ficus-indica).
87 Harriot 1970a S.17f.
14
verwendete die Cochenille als Diaphoretikum 88 , Stimulans 89 , als Diuretikum 90 und Antipyretikum 91 sowie bei Keuchhusten. Im 18. Jahrhundert wurde sie trotz ihrer zahlreichen Anwendungsgebiete nur noch selten zur Therapie eingesetzt. Im 19. Jahrhundert wurde Cochenille hauptsächlich zur Zubereitung von Zahnpulvern und Mundwässern verwendet. Als übliches Therapeutikum war die Cochenille noch bis ins 20. Jahrhundert in den pharmazeutischen Lehrbüchern zu finden.
2.3.2 Sarsaparillawurzel
Die Portugiesen setzten sich an der südamerikanischen Ostküste fest, in der Hoffnung auf Gold-oder Silbervorkommen zu stoßen und damit die Gewürzimporte aus Indien bezahlen zu können. Hierbei bemerkten sie, dass die einheimischen Indianer die Wurzel einer lianenartigen Schlingpflanze als Heilmittel benutzten. Sie setzten die von ihnen genannte „Zarza parilla“ 92 anfänglich als Antidot 93 ein. Aber die Konquistadoren lernten sehr bald von den Indios, ausschließlich deren Wurzel als schweißtreibendes und schmerzlinderndes Heilmittel zu verwenden. 1539 werden erstmals Sarsaparillawurzeln erwähnt. „Die Verbreitung der Wurzel ist sehr schnell vor sich gegangen: auf der Stadtbibliothek von St. Gallen findet sich eine Notiz von Vadianus, die zwischen 1540 und 1545 geschrieben sein soll (…) also nur etwa 5 - 10 Jahre jünger ist wie die frühesten Nachrichten über die Droge.“ 94 Wie bei den Indianern wurde die Sarsaparille nicht ausschließlich zur Behandlung der Syphilis eingesetzt. Ein Grund hierfür ist, dass allgemein die Meinung vorherrschte, eine südamerikanische Pflanze müsse besser als eine europäische gegen eine Krankheit helfen, von der man annahm, dass sie aus diesem Gebiet stammte. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde die „Carça-Parilla“ der Chinawurzel 95 und dem Guajak vorgezogen, wobei sie letzteres in der Syphilisbehandlung so gut wie völlig verdrängte. Ihren Ruf als Spezifikum gegen die Syphilis hat sich die Sarsaparille bis ins Ende des 19.Jahrhundert hinein behalten 96 .
Die Sarsaparille 97 gilt nach dem Guajak als die bekannteste Heilpflanze aus Südamerika. Wegen der ihr zugesprochenen heißen und trockenen Eigenschaften wurde sie - wie das Guajakholzals blutreinigendes Mittel eingesetzt gegen Syphilis, Rheuma und fieberhafte Krankheiten 98 . Monardes 99 berichtete, dass die im Náhuatl zarzaparrillal mecapatli oder quauhmecapatli genannte Wurzel in Spanien schon um 1545 herum bekannt war und man ausgiebig von ihr Gebrauch machte. 100 „Monardes weiß auch schon, dass die Wurzeln der Sarsaparille sehr weit in die Erde gehen, und dass man oft mannestief graben muss, um sie zu erlangen.“ 101 Der Spanier hatte auch beschrieben, dass die Indios nur die Wurzelrinde verwenden und deren
88 schweißtreibendes Mittel (griech. δια = durch, ϕορειν = tragen)
89 anregendes, aufputschendes Mittel (lat. stimulare = anregen)
90 wassertreibendes Mittel(griech. δια = durch, ουρον = Urin, ρεω = fließen)
91 fiebersenkendes Mittel (griech. αντι = gegen, πυρ = Feuer)
92 (span.) zarza = Strauch, parilla = Weintraube
(nach:http://bibdigital.rjb.csic.es/Imagenes/F(4)ASC_Syn_3/ASC_Syn_3_0330.pdf am 26.11.08)
93 Gegenmittel gegen tödliche Gifte
94 Hartwich 1892 S.46
95 Smilax china
96 Vgl. Hartwich 1892 S.47. „Die Sarsaparilla, welche jedenfalls ebenso wenig wirksam ist wie die beiden eben genannten längst verschollenen Vegetabilien (Guajak, Chinawurzel Anm.d.Verf.), hat sich bis auf den heutigen Tag (1895 Anm.d.Verf.) nicht nur bei dem Publikum, sondern auch bei einigen Aerzten in gewissen veralteten, mit Mercur und Jod übersättigten Fällen, im Ansehen erhalten.“ (Proksch 1895b S.197f.)
