Inhaltsverzeichnis
Einleitung 2
1. Quellenlage. 2
2. Der geographische Hintergrund 3
3. Vorgeschichte: Russisches Kaganat und Chazaren. 4
4. Die Petschenegen 4
4.1. Herkunft und Wanderung. 5
4.2. Gesellschaftsstruktur 5
4.3 Konflikte und Kontakte. 8
4.4. Niedergang und Auflösung 12
5. Ausblick: Die Kumanen 13
Schlu ßbetrachtung. 14
Literaturverzeichnis. 15
1
Einleitung
Mit dieser Arbeit möchte ich versuchen, verschiedene Aspekte des ambivalenten Verhältnisses von pastoral-nomadisch und agrarisch-seßhaft geprägten Gesellschaften zu beleuchten. Als Beispiel dafür sollen hier die Beziehungen zwischen den Bewohnern der Kiever Rus’ und denen der südlich daran angrenzenden Steppenregionen vom 10. Jahrhundert an bis zum Einfall der Mongolen dienen.
Nach einem kurzen Überblick zur Quellenlage und dem geographischen Rahmen werde ich mein Hauptaugenmerk auf die turksprachige Stammeskonföderation der Petschenegen richten. Ebenfalls, jedoch kürzer und eher exkurshaft, werde ich mich mit den ihnen eng verwandten Kumanen, den Nachfolgern der Petschenegen als dominierende Macht in der pontischen Steppe, befassen. Anhand beider Gruppen möchte ich exemplarisch die komplexen Verbindungen von Rus’ und Nomaden zeigen.
1. Quellenlage
Schriftliche Selbstzeugnisse von Steppennomaden dieser Zeit und Region existieren aufgrund ihrer vorherrschenden Schriftlosigkeit so gut wie überhaupt nicht. Bedeutende archäologische Funde treten vor allem in Form von Begräbnisstätten auf, den sogenannten Kurganen, wobei sich jedoch die Zuordnung dieser Funde aufgrund der engen kulturellen Verwandtschaft und ständigen Überlagerung der nomadischen Gruppen untereinander im einzelnen als schwierig erweist 1 . Eine typische Hinterlassenschaft der Kumanen stellen die zahlreichen anthropo-morphen Steinstatuen dar 2 , die man allerdings auch in ähnlicher Form bei früheren Steppennomaden bis nach Südsibirien und in die Altairegion hinein vorfindet 3 . Erwähnung finden die im von mir behandelten Zeitraum relevanten nomadisierenden Turkvölker vor allem in byzantinischen 4 , russischen und arabischen Quellen, darüberhinaus auch in ungarischen, persischen, georgischen und anderen. Hervorzuheben sind hier vor allem der byzantinische Kaiser Konstantin Porphyrogennetos, dessen um die Mitte des 10. Jahrhunderts entstandenes Werk „De administrando imperio“ unter anderem auch detaillierte Beschreibungen der Petschenegen und Rus’ enthält, sowie die verschiedenen Fassungen der ab Mitte des 11. Jahrhunderts entstandenen russischen „Povest’ vremennych let“ (nach einem der vermutlichen Verfasser häufig nur als „Nestorchronik“ bezeichnet).
1 Pálóczi Horváth: 20.
2 Christian: 357; Abbildungen z.B. bei Christian: 359 und Pálóczi Horváth: S. 44, 45, 98 u. 99.
3 Eigene Beobachtung auf Reisen im Altai und Kyrgyzstan 2005. Zahlreiche Exemplare in den historischen
Museen von Bishkek und Nowosibirsk.
4 Siehe: Moravcsik, Gyula: Byzantinoturcica I. Die byzantinischen Quellen der Geschichte der Türkvölker, erlin
1958.
2
Vor allem russische zeitgenössische Quellen sind dabei sehr tendenziös-christlich aufgeladen. Sie stellen oft nur die kriegerischen Kontakte von Rus’ und Nomaden heraus, die sie in einem religiösen Kontext fassen als Kampf von Christen gegen Heiden, wobei die Plünderzüge letzterer häufig als Strafe Gottes für die Sünden ersterer dargestellt werden. Dabei ignorieren sie die durchaus existierenden friedlichen Beziehungen zwischen beiden Kulturkreisen. Feindliche russische Fürsten, die sich bei internen Fehden der militärischen Hilfe der Nomaden bedienten, werden geschmäht, Bündnisse des eigenen Fürsten mit eben diesen Reiterkriegern dagegen verschwiegen oder ohne Kommentar verzeichnet 5 . Diese tendenziöse Tradition findet ihre Fortsetzung bei vielen russischen und sowjetischen Historikern des 19. und 20. Jahrhunderts, die den Steppennomaden fast durchweg eine negative Rolle in der russischen Geschichte zuschreiben 6 .
