1 Einleitung
Das Gedicht Aetna, das in der vorliegenden Arbeit behandelt wird, ist ein Teil der sogenannten Appendix Vergiliana, einer Sammlung kleinerer, unter dem Namen Vergils zusammengefaßter Gedichte, die zuerst von Joseph Scaliger 1573 mit diesem Namen bezeichnet wurde. Neben Aetna gehören dazu noch die Gedichte Catalepton, Dirae, Ciris, Culex, Copa und Moretum, die teils als vergilisch und Jugendwerke Vergils gelten, teils aber später zu datieren sind und von anderen, nicht eindeutig zu bestimmenden Autoren verfaßt wurden. Aetna gehört recht eindeutig in die zweite der eben genannten Gruppen. Die älteste und wohl auch die entscheidene Quelle, die über die Echtheit des Gedichtes Zweifel aufkommen ließ und auch immer noch läßt, ist die Donat-Vita Vergils, die auf Sueton zurückgeht: scripsit etiam de qua ambigitur Aetnam. Neben vielen Interpretationen hinsichtlich der Metrik, des Stils und der Sprache, hinsichtlich des Verhältnisses zu anderen Werken und der Anspielungen auf andere Autoren oder auf Zeitgeschehnisse und den damit verbundenen Theorien, in welcher Zeit und von welchem Autor dieses Gedicht verfaßt sein könnte, gibt es zwei ziemlich zuverlässige termini, die die Entstehungszeit des Gedichtes relativ einleuchtend abgrenzen können: Zunächst läßt sich als terminus post quem das Jahr 62 n. Chr. bestimmen, da Seneca zu diesem Zeitpunkt an den jüngeren Lucilius die Epistel LXXIX schrieb, in der er seinen Freund aufforderte, eine Ekphrasis über den Aetna zu verfassen, und betonte, daß es über den Aetna schon einige loci in den Werken Vergils, Ovids und Cornelius Servius' gebe. Jedoch erwähnt er kein vollständiges Gedicht über den Aetna. Und gerade dieses Verschweigen Senecas eines ganzen Gedichtes über den Aetna an dieser Stelle und zu diesem Zeitpunkt läßt darauf schließen, daß es Aetna noch nicht gab, als Seneca diese Epistel schrieb.
Als terminus ante quem wird das Jahr des Vesuvausbruches 79 n. Chr. festgehalten, was damit begründet wird, daß der Autor bei seiner Erwähnung des Vesuv in den Versen 431ff. sicherlich dieses aufregende Ereignis - gerade bei einem Lehrgedicht über Vulkanmechanismen - nicht ausgelassen hätte. Ja, er sagt an dieser Stelle sogar: testisque
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Neapolin inter et Cumas locus est, multis iam frigidus annis. Somit ist Aetna vermutlich zwischen 62 und 79 n. Chr. entstanden.
Über den Verfasser ist man sich ebenfalls unklar, über die Jahrhunderte hinweg bot man neben Vergil, der jedoch - wie schon gesagt - schon zu Suetons Zeiten angezweifelt wurde, Cornelius Severus, der jüngere Lucilius, Petron und Manilius an, wobei auch heute noch der entscheidene Beweis zu fehlen scheint, der Schwerpunkt auf keinem dieser Autoren liegt und man inzwischen einfach vom incertus auctor spricht. Erschwert, wenn nicht sogar begründet ist die Unklarheit über Abfassungszeit und Verfasser durch die überaus schlechte Überlieferung des Gedichtes, was eine eindeutige Übersetzung oder auch den Sinn einiger Passagen äußerst schwierig und fragwürdig macht.
2 Kurze Inhaltsübersicht von Aetna
Das Lehrgedicht Aetna befaßt sich mit dem Vulkanmechanismus. Eingeleitet wird es durch ein verhältnismäßig langes Prooemium, das die ersten 93 Verse des 646 Verse langen Gedichtes umfaßt, also knapp ein Siebtel des gesamten Gedichtes. Nach der ersten Themenangabe, einem Anruf an Phoebus und die Musen und die Bitte um Hilfe in den Versen eins bis acht folgt in den Versen neun bis 28 eine erneute Themenangabe und damit verbunden die Ablehnung alter Dichterthemen. Bis zum Ende des Prooemiums legt der Dichter die altbekannten, mythologischen Erklärungen, wie der Aetna entstanden sei und wieso er ausbreche, dar und lehnt sie ab.
