Inhaltsverzeichnis
1. Prolog. 3
2. Kurzer Abriss der Entwicklungsgeschichte des CV bis zur Ersten Republik. 4
2.1. Entstehungsgeschichte konfessionell-katholischer Verbindungen 4
2.2. Widerstände und Konflikte 5
2.2.1. Religiöse Gefühle versus Freiheit der Wissenschaft. 5
2.2.2. Verbot von Mensur und Duell. 6
Exkurs : „Der Siegfriedkopf“ - ein umstrittenes Erbe aus der Zwischenkriegszeit 7
2.3. Der CV in der Ersten Republik - Umstellung auf neue Zeiten. 8
3. Wiener katholisch korporierte Studenten der Zwischenkriegszeit: 12
Studentischer Alltag, Vereinsleben und politische Perspektiven. 12
3.1. Studentischer Alltag in der Zwischenkriegszeit. 12
3.1.1. Entwicklung der Universität Wien nach Kriegsende 12
3.1.2. Versuch einer vereinsmäßigen Organisation. 14
3.1.3. Antisemitische Strömungen innerhalb der Wiener Studentenschaft. 18
3.2. CV: Soziales und politisches Engagement im Spiegel der Zeit 25
3.2.1. Geschichte des sozialen Engagements 25
3.2.2. Tätigkeitsbereiche während der Zwischenkriegszeit 25
3.2.3. Engagement von Seiten der Studenten. 29
3.2.4. Studentisches Vereinsleben in der Praxis. 29
4. Die Rolle des CV im Ständestaat 30
4.1. Der CV und sein politisches Engagement im Ständestaat 30
4.2. Verhältnis zwischen CV und Heimwehr 32
4.3. Universitätspolitik zu Gunsten des CV 32
4.3.1. Hochschulerziehungsgesetz 33
4.3.2. Neue Regierungslinie gegenüber Links und Rechts 34
5. Aktivitäten des Wiener CV kurz vor bzw. nach dem Anschluss 35
5.1. CV-Mitglieder im Sturmkorps der Vaterländischen Front im Kampf gegen die
Nationalsozialisten 35
1
5.2. CV im Widerstand. 35
5.3. Universität und CV nach dem Anschluss. 36
5.3.1. Auswirkungen auf CV-Mitglieder auf universitärem Boden 36
5.3.2. Verhaftungswelle im CV. 37
6. Epilog. 38
7. Appendix 40
7.1. Literaturverzeichnis. 40
Quellen aus dem Internet: 45
7.2. Wiener Katholische Verbindungen der Zwischenkriegszeit 46
2
1. Prolog
Wien als älteste Universitätsstadt Österreichs wurde auch von ihren Studenten geprägt. Beschäftigt man sich ein wenig näher mit der Studentengeschichte, stellt man fest, dass sich die Studienzeit nicht bloß auf eine möglichst rasche Absolvierung der nötigen Prüfungen reduzieren lässt. „Student sein“ bedeutet mehr: Es ist auch eine soziale Definition einer inhomogenen Gruppe, die seit jeher das Streben nach Wissen vereint. Studenten wollten aber oft mehr als Wissen ansammeln, sie wollten auch die Welt nach ihren Ideen verändern. In diesem Zusammenhang halte ich den Zeitraum der Zwischenkriegszeit für besonders interessant, wobei mein Teil der Gruppenarbeit besonders die katholisch korporierten Studenten behandelt.
Ausgehend von einem kurzen Rückblick auf die Entwicklungsgeschichte des CV, stellt sich die Frage, wie stark in der Tradition verankerte Studentenverbindungen den Übertritt in eine neue Republik fanden, die sich deutlich von der „guten alten Zeit“ des Habsburgerreichs unterschied. Wie sahen nun der Studienalltag und das gemeinschaftliche Vereinsleben eines Studenten einer katholischen Verbindung aus? Mit welchen praktischen Problemen hatten alle Studierenden nach Kriegsende zu kämpfen, und welche dunklen Schatten der Vergangenheit gewannen wieder zunehmend Einfluss am universitären Parkett? Welche Rolle spielte politisches Engagement im CV, und wie gestaltete es sich in der turbulenten Zwischenkriegszeit bis zum Anschluss an das Deutsche Reich? Last, but not least stellt sich die Frage, welche Anreize der CV seinen Mitgliedern während einer sowohl politisch als auch wirtschaftlich schweren Zeit bieten konnte.