2. Der geographische Hintergrund
Die ukrainische und südrussische Steppe (in der Literatur oft auch als pontische oder Kyptschakensteppe bezeichnet) beginnt nur wenige Kilometer südlich von Kiew und ist eine größtenteils baumlose Wiesenlandschaft mit fruchtbaren Böden, ideal sowohl für nomadische Großviehhaltung, als auch für Ackerbau. Nach Norden hin geht sie allmählich über in Waldsteppe und schließlich Wald, der eine natürliche Barriere für pastorales Wirtschaften wie auch für aus der Steppe heraus geführte Raubzüge bildete. Die ukrainische Steppe ist jedoch nur der westlichste Ausläufer des eurasischen Steppengürtels, eines geographisch zusammenhängenden Gebietes, das sich von den Karpaten im Westen bis zur Mongolei im Osten erstreckt und seit der Antike Durchzugs- und Siedlungsgebiet einer langen Kette von aufeinander folgenden, ineinander über- und aufgehenden reiternomadischen Gruppen war, deren periodisch wiederkehrende Einfälle noch bis ins 18. Jahrhundert hinein eine ständige Bedrohung für die angrenzenden agrarisch-seßhaft geprägten Staaten darstellten. Im hier von mir behandelten Zeitraum handelt es sich vor allem um verschiedene turksprachige Gruppen, deren Ursprünge zumeist in den zentralasiatischen Steppen liegen. Sie gründen meist nur kurzlebige Reiche in der pontischen Steppe und treten in Kontakt mit Byzanz und der Rus’.
5 Halperin: 11.
6 Golden 2003: Kap.VII, 59.
3
3. Vorgeschichte: Russisches Kaganat und Chazaren
Schon die Jahrhunderte vor der Entstehung der Rus’ als staatliches Gebilde geben Anlaß zu diversen Spekulationen über den Einfluß von Steppenkulturen auf die slawischen und finnougrischen Stämme in den nördlichen Waldregionen.
Einige Indizien sprechen für intensive kulturelle Beziehungen auch schon vor Ankunft der warägisch-wikingischen Krieger-Händler-Söldner, die Dittmar Schorkowitz den see- und flußfahrenden Nomaden zurechnen möchte 7 . So scheinen einige der südlicheren Stämme zumindest zeitweise dem Chazarenreich tributpflichtig gewesen zu sein, wie auch Kiew eine Gründung der Chazaren gewesen sein könnte.
Insbesondere die Frage nach der Existenz eines russischen Kaganats beschäftigt einige Forscher. Anlaß dazu gibt vor allem die in den Annales Bertiniani überlieferte Episode der warägischen Gesandten, die im Jahre 839 erst am byzantinischen und dann am fränkischen Hof erscheinen und sich als Untertanen eines „Kagans der Rhos“ ausgeben. Dieser originäre Steppenherrschertitel impliziert für manche Wissenschaftler auch Entlehnungen von politischen Institutionen und Herrschaftsstrukturen der frühen Rus’ von den Chazaren. Zweifellos wird es in den Jahren der Existenz des Chazarenreiches von dessen Entstehung Mitte des 7. Jahrhunderts bis zur Zerstörung durch die Rus’ 965 zahlreiche Kontakte gegeben haben, denen ich mich hier nicht weiter widmen werde, die jedoch in den kommenden Beziehungen zu Petschenegen, Oghuzen, Kumanen und anderen Steppennomaden ihren Widerhall finden.
Hervorzuheben bleibt an dieser Stelle noch, daß das Chazarenreich bis zur Ankunft der Mongolen das letzte zentralisierte Staatsgebilde in der pontischen Steppe darstellte, da alle folgenden Gruppen nur lockere Stammeskonföderationen ohne zentrale Führung bildeten 8 .
4. Die Petschenegen
Das durch den Niedergang des - ursprünglich ebenfalls nomadisch-turksprachig geprägten und zentralasiatischen Ursprung besitzenden - Chazarenreichs entstandene Machtvakuum in der pontischen Steppe, begann ab Ende des 9. Jahrhunderts der petschenegische Stammesverband auszufüllen, an dessen Beispiel ich kurz exemplarisch schildern möchte, welche dominoeffektartigen Prozeße einer neuen Einwanderungswelle in der Steppe vorausgehen konnten.
7 Schorkowitz: 222.
8 Zur Frage des russischen Kaganats siehe Golden 2003: Kap.VI, 77-97.
4
Arbeit zitieren:
Kay Ramminger, 2008, Die Kiever Rus' und die Steppe im 10. und 11. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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