Danksagung
Besonderer Dank geht an Frau Margit Oswald, für ihre fachliche Unterstützung, meinen Freunden in Bern und Berlin für ihre Freundschaft und Hilfe.
Weiterer Dank geht an die Justizvollzugsanstalten Düppel, Hakenfelde, Moabit, Tegel und an Frau K. von Schlieben-Troschke für die angenehme Zusammenarbeit.
Schliesslich danke ich Claudine Stüssi für ihre Unterstützung und ihre Empathie.
Inhaltsverzeichnis 7
Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung 11
1 Einleitung 13
2 Empathie 16
2.1 Historischer Rückblick 16
2.2 Aktuelle Definitionen von Empathie 18
2.3 Operationalisierung von Empathie und Kritik
der Messungen 19
2.4 Exkurs: Neuropsychologische Befunde zur Empathie 21
3 Perspektivenübernahme 22
3.1 Historischer Rückblick 22
3.2 Zwei verschiedene Ansätze der
Perspektiven übernahme 23
3.2.1 Perspektivenübernahme aus Sicht der
Personenwahrnehmung 23
3.2.2 Perspektivenübernahme aus Sicht der
Entwicklungspsychologie 24
3.2.2.1 Das Modell von Selman 25
3.3 Operationalisierung der Perspektivenübernahme 26
3.3.1 Drei-Berge-Versuch 26
3.3.2 Paradigma der privilegierten Information 27
3.3.3 Messungen durch Selbstberichte
bzw. Fragebögen 29
4 Empathie und Perspektivenübernahme:
Gemeinsamkeiten und Abgrenzung 30
4.1 Zusammenhang beider Konstrukte 30
4.2 Zusammenhänge zwischen Empathie bzw.
Perspektiven übernahme und anderen Variablen 31
4.2.1 Empathie, Perspektivenübernahme und
aggressives Verhalten 32
4.3 Unterschiedliche Forschungstradition, Definitionen
und Operationalisierungen 33
8
5. Empathie und Perspektivenübernahme bei Straftätern 35
5.1 Defizithypothese 35
5.1.1 Generelles oder nur auf Opfer
bezogenes Defizit der Empathie- und
Perspektiven übernahme-Fähigkeit? 37
5.1.2 Sexualstraftäter vs. Nicht-Sexualstraftäter 37
5.1.3 Gewaltstraftäter vs. Nicht-Gewaltstraftäter 38
5.2 Theorien über Sexualstraftäter 39
5.3 Messinstrumente für Sexualstraftäter und weitere
empirische Belege 44
5.3.1 Operationalisierung der
opferspezifischen Empathie 44
5.3.2 Der aktuelle Stand der Forschung 45
6. Einfluss auf Empathie und Perspektivenübernahme
bzw. Empathie und Perspektivenerweiterung 48
6.1 Einfluss situativer Merkmale 48
6.2 Aufforderungscharakter und Einfluss der Nähe 48
6.3 Einfluss des Konflikts 49
6.4 Begünstigende Bedingungen für
Perspektiven übernahme 49
7. Zusammenfassung und Hypothesen 52
7.1 Hypothesen 53
8. Methode 54
8.1 Stichprobe 54
8.2 Messinstrumente 57
8.2.1 Operationalisierung der
Perspektiven übernahme 58
8.2.2 Operationalisierung der Empathie 59
8.3 Durchführung 60
8.4 Ergebnis einer Vorstudie und ergänzender Datensatz 60
Inhaltsverzeichnis 9
9. Ergebnisse 62
9.1 Stichprobe 62
9.2 Itemanalyse und Korrelationen 63
9.2.1 Itemanalyse Perspektivenübernahme 63
9.2.2 Itemanalyse Empathie 66
9.2.3 Korrelation der Subskalen
Perspektiven übernahme 68
9.2.4 Korrelation der Skalen
Perspektiven übernahme und Empathie 69
9.3 Gruppenvergleich 74
9.3.1 Perspektivenübernahme 74
9.3.2 Empathie 75
9.3.3 Mittelwerte der einzelnen Stichprobengruppe 75
9.4 Qualitative Daten 77
9.5 Mittelwerte der Einschätzung des eigenen Delikts 78
9.6 Fazit 79
10. Diskussion 81
10.1 Ergebnisse der Zusammenhänge 82
10.1.1 Unerwartete Korrelationen der Subskalen
Perspektiven übernahme 83
10.1.2 Inkonsistente Ergebnisse der
Empathie -Auswertung 83
10.2 Ergebnisse der Gruppenvergleiche 85
10.3 Eigenes Delikt 87
10.4 Weitere methodische Mängel und Schwierigkeiten 88
10.5 Ausblick 91
Literaturverzeichnis
Tabellenverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Anhangsverzeichnis
Zusammenfassung
Zusammenfassung
Empathie bezeichnet die Fähigkeit, die psychischen Zustände anderer zu übernehmen und zu erleben. Perspektivenübernahme beschreibt hingegen die kognitive Fähigkeit, die Sichtweise einer anderen Person einzunehmen. Empathie und Perspektivenübernahme werden in der Forschung oft als hoch korrelativ betrachtet. Den beiden Konstrukten wird bei der Erklärung devianten Verhaltens von Straftätern grosse Bedeutung zugeschrieben (z. B. Ward et al., 2000). Konkret wird angenommen, dass Straftäter ein Defizit in Bezug auf Empathie und Perspektivenübernahme hätten. Die vorliegende Lizentiatsarbeit befasst sich mit der Frage, ob die Empathie-Fähigkeit von Straftätern geringer sei als jene von Nicht-Straftätern. Im Weiteren wird vermutet, dass die Perspektivenübernahme in Bezug auf Opferreaktionen bei Straftätern geringer ausgeprägt sei als bei Nicht-Straftätern. Aufgrund des verwendeten Messverfahrens wird konkret erwartet, dass Straftäter im Vergleich zu Nicht-Straftätern positive/neutrale Opferreaktionen als wahrscheinlicher und negative Opferreaktionen als weniger wahrscheinlich einschätzten.
