Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien 2
Gliederung
Einleitung 1
1. Methodik 3
1.1. Forschungsliteratur 3
1.2. Datengrundlage 5
1.3. Vorgehensweise 8
1.4. Begriffsklärung 9
2. Bangalore -ein Porträt 13
2.1. Eine statistische Sicht 13
2.2. Demographische Situation 14
2.3. Kurzer Abriss der Geschichte Bangalores 18
2.4. Wirtschaftliche Bestandsaufnahme Bangalores 19
2.4.1. Wirtschaftliche Tradition 19
2.4.2. Branchenstruktur in Bangalore 22
3. soziale Probleme - Hemmnisse für die 26
Wirtschaft
3.1. Einkommensdisparitäten: 26
IT - Branche versus traditionelle Berufe
Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien 3
3.2. Der Wohnungsmarkt zwischen Luxusanwesen und Slums 30
3.2.1. Wohnungsmarktlage seit Beginn der 90iger Jahre 30
3.2.2. Marginalsiedlungen in Bangalore 33
3.3. Kriminalität 40
3.4. Straßenkinder - das schwächste soziale Glied 42
4. Infrastruktur - Problemkind der sozialen 44
und wirtschaftlichen Entwicklung
4.1. Trinkwasserversorgung 44
4.2. Energiekrise 46
4.3. Ausbildungsmöglichkeiten und Bildungsniveau in Bangalore 48
4.3.1. Die schulische Bildungspolitik in Indien 48
4.3.2. Alphabetisierung in Bangalore 49
4.3.3. Die akademische Ausbildung 51
4.4. Die medizinische Versorgung 52
4.5. Verkehrsnetz 54
4.5.1. Verkehrsaufkommen 54
4.5.2. Ausbau des Straßennetzes 56
4.5.3. Eisenbahnnetz 58
4.5.4. Flugnetz 60
4.6. Telekommunikation 61
4.7. Ursachen der Infrastrukturkrise 63
4.8. Bewertung der Infrastruktur durch ansässige Firmen 65
Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien Seite 4
5. Umweltprobleme - Atemlos in die Zukunft? Seite 68
5.1.gesetzliche Grundlagen Seite 68
5.1.1. Umweltgesetzgebung in Indien Seite 68
5.1.2. gesetzliche Grundlagen auf Bundesebene Seite 70
5.2.Wasserverschmutzung Seite 72
5.3.Luftverschmutzung Seite 75
5.4.Müll Seite 82
Schlussbetrachtungen Seite 85
Anhang
Verzeichnis der Abbildungen
Verzeichnis besuchter Internetseiten
Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien Seite 5
„Indias City of the future”, „Silicon Valley of India” oder auch “Indias indisputable boomtown for business environment“ - einige Bezeichnungen 1 , die die rasante Wirtschaftsentwicklung von Bangalore zu umschreiben versuchen und auch als Leitthemen der regionalen Eigenvermarktung in Indien verwendet werden. Bangalore, Hauptstadt des Bundesstaates Karnataka und Konzentrationsraum der Information Technologie (IT) Industry, hat sich in den letzten Jahren weltweit einen Namen gemacht. Bangalore ist im Herzen Südindiens auf dem Dekkanplateau gelegen und die fünftgrößte Metropole des Landes. Die auch als „Garden City“ 2 bezeichnete Stadt entwickelte sich in den 1990iger Jahren zu einer der am schnellsten wachsenden Agglomerationen Asiens. Durch die zunehmende Globalisierung der Märkte und der Ansiedlung großer internationaler Unternehmen in Bangalore gelang es, ein ernstzunehmender Konkurrent auf dem internationalen IT - Markt zu werden. Bangalore gilt als Mythos 3 , als Erfolgsmodell einer vernetzten globalisierten Welt, als Vorbild für andere ind ische Städte. Doch wenn man sich außerhalb der Prachtbauten und High- Tech Enklaven in dieser Stadt umsieht, wird bald deutlich, dass diese Entwicklung ihre ernstzunehmenden Schatten hinterlassen hat. Aufgabe dieser Arbeit soll es sein, die Probleme dieser rasanten Entwicklung zu benennen und nachzuweisen, dass sich die sozialen Disparitäten und Umweltkonflikte durch die rasante wirtschaftliche Entwicklung zusätzlich verstärkt haben.
Für die Erarbeitung des Themas sind folgende Kernfragen zu beantworten:
è Welche Entwicklung erfuhr Bangalore auf dem Weg zur IT- Metropole? è Wie wirkte sich das Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum auf den Arbeits- und Wohnungsmarkt aus?
è Zu welchen städtischen Strukturen führte die hohe Zuwanderung von Bevölkerungsgr uppen in Bangalore?
1 Feldbauer, Peter (Hg.): Mega - Cities: die Metropolen des Südens zwischen Globalisierung und
Fragmentierung, Frankfurt 1997, S. 86.
2 www.bangalorenet.com.
Selbst zur heißen Zeit des Vormonsuns (Mai/Juni) steigt die Tageshöchsttemperatur kaum über 30° C,
während im Tiefland Werte über 40° C die Regel sind. (Ravindra, Ravi: Bangalore - An environment
profile, In: Government of India: Managing urban environment in India, New Delhi 1993, Bd.2., S.124
ff.)
3 Dittrich, Christoph: Stadt der zwei Geschwindigkeiten - Glanz und Elend der indischen Software -
Metropole Bangalore, in: Blätter des Informationszentrums 3. Welt, Nr.229, Mai/Juni 1998, Seite 17.
Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien Seite 6
è Inwiefern ist die indische Metropole Bangalore von der „Tradition“ Frauendefizit betroffen?
è Wie hoch ist der Grad der vorhandenen Überlastungserscheinungen im infrastrukturellen Sektor ( Verkehrnetz, Ver- und Entsorgungssysteme)? è Welche Ausbildungsmöglichkeiten stehen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen zur Verfügung?
è Bedeutet eine wachsende Metropole gleichzeitig einen relativen Anstieg der Kriminalität?
è In welchem Maße ist Bangalore von Umweltverschmutzung betroffen?
Die Probleme, die Bangalore als Metropole in Indien und demzufolge in einem Entwicklungsland betreffen, können jedoch nicht isoliert betrachtet werden. Um Zusammenhänge aufzeigen zu können, wird, nachdem im ersten Kapitel eine allgemeine Abhandlung über die verwendete Forschungsliteratur, vorhandenen Statistiken, Vorgehensweise und Klärung der Begrifflichkeiten gegeben wurde, im zweiten Kapitel ein Überblick über die Bevölkerungssituation und die wirtschaftliche und historische Entwicklung der Metropole im Süden Indiens gegeben. Inhalt des dritten Abschnitts sind die vorhandenen sozialen Konflikte, die unter anderem aus dem Arbeitsmarkt und den darausfolgenden Einkommensunterschieden resultieren. Näher beleuchtet wird der Wohnungsmarkt und insbesondere die Ausbreitung der Marginalsiedlungen. Ebenso soll die Problematik der zahlreichen Straßenkinder Gegenstand der Ausführungen sein. In dem sich anschließenden Themenbereich wird die allgemeine Infrastruktur thematisiert. Inwiefern kann sie mit der ökonomischen als auch demographischen Situation Schritt halten ? Welche Nachteile könnten oder sind bereits für den Wirtschaftsstandort Bangalore erwachsen? Abschließend wird erläutert, welche Rolle dem Umweltschutz in Indien zugesprochen wird und inwiefern die Anwendung der Gesetze in Bangalore erfolgt. Es wird erläutert, welche Auswirkungen das industrielle und demographische Wachstum auf die Wasser-und Luftreinhaltung haben und in welchem Maße dies direkt auf die Lebensqualität der Bevölkerung zur ückgreift.
Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien Seite 7
Obwohl Bangalore als südindisches Wirtschaftszentrum bereits auf eine langjährige Entwicklung zurückblicken kann, gilt ihr wirtschaftlicher Take off und die daraus erfolgten sozialen und ökologischen Konsequenzen in der Forschungsliteratur als ein eher junges Phänomen. Die Zahl wissenschaftlicher Publikationen über diese Thematik wächst erst allmählich, weil das bisherige Augenmerk sich hauptsächlich auf die ökonomische Entwicklung richtete, die im IT - Bereich erst in den frühen 1990igern ihren Anfang nahm.
Ein sehr aktuelles und ausführliches Beispiel dafür ist die Arbeit von Martina FROMHOLD-EISEBITH 4 . Die Autorin, die als Dozentin am geographischen Institut der Universität Salzburg tätig ist, stellte einen Vergleich zwischen den Technologieregionen Bandung/ Indonesien und Bangalore an, indem sie detailliert mit Hilfe statistischer und selbst erhobener Wirtschaftsdaten als auch empirischer Untersuchungen die wirtschaftliche Entwicklung und globale Vernetzung der beiden Städte darstellt. Als weitere, jedoch nicht so umfangreichen Darstellungen, neben anderen zahlreichen Publikationen von FROMHOLD-EISEBITH (die hauptsächlich in verschiedenen geographischen Zeitschriften erschienen sind), sind CHONG (2002) 5 , HOFFMANN (1997) 6 , KRAAS (1997 7 und 1998 8 ) als auch FELDBAUER (1997) 9 zu nennen. Erst in diesem Jahr veröffentlichte CHONG 10 sein Buch: „Business environment and opportunities in india - bangalore and ist surrounding regions“.
4 Technologieregionen in Asiens Newly Industrialized Countries: Strukturen und Beziehungssysteme am
Beispiel von Bangalore/ Indien und Bandung/ Indonesien, Münster 2001.
5 Chong, Li Choy: Business environment and opportunities in India - Bangalore and its surrounding
regions, St. Gallen 2002.
6 Hoffmann, Thomas: Bangalore - Indiens Silicon Valley, in: Praxis Geographie, Braunschweig 1997,
27.Jg.,Heft 9, S.38-41.
7 Kraas, Frauke: Megastädte: Urbanisierung der Erde und Probleme der Regierbarkeit von Metropolen in
Entwicklungsländern, In: Holtz, Uwe (Hg.):Probleme der Entwicklungspolitik, Bonn 1997, S.139-178.
8 Kraas, Frauke: Determinanten der jüngsten Wirtschaftsentwicklung in Südostasien, in:
Zeitschrift für Wirtschaftsentwicklung, Frankfurt 1998.
9 Feldbauer, Peter (Hg.): Mega - Cities: die Metropolen des Südens zwischen Globalisierung und
Fragmentierung, Frankfurt 1997.
10 Li Choy Chong ist seit 1996 Professor an der Universität St. Gallen und hielt seine Antrittsvorlesung
zum Thema:“ Von Armut zu Wohlstand - Die Wiederholung des Schweizer Wirtschaftswunders in
Asien“.
Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien Seite 8
Hauptaugenmerk legt er auf den wirtschaftlichen status quo und analysiert ausführlichst jeden einzelnen Wirtschaftsbereich. Den Finanzdienstleistern widmet er ein eigenes Kapitel. Der größte Abschnitt im gesamten Werk gilt den infrastrukturellen Einrichtungen. Negativ ist allerdings anzumerken, dass er die medizinische Versorgung vollkommen außer Betracht lässt und es an keiner Stelle zu einer Bewertung seinerseits kommt. Seine Ausführungen gleichen eher einer Aneinanderreihung, die weder verdeutlichen, dass die Infrastruktur völlig überlastet ist, noch welche direkten Folgen dies nach sich führt. Das Anfangskapitel über die umfassenden topographischen Gegebenheiten in Indien scheint unangebracht, da es keinen direkten Bezug zum Hauptthema gibt. Um sich einen Überblick über den derzeitigen wirtschaftlichen und infrastrukturellen Zustand über Bangalore zu machen, ist die Arbeit: „Business environment and opportunities in india - bangalore and ist surrounding regions“ aber durchaus geeignet.
Zur Umweltproblematik in Indien gibt es lediglich allgemeine Publikationen, worüber vor allem Stephan PAULUS 11 mehrfach Untersuchungen anstellte. Inhalt seiner Arbeiten sind hauptsächlich die Ausmaße der Umweltverschmutzungen in Indien und ihre direkten Auswirkungen auf die Lebensqualität der Einwohner. Be sondere Wichtigkeit für diese Examensschrift hatte seine Dissertation: „Umweltpolitik und wirtschaftlicher Strukturwandel in Indien“ von 1992, mit der er die Doktorwürde an der Freien Universität Berlin erlangte. Ausführlich stellt er die wirtschaftliche Entwicklung und Bevölkerungspolitik seit der Unabhängigkeit Indiens dar und nimmt direkten Bezug auf die Rolle der Umweltpolitik Indiens und die Ausmaße der Umweltverschmutzung im Land.
Die Problematiken, die aus diesem High- Tech-Boom allerdings erwuchsen, wurden in der Forschung bisher wenig betrachtet. Als Wissenschaftler, die sich explizit mit den negativen Facetten Bangalores auseinander setzten, ist zum einen Malini GRIESMEYER zu nennen. Die Dissertationsschrift mit dem Thema „Residential Densities and Living Conditions in an Indian Metropolis - A case study of Bangalore“ wurde 1987 an der Universität Bangalore verfasst und 1993 veröffentlicht.
11 Paulus, Stephan: Wirtschaftswachstum, Strukturwandel und Umweltpolitik in Indien: Ansatzpunkte für
eine Ökologisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, Berlin 1989.
Paulus, Stephan: Klimaschutz und nationale Energiepolitik : das Beispiel Indien, Berlin 1992.
Paulus, Stephan: Umweltpolitik und wirtschaftlicher Strukturwandel in Indien, Frankfurt 1993.
Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien Seite 9
Anzumerken an dieser Arbeit ist jedoch, dass die aktuellsten verwendeten Daten aus dem Jahr 1981 stammen, deren Herkunft nicht angegeben wurde und die Arbeit somit nicht den aktuellsten Ansprüchen genügt.
Ein kürzerer und mit aktuelleren Daten versehener Aufsatz ist zum anderen von RAVINDRA (1993) 12 erschienen, die sich als erste überhaupt in wissenschaftlicher Form mit den Umweltproblemen, insbesondere der Wasser- und Luftverschmutzung und der Müllproblematik in Bangalore auseinander setzte. Ebenfalls veröffentlichte DITTRICH (1998; 2000) 13 Essays, in denen er sich mit den sozialen Disparitäten in Zusammenhang mit d er Ungleichheit auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt auseinander setzte.
Desgleichen ist von Christoph DITTRICH, der als wissenschaftlicher Assistent am Institut für Kulturgeographie der Universität Freiburg tätig ist, die Habilitationsschrift zu erwähnen. Für seine Arbeit mit dem Titel „Globalisierung, Verwundbarkeit und Probleme der Existenzsicherung in der indischen Software-Metropole Bangalore“ arbeitete er mehrere Monate in Bangalore und stellte sie im Sommer diesen Jahres fertig. Demzufolge sind diese Ergebnisse auch noch nicht publiziert, wurden aber zum Teil von seiner Seite für diese Arbeit zur Verfügung gestellt.
1.2. Datengrundlage
Quellen und Erhebungen von Wirtschaftsdaten in Indien werden im umfangreichen Maße publiziert. Der „Annual Survey of Industries“ (ASI) 14 bietet die detailliertesten Daten über Wertschöpfung, Produktion, Beschäftigung, Kapitalstock, Löhne und andere Kennzahlen jeweils für einzelne Industriebranchen und zu laufenden Preisen. Diese Daten werden jährlich seit 1959 vom National Sample Survey und von der Central Statistical Organisation (CSO) erhoben und aufbereitet. Der Nachteil dieser Statistik ist, dass lediglich registrierte Betriebe erfasst werden und somit die meisten kleinen und mittleren Betriebe unberücksichtigt bleiben.
12 Ravindra, Ravi: Bangalore - An environment profile, In: Government of India: Managing urban
environment in india, New Delhi 1993, Bd.2, S. 121-141.
13 Dittrich, Christoph: Leben in der Stadt, in: Deutscher Entwicklungsdienst (Hg.): DED Brief, 2/3,Bonn
2000, Seite 15-17.
