Inhalt:
Hinweise zur zitierten Literatur 3
§ 1
Vorbemerkung 4
§ 2
Einleitung : Shakespeare-Rezeption und Emanzipation
der Sinnlichkeit im 18. Jahrhundert 5
§ 3
Lenzens Körper- und Seelenbegriff 6
§ 4
Die Sukzession der Erkenntnis 8
§ 5
Der poetische Schöpfungsprozess:
I. Nachahmung als Nachhandlung 9
II. Das poetische Genie und seine Schöpfung 10
§ 6
Dramenimmanente Konsequenzen: Der individuelle Charakter 13
§ 7
Ausblick : Wirkungsästhetische Konsequenzen im Verhältnis
Dichter und Publikum 14
Anmerkungen 17
Literatur 19
2
Hinweise zur zitierten Literatur
Folgende Abkürzungen, die sich auf Textbelege von J.M.R. Lenz beziehen, benutze ich im Text:
AüTh
Anmerkungen übers Theater, in: J.M.R. Lenz, Werke in einem Band, ausgewählt und eingeleitet von Helmut Richter, Berlin/Weimar 1980
Götz
Über Götz von Berlichingen, in: op. cit., p. 351-355
Stimmen
Stimmen des Laien auf dem letzten theologischen Reichstage im Jahre 1773, in: J.M.R. Lenz, Werke und Briefe in drei Bänden, hrsg. von Sigrid Damm, München 1987, Bd. 2, p. 565-618
Werther-Briefe
Briefe über die Moralität der Leiden des jungen Werthers, op. cit., p. 673-690
Verteidigung
Verteidigung des Herrn W. gegen die Wolken von dem Verfasser der Wolken, op. cit., p. 713-736
Hamlet
Von Shakespeares Hamlet, op. cit., p. 737-744
Natur
Über die Natur unseres Geistes, op. cit., p. 619-624
Versuch
Versuch über das erste Principium der Moral, op. cit., p. 499-514
Supplement
Supplement zur Abhandlung vom Baum des Erkenntnisses Gutes und Bösen, op. cit., p. 515-518
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§ 1 Vorbemerkung
Sowohl im Hinblick auf den poetischen Schaffensprozeß als auch in der Ausarbeitung dramentheoretischer Neuansätze entwickelt Jakob Michael Reinhold Lenz zwischen 1770 und 1780 Gedanken, deren zentraler Gehalt, sc. die Forderung nach konsequentem Werkrealismus, einerseits einen markanten Gegensatz zu den etablierten Dichtungswerten des "belle nature" - Klassizismus bildet, auf der anderen Seite aber bereits den sozial ambitionierten poetischen Realismus Georg Büchners antizipiert. J.M.R. Lenz agiert dabei im eigentümlichen Spannungsfeld von noch immer präsentem Klassizismus und dem "phantastischem Taumel" (H. Hettner) 1 der antiklassizistisch motivierten Sturm- und Drangperiode, in welcher Lenz im Urteil des Kulturhistorikers Egon Friedell "nächst Goethe der weitaus interessanteste Dichter der Generation" 2 ist. Eine Arbeit, die sich das Ziel gesetzt hat, Lenzens Theorie des poetischen Schöpfungsvorgangs zu behandeln, kann diesem Vorhaben nur unter Berücksichtigung des erwähnten Spannungsfeldes und seiner Implikationen für die theoretische Nuancierung in Lenzens Werk gerecht werden.
Insofern wird sich die vorliegende Arbeit notwendigerweise an diesen epochenimmanenten Implikationen orientieren. Nach den einleitenden Bemerkungen, die sich der Shakespeare-Rezeption und der erkenntnistheoretischen Emanzipation der Sinnlichkeit im 18. Jahrhundert widmen, wird die eigentliche Diskussion des poetischen Schöpfungsvorgangs mit der Analyse des Körper- und Seelenbegriffs bei Lenz eröffnet. Diese Analyse trägt im wesentlichen propädeutische Züge. Gerade hier aber zeigen sich die grundlegenden philosophischen Einflüsse des Theoretikers Lenz; seine Dichtungstheorie wird durch seine definitorischen Vorgaben des Körper- und Seelenbegriffs bedingt.
Die vorliegende Skizze beschließt ein "Ausblick", der das Verhältnis von Dichter und Publikum thematisieren und dabei Lenzens durchaus schwankende Haltung zu einer originären Wirkungsästhetik dokumentieren soll - gleichsam ein Beitrag zu den praktischen Konsequenzen, die sich aus den Werkintentionen möglicherweise für ein Publikum ergäben.