Es wird zudem ein positiver Zusammenhang zwischen allgemeiner Empathie-Fähigkeit und der Fähigkeit, die Perspektive speziell von Opfern übernehmen zu können, angenommen. Unter Verwendung der einschlägigen Skalen von Oswald & Bütikofer (2003) und Mehrabian (2000) wird versucht, diese Fragen mit je einem Datensatz aus Berlin und Bern zu beantworten. Es zeigt sich, dass Straftäter positive/neutrale Opferreaktionen als wahr- scheinlicher einschätzen als Nicht-Straftäter.
Einleitung
1 Einleitung
Personen, die spüren, wie sich der andere in seiner Haut fühlt, werden als „empathisch“ bezeichnet. Sie sind fähig, aktiv zuzuhören, fragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben, und melden zurück, wie eine Botschaft bei ihnen angekommen ist. Sie können mitempfinden, was der anderen Personen widerfährt, und werden der Situation entsprechend reagieren. Es wird angenommen, dass in diesem Prozess „die Perspektive des andern“ eingenommen wird. Empathie und Perspektivenübernahme werden deshalb als sehr eng verwandte Konstrukte angesehen oder sogar synonym gebraucht. Menschen, die eine geringe Empathie-Fähigkeit haben oder nicht fähig sind, die Perspektive des anderen zu übernehmen, werden oft als egozentrisch oder asozial bezeichnet. Es wird vermutet, dass bei der Genese und bei der Aufrechterhaltung devianten Verhaltens diese beiden Konstrukte eine bedeutende Rolle spielen. Deswegen nimmt man an, dass Straftäter, insbesondere Sexual- und Gewaltstraftäter, ein Defizit in den Bereichen Empathie und Perspektivenübernahme hätten. Man ist sich allerdings nicht sicher, ob sich ein solches Defizit generell gegenüber allen Menschen oder nur in Bezug auf die eigenen Opfer auswirkt. Bis heute bestehen keine eindeutigen empirischen Belege weder für die eine noch für die andere dieser Defizithypothesen. Die Empathie- und Perspektivenübernahme-Forschung ist von besonderem Interesse im Hinblick auf Therapie-Massnahmen, die eingesetzt werden, um die Empathie-Fähigkeit von Straftätern zu steigern. Ziel der vorliegenden Untersuchung ist es einerseits, einen Zusammenhang zwischen Empathie und Perspektivenübernahme zu finden, und andererseits, Defizite im Bereich der beiden Konstrukte bei Straftätern zu bestätigen.
Die vorliegende Arbeit ist in 10 Kapitel gegliedert. Nach der Einleitung (Kapitel 1) folgt ein historischer Rückblick zum Begriff der Empathie. Danach werden Definitionen erläutert, die in der heutigen Forschung Verwendung finden. Gleich anschliessend folgen die Operationalisierung der Empathie und deren Kritik. Zum Abschluss dieses Kapitels (Kapitel 2) wird ein kleiner Exkurs gemacht und der Beitrag der Neuropsychologie zum Empathie-Konstrukt erläu- tert.
14 Kapitel 1
Kapitel 3 widmet sich der Perspektivenübernahme. Nach einem historischen Überblick werden zwei wichtige Ansätze gezeigt, und zwar aus der Sicht der Personenwahrnehmung und aus der Sicht der Entwicklungspsychologie. Danach folgt die Operationalisierung des Konstrukts.
Es folgt in Kapitel 4 eine Gegenüberstellung von Empathie und Perspektivenübernahme: Es werden einerseits Zusammenhänge beider Konstrukte diskutiert, andererseits Bezüge zu anderen Variablen erläutert. Unterschiedliche Forschungsherkunft und Operationalisierung werden am Schluss dieses Kapitels einander gegenübergestellt.