97 Smilax regelii
98 „Monardes had considered it ‘good for the Dropsy, for the shortnes of breath, for the Falling sicknes, for the evill of the Bladder, and of the Raines [gonorrhea]: for the paynes of the Joyntes: for all evils caused by colde Humors, for ventositie, and for large and importunate diseases, where the ordinarie benefites of Phisitions hath not profited.’ Later other ailments were added.“ (Munger 1949 S.218)
99 Vgl. Monardes 1574
100 Huguet-Termes 2001 S.363
101 Hartwich 1892 S.43ff.
15
Mazerat trinken um das Schwitzen anzuregen 102 . Monardes notierte auch ein Rezept für Sarsaparillasirup: „Man sollte zwei Teile dieser Wurzel mit vier Teilen Guajakholz, 18 Teilen Backpflaumen und Rosinen, Boretschblüten, Veilchen und Gerste mit Wasser aufkochen und bis zur Sirupkonsistenz eindicken lassen. Dieser Sirup sei bereits in ganz Spanien bekannt und wirke milder als die Rosskuren mit Guajak und Sarsaparille allein.“ 103
Die Droge war im 16. Jahrhundert so begehrt, dass die Portugiesen, immer weiter den Amazonas aufwärts drangen, um an die begehrte Pflanze zu gelangen. „Sie missachteten hierbei die im Vertrag von Tordessillas den Spaniern zugesprochene Gebiete auf dem südamerikanischen Kontinent und dehnten auf der Suche nach Gold, aber auch nach der Sarsaparillwurzel, ihr Herrschaftsgebiet so weit nach Osten aus, wie es durch die heutigen Staatsgrenzen gegenüber Chile, Ecuador und Bolivien festgelegt ist.“ 104 Als der Jesuitenpater Acosta, der den Vizekönig Francisco de Toledo ab 1579 auf Inspektionsreisen in der Neuen Welt begleitete und 1587 von Peru nach Spanien zurückkehrte, hatte das Schiff, das ihn zurückbrachte, auch etwa 2,5 t Sarsaparillawurzeln an Bord. In seinem Werk über die Naturgeschichte des Landes, erwähnte er die Sarsaparilla von Peru und eine besonders gute, aus der Provinz Guayaquil, welche gegen eine Vielzahl von Krankheiten benutzt würden, die Syphilis erwähnte er jedoch nicht als Indikationsgebiet. 105 Auch Fracastoro widmete der Beschreibung der Sarsaparille einen großen Raum und empfahl sie wärmstens 106 . Zahlreiche Ärzte haben ihre Anwendung in der Syphilisbehandlung als Alternative zum Guajakholz befürwortet. „In 1649, Culpeper said only that it is somewhat hot and dry, helpful against pains in the head, and joints [. The roots] provoke sweat, and are used familiarly in drying Diet-drinks.“ 107 Durch die Geschäftstüchtigkeit der Augsburger Fugger 108 wurde gegen Ende des 16. Jahrhunderts die amerikanische Sarsaparille-Wurzel in großen Mengen nach Deutschland eingeführt und arzneilich verwendet. Das Handelshaus der „Fugger in Augsburg spezialisierte unter ihren ‚Materialien’ Tabak, Sarsaparilla, Guajak, Hydrargyrum, dessen Förderung es von 1525 bis 1645 in Almaden als erkauftes Recht allein betrieb.“ 109 Der Landgraf Wilhelm IV. der Weise von Hessen 110 , der selber auch als Arzt tätig war und auch Arzneimittel abgab, verordnete seinen Patienten auch Guajak und Sarsaparille, die er von den Fuggern bezog 111 . In dieser Zeit erschien die amerikanische Sarsaparilla erstmals in deutschen Apothekentaxen 112 (Neuburg an der Donau 1601, Freiburg im Breisgau 1607), auf der Anneberger Liste (Arzneitaxe Anm.d.Verf.) wurden die Importdrogen, Chinawurzel und Sarsaparilla, mit jeweils 2 ½ Gulden pro Pfund gehandelt 113 . Am Ende des 16. Jahrhunderts wurde auch in England die amerikanischen Sarsaparille in beträchtlichem Umfang gehandelt 114 : „Für Bremen liegt in den Elsflether Weserzollregistern schon für 1658 die Nachricht vor, dass damals aus Amsterdam 1
102 Vgl. Göpfert 1985a S.997
103 Schmitz 1998 S.150
104 Göpfert 1985a S.1030f.
105 Vgl. Acosta 2002 S.222; Göpfert 1985a S.999; Schmitz 1998 S.150
106 Proksch 1895b S.200
107 Varey 2000a S.115 Sein Zeitgenosse Munting führt in seiner Naauwkeurige(n) Beschrijving der Aardgewassen ebenfalls die Sarsaparilla an: „Sarsaparilla -- Boiled in water or wine, taken twice a day, in the morning and evening, six ounces at a time, hot, for forty consecutive days, the patient to be well covered up, and sweated. Otherwise, two drams of the powder of the dried root, taken with wine, is a very good remedy for the Spanish pox, chronic sickness, fevers, and nervous disorders. Moreover, very useful for all kinds of tumors and foul swellings; gross and viscous humours: an upset stomach, flatulence, cold humors of the mother, harssenen, and many, many other complaints. It also dissolves hardness of the spleen, and causes sweating.“ (Varey 2000b S.192) (Harssenen ist ein Synonym für hersenen = Gehirn.)
