Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Truffaut und die Adaptionsproblematik 3
3 Fahrenheit 451 6
3.1 Von der Idee zum Drehbuch 6
3.2 Die filmische Umsetzung 8
3.3 Der Don Quijote Mythos im Film 13
4 Fazit 17
Literatur 19
II
1 Einleitung
Literaturadaptionen haben eine lange Tradition in der Geschichte des Films. Bereits 1896 gab es Filmmotive nach Goethes Faust von Louis Lumi` ere und ein Jahr sp¨ ater von Georges M´ eli` es. Diesen, freilich noch nicht als Literaturadaption zu bezeichnenden Beispielen, folgten zu Beginn des folgenden Jahr-hunderts Versuche, den Film von seinen ” popul¨ aren bis vulg¨ aren Urspr¨ ungen
(Jahrmarkt, Vari´ et` e)“ 1 zu befreien und einen k¨ unstlerischen Anspruch zu verleihen. Mit Vorlagen aus Theater und Literatur sollte der Film der breiten Mittelschicht zug¨ anglich gemacht werden. Man erhoffte sich das Prestige der literarischen Vorlage und im Falle von Weltliteratur, den Autor als Aush¨ angeschild f¨ ur den eigenen Film.
Dieses, wohl auch von lukrativen Interessen geleitete Vorgehen, impliziert eine fr¨ uhe Bewertung des Films gegen¨ uber den alten K¨ unsten, Theater und Literatur und setzte eine, insbesondere in Frankreich, hitzig und kontrovers gef¨ uhrte Debatte ¨ uber das Wesen der Literaturadaption oder allgemeiner der Adaption, sowie der Emanzipation des Films als eigenst¨ andige Kunst, in Gang.
Begreift man die Adaption, spezieller die Literaturadaption als ” Abl¨ osung des Zeichensystems ‘literarischer Text’ durch das neue Zeichensystem ‘Film’“ 2 , so wird schnell klar, welche Freiheitsgrade dem Adaptor bzw. Dreh-buchautor zur Verf¨ ugung stehen und welche Konflikte bei diesem Transformationsprozess auftreten k¨ onnen.
Im Laufe der Zeit haben sich so viele nationale und auch gesellschaftlich beeinflusste Vorgehensweisen entwickelt. Insbesondere in Frankreich herrschte bis in die 60er Jahre das Paradigma der ‘Werktreue’ vor, welches zum Ziel
1 Albersmeier, Franz-Josef: Literaturverfilmungen, Frankfurt am Main 1989, S.24 [1]
2 Albersmeier, Franz-Josef; 1989, S.12 [1]
1
hatte, die literarische Vorlage m¨ oglichst genau und vor allem im Geiste des Autors umzusetzen.
Ein Paradigmenwechsel erfolgte erst durch die Arbeiten der Gruppe um die Cahiers du cin´ ema. Anstelle einer genauen Umsetzung sollte der Film vor allem als eigenst¨ andiges Werk zur Geltung kommen. Der Film sollte keine starre 1:1 Kopie sein, sondern Bilder, Vorstellungen und auch Interpretationen des Drehbuchautors bzw. Regisseurs enthalten. Herauszuheben ist hier vor allem die Arbeit Fran¸ cois Truffauts, der bereits 1954 in seinem Artikel Eine gewisse Tendenz im franz¨ osischen Film 3 , welcher in der legend¨ aren Ausgabe Nr. 31 der Cahiers du cin´ ema erschien, die Adaptionspraktiken des in Frankreich bekannten Autoren-Duos Aurenche-Bost sehr polemisch kritisierte. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es nun, die Ansichten Truffauts zur Adaptionsproblematik genauer zu beleuchten und sie auch im Kontext der Nouvelle Vague zu platzieren. Hierzu soll zun¨ achst der oben erw¨ ahnte Aufsatz auf seine Kernaussagen hin ¨ uberpr¨ uft und die sp¨ atere Umsetzung durch den Regisseur und Adaptor Fran¸ cois Truffaut genauer betrachtet werden. Exemplarisch soll hierf¨ ur der Film Fahrenheit 451 aus dem Jahr 1966, sowie die gleichnamige Vorlage von Ray Bradbury 4 aus dem Jahr 1953 betrachtet werden. Nach Jules und Jim handelt es sich hierbei wohl um die bekannteste Literaturadaption Truffauts, welche insbesondere signifikante Unterschiede zur Vorlage aufweist und deshalb f¨ ur eine weitergehende Untersuchung bestens geeignet ist.