In Kapitel 5 wird die Defizithypothese zu Straftätern vorgestellt sowie die Frage diskutiert, ob sich ein Defizit generell auswirkt oder nur speziell auf potenzielle Opfergruppen oder sogar nur auf die eigenen Opfer hin äussert. Weiter werden Sexual- und Gewaltstraftäter den Nicht-Sexual- und Nicht-Gewaltstraftätern gegenübergestellt und empirische Befunde dazu präsentiert. Es folgenden dann verschiedene Theorien über Sexualstraftäter und es werden Instrumente vorgestellt, die zur Messung von Empathie und Perspektivenübernahme bei Sexualstraftätern Verwendung finden. Zu guter Letzt wird der Stand der heutigen Forschung präsentiert. Nach Kapitel 5 werden verschiedene Variablen beleuchtet, die Einfluss auf Empathie bzw. Perspektivenübernahme haben (Kapitel 6). Nach einer kurzen Zusammenfassung und der Vorstellung der Hypothesen dieser Arbeit (Kapitel 7) werden die Methodik zur Veribzw. Falsifizierung der Hypothesen (Kapitel 8) sowie die Ergebnisse der empirischen Untersuchung (Kapitel 9) präsentiert. Das Kapitel 10 ist der Diskussion gewidmet. Hier wird noch einmal auf die Hypothesen eingegangen und es werden inkonsistente oder unerwartete Ergebnisse diskutiert. Methodische Schwächen werden beleuchtet und dargelegt. Die Arbeit schliesst mit einem Ausblick ab.
16 Kapitel 2
2 Empathie
Innerhalb der allgemeinen psychologischen Literatur wird Empathie als eine intellektuelle Fähigkeit, die Perspektive einer anderen Person zu verstehen und zu identifizieren (Mead, 1934; Regan & Totten, 1975), als eine emotionale Fähigkeit, die gleichen Gefühle des anderen zu empfinden (McDougall, 1908; Stotland, 1969), oder als eine Wechselwirkung zwischen kognitiven und affektiven Faktoren (Feshbach, 1975) angesehen. Bevor aktuelle Definitionen von Empathie (2.2) und deren Operationalisierung (2.3) vorgestellt werden, sehen wir uns zunächst die historischen Wurzeln des Konstrukts Empathie an.
2.1. Historischer Rückblick
Der Ursprung des Begriffs Empathie hängt eng mit der Auffassung des Ökonomen und Philosophen Adam Smith (1759/1976) zusammen. Er beobachtete, dass Menschen die Fähigkeit besitzen, den Zustand einer anderen Person in negativer oder positiver Art mitzuerleben. Diese Empfindung ist mit dem Zustand der anderen Person kongruent oder ist ihr zumindest ähnlich. Smith nannte es Sympathie (Mitgefühl). Im 19. Jahrhundert brachte der Darwinist Herbert Spencer (1870) mit seinem Text über die Sympathie das Konstrukt in die psychologische Literatur ein. Er betrachtete Sympathie als die Fähigkeit, die Perspektive einer anderen Person zu verstehen und ihre emotionalen Reaktionen zu empfinden. Grossen Einfluss in der Sozialpsychologie hatte McDougall (1908). Mit seinem komplexen Instinktkonzept näherte er sich der Thematik Empathie. Als angeborene Struktur sollte der Instinkt 1) eine Akzentuierung der Wahrnehmung bewerkstelligen: Man wird be-vorzugt auf bestimmte Gegenstände oder Ereignisse aufmerksam und beobachtet sie. Die so wahrgenommenen Objekte führen dann 2) zu ganz bestimmten Qualitäten emotionaler Erregung, die wiederum 3) die Tendenz erzeugen, in einer bestimmten Weise gegenüber diesem Wahrnehmungsobjekt zu handeln - zumindest liefert sie den Impuls dazu. Jedoch wird in seinen Arbeiten weder der Begriff Sympathie noch Empathie erwähnt (Wispé, 1987).
Empathie
Im Laufe der Zeit wurden die Konstrukte Empathie und Sympathie oft austauschbar verwendet. Nach Miller und Eisenberg (1988) ist jedoch Sympathie von Empathie abzugrenzen: Empathie ist - ähnlich wie Smith es auffasste - die emotionale Antwort auf den affektiven Zustand oder die Situation einer anderen Person. Sympathie ist auch eine emotionale Antwort, die vom affektiven Zustand oder von einer Situation hervorgerufen wird, sie ist aber weder mit dieser Situation identisch noch ihr ähnlich. Die Sympathie beinhaltet eher Gefühle von Besorgtheit und Kummer gegenüber der anderen Person, was wir mit dem Ausdruck Mitgefühl gut umschreiben können. Aus dieser Sicht handelt es sich eher um einen passiven Lern- oder Wahrnehmungsvorgang. Der eigene Zustand kann gut vom Zustand des anderen abgegrenzt werden. Empathie kann zu Sympathie führen oder gleichzeitig mit ihr auftreten. In der Literatur ist es oft schwierig oder unmöglich, festzustellen, ob die beiden Konstrukte von den Autoren getrennt oder synonym gebraucht werden.
Das Konzept Empathie, wie wir es heute kennen, entstammt der deutschen Bezeichnung Einfühlung, die in der Ästhetik Verwendung gefunden hat. Dabei ging es um die Wahrnehmung des Objekts bzw. darum, sich in das beobachtete Objekt der Bewunderung zu projizieren. Lipps (1903, 1905) beschäftigte sich im Zusammenhang mit der Psychologie der Ästhetik intensiv mit dem Begriff der Einfühlung. Die Wahrnehmung eines emotionalen Zustandes einer anderen Person löst im Beobachter innere Nachahmung aus. Daraus resultiert ein imitatives Verhalten. Titchener (1909) übersetzte schliesslich die Bezeichnung Einfühlung mit dem englischen Empathy. Obwohl Empathie durch ihre affektive Komponente charakterisiert wird, nehmen die meisten Autoren an, dass dieses Konstrukt zusätzlich durch kognitive Elemente gekennzeichnet ist. Köhler (1929) betont, dass es um das Verstehen einer anderen Person gehe und nicht primär um das Einfühlen in den anderen. Diese kognitive Fähigkeit wird in der Literatur oft als Perspektivenübernahme bezeichnet.
