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Inhaltsverzeichnis
I. Deutsche Eisberge? Eine Anfrage kreiert das Problem 3
II. Terra Incognita - Die deutschen Forschungsleistungen der Antarktis
als Legitimationsmuster 6
III. Ein Internationalisierungsversuch und die GAUSS-Expedition der Jahre
1901-1903 als nationales Prestige-Projekt des Wilhelminischen Reiches 8
IV. Expedition mit Problemen - die Fahrt der DEUTSCHLAND 12
V. By the virtue of discovery - Der völkerrechtliche Modus der Besitzergreifung
und die Versailles-Frage aus deutscher Perspektive des Jahres 1938/9 15
VI. Die SCHWABENLAND-Expedition, die diplomatischen Implikationen „Antarktis-
Projekts “ im Nationalsozialismus und die Rolle des Auswärtigen Amtes 22
VII. Häfen, Oasen, U-Boote - Konstrukte um die reichsdeutschen
Antarktis -Festung 38
VIII. Mythos Walfang - im Nationalsozialismus und in der frühen Bundesrepublik. 44
IX. Die deutsche Namengebung in der Antarktis als Indikator des deutschen
Selbstverst ändnisses von 1901 bis heute 52
X. Heißer und Kalter Krieg - die Antarktis als Spielball der Mächte 1940-1957
und der „Herrligkoffer-Plan“ 58
XI. Blick nach Norden und Osten 64
XII. Anmerkungen mit bibliographischen Angaben 69
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I. Deutsche Eisberge? Eine Anfrage kreiert das Problem
Im März 1952 richtet das Chicagoer Verlagshaus «Compton & Co.« eine knappe Anfrage an das Deutsche Konsulat in Chicago, das dieses Anliegen über die Washingtoner Botschaft an das Auswärtige Amt (AA) in Bonn weiterleitete. Der amerikanische Fachverlag für Kartographie versuchte in Erfahrung zu bringen, ob und wenn ja welche Gebiete der Antarktis die Bundesrepublik beanspruche. 1
Nicht nur angesichts des Besatzungsstatuts und der deutschen Kriegsniederlage eine scheinbar skurrile Anfrage, von der man annehmen kann, sie sei im Auswärtigen Amt mit einem Lächeln beiseite gelegt worden. Dass dem nicht so war und der Verlag guten Grund hatte, eine solche Anfrage nach territorialen Ansprüchen zu stellen, soll hier erläutert werden. 2 Dabei möchte ich auch den völkerrechtlichen Aspekt betonen, denn die konkurrierenden Ambitionen auf den sechsten Kontinent stellen ein Lehrstück in Sachen Komplexität der internationalen Diplomatie dar - und das vor allem in den Jahren zwischen Zweitem Weltkrieg und Antarktis-Vertrag (1961). Im Rahmen des Geophysikalischen Jahres 1957-58 war die Antarktis Ziel zahlreicher Expeditionen, so beispielsweise die Durchquerung des Kontinents durch die Commonwealth-Expedition unter Fuchs und Hillary. Bis 1960 errichteten zwölf Staaten insgesamt fast fünfzig temporäre Polarstationen, die nunmehr nur der Forschung dienen sollten. In den Jahren um 1952 verdichteten sich zunächst Meldungen über Gebietsansprüche; Großbritannien und Argentinien gerieten in Streit - Vorboten des Falkland-Konflikts. Im Zusammenhang des sich entwickelnden Kalten Krieges wurde die Antarktis Mitte der 1950er Jahre Spielball zahlreicher diplomatischer Initiativen und von Regelungsversuchen; schon die späten 1940er Jahre waren eine Zeit fieberhafter Aktivität der interessierten Mächte. Welche Rolle die Bundesrepublik dabei einnimmt, soll hier skizziert werden.
Mit welchen Motiven, unter Berufung auf welche Argumentationen ziehen die Bonner Ministerialbeamten eine Anspruchserhebung auf Teile der Antarktis zumindest in Be- tracht, auch wenn der Vorgang nicht über den Status der behördeninternen Überlegung
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hinausgegangen ist? Wie stand Deutschland im Laufe des 20. Jahrhunderts politisch zur Antarktis?
Um diesen Fragen nachzugehen, soll zunächst der legitimierenden Argumentation gefolgt werden, die im Auswärtigen Amt seinerzeit entwickelt wurde. Unter Berufung auf die Tradition deutscher Antarktisforschung wurden verschiedene Legitimationsstrategien durchgespielt. Um diese in den Wissenschaftsdiskurs einordnen zu können, soll eine Kurzübersicht die kaum einhundert Jahre alte politische Geschichte des antarktischen Kontinents vor Augen führen, bevor auf die deutschen Beiträge zur Südpolarforschung eingegangen wird: Mit der GAUSS-Expedition und der Fahrt der DEUTSCHLAND sollen die ersten beiden deutschen Polarexpeditionen und die dahinter stehenden Motiven vorgestellt werden - warum und mit welchem Einsatz beteiligte sich Deutschland an der Antarktisforschung? Nach langjähriger Unterbrechung war es die SCHWABENLAND-Expedition der Jahre 1938/39, welche Forschungen durchführte und um die sich seit den 1960er Jahren der Mythos der «deutschen Antarktisfestung« entspinnt, der hier kritisch eingeordnet werden soll. Die Entscheidung des Auswärtigen Amtes wurde seinerzeit auf Grundlage einer breiten Recherche und Lektüre getroffen; hier sollen die wichtigsten Monographien und Aufsätze, die den deutschen und internationalen Diskurs prägten, in ihren Zusammenhang gestellt werden 3 - Forschungs- und Spezialliteratur jenseits der Erforschungsgeschichte oder politische Fragen wie z.B. geologische, meteorologische und glaziologische Abhandlungen werden dabei weitgehend nicht berücksichtigt. Der Walfang und die Namengebung waren nur zwei Themen der Publizistik der 1950er Jahre, die zu berücksichtigen sind - im Jahr 1952 versagte sich die Bundesrepublik eine Teilnahme am «Wettrennen um den sechsten Kontinent«, dennoch zeigt sich anhand dieser beiden Bereiche ein Stück vom außenpolitischen Selbstverständnis der Bundesrepublik. .