Der Versuch, Antworten zu finden, beginnt mit einer kleinen Rückschau in die Geschichte des CV, um sowohl dessen grundlegende Prinzipien als auch die historisch gewachsenen Probleme gegenüber Studenten anderer Auffassung darzulegen. Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit dem Studienalltag nach Kriegsende: Es handelt von der schwierigen sozialen Lage vieler Studenten und beschreibt, durch welche Maßnahmen man innerhalb des CV darauf reagierte. Es sollen hier aber auch dunkle Seiten des CV, wie das Verhältnis zum Antisemitismus, behandelt werden. Im vorletzten Kapitel gehe ich der Rolle des CV im Ständestaat nach, bevor ich mit den Geschehnissen rund um die Universität unmittelbar vor bzw. nach dem Anschluss an Hitler-Deutschland schließe. Als Quellen dienten mir neben Sekundärliteratur sowohl Zeitungsartikel als auch Festschriften von katholischen und liberal-schlagenden Verbindungen. An einigen Stellen
3
habe ich auch auf Interviews, die ich im Rahmen meiner Diplomarbeit geführt habe, zurückgegriffen.
2. Kurzer Abriss der Entwicklungsgeschichte des CV bis zur Ersten Republik
2.1. Entstehungsgeschichte konfessionell-katholischer Verbindungen
Eigenständige, religiös geprägte Verbindungen entstanden zeitverzögert am Ende der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Abgesehen vom Dachverband Wingolf, dessen Mitglieder zum aktiven Christentum angeregt wurden (ohne sich jedoch auf eine bestimmte konfessionelle Lehrmeinung festlegen zu müssen), fand die Gründung der ersten katholischen Studentenverbindung 1841 in der Schweiz mit dem „Schweizerischem Studentenverein“ (StV) statt. Drei Jahre danach kann in München mit der „Helvetia Monacensis“ ein Zweigverein dieser katholischen Verbindung nachgewiesen werden. Zur gleichen Zeit entstand die erste deutsche katholische Studentenverbindung „Bavaria“, etwas später - 1851wurde die Aenania in München gegründet. 1 Zu den ersten österreichischen CV-Mitgliedern gehörten Studenten, die in Deutschland studierten und sich Verbindungen wie der Aenania München angeschlossen hatten. 2 1859 wurde in Linz die katholische Studentenverbindung „Edelweiß“ aus der Taufe gehoben, die jedoch nach sechs Monaten wieder verboten wurde. 3 Gleichzeitig entstand am Innsbrucker Theologenkonvikt eine Sektion des Schweizerischen Studentenvereins (StV), die sich Helvetia Oenipontana nannte 4 . 1867 schlossen sich alle katholischen Verbindungen zum Cartell-Verband (CV) zusammen: 5 „Der Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen ist ein Verband farbentragender, nichtschlagender Verbindungen mit den Prinzipien religio (Katholizität), scientia (Wissenschaftlichkeit), amicitia (Lebensfreundschaft), patria (Heimatliebe). Unter religio wird das katholische Bekenntnis verstanden. Im Rahmen seiner Grundsätze lässt der Cartellverband seinen Mitgliedern politische Freiheit.“ 6 Der CV war zunächst auf
1 Gerhard Hartmann, Der CV in Österreich. Seine Entstehung, seine Geschichte, seine Bedeutung (Graz, Wien,
Köln 1994) 12f. Und: Felix Hurdes, 100 Jahre CV-Gedanke. In: 100 Jahre CV-Gedanke. 80 Jahre Austria Wien.
Festschrift anlässlich der CVV 1956 in Wien, ed. Vorort im ÖCV Austria Wien (Wien 1956) 5.
2 Hartmann, CV 14.
3 Die Geschichte des OCV. In: http://www.Oecv.or.at/hintergrund/geschichte.htm (Zugriff: Wien, am
18.8.2006).