108 Schelenz 1965 S.429
109 Schelenz 1965 S.429; Tschirch, Alexander (1932) Handbuch der Pharmakognosie, II/2, Verlag Tauchnitz, Leipzig, S.515.
110 1532-1592
111 Schelenz 1965 S.429 u. 444
112 Schmitz 1998 S.150
113 Vgl. Vöttiner-Pletz 1990 S.125
114 Vgl. Göpfert 1985a S.1001
16
Kasten mit 200 Pfund ‚Salsaparille’ importiert worden sei 115 . Aus dem Angabebuch der Schlachte geht hervor, dass der Bremer Kaufmann Robert Boyes 1806 von St. Thomas 6 Ballen Sassaparille bezog. 116 “
Sarsaparille Hamburg 117
Zu diesem Zeitpunkt waren zwar Aussehen und Beschaffenheit der Droge in Europa bekannt, über die Pflanze selber wusste man aber noch recht wenig. Selbst um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert war das Wissen über Herkunft und Beschaffenheit der Sarsaparillapflanze noch nicht wesentlich angewachsen. 118 Mit der Entdeckung von Salvarsan® und der Antibiotika hat die Sarsaparilla inzwischen ihre Ruf als Antisyphilitikum verloren. Heute zählt man die Sarsaparilla zu den Saponin-Drogen. In manchen Büchern wird ihr eine umstimmende Wirkung auf den Stoffwechsel nachgesagt, welche einen positiven Einfluss auf Hauterkrankungen und Rheumatismus haben soll. Als überflüssig wird die Droge inzwischen nicht mehr in das DAB 119 aufgenommen. 120 Ihr Nutzwert ist heute ziemlich umstritten, daher ist sie inzwischen aus dem Arzneischatz verschwunden.
2.3.3 Sassafras
1562 war im südöstlichen Nordamerika der Fenchelholzbaum 121 entdeckt worden. „Der Baum selbst soll schon 1597 in England kultiviert sein, 1607 besaß Caspar Bauhin Blätter desselben.“ 122 In deutschen Apotheken erschien Sassafras gegen Ende des 16. Jahrhunderts: 1582 in Frankfurt am Main, 1587 in Hamburg und 1609 in Braunschweig. Monardes hatte 1574 Sassafras zur Syphilisbehandlung empfohlen - jedoch nur aus den theoretischen Gesichtspunkten der damals noch geltenden Humoralmedizin heraus. Sassafrasholz wurde jedoch nie eine ernsthafte Konkurrenz zu Chinawurzel oder Guajak. Die Pflanze selbst enthält keine Saponine und wurde von Einheimischen in Florida nicht bei Geschlechtskrankheiten benutzt, sondern bei Fieber. 123
In den Quatro Libros De La Naturaleza von Hernández steht über Sassafras: „The tree from the Province of Florida That They Call Sassafras (1.2.27)
115 StAO (Niedersächsisches Staatsarschiv Oldenburg) Best.20(Grafschaft Oldenburg) Ab D5
116 StAB (Staatsarchiv Bremen) 2 (Ratsarchiv) -Ss.2.a.4.f.1(Handel) Bd17, 1806 Juli 8, in: Schwebel 1995 S.361
117 Vgl. Schneider 2001 S.509
118 Vgl. Schmitz 1998 S.509
119 Deutsches Arzneibuch
120 Vgl. Göpfert 1985a S.1029
121 Sassafras sassafras, syn. Sassafras officinale
122 Hartwich 1892 S.43
123 Vgl. Wolters 1999b 1
17
The sassafras is a large tree that has leaves cut and divided into three sections. The trunks are smooth, shading to a red color, and smell like anise. It grows in the province of San Augustín in Florida and in [the province] of Michoacán. It has a hot and dry nature, almost in the third degree, and subtle qualities, by means of which it helps colic and pains of the side. It is a great remedy for difficulty in urinating and disorders of the kidneys, provided that they proceed from a cold cause. It expels flatulence, opens obstructions, and fortifies the internal organs. It cures asthma and other illnesses of the chest born of a cold cause; it prevents vomiting; it aids the digestion; it relaxes the abdomen; it is greatly beneficial for sterility of the womb; it provokes menstruation; and it is a great remedy for buboes 124 , just as other alexipharmics usually are. It eases toothache; and it clears colds by consuming the cause.“ 125
John Woodall
126
beschrieb 1617 in seinem Medizinklassiker für die Schifffahrt
The Surgeous Mate
die heißen und trockenen Eigenschaften von Sassafras und
begründet damit unter anderem dessen Verwendung als Syphilisspezifikum. 127 Auch in Bremens Importbücher ist Sassafras gelegentlich zu finden:
Bremens seewärtige Sassafras-Einfuhr 128
Auch über den Reexport liegen dank den Lauenfördern Zollregistern einige Angaben vor:
124 Syphilis
125 Varey 2000b S.121
126 (1570-1643) englischer Militärarzt, Chemiker und Diplomat
127 „is of a hot and drie temperament in the second degree, commended in taking away obstructions, corroborating the inward parts, helping the asthmatique and Nephretike, clensing the reines from grauell, discussing winde, good for womens diseases, and against any kinde of fluxion, and the Morbus Gallicus, or French pox it is a good medicine.“ (Woodall 1617 S.98 in: Fabricius 1994 S.54)
