Im politischen Denken der Antike wurde dem Einzelnen innerhalb der jeweiligen Poliseiner doch sehr idealisierten Umwelt 1 - eine vergleichsweise aktive Rolle zugewiesen. 2 Neben ihrer beruflichen Tätigkeit stellte die politische Partizipation ein Konstitutivum im Stadtstaat dar - sei es in Form von Mitwirkung an Gesetzen, Fragen der Ausgestaltung der Verfassung oder Abstimmungen über die Besetzung politischer Ämter. Aristoteles (384-322) charakterisierte dementsprechend den Menschen als ein von Natur aus politisches Wesen, der allerdings im Umkehrschluss über eine relativ begrenzte private Sphäre verfügte - zumal seine individuelle Stellung gegenüber der Gemeinschaft eher schwach war. 3 In der aristotelischen Tradition wurden zwei Formen unterschieden, wie sich der Einzelnegleichwohl nicht jeder - in „Übereinstimmung mit sich selbst und [seinen] Mitbürgern“ 4 zum Wohle des Gemeinwesens einbringen konnte. 5 Das Betreiben der theoretischen Wissenschaften, bspw. der Philosophie, war allein auf das Erkennen der objektiven Wahrheit ausgelegt, wobei der menschliche Geist hier keinerlei Schranken unterworfen war. 6 Dies stellte das konstitutive Element für das Ausüben der praktischen Disziplinen Politik und Ethik dar, dessen Ergebnis in rechtmäßigem wie ethisch-moralischem Handeln zum Nutzen der anderen - und somit des Gemeinwesens - bestand. 7 Dank des vorherigen Prozesses der Erkenntnisgewinnung ließ sich ebendieses als richtig oder falsch klassifizieren -erkenntnistheoretische Reflexion über das Sein - vita contemplativa 8 - ermöglichte die Erarbeitung von konkret-normativen Handlungsanweisungen und Richtlinien das Sollen - die vita activa. 9 Das gute und edle Leben innerhalb des Gemeinwesens um seiner selbst willen anzustreben war Ausdruck tugendhaften Handelns. Ebendieses sah Aristoteles jedoch nicht
1 Vgl. Weber-Schäfer, S. 51.
2 Als ein Ergebnis der Arbeit kann hier schon vorweg genommen werden, dass dies nach Meinung des Autors nur möglich ist, da der nicht tugendhafte Mensch mehr als Ausnahme, denn als Regel gilt, vgl. Weber-Schäfer, S. 45.
3 Vgl. hierzu Hartmann u. a., S. 17-19 sowie Weber-Schäfer, S. 37 und Demandt, S. 229.
4 Weber-Schäfer, S. 43.
5 Zur Polis als der „Aktualität der menschlichen Natur und [..] Verwirklichung des menschlichen Seinkönnens“ vgl. Münkler: Machiavelli, S. 118 sowie Weber-Schäfer, S. 46.
6 Vgl. hierzu und im Folgenden Hartmann u. a., S. 26-32 sowie Rapp, S. 14.
7 Vgl. Weber-Schäfer, S. 41. Dies stellte zudem den bedeutendsten Schritt hin zum guten und edlen Leben dar, s. dazu auch Rapp, S. 18. Hierzu auch Münkler: Machiavelli, S. 117.
8 In der „Betätigung des vernünftigen Seelenteils“ besteht vollkommenes Glück, da es Muße bedeutet und der Mensch es ohne Erschöpfung betreiben konnte, vgl. Rapp, S. 35 sowie Nikomachische Ethik X,7. Da dies einerseits aber nicht für jeden erreichbar war und zum anderen auch der glücklichste Mensch in den äußeren Verhältnissen seiner Polis lebte, konzediert Aristoteles ein quasi zweitbestes politisches Leben, vgl. Nikomachische Ethik I,3. Hier musste die Vernunft Charakter und Emotionen anleiten. Vgl. hierzu auch die gegenüber Rapp relativierende Sichtweise in Münkler: Machiavelli, S. 120 und Anm. 77.
9 Zur Notwendigkeit der gesteuerten und praktizierten Vernunft vgl. auch Rapp, S. 22. 10 Vgl. hierzu auch Weber-Schäfer, S. 38 und 44/45. Nicht tugendhafte, also falsche Charakterzüge seien nur schwer revidierbar, dazu Rapp, S. 52.