Dittrich, Christoph: Stadt der zwei Geschwindigkeiten - Glanz und Elend der indischen Software-
Metropole Bangalore, in: Blätter des Informationszentrums 3. Welt, Nr.229, Mai/Juni 1998, Seite 15-17.
14 www.mospi.nic.in.
Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien Seite 10
Auch werden weder der primäre oder tertiäre Sektor, noch die Elektrizitätswirtschaft oder das Baugewerbe erfasst. Da die Erhebungsverfahren äußerst zeitaufwendig sind, stehen diese Wirtschaftsdaten häufig mit einer hohen zeitlichen Verzögerung von bis zu sechs Jahren zur Verfügung.
Eine Alternative bietet da der „Index of Industrial Production“ (IIP) 15 . Die Einstellung erfolgt relativ kurzfristig, meist innerhalb eines Jahres. Doch wie auch beim ASI werden nur registrierte Betriebe widergespiegelt. Die Daten beruhen auf Stichproben des „Directorate General for Technical Development“ (DGTD). Hierbei wird die industrielle Produktionsentwicklung auf der Basis einer relativ großen Zahl repräsentativer Produkte geschätzt.
Vom CSO wird ebenfalls die „National Accounts Statistic“ (NAS) 16 veröffentlicht, in der seit 1970 reale Wirtschaftsdaten zu finden sind. Sie umfasst alle drei Wirtschaftssektoren und ist von jeher in unveränderter Klassifikation verfügbar. Die Daten für registrierte und unregistrierte Betriebe werden extra ausgewiesen, die für nicht registrierte Betriebe beruhen auf Schätzungen und Stichproben. Beim Bundesamt für Außenhandelsinformationen erhält man aktuelle und ausführliche Marktanalysen , Wirtschaftsdaten und allgemeine Informationen zu Indien und weiteren 200 Ländern. Neben Publikationen, die auch für diese Arbeit verwendet wurden, sind Informationen auch über das Internet auf der Seite www.bfai.de abrufbar. Im Gegensatz zu den Internetseiten des Government of India sind diese Daten nicht kostenlos 17 . Daten zu den sozialen und ökologischen Problemen Bangalores zu finden, gestaltete sich hingegen als deutlich schwieriger. Aufgefunden werden konnten diese durch intensive Internetrecherche auf folgenden Seiten: www.mospi.nic.in und www.moh.fw.nic.in. Auf diesen Homepages werden Umwelt-, Verkehrs- und Bevölkerungsdaten folgender Statistiken zusammengefasst:
15 www.ubos.org/iip.
16 www.mospi.nic.in.
17 Für die Anmeldung müssen 20 € und pro gelesenem Artikel 2,50 € gezahlt werden. Das jährliche
Internetabonnement ist für 1055 € erhältlich.
Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien Seite 11
è Motor Transport Statistic
è Indias Development Report è Central Pollution Control Board è Tata Energy Research Institute è Ministry of Urban Affairs & Employment è Central Electricity Authority è Central Water Comission
Die Seite www.censusindia.net verfügt über Statistiken von 2001, die in folgende Kategorien unterteilt sind: Administrative units, Population, Population (0-6), Literate population and literacy rate, workers und non-workers. Diese Daten sind für Gesamtindien, einzelne Bundesstaaten, Distrikte als auch für einzelne Städte kostenlos abrufbar.
Eine letzte erwähnenswerte Statistik ist an dieser Stelle das National Crime Records Bureau (http://ncrb.nic.in) zu nennen. Auf dieser Homepage sind sämtliche Daten, die in Zusammenhang mit polizeilicher Arbeit von 2000 stehen, tabellarisch erhältlich. Was allerdings die Genauigkeit aller indischer Statistiken betrifft, so sollten diese Daten immer mit Vorbehalt betrachtet werden. Sie sind häufig ungenau, da sie teilweise auf Schätzungen beruhen und die Realität nicht immer genau widerspiegeln. Es besteht, so scheint es, von staatlicher Seite kaum ein Interesse daran, reale demographische Statistiken zu erstellen, da sie zum einen ein negatives Bild auf die politischen Entscheidungsträger werfen könnten, zum anderen muss befürchtet werden, dass potentielle ausländische Investoren durch die Statistiken abgeschreckt werden könnten.
Es darf aber auch nicht außer acht gelassen werden, dass die einzelnen Bundesstaaten weder über ausreichende finanzielle Mittel oder Mitarbeiter verfügen, um umfangreiche Zählungen und Auswertungen durchzuführen.
Als Ergänzung wurden daher Daten, die von Martina Fromhold-Eisebith und Christoph Dittrich in Bangalore aufgrund eigener Forschungsvorhaben erhoben worden sind, verwendet.
Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien Seite 12
1.3. Vorgehensweise
Am Anfang der Arbeit stand ein umfangreiches Literaturstudium. Da jedoch, wie unter Abschnitt 1.1 bereits erläutert, die sozialen und ökologischen Probleme in Bangalore wenig reflektierte Themen in der Entwicklungsländerforschung sind, stieß man bei der literarischen Recherche schnell an Grenzen.
