Inhaltsverzeichnis
1 E i n l e i t u n g 2
2. Die Theorie der konkurrierenden Eliten 3
2.1. Die Herleitung: Eine Kritik an der klassischen
Lehre der Demokratie 3
2.2. Das Menschenbild bei Schumpeter 4
2.3. Demokratie als Methode und das Konkurrenzprinzip 5
2.4. Voraussetzungen der Demokratie 7
2.5. Potentielle Probleme der demokratischen Methode 9
3. Kritische Betrachtungen 11
4 F a z i t S 1 2
5. Bibliografie 13
1
1. Einleitung
Aufbauend auf die Gedanken Max Webers hat der österreichische Ökonom Joseph Aloisius Schumpeter (1883 - 1950) eine Demokratietheorie entworfen, die sich auf die Herrschaft von Eliten stützt. Politik wird nach diesem Verständnis nicht in einem plebiszitären Akt durch das Volk vollzogen, sondern aus Wettbewerb und Wahl hervorgegangene Eliten leiten die Regierungsgeschäfte im demokratischen Staatswesen. Der Elitengedanke ist auch in gegenwärtigen Gesellschaften vorhanden, ebenso wird der Bereich der Politik von Eliten dominiert. In der gängigen Praxis westlicher Demokratien ist ein Regieren ohne Eliten gar nicht mehr denkbar. Zu groß sind die Staaten und zu heterogen die Gesellschaften, die in ihnen leben. Der viel zitierte Ausspruch aus der Gettysburg Address des ehemaligen US-Präsidenten Abraham Lincoln im Jahr 1863, dass Demokratie „government of the people, by the people, for the people“ sei, spiegelt sich somit nicht in ihnen, und auch nicht in den Ausführungen Schumpeters wieder. Dabei sind Eliten heute gezwungenermaßen mit dem Ethos der Demokratie vereinbar, und obwohl die Übersetzung von Demokratie als „Herrschaft des Volkes“ in wörtlichem Sinne durch eine Elitenherrschaft nicht mehr gegeben ist, funktioniert in ihr die „Herrschaft von Eliten im Auftrag, mit Zustimmung und unter Kontrolle des Volkes.“ 1
Jedoch ist die Vorstellung Schumpeters weitaus reduzierter. Lediglich der Punkt des Auftrages ist in seinem Verständnis die Aufgabe der Bürger. Eine Begründung, die er zu dieser Herleitung benutzt, ist eine Kritik am Verhalten des Volkes im Bereich politischer Entscheidungen. Der Bürger sei auf diesem Gebiet irrational, er „argumentiert und analysiert auf eine Art und Weise, die er innerhalb der Sphäre seiner wirklichen Interessen bereitwillig als infantil anerkennen würde.“ 2 Durch dieses Menschenbild ist der Bürger im schumpeterianischen Verständnis lediglich ein Wähler, der aus dem herrschenden politischen Angebot zu selektieren hat. Weitere partizipatorische Aufgaben entfallen.
Inwiefern damit die Bezeichnung „Demokratie“ gerechtfertigt wird, legt der Ökonom in seinem bedeutendsten politikwissenschaftlichen Werk „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“, das im Jahr 1942 erstmalig in den USA erschien, detailliert dar. Dieses Demokratieverständnis ist im Verhältnis zu dem vieler vorangegangener Theoretiker nicht nur im Bereich der Partizipation äußerst reduziert. Joseph Schumpeter beschreibt
1 Röhrich, Wilfried: Eliten und das Ethos der Demokratie, München 1991, S. 2.
2 Schumpeter, Joseph A.: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 8. Auflage, Tübingen 2005, S. 416.
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Demokratie lediglich als eine Methode, die zur Erreichung politischer Entscheidungen zu dienen hat, also die herrschenden Eliten hervorbringen soll. Mit dieser Auffassung sind Probleme und Fragen verbunden. Zum einen ergibt sich das von vielen Kritikern erkannte Dilemma von Elitentheorien im Allgemeinen: Wie können passive und irrationale Bürger in der Lage sein, die richtigen Herrscher zu wählen? Dieses ist ein Punkt, der bei der genaueren Betrachtung von Schumpeters Demokratieverständnis zu klären sein wird. Hierfür wird im Folgenden zunächst dieses Verständnis genauer umrissen und weitere mit ihm verbundene Probleme aufgeworfen. Anhand dieser Darstellung eines reduzierten Demokratieverständnisses soll abschließend in einer kritischen Betrachtung die Frage geklärt werden, inwiefern selbiges mit den Grundgedanken einer Demokratie überhaupt noch vereinbar ist, und in welcher Form Schumpeter seinem Anspruch, eine realistische Demokratietheorie zu entwerfen, gerecht werden kann.