4 Hartmann, CV 14.
5 Paul Gerhard Gladen, Gaudeamus igitur. Die studentischen Verbindungen einst und jetzt (München 1986) 35.
6 Hartmann, CV 19f.
4
Universitäten beschränkt, ab 1897 war er auch auf anderen Hochschulen vertreten, und ab 1899 existierte oft mehr als eine Vertretung pro Hochschule. 7
2.2. Widerstände und Konflikte
2.2.1. Religiöse Gefühle versus Freiheit der Wissenschaft
Die Gründung katholischer Verbindungen stieß in der akademischen Welt nicht immer auf Wohlwollen. Einige Wissenschafter hegten die Befürchtung, dass eine stärkere Betonung der Religion einer Gefährdung der akademischen Freiheit gleichkäme und zudem dem fragilen Religionsfrieden des Vielvölkerreiches schaden könnte. 8 Zu einer Eskalation kam es 1907/08 in der „Wahrmund-Affaire“ (1907/08) um Dr. Ludwig Wahrmund, einen Professor für Kirchenrecht an der Juridischen Fakultät Innsbruck. Als sein Vortrag über „Katholische Weltanschauung und Wissenschaft“ veröffentlicht wurde, fassten dies die Mitglieder des CV als Angriff auf ihre religiösen Werte auf. Nach Tumulten an der Universität musste Wahrmund versetzt werden. 9 Aus Protest kam es daraufhin österreichweit zur Gründung zahlreicher neuer katholischer Verbindungen. 10 Ähnliche Grundsatzdebatten im Bereich Freiheit der Wissenschaft versus Bedeutung der Religion hatte es zuvor auch schon in Graz um den Zoologen Oskar Schmidt gegeben, der als Rektor in einer Rede „Über den Darwinismus und seinen Einfluss auf die Zoologie“ absolute Freiheit der Wissenschaft von jeglicher kirchlicher Lehrmeinung forderte. 11
7 Friedhelm Golücke, Studentenwörterbuch. Das akademische Leben von A bis Z (Graz, Wien, Köln 1987) 88.
8
Siehe: Hartmann, CV 22. Und: Chronik der Vandalen April bis Juli 1908 - Maßnahmen zur „Abwehr des
Klerikalen Ansturms auf die Freiheit der Universitäten“ in Graz. In: „Die Kraft hat in sich selbst Bestand ...“
1894-1994 Corps Vandalia im Wandel eines Jahrhunderts, ed. Altherrenverband des Corps Vandalia (Graz
1995) 53.
9 Hartmann, CV 45-51.
10 CV-Vereinsgründungen im gesamten Gebiet der Monarchie: 1864-1895 6; 1895-1914 18.
ÖCV Geschichte. In: http://iguan.magnet.at (Zugriff: Wien, am 8.8.2006).
Vgl.: Die Gründungswelle 1907/8. In: Hartmann, CV 34f.
11 Tradition und Herausforderung. 400 Jahre Universität Graz, ed. Kurt Freisitzer, Walter Höflechner, Hans-
Ludwig Holzer, Wolfgang Mantl (Graz 1985) 40.