128 Vgl. Schwebel 1995 S.359f.
18
Sassafras-Auffuhr Bremen - Hannoversch Münden
Das Öl aus der Wurzelrinde von Sassafras wurde früher zum Aromatisieren von Tabak und Lebensmitteln, gegen Läuse und für die Behandlung von Insektenstichen benutzt. Weiter wurde Sassafras als Bierzusatz für das amerikanische Root Beer verwendet. Heute unterliegt Sassafras in einigen Ländern gesetzlichen Beschränkungen und wird wegen seines hohen Gehalts an dem krebserregenden Safrol als Giftpflanze angesehen. In Deutschland ist Sassafras seit 1981 als Aromastoff nicht mehr zugelassen.
2.3.4 Tabak
Die Spanier kamen erstmals mit dem Gebrauch von Tabak
129
in
Berührung, als Columbus 1492 auf Cuba landete. Columbus und seine Seemänner brachten Tabak und die neue Gewohnheit des Rauchens mit nach Spanien zurück, wenn auch ihre Kenntnis darum noch rudimentär war. Das Heer Karls V. 130 brachte den Tabak Anfang des 16. Jahrhunderts nach Deutschland und wahrscheinlich auch nach Italien. 131 Die ersten Tabakpflanzen die in Spanien eingeführt worden sind, wurden zur medizinischen Nutzung importiert. Schon kurze Zeit nach dem Bekanntwerden des Tabaks in Europa wurde die Pflanze als Panazee von Jean Nicot 132 dem französischen Gesandten am portugiesischen Hof zu Lissabon, gepriesen. Er schickte Königin Katharina de Medici 133 sowohl Tabaksamen als auch pulverisierte Blätter 134 , die am französischen Hof erstmals als Arzneimittel eingesetzt wurden.
130 Karl V. (1500-1558) König von Kastilien und Leon (1506-1556), König von Aragón (1516-1556), Römischdeutscher Kaiser (1519-1556)
131 Vgl. Hamilton 1976a S.861f.
132 (1530-1617) Seigneur de Villemain
133 (1519-1589) Katharina Maria Romula de Medici, Königin und Regentin von Frankreich
134 Vgl. Sneader 2005 S.34
19
Monardes berichtet, dass die Pflanze, die auch in seinem Garten wuchs, in Spanien anfänglich zum Schmuck der Gärten angebaut wurde 135 . Weiter beschreibt er den traditionellen Einsatz des Tabaks bei den Indianern als wundheilendes Mittel. „Übrigens zieht auch das gemeine Volk bei den Indianern zum Vergnügen diesen Rauch durch Mund und Nase, wenn sie mal schöne Träume haben und gleichsam außer sich geraten wollen oder auch den Ausgang ihrer Angelegenheiten, aus den Traumbildern, welche ihnen erscheinen, verkünden wollen.“ 136 Er veröffentlichte die erste naturgetreue Darstellung der Pflanze und beschrieb Tabak als eine wunderbare Panazee, von der er zwar gehört, sie aber nicht gesehen habe. 137 Monardes 138 lobte den Tabak gegen zahlreiche Leiden wie Kopfschmerzen, Vergiftungen, Asthma, Magenschmerzen, Verstopfungen, Nierenleiden, Windkolik, Uterusleiden, Spulwürmer, Gelenkleiden, Auftreibungen, Geschwülste, Zahnschmerzen, Karbunkeln, frische und alte Wunden, Krebs, Flechten und Grind.