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sah, tätiges Leben jedoch als präventive Maßnahme erachtete, Körper und Seele vor Lastern zu bewahren. Das zumindest latent permanent vorhandene Risiko, mit dem persönlichen Engagement zu scheitern und die damit verbundene Resignation war eine bedeutende Einflussgröße in dem ambivalenten Verhältnis gegenüber der Politik. 19 Mit dem schwindenden Gottvertrauen zum Ende des Mittelalters wuchs die Bedeutung und Furcht vor der fortuna - politische Entwicklungen sah man zunehmend ihr bestimmt, weshalb der Verweis auf das Schicksal „zu einem Argument für den Rückzug ins Private“ 20 wurde. Die nun in der Renaissance beginnende Rückbesinnung auf die Antike war genauso wie das Infragestellen des theologischen Weltbildes Ausdruck der obsolet gewordenen universalen Ordnungsmodelle des Mittelalters. 21 Das neue anthropozentrische Weltbild negierte die teleologische Betrachtung und sah vielmehr die individuelle menschliche Einflussnahme als wesentliche Determinante in der Geschichte. 22
Die ökonomische Dynamik des 13. und 14. Jahrhunderts 23 ließ ein Bürgertum entstehen, dem die humanistischen Bildungsideen als Ausgangspunkt kulturellen und politischen Selbstbewusstseins dienen sollten. 24 Reichtum avancierte neben der humanistischen Bildung zu einem zentralen Selektionskriterium der politisch-kulturellen Eliten in der bürgerlich-demokratischen Gesellschaft. 25
Hatten sich die oberen Schichten erst einmal durch politisches Engagement die Möglichkeit geschaffen, ihren Reichtum überhaupt zu generieren, 26 lag ihnen das Wohl des Gemeinwesens
19 Ebd., S. 563. Im Verlauf der Krise der Renaissance tendierten die Humanisten zunehmend zur vita contemplativa, vgl. Münkler: Machiavelli, S. 231/233. Zu der nur begrenzt sinnvollen „Substantialisierung von [diesen] Denkströmungen“ in der Literatur vgl. ebd., S. 32 und 118 sowie Münkler: Pipers Handbuch, Bd. 2, S. 553.
20 Münkler: Machiavelli, S. 300. Dazu auch Diesner: Die politische Welt, S. 11.
21 Vgl. Münkler: Pipers Handbuch, Bd. 3, S. 23-28 sowie Münkler: Machiavelli, S. 19-61 und 101-105.
22 Zur Ablösung der Ontologie als Basis politischer Ordnung vgl. Münkler: Im Namen des Staates, S. 19 und 146. Zum neuen Geschichtsverständnis der Renaissance, insbesondere bei Machiavelli vgl. Münkler: Machiavelli, S. 243-262, Gilbert, S. 53 sowie Münkler: Niccolò Machiavelli, S. 24-26.
23 Die Betrachtung der sozioökonomischen Wandlungsprozesse um 1400 in Europa als auch deren Auswirkungen auf die Denkstrukturen der Menschen sind für die vorliegende Betrachtung unabdingbar, vgl. Münkler: Im Namen des Staates, S. 144/145.
24 Vgl. Münkler: Pipers Handbuch, Bd. 2, S. 560. Zur Bedeutung der Absenz ebendieses Bürgertums in Florenz Ende des 15. Jhdts., zumal im Kontext des von Machiavelli perzipierten dekadenten Verfalls s. Münkler: Machiavelli, S. 61. Neben der Idee der renovatio - vgl. Rehm, S. 53/54 - war die wichtigste politische Implikation des Humanismus die erneute Frage nach vita activa oder vita contemplativa.
25 Vgl. Münkler: Machiavelli, S. 31. Zur erwähnten Ausdifferenzierung des Bürgertums im Zuge der Entwicklung des Handelskapitalismus s. auch Münkler: Niccolò Machiavelli; S. 18/19
26 Dazu bedurfte es auch und vor allem der Gunst der alten Oligarchenfamilien, vgl. Münkler: Im Namen des Staates, S. 148.
27 Günther: Discorsi I,37: „…wie viel die Menschen Besitz als Ehren schätzen.“ Dazu auch Münkler: Im Namen des Staates, S. 149. Ein Beispiel hierzu bietet Münkler: Machiavelli, S. 230. Auch verweist Münkler darauf, dass im Grunde nur die Oberschichten die Möglichkeit hatten, sich zwischen vita activa und vita contemplativa zu entscheiden. Erstere bedeutete im Zuge dekadenter gesellschaftlicher Entwicklungen jedoch zunehmend Gefahr für Existenz und Besitz. Hierin lag das Movens der grandi für die Bevorzugung von Ruhe und Sicherheit. Aus dieser Entwicklung absehbar war die Umdeutung des Freiheitsbegriffes bei
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Norbert Hanisch, 2006, Konstruktive Selbstreflexion oder destruktive Abstinenz - vita contemplativa bei Aristoteles und Machiavelli sowie ihre Relevanz für das politische Gemeinwesen, München, GRIN Verlag GmbH
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