5
2.2.2. Verbot von Mensur und Duell
Neben der Frage, wie weit Forschung gehen dürfe, ohne religiöse Gefühle zu verletzen, entbrannten zahlreiche Konflikte aus der Ablehnung der Mensur sowie in vielen Fällen auch des Duells aus Glaubensgründen. 12 Häufiger als die Benachteiligung von CV-Mitgliedern im Offiziercorps 13 waren allerdings handfeste Auseinandersetzungen um das Aufzugsrecht in Farbe und Vollwichs (mit Schläger) auf der Universität. Konfessionelle Verbindungen schlugen zwar keine Mensuren, betrachteten die Waffe aber traditionsbedingt als „ehrendes Abzeichen“ privilegierter Stände. 14 In Wien kam es um die Jahrhundertwende, als konfessionelle Verbindungen wie Austria oder Norica immer einflussreicher wurden, vermehrt zu Unruhen innerhalb der Studentenschaft. Anfänglich versuchten schlagende Burschenschaften, den Aufzug konfessioneller Verbindungen in voller Wichs durch Petitionen an den akademischen Senat und danach durch „Eigenjustiz“ zu vereiteln. 15 Speziell bei Rektorsinaugurationen ereigneten sich immer wieder heftige Kämpfe zwischen liberalen und katholischen Gruppierungen wie die „Austernschlacht“ in Wien. Zu einem tragischen Unfall kam es in Innsbruck, wo ein junger Medizinstudent 1912 nach einer Rauferei an den Folgen einer Gehirnblutung starb. 16 Von Seiten der Universität Wien versuchte man mittels eines allgemeinen Farbenverbotes die angespannte Lage zu entschärfen, doch die Gräben zwischen nationalen und konfessionellen Studentenverbindungen waren bereits zu tief, wie die Erklärung der nationalen Studentenschaft an den Rektor aus dem Jahr 1900 beweist: „Ehe die deutschnationale Studentenschaft die clericalen, deutsch- und bildungsfeindlichen Verbindungen als gleichberechtigt auf academischem Boden anerkennt und ihnen also das einzig den schlagenden Corporationen zustehende Recht des Farbentragens zugesteht, bringt sie lieber selbst das schwere Opfer und verzichtet auf das Recht des Farbentragens auf der Universität“. 17
Bedingt durch gemeinsame Kriegserlebnisse kam es am Ende des Ersten Weltkrieges jedoch zu einer vorübergehenden Entspannungsphase zwischen katholischen und schlagenden
12 Hartmann, CV 20-22. Und: Das Band, das und umschlingt - 1900-2000. Festschrift der K.Ö.H.V. Nordgau
Wien, ed. Katholische Österreichische Hochschulverbindung Nordgau Wien im ÖCV (Wien 2000) 28f.
13 Siehe Interview mit Dr. B. In: Silvia Kornberger, Grazer Studentenverbindungen. Von den Anfängen bis zur
Reorganisation nach dem Zweiten Weltkrieg (Dipl. Arb., Graz 2001) 258. Und: Hartmann, CV 56.
14 Michael Stickler, Der zweite Österreichische Cartellverband (= Veröffentlichungen der Österreichischen
Gesellschaft zur Erforschung der Studentengeschichte, Wien 1968) 13.
15 Stickler, 7.
16 Hartmann, CV 52f.
17 Stickler, 33.
6
Verbindungen 18 , was dazu führte, dass 1918 sogar konkrete Verständigungsaktionen in Wien und Graz zustande kamen. 19 Diese sanfte Annäherung äußerte sich in gemeinsamen Listen bei den ersten Studentenausschusswahlen in Wien und Graz 1919. Das Erlanger Verbändeabkommen (EVA), in dem sich 32 Verbände, inklusive CV, verpflichteten, Streitigkeiten durch eigene Ehrengerichte zu schlichten, war ebenfalls ein Produkt der Kriegsteilnehmer. 20 1921 trat das EVA in Kraft, stieß in der Praxis aber auf Ablehnung. Diesbezügliche Verhandlungen wurden noch bis 1926 geführt, scheiterten aber schließlich endgültig. 21 Die Zusammenarbeit zwischen deutschnationalen und katholischen Studenten klappte so lange bis der Mythos gemeinsamer Kriegserlebnisse allmählich erlosch und die Meinungen bezüglich einer großdeutschen Gemeinschaft wieder unterschiedliche Wege gingen: „Anfangs stand man vollkommen unter dem Eindruck des Weltkriegserlebnisses, das heißt, man dachte zuerst deutsch, dann erst katholisch-universell. Aus dieser Einstellung heraus, aus dem Erkennen der Werte deutschen Volkstums, bejahte man auch die Zusammenarbeit mit der deutschvölkischen Studentenschaft, ja man fühlte sich sogar so großdeutsch wie diese. (…) In den Alpenländern, in Graz und Innsbruck, konnte diese Strömung in ganz kurzer Zeit völlig überwunden werden, und bereits 1922 herrschte die katholisch-ultramontane Richtung souverän über die deutsche. Auf Wiener Boden wurde dieser Kampf erbitterter geführt und erst um 1930 gelang es, den deutschen Kurs endgültig zurückzudrängen und mundtot zu machen.“ 22