Im Jahr 1586 beschrieb der Bremer Arzt Johannes Neander 139 die Indikationsgebiete der Pflanze in seiner Tabalogica. Im Jahr 1598 legte man zur Zeit der Regierung vom Heidelberger Kurfürsten Friedrich IV. erste Tabakplantagen in der Pfalz an, um den Bedarf an Tabak zu Arzneizwecken zu decken. „Die getrockneten und zerriebenen Blätter der Tabakpflanze wurden als Extrakte, Tinkturen, Aufgüsse, Pillen, Pulver, Sirupe und Salben angewendet. Die innerliche Anwendung von Tabaksirup sollte ‚alten Husten’, enge Brust und ähnliche Krankheiten, die von zähem und kaltem Schleim herrührten, vertreiben und Eingeweidewürmer töten. Mit Tabaksaft wurden in Spanien Wassersüchtige behandelt. Auch bei frischen Verletzungen, schlechtheilenden Wunden, Geschwüren, Karbunkeln und Krebs wurde Tabak in äußerlicher Anwendung gebraucht.“ 140
Charles de l’Écluse 141 war als Professor der Botanik in Leiden tätig und hat sich sowohl durch seine Untersuchungen ausländischer Drogen selbst, als auch durch seine Tätigkeit als Übersetzer und Herausgeber der Schriften von Monardes verdient gemacht. Er wurde oft von späteren Pflanzenforschern zitiert. In seinem Exoticorum libri decem aus dem Jahre 1605, das ein längeres Kapitel über amerikanische Medizin enthält, berichtete er auch darüber, dass Tabak auch für Geschwülste, Magenleiden, Asthma und viele Krankheiten mehr verwendet werden könnte - Tabak also eine wahre Panazee wäre 142 . Auch Culpeper, der sich an die Beschreibungen von Monardes und l’Écluse anlehnte, stellte die vielfältige Wirkung des Tabaks dar: „Taken in a pipe it hath almost as many virtues, it easeth weariness, takes away the sence of hunger and thirst, provokes to stool [and] easeth the body of superfluous humours, opens stoppings.“ 143 Weiter äußerte sich auch Thomas Harriot im Jahre 1603 in seiner Warhafftigen Abconterfaytung der Wilden in America über den Gebrauch von Tabak als Heilmittel: „Sie haben auch ein Kraut/ welches die Floridaner Vbauuoc heissen/ die Brasilianer nennen es Petum, die Spanier Tabaco, Dieses Krauts Bletter rechtschaffen getrůcknet/ legen sie auff einen theil einer Rœren/ da sie am weichsten ist/ wann diese Bletter angezůndet/ nemmen sie die Rœren / da sie am engsten ist/ in den Mund/ vnd ziehen also den Rauch dardurch so starck in sich/ dass er inen zum Munde vnd Naßlœchern widerumb heraußgehet/ vnd also zugleich hæuffig die Flůsse heraus ziehen.“ 144
135 Vgl. Stünzner 1895 S.22
136 Stünzner 1895 S.27
137 Sauer 1976a S.819
138 „Hot and dry in the second degree, it had entered medical practice by the 1570s as a medicine that opens obstructed passages to remove cold humours that cause shortness of breath, kidney stones, and stomach-aches. It could also expel intestinal worms and, when applied topically, relieve joint pains and toothaches. Monardes said that the excellent royal physician Dr. Bernardo had experimented successfully with tobacco on a dog intentionally given a ‘venomous wound’. Washing the wound with wine and the crude debridement that Monardes says was usually performed were just as likely to have helped the wound heal.“ (Monardes in:Varey 2000a S.115)
139 (1596-um 1630)
140 Schmitz 1998 S.149
141 (1526 - 1609) syn. Carolus Clusius
142 Vgl. Talbot 1976a S.839
143 Culpeper in: Varey 2000a S.115
144 Harriot 1970b S.II
20
1657 berichtete William Coles über den erfolgreichen Kultivierungsversuch von Tabakspflanzen in Gloucestershire und darüber, dass dem Anbau nichts anderes im Wege stehen würde, als die Zollbürokratie. Er erwähnte die neue Gewohnheit des Rauchens aus Genussgründen. „And
as early as 1657, Coles knew the Náhuatl word for tobacco, picietl, which barely suggests that tobacco smoked in England, was not all best-quality Virginia.“
145
Obwohl Tabak zu
medizinischen Zwecken verbreitet wurde, erreichte er seine Beliebtheit vor allem aus Genussgründen. In England wurde sein Anbau im Jahr 1660 verboten, aber die Siedler in Virginia verdienten gut daran. 146 Die englischen Tabakimporte aus Virgina erhöhten sich von 2.300 Pfund im Jahr 1615/16 auf 14.395.635 Pfund im Jahr 1689. 147 Insbesondere das Tabakrauchklistier erfreute sich im 18. Jahrhundert zunehmender Beliebtheit. Der Tabakrauch, den man „trank“, wurde gleichfalls in den Status eines Arzneimittels erhoben. Im 19. Jahrhundert waren medizinische Zigaretten beliebt, mit weiteren Zusatzstoffen wie Atropin, Tollkirsche, Bilsenkraut, Anis, Bernstein oder Salpeter. „Particularly popular were commercial brands such as Grimaud’s Cigarettes ® containing cannabis resin, Cigarettes de Joy ® containing arsenic, Crevoisier’s Cigarettes ® containing foxglove and Savory & Moore’s Cigarettes ® containing camphor.“ 148 Im Wissen um die gesundheitsschädliche Wirkung von Tabak erscheint es geradezu als Ironie des Schicksals, dass die Einführung des Tabaks durch die Spanier nach Europa vor allem aus medizinischen Gründen erfolgte.