3 Originaltitel: Une certaine tendance du cin´ ema fran¸ caise
4 Ray Douglas Bradbury (*22. August 1920 in Waukegan/Illinois) ist ein USamerikanischer Schriftsteller und Drehbuchautor, zu dessen Schwerpunkten Science-
Fiction, Horror und Phantastik z¨ ahlen. Er hat bis heute ¨ uber 30 B¨ ucher und nahezu
600 Kurzgeschichten ver¨ offentlicht.
2
2 Truffaut und die Adaptionsproblematik
Bereits in seinem ersten Langfilm, Les Quatre Cents Coups (1959), zeigte sich die Liebe Truffauts zur Literatur. Nicht zuf¨ allig errichtete dort sein Alter Ego, Antoin Doinel, einen Altar zu Ehren von Balzac 5 , um diesem f¨ ur ein tiefgreifendes Erlebnis durch seine B¨ ucher zu danken. - Die Auseinandersetzung mit der Literatur und insbesondere der Literaturadaption begann bei Truffaut jedoch viel fr¨ uher. So beinhaltete sein Artikel, Eine gewisse Tendenz im franz¨ osischen Film aus dem Jahr 1952 (ver¨ offentlicht 1954), bereits eine Kritik an den ¨ uberkommenen Praktiken der Literaturadaption. Diese machte er auch mitverantwortlich f¨ ur die Tradition de la qualit´ e, dessen Abl¨ osung zum Leitgedanken der Nouvelle Vague wurde.
Im Zentrum seiner Kritik stand vor allem die Adaption literarischer Werke durch das Autorenteam Jean Aurenche und Pierre Bost. Laut Truffaut haben die beiden Autoren das Prinzip der Werktreue, durch das Prinzip der ¨ Aquivalenz und damit die wortgetreue Umsetzung, durch die Umsetzung im Geiste des Autors ersetzt. Im Detail bedeutet dies, dass Szenen, die f¨ ur nicht drehbar gehalten wurden, einfach durch ¨ aquivalente Szenen ersetzt wurden. Hauptkritikpunkte waren, dass von den Adaptoren einfach bestimmt wurde, welche Szenen nun drehbar sind und welche nicht. Weiterhin hielt er es f¨ ur nur sehr schwer m¨ oglich so unterschiedliche Vorlagen, wie die, die von Aurenche und Bost adaptiert wurden, auch wirklich im Geiste des Autors umschreiben zu k¨ onnen.
So legte Truffaut in seinem Artikel auch detailliert dar, wie das Autorenteam den Geist der Vorlage systematisch verf¨ alschte und das Drehbuch nach Belieben mit blasphemischen und sexuellen Versatzst¨ ucken anreicherte. Fol-
5 Honor´e Balzac (*20. Mai 1799 in Tours; †18. August 1850 in Paris) war ein franz¨ osischer Schriftsteller.
3
gendes Zitat, aus dem bereits erw¨ ahnten Artikel, res¨ umiert noch einmal die Ergebnisse seiner Untersuchung.
In ihrem Geist [Aurenche, Bost] enth¨ alt jede Geschichte die Fi-”
guren A, B, C, D. Innerhalb dieser Gleichung organisiert sich alles nach Kriterien, die ihnen allein [...] bekannt sind. Die Bettgeschichten spielen sich nach einer wohlkonzentrierten Symmetrie ab, Personen verschwinden, andere werden erfunden, das Drehbuch entfernt sich immer mehr vom Original, um zu einem formlosen, aber brillanten Ganzen zu werden. Ein neuer Film h¨ alt Schritt f¨ ur Schritt Einzug in die Tradition der Qualit¨ at.“ 6
In dieser Aussage spiegelt sich auch die Kritik daran, dass die literarischen Vorlagen selbst wieder von Literaten, wie eben Aurenche und Bost adaptiert wurden. Truffaut wirft ihnen damit auch vor, Probleme, die eigentlich das Bild betreffen, auf der Ebene des Dialogs l¨ osen zu wollen. Dieser Mangel an Vertrauen in die Mittel und M¨ oglichkeiten des Films, f¨ uhre so schließlich zu den ausgekl¨ ugelten Einstellungen und komplizierten Beleuchtungseffekten ganz in der Tradition der Qualit¨ at.
Nachdem nun die Kritik Truffauts an den Praktiken der Literaturadaption erl¨ autert wurde, ist es nat¨ urlich um so interessanter herauszufinden, welches Vorgehen er f¨ ur die Adaption literarischer Werke vorschl¨ agt. Im bereits erw¨ ahnten Artikel f¨ uhrt er als musterg¨ ultiges Beispiel Robert Bresson mit der Adaption des Romans Journal d’un cur´ e de campagne von Georges Bernanos 7 an. Bresson habe aus der Vorlage ein eigenst¨ andiges Werk gemacht, indem
6 Truffaut, Fran¸ cois: Eine Gewisse Tendenz im franz¨ osischen Kino, in: Fran¸ cois Truffaut
- Die Lust am Sehen, Herausgegeben und aus dem Franz¨ osischen ¨ Ubersetzt von Robert
Fischer, Frankfurt am Main 1999, S.303 [2]
7 Georges Bernanos (*20. Februar 1888 in Paris, †5. Juli 1948 in Neuilly-sur-Seine) war ein franz¨ osischer Schriftsteller
4
Arbeit zitieren:
Tobias Immke, 2008, Die Adaption des Romans Fahrenheit 451 von Ray Bradbury durch Francois Truffaut, München, GRIN Verlag GmbH
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