Die Sichtweise des anderen zu übernehmen und in die eigene einzubeziehen stellt für Mead (1934, 1980) den sozialen Ursprung des Subjekts und dessen Identität dar. Auch für Piaget (1932) spielen
18 Kapitel 2
diese kognitiven Elemente in seinen Experimenten zur kognitiven Entwicklung eine grosse Rolle. Beide bezeichnen diese kognitive Komponente als Perspektivenübernahme. Wir gehen in Kapitel 3 näher darauf ein.
2.2 Aktuelle Definitionen von Empathie
Nach dem kurzen Überblick über die Entstehungsgeschichte des Empathie-Begriffs wenden wir uns einigen in der heutigen Forschung verwendeten Definitionen von Empathie zu. Hogan’s (1969) Definition beruht stark auf dem moralischen Gedanken, wonach eine empathische Person aufgrund der Auswirkungen urteilt, die eigene Handlungen auf das Wohlergehen anderer haben. „Empathy is an everyday manifestation of the disposition to adopt a broad moral perspective, to take the ‘moral point of view’.” Er erwähnt jedoch ausdrücklich, dass das Begreifen des Zustands einer anderen Person nichts über die Genauigkeit der Wahrnehmung aussage.
Mehrabian und Epstein (1972) betonen vor allem den emotionalen Aspekt und definieren Empathie folgendermassen: „Empathy as the vicarious response to the perceived emotional experiences of others. Empathy includes the sharing of those feelings, at least at the gross affect level.” Mehrabian (2000) sieht emotionale Empathie als ein Trait (Persönlichkeitszug). Als positiver Aspekt dieser Eigenschaft tendieren empathische Menschen stärker zu interpersonaler Angliederung und Erfahrung.
Cohen und Strayer teilen Empathie in zwei Prozesse auf: Einerseits in einen kognitiven Prozess „the ability to understand another’s emotional state“, andererseits in einen affektiven Prozess „the sharing of the emotional state of another“ (1996, S. 988). Davis (1983) schlägt Empathie als multikomponentes Modell vor. Er postuliert vier Dimensionen: 1) Perspektivenübernahme ist die Fähigkeit, die Sicht der anderen Person zu übernehmen (kognitive Komponente); 2) Vorstellungsvermögen ist die Fähigkeit, sich in die Emotionen und Handlungen einer anderen Person zu versetzen
Empathie
(kognitive Komponente); 3) empathische Anteilnahme ist die Fähigkeit, Mitgefühl zu erleben (ähnlich der Sympathie); und 4) persönliches Unbehagen ist der eigene Kummer, den man für den anderen erlebt (affektive Komponente).
Pithers (1994) und Marshall et al. (1995) haben sich eingehend mit der Thematik der Empathie bei Sexualstraftätern auseinander gesetzt. Deswegen werden ihre Modelle in diesem Kapitel vorweggenommen und dann im Kapitel 5.2 näher betrachtet. Pithers (1994) schlägt drei Komponenten vor: 1) die Fähigkeit, kognitiv die Perspektive einer anderen Person wahrnehmen zu können; 2) eine Erkennung des eigenen affektiven Arousals (Aktivation); 3) die Aktivierung einer mitleidenden Handlung oder eines Verhaltens. Das Verhalten wiederum wird durch die Wahrnehmung (Komponente 1) motiviert.
Ähnlich begründen Marshall et al. (1995): Empathie ist ein Prozessstadium, beeinflusst durch emotionale Erkennung, Perspektivenübernahme, emotionale Erwiderung und Entscheidung einer Reaktion.
Neben den kognitiven und affektiven Komponenten erwähnen beide Modelle eine verhaltensbezogene Komponente bzw. Ant-wort. Diese konzeptuellen Definitionen versuchen auf diese Weise einen Erklärungsversuch für Empathie- oder Perspektivenübernahme-Defizite von Straftätern zu geben.
Frühere sowie neuzeitlichere Definitionen, so unterschiedlich sie auch lauten mögen, lassen sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Empathie ist ein auf die emotionalen Reaktionen anderer Personen gerichteter Prozess, der eine eigene emotionale Reaktion mit einschliesst (Steins, 1998).
