Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Zielsetzung. 4
2. Die politische Philosophie von Eric Voegelin 5
2.1. Biografische Skizze. 5
2.2. Ausgangspunkt: Die Frage nach Rationalität. 6
2.3. Die Ordnungs- und Bewusstseinsphilosophie. 7
2.3.1. Die Ordnung des Seins. 8
2.3.2. Der Weg zur Ordnung der Existenz 9
2.3.3. Das Paradigma der geordneten Existenz. 10
2.4. Politische Ordnung und Ordnung der Gesellschaft. 11
3. Die politische Philosophie von Leo Strauss. 12
3.1. Biografische Skizze. 12
3.2. Ausgangspunkt: Die Frage nach einem Maßstab für Recht. 13
3.3. Der Beginn der Politik der Philosophie. 14
3.3.1. Der Konflikt zwischen Philosophen und Bürgern. 14
3.3.2. Die Frage nach der menschlichen Natur 16
3.3.3. Lebensformen nach Naturrecht 17
3.4. Die Natur der politischen Ordnung 18
4. Zusammenfassung, Vergleich und Fazit 19
Bibliografie. 22
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1. Einleitung und Zielsetzung
Das Thema der vorliegenden Hausarbeit ist ein Vergleich der politikphilosophischen Konzepte von Eric Voegelin und Leo Strauss, die sich jeweils der Suche nach Maßstäben für politische Ordnung widmen. Es ist dabei vor allem die ungewöhnliche Art und Weise ihrer Ideen, die den beiden Wissenschaftlern, Philosophen, Denkern eine gewisse Eigentümlichkeit, mitunter sogar Befremdlichkeit verleihen mag: Bei Voegelin ist es eine Art der religiösen Erfahrung, die die Grundlage einer guten politischen Ordnung bildet. Bei Strauss begründet so genanntes Naturrecht die Maßstäbe gesellschaftlichen Zusammenlebens sowie politischen Handelns, und legt fest, dass nur bestimmte, durch die Natur befähigte Mitglieder der Gemeinschaft befugt sind, zu herrschen. Sowohl der eine als auch der andere Gedanke mögen absonderlich und schwer annehmbar wirken, liegen doch die gegenwärtigen Vorstellungen von Staatsführung und politischem System - zumindest im abendländischen Kulturkreis, dem auch Voegelin und Strauss entstammen - eindeutig säkularen Prinzipien zu Grunde. Zum anderen liegen diese Vorstellungen in einer demokratischen Ordnung, die sich in der Nähe dessen orientiert, was in der viel zitierten Gettysburg-Formel Abraham Lincolns 1863 gefordert wird: Democracy is the government of the people, by the people, for the people - Ohne jegliche Einschränkung. Beide Ansätze widersprechen also modernen Grundsätzen. Trotz des offenkundigen Unterschiedes ihrer jeweiligen Ansichten zeichnen sich Eric Voegelin und Leo Strauss durch viele Gemeinsamkeiten aus, die einen hier angestrebten Vergleich rechtfertigen: So kommen beide - etwa im gleichen Alter - als deutsche Emigranten 1938 nach Amerika und setzen von hier aus, den sich in Europa ausbreitenden Totalitarismus verarbeitend, ihre wissenschaftliche Laufbahn fort, die sie bereits in jungen Jahren begonnen hatten. Besonders dieser Einschnitt gibt ihnen den Anlass zur politisch-philosophischer Reflexion, und beide entwerfen eine neue und eigene politische Theorie. Beide verfolgen damit den Anspruch, die Grundfragen von Herrschaft und Ordnung zu beantworten. Da sie der Ansicht sind, dass dies durch die Moderne, die nicht zuletzt durch die Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges in einer Krise steckt, nicht stattfinden könne, bedienen sich beide des gleichen Rückgriffes, und zwar der antiken Philosophie, besonders der des Aristoteles. Sowohl Voegelin als auch Strauss nehmen ihrerzeit mit ihren wissenschaftlichen Arbeiten und Konzepten erheblichen Einfluss, besonders in den USA, und später auch in Deutschland. Sie fallen auf, weil sie eben jene politische Wissenschaft im Anschluss an Aristoteles betreiben und diese in einem entsprechenden Sinne in neuer Auflage etablieren wollen. Beide schätzen die Antike, weil es in ihr keine künstlichen Beschränkungen gibt, weil sie eine vorwissenschaftliche Lebenswelt darstellt, in der die Erfahrungen des Menschseins unverkürzt und unverfälscht vorhanden sind. Damit formulieren Voegelin und Strauss gleichzeitig eine Kritik am sozialwissenschaftlichem Mainstream, den beide als Widerstand ansehen, da er letzte und wichtige Fragen für das Menschsein nicht zu beantworten vermag. Trotz der offenkundigen Gemeinsamkeiten und der gleichen