2.3.5 Chinarinde
Das bekannteste Heilmittel aus der Neuen Welt ist die Chinarinde 149 , das erste wirksame Malariamittel. Die auch Fieberrinde genannte Droge stammt von den in den Anden beheimateten, immergrünen Cinchonabäumen ab. Der geographisch irreführende Name „China“ leitet sich von dem indianischen Wort „kina-kina“ 150 ab, das frei übersetzt „Rinde der Rinden“ 151 bedeutet.
Der hohe Stellenwert, der der Chinarinde in der materia medica zukam, liegt in ihrer fiebersenkenden und zuverlässigen Wirkung gegen die Malaria 152 , welche im 16. Jahrhundert mit den Negersklaven aus Afrika nach Amerika eingeschleppt worden war. „Nach spanischen Quellen sind Malariafälle in Amerika erstmals 1534 aufgetreten, nachdem die Truppe des Konquistadors Alvarado auf dem Marsch von Guatemala nach Ekuador die Küstengebiete von Honduras uns Nikaragua passiert hatte, wo damals bereits 200 Negersklaven zwangsweise angesiedelt waren.“ 153 Die Behauptung, die Kenntnis der Anwendung der Chinarinde würde auf „altem indianischen Wissen“ beruhen, gilt heute als widerlegt. Bei der Entdeckung der Rinde im Tal von Loxa waren wohl die Jesuiten involviert. Dafür spricht, dass der Orden die Anwendung der Chinarinde in der Alten Welt propagierte und gleichzeitig zur Geheimhaltung deren Herkunft, diese nur in Pulverform importierten - daher auch der Name „Pulvis Patrum Jesuiarum“ - „Jesuitenpulver“ 154 .
145 Varey 2000a S.144
146 Culpeper in:Varey 2000a S.115
147 Hamilton 1976a S.864
148 Sneader 2005 S.34
149 Cinchonae cortex
150 spanische Schreibweise „quina-quina“
151 Vgl. Wolters 1994 S.74; Wulle 1999 S.82
152 Die durch die Anophelesmücke übertragene Malaria, die ihren Namen (mal aria = schlechte Luft) dem italienischen Arzt Francesco Torti (1658-1741) verdankt, war mit ihren Fieberschüben, deren Stadien in wiederholten Anfällen langsam zum Tod führen, bereits in der Antike bekannt. (Vgl. Schmitz 1998 S.151)
153 Wolters 1994 S.74
154 Vgl. Wolters 1999b 4
21
Erstmals wurde die Rinde den Europäern um 1630 herum bekannt 155 und wurde in den nächsten Jahren von den Jesuiten eingeführt. Schon 1639 wendete eine Anzahl spanischer Ärzte die Droge an 156 . Der Genter Arzt Hermann van der Heyden 157 empfahl in seinem Werk Discours et advice sur les flucs de ventre douloureux als einer der ersten die Chinarinde zur Behandlung der Malaria. Der eigentliche Propagandist der Droge war jedoch Kardinal Juan de Lugo 158 , der bis zum Jahr 1643 am jesuitischen Collegium Romanum in Rom Kirchenrecht lehrte. Er führte 1645 das Rindenpulver in seiner Heimat ein und förderte deren Vertrieb durch die Jesuiten. 159 Der Umstand, dass das Heilmittel von den Jesuiten verkauft wurde, führte zu Streit, der vor allem durch religiöse Auseinandersetzungen geprägt war. Einige Ärzte wollten den Jesuiten ihre Vorrangstellung beim Vertrieb der Fieberrinde nicht überlassen. 160 Kurioserweise lehnten radikale Protestanten eine Behandlung mit der Droge ab. Der englische Diktator Oliver Cromwell 161 beispielsweise starb an der Malaria, weil er nicht mit dem „Jesuitenpulver“ geheilt werden wollte. In dieser Verweigerungshaltung ein Geschäft witternd, stellte der englische Arzt Robert Talbor 162 einen Chinarindenwein 163 her. Dessen Rezeptur verkaufte er teuer im Jahr 1679 an Ludwig XIV 164 .