2.3 Operationalisierung von Empathie und Kritik der Messungen
Viele Autoren, die sich mit den Definitionen von Empathie auseinander gesetzt haben, entwickelten Instrumente, um dieses Konstrukt zu messen. Einige davon werden im Folgenden vorgestellt:
20 Kapitel 2
Empathie wird oft anhand von Aufgabenstellungen im Bereich Imagination gemessen (Batson et al., 1988). Die Testpersonen sollen sich in eine andere Person hineinversetzen, „in ihre Haut schlüpfen“ (siehe auch Regan & Totten, 1975). Das Ausmass der Empathie wird dann meistens anhand eines Fragebogens durch Selbstberichte gemessen, seltener durch die Messung physiologischen Arousals (siehe z. B. Stotland, Mathews, Sherman, Hansson & Richardson, 1978) oder durch Verhaltensbeobachtungen. Die meistverwendeten Fragebögen sind Hogan’s Empathy Scale (HES, 1969), The Questionnaire Measure of Emotional Empathy (QMEE, 1972) von Mehrabian und Epstein und Davis’ Interpersonal Reactivity Index (IRI, 1980), wobei das IRI eine Unterskala hat, welche die Perspektivenübernahme misst. Eine neuere Version des QMEE, das Balanced Emotional Empathy Scale (2000), wurde von Mehrabian weiterentwickelt. Dieser Fragebogen ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit und wird deshalb im Kapitel 8.2.2 näher vorgestellt.
Viele Autoren zweifeln die Validität sowie weitere methodische Eigenheiten der erwähnten Messinstrumenten an (z. B. Chlopan et al., 1985, Kline, 1992). So misst z. B. das HES die kognitiven Elemente der Empathie, was wiederum für viele Theoretiker die Perspektivenübernahme darstellt (Chlopan et al., 1985). Langevin, Wright & Handy (1988) fanden eine niedrige interne Konsistenz (Alpha = 0.59); Dillards und Hunters Analysen (1989) stellten im QMEE eine schlechte Konstruktvalidität fest. Selbstberichte in Form von Fragebögen zur Erfassung von Empathie werden häufig durch soziale Erwünschtheitstendenzen verzerrt und bilden daher keine tauglichen Messinstrumente (Miller & Eisenberg, 1988).
Empathie
2.4 Exkurs: Neuropsychologische Befunde zur
Empathie
Schlechte Empathie-Fähigkeit kann auch in Zusammenhang mit Defiziten der „exekutiven Funktionen“ des Gehirns stehen. Die exekutiven Funktionen dienen der Aufmerksamkeit, der Konzentration, der Bildung von Konzepten sowie abstrakten Schlussfolgerungen (Moffit, 1990). Defizite dieser Funktionen zeigen einen Zusammenhang zu Straffälligkeit und niedriger Intelligenz (Moffit & Henry, 1989).
Rizzolatti et al. (1995) haben bei Affen Hirnregionen gefunden, die „Mirror Neurons“ (MN) oder „Mirror cells“ genannt werden. Diese werden durch motorische Reize wie auch durch soziale Interaktion aktiviert und mit dem Prozess der Kommunikation und der sozialen Interaktion in Zusammenhang gebracht. Ähnliche Regionen sind auch bei Menschen zu finden. Die Spiegelneuronen werden automatisch aktiviert, sobald jemand den Schmerz oder das Leiden anderer wahrnimmt. Demnach ist der Mensch von Natur aus empathisch. Aus der Forschung mit Autisten wird vermutet, dass neben anderen komplexen Mechanismen eine Dysfunktion dieser Spiegelneuronen Einfluss auf die Entwicklung der Empathie-Fähigkeit haben könnte (Kohut, 1984).
22 Kapitel 3
3 Perspektivenübernahme
Das zweite zentrale Konstrukt - die Perspektivenübernahme - wird in diesem Kapitel vorgestellt. Wir werden wiederum eine kurze Zeitreise in die Vergangenheit machen (3.1), danach die verschiedenen Ansätze dieses Konstrukts kennen lernen (3.2) und uns anschliessend die möglichen Messungen anschauen (3.3).
3.1 Historischer Rückblick
Der Philosoph Hegel (1770-1831) hat den Grundstein für das Konstrukt der Perspektivenübernahme gelegt. Er hat sich mit der Dialektik von Ich und Anderen auseinander gesetzt (vgl. Kap. IV der Phänomenologie des Geistes, 1807). Mead und Piaget haben sich von ihm stark beeinflussen lassen. Neben dem Begriff Perspektivenübernahme, der dem englischen „perspective taking“ von Selman (1971a) entlehnt ist, hat z. B. Cooley (1902) den englischen Begriff „reflexive role taking“ eingeführt. Er verwendete auch den Begriff „looking-glass self“, der für einen Prozess steht, bei dem man den anderen dazu benutzt, die eigenen Haltungen und Einstellungen zu reflektieren.
George Herbert Mead entwickelte die Theorie des symbolischen Interaktionismus’. Die Sichtweisen und Erwartungen anderer antizipieren wir. Zugleich haben wir Erwartungen an deren Verhalten und nehmen an, dass sich die anderen genauso an uns orientieren. Das eigene Selbstbild wird geschaffen und dadurch eine Person zum gesellschaftlichen Leben befähigt. Durch diesen Prozess der Perspektivenübernahme orientiert man sich an Haltungen und Einstellungen anderer und strahlt zugleich wieder auf andere aus. Das Individuum besitzt sogar die Fähigkeit, die Perspektive einer Gruppe als Ganzes und nicht nur eines Einzelnen zu übernehmen. Diese kognitive Fähigkeit zur Antizipation der Reaktionen anderer und der Einbezug dieser Reaktionen in die Planung des eigenen Verhaltens werden als Basis der sozialen Intelligenz angesehen. Für Mead geht es aber vor allem um den sozialen Ursprung des Subjekts und dessen Identität und nicht nur um soziale Kognition, Kommunikation oder Kooperation (Mead, 1934, 1980). Er wird oft als der Begründer des Ansatzes der Perspektivenübernahme angesehen.