Heute besteht eine deutsche Polarstation in der Antarktis, die Forschungszwecken dient: die seit 1982 in Betrieb befindliche Georg von Neumayer-Station. 4 Seit der internationalen Antarktis-Konferenz im Jahr 1958, an deren Ende der 1961 in Kraft getretene Antarktisvertrag stand, gelten alle Gebietsansprüche von Nationalstaaten als zurückge- stellt. Die Unterzeichner verpflichteten sich, dort weder militärisch aktiv zu werden,
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noch Atombomben zu testen oder Rohstoffe abzubauen. Es ist erstaunlich, dass dieses Moratorium im Jahr 1991 im Madrider Abkommen auf weitere fünfzig Jahre verlängert wurde, in denen die Antarktis ein von militärischen und wirtschaftlichen Ambitionen verschonter Kontinent bleiben soll. 5
Antarktis-Geschichtsschreibung ist zunächst eine von Klima, Geologie und Eis; erdgeschichtlich nimmt die Antarktis eine Schlüsselposition ein; er ist auch Klimaarchiv für Wärme- und Kälteperioden vergangener Epochen. Forscher in der Antarktis, ihr Handeln und ihre Motive werden in der einschlägigen Literatur fast ausschließlich unter heroischen Aspekten behandelt 6 : der Entdeckerstolz, die Entbehrungen, die Forschungsleistungen, der Wettbewerb um den Südpol; die Entdeckungsgeschichte wird zudem eine Kette männlicher Erfolge vermittelt - dass auch Frauen an der Erforschung des sechsten Kontinents beteiligt waren, und dies nicht nur als Begleitpersonen, wurde erst in den letzten Jahren thematisiert. 7
Bisher haben entweder Publizisten das Thema ‚Antarktis’ für sich entdeckt oder die Forschungsleistungen wurden von einzelnen Wissenschaftsdisziplinen als Teil ihrer Fachgeschichte aufgearbeitet - so z.B. die Polarreisen von Geologen, Kartographen, Zoologen usw. Im Jahr 2004 publizierte Heinz Schön, Autor zahlreicher populärer Bücher über den Nationalsozialismus eine Monographie über den „Mythos Neuschwaben-land“. 8 In dieser reich bebilderten Zusammenstellung referiert Schön Fakten und Fiktionen. Wertet man dieses Publikumsbuch wissenschaftspolitisch, so möchte Schön vermeintliche deutsche Ansprüche im Falle einer Rohstoffausbeutung der Antarktis gewahrt sehen; er appelliert an nationale Klischees und spielt mit den Mystifizierungen mehr anstatt einschlägigen Legenden eine Absage zu erteilen. Gerade aus internationaler Perspektive ist diese Publikation Zeichen eines unreflektierten Nationalismus, der auch in der Gegenwart noch immer auf die Antarktis projiziert wird.
Eine multiperspektivische politische Geschichte der Antarktis, eine Historie ihres Symbolwerts, ihrer Aufteilung und den Prozessen des entstehenden Völkerrechts gibt es bislang nicht. Der Umgang mit dem südlichsten Kontinent ist ein idealer Indikator für Projektionsphantasien von Individuen und Institutionen, handelte es sich doch bis weit
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in das 20. Jahrhundert um einen als völlig geostrategisch und wirtschaftlich «nutzlos« geltenden Kontinent, der somit als Symbol für nationale Machtbestrebungen charakterisiert werden kann - für Symbolpolitik. Auf diese Weise ist auch die deutsche Geschichte in mehrfacher Hinsicht punktuell mit der des sechsten Kontinents verknüpft. Schnell stellt sich aber heraus, dass die diplomatischen Aktivitäten nur die Spitze des Eisbergs waren, ging es doch schon die Jahrzehnte zuvor um Sehnsüchte, Geltungsbewusstsein, die Ambitionen der Großmächte um die Aufteilung des scheinbar wertlosen Kontinents ganz im Süden der Erde.
II. Terra Incognita - Die deutschen Forschungsleistungen der Antarktis
als Legitimationsmuster
Ausgangspunkt des Gutachtens des AA vom Mai 1952 sind die Leistungen der deutschen Antarktis-Pioniere seit dem 18. Jahrhundert. Die wissenschaftliche Tätigkeit für Volk und Vaterland bildete die Grundlage aller Überlegungen für die Abwägung der Antarktis-Rechte der Bundesrepublik. Die Traditionsstiftung wird bis Georg Forster, der James Cook begleitet hatte, zurückverfolgt, nach dem die erste DDR-Polarstation benannt wurde. 9 Nicht nur die Abendteurer und Wissenschaftler vor Ort, vor allem die theoretischen Arbeiten deutscher Wissenschaftler werden betont und in einen Kanon eingereiht, der die Ansprüche Deutschlands plausibel machen soll. Ich schlage vor, die Geschichte der Erforschung der Antarktis kann generell in vier Phasen zusammenzufassen:
1. Entdeckungsphase ca. 1772-1895: Die seit Cook das Polarmeer und das Schelfeis berührenden Entdeckungsreisen Einzelner und Walfangunternehmungen, die noch nicht auf einen stationären Aufenthalt oder eine systematische wissenschaftliche Untersuchung vorbereitet waren.