4
§ 2 Shakespeare-Rezeption und Emanzipation der Sinnlichkeit im 18. Jahrhundert
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verstärken sich im literarischen Deutschland in zunehmendem Maße Bestrebungen, sich von den immer noch vorherrschenden klassizistischen Strömungen innerhalb der Theaterpraxis und gleichzeitig von der rationalistisch diktierten Erkenntnistheorie zu lösen. Die folgenreiche Rezeption von Au-toren wie Shaftesbury, Edward Young und besonders Jean Jaques Rousseau, die den Stellenwert der menschlichen Reflexionsfähigkeit zugunsten des Gefühls, der Intuition und der empfindsamen Rückbesinnung auf Werte des Naturzustands erheblich relativierten und dem gemäß niedriger veranschlagten, leitet besonders in den Jahren zwischen 1760 und 1790 in Deutschland eine gravierende geistige Umorientierung ein. 3 Zum einen geschieht eine nachhaltige erkenntnistheoretische Neubewertung der bislang eher pejorativ eingestuften Erkenntnisvermögen "Sinnlichkeit", "Gefühl" und "Empfindung". Bereits 1754, bezeichnenderweise im Todesjahr Christian Wolffs, konstatiert der dichtende Staatsrat Carl Casimir Freiherr von Creutz, selbst Wolffianer, die unbedingte Evidenzfähigkeit der Empfindungen: "Wir können keine andere Gewißheit haben als diejenige, welche uns unsere Empfindungen geben." 4
Moses Mendelssohn plädiert 1755 in seinen "Briefen über die Empfindungen" sowie der sich daran anschließenden "Rhapsodie" von 1761 für die Ablösung der für die Empfindungen typischen Erkenntnisweise vom Maßstab der Rationalität, wie es Christian Wolff mit Blick auf die Kontrollfunktion der ratio gefordert hatte. 5 Den Wert des Gefühls im Erkenntnis-und Schaffensprozeß betont auch J.G. Herder nachdrücklich; ihm gelten Empirie und Empfindung gleichsam als Grundbausteine seiner ganzheitlichen Ästhetik. 6 Für Lenz schließlich bedeutet es das "Verdienst jedes Dichters (...), daß er uns mit Leidenschaften und Empfindungen bekannt macht." 7
Die Wertschätzung des menschlichen Empfindungsvermögen in der ästhetischen Theorie liegt letztlich im diffusen Erkenntnischarakter der Empfindungen begründet. Diese jedoch bieten, gemäß des leibnizischen "je ne sais quoi" 8 , genau die irrationale Erkenntnisunschärfe, die einst Christian Wolff dazu veranlaßte, Empfindungen als untergeordnete Erkenntnisse der facultas cognoscitiva inferior zuzuordnen 9 , die allerdings nun für die ästhetische Theorie und die Ausbildung des antiklassizistischen Literaturwesens eine "Attraktivität des Unnennbaren" verspricht. Gleichzeitig setzt innerhalb der Dramatik eine damit zusammenhängende Entwicklung ein. Durch die intensive Beschäftigung mit Shakespeares Werken wird die dramatische Theorie neu akzentuiert. Shakespeares prononcierte Zeichnung des Individuellen, seine unverfälschte Empfindungstiefe, die kreative Originalität, und nicht zuletzt seine von allen klassizistischen Regeln entblößte Werksubstanz begründen seine begeisterte Apotheose im Sturm und Drang. Shakespeares Dramatik, laut Goethe ein Resultat
5
genialischen 'Wetteiferns mit dem Prometheus" 10 , gilt der jungen Schriftstellergeneration als krasses Gegenbild zum rationalpoetisch-aristotelischen "Brettergerüst" (Herder) des Klassizismus und ist in der dichterischen Ausgestaltung einer eigenen "kleinen Welt" (Lenz) 11 Vorbild für die freie schöpferische Tätigkeit des Genies. 12 Dessen Wirkungsbereich war beispielsweise in J. Chr. Gottscheds eng am klassischen französischen Drama orientierter Dramentheorie eindeutig reglementiert. Scharfsinn (acumen), Witz (ingenium), Urteilsvermögen (iudicium) und das Ordnungsregulativ der drei aristotelischen Einheiten beschränkten den Umfang des dichterischen Schaffens quasi "more geometrico" auf den Kausalmechanismus des "Wahrscheinlichen". Die poetische ars inveniendi bedeutete mithin Kombination des Vorfindlichen zur inneren Logizität unter strikter Wahrung der äußeren Form. 13
Erst die enthusiastische Lektüre Shakespeares, dessen bewunderte "Urkraft" das dramatisch "Neue, Erste, ganz Verschiedne" 14 zu leisten imstande galt, bewirkte auch parallel die Emanzipation des regelkonformen "ingeniösen" Menschen zum Nonkonformismus genialischer Individualität. 15
§ 3 Lenzens Körper- und Seelenbegriff
Vor der expliziten Darlegung des dichterischen Schöpfungsprozesses unternimmt Lenz eine erkenntnistheoretische Grundlegung, die auf das interdependente Verhältnis von Körper und Seele rekurriert. Die Tatsache, daß Lenz diese thematische Abfolge auch in seiner programmatischen Hauptschrift "Anmerkungen übers Theater" einhält, beweist die Bedeutung, die Lenz der Klärung des Körper- und Seelenbegriffs beimißt. Reduziert man die themenrelevanten Textpassagen auf grundlegende Aussagen, so ergeben sich folgende Prämissen:
(1) Zwischen Körper und Seele besteht eine substanzbedingte Dualität, die sich durch göttliche Einflußnahme zu einer interdependenten Einheit konstituiert und damit das Wesen des "Ich" ermöglicht.
(2) Der Mensch, beziehungsweise seine Seele, besitzt den angeborenen Trieb zur produktiven Selbstentfaltung, der der menschlichen Seele ein stetes Maß an Handlungsbereitschaft abverlangt.
ad 1: Mit der Annahme der substanzbedingten Dualität von Körper und Seele berührt Lenz ein klassisches Diktum der Metaphysik, das sowohl die objektiv nachweisbare Inkompatibilität beider Substanzen feststellt als auch die subjektiv fühlbare Einheit von
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Arbeit zitieren:
M.A. Frithjof Böhle-Holzapfel, 1991, Die Theorie des poetischen Schöpfungsprozesses bei Jakob Michael Reinhold Lenz , München, GRIN Verlag GmbH
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