Somit war eine intensive Internetrecherche ein wichtiger zweiter Hauptschritt. Die am häufigsten verwendeten Websites 18 waren u.a.:
è www.bangalorebuzz.com
è www.bangalorenet.com è www.bangalorebest.com, è www.onlinebangalore.com è www.bangaloresoftware.com è www.virtualbangalore.com è www.karnatakastatepolice.com è www.bcp.gov.in è www.mohfw.nic.in è www.mospi.nic.in è www.blrforward.com
Bei den Tageszeitungen erschienen folgende als besonders interessant:
è The Hindu (www.thehindu.com)
è Indian Express (www.expressindia.com) è Times of India (www.timesofindia.com) è Times of Bangalore (www.bangaloretimes.com) è The Telegraph (www.telegraphindia.com)
18 Eine ausführliche Auflistung über alle Websites ist im Anhang zu finden.
Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien Seite 13
Da trotz der umfassenden Recherche nicht alle Datenlücken geschlossen werden konnten, wurden von der Verfasserin über das Internetkommunikationsprogramm ICQ Befragungen über die allgemeine Wohnsituation und Mietpreislage in Bangalore durchgeführt. Befragt wurden circa 25 Männer und fünf Frauen im Alter zwischen 22 und 41 Jahren, die zum größten Teil in der IT Branche tätig sind. Diese Umfrage ist aufgrund der geringen Anzahl der Befragten, derer gesellschaftlichen Stellung und gleichen Alters keineswegs repräsentativ, ermöglicht es aber, einen Einblick in den Wohnungsmarkt der privilegierteren Schicht Bangalores zu geben. Die Initiative, auf Wohnungsanzeigen einer Onlineplattform zu antworten, erwies sich als wenig effektiv, da sich bei 40 Anfragen nur zwei potentielle Vermieter meldeten. Es folgten Anschreiben an verschiedene deutsche Organisationen über die verschiedenen Problemfelder, die in dieser Arbeit behandelt werden. Allerdings war die Resonanz eher gering. Lediglich terre des hommes stellte interessante Materialien zur Problematik der Straßenkinder in Bangalore zur Verfügung. Ein weiteres ausgeschöpftes Mittel zur Erkenntnisgewinnung waren
Experteninterviews. Dafür stand der Verfasserin Dr. Christoph Dittrich vom Geographischen Institut der Universität Freiburg zur Verfügung. Er selbst war im Rahmen seines Forschungsprojektes insgesamt neun Monate in Bangalore tätig und konnte so mit interessanten Thesen und Gedankenanstößen, die in mehreren Interviews ausgetauscht wurden, zum Gelingen dieser Arbeit beitragen. Außerdem stellte er eigene Forschungsergebnisse als auch Teile seiner bisher unveröffentlichten
Habilitationsschrift für diese Examensschrift zur Verfügung.
1.4. Begriffsklärung
Im Zusammenhang mit Bangalore wird häufig der Begriff „Metropole“ genannt, ohne eigentlich genau zu definieren, was man unter diesem Begriff zu verstehen hat. Welche Kennzahlen machen aus einer Stadt eine Metropole oder eine Megacity beziehungsweise trifft einer der Begriffe überhaupt auf Bangalore zu? Unter Metropolen versteht man städtische Agglomerationen, in denen mehr als eine Million Menschen leben, somit ist Banga lore eindeutig auch als eine solche zu bezeichnen. Metropolen weisen heute eine besondere Dynamik auf.
Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien Seite 14
Bereits 1990 lebten 33 Prozent 19 der städtischen Bevölkerung in solchen Agglomerationen, die es in Industrie- und Entwicklungsländern gleichermaßen gibt. Der Metropolisierungsgrad liegt beispielsweise in Australien bei ca. 50,6 Prozent und in den USA bei 36,2 Prozent. Doch besonders die Entwicklungsländer weisen einen sehr hohen Metropolisierungsgrad auf. Als Beispiele wären Argentinien (42,5 Prozent), Brasilien (35,3 Prozent) oder Mexiko( 32,5 Prozent) zu nennen. Um 1900 gab es lediglich 13 Metropolen weltweit, 1990 ist diese Zahl bereits auf 275 angestiegen. Um eine bessere Differenzierung vornehmen zu können, gibt es außerdem den Begriff der Megacitys oder auch Megastädte. Nach einer rein quantitativen Abgrenzungen werden so die Metropolen der Welt bezeichnet, die eine Bevölkerung von mehr als fünf Millionen Einwohnern 20 bzw. mehr als acht Millionen Einwohnern 21 aufweisen.
Nach der UNO Definition handelt es sich bei Megacities um Agglomerationen mit mehr als acht Millionen Einwohnern. Dies ist allerdings ein Wert, der nicht statistisch ist und möglicherweise, wie auch der Metropolenbegriff, wieder angepasst werden muss. Auch wenn es sinnvoller erscheint, den höheren Stellenwert zu bevorzugen, weil die große Bevölkerungszahl besonders hervorgehoben wird, scheint es doch eher müßig, da bei den Bevölkerungszahlen einer Stadt auch immer die Fläche, die zur Verfügung steht, berücksichtigt werden muss. Internationale Statistiken beruhen jedoch nicht auf ähnlichen Bezugsflächen, so dass nur die absoluten Bevölkerungszahlen international vergleichbar sind. Nach der UN-Definition leben heute 10 Prozent der Weltbevölkerung in solchen Megastädten (zum Beispiel Delhi, Kairo, Tokio oder Mexiko-City). Ein eindeutiger Trend ist auch hier in der Richtung zu sehen, dass die ansteigende Zahl von Megastädten (Megapolisierung) heute vor allem von den Entwicklungsländern getragen wird.