2. Erschließungs- und Wettbewerbsphase ca. 1895-1917: Die Periode wissenschaftlicher Expeditionen kompetitiven Charakters, die ein wissenschaftliches Programm auf dem Festland(eis) durchführen. In einer Expeditionskonkurrenz wird 1911 der Südpol erreicht. Die Protagonisten der Expeditionen werden zum Teil von öffentlichen Stellen der Nationalstaaten unterstützt.
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3. Verdichtungs- und Anspruchungsphase ca. 1917-1949: Kleinere Expeditionen, die der Erreichung des Südpols, dem Überfliegen sowie dem Kartographieren dienen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kann der Großteil des antarktischen Kontinents als erforscht gelten; in dieser Zeit entstehen die ersten ausführlichen Kartenwerke. Neben Frankreich, Norwegen, und vor allem Großbritannien formulieren die dem antarktischen Kontinent benachbarten Staaten Australien, Neuseeland, Argentinien und Chile Ansprüche auf sich überschneidende Territorien. Es kommt in den Jahren nach 1945 zu kriegerischen Auseinandersetzungen und einem Ansturm staatlicher (militärischer) Expeditionen. 4. Internationale Kooperationsphase ca. 1949- heute: Nach Ratifizierung des Antarktis-Vertrags und der Verzichtserklärung auf Ansprüche wurden zahlreiche Stationen einzelner Staaten eingerichtet, die für die regelmäßige Erforschung des Kontinents, seines Klimas, seiner Fauna und Flora sowie den Spuren der Erdgeschichte sorgen. Erst in dieser Zeit wurde die Bedeutung von Ressourcen wie Erdgas- und -Öl sowie die Bedeutung des Kontinents für das Weltklima entdeckt.
Der Norweger C. E. Brochgrevink hat den sechsten Kontinent im Jahr 1895 als erster Mensch betreten. 10 Über fünfzig Jahre nach der Umfahrung der Antarktis durch Cook in den Jahren 1772-75 vergingen, bis der Russe Belligshausen und wenige Jahre später der Engländer J. Weddel in das Schelfeis vordrangen. In den 1840er Jahren fanden grundlegende Expeditionen von Amerikanern, Engländern und Franzosen statt; der deutsche Beitrag beschränkte sich auf die richtungsweisenden theoretischen Arbeiten zum Magnetismus von K. F. Gauss (1838) und Alexander von Humboldts. 11 Neben den Leistungen von Gauss zum Erdmagnetismus wird im Gutachten des AA aus dem Jahr 1952 das Wirken des Direktors der Deutschen Seewarte in Hamburg, Georg von Neumayer, betont, der von Australien aus in den Jahren 1858-64 Forschungen zu Magnetismus und dem Polarmeer trieb. 12 Eine für das Jahr 1870 geplante Antarktisexpedition unter österreichischer Führung scheitert aufgrund des Deutsch-Französischen Krieges. Von Neumayer gilt auch als spiritus rector des Internationalen Polarjahres sowie der ersten deut- schen Antarktisexpedition. 13
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Eine frühe Schiffexpedition fand in den Jahren 1873/04 unter Eduard Dallmann stattsie segelte von Süd-Shettland aus mit dem Segeldampfer GRÖNLAND am Graham-Land vorbei. 14 Dallmanns Verdienst ist die Beschreibung der Topographie der Westküste und der vorgelagerten Inseln. Im Jahr 1874 drang die GAZELLE, die eine unter von Neumayer eine Erdumseglung durchführte, zur subantarktischen Kerguelen-Gruppe vor, um den Venustransit zu beobachten. 15 Im Rahmen des Internationalen Polarjahrs 1882/03 fand die Deutsche Polarexpedition nach Südgeorgien statt. 16 Das Polargebiet wurde in den Jahren 1898/99 auch von der VALADIVIA-Tiefsee-Expedition berührt, die beispielsweise auch die Bouvet-Insel erneut entdeckte. 17
Die 1890er Jahre waren die Sattelzeit der Südpolarforschung 18 : und das nicht nur in der Geo-, Bio- und Meteorologie und Magnetik, auch Abendteurer und die Nationalstaaten selbst begannen sich für die Antarktis zu interessieren. 19 Zahlreiche Expeditionen reihen sich seit der Entdeckung des Festlands aneinander, so die Walfangexpeditionen der Briten und Niederländer (1892-93), die der norwegischen ANTARCTIC (1893-95), die der BELGICA (1897-99) und die britische SOUTHERN CROSS-Expedition (1898-1900). 20 Fast jedes Jahr sandte eine Nation ein Unternehmen, zum Teil mit enormen staatlichen Zuschüssen in das Südpolarmeer. 21 Die Deutschen waren - ganz zu ‚spät gekommene Nation’ - nicht unter den ersten auf dem Kontinent; ihr Ziel waren Meriten um Terra Incognita und Ruhmvermehrung für das Kaiserreich.
III. Ein Internationalisierungsversuch und die GAUSS-Expedition der Jahre 1901-1903 als nationales Prestige-Projekt des Wilhelminischen Reiches
Im Jahr 2001 legte die Deutsche Post eine Sonderbriefmarke mit dem Titel 100 Jahre deutsche Antarktisforschung auf, die eine zeigt das Forschungsschiff POLARSTERN, die andere die GAUSS, die 1901 in See gestochen war. Daran wird deutlich, dass diese Expedition noch heute als Auftakt der deutschen Polarforschung angesehen wird.