Über die Verse 94 bis 218 erstreckt sich der erste große Hauptteil, der zu widerlegen sucht, daß die Erde kompakt sei, und beweisen will, daß sie hohl und von Erdhöhlen durchzogen sei (V. 94-117). In den Versen 117 bis 157 werden dafür Beweise vorgelegt, die auf der Existenz von Flüssen, Erdsenken und Höhlen beruhen. In den folgenden Versen bis 174 wird sodann die Behauptung abgewehrt, daß der Vulkanismus seine Ursachen in der Erdoberfläche habe. Denn unter der Erde entstehe durch die Komprimierung von
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unterirdischen Winden die Kraft, die Vulkanausbrüche verursache. Die Verse 175 bis 218 sollen dann anhand des Aetna diese Thesen beweisen und den Aetna als Vulkan vorstellen. Im Anschluß daran folgt das Versprechen auf einen nächsten Hauptteil, nämlich die Beschäftigung mit den Winden, dem Feuer und den Ursachen des plötzlichen Einhaltens der Vulkanaktivität (V. 219-223), wobei letzteres erst in den Versen 367ff. besprochen wird. Stattdessen bestehen die Verse 224 bis 282 aus einem Exkurs, der später noch genauer betrachtet werden wird.
In den Versen 283 bis 385 beschäftigt sich der Autor mit den sogenannten unterirdischen Winden, die die Vulkanausbrüchen verursachen sollen. Er löst also sein Versprechen von vorher ein. Von Vers 386 bis Vers 565 werden das Feuer und die brennbaren Materialen in der Erde behandelt, insbesondere die Lava.
Die Verse 569 bis 646 bilden den Abschluß des Aetna-Gedichtes, wobei bis Vers 603 die "falschen Wunder" beschrieben werden, denen die Menschen Glauben und Aufmerksamkeit schenken, woraufhin bis zum Schluß die Sage von den fratres pii das Gedicht abrundet, einer Anekdote aus Sizilien, die von zwei Brüder und deren ehrenvollen Verhalten während eines Aetnaausbruches handelt. 3 Interpretation
3.1. Die Verse 1-28
Die Verse eins bis 28 sind Teil des Prooemiums, das, wie zuvor kurz angesprochen, bis Vers 93 reicht und somit ungewöhnlich lang ist. Im einzelnen läßt sich das Prooemium bis Vers 28 wie folgt aufteilen: Die ersten vier Verse umfassen die Inhaltsangabe des gesamten Gedichtes, der Autor nennt hier die Hauptthemen, die er behandeln will: Aetna (V. 1) [...] ignes (V. 1) [...] causae (V. 2) [...] quid fremat [...] , quid [...] torqueat (V. 3). Genau diese angesprochenen Punkte lassen sich später im Gedicht wiederfinden, wenn auch in einer etwas anderen Reihenfolge. Der Aetna wird in den Versen 175 bis 218 beschrieben, dem Feuer und dem Brennmaterial widmet der Autor ganze 182 Verse, nämlich Vers 386 bis 568. Die causae und die beiden darauf folgenden, mit quid eingeleiteten, indirekten Fragesätze werden in den Kapiteln über die Erdhöhlen (V. 94-
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174) und über die unterirdischen Winde (V. 283-386) beantwortet, da die Hohlheit der Erde und die unterirdischen Winde, die unter der Erde riesige Kräfte erzeugen, die Ursachen für Vulkanausbrüche sein sollen - nach der Kenntnis und dem Verständnis des Verfassers.
Auffällig ist hierbei insbesondere die Betonung des Aetna, das durch ein weites Hyperbaton erst wieder durch carmen erit in Vers vier aufgenommen wird, durch die Anfangsposition im ersten Vers und damit im Gedicht überhaupt, woraus man folgern könnte, daß dieser Vulkan mit seiner Beschaffenheit einen Großteil des Gedichtes beanspruche, was aber gar nicht der Fall ist. Denn nur 43 Verse seines Werkes widmet der Autor dem Aetna, er beschäftigt sich vielmehr mit den Vulkanmechanismen im Allgemeinen und führt dann schließlich den Aetna im ersten Drittel des Gedichtes als eine Art Beweis dafür an.