Exkurs: „Der Siegfriedkopf“ - ein umstrittenes Erbe aus der Zwischenkriegszeit
Bis heute existieren auf dem Boden der Universität Wien Symbole aus der bewegten Geschichte des „Farbenbummels“. Eines der bekanntesten ist der so genannte „Siegfriedkopf“, der bis vor den jüngsten Umbauarbeiten in der Aula zu sehen war. Speziell in der Zwischenkriegszeit war die Skulptur mittwochs ein beliebter Treffpunkt zum
18 „Der Krieg hatte gezeigt, dass sich auch Studenten der religiösen Verbindungen, die Duell und Mensur
ablehnten, im Feld kämpfend bewährt hatten. Der oft gebrauchte Vorwurf der Feigheit musste von den
deutschnationalen Verbindungen zurückgenommen werden.“ In: Vorträge der ersten österreichischen
Studentenhistorikertagung Wien 1974, ed. Österreichischer Verein für Studentengeschichte (= Beiträge zur
österreichischen Studentengeschichte, Bd. 2, Wien 1975) 59.
19 Rehberger, CV und Nationalsozialismus 14f.
20
75 Jahre Carolina. Geschichte der katholisch österreichischen Hochschulverbindung Carolina in Graz, ed.
Carolina Graz (Graz 1963) 246.
21
„Die Kraft hat in sich selbst Bestand ... “, ed. Akademisches Corps Vandalia (Graz 1995) 98.
22 Erich Witzmann, Der Anteil der Wiener waffenstudentischen Verbindungen an der völkischen und politischen
Entwicklung 1918-1938 (Wien 1940) 40f.
7
„Farbenbummel“ und in Folge oft auch Ausgangspunkt für Schlägereien zwischen liberalen und konfessionellen Verbindungen sowie von Übergriffen auf jüdische Studenten. 23
2.3. Der CV in der Ersten Republik - Umstellung auf neue Zeiten
Nach Zerfall der Monarchie musste sich das katholisch orientierte Verbindungswesen neu orientieren. Speziell das Prinzip „patria“ - bis dahin als „Treue zum Haus Österreich“ definiert - musste neu überdacht werden. Da sich der CV an die Entscheidungen des Episkopats hielt, trugen die Aussagen des Wiener Erzbischofs, Kardinal Piffl, zur Lösung dieses Problems bei: Piffl forderte die österreichischen Katholiken in einem Rundschreiben an alle österreichischen Bischöfe zur Loyalität zur neuen Republik auf. CVer, die mit dieser kirchlichen Linie nicht zufrieden waren, gründeten eigene legitimistische Verbindungen, aus denen die „Katholischen Österreichischen Landsmannschaften“ (K.Ö.L.) hervorgingen. 24 Einzelne Verbindungen wie die Nibelungia Wien forderten 1920 das Bekenntnis zum alten Österreich, was Kaisertreue entsprach. Bis zum Sommersemester 1922 zog sich das cartellrechtliche Hin und Her um Anerkennung oder Verwerfung der jungen Republik hin. Selbst nachdem die Republik-Monarchie-Frage formal erledigt war, sympathisierte so mancher mit dem monarchistischen Gedanken. Einige monarchistische Organisationen, wie der „Reichsbund der Österreicher“ und die Zeitschrift „Das neue Reich“, wurden von monarchietreuen Mitgliedern des CV gegründet. 25 Der „Akademische Bund der katholischösterreichischen Landsmannschaften“, dem auch Wiener Verbindungen wie die Maximiliana angehörten, und der erst relativ spät - im September 1933 - gegründet wurde, erhob ebenfalls die „Treue zum Erzhaus Österreich“ zum Prinzip. 26
Trotz solcher Strömungen war die Mehrheit der Studentenschaft innerhalb des CV, erfasst von der allgemein herrschenden politischen Stimmung, für eine Vereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich. 27 Dass die plötzlich kleine Republik die Anlehnung an den „großen Bruder“ zu brauchen glaubte, spiegelt sich auch in den Parteiprogrammen der jungen
23 Sonja Ferchert, In Stein gehauene Dolchstoßlegende. In: http://derstandard.at/?url=/?id=2449495 (Zugriff:
Wien, am 17.8.2006).