Obwohl die englischen Ärzte Thomas Willis 165 und Thomas Sydenham 166 den hohen Nutzen der Chinarinde propagierten, konnte sich das Heilmittel erst 30 Jahre nach dessen Einführung in Deutschland durchsetzen. Hier erschien die Droge erstmals 1663 in der Regensburger Arzneitaxe. 167 „In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts findet sich die Droge dann in den europäischen Arzneitaxen, so etwa 1672 in Kopenhagen oder 1682 in Celle. Der Preis lag vergleichsweise hoch: Die Frankfurter Arzneitaxe von 1669 berechnet für ein Quintlein 168 50 Kreuzer, die gleiche Menge Opium kostete 4 Kreuzer.“ 169 Ab dem 18. Jahrhundert spielte die Droge eine immer wichtigere Rolle in der europäischen Medizin - demgemäß stiegen auch die Importmengen. Die Holländer und Engländer gewannen die Rinde nun auch von den in ihre ostindischen Herrschaftsgebiete verpflanzten Cinchonabäumen.
155 Die Geschichte der Chinarinde „ist mit einigen Legenden verbunden. So soll die Gräfin von Chinchon, Gattin des Vizekönigs von Peru, im Jahre 1638 damit von Malaria geheilt worden sein und nach ihrer Rückkehr nach Spanien mit Chinarinde arme Leute geheilt haben. Diese rührende Geschichte hat auch Carl von Linné geglaubt und den Chinarindenbäumen zu Ehren der Gräfin von Chinchon den Gattungsnamen Chinchona gegeben. Tatsache ist aber, dass der Graf in seinen vollständig erhaltenen Tagebüchern nichts über eine Malariaerkrankung seiner Gattin und auch nichts über die Chinarinde geschrieben hat. Und seine Gattin kann die Rinde in Spanien gar nicht verteilt haben, weil sie vor der Rückkehr nach Spanien in Cartagena in Kolumbien verstorben ist.“ (Wolters 1999b 4)
156 Vgl. Wolters 1994 S.77
157 (1572-1649)
158 (1583-1660)
159 Sneader 2005 S.35
160 Vgl. Schmitz 1998 S.151
161 (1599-1658)
162 (1642-1681)
163 „The fact that it was distributed by the Jesuits led to an element of religious bigotry adding to the confusion, and it was only the efforts of an English quack, Robert Talbor that finally ensured Jesuit’s bark a role in medicine. Talbor was an apprentice to an apothecary in Cambridge, where the Professor of Physic, Robert Brady, had begun to prescribe the bark in 1658 during a serious outbreak of malaria. Talbor moved to London, where he treated many cases of malaria with a secret remedy. In 1672, he published a small book called A Rational Account of the Cause and Cure of Agues. In this he warned the public of the dangers surrounding the administration of Jesuit’s bark by the unskilled. Cunningly, he suggested that this remedy should not altogether be condemner, but nowhere did he even hint that he himself had used it! The book boosted his reputation, and King Charles II awarded him a knighthood and issued letters patent appointing Talbor as his physician in ordinary. (…) The following year, King Charles’ judgement was vindicated when he fell ill with tertian fever at Windsor and was cured by Talbor’s secret remedy. (…) it consisted of large doses of Jesuit’s bark infused in wine.“ (Sneader 2005 S.35)
164 (1638-1715) König von Frankreich, „Sonnenkönig“
165 (1621-1675)
166 (1624-1689)
167 Vgl. Wolters 1994 S.74
168 Ein Quintlein (= eine Drachme) entspricht ca. 3,7 Gramm. Die genaue Umrechnungstabelle findet sich im Anhang.
169 Wulle 1999 S.83
22
Diagramm Einfuhr von Chinarinde nach Hamburg 170
Die Einfuhr von Chinarinde nach Bremen ist auch in den hiesigen Schlachtebüchern vermerkt. 171
Bremens seewärtige Chinarindeneinfuhr
Als im 19. Jahrhundert durch den steigenden Bedarf an Chinarinde, die natürlichen Bestände der Bäume zunehmend dezimiert wurden, die Einfuhr der Chinarinde aus Amerika teuer war und zudem ab 1820 die Andenrepubliken sich von der spanischen Herrschaft nach und nach befreiten, versuchten die Europäer neue Anbaugebiete für die Chinarinde zu erschließen 172 . Botaniker sammelten Samen verschiedener Cinchona-Arten für den Plantagenanbau in europäischen Kolonien. „Erfolgreich waren Anbauversuche der Niederländer auf Java ab 1852, allerdings mit relativ chininarmen Arten, und der Engländer ab 1860 auf Ceylon und in Indien. 1867 kamen erstmals Chinarinden aus dem Plantagenanbau in London in den Arzneimittelhandel. Auch eine deutsche Fabrik besaß Plantagen auf Java: die Braunschweiger Chininfabrik Dr. Buchler & Co.“ 173 1820 gelang es Joseph Bienaimé Caventou 174 und Pierre-
170 Vgl.Schneider 2001 S.324
171 Vgl. Schwebel 1995 S.359
172 Vgl. Wulle 1999 S.83
173 Wolters 1994 S.77
174 (1795-1877)
23
Joseph Pelletier 175 das Chinin und seine wichtigsten Isomere aus Chinarinde zu isolieren 176 . Nun wurde die industrielle Chininproduktion aufgenommen: „Bei der Verarbeitung der Chinarinde zur fabrikmäßigen Herstellung der Chinaalkaloide spielte Braunschweig als bedeutender Produktionsstandort eine Rolle. Hier gründete Hermann Buchler 1858 ‚Hermann Buchlers Chininfabrik’, später Chininfabrik Braunschweig, Buchler & Co.“ 177 Chinin 178 war lange Zeit das einzige Malariamittel. Erst unter dem Einfluss von Paul Ehrlich 179 wurden seit 1910 Chininersatzstoffe erprobt. Heute ist Chinin jahrzehntelang erfolgreich durch Synthetika (Resochin, Chloroquin u.a.) weitgehend ersetzt. Wegen der zunehmenden Resistenz der Malariaerreger gegen die synthetischen Medikamente stößt Chinin wieder auf erneutes Interesse 180 .