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Annäherungsweisen an eine neue politische Wissenschaft trennen Voegelin und Strauss, wie gezeigt wird, jedoch zahlreiche Unterschiede und divergierende Ansichten in fast allen Grundfragen. Im Folgenden sollen diese bereits angedeuteten Unterschiede, aber auch die Gemeinsamkeiten von Leo Strauss und Eric Voegelin vertieft und herausgearbeitet werden. Nach einer Skizze der jeweiligen Biografien werden die Ausgangsfragen der Theorien Voegelins und Strauss’ verdeutlicht. In den jeweiligen Hauptteilen steht anschließend die Frage nach der politischen Ordnung im Mittelpunkt. Hieraus resultierend wird erörtert, wer in den jeweiligen Theoriegebilden zur Herrschaft befugt ist. Die nur überblicksartige Untersuchung in dieser Hausarbeit bezieht sich vor allem auf folgende ausgewählte Primärliteratur: „Nikomachische Ethik“ 1 von Aristoteles, „Die Neue Wissenschaft der Politik“ 2 von Eric Voegelin und „Naturrecht und Geschichte“ 3 von Leo Strauss. Relevante Sekundärliteratur wird ebenfalls herangezogen. 4
2. Die politische Philosophie von Eric Voegelin
2.1. Biografische Skizze
Eric Voegelin wird am 3. Januar 1901 in Köln geboren, zieht aber mit der Familie einige Jahre später nach Wien, wo sowohl die Stadt als auch später die Universität das Denken des jungen Voegelin prägen. Nach akademischen Aufenthalten in Berlin, Oxford, Paris und den USA lehrt er ab 1929 als Privatdozent für Staatslehre und Soziologie in Wien. Hier beginnt er, angeregt durch das sich abzeichnende politische Klima in Europa, die Beschäftigung mit der Problematik des Rassegedankens, was in einer Kritik von Biologismus im politischen Denken mündet. 1932 heiratet Voegelin, 1936 wird er Professor, 1938 gelingt es ihm, nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland, über die Schweiz nach Amerika zu emigrieren. Hier folgen Lehraufträge in Harvard und an weiteren Universitäten, bis er nach Louisiana kommt, wo er bis 1958 verbleibt und Politische Wissenschaft lehrt. Schon seit Beginn seines USA-Aufenthaltes hat er die Absicht, die Ideengeschichte der Politik zu systematisieren, was jedoch nach einem arbeitsreichen Jahrzehnt wegen theoretischer Probleme fehlschlägt. Ihm geht auf „daß der Begriff der Ideengeschichte eine ideologische Deformierung der Realität ist. Es gab keine Ideen, wenn es keine Symbole unmittelbarer Erfahrungen gab.“ 5 So rückt eine Geschichte der Symbolisierung von Transzendenzerfahrungen in den Mittelpunkt der Voegelin’schen Arbeit, was einen Stützpfeiler seiner Theorie und zentralen Gegenstand seiner
1 Aristoteles: Nikomachische Ethik. Auf der Grundlage der Übersetzung von Eugen Rolfers hrsg. von Günther Bien, 4.
Auflage, Hamburg 1985.
2 Voegelin, Eric: Die Neue Wissenschaft der Politik, Eine Einführung. Hrsg. von Peter Opitz, München 2004.
3 Strauss, Leo: Naturrecht und Geschichte, Übersetzung von Horst Boog, Stuttgart 1956.
4 U.a. Gutschker, Thomas: Aristotelische Diskurse, Aristoteles in der politischen Philosophie des 21. Jahrhunderts, Stuttgart
2002,Federici, Michael P.: Eric Voegelin: the restoration of order, Wilmington 2002; Ley, Michael u.a. (Hrsg.): Politische
Religion? Politik, Religion und Anthropologie im Werk von Eric Voegelin, München 2003; Drury, Shadia B.: The Political
Ideas of Leo Strauss, Houndmills u.a. 1988; Bluhm, Harald: Die Ordnung der Ordnung: Das politische Philosophieren von
Leo Strauss, Berlin 2002.