24 Hartmann, CV 83f.
25 Ebd. 84f.
26 Herbert Fritz, Reinhart Handl, Peter Krause, Gerhard Taus, Farben tragen, Farbe bekennen 1938-1945.
Katholische Korporierte in Widerstand und Verfolgung (Wien 1988) 12.
27 Hartmann, CV 85. Siehe auch: Ewald Wornay, Ob wir morgen noch dran denken … Die frühen Festschriften
Nordgaus: ihre Zeit, ihre Botschaft, ihr Gegenwartsbezug. Ein kritischer Essay. In: Das Band, das uns
umschlingt. Nordgau 1900-2000 (Wien 2000) 23-36.
8
Demokratie wider. 28 In zahlreichen Cartellversammlungen beschäftigte man sich daher mit der „Deutschen Frage“. Der CV bekannte sich zwar zur „Einheit aller Deutschen“, vermied es aber, in seinen Beschlüssen einen staatsrechtlichen Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich zu fordern. 29 Es gab auch eine kleine Gruppe nationaler Katholiken im „Ring Katholisch-Deutscher Burschenschaften“ (RKDB), der sich 1925 in Deutschland konstituiert hatte. Diese Gruppe schied Mitte der zwanziger Jahre aufgrund ihrer Sympathie zum Nationalsozialismus aus dem CV aus. 30 Bereits 1923 hatte ein Ausschuss des Wiener Cartellverbandes zum aufkommenden Nationalsozialismus Stellung bezogen, indem er erklärte, dass das Parteiprogramm der NSDAP mit den katholischen Grundsätzen des CV unvereinbar wäre: „Wegen der Unmöglichkeit der Mitarbeit an dieser Bewegung wurde einstimmig beschlossen, dass kein Angehöriger des CV mit und ohne Couleur das Hakenkreuz tragen darf“. 31 Dennoch gab es auch danach innerhalb österreichischer Vereine Sympathien für den großdeutschen Gedanken. 32 Im Gegenzug existierten aber ebenso zahlreiche warnende Stimmen innerhalb der katholischen Verbindungen wie der CVer Otto Knoch, der bereits 1931 vor einem gefährlichen politischen Radikalismus in Deutschland warnte. 33 In den Reihen monarchistisch eingestellter Landsmannschaften hegten viele Zweifel am nationalsozialistischen System wie beispielsweise der aus dem Deutschen Reich nach Österreich emigrierte Dietrich von Hildebrand (Mitglied der KÖL Starhemberg). Als Herausgeber der Wochenschrift „Der Christliche Ständestaat“ deklarierte er sich häufig als Gegner des Nationalsozialismus. 34 Alfred Missong (KÖL Maximiliana) setzte sich ebenfalls mit spitzer Feder unter dem Pseudonym „Thomas Murner“ kritisch mit dem Antisemitismus auseinander. 35 Die vom Akademischen Bund der KÖL zwischen 1935 und 1938
28 Anton Pelinka, Zur Österreichischen Identität. Zwischen Deutscher Vereinigung und Mitteleuropa. (Wien
1990) 31.
29 Hartmann, CV 121f.
30 Hochschulpolitik in Graz in den Jahren 1919 bis 1938 und das nationale Korporationsstudententum, ed. Harald
Seewann (= Schriftenreihe des Steirischen Studentenhistoriker-Vereins, Folge 27, Graz 1999) 16.
31 Robert Rehberger, CV und Nationalsozialismus. Ein Beitrag zur österreichischen und deutschen
Studentengeschichte (Wien 1967) 22.