Bevor eine deutsche Expedition ins Südpolargebiet entsandt wurde, entstand auf dem Internationalen Geographen-Kongress in Berlin im Jahre 1899 eine internationale Ko- operation, um die nationale Expeditionstätigkeit nach wissenschaftlichem Interesse und
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Einsatzgebiet zu koordinieren. 22 Die folgenden Expeditionen wurden im internationalen Konzert durchgeführt. Dieser Konsens brach spätestens zu Beginn der 3. Phase (nach 1917) mit eigenständigen britischen Unternehmungen auseinander. 23 Vielmehr nahm die Konkurrenz nun zu, die in den 1930er Jahren einen Höhepunkt erreichte.
Die erste deutsche Expedition wurde in den Jahren 1901-1903 mit der GAUSS durchgeführt. 24 Die Planungen dieser Aktion gehen bis in das Jahr 1895 zurück, 25 als Erich von Drygalski auf dem Bremer Geographentag sprach. 26 Der Wissenschaftler hatte bereits in Grönland einschlägige Erfahrungen gesammelt und kümmerte sich um die Beschaffung der Mittel für eine Antarktiskampagne mit eindeutig wissenschaftlichem Impetus. In seinem sehr anschaulichen und reich bebildeten Buch «Zum Kontinent des eisigen Südens« schildert er Vorbereitungen, Durchführung und Ergebnisse der Expedition aufs Genaueste. 27 Dabei betont er vor allem die Beteiligung der Förderer in Wissenschaft und Reichsmarine. Friedrich Graf von Baudissin, Leiter im Reichmarineamt, war von den Plänen des Aktionskomitees begeistert: Die Expedition könne auf vorbildlicher Weise der Schulung der nautischen Kräfte der Nation Vorschub leisten, denn Deutsch-land als Kulturnation muss sich an der Lösung des antarktischen Problems beteiligen. Während das Marineamt seit 1898 Zuschüsse in Aussicht gestellt hatte, wurden im preussischen Kultusministerium Pläne verfolgt, die ganze Aktion staatlich finanzieren zu lassen. Zahlreiche Honoratioren, Wissenschaftler und Lobbyisten lancierten das Antarktis-Projekt und suggerierten, auch Deutschland müsse seinen Beitrag an der Erforschung des sechsten Kontinents leisten und dürfe das Feld nicht den Ausländern überlassen. Die Mittel aus privater Schatulle oder den Fonds der beteiligten geographischen Gesellschaften reichten nicht aus, 28 um eine breit angelegte Expedition durchzuführen, die zunächst auch nach Neumayers Wunsch mit zwei Schiffen bestritten werden sollte. 29 Durch eine von Drygalski und von Neumayer formulierte Immediateingabe an Kaiser Wilhelm II. wurde das Projekt von der Ministerialebene zur Reichssache befördert. Das Reichsamt des Inneren stellte Drygalski nicht nur die Leitung der Expedition, sondern auch eine großzügige Beihilfe in Aussicht. 30 Das Marineamt erklärte sich bereit, den nautischen Teil zu übernehmen und den Bau eines Schiffes einzuleiten. Vorerst wurden Erkundigungen bei anderen geographischen Gesellschaften eingeholt, aber keine andere Nation plante zu dem vorgesehenen Zeitpunkt ein vergleichbares Unternehmen, so dass
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es für Deutschland eine Ehrenpflicht war, in der Wiederaufnahme antarktischer Forschungen hinter anderen Nationen nicht zurückzubleiben [...] und deshalb geht Deutschland hier voran. Die Pläne anderer Länder, weitere eigene Expeditionen zu starten, hatten die Deutschen aber auch beflügelt, denn die geostrategische Wettbewerbssituation der Nationen wirkte sich auch auf die Antarktisforschung aus: Auch in England, in den Vereinigten Staaten von Amerika sowie in Schweden verlautete es von Plänen. Es muss bemerkt werden, dass diese verschiedenartigen Nachrichten auf die antarktischen Bestrebungen in Deutschland nicht ohne Einfluss geblieben sind und dass es Momente gegeben hat, in welchen der Fortschritt der Pläne davon abhängig war, wie die Sache im Ausland verlief. 31
Durch die vielen beteiligten Behörden sowie die Eingabe der Forscher wurde Kaiser Wilhelm II. auf das Unternehmen von nationalem Rang aufmerksam und in einer Mitteilung des Innenministeriums heißt es: Seine Majestät der Kaiser und König hat auf die Immediateingabe des deutschen Kommission für die Südpolarforschung vom 20. Juli wiederholt sein allerhöchstes besonderes Interesse für die Angelegenheit bekundet und auf meinen Vortrag zu genehmigen geruht, dass die Kosten einer im Jahre 1901 zu entsendenden Südpolar-Expedition durch den Reichshaushalt angefordert werden. 32 Die Unterstützung des Unternehmens scheint zu anderen Aktionen des Kaisers zu passen, hatte er doch ein Faible für das Nordische. 33 Erich von Drygalski konnte bilanzieren: Die Südpolarexpedition wurde Reichssache und als der Kaiser sein Interesse bekundete, waren die Würfel gefallen. 34
Im Winter 1898/99 wurde der Schiffsbau unter Ägide des Reichmarineamtes begonnen und die Mannschaft ausgewählt. 35 Die Route, die Ziele sowie die benötigten wissenschaftlichen Apparate wurden festgelegt. Auf die Schilderung weitere Details dieser Forschungsreise soll hier verzichtet werden, denn diese beschreibt von Drygalsi in seinem Rückblick aus dem Jahr 1904, die wissenschaftlichen Ergebnisse sind in der exzellenten und mit 22 Bänden ausführlichen Dokumentation von Drygalskis nachzulesen, die durch ein Wissenschaftsteam von über Hundert Polarexperten bis ins Jahr 1931 zusammengetragen wurden. 36 An keiner Stelle ist von Inbesitznahme oder auch nur einem Flaggehissen die Rede - die Expedition war eine genuine Forschungsreise mit internati-
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onalem Anspruch, aber im Kontext des Wettbewerbs. Im Gegensatz zu Expeditionen anderer Staaten war kein Offizier der Kriegsmarine an Bord.