5 Voegelin, Eric: Autobiographische Reflexionen, hrsg., eingeleitet und mit einer Bibliographie versehen von Peter Opitz,
München 1994, S. 85, (Hervorhebung im Original).
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Forschung darstellt. Dies ist besonders in Voegelins Hauptwerken, der Neuen Wissenschaft der Politik (1952) und Order and History (Drei Bände: 1956 bis 1957) thematisiert. 1958 kehrt Voegelin nach Europa zurück, wo er erster Lehrstuhlinhaber für Politische Wissenschaft in München wird. Hier veröffentlicht er zahlreiche Schriften und einflussreiche Werke, unter anderem Anamnesis (1966). 1969 wird er emeritiert und kehrt in die USA zurück. 1974 veröffentlicht er den vierten Band von Order and History, 1985 verstirbt er in Palo Alto, Kalifornien. Der fünfte und letzte Band von Order und History wird 1987 posthum veröffentlicht. 6
2.2. Ausgangspunkt: Die Frage nach Rationalität
Die Grundlage von Voegelins politischer Philosophie ist die Suche nach rationalem Wissen und Wahrheit. Warum dies der Fall ist, zeigt sich gleich zu Beginn seines Werkes, nämlich in einer umfassenden Kritik an neuzeitlichen Wissenschaftsmethoden, namentlich dem Positivismus. Nach diesem gilt als Untersuchungsgegenstand nur angemessen, was sinnlich und empirisch erfahrbar ist. Dementsprechend wird also eine Theorie erst durch die Methode vorgegeben. Es wird nur als relevant und gleichzeitig als rational angesehen, was aus der korrekten Anwendung des wissenschaftlichen Vorgehens resultiert.
„Die Unterordnung der theoretischen Relevanz unter die Methode verkehrt prinzipiell den Sinn der Wissenschaft“ (NWP S. 24), stellt Voegelin jedoch fest. Zudem existiere hierbei ein auf Werten beruhender Relativismus, da der Wissenschaftler vor der Untersuchung auswähle, was zu untersuchen wichtig sei, und was nicht. Für Voegelin haben demnach positivistisch-wissenschaftliche
Untersuchungen keinerlei Bedeutung, sie stellen lediglich beliebige Meinungen aus willkürlich gewählten Werten dar. Und Werte, oder „[u]nkritische Meinungen (doxai im platonischen Sinne) sind kein Ersatz für Theorie“ (NWP S. 27). Daher könne auch das vorherrschende, neuzeitliche Rationalitätsverständnis nicht aufrechterhalten werden, vielmehr befinde man sich in einem Zeitalter der Irrationalität.
Das Ziel Eric Voegelins ist daher die Wiederherstellung von Wissenschaft im Sinne aristotelischplatonischer epistm, die im Gegensatz zu den doxai steht, und damit auch eines angemessenen Rationalitätsbegriffs. Dieses Unternehmen sei jedoch „nicht das willkürliche Aufgreifen einer historisch bedingten Ansicht, sondern die theoretische conditio sine qua non der Politischen Wissenschaft“ (NWP S. 14). Denn sowohl Platon als auch Aristoteles hätten die ontologische Einsicht gehabt, es gebe mehrere Seinsbereiche, und der Mensch partizipiere an allen, von einem anorganischen bis hin zu einem göttlich-geistigen. Und da genau bei diesem ein höherer Maßstab für Vernunft liege, schlussfolgert Voegelin: „Unter Rationalität ist daher die Anerkennung der
6 Angaben aus: Henkel, Michael: Eric Voegelin zur Einführung, 1. Auflage, Hamburg 1998, S. 13 - 35.
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Arbeit zitieren:
Nina Paulsen, 2007, Leo Strauss und Eric Voegelin: Konturen einer Ordnungssuche, München, GRIN Verlag GmbH
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