So waren 1994 in der Rangliste der größten S tädte der Erde gerade noch drei Megastädte aus den Industrienationen vertreten. Nach UN-Berechnungen wird bis zum Jahr 2015 nur noch eine Megastadt aus der Ersten Welt stammen (Tokio).
19 Holtz, Uwe: Probleme der Entwicklungspolitik, Bonn 1997, S.141ff.
20 Feldbauer, Peter (Hg.): Mega - Cities: die Metropolen des Südens zwischen Globalisierung und
Fragmentierung, Frankfurt 1997, S.9.
21 United Nations: Population Growth and Policies in Mega Cities: Bangkok, Population Policy Paper 10,
New York 1987, S. 42.
Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien 15
In Indien gibt es insgesamt zwei Megacities 22 (Bombay und Neu Delhi) und 25
Metropolen , die in der folgenden Tabelle aufgelistet sind:
Million Plus Cities Einwohnerzahl
1.Bombay 11.914.398
2.Neu Delhi 9.817.439
3.Kalkutta 4.580.544
4.Bangalore 4.292.223
5.Madras 4.216.268
6.Ahmedabad 3.515.361
7.Hyderabad 3.449.878
8.Pune 2.540.069
9.Kanpur 2.532.138
10.Surat 2.433.787
11.Jaipur 2.324.319
12.Lucknow 2.207.340
13.Nagpur 2.051.320
14.Indore 1.597.441
15.Bhopal 1.433.875
16.Ludhiana 1.395.053
17.Patna 1.376.950
18.Vadodara 1.306.305
19.Thane 1.261.517
20.Agra 1.259.979
21.Kalyan-Dombivili 1.193.266
22.Varanasi 1.100.748
23.Nashik 1.076.967
24.Meerut 1.074.229
25.Faridabad 1.054.981
22 Nach dieser Definition wäre es also auch richtig, Bangalore als Megastadt zu bezeichnen. Da die
Bev ölkerungszahl jedoch im Grenzbereich liegt, wird in dieser Arbeit weiter der Metropolen -Begriff
beibehalten
Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien Seite 16
Quelle: Census of India (www.censusindia.net).
Seit der Unabhängigkeit 1949 wurde Indien als Entwicklungsland kategorisiert, obwohl der Begriff „Entwicklungsland an sich nicht unumstritten ist. Er gilt als wertend und setzt die Länder Westeuropas und Nordamerikas mit fortschrittlich und hochentwickelt gleich und gibt somit die Entwicklungsrichtung für Länder der Dritten Welt vor. Eine einheitliche Definition gibt es nicht, dahe r wird am häufigsten das pro Kopf Einkommen als Maßstab genutzt 23 . Der statistische Aussagewert ist allerdings doch recht begrenzt, da weder informelle Arbeit noch Selbstversorgung mit berücksichtigt werden.
Typische Kennzeichen sind aber auch eine hohe Arbeitslosigkeit, ein überbesetzter Dienstleistungssektor, viele Beschäftige in der Landwirtschaft, Auslandsverschuldung sowie eine unzureichende Infrastruktur.
Während es in Ländern der sogenannten Ersten Welt das Problem des Geburtenrückgangs gibt, so scheint das Bevölkerungswachstum in den Ländern der Dritten Welt ungebrochen. Eine niedrige Alphabetisierungsrate, Verstädterung und eine instabile politische Lage können weitere Merkmale eines Entwicklungslandes sein. Häufig leiden große Teile der Bevölkerung in Entwicklungsländern unter Massenarmut, Unterernährung und Krankheiten.
Alle Faktoren beeinflussen sich gegenseitig, müssen jedoch nicht in jedem Falle alle in einem Land auftreten. Es kann aber festgehalten werden, dass Indien auch mehr als 50 Jahre nach der Entlassung in die Unabhängigkeit von allen Faktoren im hohen Maße betroffen ist.
23 Quelle: Geowissenschaften Online (www.g-o.de ).
Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien Seite 17
Entgegen der Eigenwerbung 24 als „Silicon Valley of India“ ist Bangalore nicht im Tal gelegen, sondern in 920 Meter Höhe auf dem Dekkanplateau. Sie ist die fünftgrößte Stadt Indiens und eine der schnellwachsendsten überhaupt in Südasien. Die Einwohnerzahl beträgt derzeit circa fünf Millionen, die Prognosen 25 gehen für die Zukunft jedoch davon aus, dass die Bevölkerung im Jahr 2011 bereits auf sieben Millionen ansteigen könnte.
Die statistischen Angaben dokumentieren die wirtschaftliche Dominanz der Hauptstadt Karnatakas 26 . Bangalore erbringt 45 Prozent 27 der gesamten Wirtschaftskraft des Bundesstaates und 40 Prozent des indischen Softwareexports. Dagegen leben und arbeiten nur rund zehn Prozent 28 aller indischen Informatikingenieure in der Stadt, die 0,5 Prozent der indischen Bevölkerung beheimatet und weniger als 0,1 Prozent der Landesfläche einnimmt.
Der ökonomischen Entwicklung Bangalores kam und kommt die äußerst zentrale strategische Lage zugute. Die Abbildung 2 zeigt die Einbindung der Metropole in ein Hauptstraßennetz, wodurch eine schnelle Erreichbarkeit von allen größeren Städten des Landes gewährleistet wird. Das außerstädtische Verkehrsnetz erstreckt sich zum einen von und nach Madras an die östlich gelegene Koromandelküste, zum anderen nach Mangalore (an die Malagaküste im Westen) als auch in den äußersten Süden nach Trivandrum. Des Weiteren ist Bangalore mit den nördlich gelegenen Metropolen Hyderabad und Bombay über eine direkte Hauptstraßenverbindungen erreichbar.