Von territorialen Ansprüchen, die in dieser Phase auch noch von keiner Nation erhoben worden waren, ist in der Publizistik und den wissenschaftlichen Auswertungen, selbst in den Propagandaschriften im Vorfeld keine Rede, geht es doch Drygalski und den Ministerien erstrangig um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Forschung, die sich an einer Art «scramble of discovery for Antarctica« beteiligte. Die Selbstbehauptung der Nation in der Polarforschung und die Konkurrenz namentlich zu Großbritannien und den USA spielt hierbei eine entscheidende Rolle. R. A. Krause bemerkt hierzu: An die Expedition war daher durchaus die Erwartung der Bereisung größerer antarktischer Gebiete geknüpft - Deutsche und Deutschland als Mitentdecker der Antarktis! 37
Die GAUSS-Expedition erinnert an die vielen wissenschaftlichen und entdeckerischen Unternehmungen in den deutschen Kolonien und an anderen Orten der Erde; vom Kolonialdiskurs ist das Antarktisvorhaben allerdings nicht verquickt. Die staatliche Förderung für die Forschung waren enorm hoch, dienten aber - wie ein Gutachten des Auswärtigen Amtes vom März 1952 zusammenfasst - nicht der Legitimation oder Proklamierung von Ansprüchen, sondern aufwendigen und ehrgeizigen Forschungsprojekten, die aus einem nationalen Prestigedenken entstanden. Diese Expedition im Sinne einer Rechtfertigung als Versuch werten zu wollen, deutsche Ansprüche auf Teile der Antarktis zu erheben, entbehrt jeglicher Grundlage. Auch wenn man die wissenschaftlichen Leistungen als konstitutiv im völkerrechtlichen Sinne versteht, kann hier nicht von deutschen Ansprüchen gesprochen werden, denn es handelte sich nicht um ein auf die Antarktis als Territorium gerichtetes Unternehmen, sondern ein im internationalen Wettbewerb stehendes Wissenschaftsprojekt, das die Terra incognita erforschen will, gleich wo sich jene auf dem Globus noch befindet. 38
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IV. Expedition mit Problemen - die Fahrt der DEUTSCHLAND
Ist die Antarktis ein geschlossener Kontinent oder besteht sie aus mehreren Landmassen? Bis in das Jahr 1912 gab es über diese Frage und die daraus entwickelte Sund-Theorie nur Mutmaßungen; bisher waren nur Gebirgsketten in Ost- und Westantarktika benannt, eine Verbindung beider nicht bewiesen 39 . Auch das Wettrennen auf den Südpol von Amundsen und Scott im Dezember 1911 und Januar 1912 brachte in dieser Frage keine Klärung. Der bayerische Offizier Wilhelm Filchner, 40 Tibet-Forscher und mehr ein Entdeckertyp als ein erfahrener Polarforscher, bemühte sich, die deutschen Forschungen in der Antarktis fortzusetzen; er bedauerte den Stillstand der deutschen antarktischen Forschungstätigkeit. 41
Die Gesellschaft für Erdkunde in Berlin begann seit 1908 verhalten, die Vorbereitungen der Expedition zu fördern, die sich bewusst nicht als Fortsetzung der Drygalski-Fahrt verstand, weil der Münchner Polarforscher Filchners Vorhaben nicht zu unterstützen gewillt war. 42 Filchners Forschungsinteresse war ein ganz anderes und es waren völlig andere Personenkreise und Institutionen beteiligt. 43 Erste Bemühungen beim Großen Generalstab, bei General von Bertrab sowie ein Komitee unter Leitung Graf von Moltke, Filchners oberstem Dienstherren, scheiterten aber genauso wie ein Antrag beim Geheimen Civilcabinett zu Beginn des Jahres 1910. Trotz des Interesses einer Gruppe von Ministerialbeamten aus dem Kultusministerium, dem Innen- und Außenressort sowie des Geheimen Civilcabinetts, darunter auch Innenminister Clemens von Delbrück, und dem vermittelnden Bruder des Kaisers, Prinz Heinrich von Preußen, konnte eine Reichförderung nicht erreicht werden. 44 Filchner taxierte die Kosten der Expedition auf 1,4 Mio. M und betonte im Laufe der Verhandlungen die nationalstrategische Bedeutung einer solchen Expedition. Die Absage des Kaisers auf einem Diner in der Bayerischen Gesandtschaft, das extra aus Anlass der Expeditionsberatungen organisiert wurde, gab den Ausschlag - der Kaiser hörte mir wohlwollend zu, zeigte aber keine Bereitwilligkeit, das Unternehmen zu fördern 45 . Das Reichsministerium des Innern förderte die Unternehmung nur ideell und schoss keine Mittel zu, noch tags darauf fuhr Filchner in sei- ne Heimatstadt München.
