Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 3
II. Flucht und Vertreibung in Ursachen und Ablauf 5
III. Vertriebenenpolitik in Deutschland 8
a.) Keine Freunde in der DDR 8
b.) Viele (falsche?) Freunde in der frühen BRD 9
c.) Polarisierung und Bedeutungsverlust 13
IV. Fazit und Ausblick 17
V. Quellen- und Literaturverzeichnis 20
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I. Einleitung
Europa befindet sich knapp 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in einer Identitätskrise. Verfassungs- und Vertragswerke der Europäischen Integration stoßen - da wo sie dem Volk zur Abstimmung vorgelegt werden - mehrheitlich auf Ablehnung, die Institutionen der Europäischen Union (EU) sehen sich Akzeptanzproblemen ausgesetzt. Es häufen sich Stimmen, die im unreflektierten Souveränitätstransfer auf eine höhere bürokratische Ebene nicht mehr den Garanten einer gesamteuropäischen Identität sehen. Diese Tendenz rückt die Frage nach einem „geistigen Überbau“, nach der Definition gemeinsamer Kultur, in den Mittelpunkt.
Grundlage jeder Identität ist die Geschichte. Die Verfechter der Europäischen Einigung haben das früh erkannt und versucht geschichtspolitische „Brücken zu bauen“. Sie bemühen dafür die griechische und römische Geschichte der Antike, das karolingische Reich, das Christentum oder die Aufklärung. Kurioserweise werden aber häufig ausgerechnet die letzten 200 Jahre bei der „Europäischen Geschichtsschreibung“ ausgelassen und der klassischen Nationalgeschichtsschreibung überlassen. Der Konflikt zwischen den Nationen und später den Blöcken des 19. und 20. Jahrhunderts hat offenbar zu der Ansicht geführt, die Aufarbeitung und Historisierung sei ebenfalls Sache dieser Einheiten und nicht des Vereinten Europas. Es ist die These des Kulturwissenschaftlichen Institutes (KWI) und seines Direktors Claus Leggewie, dass umgekehrt gerade in der Austragung der erinnerungspolitischen Konflikte, wie sie die letzten Jahrhunderte mit sich brachten, eine gesamteuropäische Identität entsteht.
Diese Arbeit im Rahmen eines Theorieseminars unter dem Dach dieses Institutes soll die Erinnerungspolitik eines dezidierten Konfliktthemas - Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem europäischen Osten - zwischen 1945 und 1982 dokumentieren. Es mag verwundern, dass nicht die aktuelle Diskussion der letzten Jahre zu diesem Thema reflektiert wird. Doch es erscheint mir zielführender, die erinnerungspolitische Auseinandersetzung zunächst an einem abgeschlossenen Zeitraum zu untersuchen und die Erkenntnisse dann auf laufende Prozesse zu übertragen. Der Zeitraum zwischen 1945 und 1982 bietet in Bezug auf Vertriebenenpolitik umfassendes Anschauungsmaterial. Durch Fokussierung auf die beiden deutschen Staaten und insbesondere die verschiedenen Phasen in der Bundesrepublik sollen die unterschiedlichen denkbaren Vorgehensweisen bei der Aufarbeitung und insbesondere deren Zusammenhang zur aktuellen außenpolitischen Lage beleuchtet werden.
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Ziel der Arbeit ist es, auf dieser Grundlage zu skizzieren, wie ein deutscher Beitrag zur europäischen Erinnerungskultur funktionieren könnte.
Wegen des sehr begrenzten Umfangs sollen hauptsächlich zu der formulierten Fragestellung vorhandene Erkenntnisse und Literatur ausgewertet werden. Eine tiefere Analyse unter ausgeprägter Heranziehung von Quellen kann hier nicht geleistet werden. Als weitere platzbedingte Einschränkung muss auf eine Betrachtung der Erinnerungspolitik in den Vertreiberstaaten verzichtet werden. Die europäische Dimension des Themas wird jedoch durch die außenpolitische Einordnung der Vertreibung selbst gewährleistet. Allerdings verstehen sich die im Fazit zu formulierenden Lehren daher „nur“ als Leitlinie für den deutschen Beitrag zur europäischen Erinnerungskultur. Eine Ergänzung um den Zeitraum seit 1982 und die aktuelle Debatte sowie um die Perspektive eines oder mehrerer Vertreiberstaaten bieten sich für anknüpfende Untersuchungen an.
