Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung 3
1 Hintergrund 3
1.1 Metaphysik- und Erkenntniskritik 3
1.2 Kontingenz 3
2 Ulrich, der Mann ohne Eigenschaften 5
2.1 Ulrichs Ich 5
2.2 Der Möglichkeitsmensch 5
2.3 Genauigkeit und Seele 6
2.4 Essayismus 7
2.5 Wissenschaft, Moral, Liebe 8
2.6 Selbstfiktionalisierung 9
3 'Eigenschaftslosigkeit' als literarisches Stilprinzip 10
4 Fazit 10
Literatur 11
2
0 Einleitung
Die Eigenschaftslosigkeit des Titelhelden von Musils Roman darf nicht in einem konventionellen engen Sinn verstanden werden, etwas als das Fehlen von 'Qualitäten'. Da Erzählen immer auch ein Zuschreiben von Eigenschaften ist, wäre die epische Darstellung eines Mannes ohne Eigenschaften auch kaum vorstellbar. Ulrichs Eigenschaftslosigkeit ist eine Haltung, die im Folgenden charakterisiert werden soll. Sie weist mehrere Facetten auf, die wesentlich fundiert sind in einer Diagnose der Zeit, in die die Romanhandlung verlegt ist (1913), und in philosophischen Theoremen, mit denen sich der Autor beschäftigt.
1 Hintergrund
1.1 Metaphysik- und Erkenntniskritik
Dem Konzept der 'Eigenschaftslosigkeit' philosophisch zu Grunde liegt ein Anti-Essentialismus, der von Ernst Machs psychophysischem Neopositivismus inspiriert ist. Mach kritisierte damit die Substanzontologie und bezog auch die Vorstellung einer Ich-Substanz ein, wie er es zuspitzte in der berühmten Formel: „Das Ich ist unrettbar“. 1 Eine analoge Auflösung von Substanzen und Essenzen durchzieht Musils Roman.
1.2 Kontingenz
Die Kontingenzproblematik ist eines der Hauptthemen des Werks. Die (so genannte) Wirklichkeit wird als nicht verlässliches Konstrukt erfahren: alles, was ist, könnte genauso gut anders sein. Ständig verändert es sich anomisch-ziellos innerhalb eines Überschusses von Möglichkeiten. In diesem Sinne spricht Ulrich davon, dass die Wirklichkeit sich selbst abschaffe. 2 Die konventionelle, eindeutige, beschränkte Wirklichkeit ist nicht in sich selbst begründet und vernünftig. Das "Prinzip des unzureichenden Grundes" 3 verweist vielmehr auf die Diffusität von Begründungsmöglichkeiten: alles ist kausal, doch zusammenhangslos - es gibt "immer mehr Ordnungen und immer weniger Ordnung" 4 . Immer größere Teilbereiche des menschlichen Lebens und Erlebens werden rationalisiert, ohne dass sich ein Gesamtzusammenhang erkennen ließe. (Satirirsch zeigt dies das Kapitel I 85, in dem General Stumm von Bordwehr keine Einheit oder Hierarchie der Ideen finden kann.)
1 Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Phyischen zum Psychischen. Jena 1900 (2.Ausgabe). S.17.
2 Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften I. Reinbek bei Hamburg 1978 [ : = MoE]. S.289
3 MoE, S.133 (Kapitel 35)
4 MoE, S.379
3
Was Medien und öffentliche Meinung als 'Wirklichkeit' präsentieren, ist durch eine Überflutung mit Berichten überdehnt. Das steht hinter Ulrichs Einfall, Ideen- statt Weltgeschichte schreiben zu wollen 5 . Weltgeschichte wird dementsprechend als schiere Abfolge von Geschehnissen erlebt, die Kontinuität der Zeit zerfällt in atomisierte Gegenwartspunkte, Entwicklung lässt sich nicht mehr sinnvoll denken, was das Prinzip des "Seinesgleichen geschieht" 6 ausdrückt. Der Ausbruch des I. Weltkriegs dementiert dann freilich derartige Geschichtsauffassungen.
Ulrichs Zeit - hier wird ein damals aktueller kulturkritischer Topos aufgegriffen - ist außerdem durch die Möglichkeit zur 'Veranderung' von allem, was 'ich' bin, geprägt; eine allgemeine Substituierbarkeit ersetzt Authentizität und Originalität der Person: es entsteht "eine Welt von Eigenschaften ohne Mann" 7 - Eigenschaften werden zu schematisierten allgemeinen und unpersönlichen Merkmalen (exemplarisch verdeutlicht wird das in Ulrichs Episode mit der Polizei 8 ). Das Erleben wird mediatisiert, damit universalisiert und indirekt. Szientistische Nivellierungen kolonisieren die Lebenswelt; zunehmende Arbeitsteilung versachlicht die Lebenssphären. Die immer weiter gehende Spezialisierung führt zu einer Gesellschaft von Technokraten, die nur an ihren Fachbereichen interessiert sind und nur dafür Verantwortung fühlen. Der Einzelne wird funktionalisiert und löst sich auf in verselbstständigte soziale Rollen. Die Moden und das "Man" - die unpersönliche Öffentlichkeit, die vorgibt, was man tut, denkt, fühlt ... - bieten Halt in der allgemeinen Kontingenz, verursachen aber Ungenauigkeit, die sich vor allem in einer Verschluderung der Sprache (aufgezeigt am Beispiel "genial" 9 ) bemerkbar macht. Dazu oder deshalb ist die allgemeine Aufbruchstimmung der Jahrhundertwende, die "Überhebung der Jugend", an der Ulrich Teil hatte, abgeflaut, vergleichbar dem "Beginn der Mannesjahre", die auch der Held inzwischen erreicht hat. "Wie wenn ein Magnet die Eisenspäne losläßt und sie wieder durcheinandergeraten", hatten sich "alle Verhältnisse [...] ein wenig verschoben", eine Illusion war abhanden gekommen, die Zeit hatte sich verändert, ohne auf Ulrich zu warten 10 .
5 MoE, S.364
6 Titel des zweiten Teils, insbesondere MoE, S.357ff. (Kap.83)
7 MoE, S.150
8 MoE, S.159ff.
9 MoE, S.44-45 (Kap.43)
10 MoE, S.56-58
4
Arbeit zitieren:
Thomas Keith, 1997, Was heißt "eigenschaftslos" in Musils "Mann ohne Eigenschaften"?, München, GRIN Verlag GmbH
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