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Luitpold von Bayern wurde schließlich auf Vermittlung Graf Lerchenfeld-Koeferings Schirmherr; finanzielle Mittel wurden sogar über eine Lotterie eingespielt, die in Bayern, aber auch Preußen über eine halbe Million Mark einbrachte. Auch Spenden aus Filchners Freundeskreis trugen zur Finanzierung bei. Ein Meinungsaustausch im Reichstag, der durch eine Eingabe veranlasst wurde, verlief eher negativ. Aber Filchner konnte sich immerhin darauf berufen, dass sein Vorhaben dort diskutiert worden sei. 46 Dementsprechend ist es bezeichnend, dass sich Filchner mit der Protektion des Bayern hatte zufrieden geben müssen. Während große Teile von Drygalskis Entdeckung noch heute Kaiser Wilhelm II.-Land heißen, ist der Küstenstreifen am östlichen Weddel-Meer von Filchner Prinzregent Luitpold-Land getauft worden und trägt den Namen dieses Mäzens noch heute.
Unter den Besatzungsteilnehmern war kein Vertreter von Marine oder Militär, dafür aber eine Reihe Besatzungsmitglieder von der GAUSS-Expedition. Kapitän wurde der damalige Zweite Offizier «Hapag«-Kapitän Vahsel, den Erich von Drygaslki empfohlen hatte. War Filchners Verhältnis zu ihm von Anfang an gespannt, so verschärfte sich die Situation, als das Unternehmen anstatt durch Filchner durch einen Verein finanziert werden sollte, dessen Angestellter der Expeditionsleiter nunmehr war, zudem kündigte Vahsel auf der Hinfahrt, musste wegen Ausfall des Ersatzmannes aber an Bord bleiben. 47 Filchner musste auf Wissenschaftskollegen verzichten, die sich mit dem Kapitän überworfen hatten. Im Februar 1912 kam die DEUTSCHLAND, in Hamburg polarmeertauglich umgebaut, im Zielgebiet an. Der Dritte Offizier verunglückt noch, bevor die Station Grytivken erreicht wurde. Die 34 Besatzungsmitglieder wurden dann im Einsatzgebiet von einer Springflut überrascht, so dass die Expedition vorzeitig abgebrochen werden musste. 48
Erst im Jahr 1985 publizierte Tagebuchaufzeichnungen Filchners lassen die dramatische Situation an Bord erkennen 49 ; der Leser fühlt sich an «Die Meuterei auf der Bounty« erinnert: Filchner wurde mit einer Pistole angegriffen, der Schiffsarzt stellte gleich mehrere Teilnehmer mit Beruhigungsmittel kalt, Kapitän Vahsel verlangt eine vorzeitigen Abbruch der Expedition und stirbt unter mysteriösen Umständen an Syphilis, der 3. Of- fizier kommt von einer einsamen Rudertour nicht zurück, verübt wahrscheinlich Sui-
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zid. 50 Wilhelm Filchner kehrte mit einem Dampfer der Hamburg-Südamerika-Linie von Buenos Aires zurück. Im Jahr 1914 sollte eine Expedition unter österreichischer Flagge stattfinden - allerdings ohne Filchner, der zwar auf Exkursionen mit untergebenen Führern wie auf dem Pamir reüssierte, allerdings für das Teamwork einer Polarexpedition nicht geschaffen schien. Sein Kollege Felix König hatte ihm die DEUTSCHLAND abgekauft; allerdings kam der Erste Weltkrieg dazwischen und an eine Fortsetzung der Expedition war nicht mehr zu denken - das ausgerüstete Schiff wurde von der Marine konfisziert. Wegen des Ersten Weltkriegs veröffentlichte Filchner erst Anfang der 1920er Jahre seinen Reisebericht, die Wissenschaftler der Fahrt publizierten ihre Ergebnisse in Fachjournalen. Die Antwort nach der Frage der Kontinentverbindung konnte nicht abschließend geklärt werden und blieb bis in die 1950er Jahre hinein nicht schlüssig be-antwortet. Er stellt diese Publikationen sowie die damalige Polarexpedition ins Licht des Versailler Vertrages: Noch viel wertvoller als diese wissenschaftlichen Arbeiten dünkt mich gerade in der Jetztzeit die Tatsache, dass durch die Gesamtleistung des Forschungsunternehmens unserem schwergeprüften teuren deutschen Vaterlande ein ethischer Gewinn geschaffen worden ist. Solche unblutigen moralischen Eroberungen sind gerade jetzt, nach einem von uns verlorenen Kriege besonders geeignet, anderen Nationen zu zeigen, dass Deutschland trotz allen Missgeschickes seine wissenschaftlichen Arbeiten zielbewusst fortsetzt und dass es, ebenso wie früher, bereit ist, Hand in Hand mit fremdvölkischen Kollegen und Unternehmungen an der Aufhellung unseres Erdballs mitzuwirken. 51
Von deutscher Seite wurden keinerlei Ansprüche auf die entdeckten Gebiete erhoben. Wohl aber nahmen andere Staaten Filchners Expedition als Vorstufe eines diplomatischen Engagements wahr, wie Bush in den von ihm edierten Dokumenten zur Rechtsgeschichte des sechsten Kontinents belegen kann. 52
Auch Filchner ging es um die Herausforderungen der wissenschaftlichen Probleme, um den Ehrgeiz des Forschers und Entdeckers. Obwohl zum Zeitpunkt der Publikation seines Buches Ansprüche Großbritanniens in der Antarktis angemeldet waren, geht der Autor nicht darauf ein. Von deutschen Besitzansprüchen ist dementsprechend im Jahr
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1922 noch keine Rede - vielmehr geht es Filchner um die Gleichwertigkeit Deutsch-lands im Konzert der Nationen, die sich an der Antarktisforschung beteiligen.