32 „Die großdeutsche Einstellung in der Zwischenkriegszeit im Verband und die diesbezügliche Resolution 1921
wurden von Norica entschieden abgelehnt. Norica wollte sich in der Anschlussfrage nicht auf ein
staatspolitisches Programm festlegen; im Sinne des Paragraphen "dass dem CV jede politische Betätigung fern
liege". Dies hat aber zu dieser Zeit ein "deutsches Denken" nicht ausgeschlossen; ein Denken, das erst 1938
aufgegeben wurde. Dieser Zeitabschnitt und das Verständnis von "deutsch" sind eine äußerst komplizierte
Thematik, welche hier nicht annähernd zufrieden stellend behandelt werden kann“ zitiert nach: 100 Jahre Norica
von den Bbr Bernhard Moser und Otto Tschulik). In: http://www.norica.org/ (Zugriff: Wien, am 20.8.2006).
33 Siehe: Akademische Monatsblätter 44, 1931/32 153-156. In: Korporierte im Widerstand gegen den
Nationalsozialismus, ed. Dr. Peter Krause, Gerbert Fritz (Wien 1997) 115.
34 Ebd. 165.
35 Ebd. 164.
9
herausgegebene Zeitschrift „Österreichische Akademische Blätter“ nimmt zum Thema Nationalsozialismus ebenfalls kritisch Stellung. 36
Aufgrund der politischen Entwicklungen in Deutschland und Österreich kam es am 10. Juli 1933 zur Abspaltung vom reichsdeutschen CV. 37 Der neu gegründete ÖCV bestand aus 26 Verbindungen mit ca. 1.600 Aktiven und 3.200 Alten Herren. 38 Der deutsche CV wurde 1935 aufgelöst, der österreichische bestand noch bis zum Anschluss an Hitler-Deutschland 1938. 39 Zuvor erhielt der ÖCV durch die engen Verflechtungen zur Politik „staatstragende Bedeutung“, weil die meisten wichtigen Positionen mit Verbindungsmitgliedern besetzt wurden. Obwohl nicht alle bedeutenden CV-Mitglieder mit dem autoritären Führungsstil der Vaterländischen Front zufrieden waren, sah der Großteil der CVer sein Engagement im Ständestaat als Chance zur Umsetzung seiner Prinzipien. 40 So mancher CVer erblickte im Ständestaat ein „Experiment“ bzw. einen „heroischen Versuch“, um durch dieses „mutige Wagnis dem Öffentlichkeitsanspruch des Christentums angesichts der Herausforderung totalitärer Ideologien gerecht zu werden.“ 41 Speziell in Wien wiesen viele Verbindungen der Zwischenkriegszeit wie Aargau, Nibelungia und Nordgau eine hohe Prozentzahl von Geistlichen auf - ein besonders prominenter Vertreter war beispielsweise Theodor Innitzer (NdW). 42
36 Ebd. 167f.
37 Das Jahr 1933 und die Auswirkungen. In: http://www.norica.or.at/norica/geschichte_nc.htm (Zugriff: Wien,
am 20.8. 2006). Und: Felix Hurdes, 100 Jahre CV-Gedanke. In: 100 Jahre CV-Gedanke. 80 Jahre Austria Wien.
Festschrift anlässlich der CVV 1956 in Wien, ed. Vorort im ÖCV Austria Wien (Wien 1956) 16f.
38 ÖCV Geschichte. In: http://iguan.magnet.at/norica/eccv_geschichte.htm (Zugriff: Wien, am 20.8. 2006).
39 Die Geschichte des ÖCV. In: http://www.oecv.or.at/hintergrund/geschichte.htm (Zugriff: Wien, am 20.8.
2006).
40 Fritz, Handl, Krause, Taus, Farben tragen, Farbe bekennen 10.
41 ÖCV-Seelsorger Dr. Gerhard Schultes, „Gaudium et spes“. In: Josef Schubert, Katholische Österreichische
Studentenverbindung Rudolfina. Festschrift zum 80. Stiftungsfest e.V. KÖStV Rudolfina im ÖCV (Wien 1978)
8.
42 Hartmann, CV 108.
10
Arbeit zitieren:
MMag. Silvia Kornberger, 2006, Studenten der Universität Wien in der Zwischenkriegszeit: Soziale Lage, Verbindungen und Politik - Rolle und Bedeutung des christlichen Verbindungswesens, München, GRIN Verlag GmbH
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