2. Die Theorie der konkurrierenden Eliten
2.1. Die Herleitung: Eine Kritik an der klassischen Lehre der Demokratie Wie bereits angedeutet orientieren sich Schumpeters Ausführungen an der Sichtweise Max Webers, indem Demokratie „nicht als normative Ziel- oder Sollgröße oder als Wert an sich“ 3 , sondern eben als eine Methode gesehen wird. Von anderen Theoretikern grenzt sich Schumpeter jedoch deutlich ab, besonders von dem, was er die „klassische Lehre der Demokratie“ 4 nennt. Gemeint sind damit die Vorstellungen des 18. Jahrhunderts, besonders das Gebilde des volonté general von Jean-Jaques Rousseau. Mit dem Anspruch, eine realistische Demokratiedefinition zu entwerfen, fußen Schumpeters Ausführungen auf einer Dekonstruktion dieses Begriffswerkes. Diese Kritik im 21. Kapitel von „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ formuliert zunächst, es gebe „kein solches Ding wie ein eindeutig bestimmbares Gemeinwohl, über das sich das ganze Volk kraft rationaler Argumente einig wäre.“ 5 Es gebe zu viele Partikularinteressen, die eine Einigung aller unmöglich machten. Selbst bei Interessen, die von hinreichend vielen Personen oder Gruppen geteilt würden, sei eine Einigung über die Mittel und Wege der Erfüllung dieser Interessen weiterhin unmöglich. Da es also nach Schumpeters Ausführungen ein Gemeinwohl als Leitstern der Politik nicht gibt, kann es so auch keinen allgemeinen Volkswillen, keinen volonté general geben. „Und beide Stützen der klassischen Lehren zerbröckeln unweigerlich zu
3 Schmidt, Manfred G.: Demokratietheorien, 3. Auflage, Opladen 2000.
4 Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, S. 397.
5 Ebd. S. 399.
3
Staub“ 6 , resümiert Schumpeter seine Kritik. Schließlich ist es auch das Menschenbild, der klassischen Lehre, dem sich Schumpeter fortführend zuwendet. Dieses sei unrealistisch und idealisiere den Bürger in einer unangemessenen Weise. Die von der klassischen Lehre erforderliche Fähigkeit, zu beobachten, zu interpretieren und dementsprechend richtig zu entscheiden, liege entgegen aller Annahmen nicht in der Natur des durchschnittlichen Menschen. 7 Die Auffassungen Schumpeters bündeln „die Ideen von Platon über Rousseau bis Marx“ 8 in einem und werden von Kritikern als überspitzt und bloße Karikatur angeprangert. 9 Ohne Zweifel verallgemeinert Schumpeter die ihm vorangegangenen Theoretiker stark, kann jedoch so sein eigenes Demokratieverständnis in Kontrast hierzu überzeugender darstellen.
2.2. Das Menschenbild bei Schumpeter
Um dem Anspruch einer realistischen Demokratietheorie gerecht zu werden, entwirft Schumpeter auf der Grundlage der Kritik an der klassischen Lehre der Demokratie ein neues, seiner Auffassung nach vor allem realistisches Menschenbild. Beeinflusst von Erkenntnissen der zeitgenössischen Massenpsychologie stellt Schumpeter fest, dass die Einstellungen der Wähler keine unabhängigen sind, dass „die Bedeutung des außerrationalen und irrationalen Elements in unserem Verhalten“ 10 nicht zu unterschätzen sei. Besonders in der Gruppe würden Menschen von vermindertem Verantwortungsgefühl und einem tieferen Niveau im Bereich Logik und des Denkens heimgesucht, aber auch der Einfluss von Medien und Werbung würde verhindern, dass Menschen wirklich individuelle und freie Entscheidungen treffen könnten. Sowohl im alltäglichen Leben, aber besonders im Bereich der Politik, sei dieses Phänomen anzutreffen, so stellt es Schumpeter fest. Schon allein deshalb könne ein etwaiger politischer Wille keine a priori feststehende Größe sein, sondern er sei immer fabriziert, und damit „Erzeugnis und nicht Triebkraft des politischen Prozesses.“ 11 Überhaupt investiere der gemeine Bürger kaum Zeit in politische Angelegenheiten, was zum einen mit den genannten psychologischen Aspekten zusammenhängt, aber auch von der hohen Komplexität des Politischen maßgeblich beeinflusst wird. Schumpeter identifiziert zudem eine Wechselwirkung zwischen Politik und menschlichem Verhalten
6 Ebd. S. 401.
7 Vgl. Lieber, Hans-Joachim: Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart, 2. Auflage, Bonn
1993, S. 708.
8 Massing, Peter: Joseph Schumpeter, in: Massing, Peter/ Breit, Gotthard (Hrsg.): Demokratie-Theorien.
Von der Antike bis zur Gegenwart, 2. Auflage, Bonn 2005, S. 188.
9 So beispielsweise zu finden in Schmidt, Demokratietheorien, S. 202.
10 Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, S. 407.
11 Ebd. S. 418.
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Nina Paulsen, 2006, Kritische Betrachtungen zu Joseph Schumpeters Theorie: Liegt ein realistisches Demokratieverständnis vor?, München, GRIN Verlag GmbH
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