Perspektivenübernahme
Im Gegensatz zu Mead, der Perspektivenübernahme als Bildung der Identität ansieht, sieht Piaget Perspektivenübernahme als Ergebnis eines kognitiven Entwicklungsprozesses. Das Ergebnis ist die Voraussetzung für soziales Verhalten. Dieser bedeutende Beitrag von Piaget aus der entwicklungspsychologischen Sicht wird im nachfolgenden Kapitel näher erläutert.
3.2 Zwei verschiedene Ansätze der Perspektivenübernahme
Die Perspektivenübernahme entstand hauptsächlich aus zwei verschiedenen Blickwinkeln, nämlich aus der Sicht der Personenwahrnehmung (3.2.1) und der Entwicklungspsychologie (3.2.2).
3.2.1 Perspektivenübernahme aus Sicht der Personenwahrnehmung
Im Bereich der Personenwahrnehmung wird die wahrgenommene Person aufgrund ihrer physikalischen Eigenschaften bewertet (z. B. Cunningham, 1986). Die Merkmale der Person sind direkt beobachtbar und die Wahrnehmung dieser Merkmale kann unmittelbar auf ihre Richtigkeit überprüft werden. Es werden jedoch diejenigen Aspekte der Person vernachlässigt, die als sehr wichtig erachtet werden und nicht direkt beobachtbar sind. Dem Selbstbericht der wahrgenommenen Person zufolge sind das beispielsweise Emotionen, Einstellungen, Gedanken, perzeptive und intellektuelle Fähigkeiten (z. B. Andersen, 1984). Ein Beobachter erschliesst die Emotionen, Gedanken, Motive einer anderen Person aufgrund beobachtbarer Informationen, übernimmt also dabei die Perspektive des anderen. Diese Eigenschaften, die man erschliessen muss und die nicht direkt wahrgenommen werden können, sind Spekulationen, Unterstellungen und grobe Schätzungen, die verzerrt oder falsch sein können 1 .
1 Eine ausführlichere Darstellung von Personenwahrnehmung und deren Schlussfolgerung findet man in Wicklund & Steins, 1996
24 Kapitel 3
3.2.2 Perspektivenübernahme aus Sicht der Entwicklungspsychologie
Piaget (1932) erwähnt erstmals den Begriff Egozentrismus. Er bezeichnet damit die Unfähigkeit, sich in die Rolle eines anderen hineinzuversetzen, die Unfähigkeit, den Blickwinkel eines anderen einzunehmen oder die eigene aktuelle Sichtweise (Wahrnehmung oder Meinung) als eine unter mehreren möglichen zu begreifen. Ein Kind unter 9 oder 10 Jahren hat noch keine Zweifel, ob der Gesprächspartner verstanden hat, was es sagt; es fragt nicht nach. Es weiss nicht, dass der andere die Dinge vielleicht nicht so versteht und wahrnimmt wie es selbst. Es sieht daher auch keine Veranlassung, seine Ansichten zu rechtfertigen und zu begründen. Kommunikativer Egozentrismus wird durch die Entwicklung von Kompetenzen zur Perspektiven- und Rollenübernahme überwunden: Das Kind wird zunehmend fähig, die Perspektive anderer zu erkennen und sich in seinem eigenen Handeln und Reden auf die Verständnismöglichkeiten des anderen einzustellen. Piaget hat folgenden Schluss gezogen: Kinder, die jünger sind als 9 oder 10, sind unfähig, diese Aufgabe zu leisten. Kinder unter 6 haben das Verständnis noch nicht, dass es andere Perspektiven als die ihren gibt.
Die Überwindung des Egozentrismus wird nach Piaget möglich durch Erfahrung und Speicherung unterschiedlicher Ansichten sowie durch sozialen Austausch, durch Widerspruch und Konflikt der „Ansichten“. Auch der Erwachsene muss egozentrische Sichtweisen ständig neu überwinden. Man denke z. B. an Selbstverständlichkeiten in einer sozialen Gruppe, an Vorurteile und unreflektierte Ideologien. Die Weiterentwicklung will im Erwachsenen- wie im Kindesalter angeregt sein durch Austausch von Meinungen, durch Widerspruch, durch Erfahrung, die mit den eigenen Vorurteilen nicht in Einklang steht. Das ist Piagets plausible Hypothese. Auch Flavell meint, dass die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme mit dem Alter zunimmt (Flavell, Botkin, Fry, Wright, & Jarvis, 1968; Flavell, Speer, Green, & August, 1981).