3. Die Sonderrolle des Guajakholzes
Guajak, auch
Pockholz
oder
lignum sanctum
genannt, galt lange Zeit in der europäischen Medizin
präkolumbianischer Zeit war das Guajakholz in Mittelamerika bekannt, für dessen medizinische Anwendung in dieser Zeit existieren leider keine Belege. Ziemlich bald nach der Entdeckung des Neuen Kontinents wurde Guajacum officinale von den spanischen Forschern beschrieben. Die Droge stieß in der medizinischen Fachwelt auf großes Interesse
aufgenommen. Zu dessen Popularität trugen insbesondere zwei Literaten bei: Ulrich von Hutten und Girolamo Fracastoro. 181 Um der Sonderrolle, die dem Guajakholz zukommt, gerecht zu werden, ist es nützlich, nicht nur ausschließlich über die Droge und deren Geschichte und Anwendung zu schreiben, sondern
Indikationsgebiet, die Syphilis, zu informieren. Heilmittel und Seuche sollten zusammenhängend
dargestellt werden, da der anfängliche Import von
Guajak beinahe ausschließlich der Bekämpfung dieser venerischen Krankheit dienten. Daher wird zum besseren Verständnis des Stellenwerts der Handelsware zunächst die Geschichte der Krankheit Syphilis beleuchtet.
175 (1788-1842)
176 Vgl. Hamilton 1976a S.861
177 Wulle 1999 S.84; Vgl. Schmitz 1998 S.152
178 Chinin kann auch gegen nächtliche Wadenkrämpfe helfen. Chinin wirkt außerdem schwach fiebersenkend und schmerzlindernd. Noch heute wird Chinidin bei Herzrhythmusstörungen und bei Malaria tropica eingesetzt, doch ist Chinin nicht arm an Nebenwirkungen. Deshalb hat man die Suche nach weiteren malariawirksamen Substanzen intensiviert.
179 (1854-1915)
180 Wolters 1996 S.284
181 Vgl. Göpfert 1985a S.725
24
Arbeit zitieren:
Felicitas Söhner, 2008, Neue Welt und neuzeitliche Medizin, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Hexen und Hexenverfolgungen im 16. und 17. Jahrhundert in Luxemburg un...
Vergleich des Prozesses der Ca...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Bachelorarbeit, 57 Seiten
Die Arzneidroge Asa foetida – ein historisches Nervenmittel und Aphrod...
Wissenschaftlicher Aufsatz, 11 Seiten
Die Organisation der medizinischen Versorgung in den Städten während d...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Kurfürst August und die Universitätsreform von 1580 in Kursachsen
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Felicitas Söhner's Text Neue Welt und neuzeitliche Medizin ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Felicitas Söhner hat den Text Neue Welt und neuzeitliche Medizin veröffentlicht
Felicitas Söhner hat einen neuen Text hochgeladen
Die Eroberung einer Neuen Welt
Präkolumbianische Kulturen, eu...
Hans-Joachim König, Michael Riekenberg, Stefan Rinke
Der erste Brief aus der Neuen Welt
Mit dem spanischen Text des Er...
Christoph Kolumbus, Robert Wallisch
Die wahren Entdecker der Neuen Welt
Von den Wikingern bis zu den P...
Tony Horwitz, Harald Stadler
Das Gift des alten Europa und die Arbeiter der Neuen Welt
Zum amerikanischen Hintergrund...
Sabine Schratz
Die jesuitische Berichterstattung über die Neue Welt
Zur Veröffentlichungs, Verbrei...
Galaxis Borja Gonzalez
0 Kommentare