In der Tat hatte er ein freundschaftliches Verhältnis zu Polarforschern wie Scott, Nordenskjöld und Shackleton. Dennoch kann nichts darüber hinwegtäuschen, dass die Expedition Filchners vor allem auf dem Gebiet der Meteorologie und Ozeanographie erfolgreich, insgesamt und unter politischen Vorzeichen betrachtet, aber ein Misserfolg war, der nicht zur späteren Glorifizierung Anlass geben haben dürfte. 53 Nicht zuletzt die Erfahrungen aus der problematischen Finanzierung und Durchführung waren die Ursache dafür, dass in den nächsten 15 Jahren, die zudem unter dem Eindruck von Krieg, Revolution und den Weimarer Verhältnissen standen, keine deutsche Expedition ausgerüstet wurde - es fand sich zudem kein monarchischer Mäzen. Kaiser Wilhelm II. äusserte sich im Jahr 1913 zu Filchners ergeben zugestellten Abschlussbericht gegenüber seinem Staatsminister im Kultusministerium August von Trott zu Solz: Die Expedition Filchner’s hat die großen Pläne nicht verwirklicht, welche ihrem Leiter vorschwebten, [...] das habe ich ihm seinerzeit vorausgesagt. 54
V. By the virtue of discovery - Der völkerrechtliche Modus der Besitzergreifung
und die Versailles-Frage aus deutscher Perspektive des Jahres 1938/9
Wie nimmt man ein Stück Land in Besitz, das unbewohnbar ist? Wie verteidigt man Hoheitsrechte in einem Territorium, das nicht zu verteidigen - vielmehr noch - scheinbar wertlos ist? 55 Im Rahmen der Berliner Afrika-Konferenz im Jahr 1890 wurde geregelt, dass die völkerrechtliche Besitzergreifung von Territorium nicht durch das Hissen von Flaggen oder andere symbolische Handlungen vor Ort vollzogen werden können, sondern dass es diplomatischer Verhandlungen und bi- sowie multilateraler Verträge bedarf, um auf ein Gebiet völkerrechtlich abgesicherte Ansprüche erheben zu können.
Die Antarktis-Expedition der SCHWABENLAND im Jahr 1938/39 und die in deren Rahmen durchgeführten symbolischen Handlungen koinzidierten mit der Publikation eines Aufsatzes, der die Frage erörtert, ob Besitzansprüche des Deutschen Reiches an der Antarktis mit § 118 des Versailler Vertrages vereinbar seien, welcher dem Deutschen
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Reich Kolonialbesitz und andere Anspruchsrechte versagte; 56 der Beitrag in der «Zeitschrift für öffentliches Recht und Völkerrecht« die vom Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) herausgegeben wurde, gibt gleichzeitig einen profunden und ausführlichen Überblick über die Rechtsverhältnisse in der Antarktis aus deutscher Sicht. Die Gutachten des Jahres 1952 nehmen auf ihn wiederholt Bezug, stellt er doch den aktuellsten deutschen juristischen Beitrag zur Antarktis-Thematik dar. Ausgangspunkte sind die Beanspruchung eines Teiles der Antarktis durch Norwegen sowie ein Aufsatz in «Foreign Policy«, in dem die Rechtslage in der Antarktis aus amerikanischer Sicht erörtert wird:
D. H. Miller skizziert die britischen und französischen Ansprüche in chronologischer und territorialer Ordnung. Dem Argument der Briten a British title exists already by the virtue of discovery wird durch den Autor nicht widersprochen. Dass aber Forschermeriten und das Markieren von Territorium, noch nicht einmal das offizielle Anmelden von Ansprüchen ausreichte, um bilateral und international eine Anerkennung zu bewirken, zeigen die französischen Ansprüche, die auch wegen Streitigkeiten um Bezeichnungen und geographische Präzision vom Londoner Aussenministerium nicht anerkannt wurden. Müller stellt fest, dass sich die beanspruchten Sektoren bis zum Südpol erstreckten und gleichsam willkürlich abgezirkelte Sektoren darstellten. Als Motive der Ansprüche der beiden Staaten werden Walfang und andere Fischereiinteressen erwähnt; das Thema der Fangquoten und das drohende Aussterben der Tiere war bereits in den 1920er Jahren ein greifbares Problem: Miller fordert ein rigid administration, if certain mariene species become distinct - ein internationales Komitee unter M. Suarez sei bereits eingesetzt worden. Er fasst die Rechtssituation in der Antarktis unter dem Aspekt der internationalen Zusammenarbeit zusammen: Political rigts in the Antarctic are much less complicated and much less important than those in the Arctic. […] In no part of the globe are claims to sovereignty over land areas as little apparent consequence as in the Antarctic; it’s protection from exploitation is a matter of interest to mankind generally. From this view alone the Antarctic is part of the problem of international cooperation”. 57
Der Beitrag der deutschen Juristen aus dem Jahr 1938 greift lediglich bestimmte Teile dieser Argumentation auf: die Autoren postulieren, dass etwaige deutsche Besitzforde-
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rungen nicht durch den Versailler Vertrag tangiert seien, da es sich in diesem Fall nicht um das Reaktivieren alter, sondern vielmehr um die Proklamation neuer Ansprüche handele, deren Rechtmäßigkeit durch die deutsche Forschungstätigkeit gegeben sei. 58 Schon Erich von Drygalski hatte in einem Beitrag zu einem bebilderten Atlas, der auch die Antarktis behandelt, gefordert, dass Deutsche Ansprüche, die auf Grund seiner Entdeckungen in der West- wie in der Ost-Antarktis erhoben werden können, sollen durch die Bestimmungen der Art. 118 im Verrag von Versailles aufgehoben sein, doch sind sie darin gar nicht erwähnt. 59