Perspektivenübernahme
3.2.2.1 Das Modell von Selman
Selmans (1971a) Modell der Entwicklung von Perspektivenübernahme ist ähnlich wie das von Piaget. Selman (1971b) meint dazu, dass vorgehend die Fähigkeit nötig sei, Erwartungen, Gefühle und potenzielle Reaktionen eines anderen erschliessen zu können. Um die Entwicklung dieser Form von Perspektivenübernahme festzustellen, haben Flavell und seine Mitarbeiter Kindern verschiedenen Alters die Aufgabe gestellt, hypothetische interpersonelle Konflikte zu lösen. Anschliessend wurden den Kindern offene Fragen gestellt. Entwicklungsstufen: Selman fand heraus, dass sich die Fähigkeit zur Differenzierung und Integrierung der eigenen sozialen Perspektiven sowie jenen anderer mit dem Alter entwickelt und in fünf Stufen unterteilen lässt: Kinder zwischen 3 und 7 Jahren sind auf Stufe 0 (egozentrisch und undifferenzierte Perspektive). Ihnen fehlt die Unterscheidung zwischen sich selber und den anderen in physischer und psychischer Hinsicht. Auf dieser Stufe sind sich die Kinder nicht bewusst, dass es noch andere Gedanken und Emotionen gibt als die ihren. Auf Stufe 1 (subjektive oder differenzierte Perspektive) sind die Kinder zwischen 4 und 9 Jahre alt. Sie sind sich zwar bewusst, dass andere eigene, subjektive, physische und emotionale Perspektiven haben, jedoch nicht, dass diese Gedanken, Emotionen und Motive in bestimmten Situationen in Konflikt geraten können. 6- bis 12-Jährige auf Stufe 2 (selbstreflektierte oder reziproke Perspektive) haben die Fähigkeit, ihre eigenen Gedanken und Emotionen und die anderer zu reflektieren. Sie verstehen, dass jemand gegenüber einem sozialen Ereignis mehrere subjektive Haltungen haben kann. Auf dieser Stufe entwickeln die Kinder das Verständnis, dass die Perspektive der anderen das Verhalten beeinflussen kann. Die Fähigkeit, aus der Dritt-Personen-Perspektive beobachten zu können, ist auf Stufe 3 (Dritte-Person- oder Mutuale Perspektive) im Alter zwischen 9 und 15 entwickelt. Zusätzlich beginnen sie die Individuen in Stereotypen zu klassifizieren. Erst auf Stufe 4 (Societal- oder In-depth-Perspektive), nach dem 15. Lebensjahr, können die Jugendlichen die vermischten Gefühle in distinkte Emotionen unterscheiden. Sie urteilen über Individuen aus der interpersonellen Interaktion. Von der Jugend bis zum Erwachsenenalter gewinnen sie mehr Verständnis von komplexeren sozialen Systemen.
26 Kapitel 3
Implikation einer Stufentheorie: Selmans Stufentheorie beinhaltet qualitative Schichten der Entwicklung von Perspektivenübernahme bei Kindern. Diese Schichten zeigen Veränderungen des Verständnisses von Personen, die wiederum in unabänderlichen Sequenzen ablaufen. Obwohl Umweltfaktoren oder physiologische Faktoren die Entwicklung in ihrem Ausmass beeinflussen, verändern sie nicht die Sequenz. Entwicklungsgestörte Kinder funktionieren vermutlich auf einer tieferen Ebene, aber die Sequenz bleibt erhalten. Selman et al. (1979) bezeichnen diese Ebene als Entwicklungsverzögerung und sehen sie nicht als Anormalität. Die Stufen sind hierarchisch, d. h., jede Stufe baut auf der vorherigen auf. Kinder in einer unteren Stufe können nicht auf Lösungen der höheren Stufen zugreifen. Weiterführende Gedanken von Selman im Zusammenhang mit Moral wird in Kapitel 4.2 ergänzt. Die Entwicklung von Moral ist abhängig durch die Fähigkeit der Perspektivenübernahme (Kohlberg, 1969).
3.3 Operationalisierung der Perspektivenübernahme
In diesem Kapitel werden die Methoden zur Messung der Perspektivenübernahme erläutert. Die wohl bekannteste Methode ist die von Piaget und Inhelder (3.3.1). Danach wird das Paradigma der privilegierten Information von Flavell (3.3.2) und zum Schluss die Messung durch Selbstberichte (3.3.3) vorgestellt.
3.3.1 Drei-Berge-Versuch
Um die Fähigkeit der Perspektivenübernahme festzustellen, hat Piaget den „Drei-Berge-Versuch“ entwickelt. Vierjährigen Kindern wird ein Modell mit drei Bergen vorgesetzt, die sich deutlich von-einander unterscheiden. Jedes Kind setzt sich vor das Modell in eine bestimmte Position 1 und muss Zeichnungen und Fotografien auswählen, die seine eigene Ansicht der drei Berge am besten abbilden. Sie werden vermutlich diese Aufgabe bewältigen. Nun fragt man die Kinder, wie die Berge wohl aus der Perspektive eines Betrachters aussehen, der in einer anderen Position 2 oder 3 sitzt. Die Mehrzahl der Kinder wird die eigene Ansicht der drei
Perspektivenübernahme
Berge auswählen. Daraufhin werden die Kinder in die Position 2 bzw. 3 geführt. Die Berge werden von der neuen Position aus betrachtet und die jeweilige Ansicht ausgewählt. Diese neue Aufgabe wird wiederum ohne Probleme geleistet. Schliesslich führt man die Kinder wieder in die Position 1. Sie müssen nun diejenige Ansicht bestimmen, die ein Betrachter aus der Position 2 oder 3 hat, aus jener Position also, die sie gerade vorhin selbst auch eingenommen haben. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird als Lösung wiederum die aktuelle eigene Ansicht von Position 1 angeboten (Piaget und Inhelder, 1947).