24 www.bangalorenet.com.
25 Pritish Ng.: Environment, population and development: felicitation volume in honour of Prof. S.L.
Kaifastha, New Delhi 2001, S.254.
26 Im Bundesstaat Karnataka leben 45 Millionen Menschen auf einer Gesamtfläche von 192.000
Kilometern.
27 Fromhold - Eisebith, Martina: Technologieregionen in Asiens Newly Industrialized Countries:
Strukturen und Beziehungssysteme am Beispiel von Bangalore/ Indien und Bandung/ Indonesien,
Münster 2001, S.77.
28 Ebenda.
Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien Seite 18
Neben der Einbindung in ein weitreichendes Verkehrsnetz ist das ganzjährig angenehme Klima 29 durch die Nähe zum Meer und die Lage auf dem Dekkanplateau ein weiterer Grund, die Bangalore sowohl für einheimische als auch ausländische Investoren und Arbeitsnehmer attraktiv macht.
Quelle: Fromhold - Eisebith, Martina: Technologieregionen in Asiens Newly Industrialized Countries: Strukturen und Beziehungssysteme am Beispiel von Bangalore/ Indien und Bandung/ Indonesien, Münster 2001, S.86.
2.2. Demographische Situation
Von dem ständigen Bevölkerungswachstum in Indien sind die Metropolen und Megacities des Landes im Besonderen betroffen, da diese durch die scheinbar besseren Lebensbedingungen eine besondere Anziehungskraft auf die ländliche Bevölkerung ausüben.
29 Die Temperaturen bewegen sich ganzjährig zwischen 15 und 30°C. Aus: www.klimadiagramme.de.
Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien Seite 19
Zu einer Erhöhung der Einwohner kommt es außerdem durch die Verbesserung des Gesundheitssystems und der Hygiene, die zur Senkung der Sterblichkeitsrate besonders bei Säuglingen und Kleinkindern führen und der gleichzeitigen Erhöhung der allgemeinen Lebenserwartung. Da die Geburtenzahlen in Indien jedoch konstant 30 geblieben sind, wächst die Bevölkerung weiterhin an.
Die Bevölkerungssituation in Bangalore zeigt die Abbildung 3. Seit der wirtschaftlichen Liberalisierung Anfang der 90iger Jahre hat sich die Einwohnerzahl verdoppelt. Darf man den Prognosen Glauben schenken, so wird das ehemalige Pensionärsparadies 31 in circa zehn Jahren die acht Millionen Marke überschritten haben.
Quelle: Dittrich, Christoph: Globalisierung, Verwundbarkeit und Probleme der Existenzsicherung in der indischen Software-Metropole Bangalore (unveröffentlichte Habilitationsschrift), Geowissenschaftliche Fakultät, Universität Freiburg 2002.
Bei einer näheren Betrachtung der Bevölkerungszahlen und Bevölkerungsentwicklung ergibt sich der interessante Aspekt der Geschlechterverteilung in Indien, da diese eine enorme Divergenz aufzeigt. Fast über all auf der Welt gibt es ein Gleichgewicht zwischen weiblichen und männlichen Neugeborenen. Im Laufe des Lebens verschiebt
30 Auch wenn die Zweikindpolitik seit der Regierung Indira Ghandis propagiert wird, so gelten Kinder
besonders in den unteren Mittelschichten und Unterschichten noch immer als Altersvorsorge.
31 Vor der wirtschaftlichen Liberalisierung war Bangalore durch das angenehme Klima und hohen
Lebensstandard vor allem bei gut situierten Pensionären beliebt, die dort ihren Lebensabend verbrachten.
Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien Seite 20
sich dieses Bild: Frauen haben meist eine höhere Lebenserwartung als Männer. Somit wäre ein Frauenüberschuss als normal zu bezeichnen, das indische Frauendefizit ist hingegen ein abnormales Phänomen. 1901 gab es, wie Abbildung 4 zeigt, auf 1.000 Männer noch 982 Frauen, ein Wert, der durchaus noch als normal zu bezeichnen ist. In den folgenden Jahrzehnten nahm die relative Anzahl der Frauen aber drastisch ab. Der Tiefpunkt war 1971 erreicht, als die Anzahl der Frauen auf 1.000 Männer auf 886 gesunken war. Bis 2001 konnte sich diese Situation nur leicht entspannen, da die Frauenquote auf wieder auf 906 anstieg 32 .
Abbildung 4:Geschlechterverteilung in Bangalore 1901-2001 (Anzahl der Frauen auf 1000 Männer)
Quelle: Census of India (www.censusindia.net).