Im Vergleich zu den Prooemien anderer Epen (z.B. der Aeneis) steht das Hauptthema zudem im Nominativ, Aetna, und nicht wie beispielsweise Arma (Aen. 1,1) im Akkusativ, wodurch Aetna ebenfalls betont wird.
Karl Büchner merkt zu dem Prooemium des Aetna außerdem an, daß hier eine Widmung völlig fehle, was für ein Lehrgedicht "besonders überraschend" sei. Dies deutet Büchner als ein Zeichen von Selbständigkeit des Verfassers.
Doch eventuell hatte der Verfasser des Aetna einfach keinen Kontakt zu irgendeinem Herrscher oder zu irgendeinen bekannten Person, der er hätte sein Werk widmen können. Er war keiner der bekannten Autoren. Auch so könnte man die fehlende Widmung erklären.
Stilistisch bleibt noch anzumerken, daß Aetna und ignes in Vers eins durch Anfangs- und Schlußstellung chiastisch angeordnet sind, die darauf folgenden drei indirekten Fragesätze, eingeleitet durch quae [...], quid [...], quid [...], parallel, indem das Prädikat jeweils in der Mitte jedes Satzes steht und eine Polyptoton bzw. ein Anapher in Form der drei Fragepronomen zu finden ist, wobei causae ebenfalls stark betont wird durch die Schlußstellung und durch das Hyperbaton.
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Der Einleitungsatz schließt in Vers 4 mit carmen erit, von dem die vorangegangenen indirekten Fragesätze abhängig sind. Durch das Satzende wird metrisch die Trithemimeres in diesem Vers verstärkt.
Die Verse vier ab dexter bis acht umfassen den Anruf und die Bitte um Hilfe an den carminis auctor und an die Pierio [...] a fonte sorores. Der carminis auctor wird in Vers 8 wieder aufgenommen und noch genauer definiert: Phoebo duce. Der Autor bittet demnach den Anführer der Musen Apollo, mit dem gebräuchlichen Epitheton Phoebus umschrieben, und die Musen selbst, hier als sorores bezeichnet, um Unterstützung.
Schwierigkeiten, die auf der schon angesprochenen schlechten Überlieferung beruhen, bereiten allen Kommentatoren die Verse fünf und sechs, in denen vier heilige Orte, durch die Anapher seu verbunden, genannt werden und die alle mit dem kurz zuvor erwähnten Apollo in Verbindung gebracht werden sollen. Die erste Ungereimtheit besteht darin, daß Cynthos, ein Berg auf Delos und Delos, die Geburtsstätte und Kultstätte Apollos, zwar geographische dasselbe meinen, doch auf dem Cynthos war vermutlich kein Tempel oder ähnliches für Apollo. Vielleicht muß man Cynthos einfach als Synekdoche für Delos annehmen, dann ergebe der Satz wieder einen Sinn. Hyla, ein Ort auf Zypern, galt ebenfalls als heilige Stätte Apollos. Sehr problematisch durch die korrupte Überlieferung hingegen ist das Dodona in Vers 6. Eigentlich wird damit für gewöhnlich ein Gebirgsstück im Epirus mit einem uralten Zeusorakel bezeichnet, was hier im Zusammenhang mit dem Apollokult überhaupt keinen Sinn ergebe.
Mit diesen Versen könnte nun gemeint sein, daß der Dichter sich Unterstützung erhoffe von Apollo, wobei es ihm gleich sei, ob der Gott auf dem Cynthos, in Hyla, auf Delos oder in Dodona verweile, weil nur der Gott selbst und seine Unterstützung zählen. Als nächstes ruft der Dichter die Musen mit der Antonomasie Pierio a fonte sorores an. Die Pieria ist eine Landschaft in Makedonien nordöstlich vom Olymp und gilt als Heimat des Orpheus und als Lieblingssitz der Musen.
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Arbeit zitieren:
Wiebke Timm, 1996, Interpretation des Gedichtes "Aetna" (V. 1-28; 219-273), München, GRIN Verlag GmbH
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am Tuesday, June 05, 2007-