3.3.2 Paradigma der privilegierten Information
Bevor wir zur eigentlichen Operationalisierung von Flavell et al. (1968) übergehen, werden noch einige theoretische Grundsätze über das Paradigma der privilegierten Information erwähnt. Gegenstand der Analyse von Flavell und seinen Mitarbeitern ist die elementare Fähigkeit eines Individuums, bestimmte Merkmale eines anderen Individuums wahrzunehmen, zu verstehen und daraus die Verhaltensweisen des anderen in bestimmten Interaktionssituationen zu antizipieren und in die eigene Verhaltensstrategie einzuplanen. Dieser Prozess wird „Rollenübernahme“ genannt, ein Begriff, der als „role taking“ aus dem symbolischen Interaktionismus stammt. Dabei sind nicht die Rollen einer gesellschaftlich festgelegten Position in einem System gemeint, an die mehr oder weniger genau definierte Verhaltenserwartungen gestellt werden, sondern Schlussfolgerungen über eher individuelle Wahrnehmungsperspektiven oder (kognitive) Informiertheit einer einzelnen Person. Es geht um die Einschätzung der Kognition eines anderen aus der aktuellen Situation (Flavell, 1968). Selman (1971a) hat aus diesem Grund den Vorschlag gemacht, von „perspective taking“, also Perspektivenübernahme oder Übernahme der Perspektive anderer, zu sprechen. Dieser Terminus trifft den formalen Charakter der angesprochenen Leistung besser. Flavell et al. sehen „Rollenübernahme“ als einen Komplex unterschiedlicher Teilfähigkeiten. Diese lassen sich in einige homogene Gruppen zusammenfassen, wie z. B. die Fähigkeit zur Informationsübermittlung unter Berücksichtigung der Infor- mationsbedürfnisse des Zuhörers, die Fähigkeit zur Vorhersage des
28 Kapitel 3
Verhaltens anderer (kognitive Rollenübernahme) oder zur Vorhersage der Kognitionen anderer (rekursives Denken) 2 . Flavell leitet seine theoretischen Positionen aus einer Integration der Ansätze von Mead (1934), Piaget (1923) und Wygotski (1962) ab. Wygotski beschäftigte sich mit der unterschiedlichen Kodierung der inneren und äusseren Sprache bzw. ihrem allmählichen Divergieren im Zusammenhang mit der Perspektivenübernahme. Flavell strebt eine möglichst genaue Deskription der kindlichen Fähigkeiten auf verschiedenen Alterstufen an, die beim Egozentrismus anfängt und bis zur Fähigkeit der Perspektivenübernahme geht. Flavell et al. (1968) haben 160 Schüler verschiedenen Alters eines New Yorker Vorortes hinsichtlich der Perspektivenübernahme getestet: Das Untersuchungsmaterial bestand aus sieben Karten. Aus diesen Karten lässt sich in bestimmter Reihenfolge eine Geschichte erstellen. „Ein bösartiger Hund jagt einen ängstlichen Jungen, der sich in Sicherheit bringt, indem er auf einen Baum in der Nähe klettert. Als er dort sicher ist und der Hund von der Verfolgung ablässt, bemerkt er die Vorteile des Baumes, auf dem er zufällig sitzt, und isst einen Apfel.“ Die sieben Bilder wurden der Versuchsperson (Vp) präsentiert, und diese wurde vom Versuchsleiter (Vl) aufgefordert, eine passende Geschichte zu erzählen. Die meisten Vpn. hatten damit keine Schwierigkeiten. Danach holte der Vl einen zweiten Vl aus dem Nebenzimmer und legte ihm vier der sieben Bilder vor, auf denen kein bösartiger Hund zu sehen war. Der Inhalt der Geschichte änderte sich nun. Die Vpn. wurden gebeten, sich in die Lage des zweiten Vl zu versetzen und die Geschichte so zu erzählen, wie sie der zweite Vl erzählen würde. Die Vpn. sollten sich von der 7-Bilder-Geschichte loslösen und zur 4-Bilder-Geschichte übergehen. Ältere Probanden erzählten eher als jüngere die 4-Bilder-Geschichte. Sie zeigten also tendenziell eine bessere Perspektivenübernahme-Leistung, da sie die Geschichte aus der Sicht des zweiten Vls erzählen konnten. Der Leistungsbruch hin zu funktionierender Perspektivenübernahme scheint aufgrund dieses Versuchs vor allem zwischen dem 9. und 10. Altersjahr zu liegen.
2 Für eine weitere Darstellung sei auf das Buch von Flavell et al. (1968) „Rollenübernahme und Kommunikation bei Kindern“ verwiesen.
Arbeit zitieren:
lic. phil. Psychologe/Diplompsychologe Dung-Tam Nguyen, 2004, Empathie und Perspektivenübernahme bei Straftätern, München, GRIN Verlag GmbH
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