Konkreter Anlass zu einer derart ausführlichen deutschen völkerrechtlichen Stellungnahme mag die sich abzeichnende Ansprucherhebung Norwegens am 14. Januar 1939 gewesen sein, die fünf Tage vor Ankunft des deutschen Schiffes SCHWABENLAND in der Antarktis verlautbart wurde. Die Note der norwegischen Botschaft wurde durch den Reichsaussenminister nicht ohne weiteres anerkannt. 60 Als Argumente für einen berechtigten Zweifel der Reichsstellen führen die Juristen zwei Punkte an: Erstens sei Norwegen beim Abwurf deutscher Hoheitszeichen aus der Luft nicht eingeschritten und habe somit gezeigt, dass es seine Rechte nicht durchsetzten könne. Zweitens weise die völkerrechtliche Argumentation der Norweger einen Bruch auf: Habe man noch in den Jahren 1928 und 1931 darauf hingewiesen, dass Flaggen keine Rechtsverbindlichkeit hätten, sei dies im Jahre 1939 als Argument eingesetzt worden. Einen zeitweiligen Konflikt mit Großbritannien um die Insel Bouvet wurde durch Norwegen schnell ausgeräumt; die Autoren fanden es allerdings erstaunlich, dass die Briten trotz der älteren Rechte diese Insel an Norwegen abgegeben hätten - Folge eines «Antarktis-Kartells«. Forschungstätigkeit wird in den Kommuniques nicht erwähnt und wurde von den Norwegern als Argument angeblich sogar zurückgewiesen. In den frühen 1930er Jahren habe man allein durch Notenaustausch mit einigen ausgewählten Ländern die Rechte etabliert. 61 Mit der Beanspruchung des Königin-Maud-Landes, das sich teilweise mit Neuschwabenland deckt, habe die Norwegische Regierung mit ihren Prinzipien gebrochen, Großbritannien schaue tatenlos zu, befinde sich vielmehr sogar im regen Noten- austausch mit den Norwegern - deutsche Informationsinteressen sei ignoriert worden. 62
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Hier nun eine kurze tabellarische Übersicht der staatlichen Interessen, wobei eindeutige Beanspruchungszeitpunkte nicht immer eindeutig auszumachen sind und oft das Handeln von Individuen als staatlich legitimiert angesehen wird: 63
Seit dem Jahr 1908 hat sich schrittweise ein System der Aufteilung der Antarktis und der Beanspruchung von Souveränitätsrechten etabliert, das auf dem bi- und multilateralen Notenaustausch basierte; dabei wurden die jeweils als für das eigene Interesse relevant erachteten Staaten informiert. Die Deutschen fühlten sich bei diesen Notenwechseln übergangen und versuchen andere formalisiertere Verfahren zu postulieren, die dem eigenen Interesse besser dienen sollten.
Neben einer detaillierten Nachzeichnung analysieren die beiden Kaiser-Wilhelm- Institutsmitarbeiter Schmitz und Friede die verschiedenen Strategien einer Anspruchs-
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begründung und ordnen das Verhalten der in der Antarktis engagierten Staaten in eine Typologie ein. 80 Interessanterweise werden die Argumentationsmuster im Jahre 1952 wieder vermischt, die Forschung und wissenschaftlichen Leistungen einerseits als ho-heitsfundierend akzeptiert, das symbolische Prinzip aber verworfen. In den 1950er Jahren schien der internationale Kompromiss und die Sektorenaufteilung als probates Mittel akzeptiert worden zu sein. In Anlehnung an völkerrechtliche Gutachten wurden im Jahr 1939 folgende Argumentationsfiguren unterschieden und in ihrer juristischen Validität bewertet:
1. Der erste denkbare Erwerbstitel auf gleichsam herrenloses Land, der nicht nur auf innerstaatlichen Rechtsvorgängen beruhe, sei die effektive Okkupation. 81 Diese vollziehe sich durch (militärische) Inbesitznahme und verlangte die perpetuierte Aufrechterhaltung des Rechtsstatus durch Vertreter staatlicher Institutionen vor Ort, die diese Rechte ausübten. Die sporadische Entsendung sowie die Kontrolle der Seegewässer reiche nicht aus, um eine kontinuierliche Herrschaft zu etablieren. Einer Notifikation durch andere Staaten bedürfe ein solcher Akt nicht. Die Autoren resümieren, dass kein Staat die Voraussetzungen für diesen Erwerbstitel erfülle, da auf Grund der klimatischen Situation keine nachhaltige Ausübung der Hoheitsrechte zu gewährleisten sei. Auch Hoheitsanmaßungen wie das von Großbritannien vergebene Recht auf Bergbau und Walfang seien kein Zeichen von vor Ort praktizierter Herrschaft.
2. Erwerbstitel, die durch Entdeckung begründet würden, wiesen - wie auch die Fachliteratur zeige - keine ausreichende juristische Absicherung auf. Die Ableitung von Herrschaftsrechten durch Forschungsleistungen ist zum Zeitpunkt der Publikation des Aufsatzes von Fritz und Friede als - außer im Rhetorischennicht legitim oder international akzeptiert. Allerdings berge ein inchoate titel eine Art Vorgriffsrecht oder Anwartschaft von Staatsangehörigen eines Landes auf eine spätere Erwerbung mit ergänzender Legitimation. Nach Verstreichen einer angemessenen Frist verfielen diese Rechte. Im Bewusstsein um die fehlende Definition der Angemessenheit, resümieren die Autoren, dass Entdeckungs- und Forschungsleistungen keine rechtliche Folgen hätten. Zudem wird die Frage aufgeworfen, wie Forschungsleistungen bewertet werden sollten - was
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Holger Reiner Stunz, 2008, Walfisch, Wissenschaft, Wettbewerb - Die deutschen Ansprüche auf Teile der Antarktis, München, GRIN Verlag GmbH
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