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II. Flucht und Vertreibung in Ursachen und Ablauf
Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten hatte zwei Vorgeschichten. Eine Vorgeschichte im weiteren Sinne hatte ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert, der Hochzeit des Nationalismus. Als Gottesbezug und Legitimitätstheorie des Ancien Regime ausgedient hatten, sollte die ethnische Homogenität zum neuen Ordnungsprinzip der Staaten werden. Da die neuen Nationen jedoch nicht nur so ethnisch einheitlich wie möglich, sondern auch so groß wie möglich konzipiert wurden, waren Konflikte vorprogrammiert. Der Gedanke, diese durch die Verschiebung von Bevölkerungsmassen zu lösen, lag im Klima der Zeit nahe. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war geprägt von der Strategie, nicht nur Herrschaft über Gebiete, derer man sich historisch legitimiert ansah, zu erlangen, sondern die dort lebende fremdnationale Bevölkerung zu vertreiben und durch eigene Staatsbürger zu ersetzen. Die ersten praktischen Durchführungen dieser Art fanden im Umfeld des Ersten Weltkrieges an der südöstlichen Peripherie Europas statt. 1
Dieses Vorgehen wurde (nicht nur) von den späteren Vertreiberstaaten mit Wohlwollen betrachtet, womit wir bei der Vorgeschichte im engeren Sinne sind: In Polen sah eine starke Strömung Oder und Lausitzer Neiße als die Flüsse an, bis zu denen ein polnischer Staat ausgedehnt werden müsse, um lebensfähig zu sein. Diese Gruppe nannte sich in Anlehnung an die polnischen Fürsten des Hochmittelalters, deren Herrschaftsbereich weit nach Westen reichte, „Piasten“ und hatte ihren Vordenker im Nationaldemokraten Roman Dmowski. Die „Piasten“ konkurrierten mit den „Jagiellonen“ um den zeitweiligen Staatspräsidenten Józef Pilsudski, deren Name und expansive Ostorientierung wiederum den einstmaligen Herrschern über Polen-Litauen entlehnt war. Auch die Sowjetunion hatte imperialistische Ziele in ihrem Westen. 2 Das Deutsche Reich wiederum hatte mit der Ostpolitik des nationalsozialistischen Regimes großen Anteil an der Auslösung der Vertreibung und insbesondere der dabei praktizierten Grausamkeit. Vielfach handelte es sich um die Rache der zuvor von Deutschen Angegriffenen, Verfolgten und Geknechteten. Der Überfall auf Polen und die dortige
1 1913 kam es zum freiwilligen Bevölkerungstausch zwischen Bulgarien und der Türkei, es folgte das brutale
Vorgehen der Jungtürken gegen die nicht-türkische Bevölkerung des Osmanischen Reiches während des
Weltkrieges - mit dem Höhepunkt des Genozids an den Armeniern - und der nach dem griechisch-türkischen
Krieg 1922/ 1923 erfolgte, vom neuen Völkerbund ausdrücklich gewollte, Bevölkerungsaustausch zwischen
Griechen und Türken. Vgl. Henke, Klaus-Dietmar: Die Alliierten und die Vertreibung. In: Benz, Wolfgang
(Hrsg.): Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Ursachen, Ereignisse, Folgen. Frankfurt a.M. 1995, S.
59 sowie zum Armeniermord ausführlich: Benz, Wolfgang: Ausgrenzung, Vertreibung, Völkermord. Genozid im
20. Jahrhundert. München 2006, S.54-68.
2 Die UdSSR strebte die Annexion Wolhyniens, Polesiens und der westlichen Ukraine an, die nach der Pariser
Friedensordnung bzw. dem russisch-polnischen Krieg von 1921 nur noch teilweise Moskaus Herrschaft
unterstanden. Dies entsprach der 1919 vom britischen Außenminister definierten und nach selbigem benannten
Curzon-Linie, welche in etwa an der tatsächlichen Sprachgrenze zwischen Polen und Nicht-Polen verlief. Vgl.