Doch worin sind die Ursachen dieser Entwicklung zu sehen? Obwohl Bangalore eine der modernsten Städte Indiens ist, gilt dies nicht für das Frauenbild. Trotz gesetzlichen Verbots ist es auch heute noch Sitte, dass die Eltern der Braut der Familie des Bräutigam eine hohe, den finanziellen Möglichkeiten der Brautfamilie oft übersteigende, Mitgift zahlen. Mädchen gelten in diesem Zusammenhang als finanzieller Verlust. Häufig kommt es daher besonders in den Familien, in denen es bereits ein oder zwei Töchter gibt, zur Ermordung weiblicher Säuglinge. In diesem Falle kommt die Modernität Bangalores zugute: dort, wo es modernste Kliniken mit westlichem Standards wie Ultraschall gibt, gibt es auch die Möglichkeit, weibliche Föten abzutreiben. Es ist ebenfalls verboten, wird jedoch in der Praxis umgangen. Eine Abtreibung dieser Art kostet circa 500 Rs. (13 US $) 33 , was für eine Familie aber immer noch leichter zu finanzieren ist, als später eine Mitgift von 50.000 Rs. zu zahlen. Die Ursachen des Frauendefizits sind jedoch noch vielschichtiger. Indische Mädchen werden häufig bereits in sehr jungen Jahren verheiratet und leben ab diesem Zeitpunkt in der Familie des Mannes. Da die jungen Schwiegertöchter am entbehrlichsten sind,
33 Eine Aussage von Christoph DITTRICH in einem mit der Verfasserin geführten Interview.
Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien Seite 21
weil sie jederzeit ersetzbar wären, leiden diese vergleichsweise häufiger an Unterernährung und mangelnder medizinischer Versorgung. Die schlimmsten, aber auch selteneren Fälle sind in diesem Zusammenhang die Mitgiftmorde 34 . Gebärt eine Frau nicht innerhalb weniger Jahre einen oder mehrere Jungen oder ist der Familie des Bräutigams die Mitgift nicht hoch genug gewesen, läuft die Schwiegertochter Gefahr, einem fingierten Unfall mit beispielsweise einem manipulierten Gaskocher 35 zum Opfer zu fallen. Somit soll für den Ehemann der Weg zu einer erneuten Ehe geebnet werden. Im Jahr 2001 gab es laut Statistik 36 55 Fälle dieser Mitgiftmorde in Bangalore. Christoph DITTRICH, der sich mehrer Monate aus Forschungsgründen in einem Slum im Stadtteil Koromangala aufgehalten hatte, berichtete hingegen in einem von der Verfasserin geführten Gespräch, dass ihm allein in dieser Marginalsiedlung mit circa 5.000 Bewohnern im Verlauf von zwei Monaten zehn dieser Fälle zu Ohren gekommen sind und die reale Anzahl dieser Morde mindestens zehnmal so hoch seien. Die Konsequenzen, die aus der Diskriminierung der Frauen ergeben, zeigen sich auch in der folgenden Abbildung 5.
Abbildung 5: Bevölkerung nach Altersgruppen und Geschlecht in Bangalore 1996
Quelle: Census of India ( www.censusindia.net)
34 Siehe auch Kapitel 3.3. .
35 Eine Aussage von Christoph DITTRICH in einem mit der Verfasserin geführten Interview.
36 National Crime Records Bureau (http://ncrb.nic.in).
Arbeit zitieren:
Steffi Reitz, 2002, Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Wirtschaft- und Industriegeographie: Bangalore - Aufstieg einer Techno...
Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie
Seminararbeit, 30 Seiten
Medienrecht - Die kommunikative Grundordnung
(Stand 2005)
Medien / Kommunikation - Sonstiges
Seminararbeit, 16 Seiten
Mediales Mitleid - Wie viel Mitleid verdienen Bilder?
Soziologie - Medien, Kunst, Musik
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Schizophrenie: Ein langer Weg! Am Beispiel von Kindern und Jugendliche...
Pädagogik - Pädagogische Psychologie
Hausarbeit, 45 Seiten
The Method - Ein Überblick über die Schauspieltheorie nach Konstantin ...
Seminararbeit, 10 Seiten
Das Wesen der Fotografie - eine vergleichende Analyse der Essays von R...
Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Digitalisierung und Informationsoverflow: Welche Konsequenzen haben di...
Medien / Kommunikation - Medienökonomie, -management
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Rationaler Diskurs in der direktdemokratischen Öffentlichkeit
Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten
Seminararbeit, 16 Seiten
John Rawls - Der Vorrang des Rechten und die Ideen des Guten
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 18 Seiten
Journalisten und Politiker in der neuen Mediokratie: Wer ist vom wem a...
Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit
Hausarbeit, 14 Seiten
„Geronnene Zeit“ und/oder „Blick in die Tiefe der Zeit“?
Fotografie (Zeit/Raum-)Wahrneh...
Seminararbeit, 36 Seiten
Zeit als Grundlage und Fundamentalkategorie der Geschichtswissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 13 Seiten
Medienkonvergenz: Entwicklung und Anwendungsbereiche
Informatik - Wirtschaftsinformatik
Seminararbeit, 19 Seiten
Parteitage als politische Showbühnen. Ein Beitrag über die Inszenierun...
Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
John Rawls - Verteilungsgerechtigkeit - Eine Theorie der Gerechtigkei...
BWL - Unternehmensethik, Wirtschaftsethik
Seminararbeit, 40 Seiten
Edmund Husserl: Die Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins
Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts
Hausarbeit (Hauptseminar), 13 Seiten
Steffi Reitz's Text Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Steffi Reitz hat den Text Probleme der Metropolen in Entwicklungsländern am Beispiel von Bangalore / Indien veröffentlicht
Steffi Reitz hat einen neuen Text hochgeladen
Probleme bei der Transformation von Entwicklungsländern
Eine institutionenökonomische ...
Hendrik Hähner
Probleme General de La Stabilite Du Mouvement. (Am-17)
A. Liapounoff, Alexandr Mikhailovich Liapounoff
Harmonic Maps and Minimal Immersions with Symmetries: Methods of Ordin...
James Eells, Andrea Ratto
0 Kommentare