Henke, in Benz, Vertriebene, S.61.
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Besatzungspolitik 3 schien den oben beschriebenen polnischen Kräften recht zu geben. Sie war eine radikale Verwirklichung der Idee ethnischer Homogenität. Der deutsche Angriff gegen die Sowjetunion weitete dieses Vorgehen aus 4 und er führte dazu, dass Stalin seine Ziele in Osteuropa nunmehr im Bündnis mit den Westmächten und somit gegen Deutschland verfolgte. Das Ziel der Curzon-Linie konnte er dadurch nicht mehr - wie zunächst im sog. Hitler-Stalin-Pakt vereinbart - auf Kosten Polens realisieren, denn Großbritannien und Frankreich waren als Garantiemächte Polens gegen Deutschland in den Krieg gezogen. Die Konferenzen der Hauptalliierten in Teheran und Jalta einigten sich dementsprechend auf eine Westverschiebung Polens inklusive Austreibung der deutschen Bevölkerung und Umsiedlung der östlich der Curzon-Linie lebenden Polen dorthin - ohne Details und Umfang zu regeln. Aussagen des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt und des britischen Premierministers Winston Churchill belegen, dass auch die maßgeblichen Staatsmänner des Westens aktiv für die Vertreibung eintraten. 5 Die polnische Komplizenschaft bei diesem Vorgehen sicherte sich Stalin nach der Eroberung Ostpolens, indem er die eher gemäßigte polnische Exilregierung in London durch das kommunistische Lubliner Komitee ersetzte. Als die Großoffensive der Roten Armee ab Januar 1945 den völligen Zusammenbruch der deutschen Ostfront herbeiführte, setzte eine massenhafte Flucht aus den Ostprovinzen des Reiches ein. Diejenigen, die blieben oder deren Flüchtlingstrecks von der Roten Armee eingeholt wurden, fielen deren Terror anheim. 6 Im Schlepptau der Roten Armee waren polnische Milizen, die meist dem Lubliner Komitee nahe standen. Sie führten das brutale Vorgehen gegen die deutsche Bevölkerung fort, übertrafen es zum Teil sogar. Es begannen die Wilden Vertreibungen, also das unorganisierte und willkürliche Verjagen deutscher Hausbewohner. Manchmal waren vormalige polnische Opfer oder deren Angehörige die Täter, in den seltensten Fällen jedoch waren die Opfer identisch mit den ehemaligen Tätern. 7 Im März 1945 - die Russen standen bereits an der Oder - „übergab“ Stalin der „Provisorischen Polnischen Regierung“ die preußischen Ostprovinzen mit Ausnahme des
3 Vgl. Benz, Wolfgang: Der Generalplan Ost. Zur Germanisierungspolitik des NS-Regimes in den besetzten
Ostgebieten 1939-1945. In: Ders. (Hrsg.): Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Ursachen, Ereignisse,
Folgen. Frankfurt a.M. 1995, S.45-57.
4 Vgl. ebenda.
5 „Wir sollten Vorkehrungen treffen, um die Preußen aus Ostpreußen auf die gleiche Weise zu entfernen wie
die Griechen nach dem letzten Krieg aus der Türkei entfernt wurden“ (Roosevelt, 1943) „…denn das wurde
vorgeschlagen: völlige Vertreibung der Deutschen“ (Churchill, 1944) Zit. nach Henke in Benz, Vertriebene,
S.66 und S.68.
6 Vgl. sehr ausführlich „Sturm über Ostpreußen“ in: Thorwald, Jürgen: Die große Flucht. Niederlage, Flucht und
Vertreibung. München 2005, S.119-192.
7 Vgl. zu Flucht und Vertreibung aus Nachkriegspolen: Urban, Thomas: Der Verlust: Die Vertreibung der
Deutschen und Polen im 20. Jahrhundert. München 2004, S.112-141.
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Arno Barth, 2008, Die Stellung der Vertriebenen in Deutschland 1945 - 1982, München, GRIN Verlag GmbH
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